Hummelhirn - Judith Holofernes - E-Book

Hummelhirn E-Book

Judith Holofernes

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Beschreibung

»Nett zu sein, war mein erster Traum, lange bevor ich wusste, dass man genauso gut Rockstar sein kann.« »Hummelhirn« ist die Geschichte einer Anpassung – inklusive herzzerreißender und hochkomischer Fehlversuche. Mit Zartheit, Klarheit und Talent fürs Tragikomische blickt Judith Holofernes auf ihre Kindheit zurück. Sie erzählt von ihrer Ausbildung zum People Pleaser, der nonkonformistischen und doch so netten Mutter, von Liebeswirren, ersten eigenen Songs, einem launischen Körper unter Dauerbeobachtung – und davon, wie es ihr schließlich gelingt, die eigene Hummeligkeit ins Erwachsenenleben hinüberzuretten. Bevor sie mit Wir sind Helden Furore macht, ist Judith Holofernes ein komisches Kind. Eine Träumerin, die sich wie eine betrunkene Hummel durch die Welt bewegt. Was später als Neurodiversität bezeichnet wird, fällt im Berlin der wilden 1970er nicht weiter auf. Erst als die lesbische Mutter ins beschauliche Freiburg zieht, beginnt Judith, spektakulär anzuecken. Dabei möchte sie so gerne alles richtig machen. Also versucht sie den Spagat: Ob das geht, nett sein und besonders? Es geht. Auch wenn sie dafür einen hohen Preis bezahlt: Judith Holofernes wird der netteste Rockstar der Welt.

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Judith Holofernes

Hummelhirn

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Judith Holofernes

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

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Über Judith Holofernes

Judith Holofernes, ehemals Frontfrau und Texterin der Band Wir sind Helden, hat seit dem Helden-Aus zwei Soloalben und ein Buch mit Tiergedichten veröffentlicht. Seit ihrem Rücktritt vom Musikbusiness 2019 ist sie crowdbasierte Künstlerin, unterstützt durch ihre Community auf der Plattform Patreon. In ihrem Podcast »Salon Holofernes« spricht sie mit anderen Künstler:innen über ihre kreative Arbeit. 2022 erschien ihr Buch »Die Träume anderer Leute«, das mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand.

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Über dieses Buch

Bevor sie mit Wir sind Helden Furore macht, ist Judith Holofernes ein komisches Kind. Eine Träumerin, die sich wie eine betrunkene Hummel durch die Welt bewegt. Was später als Neurodiversität bezeichnet wird, fällt im Berlin der wilden 1970er nicht weiter auf. Erst als die lesbische Mutter ins beschauliche Freiburg zieht, beginnt Judith, spektakulär anzuecken. Dabei möchte sie so gerne alles richtig machen. Also versucht sie den Spagat: Ob das geht, nett sein und besonders? Es geht. Auch wenn sie dafür einen hohen Preis bezahlt: Judith Holofernes wird der netteste Rockstar der Welt.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

Covermotiv: © Illustratoren.de/Carolina Rodriguez Fuenmayor

 

ISBN978-3-462-31442-7

 

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

Bright Eyes

Magic Carpet Ride

White Knuckles

Für das Wahre, Schöne, Gute

Kein Elefant für mich

2013, Berlin: Dancing with Tears in my Eyes

Land in Sicht

Was ich gelernt habe, während ich bei anderen Leuten zu Besuch war (Vorschau):

666, Number of the Bird

Going Up The Country

Born to be wild

These boots are made for walking

Black Magic Woman

Bella Ciao

Sage Club, 2001: Tausche blödes altes Leben gegen neue Version

Echoes of my mind

Hedwig, The Angry Inch

2014, Berlin: Ist das so?

You dance like Zizi Jeanmaire

Welcome to the Jungle

My name is Nobody

Poetry in Motion

Berlin, 2001: Du erkennst mich nicht wieder

Barbie Girl

Sage Club, 2001: Nur mein Herz, das noch schlägt

Three little birds

Sage Club, 2001: Unerkannt

Sheila is a Punk Rocker

Sage Club, 2001: Mann, wer hätte das gedacht

Running up that hill

2024, Berlin: Shelter From The Storm

Never Ending Story

Der Wolf

2023, Berlin: Mit den großen Fischen

Wish you were here

2017, Berlin: The Greatest Show

Subterranean Homesick Blues

In Suburbia

Scheeßel, 2008: Alle für einen, einer für alle!

The Last Unicorn

Berlin, 2012: Von hier an blind

Diamonds and Rust

Berlin, 2025: Where you lead

Castles made of Sand

Land of Confusion

2016, Berlin: Playing House

The Loving Spoonful

Albtraum (Judith Holfelder, 6a)

Can’t take my eyes off of you

Horses

Die Hexe

No Woman No Cry

Crazy Baldhead

2005, Scheeßel, Hurricane Festival: Karma Police

A Teenager in Love

La-Boum-Town Rats

Uptown Girl

Howhowhowhow

2000, Hamburger Popkurs: Still got the Blues

School of Hard Knocks

2024, Tangs Kantine, Berlin

Take my breath away

Berlin, 2018: Ich bin eine Havarie

Watch me now! Hey!

Talk Talk

Berlin, 2004, Echo-Verleihung: Ein Blitzschlag nur für mich

Loving the Alien

The Time of my Life

You spin me right round, Baby

2022, Berlin Schöneberg: Ich bin das Chaos

The Beautiful South

Was ich gelernt habe, während ich mit anderen Leuten im Urlaub war

The First Cut is The Deepest

She’s a good girl, loves her Mama

2025, Berlin: I sing the body electric

These Walking Blues

Eternal Flame

Dreams are my reality

2025, Berlin: Juju Delulu

Send in the Clowns

Psycho Killer, qu’est-ce que c’est?

Our House in the middle of our street

2024, Berlin: Wild, wild horses

Big girls don’t cry

2023, Berlin: Come sail your ships around me

Where is my mind

2014, Berlin: So weit gekommen

Hopelessly devoted to you

Let’s have a party

2024, Berlin: Addicted to Love

Rat-Town-Boom

Berlin, 2021, Can I get that doggie in the window

Summer in the City

Ich hab noch einen Koffer in Berlin

2014, Berlin: Love me, love me, say that you love me

Es regnet Jungs

Make your own kind of music

2013, Berlin: Du bist soundso

While my guitar gently weeps

2004, Rock am Ring: Wenn es passiert

Rolling faster than a Rollercoaster

Sage Club, Berlin, 2001: Monster

If you want to sing out, sing out

And if you want to be free, be free

Man Eater

What I am

Dank

Du musst hier nicht dazugehören

aber such dir, was zu dir gehört

Du musst nicht tanzen

aber beweg dein Herz

The Geek (shall inherit), Wir sind Helden

Bright Eyes

Ich wünschte, ich hätte mich schon vorher gekannt. Also, bevor ich beschlossen habe, nett zu sein, meine ich. Wirklich sehr, sehr, sehr nett. So nett, dass ich mir das Genick gebrochen habe mit meinem Grinsen. So überproportional, unnötig, übertrieben nett, dass ich überproportional, unnötig, übertrieben viele Menschen dazu gebracht habe, mich zu lieben und Transparente zu schwenken, auf denen steht: Judith! Ich will ein Kind von dir! Du bist so nett! Der netteste Rockstar der Welt. Keine schwarzen Dahlien, keine sortierten M&Ms im Backstage, keine Drogen, keine Groupies, kein Ego, ich schwöre! Ich weiß überhaupt nicht, wie ich hierhergekommen bin.

 

Nett zu sein war mein erster Traum, lang bevor ich wusste, dass man genauso gut Rockstar sein kann. Über zwanzig Jahre hatte ich Blut, Schweiß und Tränen in dieses Nettsein investiert, das würde ich doch nicht einfach aufgeben, nur weil der zweite, noch kühnere Traum plötzlich aufging.

Zugegeben: vielleicht wäre es lustiger gewesen, eine Diva zu sein, mit Allüren und Allure, mit Chihuahuas und Koks und exaltierten Kostümen. Aber nicht für mich. Ich war irgendwann, in ferner Vergangenheit, einen Tauschhandel eingegangen: Nur auf der Bühne würde ich mich um mich selbst drehen, Abend für Abend, mit weiten Armen, und heimlich die Zeit meines Lebens haben.

Ich darf das! Ich bin so

klug

bescheiden

nett.

Als Kind muss ich theoretisch auch schon soundso gewesen sein, aber ich kann mich nicht erinnern. Auf Fotos sehe ich nicht sonderlich nett aus, allerdings auch nicht nichtnett. Nettigkeit scheint schlicht nicht mein dringendstes Anliegen in der Welt gewesen zu sein. Aus blaugrauen Augen blinzele ich unter dem Küchenscheren-Pony hervor, den Rest der schmutzblonden Haare schulterlang, im Nacken das Nest, das ich heute noch finde, wenn ich vergesse, mich zu kämmen. Zerzaust und gedankenverloren gucke ich in imaginäre Fernen, vielleicht auch in meinen eigenen Kopf hinein. Romantisch. Verwegen. Kühn.

Diese Fotos müssen entstanden sein, nachdem meine Mutter angefangen hatte, mir vorzulesen. Von dem Moment an war ich Heldin meines eigenen epischen Abenteuers und mit der Wirklichkeit höchstens noch lose befreundet. Meistens war ich, im Moment des Fotografiertwerdens, ein Mädchen, das unter Räubern lebt und mit Erdtrollen spricht, oder ein Mädchen, das eine Bande von Jungs kommandiert und Messer zwischen ihren Fingern tanzen lässt. Oder, noch aufregender: ein Junge.

In dieser Zeit besuchten wir manchmal eins der selbstverwalteten Kreuzberger Kinos, mussten aber nach zwanzig Minuten wieder gehen, weil die drastische Gewaltdarstellung in Pippi Langstrumpf (Piraten!) mein empfindsames Gemüt überstrapaziert hatte. Folgenschwer der Tag, als wir uns in Watership Down verliefen. Laut Plakat ein Kinderfilm mit niedlichen Häschen, ohne Piraten. Wer hätte ahnen können, was diesen Häschen bevorstand! Wir verließen den Saal derart überstürzt, dass ich einen kleinen Plastikpropeller, der mir am Herzen lag, auf dem Sitz liegen ließ. Ein unlösbares Dilemma, weil meine Mutter mich, aufgelöst, wie ich war, weder draußen stehen lassen, noch dazu bewegen konnte, auch nur einen Schritt zurück in Richtung der blutgetränkten Leinwand zu machen.

 

Die Kühnheit in meinem Blick auf diesen Fotos ist also, zugegeben, selektiv, so wie ich auch heute noch höchstens selektiv kühn bin.

Selektiv kühn werde ich mit siebzehn vor dreihundert Leuten singen, aber vor der Klasse keine drei Zeilen vorlesen können. Mit Anfang zwanzig: einen Haufen selektiv kühner Lieder schreiben und sie dann zehn Jahre lang höflich erklären. Mit Mitte zwanzig: auf Festivals Sprechchöre dirigieren, aber hinter der Bühne verstummen. Mit Mitte dreißig: gegen Boulevardpresse, Kommerz und Patriarchat wettern, aber am Telefon das Wort Nein kaum über die Lippen kriegen.(Nein ≠ nett) Bis heute, überall, ständig: Blumen in die Läufe meiner eigenen Kanonen stecken. Noch immer: durch die Finger in Richtung Leinwand blinzeln.

 

Auf jenen Fotos bin ich im Übrigen schon groß, vier oder fünf Jahre alt, und zu absichtlicher Verwegenheit fähig. Davor war ich ein Baby und habe selten absichtlich irgendwie geguckt. Blond und mausezahnig ducke ich mich unter Bänke und hinter Schranktüren, schalkhaft, frohsinnig, den peruanischen Schal meiner Mutter kunstvoll zum Pferdeschweif gebunden, wahrscheinlich, damit man mich besser fangen konnte. Noch früher, als Neugeborenes: ein zerknautschtes kleines Ding, das aussieht wie der Sänger der Fine Young Cannibals. Die Augen gucken prüfend in die Kamera. Sie haben dieses tiefe Grau, das sagt, dass ich noch Sachen weiß, von drüben. Um mich herum auf diesen Bildern: hauptsächlich Frauen. Schöne, leuchtende, entspannt wirkende Frauen mit Schlaghosen und rosigen Wangen. Wobei ich mir die rosigen Wangen natürlich dazugedacht habe, die Fotos sind allesamt in grobkörnigem Schwarz-Weiß gehalten, später in weichem Sepia.

 

Direkt nach meiner Geburt liegt meine Mutter Cornelia in einem zerwühlten Bett, auf der Kante sitzt ihre beste Freundin Stefani, selbst hochschwanger. Cornelia, erschöpft und selig, die dicken blonden Haare übers Kissen gebreitet, den Kopf madonnenhaft zur Seite geneigt, mit verliebtem Blick auf das nackte Würmchen auf ihrer Brust. Jung sieht sie aus, mit ihren sechsundzwanzig Jahren, selbst noch zart und neu, mit kindlichen, runden Wangen, und, wenn sie lächelt, großen, hinreißend unschuldigen Vorderzähnen. Daneben Stefani, die ihrerseits alles gibt, den technischen Rahmen mit ihrer Rosigkeit zu sprengen, das weiche Gesicht umrankt von schwarz-weiß-kastanienbraunen Locken, den hellblauen Blick stolz und liebevoll auf mich gerichtet, auf dem nächsten Foto dann genauso stolz und liebevoll auf meine Mutter. Den Auslöser wird, zurückhaltend und professionell, Stefanis Mann Reinhardt gedrückt haben. Hätte mein Vater Martin hinter der Kamera gestanden, wäre er nicht mit im Bild, aber das ist er, lächelnd, beseelt, im Hintergrund. Die Väter sind, auf diesen Fotos, höchstens irgendwie auch dabei.

Die häusliche Idylle dieser Geburtsbilder sollte sich später, wenn nicht als kompletter Fake, dann doch als geschönte Version der Ereignisse herausstellen. Wie alle ihre Freundinnen hatte sich meine Mutter eine friedliche Hausgeburt in der Wohngemeinschaft ausgemalt, fern vom Zugriff des Systems und seiner harschen Instrumente. Immerhin war es damals gang und gäbe, den Müttern die frisch geborenen Kinder wegzunehmen und nebenan in beleuchtete Glaskästen zu legen, als Sammelausstellung. Tatsächlich aber hatte ich mich der idyllischen Hausgeburt verweigert, verwegen, und mich so kühn verdreht, dass es dann doch die harschen Instrumente brauchte, um mich aus meiner knabenhaften Mutter zu ziehen. Kaum war ich herausgefriemelt, fuhren sie alle, Cornelia, Stefani, Martin, Reinhardt, aus dem Sankt Joseph Krankenhaus zurück in die Baerwaldstraße und legten sich dort ins Bett, um ebenjene Fotos zu machen. Und genauso machten sie es acht Wochen später noch mal, als Stefanis Tochter Laura, meine faktische Schwester, ähnlich zögerlich auf die Welt kam.

 

Knapp dreiunddreißig Jahre später werde ich mich fürchterlich grämen, weil meine eigene Hausgeburt misslingt. Sechs Wochen vor Geburtstermin liegt ein Schatten auf dem Ultraschallvideo von Kind Nummer zwei. Ein Schatten, der ein Herzfehler sein könnte. Wir sollen zur Geburt ins Krankenhaus. Das ist natürlich meine Schuld. Weil ich während der Schwangerschaft nicht entspannt genug war! Weil ich so viel Angst hatte! Weil ich so entmutigt war, so müde, so verzagt. So ratlos, ob wir das schaffen, mit zwei Kleinkindern im Tourbus. Weil ich zu viel gegessen und fünfunddreißig Kilo zugenommen habe, weil meine Füße auf Elefantengröße angeschwollen waren, ein Elefant für dich, mein Kind. Alles nur, um mich und meine Babys zu puffern gegen die Blödheit der Welt, und um wach zu bleiben, wach, wach, wach.

Zur ersten Schwangerschaft hatten alle gesagt: »Du bist so entspannt, so rosig, da wird alles wunderbar glattgehen!« »Danke!«, hatte ich geflötet und war aufs Klo gehuscht, um mich ein letztes Mal zu übergeben. Dann hatte ich den Aufzug in die Hotellobby genommen, zum sechsten von zwölf Interviews. Und dann war alles ganz wunderbar glattgegangen, Bilderbuch-Geburt mit Badewanne und Singen und Vogelgezwitscher, im Geburtshaus.

Jetzt, zwei Jahre später, nach zwei Touren und unzähligen Interviews mit Baby Nummer eins auf der Hüfte, schwanger mit Kind zwei, sind die Komplimente zu meiner Rosigkeit verstummt. Und ich in meiner Unrosigkeit bin, im Umkehrschluss, also auch verantwortlich, wenn diesmal nicht alles glattgeht. Und dann geht doch wieder alles glatt, nur eben im Krankenhaus. Der Herzfehler ist kein Herzfehler, sondern ein Schatten. Aber den Schatten, das weiß ich, den habe ich geworfen.

Magic Carpet Ride

Es gibt schöne, gemeinsame Fotos von meinen Eltern, die belegen, dass mein Vater meine Mutter sehr geliebt hat und sie ihn ihrerseits wirklich sehr mochte. Auf einem davon sitzen sie auf einem alten Cord-Sofa, mein Vater hält mich lachend in Richtung Kamera. Gut sieht er aus, in eng geknöpftem Hemd und Schlaghose, unter der Nase den funky Schnauzer, den er auch heute noch trägt, die Haare schulterlang, die Augen leuchtend vor Freude. Meine Mutter trägt ein kurzes gestreiftes T-Shirt-Kleid, wahrscheinlich das einzige, das ich je an ihr gesehen habe, und hat Haare genug auf dem Kopf für drei französische Schlagersängerinnen. Beide strahlen, meines Vaters Augen blitzen, Cornelias Vorderzähne blitzen, ich kaue nachdenklich auf einem Stift herum, was ich später als erstes Anzeichen meiner unausweichlichen Dichterkarriere werten werde.

 

Und trotzdem, Fotos mit meinem Vater sind rar. Sie haben ähnlich kuriosen Wert für mich wie die, auf denen ich mit zwei Löwenbabys auf dem Schoß zu sehen bin, im Berliner Zoo, wahrscheinlich darüber nachdenkend, ob ich schon gegen Katzen allergisch bin.

Zugegeben, es ist mir lange Zeit schwergefallen auszumachen, welcher der bärtigen Väter auf diesen Bildern mein eigener war. Die Bärte teilten sie sich alle, wie auch die schütterer werdenden, schulterlangen Haare. Doch irgendwann hatte ich den Dreh raus. Lauras Vater Reinhardt zum Beispiel trug die Schlaghosen ein bisschen enger, dazu eine Brille und die Haare kürzer, wahrscheinlich wegen seines Lehrerjobs. Meinen Vater erkannte ich an den breiten Schultern, der Holzperlenkette und den leuchtenden, klugen Augen, die ich später, inklusive Kette, auf Fotos des indischen Gurus Bhagwan wiederfinden würde, gerahmt, auf seinem Schreibtisch. Eine Weile lang waren Martin und Bhagwan für mich deshalb praktisch dieselbe Person.

Die Wohnungen hinter den Eltern sind unscharf, wahrscheinlich, weil sie zu schnell durchwechselten, um ohne Verwischen fotografiert zu werden. Fünfmal sind wir in sechs Jahren Berlin umgezogen, zwischen Wohngemeinschaften wechselnder Größe. Meine Mutter sagt, es war nicht leicht, den Überblick zu behalten, vor allem, weil nach den abendlichen Partys gerne Übernachtungsgäste zurückblieben, und morgens dann jemand Achtes in der Badewanne schlief, während sich jemand Neuntes auf einem Flokati zusammengerollt hatte.

 

Geboren, oder eben beinahe geboren, wurde ich in der Baerwaldstraße zu Kreuzberg, offiziell eine Vierer-WG. Cornelia und Martin waren mit Stefani und Reinhardt zusammengezogen, um keine alleinige Kleinfamilie zu sein, weil das, mal ehrlich, nun wirklich nicht infrage kam. Peinlich genug, dass sie alle irgendwie geheiratet hatten. Stefani und Cornelia hatten sich in einer Schwangerengruppe kennengelernt, wo man sich gegenseitig darin unterstützte, anders Eltern zu werden als die eigenen. Ohne Strenge, ohne Härte, ohne Scham. Reinhardts und Stefanis Tochter Laura wurde mir als Schwester buchstäblich in die Wiege gelegt, schon der Geburtsvorbereitungskurs ein pränatales Blinddate für die werdenden Töchter.

Die ersten Fotos von Laura zeigen ein winziges, knautschiges Ding mit einem Schopf dunkler Haare und entzückendem Monchichiwesen. Als Kleinkind dann war sie rund, schokoladig und robust, mit Michelin-Ringen um die sicher Schritt vor Schritt setzenden Beinchen. Ich für meinen Teil schien weniger solide in der Welt verankert, trotzdem aber meistens gut gelaunt. Ich wusste ja nicht, dass ich ein Sorgenkind sein würde.

Unsere grundlegende Verschiedenheit wurde von Anfang an ausgiebig betont, schätzungsweise, weil der Kontrast uns beide niedlicher machte. So, wie Jungtiere verschiedener Spezies sich in ihrer Niedlichkeit multiplizieren, auf den Kalendern oxytocinhungriger Mitfünfzigerinnen im Bürgeramt. Schweinchen und Küken in einem Korb! Laura und Judith in einem Waschzuber!

Immer wieder erzählen unsere Eltern, wie Laura, kaum dass sie laufen konnte, konzentrierten Blickes ein gefülltes Milchglas von einer Ecke des Raumes in die andere trug. Ich hingegen, so sagt man, bewegte mich wie eine betrunkene Hummel durch die Welt, suchte scharfe Kanten mit dem Radar und hinterließ, auch ohne Milchglas, eine Spur der Verwüstung.

Die Folklore besagt, dass Laura das vernünftige Naturell von ihrem rationalen, strukturierten Vater Reinhardt geerbt hatte, dem Chemielehrer.

Ich wiederum hatte meine Veranlagung offensichtlich von einem vorbeitaumelnden Exemplar des Bombus Confusus[1] abbekommen, so wie Jeff Goldblum in Die Fliege. Mein Vater zumindest stieß sich nicht an Kanten, höchstens an Türrahmen. Auf mich wirkte er verlässlich und erdverwurzelt. Dass er, zumindest auch, ein orientierungsloser Wolkenkuckuck gewesen sein könnte, der erst mit knapp vierzig sein drittes Studium abschließen sollte, wurde mir erst später bewusst. Auf der anderen Seite meine Mutter, schmal, zurückhaltend, besonnen (klug, bescheiden, nett). Sprunghaft und ausschweifend nur im Denken. Andererseits: die fliegenden Arme und das verblüffend explosive, helle Lachen. Vielleicht also doch ein Hummelwesen, insgeheim.

White Knuckles

Die ofengeheizte Vierzimmerwohnung in der Baerwaldstraße war eng, aber gemütlich, sagt Cornelia, mit Badewanne und Flokatis für alle. Trotzdem, wenn irgendjemand hier sein Studium abschließen wollte, dann mussten die neuerdings herumlaufenden Babys zeitweise anderswo betreut werden. Vor allem das hummelige.

Stefani und Reinhardt waren Teil der Gruppe, die unseren selbstverwalteten Kinderladen aufbaute. Das zog sich allerdings ein bisschen in die Länge und Cornelia brauchte ein sofort funktionierendes Betreuungskonzept, weil ihr Referendariat bevorstand.

Wenn es hart auf hart kam, griff ihr meine Oma Ruth unter die Arme, für alle Notlagen von Umzug bis Grippewelle. Ruth, Martins Mutter, auf eigenen Wunsch Omutti genannt, reiste eigens aus Villingen-Schwenningen an, um je nach Bedarf Wände zu streichen, Kisten zu schleppen oder das Kind zu bespaßen. Sie war berlintauglich, was man nicht von jeder Oma erwarten konnte, zupackend und beinahe pathologisch hilfsbereit. Hoch und gerade gewachsen, mit feinen weißen Locken, feinem Geist und noch feineren, schwebenden Händen war sie meiner Mutter durchaus angenehme Gesellschaft, weltoffen, freudig und nur ein klitzekleines bisschen übergriffig. Das Letztere sagt mein Vater, aber der war sie ja auch gerade erst losgeworden.

 

Zu meinem ersten Geburtstag schrieb Omutti mir einen erstaunlich ambitionierten Brief, den ersten von vielen:

Villingen 9. November 1977

 

Liebste Judith!

Nun bist du schon ein ganzes Jahr in unserer Familie und wir können uns das Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen. Es ist ja ziemlich schwierig, bis man sich zurechtfindet mit alldem, auch wenn die Cornelia und der Martin ihr Bestes tun. Zu hundert Prozent haut es nie hin. Es kann nicht immer alles klappen, wie man möchte. Das wäre auch vielleicht gar nicht mal gut. Man muss ja leider Gottes lernen, mit den anderen, mit vielen Leuten und vielen Widerwärtigkeiten zu leben. Und je eher das anfängt, umso besser.

Echt, Omi?

Die Hauptsache bei alldem ist nur, dass sie alle dich unheimlich lieb haben. Da sind eine Menge Leute, die wollen, dass du glücklich bist und so wenig wie möglich abkriegst.

Okay?

Du solltest von der Omutti einen Winteranzug bekommen, ehe es kalt wird. Oder richtige Schuhe zum draußen Laufen. Die Selbstgemachten sind nur fürs Haus und noch ein bisschen groß, wie die Cornelia sagt. Leider!

Der Les Misérables-Unterton scheint mir leicht übertrieben. Ganz bestimmt hatte ich Schuhe zum draußen Laufen. Oder?

Alles in allem: Sei rundum glücklich! Du sollst mal sehen, das färbt auch auf die Cornelia und den Martin und auf die anderen ab.

Verstanden.

»Zum Schluss einen ganz dicken Geburtstagskuss und Gott befohlen,

 die Omutti«

Für das Wahre, Schöne, Gute

Oma Ruth war definitiv involviert. Auf Dauer allerdings bedurfte es einer handfesteren Lösung. Die WG in der Baerwaldstraße, Cornelias Affenfamilie, löste sich auf. Stefani zog in die Crellestraße in Schöneberg und Reinhardt an den Fuß des Kreuzbergs, wo er bis heute wohnt, die Flokatis ließ er zurück. Mein Vater ging irgendwo unterwegs verloren. Also, natürlich nicht ganz, immerhin sollte er nach der Trennung noch fast zwei Jahre in Berlin bleiben. Wir müssen uns in dieser Zeit oft gesehen haben, abgesehen von den zwei Wintern, die er in Poona, zu Bhagwans Füßen, verbrachte, und den Ausflügen zu diversen Landkommunen, auf der Suche nach einer neuen Utopie.

Meine Mutter beteuert, dass Martin als Vater überraschend viel getaugt habe, für einen Mann seiner Generation. Sogar Windeln soll er gewechselt haben, während die anderen Väter in der WG-Küche den Niedergang des Patriarchats diskutierten. Aber ich erinnere mich nicht wirklich an ein Berlin mit ihm darin, außer vielleicht an das beruhigende Ticktack der Scheibenwischer seines Taxis.

Meine Eltern trennten sich vorbildlich und freundschaftlich(= nett), allerdings erst, nachdem Cornelia behutsam, über Jahre hinweg und unter sanftem Zureden, Martins weiße Knöchel von ihrer Hand gelöst hatte. Ganz losgelassen, vor Schreck, hat er seine Jugendliebe erst, als ihm klar wurde, dass er gegen die rosigen Frauen Berlins nichts ausrichten konnte. Genauer gesagt, als er Stefani und Cornelia auf dem Flokati im Wohnzimmer fand.

Daran war erst mal nichts außergewöhnlich, wer zweimal mit derselben pennt, und so. Aber Stefani und Cornelia, sagt er, das habe ihm die Augen geöffnet, da habe er gewusst: Du bellst vor dem falschen Baum, Martin.

 

Meine Mutter hatte den beharrlichen Martin seit Teenagertagen regelmäßig an die Freundschaftlichkeit ihrer Gefühle erinnert. Man kann ihm die Beharrlichkeit trotzdem schwer übel nehmen. Auf dem Papier passten die beiden wirklich gut zueinander, mit den früh verstorbenen Vätern, den guten Schulnoten und der sanften Abgrenzung vom Villinger Spießertum. Außerdem hatte Cornelia so viele Themen zu bearbeiten, mit Anfang zwanzig. Vielleicht wusste sie gar nicht, was sie wollte? Sie wusste ja noch nicht mal, wie viel man essen musste, um nicht zu verhungern! Vielleicht würde sie, mit genug Selbsterfahrung, auch noch lernen, ihn zu lieben.

Was meine Mutter stattdessen lernte, in der Selbsterfahrung: essen und dass sie lieber mit Frauen auf den Flokati wollte.

Von der Trennung erinnere ich, vielleicht, ein Gefühl von Erschütterung, von einem Reißen. Eine Welt, die vorübergehend zu groß ist, mit zu wenigen Leuten drin. Ich habe ein Foto von meinem Vater an einem Nordseestrand, ein großer Mann mit windzerzausten Haaren und einem klitzekleinen Baby auf den Unterarmen, die Gummistiefel im Schlick. Da waren meine Eltern wohl noch zusammen, wer hätte sonst das Foto gemacht und danach das winzige Baby gestillt. Aber mir hat sich dieses Bild eingebrannt als Beweis eines brechenden Herzens, zur Not meines eigenen.

 

Mit Anfang zwanzig würde ich im Traum versuchen, ein kleines gelbes Küken aus einem Fluss zu retten, das letzte in einer langen Reihe zu rettender Kleintiere. Als ich mit der Hand im brackigen Wasser nach dem gelben Flaum fischte, bekam ich stattdessen ein Büschel nasser Haare zu fassen und zog den abgetrennten Kopf meines Vaters heraus. Ich erzählte Martin von diesem Traum, tastend, doch der erwehrte sich mit freundlicher Bestimmtheit des töchterlichen Mitgefühls. Er war ganz bestimmt kein gelbes Küken!

Allerdings hat er durchaus kükenhafte Momente, noch heute, Jahrzehnte später. Dann guckt er seufzend zu Boden, schüttelt sein Gefieder und sagt Sachen, wie: »Und da wurde mir klar, dass Cornelia wohl mehr das Kind als den Mann gemeint haben könnte.« Das, im Übrigen, ist eine Deutung, die mir immer wieder begegnet: dass meine Mutter ein Kind gewollt haben könnte, wissend, dass sie den Mann dazu nicht behalten will. Sie sagt: »Ich wusste eigentlich gar nichts«, was mir altersgemäß erscheint und außerdem schöner, für mich. Das andere würde schließlich bedeuten, dass sie mich dem Universum irgendwie abgeschwindelt haben könnte und ich ergo gar keine Existenzberechtigung hätte. Außer, wenn ich sehr, sehr nett wäre, vielleicht.

Als Wolf und Brigitte in die Baerwaldstraße zogen,

dachten alle dort, sie wären ein Paar

Sie hatten zusammen eine Kiste,

nur das mit der Beziehung

war Gitte vielleicht nicht ganz so klar

Und am Morgen saßen alle zusammen in der Küche

und Brigitte kraulte Manfred den Bart

Und Irene stand an der Spüle und sang,

nur Wolfgang saß weinend im Bad

Für das Wahre, Schöne, Gute

will jeder gerne bluten

und fühlen, was es zu fühlen gibt

Es war alles schön und gut

Es gibt nichts, was man nicht tut

aber Wolfgang hat Brigitte geliebt

Die Ballade von Wolfgang und Brigitte, Wir sind Helden

Kein Elefant für mich

Eine große Wohnung mit hohen, nackten Wänden, ich alleine, vielleicht noch auf allen vieren. Irgendwo in der Küche, zu weit weg, sitzt meine Mutter, mit übergeschlagenen Beinen, und neben meiner Mutter eine andere Frau, die ich nicht kenne oder nicht mag. Zwischen mir und der Küche eine schwarze Katze, die ich seitdem vage für den Beginn meiner Katzenhaarallergie verantwortlich mache, wenn es nicht die Löwen waren. War das die Zeit, als ich vergessen habe, wie man atmet? Vielleicht ein bisschen später. Mit knapp zwei Jahren hatte ich Keuchhusten, danach war mir irgendwie der Automatismus entfallen. Ein, aus. Ein, aus. Ein! Ein! Ein! EIN! EIN! EIN! –––––––––––! Cornelia musste mich aus dem Fenster in die kalte Nachtluft halten, damit ich mich erinnerte. Wenn es mir nicht einfiel, fuhren wir ins Krankenhaus.

 

Ihr neues Betreuungskonzept fand meine Mutter in einer chilenischen Exilanten-Familie, die mich flexibel auf Spanisch betreute und ansonsten den Umsturz des heimischen Regimes vorantrieb. Cornelia und ich zogen von Kreuzberg in eine Zweizimmerwohnung in der Nogatstraße in Neukölln, eine damals sehr unwirtliche Gegend, jedoch in praktischer Nähe zu Gilda, ihrer Mutter La Nana, und Schwester Carmen. Meine chilenischen Tías bildeten, abgesehen von Baby Camilo, seit Kurzem einen reinen Frauenhaushalt. Gildas Mann Edmundo war zurück nach Chile gegangen, um Pinochet aus nächster Nähe zu stürzen. Ob er zurückkam, weiß ich nicht.

Ich erinnere mich an eine große Wohnung, hohe Wände, einen breiten Schoß oder mehrere, dazu eine Ahnung milde verwirrender Lateinamerikanität. Bis heute habe ich das Gefühl, Spanisch können zu müssen, und bin enttäuscht que no es así. Aus dieser Epoche stammt auch mein erstes Kunstwerk, das bis heute bei meiner Mutter an der Wand hängt. Es zeigt zwei expressive Kopffüßler, einen größeren und einen kleineren, und trägt den Titel: Judith und Camilo, als Hausgeister verkleidet.

 

Mein Vater fuhr derweil für drei Monate nach Indien, zu Bhagwans Ashram in Poona. Cornelia sagt, sie habe keine Minute gezögert, ihren Ex in so weite Fernen ziehen zu lassen, auch wenn er selbst seine Entscheidung heute drastisch findet. »Ich habe mich für ihn gefreut«, sagt sie. »Ich dachte, dass ihm das guttun würde.«(= nett) Zu Bhagwan nach Poona zu gehen, sagt sie, sei so ziemlich das Coolste gewesen, was man damals machen konnte. Alle wollten dahin. Außer ihr, vielleicht. Sie wollte mit Frauen auf den Flokati.

Martin schrieb uns Briefe aus Poona, auf hauchdünnem blauen Airmail-Papier, zu Umschlägen gefaltet, um Gewicht zu sparen. Adressiert waren sie an Cornelia oder mich, manchmal auch an seine Mutter, die längerfristig in Berlin weilte, um auszuhelfen. Unterschrieben waren sie mit A. Martin, das A stand dabei für Anand, den Zweitnamen, den Bhagwan ihm verliehen hatte.

Poona: Freitag, 14. Dezember 79

 

Liebe Judith, liebe Cornelia, liebe Mutti! So einen richtigen Elefanten wie den auf dem Bild hab ich immer noch nicht gesehen, nur ganz klein aus Holz, zum Spielen. Hier ist es so warm, dass die Kinder alle barfuß rumlaufen. Mitten in der Stadt liegen die Kühe auf der Straße.

Ich hab gerade ’ne kurze, 48-stündige Atempause zwischen zwei Gruppen, dadurch entstanden, dass ich am Morgen des vierten von fünf Tagen wegen nicht enden wollenden Hustens rausgeflogen bin. Der Husten war eine Infektion, erstens, zweitens ein nervöser Reflex auf: nicht husten dürfen.

Für die nächste Gruppe, die eh eine schöne sein soll, habe ich mir jetzt doch einen Hustensaft gekauft.

Auf einen Nenner kann man Poona bringen: Durchblicken ist nicht. Günstigstenfalls mitkriegen, was so mit und in einem läuft. Das Ganze eine große Verwirrmaschine.

Ob ich meinen Bart abnehme, Mutti, werden wir noch mal in Ruhe gemeinsam überlegen, gell.

Macht’s gut zusammen, bis bald, herzlich,

euer A. Martin.

 

PS: Schon das neueste Wortspiel gehört? Wenn’s anandara (ein anderer) Martin wird, schlägt der Bliss ein. (»Anand« heißt bekanntlich Bliss,also Glückseligkeit. Passt.)

2013, Berlin: Dancing with Tears in my Eyes

Ich tanze mit dem Blick zur Wand, damit die anderen meine Tränen nicht sehen. Eigentlich überflüssig, irgendwer heult hier immer, aber ich bin ein bisschen scheu, zumal ich mir nicht sicher bin, ob man mich erkennt, trotz Jogginghose.

Seit ein paar Monaten gehe ich jede Woche zum Fünf-Rhythmen-Tanzen, einer Tanz-Meditation, die meistens, wenn man nicht gerade heulen muss, sehr viel Spaß macht. Heulen muss ich, zum Beispiel, weil ich meine Band betrauere, die sich nach fast zwölf Jahren inoffiziell aufgelöst hat. An anderen Abenden wiederum tanze ich mit der neu gewonnenen Freiheit, schüttle lachend meine Gliedmaßen aus, fühle mich so leicht, wie schon lange nicht mehr. Das Zehn-Tonnen-Gewicht auf meinen Schultern kann ich hier, für ein paar Stunden zumindest, abwerfen. Und bemerke staunend, dass mir der Himmel nicht auf den Kopf fällt.

Ich habe meine Freundinnen gefragt, ob sie mitkommen wollen, aber den meisten ist diese Art des Tanzens ein bisschen too much. Ich kann sie gut verstehen. Ich für meinen Teil störe mich nicht an den jauchzenden Frauen und grunzenden Männern um mich herum, ich bin dankbar, dass ich zwischen ihnen ungestraft komisch sein darf.

Die mangelnden Berührungsängste sind ein Geschenk meines Vaters. Weil er in Poona den Hustensaft gekauft hat, darf ich mich hier Abend für Abend neu mit meinem Körper anfreunden. Über Jahre haben wir einander schmählich ignoriert, aber jetzt ist er manchmal, immer wieder, randvoll mit Bliss.

Land in Sicht

Nach seiner Rückkehr aus Poona zog mein Vater weg aus Berlin. Kurz vor seinem Aufbruch hatte er doch noch seinen utopischen Landsitz gefunden. Ein kleines Haus in Külte, Nordhessen, für fünfundzwanzigtausend Mark.

Nachdem er sein vorgezogenes Erbe in das Häuschen investiert hatte, stand es ein halbes Jahr einfach so rum. Martin hatte anderweitig zu tun. Er musste sich neu verlieben, in eine zehn Jahre jüngere Martina, poetischerweise, die ihn endlich ordentlich zurückliebte.

Gemeinsam ging es ein zweites Mal nach Poona, wieder für drei Monate.

Diesmal begleitete auch meine Omutti ihren Sohn nach Indien, freudig, neugierig und nur ein ganz kleines bisschen übergriffig. Für Ruth begann dort eine lebenslange Entdeckungsreise, die sie am Ende, mit zweiundneunzig Jahren, als praktizierende Buddhistin abschließen sollte, und zwar mit diesen tief spirituellen Worten: »Jetzt reicht’s aber auch langsam.«

Martin gefiel es im Ashram auch beim zweiten Besuch sehr gut, vielleicht sogar besser als beim ersten. Er kam im roten Overall und mit Holzperlenkette zurück sowie mit dem gerahmten Bild, das auf seinem Schreibtisch landen sollte. Die Verwirrmaschine hatte ihn offensichtlich geklärt wieder ausgespuckt. Martina hingegen hatte noch in Poona ihre Holzkette zurückgegeben. Ihr war das Gruppenkuscheln, und wohl auch das Einzelkuscheln, zu viel. Und vielleicht auch das Ansinnen, dass sich alle Sanyasin, die Schülerinnen und Schüler Bhagwans, sterilisieren lassen sollten.

 

Erst nach der Rückkehr aus Indien zogen die beiden nach Külte, wo Martin, im roten Overall, mit Feuereifer begann, das alte Fachwerkhaus auszubauen. Für mich stellte er einen Sandkasten und ein Klettergerüst in den Garten, außerdem wurden zwei Mutterschafe angeschafft, Annewiese und Wieselotte.

Kurze Zeit später begann ich, ihn dort zu besuchen, einmal sogar mit dem gesamten Kinderladen im Schlepptau, ansonsten mal mit Laura, mal allein. Immer aber ohne Cornelia, die ihre vorübergehende Freiheit nutzte, um erste feministische Bücher zu übersetzen, von Betty Friedan und Marylin French. Kühn und verwegen hatte sie auf der Frankfurter Buchmesse einen unabhängigen Verlag angesprochen und war mit einem ersten Auftrag nach Hause zurückgekehrt. Ihr Lehramtsstudium würde sie bald abbrechen. Übersetzen machte entschieden mehr Spaß, kam ihrer Liebe für Sprache, Literatur und Inruhegelassenwerden entgegen und ließ sich einigermaßen bequem von zu Hause erledigen. Sogar mit Hummelkind. Bald würde sie sich als Spezialistin für besonders schwere Fälle einen Namen machen. Zuerst waren das feministische Standardwerke, dann kaum lösbare Krimis, dann Romane in sogenannten Nichtstandardsprachen wie Pidgin und Patois. Heute, auf ihre alten Tage, übersetzt sie Science-Fiction (»Ich lerne gerade alles über Deep Space Mining!«) und Fantasy-Werke mit einem Personenindex von mehreren Hundert Seiten. (»Der Tad Williams schon wieder! Wenn das so weitergeht, krieg ich bald auch spitze Ohren.«)

In den Anfangstagen ihrer Karriere war sie froh, wenn mein Vater mich hin und wieder aufs Land entführte, vor allem, wenn sie mit einem Buch im Endspurt war. Martin holte mich in Berlin ab, ich sang auf dem Rücksitz, was mit Ahs und Ohs kommentiert wurde. Das Auto machte Tick Tack und unterlegte meine Tagträume mit einem ersten Beat.

 

In Külte angekommen wurde sichtbar, was ich längst gewusst hatte. Mein Vater war ein Riese. Die niedrigen Türen, Decken, Wände standen ihm gut, Martin schien sein vierhundert Jahre altes Puppenhaus aus den Angeln heben zu wollen. Das Haus aber hielt stand und so war es der Kopf meines Vaters, der den Kürzeren zog, ständig hatte er Schrammen auf der geschundenen Halbglatze. Dazu die schwieligen, rauen Hände, die er, wie er mir stolz zeigte, nur noch mit einer speziellen Teerseife sauber bekam.

Erst viel später hat er dieses Bild zurechtgerückt: mein Vater, der zupackende Männermann? Als Teenager sei er schlaksig gewesen, sensibel, von einer fiesen Skoliose früh verbogen. Nach dem frühen Tod des Vaters im engsten Sinne ein Muttersöhnchen, Muttermännchen vielleicht eher. Groß ja, riesig nein. Wenn breitschultrig, dann erst seit Kurzem. Die schief gezogenen Schultern aufzurichten, sagt er, könnte Hauptmotivation für das Projekt Külte gewesen sein, jede fachkundig verputzte Wand ein Bollwerk gegen die eigene Hirnigkeit.

Für mich war es gut, einen Riesen zum Vater zu haben. Ich hatte Angst vor dem knarzenden, dunklen Haus und vor dem hübschen, kleinen Zimmer, das er für mich eingerichtet hatte. Ein paar Nächte lang würde er versuchen, mich dort zum Einschlafen zu bringen, bevor er mich augenrollend(nicht schlafen ≠ nett) ins Erwachsenenzimmer rübertrug.

Mit den Augen rollte er auch, wenn ich nicht aß(nicht essen ≠ nett), was auf den Tisch kam, bis er eines Tages das aussortierte Essen unter dem Tisch entdeckte und damit das Ausmaß meiner Verzweiflung begriff. In dem Moment gewann das jüngst in Poona gestärkte Empathievermögen gegen die eigene Fünfzigerjahre-Erziehung und er ließ mich in Ruhe vom Teller picken, was mir gefiel.[2] Einen Zusammenhang zwischen wählerischem Essverhalten und den abendlichen Asthmaanfällen stellte keiner her und so wurden mir weiterhin händeweise Nüsse verfüttert, weil die so viel gesünder waren als Süßigkeiten. Das galt im Übrigen auch in Berlin. Als ich dort nach einem besonders exzessiven Haselnuss-Weihnachten im Kinderkrankenhaus landete, erklärte man Cornelia, Weihnachten »sei ja auch eine emotional belastende Zeit«.

Auch die Külte-Katze wurde nur zögerlich mit meinem Schniefen und Keuchen in Verbindung gebracht. Als der Zusammenhang dann doch hergestellt war, wuschen Martin und Martina alle Wände, bevor ich das nächste Mal zu Besuch kam, und sperrten das Vieh nach draußen. Am Abend fuhren sie mich ins nächstgelegene Krankenhaus, überrascht, dass Katzen sich gar nicht so leicht abwaschen lassen.

Irgendwann zu dieser Zeit muss es gewesen sein, dass die beiden für einen klammen Augenblick überlegten, ob sie mich vielleicht zu sich nehmen sollten. Mein ständiges Kranksein, die Spillerigkeit und eine »leichte Aura der Verwahrlosung« ließen sie zweifeln, ob Cornelia sich eigentlich ausreichend um mich kümmern könne. Sie hatte ja selbst gerade erst gelernt, wie viel man essen muss!

»Puh, ey, Gott sei Dank haben wir das schnell wieder verworfen«, sagt mein Vater heute. »Puh, ey«, sage ich. Es habe nie ein Zweifel daran bestanden, dass ich emotional aufs Beste versorgt gewesen sei, sagt Martin. Es ging ums Materielle, Physische, um die fehlenden Pullover in meinem Gepäck. Die könnten allerdings im Kontrast zu Lauras ordentlich gepackten Köfferchen besonders ins Auge gestochen haben. Ich sage nur: Dass ich ohne Pullover ankam, bedeutete nicht unbedingt, dass ich ohne Pullover losgefahren war.

Ich fürchtete mich, wie gesagt, ein bisschen vor Külte. Vielleicht fürchtete ich mich, auch, ein bisschen vor der schönen, klugen, aber wirklich sehr, sehr jungen Martina, mit ihrem präraffaelitischen Gesicht, den schwarzen, kurzen Locken und der jugendlichen Bedürftigkeit. Sie, just einer Kindergartenkarriere entflohen, war hauptsächlich für meine Betreuung zuständig, während Martin im Städtchen Deutsch für Ausländer unterrichtete. Ich sollte Martina bald sehr lieb gewinnen, aber das hier war doch ein bisschen plötzlich.

 

Martina, heute Psychotherapeutin, sagt, ich sei von Anfang an sehr zutraulich und offen gewesen und sofort anstandslos auf ihren Schoß geklettert. Nur Abschiede, sagt sie, konnte ich nicht ertragen. Wenn es Zeit wurde, hätte ich mich weggeduckt oder »irgendwie Drama gemacht«.(Drama ≠ nett) Aber auch sie, sagt sie, hätte mich nur ungern gehen lassen. Auf dem Rückweg, im Auto, habe ich dann doch wieder gesungen.

Was ich gelernt habe, während ich bei anderen Leuten zu Besuch war (Vorschau):

Nichts essen ≠ nett

Sachen aufessen, die jemand anderes essen wollte ≠ nett

Nicht schlafen ≠ nett

Zu viel schlafen ≠ nett

Die teure Augencreme aufbrauchen ≠ nett

obwohl sie einem angeboten wurde ≠ nett

Nicht duschen ≠ nett

Zu lange duschen ≠ nett

Immer noch gegen Nüsse allergisch sein! ≠ nett

Immer noch gegen Katzen allergisch sein! ≠ nett

obwohl man schon fünfzehn ist! ≠ nett

Nicht atmen ≠ nett

Komische »Hhhhiiii-Hhhiiiii!«-Geräusche machen ≠ nett

Blau anlaufen ≠ nett

Alle in Unruhe versetzen ≠ nett

Nach Hause wollen ≠ nett

666, Number of the Bird

Cornelia und ich bezogen derweil eine Ladenwohnung in der Herrfurthstraße in Neukölln, wieder eine ziemlich raue Lage. Von der satanistischen Gruppe im Seitenflügel erzählte meine Mutter mir erst später. Die allerdings hatte kein ausgeprägtes Interesse an uns, vielleicht waren wir zu mikrig zum Opfern. Dafür hatte Cornelia uns eine eigene satanistische Gruppe ins Haus geholt: zwei schwarze, sprechende Vögel, Beos, die aussahen wie misslaunige Amseln mit gelber Kriegsbemalung und die in einem großen Käfig im Wohnzimmer wohnten. Verächtlich vor sich hinscheißend saßen sie dort auf ihrer Stange und verfolgten uns mit den Augen. Bevor sie überhaupt ein Geräusch von sich gaben, plusterten sie ihre Kehlen auf und produzierten ein beunruhigendes, anschwellendes Schnalzgeräusch, Klack, Klack, KLACK! Dann erst erschallte ihr scheppernder Ruf, schockierend laut, blechern und dämonisch wie ein rückwärts gespieltes Heavy Metal Album. Wenn man sich ihnen näherte, ohne die nötige Ehrerbietung an den Tag zu legen, hackten sie einem tiefe Wunden in die Finger. Trotzdem saß Cornelia immer wieder geduldig vor dem Käfig und versuchte, mit den Vögeln ins Gespräch zu kommen. Aber falls unsere Beos überhaupt etwas mitzuteilen hatten, dann schienen sie sich erst aufzuwärmen. Wahrscheinlich übten sie heimlich ihre Antrittsrede zur Weltherrschaft.

 

Unsere Ladenwohnung hatte ein großes Fenster zur Straße raus, dahinter lag der Verkaufsraum und hinter diesem das ehemalige Lager, mit einer breiten Matratze, auf der meine Mutter und ich gemeinsam schliefen, daneben die Beos in ihrem Käfig.

Anscheinend schlief auf dieser Matratze auch Rita, Cornelias erste richtige Freundin. Die soll nämlich dort mit uns gewohnt haben, daran kann ich mich allerdings kaum erinnern.(sich nicht an Rita erinnern ≠ nett)

Später, wir hatten fünfzehn Jahre nicht gesprochen, würde Rita mir am Telefon erklären, dass sie erstens meine Zweitmutter gewesen sei, und zweitens, wie problematisch sie es damals fand, dass wir so eng miteinander waren, Cornelia und ich, unser Verhältnis habe »beinahe etwas Libidinöses« gehabt. Ich, soweit ich mich erinnern kann, fand das Verhältnis zu meiner Mutter hauptsächlich gemütlich, und mit ihr in einem Bett zu schlafen war gut gegen die Geister hinter dem Fenster. Ich empfand, wenn überhaupt, eher Ritas Anwesenheit als problematisch und ihr Verhältnis zu meiner Mutter als irritierend libidinös.

 

Mit Worten wie »libidinös« wird im soziokulturellen Milieu meiner Eltern sehr frei umgegangen. Als ich Anfang zwanzig war, erzählte mir Stefani, dass Cornelia und sie sich ihre Babys, also Laura und mich, hin und her gereicht hätten, zum Stillen, dass sie, Stefani, das als sehr innig empfunden habe und dass Stillen ja beinahe etwas Erotisches habe. Dabei betonte sie, mit ihrer tiefen, expressiven Kulturradiostimme, das Wort erotisch auf dem o und außerdem so, als hätte es in der Mitte zwei t, was mich zutiefst irritierte (iRITTierte). Obwohl Stefani, ihres Zeichens Malerin und Autorin und, schätzungsweise, des Altgriechischen mächtig, wahrscheinlich recht hatte mit ihrer Aussprache: Ich weiß trotzdem nicht, wie ich zu den erottischen Still-Experimenten stehe.

 

Ich sehe mich, wie ich auf dieser großen Matratze einschlafe, eingerollt neben meiner Mutter. Die missbilligende Rita, beleidigt an den äußeren Bettrand gedrängt, sehe ich nicht. Berlin, vor dem Ladenfenster, sehe ich in Grau und Wundpflasterbeige, die zerschossenen Häuserwände so rau verputzt, dass man sich im Vorbeigehen daran die Hände aufreißen konnte. Bäume sehe ich keine.