Hurra, Borreliose! - Brigitte Niemand - E-Book

Hurra, Borreliose! E-Book

Brigitte Niemand

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Beschreibung

Ich hatte einmal ein Leben, in dem war ich gesund und konnte laufen, schwimmen und tanzen. Doch das ist lange her. Dann wurde ich krank und ein zwanzigjähriger Albtraum begann. Ich suchte Hilfe bei Ärzten aber stattdessen hefteten sich die Psychotherapeuten an meine Fersen. Sie sezierten mein Leben und meine Seele. Doch durch den Spiegel ihrer eigenen Vorstellungen erkannten sie mich nicht! „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ lautete nach langer Zeit die Diagnose und alle dachten, ich sei ein bisschen müde. Meinen Beruf konnte ich nicht mehr ausüben und meine Freunde wandten sich von mir ab. Als ich die Wahrheit schon lange nicht mehr suchte, kam sie zu mir. Kann ich die letzte Hürde überwinden und diesen Albtraum beenden? Bekomme ich mein Leben zurück? Meine eigenen Wahrheiten, Erfahrungen und Therapien. Über den Umgang von Gutachtern, Behörden und Ärzten mit CFS und Borreliose.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Brigitte Niemand

 

 

 

 

 

 

Hurra, Borreliose

 

 

Stigma

„Chronisches Erschöpfungssyndrom“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

©Brigitte Niemand

c/o Holger Freist

Brüder-Grimm-Str. 11

34298 Helsa

[email protected]

https://brigitteniemand.wordpress.com/

 

2013 Erstveröffentlichung des Buches

united p.c., A-7311 Neckenmarkt

ISBN 9783710302183

 

Die Rechte des Verlages sind erloschen.

 

ebook-Ausgabe 2021 im Selbstverlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit den besten Wünschen für alle, die Ihre Gesundheit verloren haben, die schwach sind und trotzdem stark sein müssen.

 

 

Für alle, die sich in ihrer Krankheit von der Welt unverstanden und vergessen fühlen.

 

 

 

 

 

Inhalt

 

Die Zeit vor der Krankheit

Nichts geht mehr

Hurra Borreliose?!

Alles nur psychisch

Man hat ja nichts gefunden

Das Ende meiner Karriere

Ein neuer Arzt

Gutachterwesen- und Unwesen

Endlich Diagnosen

Verlorenes Selbstvertrauen

Verraten und verkauft

Interessenkonflikte

Darum schreibe ich ein Buch über CFS!

Erklärungsnot

Der sekundäre Krankheitsgewinn

Der Deal mit mir selbst

Die guten und die schlechten

Experten

Ist CFS quasi eine Berufskrankheit?

Die Aussagekraft von Studien

Eine ganz neue Situation

Behandlungsbeginn

Ende der Antibiotikatherapie

Im Rückblick

Nachwort

Gemeinsamkeit und Unterscheidung

Therapieversuche gegen CFS

Beiträge von Betroffenen,

8 Jahre später

Medizinische Begriffe

 

Eine Einleitung

 

16 Jahre vor diesem Buch geschrieben und erschreckenderweise immer noch gültig

 

Es ist das Thema, das Psychologen und Betreiber artverwandter Berufe zu ungeahnten geistigen Höhenflügen verleitet. Ein dankbares Gebiet für Anhänger des allseits präsenten psychosomatischen Erklärungsmodells, weniger beliebt bei Ärzten, die dieser Symptomatik hilflos gegenüberstehen. Lange Zeit bestimmten einseitige Informationen und Erklärungen das Bild von dieser Krankheit. Kein Wunder, dass Betroffene sich oft schämen, den Verdacht zu äußern, an Chronischem Erschöpfungssyndrom (CFS) erkrankt zu sein. Wer gibt schon gern zu, dass er an einer Krankheit leidet, die ja wohl eindeutig psychischer Natur ist und die man mit ein bisschen guten Willen und einer positiven Einstellung ignorieren kann.

 

Während renommierte Forscher in allen Ländern immer mehr Beweise zutage fördern, dass es sich um eine schwere, realistische Erkrankung handelt, können sich die Anhänger der Psychowissenschaften noch immer nicht damit abfinden, dass Ihre Hypothesen hier nicht anwendbar sind. Den Phantasien über Neurosen, Phobien, Konversionsstörungen, Kindheitsschäden, Depressionen usw. sind keine Grenzen gesetzt. Und sollte es noch keinen passenden Begriff geben, dann wird er schnell erfunden. Der Schaden, der durch die Verharmlosung und Psychiatrisierung entsteht, ist unabsehbar. Manche Ärzte wagen sich aus Angst vor Repressalien aus der eigenen Berufsgruppe nicht, die Diagnose zu stellen.

 

Die erfolglosen Psychotherapien der gedemütigten Patienten verschlingen Gelder in ungeahnter Höhe. Diese finden weder Unterstützung bei Ärzten noch bei Behörden. Nachdem sie erfolglos von Arzt zu Arzt getaumelt sind, werden sie bereits von organisierter Nichtzuständigkeit der Behörden erwartet.

 

Die Behauptungen über eine seelische Ursache der Erkrankung entbehren jeder Grundlage, werden aber als bewiesene Tatsachen hingenommen. Von Schwerstkranken werden Beweise gefordert, die schon aus dem Grunde nicht erbracht werden können, weil diese in der Regel medizinische Laien sind. Solcherart wird der Kranke letztendlich aus Angst vor weiteren Repressalien und Demütigungen das Handtuch werfen und keine medizinische Hilfe mehr suchen. In dem Maße, in dem Betroffene als psychisch Kranke abgestempelt werden, nimmt die Bedrängnis durch Leistungsunfähigkeit und durch Umwelt zu, die verlangt, man solle sich doch endlich wieder normal benehmen.

 

Der angeblich so hilfreichen psychotherapeutischen Erklärungsmodelle überdrüssig, werden Patienten allen derartigen Entmündigungsversuchen ausweichen. Da nunmehr mittlerweile weder ärztliche noch psychotherapeutische „Hilfe“ in Anspruch genommen wird, gelten sie als geheilt.

 

Bei Betroffenen entsteht der Eindruck, dass selbst eine Verzweiflungstat wie Selbstmord aus dieser Ausweglosigkeit aus Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Abwertung und unverstanden sein von allen Seiten als Problemlösung akzeptiert und in Kauf genommen wird (ein Beispiel wird am Ende des Kapitels „Beiträge von Betroffenen, Angehörigen und Freunden“ abgedruckt. Ein weiteres im CFS/ME-Forum des Fatigatio e. V. Heft 33/2013.)

 

Während die Pharmaindustrie sich bereits darauf vorbereitet, die wissenschaftlichen Beweise für CFS kommerziell auszuwerten, wird die Existenz dieser Krankheit immer noch bestritten. Bleibt zu hoffen, dass die vehementen Verfechter der Meinung, es handele sich um eine psychische Erkrankung, letztendlich genug Rückgrat besitzen, ihren Irrtum genauso öffentlich einzugestehen.

 

Ausgerechnet eine Berufsgruppe, welche keinerlei Beweise für ihre Behauptungen erbringen kann, fordert diese für das Vorhandensein von CFS, um sie zu ignorieren, wenn sie erbracht sind. Unterstützt von einem System, das die Kranken lieber berentet, vorzugsweise mit einer psychiatrischen Diagnose, als sie wieder arbeitsfähig zu machen, unterstützt von Psychiatern, die ihre Pfründe schwinden sehen, wenn es gelingen sollte, die wahren Ursachen zu behandeln.

 

Dann bleibt nur noch der Beweis zu erbringen, dass die oben beschriebene Behandlung wenigstens den wirklich psychisch Erkrankten gerecht wird und heilsam ist, oder ob auch diese nur zum Schweigen gebracht werden.

 

Die Zeit vor der Krankheit

 

Als ich krank wurde, dachte ich an eine Grippe und es sei vorübergehend. Und ich war auf einem seelischen Höhenflug. Ich hatte zwei wunderbare Kinder, mit allen Macken, die eben auch wunderbare Kinder haben. Ich war glücklich verheiratet, dachte ich (zumindest bis mir weniger wunderbare Psychologen das Gegenteil erklärten). Aber ich fühlte mich jung, auch wenn ein Arzt sich darauf versteigen sollte, dass ich mit Anfang 30 unter Wechseljahresbeschwerden leide.

 

Bestimmt hatte ich auch Fehler, aber niemand konnte mir nachsagen, ein Trauerkloß zu sein. Ich war zufrieden mit meinem Leben, oder bildete mir das zumindest ein. In naher Zukunft sollte ich noch oft darüber aufgeklärt werden, dass mich meine Wahrnehmungen trogen.

 

Bis zu meiner Erkrankung liebte ich Tanz und Partys, auch wenn die gutachterlichen Fragebögen mich später als einsame Wölfin darstellten.

 

Zu meinen Hobbys gehörten joggen, Fahrrad fahren, wandern, schwimmen, lesen und stricken.

 

Eines meiner größten Probleme bestand in der Schwierigkeit, den ultimativen Friseur zu finden.

Nichts geht mehr

 

Ehrlich gesagt war ich bis zu meiner Krankheit dem psychosomatischen Erklärungsmodell durchaus aufgeschlossen. Zumal es in jener Zeit auch nicht mich selbst, sondern andere betraf. Nie zuvor war ich ernsthaft krank gewesen und nannte noch nicht einmal einen Hausarzt mein Eigen. Wenn meine Nachbarin erzählte, sie fühle sich schon beim Haare föhnen erschöpft, fehlte mir das Vorstellungsvermögen, um so einen Zustand nachzuvollziehen. Trotzdem akzeptierte ich das – als psychosomatisches Leiden.

 

Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass ich mir kein Urteil darüber anmaßte.

 

Bisher hatte ich mich ein einziges Mal im Leben so ähnlich gefühlt. Ich war morgens aufgewacht und hatte sofort gespürt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Die roten Pusteln am ganzen Körper bestätigten meine Vermutung. Ich hatte mich im Alter von 21 Jahren bei meinem zweijährigen Sohn mit Windpocken angesteckt.

 

Etwa neun Jahr später fühlte ich mich ebenso, nur die äußerlichen Merkmale fehlten diesmal, wenn man von ständigen Entzündungen im Gesicht absah.

 

Natürlich dachte ich, man geht zum Arzt und der gibt einem dann was und dann ist es wieder gut. Ich sollte eines Besseren belehrt werden.

 

Anfangs fühlte ich mich nur ein bisschen müde. Als zugegebenermaßen eitler Mensch machte ich mir mehr Gedanken über die aufgetretenen blauroten Bläschen im Gesicht.

 

Also begab ich mich mangels Hausarztes zu einem Internisten, der auch sofort eine Blutarmut feststellte. Ein paar Eisentabletten würden das schon richten. Wegen meiner Ekzeme schickte er mich zum Dermatologen. Zwischen diesen beiden pendelte ich dann hin und her, ich bekam Eisenspritzen gegen die Blutarmut, UV-Bestrahlung, Cremes oder Antibiotika gegen die Hautprobleme. Die Blutarmut und die Hauterscheinungen blieben mir erhalten, während es mir ständig schlechter ging.

 

Nach zwei Jahren wechselte ich den Arzt, mein neuer Hausarzt untersuchte endlich, ob mir wirklich Eisen fehlte, ich hatte bereits einen Überschuss, während die Anzahl der roten Blutkörperchen sich nicht erhöht hatte.

 

Ab jetzt waren wir dann ein paar Jahre der sogenannten Anämie auf der Spur. In der Göttinger Uniklinik stellte man dann erstmals die Blutarmut als Ursache für meine Erschöpfung in Frage. Nicht, dass man die Ursache herausgefunden hätte, nein, meinte die Assistenzärztin Wochen nach der Untersuchung später am Telefon zu mir, ich dürfe davon zwar ein bisschen müde sein, aber das, was ich beschreibe, sei sicher psychosomatisch.

 

Einer der Dermatologen, den ich wegen meiner Ekzeme aufsuchte, verkündete nach endlosen erfolglosen Therapien mit Antibiotika und Cremes aller Sorten ungeduldig, während sein Auge fortwährend zuckte, ich solle doch mal „zuck“ einen Versuch mit autogenem Training machen. Gleichzeitig gab er mir „zuck“ zu verstehen, dass er nichts mehr für mich „zuck“ tun könne. Den Eindruck hatte ich allerdings auch.

 

Die nächste Dermatologin gehörte zu den Guten und sah mich interessiert an wie ein seltenes Tier, während die Farbe meiner Flecken im Gesicht sich wie eine Ampel ständig veränderte von rot über blaurot bis blau. Sie stellte die Diagnose „psychosomatische Ekzeme“ und schickte mich vier Wochen zur Kur, wo ich herumschlich wie ein waidwundes Tier und das Gefühl hatte, der einzige kranke Kurgast zu sein. Während die anderen zum Kegeln und zum Wandern gingen, in Weinstuben oder im Nebenzimmer die halbe Nacht herumkrakeelten, wandelte ich ein wenig im Park und war ansonsten froh, wenn man mich in Ruhe ließ. Nach vier Wochen fuhr ich dann mit meinen Ekzemen und meiner Erschöpfung wieder nach Hause.

 

Ein roter Fleck ist mir bis heute erhalten geblieben, bei Stress flackert er immer wieder auf, er hat die Größe eines kleinen Fingernagels und wenn man genau hinsieht, sieht man den Ring in Form einer Wanderröte.

 

Mein Hausarzt dehnte die Untersuchung über den Eisenspiegel hin aus und untersuchte mich auf das blutbildende Hormon Erytropoetin1, von dem ich laut des Labors nur ein Viertel des normalen Wertes hatte und überwies mich daraufhin zur stationären Untersuchung in das Deutsche Rote Kreuz. Eine Magen- und Darmspiegelung und Knochenmarkpunktion ergaben außer einer Magenschleimhautentzündung und niedrigem Hämoglobin-Wert keinen Befund und ich stand anschließend wieder mit einem Rezept Eisentabletten in der Apotheke.

 

Mein Hausarzt war ratlos. Meine telefonische Rückfrage in der Klinik wegen des Erytropoetin-Wertes nach Wochen ergab, ja das habe man untersucht, „aber“ sagte mir der Assistenzarzt, das Ergebnis sei noch nicht da und außerdem habe dieses Hormon „keine Funktion außer der Blutbildung“. Und ich sollte mir doch überlegen, ob meine Halbtagstätigkeit mich nicht überfordern würde und mir nicht ein Leben als Hausfrau ausreichen würde.

 

Fassungslos legte ich den Hörer auf. Die einzige Chance einer möglichen Klärung meiner inzwischen massiven Erschöpfung lag in meiner Berufstätigkeit. Anderenfalls hätte man längst ein Hausfrauenzipperlein diagnostiziert und mich mit diesem Hinweis auf Arbeitssuche geschickt. Für weitere Nachfragen nach Laborwerten fehlte mir der Mut.

 

Ein neuer Dermatologe diagnostizierte einen auf die Haut bezogenen Lupus Erythematodes2, aber nichts reichte als Erklärung für meinen Zustand.

 

Eine Nierenentzündung wurde mit Antibiotika behandelt. Außerdem bekam ich die Hochpotenz des homöopathischen Ignatia. Nach nunmehr drei Jahren verschwanden mit dieser Behandlung zwar meine Ekzeme, aber es ging mir immer schlechter.

 

Ein EKG ergab eine kleine Unregelmäßigkeit im Herzschlag und veranlasste zu einem Ultraschall des Herzens. Aber auch dieser Befund stellte sich als nicht pathologisch heraus. Jedes Mal, wenn ein Arzt mir freudig erklärte, dass mir nichts fehle, wuchs meine Verzweiflung, hieß das doch, es gab keine Aussicht auf Behandlung.

 

Ein Endokrinologe erwähnte Anfang der 90ziger Jahre erstmals „chronic fatigue syndrome“ und stellte eine Hashimoto-Thyreoditis3 fest. Ich selbst zogCFSnichtalsmeine Erkrankung in Erwägung, dieser Zustand nebliger, inzwischen schmerzhafter Erschöpfung konnte zweifellos keinen so harmlosen Namen wie „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ haben.

 

Die Liste der Krankheiten, die ich nicht hatte, verlängerte sich mit jeder Untersuchung.

 

Ein Arzt verstieg sich darauf, meine Beschwerden seien altersbedingt. Mit zunehmendem Alter sei man eben nicht mehr so leistungsfähig. Offensichtlich hatte er die Altersangabe in meiner Akte überlesen und mich nach meinem Aussehen beurteilt, das inzwischen weit entfernt von dem einer Anfang 30-jährigen war.

 

Es half kein Betteln und kein Flehen, keiner wollte meine Beschwerden und Befunde im Zusammenhang sehen. Meine Überzeugung, dass alles eine gemeinsame Ursache hatte, wurde jetzt in gewisser Hinsicht geteilt. Aber es musste auf jeden Fall eine seelische sein. Die Phrasen von ganzheitlicher Medizin und den Menschen im Ganzen sehen, beziehen sich immer auf die Seele und den Körper. Nur den Körper alleine gibt es nicht. Mittlerweile litt ich an Selbsthass und Schuldgefühlen, weil ich nicht mehr funktionierte. Damit hatte sich die erforderliche psychische Komponente eingestellt.

 

Natürlich hätte schon allein dies einer psychotherapeutischen Behandlung bedurft, aber selbst dazu wäre eine körperliche Energie nötig gewesen, die mir nicht mehr zur Verfügung stand.

 

Wobei manche der Untersuchungen durchaus geeignet waren, mir das sogenannte Ärztehopping abzugewöhnen. Der Gedanke war nicht von der Hand zu weisen, wenn man Magen- und Darmspielgelungen und Knochenmarkpunktionen ohne Narkose durchführte, dass ich vielleicht irgendwann aufgeben würde.

 

Tatsächlich fehlte mir bald die Kraft, überhaupt einen Arzt aufzusuchen.

 

Bevor ich morgens zur Arbeit ging, brachte ich meine zitternden Beine zur Räson. Selbst das Hochziehen der Rollos war zu mühsam, so blieben sie einfach unten. Ob dieser Tatsache klingelte eine Nachbarin eines Tages an meiner Tür und fragte, ob ich Angst habe, dass sie in mein Schlafzimmer schauen könnte.

 

An manchen Tagen wachte ich mit einer gutgelaunten Zittrigkeit auf, die sich in den ersten Morgenstunden zu einer grundlosen Euphorie steigerte – aus der ich dann nach wenigen Stunden wieder in schmerzhafte Erschöpfung fiel.

 

Nach der Arbeit hatte ich oft nicht die Kraft, das Frühstücksgeschirr abzuräumen und stellte die Teller für das Mittagessen einfach auf die Frühstücksteller, bevor ich den Rest des Tages versuchte, mich genug zu erholen, um das Abendessen zu kochen.

 

Mittlerweile hatte ich gelernt, dass Stress mich für kurze Zeit handlungsfähig machte. Und so setzte ich mich bewusst unter Druck, um wenigstens für kurze Zeit in einen Zustand zu geraten, der mich die alltäglichen Dinge tun ließ. Die folgenden Abstürze waren jedes Mal grauenvoll und die Erholungszeit dauerte jedes Mal länger, aber diese kurzen Phasen gaben mir das Gefühl, noch da zu sein. In die kurzen aktiven Zeiten versuchte ich, alles hineinzupacken, was ich zu versäumen meinte. Dabei fühlte ich mich wie ein Hamster im Laufrad, ich konnte einfach nicht aufhören, bis der Zusammenbruch jeglicher Energie erfolgte.

 

Beim Arbeiten am PC bekam ich nach kurzer Zeit Nackensteifigkeit, ein Halswirbel schien deutlich hervorzutreten und ein krampfartiger Schmerz machte sich breit (Bannwarth-Syndrom)4.

 

Ich fühlte mich wie Frankensteins Schöpfung, zusammengesetzt aus Einzelteilen, die nicht miteinander harmonierten. Zwischen meinen Nervenenden und meinen Muskeln schien eine Watteschicht zu liegen, welche die Befehle meines Gehirns so stark dämpfte, dass der Kontakt nicht übertragen werden konnte. Zudem hatte jedes Glied ein Eigenleben und für jede früher unbewusste Bewegung musste mein Verstand einen deutlichen Befehl geben. Zwischen mir und meinem „ich“ bestand ein brennender Pelz aus Missempfindungen. Es war, als sehe ich mir bei meinem eigenen Leben zu. Allein die Entscheidung, was am dringendsten zur erledigen war, baute neuen Stress auf.

 

Meine ständig wechselnden neurologischen Beschwerden spielten mir jeden Tag neue Streiche. Hinkte ich an einem Tag, weil mein Oberschenkelmuskel sich auf unerklärliche Weise verkürzt zu haben schien, zuckte in den nächsten Tagen zur allgemeinen Erheiterung ein Augenlid, dann wieder hatte ich plötzlich Stotteranfälle. Sehr lustig auch, als ein Kunde meine Heiserkeit kommentierte mit dem Satz: „Sie haben ja eine Stimme wie Zarah Leander.“ Einen verlorenen Absatz an einem Schuh ignorierte ich in der Überzeugung, mir mein Hinken nur einzubilden, bis mich eine Kollegin fragte, ob ich denn nicht merke, dass mein Schuh kaputt sei.

 

Rasende Kopfschmerzen und Schwindel wechselten sich ab mit Phasen, in denen ich mich zwischen den Telefonaten immer wieder übergeben musste. Meine Beine waren wie Pudding oder sie quälten mich durch ständiges Kribbeln und Muskelzucken. Meine Augen brannten und die Umsätze der Kosmetikindustrie stiegen, weil ich ständig neue Cremes ausprobierte, die allesamt nichts daran änderten.

 

Mittags schlich ich aus dem Büro in dem Bestreben, niemandem mehr zu begegnen, weil selbst ein „auf Wiedersehen!“ mich anstrengte.

 

Mein Arbeitgeber versuchte, in einem Gespräch zu ergründen, warum ich „keine Lust mehr habe“. Die kleine Firma mit wenigen Mitarbeitern konnte ständige Ausfälle durch Mitarbeiter schlecht verkraften, zumal ich mir in den letzten Jahren Kenntnisse angeeignet hatte, für die sich so schnell keine Vertretung fand.

 

Damit niemand dachte, ich sei depressiv, versprühte ich ständig gute Laune. Bei allem Elend hätte man mir das Grinsen operativ aus dem Gesicht entfernen müssen. Das Gespenst der Erschöpfung lauerte ständig und schlug erbarmungslos zu. Sobald ich mich nur schneller bewegte, es reichte schon, schnell mal die Kellertreppe runterzulaufen oder - bei Freude. „Lachen ist gesund“, ist eine allseits beliebte Redewendung. Aber Freude war nicht angesagt.

 

Genau wie bei Stress durchfuhr es meine Wirbelsäule wie ein elektrischer Schlag, der sich dann hartnäckig über Stunden und Tage zwischen den Schulterblättern hielt und mir das Gefühl gab, unter Strom zu stehen. Ein bisschen Linderung erfuhr ich in der heißen Badewanne, in der ich ganze Nachmittage verbrachte, oft mit dem Firmentelefon, das ich für den Nachmittagssupport zu Hause hatte. Selbst wenn es mir vergleichsweise gut ging, befand ich mich einem Zustand, als würde ich mit angezogener Handbremse fahren. Ich fuhr dann unter größter Anstrengung mit dem Fahrrad eine Strecke, die ich früher mal eben gejoggt war.

 

Obwohl ich kaum noch schlief, wurde ich als Langschläfer belächelt. Wenn ich endlich in den frühen Morgenstunden eingeschlafen war, hatten die Vögel in der Regel schon ihr Morgen-Konzert begonnen. Dann kam es schon mal vor, dass liebe Menschen um sieben Uhr anriefen, um ein Rezept zu erfragen, oder am Wochenende um neun Uhr an der Tür klingelten um sich Zucker zu leihen und sich dann freuten, dass sie mich der Langschläferei ertappt hatten.

 

Wenn ich beruflich einen ganzen Tag unterwegs war, konnte ich zwar am nächsten Tag zu Hause bleiben, aber ich brauchte mehrere Tage, um mich zu erholen. Familie, Freunde und Bekannte waren einhellig der Meinung, ich sei ja selbst schuld, ich könne doch einfach mit der „Arbeiterei“ aufhören.

 

Arbeitskollegen hingegen tendierten zu der Meinung, ich solle meine stressige Familie verlassen und nicht mehr joggen und Fahrrad fahren.

 

Nie fragte mich jemand, was ich eigentlich habe. Das brauchten sie nicht und ich hätte auch keine Antwort gewusst. Aber sie konnten sich ihr Urteil auch so bilden. Als ich später noch einmal eine Aushilfstätigkeit in meiner alten Firma annahm, erkundigte sich der Mitarbeiter einer befreundeten. Firma nach meinen Ohren. Er habe gehört, dass ich etwas mit den Ohren habe.

 

Die Frau einer meiner Chefs, die eine Krebsoperation überstanden hatte, erklärte mir ungefragt, ich müsse jeden Tag genießen, den ich lebe. Ich genoss jede Stunde, in der meine Beschwerden erträglich waren und der Tod war nicht die schlimmste meiner Vorstellungen.

 

Ein Bekannter von Bekannten, mit dem ich weder Kontakt pflegte noch über meine Krankheit gesprochen hatte, versicherte mir bei einem zufälligen Treffen verständnisvoll hinter vorgehaltener Hand, dass seine Frau auch so sehr unter Wechseljahresbeschwerden leide.

---ENDE DER LESEPROBE---