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Nach ihrer Krebsdiagnose im Herbst 2003 schließt sich die 70-jährige Ilse Grass einer Selbsthilfegruppe für Krebskranke unter Leitung eines Psycho-Onkologen an. Dieser hat die Idee mit den Gruppenmitgliedern den Jakobsweg zu gehen, ein schon lange gehegter Traum von Ilse Grass. Im Mai 2005 ist es dann tatsächlich soweit. Eine aufregende vierwöchige Pilgerreise mit vielen tollen Erlebnissen und Erfahrungen aber auch Schmerzen und Verzweiflung beginnt.
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ilse Grass
Humpelknie und Hexenschuss
Mein persönlicher Jakobsweg
Nach ihrer Krebsdiagnose im Herbst 2003 schließt sich die 70-jährige Ilse Grass einer Selbsthilfegruppe für Krebskranke unter Leitung eines Psycho-Onkologen an. Dieser hat die Idee mit den Gruppenmitgliedern den Jakobsweg zu gehen, ein schon lange gehegter Traum von Ilse Grass.
Im Mai 2005 ist es dann tatsächlich soweit. Eine aufregende vierwöchige Pilgerreise mit vielen tollen Erlebnissen und Erfahrungen aber auch Schmerzen und Verzweiflung beginnt.
Gehen ist des Menschen beste Medizin.
Hippokrates
In beinahe allen Büchern, die Pilger über ihren Jakobsweg geschrieben haben, taucht die Frage auf: Bin ich auf diesem Weg Gott begegnet?
Auf dem Weg selbst stellte ich mir diese Frage nicht. Ich war nicht auf Pilgerfahrt, um Gott zu suchen oder gar zu finden. Ich hatte und habe keine Vorstellung von Gott. Wie könnte ich kleines Menschlein mit meinem beschränkten Verstand eine Macht, die das Universum erschaffen hat, begreifen? Gott zu begegnen kann ich wohl nur auf einer anderen Ebene, die den menschlichen Verstand übersteigt.
Als ich am 5.Mai 2005 den Jakobsweg begann hatte ich zwar die Erwartung, irgendwelche spirituellen Erfahrungen zu machen, aber keinerlei Vorstellung davon, was da auf mich zukommen könnte. Ich war für alles offen und ließ es einfach geschehen.
Da gab es Phasen auf meinem Weg, in denen Raum und Zeit nicht zu existieren schienen, zumindest nicht in der gewohnten Form. Da gab es auch Augenblicke, in denen ich alles zu verstehen glaubte, und solche, in denen es keine Grenzen mehr zwischen mir und der Welt zu geben schien. Das waren Erfahrungen, die mit Worten eigentlich nicht zu beschreiben sind. Sie geschahen unerwartet und waren mit einem Gefühl großer Freude verbunden, wenngleich sie auch beängstigend waren.
Meistens geschah es auf meinen Alleingängen, zweimal aber auch in Kirchen: Das erste Mal in Eunate und dann noch einmal in der kleinen verwahrlosten Kirche von Rabanal.
Diese Erlebnisse haben mich tief berührt. Vielleicht hat mich damals eine Ahnung von Gott gestreift – ich weiß es bis heute nicht genau – ich habe nur so ein Gefühl, das ich nicht beschreiben kann.
Nach so vielen Jahren und trotz meiner Krankheit befinde ich mich nun auf dem Weg. Es gibt keinen Zufall und was sein soll erfüllt sich auch. Deshalb bin ich zu dieser Therapiegruppe gestoßen. T. ist Psycho-Onkologe und will mit einer Gruppe krebskranker Menschen Teile des Jakobsweges gehen und damit beweisen, dass Bewegung, Anstrengung, spirituelle Erfahrungen und Motivation sehr gute Therapien sein können. Wir sind vorläufig sechs, später werden noch zwei weitere Personen zu uns stoßen. T. betreut uns medizinisch, wir können also völlig angstfrei losgehen.
Wir sind mit zwei Autos zunächst von Wien bis Freiburg gefahren, wo wir in einer schönen Jugendherberge übernachtet haben, eine Premiere für mich im »hohen Alter« von 70 Jahren, um am nächsten Tag weiter bis Le Puy zu fahren, von wo wir den Pilgerweg beginnen wollen.
Für mich war der Anfang nicht gut und ich überlege, ob ich überhaupt mitgehen soll. Ich bin gestürzt und mein linkes Knie, das ohnehin schon lange lädiert ist, schwillt an, ist dick wie ein Fußball und ich kann nicht auftreten. Ich bin verzweifelt. Sechs Monate habe ich mich auf den Jakobsweg vorbereitet und jetzt soll alles schon zu Ende sein, wo wir noch nicht mal am Startort sind! Ich kann nicht einmal zum Frühstückstisch gehen, kann mich nur auf einem Bein hüpfend fortbewegen. Es wäre wohl am gescheitesten von hier mit der Bahn nach Hause zu fahren. Aber die anderen reden mir gut zu. Wir haben ja die Autos dabei, die wir ohnehin von einem Etappenziel zum nächsten fahren müssen. Wenn ich den Weg schon nicht gehen kann, kann ich ihn wenigstens fahren. Und wenn es gar nicht anders geht, kann ich immer noch den Zug nach Hause nehmen. Das leuchtet mir ein, ist besser als gar nichts. Ich fahre also bis zu unserem Startort mit. Das Bein habe ich hochgelagert und mit kalten Umschlägen versorgt. Wenn wir am Ziel sind, wird T. mal danach schauen. Oh Gott, das ist kein guter Anfang! Buen camino!
In aller Früh besorgen wir uns bei der Pilgerbehörde unsere Pässe und die obligate Jakobsmuschel, die uns überall schon äußerlich als Pilger erkennen lassen wird. Jetzt geht der Jakobsweg also wirklich los! Leider nicht für mich. Ich kann nur mit Mühe ein paar Schritte humpeln, obwohl mein Knie fest bandagiert ist. Ich muss mit dem Auto nach Mont Bonnet, unserem ersten Etappenziel fahren und dort bis abends auf meine Weggenossen warten. Ich kann aber wenigstens ein Nachtquartier organisieren, dachte ich jedenfalls. In der Herberge kann man keine Betten vorbestellen. Wer ankommt, kriegt auch ein Quartier und wer später kommt und alles ist schon belegt, der hat Pech gehabt. Der Herbergsvater sieht aber, dass ich verletzt bin und macht eine Ausnahme. Er zeigt mir ein Wüstenzelt, eine richtige Jurte, die außerhalb der Herberge mitten in einer schönen Wiese steht und bietet mir diese ungewöhnliche Unterkunft für die Nacht an. Wir müssten nur sehr gute Schlafsäcke haben, meint er, denn die Nächte seien eiskalt. Mir gefällt die Jurte, ich sage also sofort zu und hoffe, dass meine Entscheidung auch den anderen Recht ist. Als sie abends ankommen und unser Nachtquartier sehen, sind gottlob alle begeistert und wir richten uns gleich häuslich ein, bevor wir in einem nahegelegenen Gasthaus unser erstes Pilgermenü essen, sehr reichlich und gut und die Flasche Rotwein für jeden gibt es gratis dazu.
Vor dem Schlafengehen behandelt T. mein Knie. Er stochert mit ekelhaften Nadeln genau dort herum, wo es am meisten weh tut. Mit einer Spritze zieht er den Erguss heraus, mit einer anderen spritzt er Kortison hinein. Jetzt sollten die Schmerzen bald etwas nachlassen.
Ich glaube nicht an Zufälle, dieser Unfall hat mir etwas zu sagen, aber was? Soll ich umkehren? Ich weiß es nicht, noch nicht. Eine innere Stimme sagt: »Lass es an dich herankommen, entscheide dich erst morgen.« Ich schlafe mit der Überzeugung ein, morgen die richtige Entscheidung zu treffen. Buen camino!
Nachdem mein Knie über Nacht pochend geschmerzt hat, bin ich überzeugt aufgeben zu müssen. Beim Frühstück, das wir in aller Frühe mitten in der schönen Frühlingswiese bei strahlendem Sonnenschein und bester Laune (mit Ausnahme von mir) einnehmen, teile ich meinen Entschluss den anderen mit.
Ich kann dabei meine Tränen der Enttäuschung nicht zurückhalten, so sehr ich mich auch bemühe. Ich schäme mich, weil ich mich in meinem Alter nicht beherrschen kann. In meiner Vorstellung hätte ich mit meinen 70 Jahren so etwas wie eine Trostspenderin, die gütige, alles verstehende Mutter oder so was ähnlich Blödes sein müssen. Und jetzt stehe ich da, flennend wie ein kleines Kind. Ich denke, ich bin ein Hemmschuh für die Gruppe.
Zu meiner Überraschung sehen das meine Mitpilger anders. Sie trösten mich, reden mir gut zu und versichern mir, dass sie mich auf jeden Fall bis Santiago de Compostela mitnehmen wollen, wenn nicht anders dann per Auto.
Aus lauter Rührung über diese Einstellung heule ich noch mehr, ich kann die Tränen gar nicht stoppen und ich fühle, wie mich das Weinen befreit. Alle Tränen der vergangenen Jahre, die ich nicht geweint habe, fließen jetzt hemmungslos: Die Tränen der Trauer über den Tod meines Mannes, die Tränen der Angst vor meiner Krebserkrankung, die Tränen der Hilflosigkeit gegenüber dem Schicksal.
H., die Psychotherapeutin ist, meint, es sei wunderbar, dass ich mich auf diese Gefühle endlich einlasse. Es sind die ersten Tränen auf diesem Weg und in unserer Gruppe, es sind aber nicht die letzten. Buen camino!
T. behandelt wieder auf grausame Weise mein Knie mit dem Ergebnis, dass ich wieder auftreten kann.
Ich beschließe, die heutige zweite Etappe wenigstens ein kleines Stück mitzugehen. Wir machen aus, dass ich jederzeit aufhören kann und, dass mich dann jemand mit dem Auto weiterbringt.
Es geht besser als ich gedacht habe. Ich humple einen ziemlich steilen Weg hinauf hinter den anderen her und bemühe mich, halbwegs Schritt zu halten. Ich will für die Gruppe auf keinen Fall hinderlich sein. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich bleibe zurück. T. bleibt bei mir und ermuntert mich durchzuhalten. Das ist gut, sehr gut sogar, denn ohne seinen Zuspruch würde ich glatt verzweifeln. Der Weg führt über Stock und Stein. Es ist eigentlich ein Bergpfad mitten durch einen Wald und Felsenschluchten, und es gibt keine Möglichkeit, mit dem Wagen zuzufahren. Ich muss also weitergehen, ob ich will oder nicht. Nicht einmal ein Hubschrauber könnte mich hier abholen, geschweige denn unser VW-Bus.
Weitermachen, den Schmerz mental in erträglichen Grenzen halten! Ich bin gefordert, mich mit dem Schmerz auseinander zu setzen, und nicht nur mit dem Schmerz im Knie, sondern mit Schmerzen im Allgemeinen, mit allen körperlichen Schmerzen in meinem Leben, die ich nicht auszuhalten glaubte, die aber doch irgendwann vergangen sind oder zumindest aushaltbar wurden.
Ich merke, dass ich mich vom Schmerz distanzieren kann, er ist zwar da, aber es ist, als stünde ich daneben und er ginge mich nichts an. Also weitermachen und den Schmerz in die Schranken weisen, ihm nicht mehr Bedeutung zumessen als nötig! Mein Schmerz geht den Camino mit mir mit, vielleicht, um mir bewusst zu machen, dass ich ihn schließlich nicht mehr brauchen werde. »Mein Freund Schmerz, ich weiß, dass du oft hilfreich bist, und ich nehme dich auf meine Pilgerreise mit. Aber am Ende werde ich dich irgendwo abladen und zurücklassen. Nichts für ungut!« Buen camino!
Wir gehen zunächst durch ein Meer von Ginster, leuchtend gelb, berauschend duftend und traumhaft schön. Die Sonne brennt herunter. Was für eine unerwartete Hitze nach der eiskalten Nacht in der Jurte. Ich habe Sonne und Hitze noch nie gut vertragen und ich merke, wie mir das jetzt zusetzt. Aber ich gehe weiter, ich muss weitergehen.
Laut Landkarte kommt jetzt ein längerer Abstieg, was für mich fatal ist. Bergab kann ich mein Knie so gut wie gar nicht belasten, nichts ist schlechter für ein kaputtes Knie, als bergab zu gehen. Der Weg führt nun stufenförmig immer steiler bergab über Stock und Stein, Wurzeln und Felsbrocken. Ich muss mir jeden einzelnen Schritt erkämpfen.
T. und H. gehen mit mir. H. ist die Einzige außer T., die nicht Krebs gehabt hat, sie begleitet ihren Mann auf dem Camino. Aber jetzt begleitet sie mich. Die beiden respektieren meinen Wunsch, nicht gestützt oder geführt zu werden, sie zeigen mir aber auch die günstigsten Schritte, überreden mich immer wieder, etwas zu trinken und sind einfach da, sie lassen mich nicht allein.
