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Nach Kanada zu fliegen, um mit Freunden auf die Jagd zu gehen verspricht schon an sich ein Abenteuer der besonderen Art zu sein, zumal für einen europäischen Großstädter. Sicher wird es ungemütlich, anstrengend, kalt, ja und blutig und auch eklig wird es auch werden. Vielleicht genau das richtige, um einem Mann im gestandenen Alter aus einer Sinnkrise herauszuhelfen. Bei alledem hätte er sich allerdings nicht vorstellen können, dass dabei auch sein eigenes Leben auf dem Spiel stehen könnte. Manchmal kann eben ein dummer Zufall einfach alles über den Haufen werfen.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Wie häufig kann man in den Fernsehnachrichten am Rande von Berichterstattungen über irgendwelche Unglücke die in der Welt geschehen ein verzweifeltes Gesicht einer Person im Interview sehen, die offenbar Pech hatte, am falschen Ort zur falschen Zeit gewesen zu sein.
Da mag man denken: ‚Mann, was ist die oder der so bescheuert, sich da auch nun unbedingt aufhalten zu müssen!‘
Selbst in so eine Situation zu geraten, die das komplette Leben von einem Moment auf den anderen auf den Kopf stellt, erscheint uns so weit entfernt, wie der Ort des Geschehens.
Aber die Situation ist real, und die Person auch.
Irgendwann ist eben irgendeiner mal dran.
Aber man selbst?
Nein unmöglich!
Unmöglich?
.
Abfliegen
Ansitzen
Aufbrechen
Ausharren
Abfeuern
Anfrieren
Abtreten
Verloren
Vergeigen
Verschwinden
Verpassen
Versagen
Zurückkehren
Glossar
Er lag irgendwie so halb auf dem Rücken, halb auf der Seite. Die Sonne blendete so stark, dass er die Augen nur einen minimalen Spaltbreit öffnen mochte, zumal seine Sonnenbrille bei dem Sturz irgendwie weggeflogen war. Die Kälte des tiefen Pulverschnees spürte er nicht, da das Adrenalin, dass ihn bis vor wenigen Sekunden noch unter Hochspannung gehalten hatte, nun von dem Schock abgelöst wurde. Er war im Kopf aber ganz klar und dieser übermittelte ihm eindeutig, dass er von einer Kugel getroffen wurde.
Der Hamburger Flughafen, seit einiger Zeit nur noch ‚Airport‘ genannt, wirkt auf den ersten Blick, als befinde man sich tatsächlich auf dem Sprungbrett der Weltstadt in die große weite Welt. Vielleicht ist er das auch tatsächlich, aber Todd ist nach der Fahrt mit der S-Bahn zum Terminal erstmal bedient, als die Rolltreppe ausgefallen und er seinen knüppelvollen Koffer die Treppe nach oben tragen muss, zumal er noch den schweren Rucksack und vor allem seinen Spezialcontainer mit seinem zerlegten Jagdgewehr auf dem Rücken festhalten muss. Dazu die Boots: Scheiße, die Füße tun jetzt schon weh, nach den paar Schritten, die er bisher mit ihnen gegangen war. Er ahnt, dass das keine gute Idee war, die anzuziehen. Aber in der Euphorie, der Vorfreude auf die Reise hat er sich natürlich standesgemäß angezogen: Seine gefütterte Jeansjacke, den Bolotie 1* um den Hals des karierten Flanellhemdes, die Jeans mit dicker Gürtelschnalle, den schwarzen warmen Stetson* auf dem Kopf und natürlich die Cowboy-Boots.
Er schleppt sich durch das Terminal und merkt, wie die innere Anspannung, die so schon zu Schweißausbrüchen geführt hatte, immer weiter zunahm, je mehr er sich dem Abflugschalter näherte. Zumindest gaffen die Leute ihn hier nicht mehr so blöde an, wie in der S-Bahn.
Die junge Frau am Schalter lächelt ihn etwas zu freundlich an, sehr nah am auslachen wegen seines Outfits, aber er musste jetzt dringend die Ruhe bewahren. Koffergewicht 22,5 kg, okay, das passt gerade noch, Glück gehabt. Jetzt den Gewehrkoffer. Nein, natürlich befindet sich keine Munition im Koffer, der Verschluss des Gewehres ist vorschriftsmäßig getrennt vom Rest der Waffe, der Koffer ist verschlossen, die Unbedenklichkeitsbescheinigung des kanadischen Konsulats ist auch in Ordnung, gut, Stempel, Siegel auf den Koffer, „Guten Flug“.
Während er sich umdreht, atmet er einmal ganz tief durch und fühlt nicht nur wegen des nicht mehr vorhandenen Gewichts, eine schwere Last von seinem Körper entweichen und die Freude an dem geplanten Abenteuer kommt wieder auf. Aber nur kurz, denn das ‚Theater‘ der Ganzkörperkontrolle steht ihm ja noch bevor.
Er reiht sich in der Schlange ein und geht im Schneckentempo mit vielen anderen Schritt für Schritt in Richtung Kontrollstation, dabei hat er das Gefühl, die Füße schmerzen immer mehr und er kann kaum noch stehen. Als er an der Reihe ist, fällt ihm dann auch wieder ein, worauf die Kontrolleure Wert legen und was die Gefahr einer Einzelkontrolle nach dem Nackt-Scanner verringert: Gürtel ausziehen, Bolotie ab, selbst der Ehering, das Münzgeld in der Hosentasche, kein Metall am Körper. Dann das Zeichen eines Beamten, dass er in den Scanner darf. Arme hoch, pieps, pieps, dann das Handzeichen vom Beamten, rauszukommen und vorzutreten. Scheiße, was will der jetzt? Er zeigt auf die Stiefel. Oh Mann, die kriegt er niemals von den Füßen, zumal ohne Stiefelknecht*. Er muss in eine Nische im Kontrollbereich, in der eine Sitzbank steht. Der Schweiß rinnt ihm vom Gesicht, während er mit viel Mühe sich die Stiefel von den Füßen zieht. Was hat Ben in Kanada noch gesagt? ‚Ich flieg immer im Anzug und Krawatte mit Businessschuhen, dann lassen sie dich zufrieden‘. Ja toll, Mann, das war ja mal wieder ‘ne Superidee in der Klamotte in den Flieger steigen zu wollen! Nachdem seine Boots nochmal durch den Kofferscanner mussten, offenbar ohne versteckten Sprengstoff in den Hacken, quält er sich wieder in die Stiefel hinein. Eine Beamtin hinter einem Tisch ruft ihn zu sich, weil sie etwas an seinem Rucksack auszusetzen hat. „Haben Sie verbotene Güter in ihrem Rucksack?“ fragt sie. Oh Mann, wenn die schon so blöd fragt, muss wohl irgendwas von dem Inhalt nicht in Ordnung sein. „Keine Ahnung“, antwortet er und sie öffnete ihn und zog ein Glas Nuss-Nougat-Creme heraus, das er noch kurz vorher gekauft hatte, um es seinem Freund in Kanada mitzubringen. „Was ist daran denn verboten?“, fragte er. „Tut mir leid, das verstößt gegen die Vorschriften“. Er wollte erst fragen, ob die Gefahr besteht, dass er damit dem Flugkapitän den Schädel einschlagen könne, sagt aber nur: „Vergessen Sie’s“, während sie das Glas über dem offenen Müllcontainer hält und in dem Moment wo er es ausspricht, hineinfallen lässt.
Er nimmt seinen Rucksack und wollte endlich raus aus dem Kontrollbereich, aber da kommt erneut ein Beamter auf ihn zu und fordert ihn auf mitzukommen. Mann, was wollen die alle von mir? Er folgt ihm etwas abseits in einen fensterlosen Raum und schließt die Tür hinter ihm. Auf einem Tisch liegt sein geöffneter Koffer.
„Ist das Ihr Koffer“
„Ja, was ist damit?“
Er trug seinen Stetson schon die ganze Zeit in der Hand, weil er einfach zu warm war. Jetzt zwirbelte er nervös an dessen Krempe. Der Beamte nimmt mit gummibehandschuhten Fingern einen Stoffsack im Koffer, holt daraus sein großes Bowiemesser, hält es mit den Fingerspitzen in die Luft, als sei es mit Kot verunreinigt.
„Das ist mein Jagdmesser, das brauch ich, weil ich in Kanada auf die Jagd gehen will, das ist doch im verschlossenen Koffer, mein Gewehr hab ich doch auch aufgegeben“.
„Gewehr?“. Der Beamte blickt überrascht, tippt in seinen Computer und findet die Aussage offenbar bestätigt.
„Aber Sie hätten nicht mit einem solchen Messer hier in der Halle herumlaufen dürfen“
Todd musste sich zusammenreißen. Er war wegen des Stiefeltheaters und des Nuss-Nougat-Glases eigentlich ohnehin schon kurz vorm explodieren.
„Das Messer können Sie leider nicht mitnehmen, das muss ich konfiszieren, außerdem muss ich Anzeige erstatten, wegen des Tragens von gefährlichen Waffen im Flughafenbereich“
„Aber das war doch die ganze Zeit im Koffer. Wie soll ich das denn sonst mitnehmen?“
Der Beamte tippt weiterhin auf seinem Computer, während Todd herumsteht und darauf wartet, was er jetzt machen oder sagen würde. Schließlich hatte er offenbar ein Einsehen, weil ihm Todds Geschichte wohl glaubhaft erschien, denn schlägt er vor:
„Also das Messer bleibt hier und von der Anzeige werde ich ausnahmsweise absehen. Sie bekommen aber einen Eintrag bei den Zollbehörden, darum komm ich nicht herum.“
Todd beißt sich auf die Lippen, sagt aber nichts, während der Beamte seinen Koffer schließt und sein Messer in den Sack zurück und zur Seite legt.
‚Schön, das landet jetzt in der Asservatenkammer, 150 Euro Spende an den Flughafen und in Kanada kann ich mir ein Neues kaufen‘.
Er verlässt gefrustet den Raum und trottet in Richtung Abfluggate. Zum Glück hatte er ausreichend Zeit eingeplant, damit er jetzt trotz des ganzen Theaters nicht in Stress geraten muss.
Der Flieger hebt pünktlich nach London ab und langsam kehrt bei Todd wieder etwas innere Ruhe ein, zumal der Platz neben ihm freiblieb, auf dem er dann seinen Hut ablegen konnte und er sich erstmal eine Bloody Mary gönnte.
Der Alkohol und sein fast leerer Magen, der seit einem kleinen Frühstück Stunden zuvor keinen Nachschub erhalten hatte, waren die Kombination, die ihn tatsächlich soweit runter brachte, dass er einnickte, obwohl die Sitzposition in dem Kurzstreckenflieger alles andere als schlaftauglich war.
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Melissa nahm ihn in den Arm, als sie sich heute Morgen zur Arbeit von ihm verabschiedete, es machte ihr nichts aus, dass er jetzt zehn Tage allein auf Reisen ging. Aber besonders viel Verständnis dafür, dass er meinte in die Kanadische Wildnis zur Jagd gehen zu müssen hatte sie wohl eher nicht. Sie hat ein feines Gespür dafür, ihrem Mann ab und zu Freiheiten zu lassen, lässt ihn sich alle paar Jahre ein geiles Auto kaufen oder eben jetzt allein auf Reisen gehen. Sie weiß, dass er so einen Ausflug nicht nutzt, um mit einer anderen Frau was anzufangen, nein, er braucht das um wieder aufzuladen, um Kraft und Ausdauer für ihre Ehe zu tanken.
Eher war er es selbst, der Zweifel an der Richtigkeit der ganzen Sache hatte.
Wie schon in den Monaten zuvor, seit er entschied Ben zu besuchen, um mit ihm Jagen zu gehen, waberte in seinen Träumen dieser Gedanke umher, was das eigentlich soll, weshalb er überhaupt so ein Abenteuer suchte. Erst kürzlich hatte er extra für diese Reise seinen Jagdschein gemacht und er hatte währenddessen in immer stärkerem Maße das Gefühl, wie weit jenseits dieses archaische Männergehabe von seinem wirklichen Leben entfernt ist. Es blieb nur der Reiz des Wilden, Ungezähmten, was er bis dato nur aus Büchern und Filmen kannte und der Wunsch, in diese Welt einmal eintauchen zu wollen.
Aber war es das wirklich?
Oder war es ganz etwas anderes?
Er war vor Kurzem 50 geworden. Nicht, dass er das jetzt besonders bedeutsam fand. Er feierte schon jahrelang nicht seine Geburtstage und auch diesen beging er nur in einem kleinen familiären Rahmen. Doch gerade die letzten zwanzig Jahre sind vorbeigeflossen, als sei er auf einer Zeitreise gewesen: Nur mal eben kurz weg, nicht der Rede wert, bin gleich zurück.
So kurz es ihm vorkam, so viel älter ist er tatsächlich geworden, fühlt sich dabei aber eigentlich viel jünger, wenn nicht das eine oder andere Zwicken und Zwacken, das herausschneiden hautkrebsverdächtiger Stellen auf seinem Rücken durch die Hautärztin oder das bohren des Urologen in seinem Anus mit dessen Finger ihn daran erinnern, dass er eigentlich ein alter Mann ist.
Wenn er beim Bezahlen im Supermarkt sich mal wieder besonders dämlich anstellt, die Plastikkarte richtig in das Gerät reinzuschieben und die Kassiererin ihm behilflich sein muss und ihn mit ‚junger Mann‘ anspricht, fällt es ihm garnicht besonders auf, denn eigentlich stuft er sich als solcher ein, wobei der Blick der Kassiererin verrät, dass sie das eher nicht so sieht. Aber er schaut sie nicht an, weil er sich sehr konzentrieren muss, um an dem Gerät nicht ein zweites Mal zu versagen.
Vielleicht waren es die Kinder, die in gefühlter Lichtgeschwindigkeit erwachsen geworden sind.
Er hatte ihnen doch gefühlt erst gestern noch die Windeln gewechselt, sie mit Brei gefüttert, ihren ersten Schultag erlebt, ihnen mit feuchten Augen bei ihren Theateraufführungen zugeschaut und beim Fußball-Punktspiel mitgefiebert.
Jetzt sind sie ausgezogen, sind ihre eigenen Wege gegangen.
Einige seiner Freunde im gleichen Alter erleben eine Midlife-Krise: Treiben sich in schwarzer Kluft auf Heavy-Metal-Festivals rum, gehen laufend auf irgendwelche Partys oder in Musikclubs auf der Reeperbahn, wo wie in Jugendzeiten reichlich Alkohol fließt, oder wechseln sogar auf ihre alten Tage noch mal die Frau.
Nein, das kann ihm alles nicht einfallen.
Trotzdem bleibt so ein Gefühl, eine Erinnerung aus der Jugendzeit, wo er im Schwimmbad gegenüber den anderen mit gespielter Coolness zugestimmt hatte, vom großen Sprungturm zu springen, sich am engen Handlauf und den steilen Stufen Schritt für Schritt nach oben hangelt, zunehmend nicht nach unten schauen kann, weil die Höhenangst von ihm mehr und mehr Besitz ergreift und er nun an der Kante steht. Die anderen schauen zu ihm nach oben, kurz zuvor sind mehrere, viel jüngere Kinder ohne Problem gesprungen und offenbar lebend unten angekommen. Also wo ist das Problem?
Die Maschine sackt kurz ein wenig durch, wovon er aufwacht und er kann sehen, dass sie sich in den Wolken befindet.
Seine Träume brachten ihn der Antwort auf diese Fragen jedenfalls, zumindest vorerst, nicht näher.
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London-Heathrow ist im Vergleich zum Hamburger Flughafen wirklich groß: Nach der Landung musste das Flugzeug auf dem Gelände eine gefühlte Ewigkeit herumfahren, bis endlich die Parkposition erreicht war. Seine Füße hatten sich gerade erst ein wenig erholt, als es jetzt erst richtig losging mit dem Fußmarsch. Dem internationalen Bereich ist in Heathrow ein eigenes riesiges Terminal gewidmet, auf dem sich gefühlt alle Menschen dieser Erde in einer großen Halle treffen. Und alle stehen da herum ‚wie bestellt und nicht abgeholt‘, weil die Anzeigen an den Bildschirmen nur die unmittelbar anstehenden Flüge und deren Gate anzeigen. So sitzen und laufen sie in dieser Halle herum, starren sich ob ihrer gegenseitigen Exotik gegenseitig an, dann wieder den Blick zum Bildschirm, wann es denn nun endlich weitergeht.
Unerheblich zu erwähnen, dass die komplette Prozedur der Kontrolle, einschließlich Stiefel ausziehen, natürlich nochmal zu durchlaufen war, aber Todd hat, was das betrifft, innerlich schon in den ‚Leck-mich-Modus‘ umgeschaltet.
Irgendwann war dann endlich sein Anschlussflieger angeschlagen und er fährt im Terminal mit einer U-Bahn zu seinem Gate. Auch der Flieger nach Calgary hebt pünktlich ab, er hatte seinen gewünschten Sitzplatz, rechts am Fenster, vor dem Flügel, damit er auf dem Weg Island, das Eismeer mit Eisbergen, Grönland mit seiner fantastischen verschneiten Bergwelt und dann die Endlosigkeit von Kanadas Norden sehen konnte. Der Flug geht immer nachmittags, also bei Tageslicht in Europa und es bleibt die ganze Zeit bis zum Ziel taghell, weil das Flugzeug neun Stunden lang dem Tageslicht folgt.
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„Welcome to Canada“ begrüßen einige etwas ältliche Menschen in weißer Cowboy-Kluft im Terminal des Flughafens die Ankommenden. Das Begrüßungskomitee der internationalen Flughäfen in Kanada besteht aus Rentnern, deren Rente nicht reicht und die daher die Winkekatze spielen um sich was dazuzuverdienen.
Todd konnte einigermaßen im Flieger schlafen, hatte natürlich die ganze Zeit die Boots von den Füßen gehabt und geht nun der Anspannung der Kontrollen zur Immigration entgegen. Auf der Pappkarte, die jeder Passagier kurz vor der Landung ausfüllen muss, hatte er vermutlich als Einziger bei den Fragen, ob man Drogen, Sprengstoff oder Waffen mit sich führt, ‚yes‘ bei den Waffen ankreuzen müssen, insofern war er natürlich Kandidat für die Zollkontrollen. Aber in Nordamerika haben die Leute zum Glück ein anderes Verhältnis zu Schusswaffen, als sonst in der westlichen Welt, daher reichten sein professioneller Waffenkoffer und das Papier der Botschaft ohne Probleme aus: „Have a nice trip“, wünschte der Beamte.
Durch die Glasfront des Empfangsbereiches winkt ihm sein Kumpel Ben bereits freudig zu und kurz danach liegen sich die beiden Freunde, die sich einige Jahre nicht persönlich getroffen hatten, in den Armen.
Ben ist genauso wie Todd die amerikanisierte Form seines deutschen Namens in einer freizügigen Abwandlung. Wer als Deutscher dort lebt ist schnell genervt, wenn man einen in Englisch schwer auszusprechenden Namen hat. Im englischsprachigen Raum ist der Vorname gegenüber anderen Leuten das Hauptkennzeichen in der Kommunikation, der Nachname ist quasi bedeutungslos. So wandelt man schnell seinen Namen, wenn er schwer auszusprechen ist und verdenglischt ihn, um den ewigen Nachfragen zu entgehen.
„Wir haben echt Glück, dass kein Schnee liegt“, meint Ben auf dem Weg zum Parkplatz, „wir hatten aber im Oktober schon welchen, ist aber geschmolzen, wegen des Chinook*, mal schauen, ob wir die nächste Woche ohne Schnee erleben werden“.
„Boah, geile Karre!“, ruft Todd, als sie vor Bens neuem Truck* stehen, „neu?“
„Neu, gebraucht, ich mach keine Schulden für ‘nen Wagen, da bin ich immer noch zu deutsch für, selbst nach 15 Jahren Kanada.“
„Aber so’n Truck musste es schon sein, oder?“
„Klar, was anderes kommt nicht ins Haus.“
„In Hamburg würden sie dir an der Karre mit dem Schlüssel langgehen, weil sie denken, dass du ‘ne totale Umweltsau bist.“
„Hier ist es schon anders. Der Truck ist quasi der legitime Nachfahre der Pferdefuhrwerke der Pioniere und insofern ein absolutes Muss für jeden Mann.“
Den großen Koffer auf der offenen Ladefläche, den Gewehrkoffer aber unter der hochklappbaren Rücksitzbank fahren sie in seinem Truck zu sich nach Hause. Er hat mit Frau und Sohn ein schönes Einzelhaus* mit Einliegerwohnung im Souterrain in einem besseren Stadtteil im Nordwesten der Stadt. Vom Wohnzimmer aus hat man bei klarem Wetter einen Blick auf die Rocky Mountains, die ungefähr eine Fahrstunde westlich beginnen. Nach einem gemeinsamen Sundowner, einem Margerita Cocktail, geht es ins Bett, auch wenn Todd nicht besonders müde ist, aber er will und muss sich schnellstmöglich auf die kanadische Zeit umstellen, denn schon morgen früh soll es losgehen, auf die Jagd*.
1 Zu allen mit * gekennzeichneten Begriffen können Sie im Anhang eine Erläuterung lesen
Er hatte gar kein Krachen eines Schusses gehört, brachte aber deutlich in Verbindung, dass er wegen der Kugel in seinen Körper jetzt auf dem Boden lag. Er tastete in seine Bauchgegend, weil er da etwas Diffuses spürte, kein wirklicher Schmerz aber irgendetwas Fremdes an seinem Körper. Der dick gefütterte Jagdanzug an der Stelle war feucht, regelrecht nass und er versuchte den Kopf in die Richtung zu drehen, um zu sehen, was an der Stelle so nass war. Es ging nicht, er konnte ihn nicht weit genug drehen, dazu die blendende Sonne, aber er sah deutlich, dass der Schnee im Bereich seines Rumpfes nicht mehr pulverig weiß, sondern feucht rot war.
Todd kann am nächsten Morgen dank der Holzbauweise kanadischer Häuser das Leben der Familie ein Stockwerk über seinem Souterrain-Quartier mitverfolgen: Das herumlaufen, Duschen, Geschirrklappern, und er kann hören, wie sich Personen unterhalten, Bens Sohn zur Schule und seine Frau zur Arbeit abfahren. Er trottet nach oben, begrüßt seinen Kumpel mit einer Umarmung, der fragt ihn, wie gut er geschlafen hat. Todd antwortet, dass er bestens geschlafen hätte. Diese pleasentries* gehören auch in einem deutschstämmigen Haushalt zu den allgemeinen nordamerikanischen Höflichkeitsformen.
„Hör zu, wir können heut noch nicht los, weil Andy geschrieben hat, er muss heut mal wieder zu Hause auf einen Gutachter von der Versicherung warten.“
Andy ist ein Kumpel von Ben, passionierter Jäger und derjenige, der Ben mal auf den Trichter gebracht hat, mit dem Jagen zu beginnen. Beide lernten sich auf der Polizeischule kennen, da sie vorhatten, in den Polizeidienst einzusteigen. Der Job hat in Kanada den Riesenvorteil krisensicher zu sein. Der paycheque* kommt 14-tägig mit der Post, selbst wenn man im Dienst mal als zweiter geschossen hat, dann ist zumindest die Familie abgesichert. Aber beide sind im strengen Auswahlverfahren irgendwann durchgefallen, was besonders ärgerlich für Andy war, denn dieser war durch einen Autounfall Jahre zuvor gehandikapt. Was da wirklich los war, bleibt im Verborgenen, auf jeden Fall klagt Andy gegen Gott und die Welt und macht auf schwerbehindert und arbeitsunfähig. Wie er diese Geschichte mit seiner Polizeibewerbung in Einklang bringen wollte, weiß sicher nur er selbst.
Ben gießt ihnen beiden einen Kaffee ein und sie setzen sich an den Esstisch.
„Also, ich hab dieses Jahr tags* für 3 Rehe bekommen, leider nur eines davon ein whitetail*, aber ausschließlich doles*“
„Aha, wir müssen also aufpassen, nicht ’nen Bock zu schießen“. Beide Männer müssen angesichts des Wortspiels auflachen.
„Ja wir müssen mal schauen, Du hast zwar keine Legitimation zum Abschuss, aber da fragt im Nachhinein niemand nach, wer geschossen hat.“
„Okay“. Todd wird es einfach auf sich zukommen lassen Sein Gewehr wird er schon nicht umsonst mitgenommen haben.
„Wir können heute vielleicht Richtung Canmore raus ins Indianerreservat, die Wummen ein wenig einschießen, was meinst Du?“
Todd war einverstanden und so packten sie nach einem nordamerikanischen Frühstück, sprich ungetoasteter Sandwichtoast mit peanut butter und Kaffee mit irgendwelchen seltsamen Geschmacksaromen, ihre warme Kleidung zusammen und Ben holte die Gewehre aus dem riesigen Waffenschrank im Souterrain, packte dazu noch zwei Kleinkalibergewehre .22 ein: „Vielleicht gehen wir nachher noch ein bisschen Goofer* schießen“
Sie beladen seinen Truck: Für alle Gewehre findet Ben Platz unter der Rücksitzbank.. Auf die Ladefläche, auf der immer allerlei Gerümpel oder auch Müll permanent herumliegt, legt er noch zwei Gartenstühle und ein Sixpack Dosenbier hinzu.
Schon nach kurzer Zeit sind sie raus aus der Stadt, unmittelbar dahinter beginnt eine gewaltige Prärie mit wenigen Bäumen aber nur geringfügiger Landwirtschaft – Indianerland. Ben kennt sich aus und biegt von der Hauptstraße auf einen Schotterweg ab in ein buschiges Gelände mit einem kleinen Birkenwäldchen. Da taucht ein Holzhaus vor ihnen auf einer Freifläche auf, nur wenige Meter entfernt vom Bow River*. Auf den ersten Blick denkt Todd, wie herrlich dieses Haus hier direkt am Wasser liegt, bis ihm beim Näherkommen auffällt, dass überall Müll herumliegt, aber nicht Müll im Sinne von Haushaltsmüll, sondern kaputtes Kinderspielzeug, eine Kinderkarre, ein Radio, massenhaft leere Flaschen und Getränkedosen, dazu noch die üblichen Schrottautos, die aber jeder Bewohner der plaines* auf seinem Grundstück stehen hat. Das Haus ist verlassen, die Fensterscheiben eingeschlagen. Sie steigen aus dem Wagen und gehen auf das Haus zu, steigen die Treppe zur porch* hinauf. Die Haustür steht halb offen. Der Blick nach drinnen zeigt Mobiliar, alles zerstört, wie die völlige Verwüstung nach einem Einbruch. Dazu überall Einschusslöcher, zerborstene Flaschen, Holzbalken, die offenbar von Geschossen zersplittert wurden.
„Das ist ein Indianer-Haus. Viele der first nations* kriegen das sesshafte Leben einfach nicht gebacken und irgendwann hauen sie einfach ab und lassen alles stehen und liegen.“, erklärt Ben.
Todd dreht sich um und lässt den Blick über das riesige Grundstück und zum Fluss schweifen und denkt sich, was würden wohl gefühlt eine halbe Million Hamburger, die in engen Mietswohnungen an einer Hauptverkehrsstraße wohnen, darum geben, hier wohnen zu können?
Ben stellt einige Flaschen, Dosen und das zerborstene Kofferradio auf die Fensterbänke und die Balustrade der Veranda, dann gehen sie zum Wagen, nehmen ihre Gewehre aus dem Koffer, lassen, die tailgate* herunter, die ihnen als Arbeitsfläche dient, setzen die Bauteile zusammen und gehen weitere vierzig Meter vom Haus weg. Ben drückt Todd eine Handvoll Patronen in die Hand, 30 out 6 genannt, zeigefingerlange und -dicke Geschosse, die sie in Ihre Gewehre laden.
Ben justiert sein Gewehr und pendelt sein Zielfernrohr ein. „Ohropax?“ fragt Todd, „oder bist Du aus dem Alter raus?“
Ben lächelt, setzt das Gewehr wieder ab, stopft sich zwei gelbe Stöpsel in die Ohren, „besser ist das“.
Auch Todd hat sich zwei Gummistöpsel zwischen den Fingern warmgezwirbelt und in die Ohren gedreht, als Ben den ersten Schuss krachen lässt. Am Haus ist nur eine feine Staubwolke zu erkennen, an der Stelle, an der die Kugel eingeschlagen ist. Beide greifen ihre Ferngläser, die sie um den Hals hängen haben, um zu schauen, ob er getroffen hat.
„Und?“, fragt Todd.
„Etwas zu hoch, muss mein Zielfernrohr nochmal nachstellen“. Mit einem Imbusschlüssel dreht er minimal eine Schraube am Gewehr. Währenddessen legt Todd sein Gewehr an, zielt und drückt ab. Das klirrende Geräusch verrät, dass er eine Flasche getroffen hat. Beide blicken in die Ferngläser. „Sauberer Treffer“, meint Ben, „Glückwunsch“.
„Ja, ich hab ‘ne Flasche getroffen“, Pause, „aber nicht die, die ich anvisiert habe“. Sie müssen beide lachen.
Schritt für Schritt arbeiten sie sich heran, justieren nach, kommen in Übung und nach einiger Zeit, nachdem mancher Balken durchschlagen und Teile der Hausverkleidung zersplittert sind, ist jeder Schuss ein sicherer Treffer.
Sie gehen zurück zum Wagen und legen ihre Gewehre in den Fußraum des Fonds und Ben startet den Motor, denn sie sind ziemlich durchgefroren.
„Ich hab ‘ne halbe Stunde von hier Kontakt zu ’nem Farmer, auf dessen Land ich in Zukunft vielleicht jagen darf, der will aber, dass ich regelmäßig bei ihm Goofer schieße, woll’n wir da noch hin?“
„Klar“
