HR Giger. Das Buch - Herbert M. Hurka - E-Book

HR Giger. Das Buch E-Book

Herbert M. Hurka

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Beschreibung

Weltruhm erlangte der Schweizer Künstler HR Giger mit seinem biomechanischen Stil, vor allem aber durch seinen Oscar für das zukunftsweisende Design in dem SF-Film "Alien". Das als Biografie konzipierte Buch entstand aus einer über zweijährigen Zusammenarbeit mit HR Giger und diente von vornherein auch dem Ziel, Gigers kunst- und mediengeschichtliche Bedeutung nicht nur für die phantastische Kunst hervorzuheben, sondern generell für die beharrliche Unterwanderung der Demarkationen zwischen Hoch- und Populärkultur.

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Seitenzahl: 444

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Herbert M. Hurka

HR Giger. Das Buch

Biografie. Kunst. Medien

Mit einem Nachwort von Dierk Spreen

© 2018 Herbert M. Hurka

Umschlaggestaltung: Dietrich Roeschmann, Freiburg, unter Verwendung eines Fotos von Doggettx (esp/flickr.com)

Satz: Dietrich Roeschmann, Freiburg

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN 978-3-7439-8261-1 (Paperback)

ISBN 978-3-7439-1462-6 (Hardcover)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort und Vorgeschichte

Intro

Teil I: Churer Unterwelt

1. Die erste Passage

2. Ritter und Adler

3. Nester

4. Nabelsalbe für Kälber

5. Der Horror-Korridor

6. Explosiv

7. Black

8. Orientierung

Teil II: Aufbaukurse in Zürich

9. Li

10. Austern

11. Klaustrophobie

12. Psycho-Passagen

13. Nummer fünf

14. Politik

15. Passage: Müllschlucker und eine ätherische Pistole

16. Kuhn, die Couch, der Tod

17. Schnitte

18. Silbersterne auf blauem Grund

19. Dalí

20. Märchen, Schraubstöcke und dunkle Gewalt

21. Ergonomie fürs Auge

22. Namen

Teil III: Global Player

23. Aliens Construction

24. Grauman’s Egyptian Theatre

25. „Er kann es kaum fassen“

26. Film und/oder Kunst

27. New York City

28. Das Rhizom

29. Debbie Harry und Chris Stein

30. Books

31. Werkphasen

32. Swatchomania

33. Angeklagt

34. Tattoo-Convention

35. Der Tod der Mutter

36. Gigers Schloss …

37. … Showroom …

38. … und Bar

39. Giger retro

40. Das Buch wird zugeschlagen

41. The Times they are A changin‘

Nachwort

Dierk Spreen: HR Giger und seine Kunst des hybriden Enhancements

Anhang

Man darf nicht erwachsen werden in dieser seltsamen Angstwelt.

Rainald Goetz

Yolanda sagt, die Menschheit solle sich nicht wundern, wenn diejenigen, die sie in der Fremde zu leben zwang, sich fortan als Fremde definierten.

Thomas Meinecke

Vorwort und Vorgeschichte

Oberhalb des Tinguely-Brunnens auf der Treppe zum Basler Stadttheater erkenne ich HR Giger. Ob ich ihn einfach anspreche? Er ist nicht allein, also erstmal lieber nicht. 1999, eine Jahreszahl, die für bestimmte Leute zum Jubiläum taugt: „30 Jahre Mondlandung”, so nämlich lautet der Titel der Revue, die an diesem Abend aufgeführt wird. Dem Thema passt sich auch die Dekoration an, die schon auf dem Vorplatz beginnt. Der Zugang zur kleinen Bühne ist mit Requisiten ausgestattet, die eine Raumstation simulieren. Bevor sie von einem weißen Röhrensystem aufgenommen werden und die Sicherheitsschleusen passieren dürfen, müssen die Besucher ihre Schuhe in blaue OP-Überzüge stecken. Erst wer diesen Quarantäne-Anforderungen genügt, wird von Stewardessen in den Theatersaal geleitet. Mit dieser an die Mondlandung erinnernden Veranstaltung hat es die besondere Bewandtnis, dass ein beteiligter NASA-Ingenieur ein Schweizer ist. Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, ist in die Aufführung ein Talk integriert, bei dem auch HR Giger auf der Interview-Couch sitzt. Seit seinem Oscar für die Special Effects von „Alien” ist er sehr gefragt als Experte für exterrestrische Phantasien und Utopien.

Dass man sich im Leben zweimal trifft, bestätigt sich an diesem Abend viel schneller, als ich erwartet hätte, denn um mir eine Pause von der Revue zu gönnen, verlasse ich die Aufführung in eines der Foyers. Da sehe ich Giger, wie er an einer unbesetzten Ausschanktheke steht und sich mit seinem Begleiter unterhält. Dass sich außer uns niemand in dem weitläufigen Raum aufhält, ermutigt mich, Giger anzusprechen. Ich stelle mich also vor und erzähle von meinem Buch über dämonische Figuren im Film, vor allem aber, dass ich auch über ihn geschrieben hätte. Spontan notiert er mir seine Adresse, damit ich ihm das ihn betreffende Kapitel doch zuschicken möge. Keine Woche, da ruft er mich in Freiburg an: Dieses Kapitel hätte ihm große Freude gemacht, und er würde sich freuen, wenn ich ihn in Zürich besuchte. Seine Einladung trifft mich natürlich absolut unvorbereitet. Nachzutragen wäre noch, dass ich Giger in Basel nach den Fotos in seinem Buch „RGH+” erkannt habe, das ich bei einem Tagesausflug nach Bern aus einer Wühlkiste vor der Buchhandlung des Zytglogge-Verlags herausgezogen hatte. Gewiss ein Zufall, doch genau der hatte mich darin bestärkt, auch das Alien als ein Beispiel für mein Buch „Filmdämonen” auszuwählen.

„Giger” – ich erinnere mich des eigenartigen Klangs, den dieser Name in den 1960ern für mich hatte, eine Resonanz von etwas anderem, das nicht zum Hippie-Sound der 68-er-Jahre passte, irgendwie hardcore (wenn es den Ausdruck damals gegeben hätte). Vielen der Jugendlichen, mit denen ich mich damals herumtrieb, war Giger bekannter als mir, klar aber war auch, dass er in der Subkultur einen Nimbus, ja, eine gewisse Aura hatte. Selbstverständlich war mir die provokant-zynische „Gebärmaschine” geläufig, jene Pistole mit den Embryo-Projektilen, die sich in so gnadenloser Düsterheit absetzte von den beliebten Psychedelic-Poster mit ihren phosphoreszierend-bunten Karnickeln und Kaleidoskoprosetten.

Jedenfalls sitze ich ihm bald zum ersten Mal gegenüber in diesem schwarzen Zimmer seines Reihenhauses. Gekommen war ich mit völlig anderen Vorstellungen von den Wohnverhältnissen eines weltberühmten Künstlers. Hier also in diesem winzigen Raum werden die Besucher empfangen, bei elektrischem Licht, weil die Fensterläden geschlossen sind. Überraschend bequem sitze ich auf den schwarzen Gummikissen eines thronartigen Sessel-Stuhls aus massivem Aluminium. Zwischen uns in der Mitte auf einem in die helle Tischplatte intarsierten Pentagramm steht eine Glasbox mit einem Schrumpfkopf, auf dessen Echtheit hinzuweisen, Giger ein besonderes Anliegen scheint. Schwarze Regale beherbergen graue Schädel, einer davon drapiert mit einer Kappe mit Mickymausohren, daneben ein bunt ornamentierter Oberschenkelknochen, der aus einer primitiven Kultur den Weg in diese bizarre Sammlung gefunden hat. Selbst die kürzeste Gesprächspause nutze ich für Seitenblicke auf die phantastischen Wesen auf Gigers wandhohen Airbrush-Bildern.

Bei einem der folgenden Besuche äußert Giger den Wunsch, ich möge seine Biografie schreiben. Was für ein Projekt! Wie hätte ich mit einem derartigen Vertrauensbeweis rechnen sollen? Gigers Lebensgefährtin Carmen Scheifele, die in meinen kurz zuvor veröffentlichten „Matrix”-Essays den passenden Duktus für ein solches Vorhaben sah, unterstützt Giger. Laufender Arbeiten wegen vertröste ich erst einmal auf einen späteren Zeitpunkt, erkläre mich aber spontan bereit, mich mit einer Monografie zu beschäftigen – in erster Linie über die Kunst und unter dem Gesichtspunkt dann biografisches Material zu befragen. Das Format rechtfertige ich damit, dass diese Gewichtung meinen Schreibdispositionen wie auch meiner Schreiberfahrung mehr entgegen käme. Er aber lässt nicht locker. Also einfach anpacken und schauen, wohin das Vorhaben sich entwickelt! Per Telefon. Ein ganzes Leben, durchs Telefon getextet. Die Ferngespräche – eine schöne Mehrdeutigkeit übrigens, weil ein Moment des Telepathischen darin mitschwingt – zwei bis dreimal pro Woche dauern meistens zwei Stunden, in denen ich Fragen stelle und alles mitnotiere. Apropos Telepathie: Geblockt sind nur die Abende, an denen Giger im Fernsehen die Mystery-Serie „Akte X” schaut. Der Online-Austausch läuft noch über Modem, nach heutigen Maßstäben sicher primitiv, doch für meine Textsendungen nach Zürich genügend.

Im Redefluss aber erzählt Giger viel mehr, als sich veröffentlichen lässt. Ich, naiv im Biografie-Schreiben, verarbeite gewissenhaft, was immer er mir mitteilen will:

„Schön, Herr Hurka! Aber so können Sie das nicht schreiben.”

„Ja, aber Sie haben es doch genau so erzählt.”

„Ja, schon, aber das geht nicht. Wenn der das liest …” (In jener Phase siezen wir uns noch.)

Also umschreiben, oft das ganze Kapitel, und wieder hinschicken, auf Bestätigung warten. Kommt keine, war‘s wohl okay, und schon läuft der nächste Themenkomplex. So geht es weiter, Woche für Woche fast zwei Jahre lang, in denen sich auch eine Freundschaft entwickelt mit privaten, familiären Einladungen nach Zürich wie zu Silvester und selbst zum 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag. Von Zeit zu Zeit lese ich ihm und Carmen Scheifele das eine oder andere fertige Kapitel vor.

Cirka 230 Seiten im DIN-A-4, kopiert und mit Spiralbindung, in dieser Form lege ich Giger das fertige Buch auf den Tisch mit dem Pentagramm. Wie wir es uns vorgenommen haben: Biografisches nur aus erster Hand, das heißt, keine externen Quellen, die Werkgeschichte eingewoben in die Lebensbeschreibung, ergänzt um die nötigen Exkurse in die Kunstgeschichte, Kultur- und Medientheorie, um einem von Gigers Hauptanliegen gerecht zu werden, nämlich dieses virtuose, dennoch stets kontroverse Werk in jenem Kunstbetrieb zu reetablieren, aus dem er sich nach dem „Alien”-Oscar ausgeschlossen fühlen musste.

Von Gigers Seite, und darin war das Buch als Gemeinschaftswerk geplant, würde der Text von Bildern begleitet auf meinen Vorschlag hin am Rand jeder Seite ein filmartiger Streifen aus 4 bis 5 Bildern aus Gigers privatem Fundus und dem Werk. Wegen seiner oftmals riskanten Motive immer wieder Anfeindungen ausgesetzt, hatte er ein wohlbegründetes Sicherheitsbedürfnis entwickelt. So geht mein Skript an Freunde und Bekannte, um deren Meinungen einzuholen. Allerdings mit der Konsequenz, dass die Situation zunehmend unübersichtlich wird, weil immer mehr – mir zum Teil völlig unbekannte Leser bei meinem Buch plötzlich mitmischen. Nichtsdestotrotz steht Giger zu dem Buch, wie ich es ihm vorgelegt habe, was in unserem gemeinsamen Vorwort zum Ausdruck kommt und auch im Abschluss eines Verlagsvertrages, den wir als gleichrangige Partner – Giger für die Bildteil, ich für den Text – unterzeichnen.

Nach Querelen um die Lektorierung löst der Verleger den Vertrag auf, woraufhin ich mich ganz gegen die Veröffentlichung entscheide, was bedeutet, keinen neuen Verlag zu suchen, obwohl Giger weiterhin entschieden an einer Veröffentlichung interessiert bleibt. Auch Carmen Scheifele versucht noch mehrmals, mich doch zu einer Veröffentlichung zu bewegen. Da ich gute Gründe habe, bleibe ich bei meinem Entschluss, so dass unser Kontakt einschläft. Kein anderes Wort wäre treffender, denn von beiden Seiten entstand keinerlei Groll, eher die Enttäuschung zwei Jahre vergeblicher Arbeit, gepaart mit einer gewissen Resignation, weil man ja Erfahrung darin hat, dass selbst sicher geglaubte Projekte noch scheitern können.

Seit Anfang der 1990er Jahre veröffentliche ich regelmäßig in der Vierteljahres-Zeitschrift „Ästhetik und Kommunikation” Texte über Kunst, Film, Philosophie, Medien. Der Soziologie-Professor Dierk Spreen, der meine Beiträge redaktionell betreut, beschäftigt sich auch mit der Soziologie der Raumfahrt und Science-Fiction-Theorie, was sich in verschiedenen Aktivitäten und Buchtiteln niederschlägt. Er zeichnet als Autor von „Cyborgs und andere Techno-Körper”, ist u.a. Mitherausgeber eines Samplers über „Perry-Rhodan-Studies” sowie Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für Kultur & Raumfahrt”. Wissend um diesen Background, konnte ich Dierk ohne Vorbehalte vertrauen, als er mir vorschlug, das Giger-Buch nun doch, und zwar bei „Ästhetik und Kommunikation” herauszubringen, was sich, das sei hier eingeschoben, auch nicht realisierte. Sicher ein schwieriges Unterfangen, denn von einer Neuaufnahme bis zur damaligen Druck-Fassung zurück datiert, öffnet sich ein Zeitraum von 10 Jahren, in denen das Skript mehr oder weniger aufgegeben war. Eine Zeitspanne, in der mit der Lebenserfahrung auch die Schreiberfahrung wächst. Diesem Umstand war Rechnung zu tragen und das Buch zu aktualisieren. Was die Bilder betrifft, so einigten sich Dierk und ich auf privates und von mir selbst akquiriertes Material. Angesichts der Unzahl verfügbarer Giger-Bildbände und der, ja, man kann inzwischen sagen, dem beinah lückenlosen Zugang über das Internet halten wir diesen reduzierten Anteil an Illustrationen für vertretbar. Im Anhang befindet sich ein Verzeichnis der wichtigsten Websites.

Um das Jahrzehnt zu überbrücken, in denen wir keinen Kontakt mehr hatten, erhielt ich von Verwandten von Gigers Mutter Melly wertvolle biografische Informationen wie auch historisches Fotomaterial. Für diese Beiträge bin ich Aldo und Bruno Naegeli zu großem Dank verpflichtet. Aus der Zeit meiner Freundschaft mit HR Giger verfüge ich über privates Bildmaterial, sowohl Fotografien von gemeinsamen Unternehmungen als auch verschiedener Kunstwerke, unter denen die Zeichnung, die er für das Cover meines Buches „Filmdämonen” mit einer persönlichen Widmung angefertigt hat, besonders hervorzuheben ist.

Allem voran danke ich Dierk Spreen, weil er mich nicht nur ermutigte, das Buch zu publizieren, sondern es auch mit großer Sachkunde lektorierte; Dietrich Roeschmann für die Buchgestaltung und seine Geduld bei der Formatierung des Textes. Für historische Familienfotos und Auskünfte danke ich Aldo und Bruno Naegeli. Im gleichen gilt dies für Fredi Murer. Ebenfalls zu Dank verpflichtet bin ich dem Kaufhaus Loeb, insbesondere Frau Christine Waber für ihre archivarische Suche nach der Fotoserie der originellen Giger-Präsentation im Jahr 2004. Für Abbildungsrechte der Tochter von Ernst Fuchs, Angelika Fuchs, Silvie Fleury sowie Michael Christ von Chur Tourismus. Last but not least gilt mein Dank natürlich meiner Frau Gabriele Ewels-Hurka für die aufmerksame Erstlektüre.

So kommt es, dass dem Buch an der Stelle, an der üblicherweise das erste Vorwort stehen müsste, das zweite steht, und das ursprüngliche Vorwort erst zweites folgt: Unterzeichnet von HR Giger und dem Autor.

Herbert M. Hurka

Dezember, 2017

Intro

Am Kunstmuseum gerade das Auto abgestellt und ein paar Schritte Richtung Altstadt gegangen, steht wie eingeflogen plötzlich ein junger Mann da und wünscht ein Autogramm. Als er zu seinem hastig auf dem Bordstein parkierten Lieferwagen zurück rennt, ruft er uns noch zu: „Mein Nachname ist auch Giger!” Wir – ebenfalls auf Schwitzerdütsch: „Dann kannst du doch selbst unterschreiben!” Kaum 200 Meter weiter in der Storchengasse, unserem ersten und dem gleich wichtigsten Ziel, hat man den Straßenbelag abgerissen. Ein Stadtangestellter in orange leuchtender Signalkleidung fährt mit dem Messrad kreuz und quer die Straße ab. Wir fragen ihn, wie tief man aufgerissen hat und ob man auf unterirdische Gänge gestoßen sei. Das spielt sich vor der Hausnummer 17 ab. In dem ehemaligen Verkaufsraum für Arzneimittel ist heute eine schicke Boutique für Kosmetika untergebracht. Wir sind herkommen, um Bilder für unser Buch zu machen und zu vergleichen, wie die Kindheitsplätze sich inzwischen verändert haben. Als wir den Erker über dem Geschäft fotografieren, spricht uns ein Herr an: „Aha, wieder mal bei der Steinbock-Apotheke. Da haben wir früher immer Rheumasalbe geholt. An Ihren Vater, da erinnere ich mich gut, den Dr. Giger. Sogar noch an den Vorgänger in der Apotheke, den Flury.” Bei solchen Zeitdimensionen ist es normal nach dem Alter zu fragen: „Ja, 80!” Später mit Panorama-Blick auf die Altstadt vom Bischofshof aus dem Restaurant Turmstube – „altgotisch, 1552, Besichtigung nur bei Verzehr” – rechnen wir nach. Als Dr. Hans Richard Giger nach Chur kam, war der alte Herr ungefähr 12. Die Steinbockapotheke muss ihn und seine Familie also lang mit Rheumasalbe versorgt haben. Nach dem „Verzehr” suchen wir die mittelalterliche Befestigungsmauer des Bischofshofes ab und stellen Vermutungen über den Verlauf der Geheimgänge an, die aus der Altstadt hier herauf führen. Dort drin ist die verlorene Zeit. Mindestens 60 Jahre.

HR Giger in der Storchengasse, vor der Haustür (l.) und vor der Steinbock Apotheke unter dem Erker (r.), 2006

Der Biograf und der Biografierte in Chur: Der eine ist ganz weit von sich weggefahren, der andere ganz nah zu sich hin. Die Perspektiven des Fernglases, durch das man die Welt ja von zwei Seiten betrachten kann.

Zürich und Freiburg im Breisgau im Juni 2006: HR Giger und Herbert M. Hurka

Teil I: Churer Unterwelt

1. Die erste Passage

Schwere Geburt. Im Zweifelsfall ist der Ankömmling verantwortlich, denn, so wird die Mutter später ihren Kampf kommentieren, er „hätte nicht herausgewollt”. Gebären ist in diesen Jahren Frauensache, Männersache der Krieg: 1940, auch das Jahr, in dem Melly Giger am 5. Februar im Frauenspital von Chur einen Jungen zur Welt bringt. Der Vater, Dr. Hans-Richard Giger, ist seit Wochen zum Militärdienst eingezogen. Nachdem Hitlerdeutschland vier Monate zuvor Polen überfallen hat, kann niemand einschätzen, wie es weiter gehen wird, vor allem nicht, ob nicht auch die Schweiz sich in akuter Kriegsgefahr befindet. Falls ja, müsste auch Dr. Giger seinen Beitrag zur Landesverteidigung leisten.

Dass man sich an seine Geburt erinnern kann – Hirnforscher mögen Zweifel anmelden, trotzdem ist vielleicht nicht auszuschließen, dass im Universum der Synapsen irgendwo eine abgelegene Konstellation existiert, in die das Bewusstsein vordringen kann. Mit Samuel Beckett, der behauptete, er könne sich an seine Geburt erinnern, findet HR Giger sich, wie übrigens auch mit Timothy Leary, in glaubwürdiger Gesellschaft, wenn er einen wiederkehrenden Alptraum für die Erinnerung an seine Geburt hält: „ …in einem großen, türen- und fensterlosen Raum, dessen einziger Ausgang eine dunkle eiserne Öffnung ist, die zu allem Übel noch durch einen eisernen Bügel halbwegs versperrt ist. Beim Passieren dieser Öffnung bleibe ich auch regelmäßig stecken. Der Ausgang am Ende dieses langen Kamins, ich sehe nur einen winzigen Lichtschimmer, wird, um das Übel zu vervollständigen, auch noch prompt wie von unsichtbarer Kraft verschlossen. Nun stecke ich mit am Körper angepressten Armen in der Röhre und kann mich weder nach vorn noch nach hinten bewegen und spüre, dass mir die Luft ausgeht.” Nach Überzeugung des Träumers beinhaltet dieser in „H.R. Gigers Necronomicon I” aufgezeichnete Alptraum Bilder einer komplizierten Geburt, und je nachdem, wie man jenen „eisernen Bügel” deuten will, könnte es sich um eine sogenannte Zangengeburt gehandelt haben.

Der Vater ist nicht greifbar, so wählt Melly Giger den Namen für das Neugeborene allein aus und entscheidet sich für den Doppelnamen Hansruedi, angelehnt an Hans-Richard, den Namen des Vaters. Beide sollen dieselben Initialen tragen, damit das offizielle Erscheinungsbild der Namen gleich ist: H.R. Giger.

2. Ritter und Adler

Dr. Giger führt seine Ahnenlinie zurück bis Anfang 16. Jahrhundert auf das Davoser Rittergeschlecht der Beeli von Belfort. Geboren 1904, wuchs er in den geregelten Verhältnissen des Basler Kleinbürgertums auf. Während die Mutter das Prinzip Ordnung lebte, sorgte der Vater als Gymnasialdirektor für den Lebensunterhalt. Zum großen Unglück verstarb der Vater, bevor Hans-Richard erwachsen werden durfte. Zu diesem Zeitpunkt war der so plötzlich zum Halbwaisen gewordene Hans-Richard mit seiner Matura beschäftigt. Der frühe Tod des Haupternährers hatte den wirtschaftlichen Absturz der Familie zur Folge. Der Mutter stand nur eine elende Witwenrente zu, kaum genug, um das Existenzminimum zu halten. Ein Trauma, das Hans-Richard prägte und sich vor allem in seiner Einstellung zu Geld und Konsum manifestierte. Sein Studium schloss er immerhin ab. Damit war er Arzt und nach seiner erfolgreichen Dissertation über die pharmakologischen Eigenschaften diverser Pflanzen hatte er auch das Recht erworben, sich Doktor zu nennen.

Ein Leben, in dem jeder Rappen abgezählt werden muss – wie soll da ein Motorrad hin passen? Der blanke Luxus jedenfalls, eine Wunschmaschine, die ungeahnte Freiheit eröffnet und genau deshalb jedes Opfer rechtfertigen wird. Vierzylinder, Stahlrahmen, voluminöser Auftritt. Mit dem Kauf einer Henderson-Maschine gelingt es ihm, mit einem Schwung ein paar innere Hürden zu überspringen. Freiheit, vor Ausbruch der Massenmotorisierung bedeutet das leere Straßen, großzügig im Fahrtwind sich aufrollende Landschaften, so kommt man schon als Student viel herum.

Gasthof Adler

Auch zum Bodensee – zufällig nach Mammern, wo auch eine der noch wenigen Tankstellen ist, nebenan das Gasthaus Adler. Eines jener dörflichen Anwesen, die in Friedenszeiten generationenlang innerhalb ein und derselben Familie weiter und weiter vererbt werden, geht die Historie des Adler zurück bis ins Gründungsjahr 1854 auf einen gewissen Jakob Christof Meier-Isler. Die Familie Meier führte das Gasthaus ohne Unterbrechung 170 Jahre, was heißt, fast bis zum heutigen Tag, denn erst 2015 wurde der Betrieb von der Familie aus der Hand gegeben und verkauft. An dieser Energiestation neben der Gaststätte also begegnet er Melly Meier zum ersten Mal. Melly ist eine Tochter des damaligen Adler-Wirts, Otto Meier-Hertler.

Als eins von drei Kindern hat sie einen Bruder und eine Schwester. Schnell ist klar, dass es bei diesem einen Besuch Hans-Richards nicht bleiben würde. Die Sympathie bleibt nicht einseitig, denn bei jedem Besuch des Überlandfahrers wächst Mellys Faszination von der männlichverwegenen, irgendwie auch ritterhaften Montur aus dunklem Leder, Helm und Motorradbrille.

Melly Meiers Vater (l.) und Melly Meier (r.)

Die Gaststätte besitzt internationales Flair. Besonders eifrig bedient Melly die weltgewandten Schauspieler, die von den regelmäßig in Steckborn veranstalteten Theaterfestspielen nach ihren Proben und Vorstellungen zum Abendessen einkehren. Es ist nicht nur die Weite der Seelandschaft, die sie von klein auf vor Augen hat, sondern auch die von den Bühnenkünstlern verbreitete Suggestion einer offenen Welt ohne Grenzen. Es ist nur selbstverständlich, wenn sie, einer Schweizer Tradition folgend, eine gewisse Zeit im Ausland verbringt. In London nimmt sie eine Au-pair-Stelle an, und als sie Anfang der 1920er Jahre in die Schweiz zurückkehrt, ist sie vom Großstadtvirus infiziert. London wird nie aufhören, eine ihrer nachhaltigsten Erfahrungen zu sein.

Tankstelle Gasthof Adler

Kaum dass Hans-Richard sein Studium beendet hat, heiraten sie. Ein abgerundetes Eheglück wird jedoch durch das Handicap eines Herzklappenfehlers beeinträchtigt, den man bei Giger diagnostiziert. Der Behandelnde rät an, „eine ruhigere Kugel zu schieben”, als der aufreibende Arztberuf es zuließe. Dr. Giger richtet sich danach, und als ihm zu Ohren kommt, dass in Chur eine Apotheke frei würde und zum Verkauf anstehe, ergreift er diese Chance. Es fügt sich, dass die Mammerner Familie 5000 Franken zum Startkapital beisteuern kann. Gelegen im breiten Tal des Alpenrheins und dem Mündungsgebiet des Wildflusses Plessur, gilt die Bündner Kapitale als älteste Stadt der Schweiz. Ein wohl zutreffendes Attribut, denn nicht nur die bis in die Jungsteinzeit zurück reichende Siedlungsgeschichte, belegt dies, sondern auch der von dem Keltischen Wort kora (= Stamm, Sippe) sich herleitende Name Chur. Hier also, in diesem bergverschatteten Tal, lässt sich das frisch getraute Paar nieder und zieht in die Wohnung ein, die günstigerweise im Stockwerk über der Apotheke gleich mit frei wird.

Unmittelbar am Fuß der Alpen gelegen, ist die Stadt allgemein nicht von der Sonne verwöhnt, im Winter aber verschlucken die Schatten der Zweitausender das Licht fast ganz. Und es sind nicht allein die Berge, die Schatten auf das Stadtleben werfen, sondern da thront auch ein turmbewehrter Bischofssitz, der stets sichtbar von seiner Anhöhe herab die Moral der Bürger überwacht. Ausgeträumt Mellys Großstadtträume. Das Französisch, das sie sich in Lausanne, das Italienisch, das sie sich im Tessin und das Englisch, das sie sich in London angeeignet hat, kann sie ab jetzt einmotten. Die Wege, die alles gehen wird, sind vorgezeichnet. Bald nach der Hochzeit gebiert sie ihr erstes Kind, 1934, ein Töchterchen, getauft auf den Namen Iris. Es ist, wie es ist. Ehemänner Lebensunterhalt, Ehefrauen Kinder, Haushalt. Melly schickt sich. Ein Familienmuster, das Mitte 1930er, besonders in einer mittelgroßen Alpen- und Bischofsstadt nicht mehr hinterfragbar ist.

3. Nester

Hansruedi Gigers erste verlässliche Erinnerungsbilder zeigen das finstere, aus einer Verdunklungsbirne blau verstrahlte Wohnzimmer. Es ist Krieg, der Junge drei, vier Jahre alt. Was die Schweizer mit den anderen Völkern Europas teilen müssen, ist die Erfahrung von Bunkern, Luftschutzkellern und Verdunklung, sobald die Dämmerung eintritt. Die Angst wird zur nationalen Befindlichkeit, und Kinder lernen in diesen Jahren, dass Angst universell ist, sogar die immer stark erscheinenden Erwachsenen verstört. Geeint-gelähmt kauert man – nichts als Herzklopfen in den Ohren – zusammen, um gegen eine still stehende Zeit das Ende der Nacht herbei zu sehnen.

Nach dem schnellen Sieg Hitlerdeutschlands über Frankreich glaubt niemand mehr im Ernst daran, dass ausgerechnet die Schweiz davon kommen sollte. Die Pläne der Militärs sind ausgearbeitet und müssen nur aus den Safes geholt werden. Die Alpen! Wenn nicht die Alpen, wer oder was sonst sollte Hitler trotzen? Ewiger Fels unter ewigem Eis. General Guisan, der Schweizer Oberbefehlshaber, setzt alles auf den helvetischen Nationalmythos der Alpenfestung, die Reduit-Schweiz. Für den Fall einer Invasion organisiert er die Verteidigungsstellung in der Innerschweiz. Das bedeutet, die Nordschweiz zu opfern und dafür in diesem Moment der Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit die sakrale Aura der Berge zurück zu gewinnen – lang verschüttet zwar, im Bedarfsfall aber nach wie vor das Erhabenste. Guisans Rückgriff auf den identitätsstiftenden Mythos der Schweiz gibt der verängstigten Bevölkerung wieder Mut. Wie tausende von Landsleuten bringt Dr. Giger seine Familie erst einmal ins Gebirge. In Flims, fünfzig Kilometer von Chur, besitzt die Familie ein Ferienhaus, immerhin ein Refugium.

Genau genommen steht dieses Haus im Ortsteil Foppa, wobei im Dorf selbst noch ein bäuerliches Anwesen existiert, das Hans-Richard Gigers Mutter mit ihrer Schwester bewohnt. Das Foppa-Haus ist eins dieser Erinnerungsnester, was durchaus wörtlich zu nehmen ist angesichts der uteralen Nester und Gänge, die das Kind ins Stroh des Stalls und in das ländliche Gerümpel höhlt. Gute 500 Jahre hat das Anwesen überdauert, obgleich es in einem Bergsturzgebiet liegt. Dass schon lange kein Unglück mehr passiert ist, kann keineswegs eine Garantie für die Zukunft sein, weshalb die Flimser ihre Angst vor Bergrutschen nie gänzlich verlieren. Eine solche von den Bauern Rüfe genannte Überflutung begrub zweihundert Jahren zuvor das Parterre, so dass der Hauseingang seit da in das erste Stockwerk führt, während das Parterre selbst einen zweiten Keller bildet.

Hauptbühne der Kindheit aber ist und bleibt das Haus in der Storchengasse. Über der Apotheke die Wohnung – unter der Apotheke das Kellergewölbe. Ein Lieblingsplatz ist der Erker, der aus der zweiten Etage überhängt auf eine der engen, sonnenabgewandten Gassen des mittelalterlichen Stadtkerns. Hier sitzt der Bub und zeichnet. Seit seine Hand einen Stift halten kann, zeichnet er und zeichnet. Unermüdlich und immer wieder neu: Burgen, Züge, Geisterbahnen. Nur eins ist manchmal schöner: das Modellieren. Darum vergisst die Mutter nie, ihr Söhnchen mit dem nötigen Plastilin zu versorgen. „Mit fünf Jahren hatte ich alles unter Kontrolle! Vor allem was die Storchengasse anging. Ich saß auf meinem erhöhten Kindersitz mit halbrundem Tischchen im Erker und konnte so vom Postplatz bis zur Kurve, wo sich die Musterschule befindet und die Plantanenstraße steil zum Hof ansteigt, alles überblicken. Ich machte Musik, indem ich laut sang und mit der drahtigen Fliegendatsche laut auf die Wand schlug.” (HR Giger Rh+, 1997) So sicher wie der Erker eins mit dem Haus ist, so sicher trägt die mütterliche Anwesenheit das Kind. Die Mutter – und das Radio. Schöne Stimmen fluten aus dem mystischen Gehäuse, singen Mona Lisa und Old Man River. Besser zum Mitschmettern und Mitklopfen (Fliegenklatsche) aber kommen aktuelle deutsche Schlager, Woogie Boogie oder Lieder in Schwyzerdütsch wie Stägeli uf, Stägeli ab. Radio Beromünster sendet Hörspiele wie Ueli der Knecht nach einem Roman von Jeremias Gotthelf. Diese Erzählstimmen sind Stunden selbstvergessener Aufmerksamkeit, besonders, wenn die Mutter im Hintergrund friedlich klappernd die Hausarbeiten verrichtet. Doch jenseits jeder Konkurrenz läuft ein Hit ganz anderer Art, das kulinarische Großereignis mit dem Namen Dr. Wander Erdbeerpudding. Der süß-künstliche Früchteduft zieht aus der Küche in den Erker und verwandelt die Luft in ein rosarotes Aroma.

Lockungen der Gefahr verheißt die verwinkelte Architektur des Storchengassen-Hauses. In den Räumen hinter und über der Apotheke sind Geheimlager und Abenteuerhöhlen, in denen sich Kinderwünsche nach Fremde und Ferne ausbrüten. Die optischen Kicks für die Phantasie liefert die Steinfels-Seife. In jedem der grünen Päckchen liegen Sammelbilder bei mit Motiven aus J.F. Coopers Der letzte Mohikaner und Karl Mays Old Shatterhand-Romanen. Hansruedi klebt zwei Sammelalben sowie einen Klebebogen voll.

Was sich da auch studieren lässt, sind die Waffenarsenale der Wild-West-Helden, was den Realitätssinn schärft und die Erkenntnis bringt, dass die Feinde überall lauern. Er rüstet auf, bastelt Dolche, Kriegsäxte, Pfeil und Bogen. Die Entscheidungsschlachten finden im Flimser Wald statt. Flims hat auch eine andere Seite als seine gefährliche Bergromantik.

J.F. Cooper, Lederstrumpf, Cover um 1930

Die Großmutter und Tante, bei denen Hansruedi in Flims zu Besuch ist, sind deprimierende alte Frauen, deren Gespräche um nichts als Reinlichkeit, Krankheit und Tod kreisen. Es gibt nicht viel, das sich dieser grauen Stimmung widersetzt, gegen die ein Kind in diesem Alter nicht immunisiert sein kann – immerhin doch eine Landschaft aus Gerüchen von Stall, Holzrauch und frisch gebackenem Brot. Es erfordert Geduld, bis die alten Damen wieder auftauchen aus ihrem Krankheits- und Todestiefgang, nur in diesen Momenten nämlich nehmen sie Notiz von dem Kind. Mehr ist nicht zu erwarten. Es könnte das Haus auf den Kopf stellen, und würde dabei nicht ein einziges Spielzeug ausgraben. Die Erfahrungen tödlicher Sauberkeit und Langeweile werden allein überboten durch die erste Erfahrung mit menschlicher Brutalität. Das sensible Kind leidet unter der Erbarmungslosigkeit, mit der die Bauern ihre Tiere behandeln. Lebenslang wird jene Szene nicht zu vergessen sein, in der ein Dörfler auf seine Kuh eindrischt, so lange, bis das Tier tot liegen bleibt. Kein Wunder, dass Hansruedi immer wieder froh ist, zurück in der Storchengasse und Apotheke zu sein.

Aus den Basler Chemiewerken treffen regelmäßig Medikamentenlieferungen ein. Eines Tages liegen in einer der Kisten neben den Medikamenten zwei Totenschädel. Wie diese makabren Objekte den Weg in die Steinbock-Apotheke in Chur gefunden haben, bleibt rätselhaft. Der Vater zeigt sie dem Jungen und deponiert sie bei dem überflüssigen Kram, der sich über die Jahre im Geschäft ansammelt. Als niemand weiteres Interesse bekundet, bringt Hansruedi die Gratisbeigabe der Medikamentensendung in seinen Besitz. Wie er sich mit diesem Objekt doch ein wenig übernommen hat, merkt er, als bei der Berührung seine Hand von dem Knochen wie elektrisiert zurück schreckt. Eben doch ein Schädel, ungewohnt, grau, verstaubt obendrein. Zudem fehlt der Unterkiefer. Aber Hansruedi gewöhnt sich und zieht diesen zweifelhaften Überrest an einer Schnur hinter sich her, bis auch letzten Zähne ausgebrochen sind. Für den Vater als Doktor der Medizin lernt der Sohn seine erste Lektion menschlicher Anatomie, wohingegen die Mutter als Arztund Apothekergattin sich über ein originelles Spielzeug amüsiert.

Von ihrer international orientierten Kindheit und Jugend bewahrt Melly sich ihre Originalität. Sie verteidigt sie gegen die oft bedrückende Monotonie der nach außen wie abgeschotteten Alpenstadt. Ihre Kleider bestellt sie in Paris oder näht selber nach den neuesten Schnittmustern, während sie die Erfüllung kühnerer Wünsche bis zur amtlichen Chaoswoche des Karnevals aufschiebt. Wenn die Welt kopfsteht, blüht sie auf wie ein exotisches Gewächs. Jetzt kann sie ihre Phantasie frei lassen und ungestraft zeigen, welcher Natur die Anregungen sind, die sie unbemerkt von ihrer Umgebung aufnimmt. Karneval 1945 geht sie als Surrealistin. Ihr Kostüm ist benäht mit Augen und den Formen abgelöster Gliedmaßen. Das buchstäbliche Highlight bildet ein in die Frisur eingebauter Leuchtturm mit blinkenden Birnchen. Den ganzen Aufbau hat sie allein konstruiert inklusive eines batteriebetriebenen Motors für die Blinklichtchen. In einem Land, in dem Frauen keine politischen Rechte haben, in einer beengten Alpenstadt mit Pflichtkultur und einem Milieu betonierter Geschlechterrollen: Wie soll eine Frau mit über den häuslichen Herd hinaus gehenden Ambitionen ihre – sicherlich naive – Kreativität am Leben halten, ohne Gefahr zu laufen, aus dem kleinbürgerlichen Rahmen zu fallen? Sie findet eine Lösung, indem sie sich auf Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs verlegt, bastelt Geschenke und gestaltet dazu künstlerische Etiketten. All dem voran aber versucht sie – wie viele kleinbürgerliche Mütter ihrer Epoche – ihrem Gefängnis dadurch zu entkommen, dass sie das ungelebte Leben mit allen anhängenden Hoffnungen an den Sohn delegiert. Er wird dereinst mehr draus machen können als sie selbst.

Alpenstadt Chur

4. Nabelsalbe für Kälber

Der Desinfektionsgeruch der Krankenhäuser ist universell, wird überall auf der Welt mit Medizin assoziiert. In der Apotheke dominiert er ebenfalls alle anderen Lokalodeurs. Hansruedi lernt zu differenzieren, indem er jede Veränderung in der Gerüchelandschaft registriert. Je nachdem, welche Substanzen mit Luft in Berührung kommen, riecht es nach Zimt, Salbei oder Minze. Zu besonderen olfaktorischen Ereignissen werden Salben. Beim Öffnen der Dosen treten Aromen aus, die sich in keiner Erinnerung mehr verfangen. Gerüche sind das, die nichts sind als sie selbst, so synthetisch fremd.

Neben der Erinnerung hat auch die Neugier ihren Sitz in der Nase. Mit der naturgegebenen kindlichen Vorwitzigkeit treibt der Vater seine Späße. Was wohl in dieser Flasche sein könnte? Wenn er langsam den Glasstopfen herauszieht, wirds spannend. Dann „dürfen” die Kinder riechen – ein Stich in die Stirnhöhle, so gehässig, dass der Kopf unwillkürlich zurück zuckt: Salmiak. Doch Gerüche können auch aufblühen. Sanft, geheimnisvoll und verlockend wie das süßliche Aroma, das Hansruedi lustvoll inhaliert, wenn er dem Apotheken-Assistenten, Florian Karst, bei der Herstellung von Opiumpillen zuschaut. Der Assistent schüttet pulverisiertes Opium in eine Flüssigkeit und zerstampft die Mischung im Mörser zu einem braunen Brei. Sobald der Brei zäh genug ist, wird er zu einer Kugel geknetet und die wiederum zu einer wurmartigen Rolle gewalkt. Die folgende und letzte Produktionsstufe ist zweifellos die interessanteste von allen. Der Wurm wird zu Kügelchen zerkleinert, bevor der mechanische Pillendreher zum Einsatz kommt, in dem der Stoff zu normierter Apothekerware endverarbeitet wird.

Während die Beziehung zwischen Mutter und Sohn auf dem zuverlässigen Fundament aus Urvertrauen, Verständnis und Empathie ruht, wird der Vater ab einem gewissen Punkt immer ein Suchbild bleiben: „Meinen Vater kannte ich eigentlich kaum. Er war sehr verschlossen, sehr ehrlich, half allen, welche in Bedrängnis gerieten, war als Doktor und Apotheker wie auch als Präsident des Apothekervereins und der alpinen Rettungswache eine Respektperson.” (HR Giger Arh+) Der Vater kann, vielleicht will er nicht aus sich heraus. Was es sein mag, das ihn dazu zwingt, seine Gefühle, Anschauungen und Einstellungen unter Verschluss zu halten, ist für ein Kind nur zu nehmen, wie es ist – zu verstehen? Nein! Und es wird keineswegs durchschaubarer für Hansruedi, wenn er beobachtet, wie sein Vater sich in einen vollkommen anderen Menschen verwandelt, sobald er sich in einer größeren Gesellschaft befindet. Er platzt aus seiner Alltagshaut und mutiert von einer Sekunde auf die andere zu einem Mann mit sensationellem Unterhaltungstalent, der mit seinen Einfällen und Witzen alle mitreißt. Kehrt der Alltag zurück, dann hat die Familie sich wieder auf seine Stille und Sparsamkeit umzustellen.

Teller sind da, um leer gegessen zu werden, und was drauf kommt, sollte tunlichst das Billigste sein wie überhaupt alles, was einzukaufen ist. Seine restriktive Einstellung zu Geld begründet Hans-Richard Giger mit den Entbehrungen seiner Jugend. Nicht leicht für Melly, die das Glück hatte, ohne Mangel aufzuwachsen. Nicht nur was Geld betraf, war sie verwöhnt von einem in allem großzügigen Vater. Eins immerhin scheint zur Sparsamkeit des Dr. Giger zu passen – es ist der kompromisslose Gerechtigkeitssinn, den Hansruedi als zweite Haupteigenschaft des Vaters ausmacht. Und dann ist da noch etwas, das sich in einem kindlichen Verstand kaum unterbringen lässt, weil es einen unauflösbaren Widerspruch zu der innerfamiliären Sparsamkeit bildet. Es ist jene besondere Facette von Gigers allbekannter Hilfsbereitschaft, dass diese bis zum Verleihen von Geld geht und zwar an jeden, der es gerade zu brauchen scheint.

In den verwinkelten Räumen der Apotheke wird der Vater auch körperlich zum Teil eines Suchbilds. Bis in die letzte Nische ist alles so zugestellt, dass man sich kaum umdrehen kann. Die uralt gedunkelten Holzregale, heillos überfüllt mit Tuben, Packungen, Glas- und Keramikgefäßen, türmen sich bis zur Decke. Es geht weiter in die Gegenrichtung, wo die Masse der Behältnisse längst in den Keller expandiert ist. Jedes einzelne der Gefäße ist irgendwie, soll heißen, oft unverständlich beschriftet. Trotzdem sticht aus diesem enzyklopädischen Wörtersalat ein besonderes Schriftbild hervor: „Nabelsalbe für Kälber”. Die schallenden „a’s” aus der Kehle, unmittelbar besänftigt von den weichen „b’s” der Lippen, Säuglingslaute, die nicht aufhören im Kopf mitzuklingen. Welch ein Ausdruck! Sobald Hansruedi in die Nähe kommt, läuft sein wandernder Blick sich manisch an dieser Aufschrift fest. Wie ein frei hängender Vers, auf den keine Bedeutung passt, mit seiner Aura von Fremdheit sich für immer ins Gedächtnis einscannt.

Weitere Räumlichkeiten, die an das Labor anschließen, sind das Magazin, in dem Retour-Flaschen herumstehen, und das Büro, alle drei verbaut von wuchtigen Schubladenschränken. Nicht zu vergessen der Giftschrank im sogenannten Kämmerli. Als wäre es nicht genug mit dieser bedrückenden Winkelarchitektur, macht ein düsterer Flur, der die Storchengasse mit einem Hinterhof der Parallelstraße verbindet, diese unheimliche Topographie endgültig zum Labyrinth.

Das vertrauenserweckende Bimmeln der Ladenglocke wird zu einem Alarmsignal, als mitten in der Apotheke urplötzlich ein Mann steht und einen blutüberströmten Arm in die Höhe streckt. Das Blut, das nur so heraus sprudelt, sammelt sich zu einer schwarzen Pfütze um seine Füße. Am Storchenbrunnen, das ist nur ein paar Schritte oberhalb der Apotheke, hat dieser Mann sich beim Holzspalten die Axt in den Unterarm gehauen. Dr. Giger verbindet ihn, das Riechsalz für seinen Assistenten in Griffnähe. Der kann kein Blut sehen und kippt regelmäßig um. Für Erste Hilfe ist die Steinbock-Apotheke die zuverlässigste Adresse der Altstadt. Es sind vor allem solche Situationen, durch die der Doktor und Apotheker sich den Respekt vieler Menschen erworben hat, auch wenn er sonst eher einschüchternd wirkt. Bei jeder Gelegenheit, sich zu entziehen, sitzt er, nachdem er die Gespräche mit den Kunden und Patienten an Florian Karst delegiert hat, im Büro. Eigentlich bevorzugen die Leute den Assistenten, schätzen an ihm vor allem die unendliche Geduld, mit der er sich um sie kümmert. Dass er die Gabe besitzt, zuzuhören und auf die Kunden einzugehen, ist lediglich die Voraussetzung für seinen Nimbus, über das magische Supplement zu verfügen, das so manche Therapie überhaupt erst zum Laufen bringt. Wie in den Arzt immer auch der Schamane projiziert wird, so in den Apotheker der Alchimist. Diesen Part erfüllt Karst wie kein Zweiter.

Die Welt als Konglomerat der Stoffe. Schon im Mittelalter diente diese Einsicht als Grundweisheit der Alchimie. In der Erkenntnis der Stofflichkeit der Welt manifestieren sich die Ursprünge all dessen, was sich historisch zu den Naturwissenschaften ausgewachsen hat. Egal wie magisch die Praktiken zur Manipulation der Stoffe ursprünglich besetzt gewesen sein mochten, letztendlich bildeten sie den Anfang allen wissenschaftlichen Experimentierens. Aber auch jenes Größenwahns, der in der Folge die Naturwissenschaften vorangetrieben und zu dem gemacht hat, was sie heute sind, denn Alchimisten waren Allmachtsphantasten, deren Begehren nach Wundermitteln und Wundertinkturen strebte. Ein Elixier sollte Dreck in Gold verwandeln, ein anderes als die Universalmedizin Krankheit, Alter und Tod besiegen. Selbst in der Epoche der Computermedizin hört es nicht auf, dass Ärzte durch solche magischen Brillen gesehen werden. Ebenso wenig lässt sich verhehlen, dass Ärzte den Nimbus dieses archaischen Rollenspiels im Guten genau wie im Schlechten einzusetzen wissen. Dem Dr. Giger lag nichts ferner, als sich mit derlei irrationalem Humbug zu identifizieren. In seiner Berufsauffassung war er immer auf der Höhe, jederzeit sachlich und praktisch orientiert.

Kein Wunder, wenn in jenen Jahren viele Kunden sich lieber an den Opiumpillendreher Karst wenden. Er gibt ihnen viel mehr, als es zur schlichten Aushändigung von Arzneimitteln bedarf. Diese Kunden treibt ein starkes Bedürfnis um, über ihren Körper zu sprechen und Aufmerksamkeit für ihre Befindlichkeiten zu wecken, vor allem aber wollen sie wieder und wieder dasselbe hören. Und: Es ist Karsts Stimme. Angenehm im Ohr, sonor und tief, wie gesunken unter dem Gewicht der schweren Bedeutungen, die sie zu transportieren hat. Bekanntlich reicht das Vertrauen in die Magie der Stimme viel tiefer als der Glaube an chemische Zusammensetzungen. Der Apotheker als Beschwörer – im Extremfall als Scharlatan. Waren die gierigsten Klienten der Alchimisten nicht die mittelalterlichen Könige und Alchimisten nicht durchtriebene Trickster? Dass magische Praktiken die Macht der Kirche untergraben, ist die politische Seite. Wie man weiß, war es im Mittelalter Usus, dass vom Kräuterweiblein bis zum Alchimisten alle, die in Verdacht gerieten, etwas mit Magie zu schaffen zu haben, von der Kirche als Teufelspaktierer verfolgt wurden. Den Teufel sah man in Bocksgestalt – der Bock ist im Wappen des Bischofs, im Wappen der Stadt Chur sowie im Emblem der Steinbockapotheke.

Eine andere Art Magie entfachen die Mittel selber. Verbotene Wirkungen und Nebenwirkungen für besondere Zustände. Dementsprechend gibt es spezielle Patienten, die die Churer Apotheke frequentieren. Sie hoffen auf die Sprachmagie ihrer Überredungskünste, denn sie wissen genau, was sie hier wollen. Unter derlei Fachleuten jedenfalls hat sich die Steinbock-Apotheke bis Zürich herumgesprochen, weil man, sofern man nur lang genug auf den Doktor einredet, Präparate bekommen kann, die ohne ärztliche Indikation nicht über den Ladentisch dürfen. Dr. Giger schafft es kaum, diese Menschen, für die er übrigens ein souveränes Verständnis aufbringt, unverrichteter Dinge abziehen zu lassen.

Fast zum zweiten Wohnsitz wurde sein Stammtisch. Skat klopfen und Meinungen kundtun. Der Stammtisch und die Liebe zu den Bergen, worin sonst sollte Dr. Giger sich als urwüchsiger Schweizer zeigen? Entrückt, hoch droben auf dem Gipfel das Licht, die Helle, die in der Talstadt fehlen, die Weite und Freiheit, die sich schon bei seinen jugendlichen Überlandfahrten vor ihm ausgedehnt haben. Der größte Vorteil ist es, dass man hier keine Menschen zu sehen kriegt. Schwerere Touren, richtige mit Seil, unternimmt er am liebsten mit seiner Frau, während die Wanderungen seine Familientage sind. Das ist die wahre Entspannung, so gelöst wie er dann wirkt. In Kauf nehmend, dass das Interesse der Kinder sich in Grenzen hält, erklärt er unermüdlich, aus welchen Bergen das Panorama sich zusammensetzt.

Dorli Goldner, ein Mädchen aus der Fremde und zwei, drei Jahre älter als Hansruedi, wird für einige Wochen unter dem Dach der Gigers leben. Nachdem die Schweiz in diesem bestialischen Krieg auf eine fast wundersame Weise davon gekommen ist, legt der Staat ein humanitäres Hilfsprogramm für kriegsgeschädigte Kinder auf. Er wirbt dafür, dass Schweizer Familien diesen Kindern wenigstens auf eine absehbare Zeit eine Art seelisches Refugium bieten mögen. Für Dr. Giger eine jener Situationen, in denen er zu handeln gewohnt ist. Die ganze Familie fährt in ein Dorf an der Grenze zu Österreich, wo auf dem Bahnsteig bereits Dutzende Kinder warten. Akkurat aufgereiht und jedes mit einer Karte um den Hals, auf der der Name der Gastgeberfamilie steht. Das Mädchen, das man den Gigers zugeteilt hat, ist aus Österreich und heißt Dorli Goldner.

Ein Mädchen als neues Familienglied, doch keine Schwester, wird für Hansruedi eine neue Erfahrung. Dorli geht schon in die Schule und erzählt lebhaft, was so alles los war in der Schule. Die täglichen Berichte ergänzt sie mit Bildern, die sie im Unterricht gezeichnet hat. Warum Dorli mit diesen vielen anderen Kindern am Bahnsteig stand anstatt bei ihrer eigenen Familie in Innsbruck zu sein, bleibt eine Angelegenheit, wo der einfühlsame Junge sich nicht nachzufragen traut. Etwas mit dem Krieg, soviel genügt – soviel muss genügen – das beredte Schweigen macht klar, dass die genauen Gründe sehr schlimm sein müssen.

Es bleibt nicht aus, dass Iris, Hansruedis sechs Jahre ältere Schwester, sich mit der neuen Mitbewohnerin zu befassen beginnt. Das passiert eher indirekt über die Theatervorstellungen, die sie mit ihrer Freundin Ruth inszeniert. Schauplatz ist der dunkle Flur, der Haus und Storchengasse mit der Parallelstraße, der Scharfrichtergasse, verbindet. Hansruedi, der argwöhnt, die beiden Älteren könnten die ihm lieb gewordene Freundin schikanieren, wird kurzerhand vertrieben. Aus einer viel späteren Perspektive scheint es jedoch, als wäre Dorli mit ihren Regisseurinnen mehr als nur gut klar gekommen, denn immerhin wird sie als Erwachsene den Schauspielberuf ausüben. Iris gehört nicht zu der der Spezies von Mädchen, die an ihren kleinen Geschwistern die künftige Mutterrolle eintrainiert. Hochbegabt, zeigt sie sich auch im Alltag als clever genug, sich Probleme vom Hals zu schaffen. Kleine Geschwister, insbesondere Brüderchen, können bei manchen Unternehmungen leicht zum Klotz am Bein werden. Als es wieder einmal so weit ist, wird Hansruedi buchstäblich kalt gestellt. Iris taucht ihn in den Storchenbrunnen. Was bleibt selbst dem Geschädigten übrig, als einzusehen, dass er diesem Zustand aus dem Verkehr gezogen werden muss. Schicksal! Er trocknet er den Rest des Nachmittags regungslos auf der Bank hockend vor sich hin.

5. Der Horror-Korridor

Während Dorli Schulerfahrungen zum Besten gibt, kann Hansruedi lediglich auf Kindergartenerfahrungen zurückblicken, kurze zwar, dafür intensive. Der Kindergarten nennt sich Marienheim, und die zuständige Nonne missioniert mit martialischen Bildern. Mit gehirnwäscheartigen Methoden werden Schuldgefühle einprogrammiert, etwa dieser Art: An euch, Kinder, allein liegt es, dass unser lieber Herr Jesus Christ aus seinem Kopf blutet. In Hansruedis eigenwilliger Phantasie wird das qualverzerrte, blutüberströmte Antlitz zu einem unheimlichen Überzug, der auf den Basler Schädel passt. Das Unheimliche begegnet nicht nur in verantwortungslosen Kindergärten. Das zumindest machen Fotos deutlich mit Szenen aus La Belle et la Bete von Jean Cocteau. Mit ihrem Dreh ins Phantastische handelt es sich da um andere Bilder. In Foppa zur Erholung weilende GI’s wollen dem Kind diese düsteren in LIFE abgedruckten „Märchen”-Bilder nicht vorenthalten: „Ich erinnere mich noch gut”, schreibt Giger, „an den langen Korridor mit den Armen, die die Leuchter hielten, an das Wesen mit dem Tierkopf … und an die mädchenhafte Erscheinung der ‚Belle‘, die, fast nur aus Schleiern bestehend, durchs Schloß ging.”

Damit Angst so richtig fühlbar wird und die Sinne lähmt, dazu braucht es selten spektakuläre Gründe. Im Gegenteil. Es ist das Alltägliche – für Kinder eher das Nächtliche, das jederzeit zu kippen droht und mit gefährlichen Rissen den sicher geglaubten Boden des Vertrauten zum Knarzen bringt. Dreimal pro Woche lassen die Eltern die Kinder am Abend allein in der dunklen Wohnung, um ins Kino zu gehen. Um das ruhigen Gewissens zu können, setzen sie voraus, dass die Kinder zu Hause gut schlafen. Warum auch nicht? In der Wohnung ist es still und dunkel. In Wirklichkeit liegen die Kleinen hellwach und geplagt von allen möglichen Ängsten in ihren Betten, ein Zustand, der sich erst dann wieder legt, wenn die Eltern wieder im Haus sind.

Eine andere Qualität des Unheimlichen liefert das Unterirdische. Oberflächlich betrachtet ist die Storchengasse 7 mit der kleinstadt-typischen Fassade ein ganz normales Anwesen. Doch der Schein trügt: Tatsächlich dient diese architektonische Unauffälligkeit der Tarnung dreier Eingänge zur Unterwelt. Das fängt an mit dem dunklen Vorhang, mit dem ein Treppenhausfenster verhängt ist, das, man weiß es nicht mehr so genau, wohl ins Nachbargebäude führt. Der zweite Eingang ist – naturgemäß – die Kellerstiege, eine steinerne Wendeltreppe, von deren Grund ein erdigkühler Geruch aufsteigt, der dritte Eingang hat Volumen und besteht aus einem Gewölbe. Zusammen mit dem Heizungsraum bildet es den Abschnitt eines schier unendlichen Geheimgangs, der zunächst unter der Churer Unterstadt verläuft und sich dann über die Rebberge bis hinauf zur Bischofsstadt schlängelt. Früher war der Gang zum Nachbargebäude hin offen, wurde aber irgendwann wegen Einsturgefahr zugemauert. Dieser Verschluss hält die Dimension Finsternis ab, eine selbstständige und aus begreiflichen Gründen stets ignorierte Dimension, die schwarz im Hintergrund immer bereit ist, alle mathematisch berechneten Dimensionen ad absurdum zu führen. Diese Ausdehnung des Nichts provoziert, beschäftigt, verwirrt die kindliche Phantasie – saugt sie hinunter in eine Wiederholungsschleife aus Alpträumen. Als ehemaliger Einstieg in diese labyrinthische Unterwelt bleibt die äußerlich harmlos und praktisch erscheinende Kellertreppe ein resistentes, stets jedoch aufdringliches Zeichen des Unheimlichen und Unpassierbaren. HR Giger erinnert sich, „abgeschreckt und angezogen” gewesen zu sein. Den Vater treibt es hinauf in die helle gereinigte Luft der Berggipfel, und der Sohn? Zieht ihn nicht dasselbe Begehren – nur minus-gepolt – hinunter in die Unterwelt aus Katakomben, Moder und Dunkelheit?

Vorläufig faszinieren Geisterbahnen. Wenn die Schausteller der Chilbi – Alemannisch: Jahrmarkt – die Geisterbahn aufbauen, hilft er mit. Zum Lohn gibt es Freifahrten. Bei dieser Arbeit ist es unvermeidlich zu erkennen, dass selbst dieser abgründige Illusionismus nicht mehr zu bieten hat, als die Effekte profanster Handwerkskunst. Skelette, Gespenster und Teufelsfratzen werden in einfachen, oft schäbigen Kisten gelagert. Mit diesen Gegenständen zu hantieren, bringt die einfache Erfahrung, dass diese Geisterwelt aus ganz alltäglichen Materialien gemacht ist, und dahinter wiederum eine leicht durchschaubare Technik und Mechanik am Werk sind, die die Schreckensnummern funktionieren lassen. Sobald er seine Freitickets abfährt und selbst durch das dunkle Labyrinth gekurvt wird, switcht er zurück in einen darken Kosmos, vibrierend von angstvergnügtem Gekreische, an dessen Tunnelende ihn dann doch wieder das wohltuende Licht der Freiheit aufnimmt.

Das Storchengassenhaus beherbergt immerhin diesen Korridor, der ähnlich spannend ist, und wenn die Chilbi-Betriebe nach drei Wochen abgebaut sind, ist das Verschwinden der Geisterbahn wie ein Entzug. Dagegen hilft nur eins: Geisterbahnen selber bauen! Wer von Natur aus über einen psychischen Transformator verfügt, um seine Erfahrungen zu übersetzen, oder anders gesagt, wer mit Kreativität begabt ist, besitzt nicht nur die Voraussetzung sondern auch das Potential, was sein Innenleben bewegt, zu materialisieren und in eine Form zu gießen, die Aufmerksamkeit erregt. Eine selbst gebaute Geisterbahn kommt diesen Ansprüchen bereits recht nahe. Auf alle Fälle bietet ihre Konstruktion die Gelegenheit, Horror-Tricks und Eisenbahn zu vereinen. Für das Vorhaben kommt nur der dunkle Flur zum Hof in Frage. Er ist lang genug, verwinkelt und durch Nischen unübersichtlich. Und sobald man das Fensterglas der Hoftür verhängt, stockdunkel. Ein Blickfang wie ein echter Schädel macht die Geisterbahn schnell zu einer Institution im Haus Storchengasse 7. Das Projekt läuft über Jahre, wobei die Bahn sich sukzessive perfektioniert.

Aus der Geisterbahn in die Schule: Mit acht wechselt Hansruedi seinen Lebensmodus. Das Schulhaus der Primärschule liegt schön am Fuß des Berges mit dem Bischofshof und ist aus dem Erkerfenster beinah zu sehen. Das Geäst der beiden Pappeln auf dem Schulplatz kennt er in- und auswendig, so viel ist er darin herumgeklettert. Die Schule wird als sogenannte Musterschule geführt, weil sie an das Lehrerseminar angeschlossen ist. Zu Anfang wirkt der massive Einschnitt in das freie Kinderleben gar nicht so abrupt, wie das zu erwarten gewesen wäre, weil der erste Schultag mit einem Erfolg endet. Hansruedi erntet ein Sonderlob für ein an die Tafel gezeichnetes Haus. Für Kinder seines Alters sehr ungewöhnlich, stellt er das Haus perspektivisch dar. Mit diesem Erlebnis aber hat es sich schon. Anfang der 1950er Jahre sind Primärschulen Ordnungsanstalten. Die frisch auf die Kinder zugreifende Staatsmacht verkörpert sich in brutalisierten Lehrern. Sie zerren an Haaren und Ohren, dreschen mit elastischen Ruten auf Handflächen und Fingerkuppen. Gigers Lehrer begnügen sich mit Ohrfeigen und Ohrenziehen. Diese alltägliche Gewalt springt wie aus einem Ansteckungsherd auch auf die Kinder über. Beispielsweise lässt sich ein Mädchen, es heißt Gudrun, in den Pausen stockgerade und kopfüber die Treppe hinunterknallen. Dieser tägliche Auftritt verschafft dem Mädchen mit den dicken Brillengläsern einen eher bitteren Ruhm unter den Schülerinnen und Schülern.

HR Giger vor seiner ehemaligen Grundschule, 2006

Sadismus und körperlicher Schmerz bleiben Hansruedi nicht erspart. Verantwortlich ein Mitschüler mit dem frommen Namen Josias C.. Als Hansruedi an einer Teppichstange schaukelt, schnappt dieser Christ die Beine und hält sie fest, ein, zwei Ewigkeiten lang, dann sind die kleinen Finger so schwach und taub, dass sie das Körpergewicht nicht mehr halten können, und Hansruedi Gesicht voraus aufs Hofpflaster knallt. Selbst die geringe Genugtuung, dass der Jungsadist bestraft würde, bleibt dem Geschädigten versagt, weil Josias nach seiner Untat sich tagelang in der Schule nicht blicken lässt.

Nach drei Jahren schwarzer Pädagogik, personifiziert in dem alten Kieni, kehrt im vierten Schuljahr mit einem neuen Klassenlehrer noch einmal unerwartet ein Stück Kindheit zurück. Er heißt Wieser. Statt an Schulbänke genagelt zu sein, liegen die Kinder am Boden oder kriechen durch eine Landschaft für Spielzeugeisenbahnen. Der Lehrer liebt riskante Situationen, lässt zwei Loks aufeinander zurasen und wartet genüsslich, dass sie zusammenkrachen – es sei denn, eins der Kinder ist geistesgegenwärtig genug und erwischt im letzten Augenblick die richtige Weiche. Macht die Eisenbahn einmal Pause, dann wird auch gelernt, zum Beispiel in Ton zu modellieren. Als eine besondere Merkwürdigkeit zu verzeichnen ist die Tatsache, dass niemand Hausaufgaben gibt. Keine Hausaufgaben in diesen sechs Jahren Primärschule. Selbst nicht der alte Tyrann Kieni. Wozu es die Primärschule gibt, und was da gelernt werden muss, erreichen die Kinder trotzdem in der vorgegebenen Zeit. Was sie in diesem glücklichen Schuljahr nicht ahnen können: Der Herr Wieser ist schwer krank und wird bald sterben.

Aus der Klasseneisenbahn bezieht die Phantasie neue Impulse für die Geisterbahn. Das Projekt begleitet Gigers gesamte Schulzeit, und die Botschaften des Grauens, die er sendet, gelten insbesondere den Mädchen, eine Adressierung mit spezieller Geschichte. Hansruedi ist zwölf, keineswegs zu früh, um sich mit Mädchen zu beschäftigen. Im Gegenteil, sein Interesse ist nicht neu, sondern hält schon einige Jahre länger an. Leider ist er schüchtern, eine schwierige Eigenschaft, die in der Primärschule überdies noch gefördert wird. Hansruedi ist als einziger Junge unter acht Mädchen geraten. Kleine Teufelinnen, die sich von seiner Schüchternheit herausfordern lassen. Der Einfallsreichtum, den sie entwickeln, um ihn fast täglich in Situationen zu manövrieren mit dem alleinigen Ziel, ihn irgendwie abküssen zu können. In diesem frühkindlichen Geschlechterkampf revanchiert er sich mit der Geisterbahn. Zwar aufwendig, aber umso wirksamer als Falle für die umtriebige Mädchengesellschaft.

Die fortgeschrittenste Anlage ist mobil mit echten Wägelchen auf Kugellagerrädern. Figuren, Materialien und Gegenstände werden aufwendiger – professioneller. Als Skelett fungiert ein mit Pappe und Gips gefülltes Drahtgestell, für Beleuchtung sorgen Taschenlampen mit farbigen Birnchen. Der Clou ist die unsichtbare Mechanik, die einen Sargdeckel und einen Gehenkten in Bewegung versetzt. Die süßen Fahrgäste, neugierig von vornherein, liefern sich, sobald sie Platz genommen haben, rückhaltlos dem Herrn der Unterwelt aus. Das Portal ist der Jahrmarktsbahn abgeschaut, schreckt ab und entzückt zugleich. Kunstvoll dekoriert mit Schlangen, Fledermaus und Totenschädel, weckt es ambivalente Erwartungen. Die auf Rädern laufenden Türflügel weichen geschmeidig zurück, und bevor sie richtig angefangen hat, stellt sich die Fahrt als ein Fehler heraus. Schädel von grünem, Rippen von blauem, Schenkelknochen von gelbem Licht angestrahlt. Ein Leintuchgespenst springt aus der Nische. Der Sargdeckel schwebt, der Mörder baumelt am Ast, da erscheint schon das nächste Gespenst, sofort noch eins – Hoftür, Licht – Reise zu Ende.

Hingabe, Zeiteinsatz – die Manie, mit der die Bahn betrieben wird, deuten hin auf eine ebenso tief- wie abgründige Bedeutung. Abgesehen davon, dass sich über diese Attraktion Kontakte knüpfen ließen, verfolgt dieser Großaufwand den psychogenen Zweck, Ängste weiter zu geben, zu übertragen, sie Anderen aufzuschultern. Die Mädchen, das hat Giger bald kapiert, offenbaren ihre Angst unverstellt, kreischen wild durch die Gegend, dabei erfahren sie, was ihm die Träume seit ewig sagen: Passagen sind kritische Phasen. Zu allem ist die Strecke der Bahn von einzigartiger territorialer Logik: Von der Storchengasse zur Scharfrichtergasse, Storch und Scharfrichter, Geburt und Tod – der gewaltsamste obendrein – in einer doppelten Symbolik verbunden durch den lichtlosen Horror-Korridor eines unauffälligen Kleinbürgerhauses.

6. Explosiv

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt sich der Horror aller Epochen wie im Zeitraffer: Massengewalt, Massenmord und Massensterben. Attentate, Putschs, Aufstände, Revolutionen, Kriege, Vernichtungslager, Atombomben, nach denen das Bild des Menschen sich ins Ungewisse verschiebt. Die direkten Nachwirkungen dauern bis Ende der 1960er. Davor wählen die Abenteuerphantasten unter den Jugendlichen Vorbilder aus einer imaginären Wildnis. Das auserwählte Volk zur Identifikation sind die Indianer, die sich in ihren Schlachten gegen die Kriegsmaschinerie der sogenannten Zivilisation in einen heroischen, weil aussichtslosen Kampf stürzten. Die Jugendlichen bedienen sich aus dem gängigen Vorstellungsmaterial. Dass die Nachkriegskinder unter anderem mit echten Waffen spielen, ist in dieser Atmosphäre kollektiver Gewalt nichts Ungewöhnliches.

In seinen Ferien in Mammern verbringt er nicht nur viel Zeit mit seiner Cousine Betty Naegeli, zu der er eine liebevolle, ein Leben lang andauernde Beziehung unterhält, sondern auch mit einem Cousin, der sich als großen Jäger phantasiert. Von ihm lernt er nicht nur Bleigießen und andere Metallverarbeitungsverfahren, sondern auch Jagd zu machen auf Vögel, Hühner und Fische. Als Jagdwaffen werden nicht nur Pfeil und Bogen aufgeboten, sondern auch ein Flobertgewehr. „Als ich aus den Ferien zurückkam, war ich vollbeladen mit Waffen: Karbidgewehren, selbst gegossenen Schlagringen, Munition, Äxten aus Blei, Handschellen aus Blech, Messern und Dolchen, aus alten Feilen gebastelt, usw. Die Mörder Deubelbeis und Schürmann sind in dieser Zeit gerade in Mode.” Deubelbeis – wieder einmal der Teufel – hier passend im Namen eines Mörders.