Horst Janssen - Henning Albrecht - E-Book

Horst Janssen E-Book

Henning Albrecht

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Beschreibung

«Er hinterlässt ein so gewaltiges und bizarres, auch wortgewaltiges Œuvre, dass zwei Leben zu je 65 Jahren dazu kaum ausgereicht hätten», schreibt Rudolf Augstein, als Horst Janssen am 31. August 1995 an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt. Heute gilt Janssen als einer der bedeutendsten Zeichner und Graphiker des 20. Jahrhunderts. Er war exzentrisch, egoman und exzessiv; sein Alkoholkonsum und seine gelegentlichen Gewaltausbrüche waren berüchtigt, sein Liebesleben lieferte Stoff für unzählige Geschichten. Henning Albrecht legt nun, nach mehr als fünf Jahren Recherche, die erste umfassende Biographie des Ausnahmekünstlers vor. Sie zeichnet das Porträt eines ewigen Kindes, das vaterlos aufwächst, die Mutter früh verliert und sich immer nach Geborgenheit sehnt, ohne zu wissen, welches Gefühl sich hinter dem Wort verbirgt. Eines Mannes, der überzeugt ist, etwas Besonderes zu sein, und doch von Angst getrieben; der darum ringt, sich der eigenen Herkunft zu vergewissern und in Traditionen zu verorten, gerade als Künstler. Richtig ankommen wird er nie unter den Menschen. Doch Albrecht zeigt auch, dass der Bürgerschreck Janssen ein großer Spieler war, der Masken und Irreführungen liebte und die Kunst der Vermummung nicht weniger virtuos beherrschte als Bleistift und Radiernadel.

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Seitenzahl: 1148

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Henning Albrecht

Horst Janssen

Ein Leben

 

 

 

Über dieses Buch

«Er hinterlässt ein so gewaltiges und bizarres, auch wortgewaltiges Œuvre, dass zwei Leben zu je 65 Jahren dazu kaum ausgereicht hätten», schreibt Rudolf Augstein, als Horst Janssen am 31. August 1995 an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt. Heute gilt Janssen als einer der bedeutendsten Zeichner und Graphiker des 20. Jahrhunderts. Er war exzentrisch, egoman und exzessiv; sein Alkoholkonsum und seine gelegentlichen Gewaltausbrüche waren berüchtigt, sein Liebesleben lieferte Stoff für unzählige Geschichten.

Henning Albrecht legt nun, nach mehr als fünf Jahren Recherche, die erste umfassende Biographie des Ausnahmekünstlers vor. Sie zeichnet das Porträt eines ewigen Kindes, das vaterlos aufwächst, die Mutter früh verliert und sich immer nach Geborgenheit sehnt, ohne zu wissen, welches Gefühl sich hinter dem Wort verbirgt. Eines Mannes, der überzeugt ist, etwas Besonderes zu sein, und doch von Angst getrieben; der darum ringt, sich der eigenen Herkunft zu vergewissern und in Traditionen zu verorten, gerade als Künstler. Richtig ankommen wird er nie unter den Menschen. Doch Albrecht zeigt auch, dass der Bürgerschreck Janssen ein großer Spieler war, der Masken und Irreführungen liebte und die Kunst der Vermummung nicht weniger virtuos beherrschte als Bleistift und Radiernadel.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2016

Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung: Anzinger|Wüschner|Rasp, München

Umschlagabbildung: Thomas Höpker/Magnum Photos/Agentur Focus

Foto des Autors: Manfred Witt

ISBN 978-3-644-04191-2

 

 

Alle Seitenangaben beziehen sich auf die Seitenzahlen der Printausgabe

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Abbildung

Bilder – bevor die Erzählung beginnt

Teil I Eros, Tod und Maske – Kinderjahre

Lerchenstraße Nr. 14. Eine Recherche

Jungmann Janssen

Am liebsten allein sein, nie mehr allein sein

Teil II Ego

Tantchen

Karneval

Der Pudel

Ein neuer Freund

Judith

Dessauer

Teil III Frauenbildnisse

Marie

Paul

Zwei, eng umschlungen

Ein Eisbein, bitte, für Dr. Schmied

Ein paar Enden mehr

Pan, weiblich

Die Kopie

Auf Reisen

Der Andere

Meine Hölle bin ich selber

Zeichne dich selbst, dann zeichnet dich Gott

Teil IV Meisterjahre

Der Molch in Aufruhr

Elste B.

Der Zaun

November

Jener herrliche Damm, den wir errichten

Vriederich

Teil V Freunde und andere

Am Hof des Klausners

Ein Stundenhotel auf zwei Beinen

Angeber Icks

Wörterei

Biographie

Ein altes Herz kaspert

Der unzeitige Gast

Janssen

Tafelteile

Teil Eins

Teil Zwei

Teil Drei

Teil Vier

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Dank

Zitierte Film- und Tondokumente

Zitierte Literatur

Personenregister

Bildnachweise

Für Hellmut Kinzel

Svanshall – Bleistift, 1970

Bilder – bevor die Erzählung beginnt

So verschieden ich erscheine, ein Einziger bin ich – COMANINI, «Der Vertumnus des Arcimboldi»

 

Warum, um Gottes willen, wollt ihr wissen, was die Menschlichkeit eines Künstlers ist (…). Warum haltet ihr euch nicht an das formulierte Leben? Es ist das einzige, was ich und meinesgleichen zu liefern haben. (…) Und ihr schlurft dauernd (…) nach dem individuellen Leben desjenigen, der über sich selbst hinaus für andere formuliert. Ihr seid wirklich Parasiten.[1]

Im Dezember 1965 erscheint im «Spiegel» ein Artikel, der Horst Janssen für sein Leben zeichnen wird. «Zwei Zentner Talent» prangt über dem Text, der ihn zum enfant terrible der Hamburger Gesellschaft stempelt: zum aufregend-unterhaltsamen Sonderling, zu einer Gestalt, wie man sie hätte erfinden müssen, wäre sie nicht ach so real. Egoman, ständig betrunken und ganz der Kunst ergeben; Erotiker und Weiberheld (wenn auch leider gewalttätig), voller Verachtung für die bürgerliche Welt; der seine Werke zu kleinen Preisen verschleudert, doch dank seiner Ehefrau (der Enkelin des wilhelminischen Reichskanzlers von Bethmann Hollweg) in einer Neun-Zimmer-Wohnung residiert; der angeblich verhindert, dass seine Blätter außerhalb Hamburgs bekannt werden, aus Scheu vor publicity – was ihn ja nur noch interessanter macht; der per Taxi zu Ausstellungseröffnungen an entfernte Orte reist und dort in Pyjama und Bademantel randaliert.[2] Eine Figur, wie geschaffen für die Schaulust des Publikums, ein Mann, der nahezu alle Künstler-Klischees erfüllt, die Kunstinteressierten seit der Romantik ins Herz gewachsen sind. «Ein Genie zur Abwechslung» ist denn auch zeitgleich ein Artikel über ihn in der «Zeit» überschrieben.

Ein Genie – endlich wieder.

Schon zu Beginn seiner Karriere prägen Kunstkritiker und Journalisten Stereotype, die Horst Janssen ein Leben lang verfolgen sollen. Von Anfang an sind sie Wortklappen, mit denen das Unverstandene und beängstigend Andersartige erledigt wird, ewig wiederholt aus Bequemlichkeit und dem Wunsch, Wiedererkennbares zu schildern, dabei gleichgültig gegen die Fakten, aber offen für jedes Gerücht.

Denn stets interessiert mehr die Person, das Leben und Auftreten als das Werk. Janssen, den man als eine Art Kunst-Clown gern ins Haus kommen lässt zwecks Belebung des Gesprächs: Die Hamburger Gesellschaft hat seine Ausfälle von jeher geduldet, herbeigesehnt, befördert und sich am Ende lustvoll am Skandal geweidet – am Lieblingsmonster der Hansestadt, an ihrem einen großen Künstler. Der hat im Gegenzug seiner Umwelt wieder und wieder Beschränktheit vorgehalten («Eure Bildung ist Eigentumsbildung»)[3] – er, der verehrte Paria und Eremit; der Mann für die Schlagzeilen, der Weltberühmte, den außerhalb Hamburgs kaum jemand kannte; der Kunststar, der den Kunstzirkus nur verachtete; der richtig Geld verdiente und es erbarmungslos zum Fenster hinauswarf in seinem kleinen Kutscherhäuschen im teuersten Stadtteil; der bekennende Provinzler in der Möchtegernmetropole: der Kerl, in dem wirklich einmal eine «unergründliche Schöpferlaune» Feuer und Wasser zusammengebracht hatte.[4] Er, der lebende Widerspruch.

Von 1965 an scheiden sich die Geister an ihm. Die einen erblicken einen handwerklichen Meister (keinen der neumodischen Formverweigerer, Nichtskönner, Ideenkünstler), einen Typus, wie er in den folgenden Jahren rar wird. Von ihm kommen keine Happenings, keine Fettecken und Filzdecken, keine unübersehbaren Großformate, keine Flugzeuge aus Blei und Bilder auf dem Kopf, keine Holzplastiken mit der Kettensäge.[5] Janssen wird vor allem erfolgreich bei jenen, die den Weg der Intellektualisierung, Konzeptualisierung und Politisierung der Kunst nicht mitgehen wollen, all jenen, die die forttreibende Reflexion über den ästhetischen Prozess und dessen Ironisierung und Selbstuntergrabung mehr und mehr ermüdet. Nicht bei den «Kunstexperten», sondern bei den Menschen, die die zeitgenössische Kunst in ihrer steten «Modernisierung» (ihren zwanghaft wechselnden Moden) verliert; bei denen, die gegenständliche Kunst suchen, die kein Kitsch ist und mit Hingabe geschaffen wurde. Aus Sicht der «Fortschrittlichen» hingegen wird Janssen zum Liebling eines «denkfaulen», «bürgerlichen», ästhetisch konservativen Publikums.[6]

Und die Rache der Kritiker kommt prompt, ist umfassend und nachhaltig: Dafür, dass er nicht dem Progressivismus huldigt, seine Zeichen- und Radierkunst mit keinem Ideenwerk umgibt, partout für nichts stehen will und überdies alle naslang gegen den Kunstbetrieb polemisiert, heften sie ihm Etiketten an, die ihm bis heute schaden: überholt, konsumierbar, Eklektizist, Kopist, Traditionalist, Reaktionär. Insbesondere aber stoßen sie sich an seinem Erfolg, daran, dass Janssens Kunst in ungezählten WGs und Arztpraxen, Lehrer- und Wohnzimmern, Anwaltskanzleien und Dienststuben, Schalterhallen und Banken, Reisebüros, Sozialwohnungen und Villen hängt, ob als Original, als Poster oder Kalender, und von den späten siebziger Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts aus ihnen im Grunde nicht wegzudenken ist.[7] Seither haftet Janssen der Geruch des Dekorativen an. Und dann war er ja auch nur ein Graphiker, gar kein richtiger Maler … Der Hass der «rheinischen Kunstmafia» (Janssen) klebt noch immer an ihm wie Pech. Janssen spielt keine Rolle.

Dabei erscheint seine Kritik am Markt heute zeitgemäßer denn je, da der Irrwitz des globalen Kunst-Investments Monat für Monat neue Gipfel erklimmt. Hier simulieren wir die reine Marktwirtschaft, in einer Arena des Habenwollens und Zahlenkönnens. Und allein in der Popkultur löst sich das große Versprechen der Moderne noch ein, dass wirklich jeder etwas werden kann – ein Hybrid aus Industrie und Spielplatz: der Inbegriff unserer Gegenwart.

All das ist alt, alt, alt – und liest sich wie der Wirtschaftsteil der Zeitung. Der Entwicklung einer marktgängigen, mit dem Diskurs verknüpfbaren Idee folgen – Fabrikate: die gleichförmige Exekution eines Konzepts, in leichter Variation. Erkennbarkeit, Marktwert, Erfolgsstrategie. Spürbar sind Kreative am Werk. Die Netzwerke, das Großschreiben, die Inthronisierung immer neuer Akteure – die Kunst-Börse. Kurse und Konjunkturen. Und Rendite. Das Ergebnis: Dekorationen im Zeitgeist, dafür oder dagegen. Öltapeten für den Kapitalismus, wandfüllend und bunt. Objekte für die Kinderzimmer einer infantilisierten Gesellschaft. Großinstallationen wie Spielplätze. Und Bildschirme – mit loops. Jeder kriegt die Kunst, die er verdient. Dazu Fälscherwerkstätten und von den Bedürfnissen des Markts diktierte Expertisen. Nur gut, dass die Kunst sich bereits von sich selbst abgewandt hat.

All das hat Janssen gesehen und mit Witz und spielerischer Leichtigkeit kritisiert, wenn auch nicht ohne Bitterkeit. Und er hat die reine Lust seines Auges dagegengesetzt.

Kaum ein bildender Künstler der Nachkriegszeit wurde dabei in Deutschland so intensiv von den Medien begleitet wie er. Anfangs hat Janssen sich noch gegen die Klischees gewehrt, die man ihm zuschrieb, dann hat er sie nach Kräften ignoriert oder begonnen, mit ihnen zu spielen – von früh an hat er sein Publikum mit Selbstdeutungen versorgt, in Hunderten von Selbstbildnissen und einem tagebuchartigen Werk. Und kaum einer hat «nebenher» ein literarisches Werk hinterlassen, das in vergleichbarem Umfang so tiefe Einblicke in die eigene Kunst und Biographie gibt. Man konnte Janssen förmlich beim Leben und Arbeiten über die Schulter schauen.

Doch sosehr Janssen auch suggeriert, er gebe dem Betrachter sein Leben an die Hand, das Gegenteil ist der Fall. Denn zugleich verstellt er den Blick auf sich durch die Fülle der gewährten «Einblicke», die er immer wieder umgestaltet wie in einem Kaleidoskop. Es wäre darum naiv, wollte man Janssens Äußerungen über sich selbst einfach übernehmen.[8] Nicht nur war er ein Imaginator und Pointenerfinder ersten Ranges, jemand, der vor allem unterhalten wollte, der jede Geschichte noch schöner machte und seine Anekdoten variierte, ein Erzähler also; «Wahrheit» überhaupt war Janssen egal – das Streben danach schien ihm von vornherein vergeblich und bloß ermüdend. Er hatte keinen Willen zur Wahrheit, denn er setzte keine Hoffnung in sie. Und er hat oft bewusst und mit Lust die Unwahrheit gesagt, es jedoch stets verstanden, seinen Fiktionen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Nicht nur Bilder, ganze Maler hat er erfunden. Den Holländer Bartholomäusz van Berghuizen den Älteren etwa (1585–1650), dessen Werke er angeblich kopierte, hat es nie gegeben – Kunsthistoriker sind der Legende aufgesessen. Vorträge hat er gehalten, ohne auch nur einen Schimmer von der Sache zu haben. Wilhelm Busch legte er Nietzsche-Zitate in den Mund, und niemand merkte es: ein Fest für den Schulabbrecher mit seiner Ehrfurcht vor «gebildeten Leuten».[9]

Janssen war weder an biographischer Selbsterforschung interessiert noch daran, irgendjemandem Rechenschaft abzulegen. Schon ein flüchtiger Blick auf seine Selbstbildnisse lehrt, dass er Masken, Rollen und Irreführungen liebte und so virtuos beherrschte wie Bleistift und Radiernadel. Er war ein Spieler, ein Schauspieler, «ein einfallsreicher Regisseur seiner selbst», der nie vergaß, dass er auf einer Bühne stand.[10]

Was ferner sein Erinnerungsvermögen betrifft, stammt von ihm der Aphorismus: «Die Hauptquelle meines Vergnügens ist mein schlechtes Gedächtnis: Es erinnert die geringsten Details einer Situation, die ich nie erlebt habe.» Doch auch das ist eine falsche Fährte. Janssens Gedächtnis gilt vielen, die ihn erlebt haben, als exzellent, ja geradezu phantastisch.[11] Andererseits: Janssen war lebenslang schwerer Alkoholiker. Erinnerungslücken treten da häufig auf und wachsen mit den Jahren. Oft werden sie von den Betroffenen dann mit Geschichten gefüllt – was gerade Janssen leichtfiel.

Widersprüchlich und undurchdringlich – man hat Horst Janssen mit einem Dschungel verglichen: «Jeder kennt ihn. Keiner kennt ihn.»[12] Nimmt man alles zusammen, die Scheinauthentizität seiner Werke, seine wechselnden biographischen Selbstentwürfe, seinen spielerischen Umgang mit der eigenen Arbeit und deren verschiedenen Phasen,[13] so meint man manchmal, ausgerechnet der «ästhetische Reaktionär» habe bereits ein postmodernes Spiel gespielt mit Fakten, Glaubwürdigkeitsökonomien und dem Bildungshintergrund des Publikums, mit dessen Wissen und Wissenslücken.

Also doch eine Analyse dieses Mannes, der sich vor Publikum nach außen gestülpt hat wie einen Handschuh, der sich immer wieder auf offener Bühne zerlegt und neu zusammengesetzt hat und über den wir scheinbar alles wissen; dieses eigentümlichen Künstlers, der da ist und zugleich nicht da ist – der eigentlich unentdeckt vor uns liegt, teils durch unser Desinteresse, teils durch seine eigenen Vertuschungen. Weitgehend unbekannt geblieben ist bis heute auch der Schriftsteller Janssen. Zahlreich sind die Zitate in diesem Buch nicht nur der Anschaulichkeit halber, sondern auch um ihn zur Geltung zu bringen.

Alles Intime, jeden Abgrund in sich hat Janssen dabei selbst in Bild und Text so aufgeblättert, dass nicht mehr das Geringste zu enthüllen ist.[14] Die Vorstellung einer kohärenten Ganzheit des Subjekts und seiner Lebensentwürfe allerdings ist der Biographik inzwischen fragwürdig geworden – der Anspruch darauf war es schon immer, und gerade Janssen hat ihn von sich gewiesen und die Widersprüche in sich verteidigt. Was also bleibt, sind Bilder; und der Versuch, wesentliche Züge zu treffen. Ein «gewörtertes» Porträt – aus Umrisslinien und einigen Lagen Strichen, doch mit Narben und Warzen und allem. Mit etwas mehr Licht auf den verschatteten Partien; und etwas weniger auf den gern allzu grell ausgeleuchteten.

Was gleichfalls bleibt, ist das Phänomen Janssen. Die Begegnung mit ihm klingt in vielen Menschen nach als die Begegnung ihres Lebens. Über sechzig Zeitzeugen konnten für dieses Buch noch befragt werden: Mitschüler aus der Napola, der Kunstschule, sämtliche Lebensgefährtinnen (bis auf Bettina Sartorius, die früh verstorben ist), Freunde. Das über Dutzende Privatarchive verstreute Material ausfindig zu machen und Informationen über Janssens Kindheit und Jugend zu sammeln, war regelrechte Ermittlungsarbeit: Personenrecherchen bei öffentlichen Stellen, über das Internet und zahllose Telefonate ins Ungewisse, bis das, der oder die Gesuchte gefunden war. Aus Aberhunderten Briefen, Janssens Tagebüchern, Steuerpapieren und ärztlichen Blutanalysen wurden so die Einzelheiten für ein neues Bild von ihm zusammengetragen – selbst wenn sie in entlegenen Villen Hamburger Rotlichtgrößen zu finden waren. Oder auf Tonbändern von Janssens Telefonaten, die in den sechziger Jahren heimlich mitgeschnitten wurden – von einer Bekannten in der frühen Überzeugung, sie der Nachwelt bewahren zu müssen. Für uns sind sie heute wie eine Tür direkt in den Alltag des Künstlers.

Janssen war ein charismatischer Kopfverdreher, eine Staunen erregende Existenz, die sich in einem maßlosen Werk austobte, unentwegt redend, schreibend, zeichnend. «Genie» und «Monstrum» hat Rudolf Augstein ihn genannt.

Ein Genie?

Nein, kein Genie.

Ein Monstrum?

Nein, kein Monstrum.

Nur fast.

Selbst ein nüchterner Mann wie Joachim Fest, in dem Janssen über Jahre seinen engsten, ja einzigen Freund sah, fand in zahllosen Gesprächen nicht heraus, wer ihm da eigentlich gegenübersaß. Am Ende blieb Janssen für ihn «ein Mensch, wie ihn keine Phantasie erdenken konnte»: «Immer wie aufgeladen (…), scharfsinnig und wundersam einfallsreich, konnte er seine Kunst der Bezauberung gegenüber allen entfalten, auf deren Freundschaft oder Liebe er es abgesehen hatte. (…) Niemals jedoch war man ganz sicher, daß die Stimmung nicht in verwirrend plötzlichem Wechsel kippte und er eine Roheit und Brutalität offenbarte, die jedermann die Sprache verschlug (…), und es gab Leute, die seine Gegenwart mieden, weil sie die hektisch flackernde Aura nicht ertrugen (…). Nie hat sich mir ohne Rest erschlossen, wie und warum er (…) soviel auszehrende Macht über Menschen und Gemüter gewann.»[15]

«Ich habe nie einen vergleichbaren Menschen getroffen», lautet auch das Fazit von Wieland Schmied: «Er stand lichterloh in Flammen.»

«Horst Janssen sass auf einem Pferd, das er nicht bändigen konnte, das Pferd genannt Genie ging mit ihm durch. Das kommt nur einmal alle hundert Jahre vor, was immer er auch mit Bleistift und Pinsel berührte, erhielt den Ritterschlag des Meisterwerkes. (…). Er war ein Geleiteter. Von wem? Es wird einem unheimlich zumute. Da ist eine Kraft, ein perfekter Energiestrom aus Horst Janssen unaufhaltsam herausgequollen. Da kommt kein Sterblicher mit …» So hat Friedensreich Hundertwasser versucht, das Rätsel in Worte zu fassen.[16]

Nur drei Stimmen, von drei sehr verschiedenen Menschen.

Am Ende finden wir in Janssen doch – es ist ein Klischee und doch eben keines – einen artiste maudit, verflucht und begnadet zugleich.[17] Und ein genialisches, schreckliches Kind; einen sozialen Kretin und einen der größten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts.

 

Hamburg, Dezember 2015

Lieber Dr. S[chmied], es ist mir nahezu unmöglich, es nicht zu hassen, am Vormittag um 11 Uhr nach meiner Identität gefragt zu werden, wie es Ihnen vermutlich unmöglich ist, diese Befragung zu verschieben. Nehmen Sie also bitte meinen Personalausweis Nr. 416657, ausgestellt in der Bundesrepublik Deutschland, und dies: Ich bin in Hamburg geboren, nach Oldenburg gefahren, um nach 15 Jahren wieder nach Hamburg zurückzukommen, wo ich die Kunstschule besuchte, solange man es duldete. Danach hab ich gezeichnet, bis heute, und Fett angesetzt.

Könnten Sie aber bis heute abend (…) mit Ihrer Befragung warten, bis diese verdammte Sonne weg ist und ich nicht mehr so ganz und gar nüchtern bin – dann würde ich sagen: Meine patriotische Mutter wünschte sich, in Berlin niederzukommen. Aber ich war außerordentlich unpünktlich, und sie verlor die Geduld. So wurde ich AUF DER DURCHREISE GEBOREN. Kaum, daß ich im gröbsten trocken war, ging es weiter nach Oldenburg zu Oma und Opa. Oldenburg – Kleinstadt – Garnison – und Stadt der Hengstkörung. Opa war Schneider, von der Art, die noch mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tisch saß, neben dem Flickenhaufen, mit Sonnenflecken im Gesicht und Elefantenei unterm Tisch zum Aufbügeln der Herrenmäntel. Die Werkstatt wurde mit einem Torfofen geheizt und war mit Modellbögen gänzlich tapeziert: Vergilbte Herren in Maßanzügen mit und ohne Windhund. Ein dunkler langer Flur, Spieluhr, morgens Geruch von Ofenputzmittel aus der Küche, wo es um 11 Uhr Pfannkuchen gab, aus dem Opa sich die Speckgrieben rausfummelte, um sie den Spatzen zu bringen, irgendwo hinterm Haus, wo er auch sein Wasser ließ. Und auf dem Pferdemarkt exerzierten die Soldaten. Sie sehen: Oldenburg war meine Kindheit. Mit eigenem Kürbisbeet, mit Rolf Strehle, mit der Ratte in dem Loch unterm Fußrost vor der Haustür, mit Café Bohlmann am Sonntag, mit den Streichhölzern, die nach dem Platzregen im Rinnstein den Gullis entgegenschwammen, mit den belgischen Kaltblütern vom Kohlenhändler Tappken und mit den Soldatenträumen, die immer plötzlich endeten, wenn es rief: Reinkommen! Essen! So war Oldenburg.

Bis Opa starb und gleich darauf meine Mutter. Dann kam ich auf die Napola, wo ich erzogen wurde, und danach auf die Kunstschule in Hamburg, wo ich wieder vergaß, daß ich erzogen worden war, was zur Folge hatte, daß ich nicht solange Student sein konnte, wie ich wohl wollte. (…) Und dann kam die Liebe, die mich, bevor noch recht erblüht, stehenden Fußes ins Gefängnis brachte (…). Ich fuhr nach Aschaffenburg zu Guido Dessauer, einem Katholiken von außerordentlicher Noblesse. Sein Schwiegervater, eine Exzellenz von Keller, war um 1900 Botschafter in vieler europäischer Herren Länder, aus denen er einen ganzen Frack voll Frühstücksorden mitgebracht hatte, die ich in Öl malte nebst Porträt des Erwähnten.

Und dann zurück nach Hamburg, wo es regnet, wo in der kleinen Johannesstraße die Notare zwitschern, wo sich die alten Damen von Harvestehude in ihren Stiefeln spiegeln, wo Ingrid im Ballhaus Jahnke sitzt und wartet, wo man nicht über Kunst zu reden braucht, na, wenn Sie so wollen: Wo die Dampfer tuten. Bis heute.

 

Horst Janssen, Ich, 1965

Teil IEros, Tod und Maske – Kinderjahre

Lerchenstraße Nr. 14. Eine Recherche

Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich – ROBERT WALSER

Wie sie ihn getroffen hat, wissen wir nicht. Ein Foto dieser Jahre zeigt einen bartlosen, schlanken Mann, aufrecht, etwas eckig, mit Mittelscheitel, Einstecktuch und energischem Gang: Schneidigkeit und der Versuch von Eleganz. Entschwunden ist der Mann mit der Aktenmappe, Gerhard Karl Bauder, ein flüchtiges Element. Und doch hätte ohne ihn diese Geschichte keinen Anfang.

Im Ersten Weltkrieg war er Leutnant in einem Württembergischen Grenadier-Regiment und empfing das Ritterkreuz des Militärverdienstordens; nach dem Krieg arbeitet er als Kaufmann, vielleicht als Handlungsreisender wie mancher ehemalige Offizier, der sich nach dem großen Krieg in diesem Beruf durchschindet.

Wie sie dann zueinander finden, in Oldenburg, im Februar 1929, die Schneiderin Martha und der drei Jahre jüngere, charmante Schwabe,[1] wir werden es nicht mehr erfahren – vielleicht im Café Bohlmann, wo sie sonntags oft zu Gast ist, vielleicht bei einer Promenade im Schlossgarten. 1926 ist Bauder erstmals an die Hunte gezogen, danach aber hat er seinen Wohnort noch mehrfach verlegt, erst nach Sachsen, später nach Stuttgart. Ob durch die Arbeit bedingt oder auf der Flucht vor persönlichen Problemen? Im März 1929 kehrt er nach Oldenburg zurück und arbeitet für die Firma Zabel in Hamburg, danach ist er eine Weile selbständig, bevor er in Bremen bei Siemens und Schuckert anfängt, einer der großen Firmen in der Elektrobranche. In Oldenburg zieht er innerhalb von sechs Monaten dreimal um, dann geht er nach Delmenhorst.

Doch er hat Verbindungen nach Oldenburg. Seine Frau stammt von dort. Am Neujahrstag 1929 hat sie ihm sein erstes Kind geboren – unehelich. Heiraten wird er sie erst Ende Februar.[2] Und just um diese Zeit, wahrscheinlich kurz vor der Hochzeit, trifft er Martha Janßen und schwängert sie.[3] Das Kind ist ein Versehen.

Kaum mehr als ein Name: Gerhard Karl Bauder, Janssens Vater. Für seinen unehelichen Sohn hat er sich nie interessiert.

Als die Schneiderin ihren Zustand bemerkt, entschließt sie sich, ihre Schwangerschaft geheim zu halten. Denn einen Mann zu ihrem Kind, wie es sich gehört, hat sie nicht. Und so lernt dieses seinen lebenslangen Begleiter schon im Mutterleib kennen: Die Angst wird sein Zwilling.

Marthas Familie bemerkt nichts. 36 Jahre alt wird sie bei der Geburt sein, es ist ihre erste. Für damalige Verhältnisse ist sie ein mehr als «spätes Mädchen». Als die Zeit heran ist, flieht sie aus der Stadt, denn die Schande eines unehelichen Kindes will sie vor ihrer Familie verbergen.[4]

Ihr «einziger Sohn und Bastard» (Janssen über Janssen) wird später behaupten, seine Mutter habe sich auf den Weg in die Reichshauptstadt Berlin gemacht, und auch sein martialisch-modischer Vorname Horst sei auf Marthas nationalistische Anwandlungen zurückzuführen.[5] Nur aus Versehen, weil verfrüht, sei er dann in Hamburg zur Welt gekommen. Aber das ist eine von Janssens biographischen Legenden – Legenden, die mehr über ihn selbst aussagen als über das Geschehen, in diesem Fall über sein zwiespältiges Verhältnis zur Mutter. Vielleicht sind sie auch lediglich der Versuch des Sohnes, den eigenen zeitlebens stilisierten Größenwahn schon ihr anzudichten und als erblich auszugeben. In einer Variante des Mythos über die Herkunft seines Vornamens heißt es denn auch schlicht: «Als man sich aufregte, daß Martha für mich (…) den Namen ‹Horst› orderte (…), da antwortete sie (…): ‹Der Junge soll Horst heißen, damit er gehorchen lernt!!›»[6]

Wahrscheinlicher ist, dass die schwangere Schneiderstochter nur die Anonymität einer Großstadt sucht, fern von Oldenburg. Beim Amt meldet sie sich jedenfalls ganz ordnungsgemäß nach «Hamburg-Wandsbeck» ab. Nicht zufällig also, und auch nicht «auf der Durchreise», wie Janssen gerne wollte, weil das so schön klang, wurde er am 14. November 1929 morgens um sieben Uhr in Wandsbek geboren.[7] Und damit auch nicht in Hamburg, wie überall zu lesen. Erst acht Jahre später, unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, wird der Vorort per Gesetz jener benachbarten Großstadt einverleibt, in der Janssen später leben sollte.

Über die Geburt ihres Sohns informiert die Behörden dann die Klinik-Oberin Ida Wiechmann aus der Neumann-Reichardt-Straße 11 – laut Adressbuch residiert dort eine Privatklinik.[8] Unklar, warum Marthas Wahl gerade auf dieses Haus fällt. Ziemlich sicher jedoch ist, dass sie das Kind dort in andere Hände geben will – vielleicht durch Adoption, vielleicht baut sie darauf, dass Bauder sich darum kümmern wird[9], um dann in ihr früheres Leben zurückzukehren, als wäre nichts geschehen. In den ungelenken Abschiedsversen, die sie am 30. November in der Klinik zurücklässt, heißt es: «Getrösteten Herzens verlass ich nun das Haus / der Herr Doktor mir teilt den Laufpass aus // Leider muss ich verlassen den Bub / doch er ist aufgehoben in der Klinik sehr gut.»[10]

Irgendwann in den folgenden Wochen aber ereilt sie eine Aufwallung entgegengesetzter Natur, kommen Bedenken, Fürsorge- oder Pflichtgefühl. Sie überlegt es sich anders und nimmt das Kind zu sich. Bis Ende Januar bleibt Martha in Wandsbek. Dann kehrt die junge unglückliche Mutter schweren Herzens mit ihrem Sohn nach Oldenburg zurück, in vertraute Umgebung – wenn auch nicht in den «Schoß der Familie». Da sie keine rechte Idee hat, wie es weitergehen soll, verbirgt sie sich mit dem Kleinen in ihrem Schneider-Atelier in der Bergstraße, unweit des Staatstheaters.[11]

Ein halbes Jahr geht das gut. Aber was heißt «gut»? Das Kinderbett steht in einem Kabuff hinterm Vorhang. Angst und Scham erlebt Martha jedes Mal, wenn das Kind schreit. Wahrscheinlich wird sie in ihrer Not versucht haben, es, so gut es eben ging, daran zu hindern; wird es oft auch einfach allein lassen; wird Kunden gegenüber Lügen ersinnen, um die Geräusche im Hintergrund zu erklären; wird das Kind nur versorgen, wenn es eben passt; wird es so behandeln, als sei es nicht das ihre. Und wenn die Eltern wissen, dass ihre Tochter zurück in der Stadt ist, wo schläft die junge Mutter dieses halbe Jahr lang dann? Im Atelier oder bei den Eltern? Wenn sie zu ihnen geht, bleibt das Kind über Nacht allein. Vielleicht spürt Martha sogar Erleichterung, als eine Gemeindeschwester auf das Geschrei aufmerksam wird, das Kind entdeckt und die Eltern informiert. Die finden zu ihrem Entsetzen das hilflose, unerwünschte Mitbringsel.

«Ick knüpp mi up» – «ich häng mich auf» sind die ersten Worte, die von Marthas Vater zu seinem Enkel überliefert sind.[12] Entsetzen, Gezeter und Tränen seinetwegen, das alles gehört zu den ersten Erfahrungen in seinem Leben – ein eiskalter Hauch, vom Mutterleib an: das Gefühl, ungewollt zu sein; und dass andere sich für ihn schämen.

Die Großeltern nehmen das Kind zu sich; die Tochter hingegen darf erst ein halbes Jahr später folgen. Vielleicht aus Groll, möglich auch, dass dies rechtliche Gründe hat, denn der Großvater, Schneidermeister Fritz Janßen, adoptiert seinen Enkel bald.[13] Aber es bedeutet zugleich, erneut an Fremde übergeben zu werden und eine weitere frühe Trennung von der Mutter, selbst wenn die in der Nähe lebt. Ein halbes Jahr später wechselt die Bezugsperson erneut, das zweite Mal zurück zu Martha. Es ist plausibel anzunehmen, dass die phasenweise ungenügende Versorgung und frühkindliche Mutterentbehrung Spuren im Seelenleben Janssens hinterlassen haben. Für seinen späteren Alkoholismus und manche Besonderheit in seinen Beziehungen zu Menschen dürfte hier eine Wurzel liegen.[14]

Bald aber schon schmilzt das Eis, wirkt der Zauber des Neugeborenen. «Den kriegen wir auch noch groß», lautet jetzt die Devise. Der Junge wird in Liebe verpackt – auch das eine frühe Erfahrung in Janssens Leben: Wie es ist, die Liebe anderer für sich zu gewinnen.

Martha Janßen in den zwanziger Jahren. Ihr Sohn wird sie stets verteidigen, seine «schöne Mutter», unter der er doch gelitten hat und für die er sich bisweilen schämen musste.

Und doch wird es diese Blicke der Mutter gegeben haben, in Gedanken, wie ihr Leben verlaufen wäre ohne dieses Kind, das ihr einziges bleiben wird; die Blicke einer ehrgeizigen Frau, die durch ihren Sohn Isolation und Anfeindung erfährt und statt des ersehnten sozialen Aufstiegs und schönen Lebens mit dem feschen Ex-Leutnant die üble Nachrede ihrer Nachbarn. Ihr Sohn wird ein Leben lang daran zu tragen haben. Nicht am Stigma der Unehelichkeit – das wird er sich später an die Brust heften, sich lautstark als «Bastard» präsentieren; Stolz allerdings wird er in Wahrheit darüber nie empfinden. Im Gegenteil: Anerkennung zu erfahren, sie zu erarbeiten, erzwingen oder zu erkaufen wird ein Lebensmotiv für ihn.

Das Kind erfährt seine Mutter als herrisch und unberechenbar. Scharfe Worte fallen schnell, auch an Ohrfeigen mangelt es nicht. Andererseits macht Martha ihren Sohn zu ihrem kleinen Prinzen. Sie wird Horst liebevoll kostümieren, mit Spitzenkragen und Samtschleifchen. Alles ist unklar, alles sehr stark. Wird er gerade noch vereinnahmt, widerfährt ihm gleich darauf Zurückweisung. Ihrem Temperament ausgesetzt, pendelt die Mutter in ihrer Beziehung zu ihrem Sohn unruhig zwischen Ablehnung und Liebe hin und her, aus Schuldgefühl immer das Vorangegangene kompensierend. Das Kind wächst in einem Wechselbad der Gefühle auf, einem Gewirr unvereinbarer Botschaften. Richtig ankommen wird das ungewollte Engelchen nicht mehr unter den Menschen und sich heimisch fühlen. Aber es wird enorm sensible Antennen entwickeln. Und bleibt ein Leben lang auf der Suche nach sich selbst.

Dass das Kind ohne Vater groß werden muss, auch ohne einen Stiefvater, scheint da fast das geringere Problem. Wann Janssen den Namen seines leiblichen Vaters erfährt, ist unbekannt.[15] Später macht er aus der Not eine Tugend und nimmt sich die Freiheit, anders als der Rest der Welt seine Väter selbst zu wählen: Caravaggio etwa oder Hokusai. Alle sind Geistesgrößen, denen er sich verwandt fühlt, sie füllen die Leerstelle und erlauben Identifikation. Und noch einen Vorteil haben die bewunderungswürdigen Genien: Sie sind tot und damit ungefährlich. Doch leider sind solch göttliche Ahnen wertloser als noch der geringste reale Vater.[16]

«An manchen Tagen war das ‹Ahnenspiel› ein unerschöpfliches Vergnügen. Aber für bare Münze nehmen», so einer seiner Freunde, der spätere Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Joachim Fest, «mochte man Janssens ausgeheckten Vorväterstolz nicht und fragte sich (…), wieviel uneingestandene Sehnsucht nach jener Daseinssicherheit, die aus der Kenntnis des eigenen Herkommens erwächst», dahinter am Werk war. Als er spät – um seinen 60. Geburtstag herum – Näheres über seinen Vater und dessen Lebensumstände erfährt, zeigt er sich erst bewegt, dann ringt er die Hände über so viel Mediokrität: Schwabe und vielleicht noch Vertreter – auf solch einen Vater konnte er gut verzichten. «Eines Tages», so erinnert sich Fest, «überraschte er mich mit dem Entwurf eines zur Veröffentlichung gedachten Annoncentextes: ‹Tausche wiedergefundenen leiblichen Vater gegen Dürer, Füssli und Menzel›», lässt sich die Sache aber wieder ausreden.[17]

Einen Stammbaum zu haben, sich in Traditionen zu setzen, zu wissen, wo man herkommt und etwas zu gelten – das sind zeit seines Lebens zentrale Bedürfnisse für Janssen. Sein leiblicher Vater stirbt 1951, ohne seinen Sohn je gesehen oder Sorge für ihn getragen zu haben. Martha verklagt ihn zwar auf Unterhalt – ihr wird im Dezember 1929 vom Amtsgericht Delmenhorst das Armenrecht bewilligt, damit trägt der Staat die Prozesskosten –, aber Bauder zahlt nicht. Erst 1943, nach Marthas frühem Tod, setzt der Amtsvormund Zwangsvollstreckung und Lohnpfändung durch.[18]

Seine Kinderjahre im Haus der Großeltern wird Janssen später zum Paradies verklären. Doch im Grunde ist die Welt bereits aus den Fugen, als er geboren wird. Seit dem Börsenkrach am «Schwarzen Freitag» Ende Oktober 1929 regiert die fürchterlichste Wirtschaftskrise das Leben der Menschen, 1930 zählt man bereits über drei Millionen Arbeitslose – innerhalb weniger Monate hat sich ihre Zahl verdoppelt, auch in Oldenburg. Jeder dritte mittlere oder große Betrieb in der Stadt muss schließen. Die Menschen sorgen sich um ihr tägliches Auskommen, plagen sich mit gekürzten Löhnen.

Oldenburg, das ist eine Provinzhauptstadt mit 60000 Einwohnern, zwischen Ruhe und sanfter Modernisierung, ehemals Residenz der oldenburgischen Großherzöge. Zu Kaisers Zeiten saßen hier zahlreiche Landes- und Reichsbehörden sowie Gerichte, beherbergte die Stadt viele Beamte und Rentiers, wohlhabende Bauern aus dem Umland zumeist, die hier ihren Lebensabend verbrachten in der Nähe von Theatern und Lokalen. Daneben bestimmte Militär das Bild, die Stadt war bedeutende Garnison. Nach der Revolution von 1918, die hier eher unspektakulär verläuft, müssen die Oldenburger den Wegfall der wilhelminischen Draperien, der Reichsfolklore und des höfischen Glanzes verschmerzen.

Dass bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1919 die liberalen Parteien mehr als zwei Drittel der Stimmen gewinnen, zeigt, dass man nicht allzu revolutionär gesonnen ist und dass es eine starke bürgerliche Tradition gibt. Schon bei den Landtagswahlen vom Juni 1920 rückt die Stadt nach rechts, DVP und DNVP kommen auf über 44 Prozent der Stimmen.

Die Landwirtschaft aus dem Umland prägt die Industrie: Neben dem städtischen Schlachthof entsteht in den zwanziger Jahren die große Fleischfabrik der Bölts AG im Haareneschviertel, 500 Arbeiter zerlegen hier 1200 Schweine und Rinder täglich. 1926 wird auf dem Gelände des Ulmenhofs ein Zentralviehmarkt errichtet, und es arbeitet endlich das neue Drehstrom-Kraftwerk in der Donnerschweer Straße, in dem Kohle zu Gas verarbeitet wird. Der Geruch davon zieht durch die Lerchenstraße, wo die Janßens wohnen – vermischt mit den Dämpfen von Hoyers Brauerei, von Brennereien und kleineren Fabriken. Noch gibt es kaum Autos, 1935 sind es erst anderthalbtausend. Stattdessen fahren Pferdefuhrwerke. Überhaupt ist Oldenburg eine Pferdestadt, Stadt der Hengstkörung, mit Hufgetrappel auf Kopfsteinpflaster, Pferdegeruch und Pferdeäpfeln in den Straßen.[19]

Nicht das schöne alte Zentrum mit Parkanlagen, Schloss, Theater und Museen ist für Janßens Oldenburg: Die Familie lebt nördlich der Bahn, in Donnerschwee. Dort steht ihre «Hundehütte», wie man diese bescheidenen, zweistöckigen Giebelhäuser nennt, in denen hauptsächlich Kleinbürger wohnen. Seit dem späten 19. Jahrhundert werden sie überall in der Stadt gebaut, und in Donnerschwee stehen besonders viele von ihnen.[20]

Die Lerchenstraße wird Janssens erster Mikrokosmos. Bei jedem ausgeprägten Winterwetter kommt ihm später ihr Bild in Erinnerung: «Ich sehe Schneekapuzen auf den Papiertüten, die man den Rosenstöcken in den Vorgärten gegen den Frost überstülpte und am Vormittag kam der Wasserwagen. In Oldenburg benutzte man damals belgische Kaltblüter. Diese gewaltigen Pferde trugen lange zottelige Fellmanschetten an den Fesseln, die den Huf ganz verdeckten und an denen sich der frische Schnee zu schweren Klumpen zusammenpappte. Es war eine Breughelsche Vision, wenn in der wattigen grauen Luft Pferde, Tankwagen und die schwarz gekleideten Frauen zu einem Ungetüm zusammenschmolzen und weiße Nebelfähnchen aus den Nüstern, Mündern und von den warmen breiten Pferdekruppen aufstiegen. Und das Klirren der Ketten, das Klappern der Eimer, das Geräusch des ausfließenden Wassers und die Rufe der Frauen machten die seltsamste Melodie.»[21]

Diese Welt in ihrer «engbrüstigen Magie» wird zum Urgrund Janssen’scher Motive.[22] «In mir rumoren noch», schreibt er später, die «Gören auf dreckigen Vorstadtstraßen unter blitzblanken feuchten Aprilhimmeln. In meiner Seele ist noch der Gestank, der aus den Gullis (…) hochsteigt, wenn ein plötzliches Frühlingsgewitter seine Schlossen auf die kleine Stadt schmeißt. In meinem Hirn summt noch die Melodie der dicken Fliegen in den Jauchekübeln hinterm Haus, wenn die ganze Welt lautlos und matt daliegt in der knisternden Mittagshitze des Julitages.» Zerfledderte Teddybären, räderlose Bollerwagen und zerbrochene Tündelreifen würden ihre Signale noch in seine «Greisenseele klopfen».[23]

Aus seiner Herkunft wird Janssen später ein Bekenntnis formen, das er zu einem Teil seines Kunstverständnisses macht. Er inszeniert sich als underdog in großstädtischem Umfeld, um den Kunstbetrieb und das Publikum vor den Kopf zu stoßen: «In mir (…) triumphiert die Provinz! (…) Es triumphiert in mir hämend Verachtung für die verfluchten, blutleeren, fleischlosen, lahmarschigen, glattzüngig zelebrierenden Geister der Metropolen.»[24] Und in seiner lautstarken Abgrenzung von seiner «blöden» bürgerlichen Umwelt ruft Janssen ein ganzes Arsenal von Begriffen und Bildern mit auf: Handwerkskunst und Hinwendung zur Tradition, Lebensnähe und Vitalität, Sinn für die kleinen Dinge, Bodenständigkeit, Urwüchsigkeit.[25] Wahrscheinlich jedoch war Janssens Kindheit deutlich weniger rosig, als er sie schildert, und er sentimentalisiert sie für das Publikum ganz gezielt. Für sich hingegen wird er 1986 bei einem Aufenthalt in Paris in sein Tagebuch notieren: «Das unmerkliche Gas dieser Stadt, die jetzt gerade so scheinheilig dörfisch still wird (…), färbt alle Gedankenschleier giftigfarben ein. (…) Und meine Sehnsucht nach einer adretten deutschen Kleinstadt ist riesig – riesig die Sehnsucht genau nach dem, was ich verabscheue, wenn ich ‹zuhause› bin.»[26]

Wer es sich leisten kann, bewohnt eine «Hundehütte» allein. Bei Janßens aber sind die oberen Zimmer vermietet, so finanziert Schneidermeister Johann Friedrich Janßen sein Haus. Eisenbahn-Lademeister, Versicherungsanwärter, Protokollführer, Sparkassengehilfe, das sind so die Berufe der Mieter – kleine Angestellte.[27]

Großvater Janßen, Fritz genannt, wird neben der Mutter zur zentralen Figur in Janssens Kindheit. Als Horst geboren wird, ist er schon 66 Jahre alt, verheiratet ist er mit Anna Marie Catharine, geborene Thien.[28] Das erste Kind des Paares war eine Tochter, Erna, geboren im Juni 1889 in Ohmstede. Als Erwachsene wird sie ebenfalls Schneiderin, heiratet 1910 einen Vizefeldwebel und zieht mit ihm fort. Ihr Mann jedoch, William Rudolph Petersen, stirbt 1923, mit nur 39 Jahren. Oft kommt sie daher mit ihren Kindern, Rudolf und Gerda, 1911 und 1915 geboren, zu Besuch nach Oldenburg. Seine Cousine Gerda wird in späteren Jahren die einzige Verwandte sein, zu der Janssen Kontakt hat.[29]

Nach Erna wurde im September 1890 Ernst geboren, der 1912 als Bürogehilfe nach Cloppenburg geht;[30] danach Henny Martha, am 26. August 1893, Janssens Mutter[31], und im Oktober 1895 Anna Johanna. Ein fünftes Kind, Ewald, der Familienüberlieferung nach Musiker von Beruf, stirbt in den 1920er Jahren an einer Lungenerkrankung.[32]

Am wichtigsten von seinen Verwandten wird für Horst neben seiner Mutter und seinen Großeltern Anna Johanna, die ihn später adoptieren wird: «Beide Schwestern (…) waren exakt aus dem gleichen Schnittmusterbogen geschneidert (…). Hochgewachsene, flache Gestalten mit ‹unfraulich› breiten Schultern, kleinen schlappen Brüsten und kaum ausgestellten Beckenknochen. Während Anna Johanna unter ihren schräggestellten großen braunen Augen und (…) ihrer (…) ziselierten Nase einen amor-bögigen Mund trug, wie man sich ihn in den 20er Jahren nur wünschen konnte – war Martha’s Mund deutlicher Hinweis auf ihr so Anna-konträres Wesen: Sie hatte eine richtige Zigeuner-Schnute mit Überbiss und im Lippenspalt, von Amor selbst geschlitzt, standen 2 riesige Zähne, die später dann auf mich kamen, weshalb ich später im Internat Kurt Nagezahn gerufen wurde.»[33]

In den dreißiger Jahren ist die Lerchenstraße 14 ein Haus voll alter Leute. Keines der jüngeren Familienmitglieder außer seiner Mutter wohnt noch dort, auch die Mieter sind zum Teil Rentner und Witwen. Und Opa und Oma sind ein wortloses Gespann, vor allem er ist ein schweigsamer Mann, «schon gar nicht sprach er mit Oma. Sagte sie z.B. – wenn er just durch die Küche ging, zum Garten hin, zu irgendwelchen nicht zu erratenden Geschäften (…): ‹Vadder, bringst du’n Eimer Wasser mit rein?›, dann war es eine merkwürdige Aktion, wenn er seinen laschen Flanellärmel etwas zur Seite streckte und mit der gichtigen Schneiderhand den Eimer von Oma entgegennahm und dabei, wie gesagt, absolut keinen Laut von sich gab. Aber er brachte das Wasser. ‹Bei Tisch› wurde sowieso nicht geredet, ganz selten unternahm Oma den Versuch – und man muß sagen: ‹sie unternahm› – (…), irgendwie ein zweisilbiges Hin- und Zurück zustande zu bringen. Aber diese Versuche waren eben ehegattliche (…) und ihrem Wesen nach schon zum Scheitern verurteilt. Ihr fiel nämlich in etwa solches ein: ‹Na –› – kleine Pause – ‹– warheutwas?› – und da konnte nun, was sie wissen mußte, und wie Opa wußte, daß sie es wissen mußte – da konnte nun absolut gar nichts was auch immer gewesen sein.»[34]

Der Enkel verbringt an ihrer Seite eine eher isolierte Kindheit, auch bedingt durch das soziale Abseits, in das seine Mutter geraten ist: «Ich (…) wurde sorgfältig von der Straße und von meinesgleichen ferngehalten und war daher eigentlich immer für mich allein»,[35] erinnert sich Janssen später. «So führte er im großelterlichen Garten seiner Kindheit seine Spiele und Unterhaltungen mit all den unscheinbaren Wesen, die sich da so als Käfer, Wurm und Kringelblatt, als Hölzchen und als Kiesel und als Grasgefissel vor seinen Augen einfanden, so daß sich das unbekritzelte Blatt seiner jungen Seele mit den merkwürdigsten Porträts solcher Spielgefährten füllte», fügt er in einem autobiographisch gefärbten Text über die Gestalt des «Jean Patou» hinzu.[36]

Opa ist zudem jemand, der gern Horsts Spielkameraden vergrault: «Meine Spielplätze waren für viele Jahre der Garten einerseits und andererseits die großväterliche Werkstatt. Und mein einziger genehmigter Spielgefährte war Rolf Strehle, ein Nachbarsohn gleichen Alters und gegensätzlichen Temperaments: gutmütig bis drömelig und bar jeder Nervosität. Mit ihm saß ich dann, wenn’s draußen regnete, in Opa’s Werkstatt (…) unmittelbar im Schatten des Schneidertisches, auf dem Opa nach altmodischer Manier (…) hoch über uns thronte. (…) Zu gerne nahm er den Reihfaden, den er, um ihn zum Einfädeln gefügig zu machen, der Länge nach zwischen seinen feuchten Lippen durchzog – womit nicht behauptet sei, daß Opa nicht einen angenehm trockenen Mund trug – (…) und ließ ihn von oben herab in unsere Spielidylle hängen, und zwar so, daß das feuchte Ende in Rolf Strehles Gesicht herumbaumelte. Ich bemerkte sowas in meinem Engagement fürs Spielen meist zu spät; nämlich erst, wenn mein duldsamer Freund endlich vor der schneidermeisterlichen Tückerei kapitulierte; dann sagte er gedehnt: ‹Ich geh nach Haus.› Und diese Redensart war nicht nur (…) immer die gleiche, sondern (…) Opa hatte erreicht, was er wollte, nämlich mir meine Zorn- und Verzweiflungstränen mit irgendwelchen Gunstbezeugungen wegtrösten zu dürfen.»[37] Neben dem Wechselspiel von Gunstentzug und Liebesbeweis, das die Mutter an ihm praktiziert, setzt auch der Großvater den Jungen emotionalen Manipulationen aus. Beides wird der erwachsene Janssen in endloser Folge und gleichförmiger Choreographie an seinem persönlichen Umfeld exekutieren.

In Janssens weitgehender Isolation als Kind wurzeln seine späteren Probleme, mit dem Rest der Welt in Kontakt zu stehen. Auch war sie keine Grundlage, ein «normales» Selbstvertrauen auszubilden. Andererseits lenkt sie den Jungen auf den kleinen Kreis, die unmittelbare Umgebung, zwingt ihn zur Fokussierung und Konzentration auf das Vorhandene, lässt ihn intensiv erleben. All das speist seine imaginativen Kräfte, füllt die Speicher seiner Erinnerung.

Die Straße ist nicht sein Territorium.[38] «Draußen», das ist für den Jungen «hinterm Haus» und eben der Garten dort. «Seine Erde war mit dem Pappmaché aufgeweichter Spielzeugsoldaten gedüngt, da meine Aufmerksamkeit beim Einsammeln (…) stets zu wünschen übrig ließ. Ansonsten besaß ich dort mein eigenes Beet mit einem schönen Kürbis.»[39] Horst bekommt die Aufgabe, mit Kehrschaufel und Feger und einer kleinen Schubkarre oder einem Handwagen die Pferdeäpfel von der Straße zu sammeln, als Dünger für das Gemüse. Die anderen Kinder verlachen ihn dafür, dass er auf der Straße die Scheiße auffegt, sehr vorsichtig mit ausgestrecktem Arm.[40] Prinz Etepetete ekelt sich nämlich von früh an vor dem allzu Organischen.

Die Sicherheit, die es ersehnt, simuliert sich das Kind. An die Lerchenstraße 14 erinnert Janssen sich später als «die Mutter quasi, in der ich noch steckte»: «Und der Mittelpunkt in diesem Kreis meines Gemütlich- und Gesichertseins war mein Schlafzimmer zwischen Küche und Opas Werkstatt. Ja, man kann sagen: dieser Mittelpunkt hatte einen absoluten Mittelpunkt (…), das war mein Gitterbett, in dem ich noch mit zehn Jahren schlief», «und der große Küchenherd erfüllte mit seinem Eisengeruch, wenn er geputzt wurde, und mit seiner Musike, wenn Oma mit den Herdringen hantierte, morgens mein Schlafzimmer, denn die Zimmertür mußte immer einen Spalt offenstehen».[41]

Dieses Bett bietet ihm so Schutz selbst bei realen «Katastrophen»: «Unser großer Syringenbaum, der just vor meinen Schlafzimmerfenster stand, wurde vom Sturm umgeworfen. Einer der großen Hauptäste zerschlug das Fenster + spreizte seine Verästelung in mein Zimmer. Aber nicht der Millimeter einer Zweigspitze erreichte mein Bett. Bitte! Der Eindruck war gewaltig. Das ganze Inferno aus Nässe, Dunkelheit, Heulen + Singen + fahlem Licht explodierte (…) in mein warmes dunkles Zimmer. Ich aber fühlte mich absolut sicher, + die Bestätigung der Uneinnehmbarkeit meiner Gitterfestung war mir nicht mal Bestätigung.» Der «unangebrachte + alberne Auflauf der Frauen zwecks Hilfeleistung» bewirkt dann nur das Gegenteil: «Ich wurde (…) aus meiner Festung gezerrt + sollte weit weg von aller Sicherheit, nämlich in der Küche getröstet werden, wo es nunmehr zwar nötig, aber unmöglich war.»[42]

Und so kreist auch seine Vision «von tiefster Gemütlichkeit und Ganzundgar-Unangreifbarkeit» um das Bett: «Ich liege im Ausgang einer nach innen tief und weit und labyrinthisch verzweigten Höhle – mit ganz sinnlos kreuz und quer gezogenen Gängen und vielen unterschiedlichen Schlafkesseln, natürlich auch mit vielen Ausgängen, die in den verschiedensten Gegenden zutage führen (…). Na – diese ganze Höhlenangelegenheit ist so vielfältig und scheinbar sinnlos gefältelt wie ein geknufftes Plümo. Und so muß es (…) sein, damit alles Böse und Gefährliche, was ja auf Plan und Vorsatz angewiesen ist und auf Ordnung (…) – damit also das Böse, das Sinnvolle, gar nicht in meine Sicherheit einzudringen vermag.»[43] Das verlassene Kind der frühen Nächte imaginiert seinen Schutz im Alleinsein und wird sich für sein Leben darin einrichten. Aus dieser Wurzel stammt seine spätere Faszination für Piranesis «Carceri», vielleicht sogar der Stil seiner Strichel-Zeichnungen: Undurchdringlichkeit bedeutet für Janssen Verbergen- und Verschwindenkönnen, Schutz und nicht Bedrohung.[44] Und doch wird es bei ihm wüste Ausbrüche der Angst geben. Der Schrei «Verlass mich nicht!» trifft später manche Geliebte, manchen Freund, die, wenn sie zögern, auch noch Selbstmorddrohungen hören. Und seine Angst gibt ihnen Macht über ihn.

Kindertrost bietet auch Omas Küchenschürze, «Zuflucht, wenn mich Angst oder Kummer verfolgte (…). Preßte ich meinen Kummerkopf gegen sie, so suchte sie immer mit ein paar trippelnden Schritten nach einem rückwärtigen Halt, und hatte ich sie dann am Schrank oder in einer Ecke fest und meinen ersten, gröbsten Kummer an ihren Leib sickern lassen, dann drehte ich meinen Kopf so, daß ein Auge das Muster der Schürze sehen konnte. Eine richtige Omaschürze muß kleingemustert sein, damit das Auge zwischen dem Zählen der Punkte und dem Spazieren in den Zwischenräumen hin-und-hergezerrt wird (…). Dieses Stückchen Omaschürze im Blickfeld meines nassen Auges war das Herrenhausen, in dem meine Seele Ruhe fand. Und nie sagte Oma auch nur um ein weniges zu früh: ‹Na – nun is gut – sonst komm ich ja gar nich weiter› – und mit ‹weiter› meinte sie wohl, was man damals ‹Lebensinhalt› nannte.»[45] Eindrücke, die die Oldenburger Jahre für Janssen zum Inbegriff von Sicherheit und Geborgenheit werden lassen. Inbegriff von etwas, von dem er ein Leben lang nicht wissen wird, was das eigentlich ist.

Schon gänzlich anders klingt etwa das Porträt der Mutter. Die Skizze, die Janssen einmal von ihr gegeben hat, beginnt mit dem hilflosen Ausruf «Welch seltsames Geschöpf!». Und weiter heißt es: «Impulsiv durch und durch, naiv vor allem, stolz im Innersten, ehrgeizig rundum. Chaotisch hier und von immenser Statik an ihrer Nähmaschine, zärtlich und herrschsüchtig, ängstlich und unvorsichtig, Gerechtigkeit im Herzen und Ungerechtigkeit die Fülle, sowie sie ihren schönen Mund mit den großen Zigeunerzähnen öffnete. Eine wilde Frau von brausender Sentimentalität, was ihrer ungemeinen Schönheit den Kranz aufsetzte.»[46]

In ihrem Schatten widerfährt dem Jungen elementare Verunsicherung: «Meine Mutter (…) hat mich eigentlich nie gezüchtigt, aber ihre verbalen Ausfälle waren schrecklich laut und machten mir Angst, und eine Ohrfeige – nicht unbedingt gezielt – fiel schon immer mal dabei ab.» Eine ihrer Schwestern beschreibt Martha als so aufbrausend wie die Blitzhexe in «Peterchens Mondfahrt».[47] Dann wieder verhätschelt sie ihren Liebling – und der verwöhnte kleine Bastard wird, paradoxerweise, auf den zerstörten Fundamenten seines Selbstbewusstseins den Eigensinn eines bevorzugten Einzelkindes ausbilden und zeit seines Lebens eine Sonderstellung für sich reklamieren.

Diese Mutter hatte einmal Pläne, vielleicht sogar Aussichten, in jedem Fall hohe Ansprüche. In jungen Jahren näht sie für eine Tochter des Oldenburger Großherzogs (wahrscheinlich Ingeborg Alix), vermittelt über ein Fräulein Schumacher aus der Burgstraße, die bei Überlastung Aufträge abgibt.[48] Nun hat sie ein uneheliches Kind und kann eigentlich alle Ambitionen begraben.

Doch Horsts Mutter reagiert auf Anfeindungen mit Selbstbehauptung: Statt in Sack und Asche zu gehen unter all den kleinbürgerlichen Normalexistenzen um sich herum, streicht sie ihre Andersartigkeit heraus. Sie bleibt bei ihrem provokanten Lebensstil und ihrer extravaganten Garderobe: Bilder zeigen sie in eleganten Kostümen, den Fuchs um die Schultern, mit Hut und hohen Absätzen. Von den Kindern ihrer Freunde verlangt sie, mit Nachnamen angeredet zu werden, die kennen sie als «Tante Janßen».[49] Auch diese Selbstverteidigungstechnik wird ihr Sohn sich von ihr abschauen.

Doch das ungeliebte Erbe einer alten Liebschaft ist für die Mutter wahrscheinlich auch ein Klotz am Bein. Neue Beziehungen scheitern – die zu einem Apothekersohn endet, um das Jahr 1937 herum, gar mit einem Selbstmordversuch: Martha versucht sich zu ertränken.[50] Fortan verfolgt sie der Spott der Nachbarskinder, die sie «Gut Nass» rufen – eine weitere Schmach im Leben dieser glücklosen Frau, die auf ihren Sohn zurückfällt, der ihre Tat einmal mehr als Verrat empfinden muss.

In der familiären Werkstatt näht sie für ihre Kunden Kleidung von einer nicht mehr ganz zeitgemäßen Eleganz, die den Glanz vergangener Tage verströmt, die Üppigkeit des Kaiserreichs: Rüschen, Schleifen, reiche Falten und große Kragen sind nicht nur Hinweis auf Marthas Eigenwilligkeit und Verspieltheit, sondern zugleich ihren Sinn für Höheres. Und auch ihren Sohn putzt sie gern in diesem antiquierten Stil heraus, damit er nicht aussieht wie die Arbeiterjungs im Viertel.[51] Schließlich will sie zeigen, dass er nicht bloß ein Bastard ist und dass aus ihm auch etwas Besseres werden wird, wie Martha es selbst einmal vorhatte. Auch diese Eigenwilligkeit der Mutter bestärkt das Kind im Bewusstsein der eigenen Besonderheit und hat sicher noch einmal seine Distanz zu anderen Kindern erhöht.

Besonders für das familiäre Wochenendvergnügen macht man sich fein: Sonntags, das ist Ritual, gehen alle Janßens ins Café Bohlmann, das «Cafe am Ort», Opa im Gehrock.[52] Das seidige Blondhaar halblang und leicht gewellt, den Puttenkopf über dem blütenweißen Rüschenkragen, die großen hellen Augen über der kleinen, weichen Kinderschnute, die Füße in Schuhen mit schmalen Riemchen: Horst wird wie eine Puppe angezogen und bemuttert – und nach gängigen Vorstellungen sehen wir auf den Fotografien ein kleines Mädchen vor uns.[53]

Weil Martha ihren Sohn kleidet wie ein kleines Mädchen, streitet sich sogar ihre Schwester mit ihr. Später, als Erwachsener, wird sich Janssen nicht selten für Fotos und Albereien als Frau ausstaffieren.

Und Martha geht mit Horst auf Reisen. Immer wieder verdingt sie sich zu Näharbeiten gegen Kost und Logis.[54] Aus Reiselust – oder nur um Oldenburg zu entkommen? Dokumentiert sind sie auf zahllosen Fotos im Nachlass von Janssen, Touren, von denen heute niemand mehr sagen kann, was ihre Ziele waren. Man sieht die Alpen, das Meer, ein Landheim im Harz, unbekannte Menschen. In jenen Jahren, als der Massentourismus noch in den Kinderschuhen steckt und ausgedehnte Reisen für jemanden in diesem Milieu fast undenkbar sind, bedeuten sie für das Kind sicher eine ungewöhnliche Erfahrung, verbunden mit zahllosen Eindrücken.

«Kleinbürgerlich» allerdings wäre schon fast zu hoch gegriffen, um die Verhältnisse zu beschreiben, in denen Janssen aufwächst. Wie viele Schneider damals geht Martha von Haus zu Haus, um anfallende Näharbeiten auszuführen. Ihre Haupteinnahmequelle aber ist die Ausstattung der Revuen im «Astoria», einem Theater und Restaurant an der Alexanderstraße. Martha entwirft und näht die Kostüme. Ihre Aufträge erhält sie über einen Freundeskreis, der wahrscheinlich schon seit Schultagen besteht. Gut befreundet ist sie mit dem Bildhauer Max Gökes, einem Sonderling, der in Oldenburg in einem langen schwarzen Scholaren-Rock gekleidet umhergeht, und mit den Familien Oetken und Zeuch, die durch Heirat eng miteinander verbunden sind.[55]

Und Marthas Freunde sind Nazis.

Schon früh haben die Oldenburger ihrem Unbehagen an der Moderne Ausdruck verliehen: Bereits bei den Landtagswahlen 1932 siegt hier die NSDAP mit fast 50 Prozent der Stimmen, genug, um eine erste Alleinregierung auf Länderebene zu errichten. Janssens gesamte bewusst erlebte Kindheit und auch fast seine gesamte Schulzeit fällt unter die Herrschaft des totalitären Regimes.

Viele Oldenburger unterstützen das neue System. Bei den Reichtagswahlen im März 1933 erhält die NSDAP mehr als 60 Prozent der Stimmen, bei der Einführung des neuen «Amtswalters» im Februar 1934 drängen sich die Menschen auf dem Pferdemarkt. Mit der militärischen Aufrüstung beginnt auch hier die Zahl der Arbeitslosen zu sinken. Auf der Alexanderheide, im Nordosten der Stadt, entsteht ab Juni 1933 ein Flugplatz, und seit 1936 ist in der Nachbarschaft der Janßens eine Flak-Kaserne in Bau. Jetzt haben die Oldenburger Ruhe vor dem gefürchteten Bolschewismus. Die paar Kommunisten, die es gibt, werden in Konzentrationslager gesperrt. Die Stadt genießt die neue Konjunktur des Militärischen, die Spektakel und Massenaufmärsche an den Gedenktagen der «Bewegung».[56]

Und Marthas Freunde sind mit dabei: Max Gökes entwirft den großen Adler am Oldenburger Finanzamt; Lisbeth Oetken bekleidet einen hohen Rang in der lokalen Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, und ihr Mann Johannes ist «Politischer Leiter» – einer, der die Gesinnung seiner Mitmenschen überwacht und kritische Äußerungen «meldet».[57]

Martha Janßen tritt selbst zwar nicht in die Partei ein,[58] doch begeistert sie sich für das neue Regime. Mehr noch, «sie war das Begeisterte selbst, und das jetzt aufmarschierende neue Reich mit all den wehenden Tüchern und Stoffen und den ratternden Abläufen und lauttönenden Mitteilungen war nur ein gemäßer Rahmen für sie. Nationalsozialismus – das war ein viel zu langes Wort. Ein Volk – ein Reich – ein Führer – das war das Muster für: 1ne Mutter + 1 Sohn, oder marthatypischer: Ein Sohn – eine Mutter! (Stiefelchen, Heil Mütterland – ein Aspekt, der den Geschichtsschreibern noch quer zum Schlund liegt.) Für das sich um uns herum vorsichtig aufgeilende Mittelvolk, Komparsen und Chöre, die der ganzen makabren Operette erst den Welterfolg brachten, hätte sie nur Verachtung gehabt, wenn sie’s gesehen hätte – aber sie guckte ja nach oben.»[59]

Und Martha Janßen profitiert von den PG in ihrer Bekanntschaft: Die künstlerischen Entwürfe für die Bühnenbilder und Ausstattungen am «Astoria», wo auch die großen Parteiveranstaltungen stattfinden, stammen von Gökes, die Ausführung übernimmt Malermeister Johannes Oetken. Er ist es, der im «Astoria» das Sagen hat und die Aufträge verteilt.

Opa Janßen hingegen, Horsts Großvater, ist dieses «Künstlermilieu» verdächtig. Gökes ist für ihn ein «Halbidiot», Kunst gilt ihm als brotlos, die Theaterwelt als halbseiden. Nicht ohne Grund: Zum Bekanntenkreis seiner Tochter gehören auch Bordellbetreiber. Und im «Astoria» treten bei den geschlossenen Abendveranstaltungen leichtbekleidete Damen auf, Nackt-Tänzerinnen. Der Alte versucht daher den Jungen nach Möglichkeit zu Hause festzuhalten. Auch ein Grund für Horsts Nachmittage unterm Schneidertisch, wo er zum Zeitvertreib Pferdeköpfe aus Züchterzeitungen kopiert.[60]

Genug Geld hat von diesen Leuten keiner. Malermeister Oetken erhält bei Renovierungsarbeiten oft Sachen, die von den Bewohnern aussortiert wurden – Martha gehört dann zu den dankbaren Abnehmern. Und übrig gebliebenes Essen erhält die Clique oft vom Koch des «Astoria».[61]

«Ich stelle mir vor», schreibt Janssen in «Hinkepott»: «Einer wäre auf ’ner Durchreise geboren (…) – in der hintersten Ecke einer kleinen, dunklen Schneiderwerkstatt (…) versteckt worden – wäre (…) in eine größere, warme, heimelige, großväterliche Schneiderwerkstatt (…) umquartiert und in Liebe verpackt worden – hätte (…) auf einem Grundstück ‹Garten Eden› die glücklichste Kindheit aller Zeiten und Welten gelebt –– wenn ich mir so einen vorstelle, würde ich sagen: ein glückliches Kind.»

In diesem Umfeld aber kommt das Kind auch zu erster künstlerischer Praxis, gegen etwas Taschengeld: Horst hilft beim Zeichnen der Kulissen und Bühnendekorationen, in der Werkstatt von Oetken bemalt er «Pappkameraden» für das Übungsschießen beim Militär. Und bei Gökes in der Wienstraße erhält er Anleitung im Zeichnen – auch durch den Kunst- und Biologielehrer Karl Sartorius von der Hindenburgschule, der mit Gökes befreundet und oft bei ihm zu Besuch ist. Im Everster Moor, wo Marthas Freunde auf einem Grundstück Gartenbau betreiben, unterrichtet der Bildhauer den Jungen ab und an im Zeichnen nach der Natur.[62]

Eingeschult wird Horst erst 1937, mit siebeneinhalb Jahren, und zwar in die Röwekampschule. Wahrscheinlich sind gesundheitliche Probleme verantwortlich für die späte Einschulung.[63] Fotos zeigen ein zartes, ja schwächlich wirkendes Kind auf dürren Beinen, blond, noch ohne Brille, und mit dem Pferdegebiss der Mutter, sonst ein Junge wie andere auch. Nach etwa einem Jahr wechselt er auf die Heiligengeisttorschule, an der er bis Ostern 1941 bleibt. Anschließend, ab der 5. Klasse, besucht er die Mittelschule Margaretenstraße.[64]

Auch in der Schule wird Horst gehänselt, anscheinend vor allem seines wenig zeitgemäßen Aufzugs wegen.[65] Bezeichnend für sein Außenseitertum ist eine Episode, die Janssen wahrscheinlich im Frühjahr 1940 erlebt. Seit 1936 war es Pflicht für jedes Kind, Mitglied in der Hitlerjugend zu werden. Mit zehn Jahren traten die Jungen in das Jungvolk ein, auch Horst Janssen: «Martha war entzückt. Einen Scheitel hatte ich ja schon, eben jenen, den sie mir im Zwischendurch mit etwas Spucke immer wieder zärtlich auseinanderschob – so kleidete sie mich für die große Stunde sauber und adrett zurecht: Eine (…) dunkelblaue Bleyle-Hose mit einem eleganten Abstand zum Knie oberhalb desselben. Ein ganz bestimmtes plissiertes weißes Hemd mit Rundkragen und Perlmuttknöpfchen und eine schwarze Samtschleife auf der Brust. So schwebte ich (…) zum Gestellungsort», dem Schulhof Donnerschwee: «Etwa in der Mitte (…) stand ein weniger geordneter Haufen Jungs in einer seltsamen Art Räuberzivil. Die meisten waren oben uni-gelb-senfbraun behemdet, die Hosen wohl alle dunkle, wie meine auch, aber von individueller Länge. Alle aber hatten ein apartes Ledergeschirr umgelegt, hervorragend der Lederriemen, der diagonal über die Brust gezogen war. Dies und mehr Genauigkeiten erfaßte ich mit einem Blick (…). Und grad wollte ich wohl in Bewunderung verfallen (…), da wurde mein Aufmarsch durch ein erst keckerndes und dann fanfarisches Gelächter gestoppt. Sofort (…) erfaßte ich, daß dies Gelächter meiner Feiertagskleidung galt, und ich machte noch ein paar hinsterbende Schritte, blieb stehen, und während ich über meine Samtschleife weg an mir runterguckte, fiel das Wasser in die Augen. Auf der Stelle kehrt und ab nach Hause. Nach Hause!

Unter solchen Voraussetzungen war ich stets auf einiges gefaßt, was Marthas Reflexe (…) betraf. Hier aber war sie merkwürdig ruhig (…). Sie hörte sich meinen geschluchzten Bericht aufmerksam an (…), rief nach hinten zu Oma: ‹Bin gleich zurück›, und dann ging’s wieder Richtung Donnerschwee, ich fest an ihrer Hand. So schwenkten wir in den Schulhof ein und dann – ja, das Furioso kann ich nicht kolportieren – nicht, weil ich es nicht erinnere, sondern weil ich es in einem wohligen Gefühlsplümo aus Staunen und Schrecken nur genoß und nicht verstand. Es war alles ganz still (…), statisch und lautlos, bis auf Martha allerdings! Und das war ihre wildeste Aufführung, die ich erinnere: Derwisch, Astarte, Zerbera in einem Kostüm, und nur eine winzige Enttäuschung war darin; daß sie nicht auch noch ihre Rückhand ins Spiel brachte. So ist das eben, wenn man einer Meisterin ihres Faches den Respekt verweigert. Und in prächtiger Nachfolge dieser Schneiderin kommt es ihrem Bastard noch heut so raus, (…) wenn man mir dumm kommt. Auf dem Nachhauseweg (…) sagte sie: ‹Da gehst du mir nicht wieder hin.›»[66]

Wo man sich Arbeitsfleiß, Hingabe und Akkuratesse abguckt und von wem, ist für ein Leben ohne Bedeutung. Janssen, einer Schneiderin Sohn und Schneidermeisters Enkel, wird den Handwerkerstolz seiner Familie auf sein Kunstschaffen projizieren, die «immense Statik» der Mutter an der Nähmaschine zum Vorbild für seine Haltung am Zeichentisch erheben.

Anregungen intellektueller Art werden im Haus des Großvaters hingegen nur spärlich verteilt. Doch aus Ludwig Richter und Moritz von Schwind, Friedrich Rückert und Ottilie Wildermuth, Geschichten in Almanachen und «Büchern vom deutschen Land» pusselt sich das Kind Janssen «seinen Basisvorrat an Seelenbildern zurecht», als Grundsubstanzen seiner Gedankenwelt und seines Gefühlshaushalts.[67] Und trotz seiner Schweigsamkeit regt auch der Großvater Horsts bildliche Vorstellungskraft an und bevölkert seine Phantasie mit eindrucksvoll düsteren Gestalten, allen voran mit Gevatter Hein, der in seinen Erzählungen immer präsent ist: «Die Art und Weise, wie Opa diesen Kerl illustrierte, hatte zur Folge, daß mir der Tod als ein ganz und gar unmystisches Wesen erschien», «einem Räuber ähnlicher als einem Phänomen. Er kam justament aus dem Bilderbuch. Und so sah er denn auch aus, als er Opa holte.»[68] Denn bald schon tritt der Tod aus der Erzählung in die Wirklichkeit. Im März 1939 stirbt Horsts Großvater mit 76 Jahren an Tuberkulose: «Oma führte mich an die spaltbreit geöffnete Werkstatttür, und ich sah unter ihrem Ärmel hindurch meinen Großvater (…). Mit dem Tuch hatte man ihm das Kinn hochgebunden, und dann lagen da die Hände gefaltet auf seinem flachen Körper. Es sah sehr nach Wilhelm Busch aus – und das hatte also der ‹Räuber› gemacht.»[69]

Überraschen kann Janssens Wechsel auf die Napola nicht: Nahezu alle Männer seiner Familie sind in der Partei. Hier sein 18 Jahre älterer Cousin Rudolf in SA-Uniform im Oktober 1934

Die Begegnung mit dem Tod prägt sich dem Jungen tief ein. Denn sie bringt das Ende seiner Kindheit und lässt den eigentümlichen Kokon Lerchenstraße, die minimale Schutzhülle seiner Existenz, zerfallen: Jetzt ist das Vormundschaftsgericht für ihn zuständig. Gleichzeitig rückt der Krieg heran: «Orion und Cassiopeia zogen nachts über den Lerchenstraßenhimmel, und am Tage die Flugzeuge.»[70]

Zunächst einmal sorgt die Mutter für ihr Kind. Aber Martha hat sich bei ihrem Vater angesteckt. Schon ein Jahr vor seinem Tod bekommt auch sie die Diagnose «TB». Erzählungen aus dieser Zeit deuten darauf hin, dass schon bald nach dem Tod des Vaters auch ihre Gesundheit verfällt. Atemlosigkeit plagt sie, Erschöpfung, Husten. Sie macht weiter, so lange sie kann: Ihr Vater ist tot, sie ist mit dem Kind auf sich allein gestellt. Auf das Gemüse von dem «Moorpfand» sind Martha und ihre Freunde jetzt, während des Krieges, regelrecht angewiesen. Horst muss sich um den Garten kümmern und Gelegenheitsarbeiten verrichten.

Aber der Haushalt leidet. 1941 verlässt Marthas Mutter das Haus, der Streitereien mit ihrer Tochter müde, und geht zu ihrer Ältesten nach Bad Gandersheim. Marthas Kräfte schwinden zusehends, ihr Tod wird absehbar. Irgendjemand muss sich um das Kind kümmern. Ihre Schwester Erna kommt nicht in Frage: Die lehnt den Bengel noch immer ab, weil er unehelich ist. Ewald ist tot, und Anna liegt mit Martha meist im Streit und ist unverheiratet.[71]

Kurz kommt der Gedanke auf, Horst zu Ernas Tochter Gerda zu geben.[72] Die hat 1936 geheiratet[73]