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Nach dem Tod ihrer liebenswerten Tante Sophie ist es Julias Aufgabe als Testamentsvollstreckerin, deren Vermögen zu ermitteln und an die 10 Erben zu verteilen. Dabei entdeckt sie, dass im Laufe der Jahre ein Großteil des einstigen riesigen Vermögens verschwunden ist und begibt sich auf die Suche nach dem Verbleib. Welche Rolle spielt dabei der allseits bekannte und verehrte Pastor Stark? Aus den geheimnisvollen Tagebüchern ihrer Tante findet sie heraus, dass der vermeintlich ehrenwerte Pastor viel mehr in den Fall verstrickt ist als er behauptet. Wird es ihr gelingen, das Netz aus Lügen, Kumpanei und persönlicher Bereicherung zu durchdringen und den Schuldigen einer gerechten Strafe zuzuführen?
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Seitenzahl: 334
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ina Mönch
Hütet euch vor dem kriminellen Pfaffen
Über die Machenschaften eines Geistlichen - Roman nach einer wahren Geschichte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1.Ina Mönch
2.Danke! Danke! Danke!
3.Prolog
4.Tante Sophies unerwarteter Hilferuf
5.Nachlassende Kräfte
6.Plötzlicher Abschied
7.Das zweite Testament
8.Ein letzter Gruß
9.Neue Enthüllungen
10.Tante Sophies Rätselhafte Tagebucheinträge
11.Die Strafanzeige
12.Die Spreu vom Weizen trennen
13.Das Bankschließfach
14.Ein Mysteriöser Goldbarren
15.Kamera ab!
16.Ins Wespennest gestochen
17.„Das Mirakel unserer Stadt“
18.Rechtswidrigkeiten überall
19.Ein zweiter Fall
20.Die Klage beim Landgericht
21.Das Urteil
22.Auf eigene Faust
23.Pastor Starks Aussage
24.Was bleibt?
25.Schlusswort
Impressum neobooks
Hütet Euch vor dem
kriminellen Pfaffen
Über die Machenschaften eines Geistlichen
Jesus warnt in der Bergpredigt:
„Hütet euch vor den falschen Propheten,
die in Schafskleidern zu euch kommen!
Inwendig sind sie aber reißende Wölfe.“
(Matthäus 7.15f)
nach einer wahren Geschichte
2. überarbeitete Auflage 2023
Copyright © 2017
Ina Mönch
Am Weinberg 16
38162 Cremlingen
Alle Rechte vorbehalten.
In liebevoller Erinnerung
an meine herzensgute Tante.
Die lieben Menschen, die mir während des Schreibens eine Hilfe gewesen sind, sollen hier nun besondere Erwähnung finden. Ich hoffe, an alle gedacht zu haben.
Selbstverständlich geht der Dank in erster Linie an meine Liebsten zuhause – an meinen Mann und meinen Sohn, die mir immer die Kraft und die Zuversicht gegeben haben, mich weiterhin meinem Buchprojekt zu widmen. Immer, wenn ich davor war, alles hinzuwerfen, habt ihr mich wieder aufgebaut und zum Weitermachen ermutigt. Vielen Dank auch für euer wiederholtes Korrekturlesen und den lobenden Worten danach. Ohne euch hätte ich das niemals geschafft.
Keinen geringen Anteil an der Fertigstellung hat auch Kathrin, die Korrektur gelesen hat, und mir wertvolle Hinweise und Tipps gegeben hat. Ihr kann ich ebenfalls nicht genug danken.
Auch meinen Verwandten und Freunden möchte ich für die stets aufmunternden Worte in den letzten drei Jahren einen herzlichen Dank sagen.
Vielen Dank an alle – ich weiß das sehr zu schätzen.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
(Römer 12,21)
Ein wahrlich schöner Spruch, den Tante Sophie fein säuberlich als Lebensweisheit auf der ersten Seite ihres Kalender-Tagebuchs verewigt hat. Jedoch in dem Zusammenhang mit ihrer eigenen haarsträubenden Geschichte ist er eigentlich nicht anwendbar. Jeder andere hätte auf Rache gesonnen. Ich blättere weiter in ihren handschriftlichen Aufzeichnungen: Es ist wirklich empörend, was man ihr angetan hat.
Dabei war sie nun wirklich eine liebenswerte alte Dame, kinderlieb, hilfsbereit und großzügig und stets darauf bedacht, nach den Geboten Gottes zu leben. Noch nie habe ich jemanden erlebt, der im Angesicht des Todes so fest und intensiv an das ewige Leben geglaubt und sich sogar darauf gefreut hat.
Tante Sophies Kindheit war geprägt von der schweren Kriegszeit. Ihre Eltern besaßen damals ein kleines gutgehendes Lebensmittelgeschäft am Stadtrand. Von Hitlers Visionen und Lebensanschauungen nicht überzeugt, begannen ihre Eltern schon früh, Diskriminierte und Bedürftige heimlich zu unterstützen und ihnen unauffällig Lebensmittel zuzustecken. Damit handelten sie sich jedoch bald beträchtlichen Ärger ein. Über Jahre hinaus verfolgten Tante Sophie fürchterliche Erinnerungen an jene Zeit, die so grausam gewesen sein müssen, dass sie darüber lieber erst gar nicht reden wollte. Sie beschloss also einfach, sich daran nicht mehr zu erinnern.
Um den Arbeitsdienst im Krieg zu umgehen, riet ihr Vater ihr nach dem Abitur eine einjährige Lehrerausbildung zu absolvieren. Obwohl sie diese Ausbildung ohne innere Überzeugung begonnen hatte, entwickelte sie eine ungemein große Freude an dem Beruf und den Kindern. Auch hier setzte sie sich ganz besonders für die schwachen Schüler ein. Aus tiefer Dankbarkeit schrieben und besuchten sie auch über sechzig Jahre später noch ehemals betroffene Kinder regelmäßig.
Im Alter von dreißig Jahren lernte sie in den fünfziger Jahren ihren fünfzehn Jahre älteren, sehr wohlhabenden späteren Mann Konrad kennen. Obwohl sie eine glückliche Ehe führten und beide Kinder liebten, blieben sie kinderlos. Stattdessen reisten sie in für die damalige Zeit außergewöhnlich ferne Länder und lernten dort deren Kunst und Kultur kennen.
Doch die Wende begann an jenem besonderen Morgen. Es war eigentlich ein sehr schöner Sommertag und obendrein noch Ferienanfang. Sie frühstückten gemeinsam auf der Terrasse und lasen Zeitung. Konrad wollte gerade einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse nehmen, als sie ihm plötzlich aus der Hand glitt und klirrend zu Boden fiel. Er wollte schimpfen, aber kein Wort kam ihm über die Lippen. Stattdessen begannen sein Mund und dann auch die Arme und Beine unkoordiniert zu zucken, bis er bewusstlos zu Boden glitt. Entsetzt sprang Sophie auf und wollte ihm zur Hilfe eilen, aber Konrad reagierte nicht mehr. Sie lief zum Telefon und verständigte den Notarzt, der Konrad ins Krankenhaus brachte. Dort untersuchten sie ihn ausgiebig und stellten anschließend die grausame Diagnose: Hirntumor.
Danach begannen die schweren Jahre, in denen Sophie das Leiden, die Krämpfe, die anschließenden entsetzlichen Kopfschmerzen, den körperlichen Verfall und die darauffolgende Wesensveränderung miterleben musste, ohne wirklich helfen zu können. Keine Nacht konnte sie durchschlafen, aus Angst einen lebensbedrohlichen Anfall zu überhören. Der furchtbare Leidensweg dauerte fünf Jahre bis Konrad völlig abgemagert während eines Anfalls starb.
Die Welt brach endgültig für meine Tante Sophie zusammen, als nur wenige Monate später ihr Vater bei einem Herzanfall verstarb, und auch ihre Mutter ihm nach einem weiteren Jahr nach einer schweren Lungenentzündung folgte. Sie fühlte nur noch eine innere Leere und begann nun plötzlich selbst unerklärliche plötzliche Ohnmachten zu entwickeln. Für eine Lehrerin und Aufsichtsperson war das nicht akzeptabel. Der Direktor der Schule legte ihr daher gegen ihren Willen eine vorzeitige Pensionierung mit nur sechsundfünfzig Jahren nahe. Sie tat sich zwar mit der Entscheidung sehr schwer, unterschrieb dann aber auf Drängen der Schule letztendlich doch.
Daraufhin fiel sie endgültig in ein tiefes Loch, einsam und ihrer Aufgaben enthoben, suchte sie verzweifelt nach einem neuen Sinn des Lebens und in dieser fürchterlichen Situation traf sie ihn: Überwältigt von seinen mitreißenden, rhetorisch perfekt ausgefeilten Reden und seiner anpackenden Art, saß sie in der Kirche und himmelte ihren neuen Gemeindepastor Stark bedingungslos an. Die gesamte Kirchengemeinde hing ehrfürchtig an seinen Lippen, wenn der belesen wirkende Diener Gottes bei seinen Andachten zu ihr sprach. Dieser außergewöhnliche Mann schien ohne langes Überlegen Antworten auf komplizierte Fragen und passende Lösungen für Probleme jeglicher Art parat zu haben. In dieser Zeit beginnen die Kalender-Tagebücher meiner Tante und auch die eigentliche Geschichte.
Heute, an dem dritten Jahrestag ihres Todes stehe ich noch immer fassungslos vor Tante Sophies Grab, als mir der Ablauf ihrer ungeheuerlichen Geschichte wieder durch den Kopf geht. Scheibchenweise war es mir nach ihrem Tod trotz aller Widerstände gelungen, die traurige Wahrheit über die hinterlistigen Schandtaten ans Licht zu bringen.
Für mich wird Tante Sophie immer als eine kleine, etwas mollige alte Dame mit schlohweißen Haaren und einem unverwechselbaren lauten herzlichen Lachen in Erinnerung bleiben, weltoffen und für Neuerungen noch bis ins hohe Alter begeisterungsfähig.
„Ist ja toll!“, rief sie daraufhin stets verzückt aus, und es war nicht schwierig, sie dann auch zu etwas tollkühnen Taten zu überreden.
Selbst im fortgeschrittenen Alter von neunzig Jahren trug sie sich noch ernsthaft mit dem Gedanken, sich einen Laptop zuzulegen. Sie liebte es einfach, etwas Neues auszuprobieren, Abenteuer zu erleben und bei Reisen in die hintersten Ecken der Welt fremde Kulturen kennenzulernen. Als ihre körperlichen Kräfte später nachließen, litt die ehemalige Sportlerin sehr darunter und versuchte verzweifelt dagegen anzukämpfen. Inzwischen sogar mit zwei Gehstöcken ausgestattet, versuchte sie trotzdem immer noch das Unmögliche möglich zu machen.
Oberflächlich kannte ich Tante Sophie schon seit meinen frühen Kindheitstagen. Jedes Jahr traf ich sie einmal bei der Geburtstagsfeier meiner Oma. Doch als diese verstarb, schlief der Kontakt ein.
Jahre später begegnete ich ihr unvermutet in der Stadt, sprach sie an, und es entwickelte sich, obwohl wir uns wenig kannten, ein angenehmes, fast vertrautes Gespräch. Wir waren uns vom Wesen her sehr ähnlich, und es dauerte nicht lange, bis der Sympathiefunken übersprang.
Das ist nun schon über zwanzig Jahre her, trotzdem kann ich mich heute noch an die lustige Verabschiedung erinnern, als sie mich vorsichtig fragte: „Wir haben uns jetzt so nett unterhalten, doch - wer bist du eigentlich?“
Ich wusste natürlich, dass sie aus ihrem kirchlichen Engagement einen riesigen Bekanntenkreis hatte, und es deshalb nicht immer einfach für sie war, alle Gesichter sofort richtig einzuordnen. Heute noch muss ich über die ehrliche und direkte Frage schmunzeln.
Sie war aber wahrhaftig daran interessiert zu erfahren, mit wem sie sich nun eigentlich überhaupt unterhalten hatte, merkte sich fortan meine Adresse, um sich telefonisch einige Zeit später noch einmal mit mir zum Kaffeetrinken zu verabreden. Von diesem Tag an entwickelte sich eine lockere Beziehung. Wir verabredeten und trafen uns in unregelmäßigen Abständen zu einem netten, kleinen Plauderstündchen.
Die weiteren Jahre nach meinem Treffen mit Tante Sophie in der Stadt sollten die schwersten meines Lebens werden. Nur wenige Monate danach wurde mein Sohn Mario geboren, viel zu früh, gerade mal dreißig Zentimeter lang und neunhundert Gramm schwer. Monatelang kämpfte er im Krankenhaus um sein Leben und auch nach seiner Entlassung erforderte sein schlechter Gesundheitszustand, begleitet von Therapien, unzähligen Arzt- und Krankenhausbesuchen, meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Trotzdem schlief meine neugewonnene Beziehung zu Tante Sophie nicht wieder ein. Ganz im Gegenteil, kinderlieb wie sie war, fieberte sie bei jedem neuen Schicksalsschlag mit uns mit und gewann später mit ihrem freundlichen und fröhlichen Wesen im Handumdrehen Marios Herz.
Als Mario ungefähr acht Jahre alt war, verstarb eine gemeinsame Verwandte von Tante Sophie und mir. Um der damals schon achtzigjährigen Tante Sophie das Tragen des schweren Trauergestecks zu ersparen, nahm ich ihr die Bestellung und Abholung ab und verabredete mich zur Übergabe des Blumengebindes eine halbe Stunde vor dem Trauergottesdienst vor der Kirche.
Pünktlich war ich am vereinbarten Treffpunkt und wartete. In der Regel war sie auch immer zur rechten Zeit da, aber aus irgendeinem Grund verspätete sie sich an diesem Tag. Unruhig schaute ich auf meine Armbanduhr. Die Zeit verstrich und schon bald sollte der Trauergottesdienst beginnen. Als die Glocken zu läuten begannen, versuchte ich, Tante Sophie telefonisch zu erreichen. Erfolglos. Wieso kam sie nicht? Was war nur geschehen? Hin und her gerissen, entschied ich mich dazu, zunächst an der Beerdigung teilzunehmen und anschließend den Grund für Tante Sophies Fernbleiben ausfindig zu machen.
Nachdem die Feierlichkeiten beendet waren, versuchte ich nochmals, Tante Sophie telefonisch zu erreichen. Diesmal meldete sie sich, aber ihre Stimme klang ungewöhnlich mitgenommen.
„Tante Sophie, was ist denn passiert?“, erkundigte ich mich voller Sorge. „Warum bist du denn nicht gekommen?“
„Liebe Julia, es tut mir so leid, dass du vergeblich auf mich gewartet hast“, entschuldigte sie sich umgehend.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein musste. Ihre sonstige Fröhlichkeit war wie weggeblasen, stattdessen klang sie traurig und besorgt.
„Als ich heute Morgen zum Friedhof fahren wollte, habe ich beim Abbiegen direkt vor meiner Wohnung einen Fahrradfahrer angefahren. Ihm ist Gott sei Dank nicht viel passiert. Trotzdem ist er zur Überwachung zunächst ins Krankenhaus eingeliefert worden.“
Jetzt klang ihre Stimme nahezu verzweifelt. Sie, die seit Jahren unentwegt darum bemüht war, ihre Mitmenschen tatkräftig zu unterstützen und ihnen stets alle in ihrer Macht stehende Hilfe zur Verfügung stellte, hatte nun selbst einem Menschen körperlichen Schaden zugefügt. Für sie musste das sicherlich ein persönliches Desaster sein.
„Bist du verletzt?“, erkundigte ich mich voller Mitgefühl. „Kann ich nicht irgendetwas für dich tun?“
„Nein, nein. Es ist alles in Ordnung“, behauptete sie, aber der Klang ihrer Stimme vermittelte einen genau gegenteiligen Eindruck. „Mach dir keine Sorgen und fahr nur zu deinem Mario. Ich komme schon allein zurecht.“
Typisch Tante Sophie – wollte mal wieder keinem zur Last fallen. Wir verabschiedeten uns, aber als ich den Hörer aufgelegt hatte, war mir klar, dass ich Tante Sophie nicht einfach im Stich lassen konnte. Da konnte sie sagen, was sie wollte: Ich würde einfach zu ihrer Wohnung fahren und mir dort an Ort und Stelle ein Bild machen, ob und wie ich ihr helfen könnte.
Auf mein Klingeln hin öffnete eine nervöse und aufgeregte Tante Sophie die Tür. Der Unfall war eindeutig nicht so spurlos an ihr vorbeigegangen, wie sie vorgegeben hatte. Aber sie freute sich riesig über mein Kommen und war den Tränen der Rührung und Freude nahe. Sogleich holte sie leckere Säfte, Kekse und andere Köstlichkeiten und erklärte mir ausführlich den Unfallhergang. Verletzt war sie nicht, aber ihr Auto hatte etwas abbekommen.
„Soll ich dein Auto für dich in die Werkstatt fahren?“, erkundigte ich mich in der Hoffnung wenigstens ein wenig behilflich sein zu können.
„Das würdest du wirklich für mich tun? Das wäre wirklich lieb von dir“, antwortete sie sofort begeistert.
Gemeinsam verließen wir also ihre Wohnung und gingen zu ihrem Auto, das zwar einen deutlichen Unfallschaden aufwies, aber noch fahrbereit war. Ich setzte mich auf die Fahrerseite, um das kleine Auto zu starten, und Tante Sophie nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Als ich gerade den Zündschlüssel drehen wollte, fiel mein Blick auf das Schaltgetriebe: „Oh nein“, entfuhr es mir, „Automatikschaltung!“
Noch nie im Leben war ich vorher ein derartiges Getriebe gefahren und hatte ein ganz ungutes Gefühl, das ausgerechnet bei einem fremden Unfallwagen auszuprobieren.
“Kein Problem, liebe Julia“, meinte Tante Sophie sofort. Sie hatte wohl durch meine Anwesenheit wieder neue Zuversicht geschöpft: „Wenn ich mein Auto fahre, könntest du dann mit deinem hinterherfahren?“
Ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Da war ich ja wirklich eine tolle Hilfe: Erst große Versprechungen und dann das! Tante Sophie fuhr aber ihr stählernes Sorgenkind ganz souverän in die Werkstatt, veranlasste dort das Notwendige und ließ sich anschließend von mir wieder nach Hause kutschieren.
Trotz allem war Tante Sophie wahnsinnig dankbar – einfach, dass ich spontan gekommen war, ungefragt meine Hilfe angeboten hatte und für sie da war. Dieser Tag hatte unsere Beziehung zueinander endgültig verändert. Wir hatten erkannt, dass wir uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnelten und einander uneingeschränkt vertrauen konnten. Es war der Beginn einer wirklichen Freundschaft.
In diesem Jahr gehörten mein Mann André, Mario und ich auch erstmals zu den Auserwählten, die zu Tante Sophies Geburtstagsfeier in ein vornehmes Restaurant eingeladen worden waren. Ich empfand das als große Ehre nunmehr offenbar auch zu Tante Sophies Vertrauten zu gehören. Neben einigen nahen Verwandten, die ich natürlich auch kannte und sehr mochte, hatte sie zusätzlich noch die gesamte Familie von Pastor Stark einschließlich Kindern und Enkelkindern eingeladen, mit der sie wohl durch ihr intensives Engagement in der Kirche im Laufe der Jahre eine engere Beziehung aufgebaut hatte.
Pastor Stark war in jener Zeit in unserer Stadt eine äußerst prominente Persönlichkeit. Mit seinen mitreißenden Andachten in der Kirche scharte er die Gläubigen nur so um sich. André und ich hatten in jungen Ehejahren seinen Gottesdiensten selbst oftmals gelauscht, und die Termine häufig sogar extra so ausgewählt, dass wir seine Ansprachen hören konnten. Sie hatten in der Tat etwas Packendes und hoben sich durch Pastor Starks Wortgewalt von den gewöhnlichen Reden deutlich ab. Das war jetzt aber das erste Mal, dass ich Pastor Stark persönlich und privat kennenlernen sollte.
Wir sahen ihn schon von weitem, als er mit seiner Familie aus seinem großen, dunklen Auto ausstieg, das er dreist direkt in der Halteverbotszone der Feuerwehrzufahrt vor dem Restaurant geparkt hatte.
„Für eine so hochstehende Persönlichkeit scheinen Verkehrsregeln aber offenbar nicht zu gelten“, meinte André wütend, der sowieso schon davon genervt war, dass wir stundenlang nach einem ordnungsgemäßen Parkplatz hatten suchen müssen.
Dass sich ausgerechnet ein Mann der Kirche so gewissenlos und mutwillig über die geltenden Verkehrsregeln und Schutzvorschriften hinwegsetzte, fand ich schon etwas befremdlich. Dieser kleine Vorfall schwächte umgehend meine einstige Begeisterung über ihn erheblich ab.
Als Pastor Stark gemeinsam mit uns das Restaurant betrat, richteten sich augenblicklich alle Blicke auf ihn. Mit selbstbewusster, lauter Stimme begrüßte er die neugierig und ehrfürchtig auf ihn starrenden, anwesenden Gäste und rauschte mit festem Schritt durch die Räumlichkeiten des Restaurants in den etwas separat liegenden Raum, der für die Geburtstagfeier vorbereitet war.
Natürlich hatte Tante Sophie für ihn und seine Familie die Ehrenplätze an der Tafel vorgesehen. Schließlich war Pastor Stark ja auch eine Berühmtheit in unserer Stadt und Tante Sophie war sichtlich stolz darauf, dass diese Prominenz an ihrem Ehrentag erschienen war.
Trotzdem tat Tante Sophie mir an jenem Geburtstag irgendwie leid. Sie saß zwar am anderen Ende der Tafel zwischen Eva und Frau Stark, aber keiner von beiden unterhielt sich angeregt mit ihr. Sie schienen sich offensichtlich nicht viel zu sagen zu haben. Tante Sophie versuchte durch ein Dauerlächeln vorzugeben, dass ihr die Feier gefiele, jedoch konnte ich mir das kaum vorstellen.
War es Pastor Starks dominantes, überhebliches Verhalten, das plötzlich so eine Antipathie gegenüber seiner Person, die ich selbst noch vor kurzer Zeit bewundert hatte, bei mir auslöste? Oder war es dieses ungute Gefühl, dass er die Dinge, die er persönlich für richtig hielt, rücksichtslos über alle Köpfe hinweg durchzog?
Dem vermeintlichen Höhepunkt des Abends, einer Rede des allerorts bewunderten Pastor Stark, folgte ich daher mit großer Skepsis und mangelnder Begeisterung. Immer wieder hob er die außerordentliche Freundschaft seiner Familie zu Tante Sophie derart hervor, dass es mir fast schon ein wenig übertrieben schien. Ich muss aber gestehen, dass ich etwas voreingenommen war.
„Warum hat Tante Sophie denn ausgerechnet Familie Stark eingeladen?“, wunderte sich André, als wir wieder zurück zum Auto gingen. „Woher kennt sie die denn überhaupt so gut? Pastor Stark ist doch ein gefragter Mann in der Stadt. Da bin ich doch überrascht, dass er für Geburtstagsbesuche Zeit findet.“
„Du weißt doch, dass Tante Sophie in der Schlosskirche sehr engagiert ist und für Pastor Stark dort eine große Unterstützung ist“, versuchte ich trotz meiner eigenen Vorbehalte eine Erklärung zu finden. „Seit einigen Jahren ist sie wohl enger mit der Familie befreundet“.
„Das finde ich aber schon ein wenig eigenartig“, entgegnete André. „Eins ist aber klar: Nach dem reichen Alkoholgenuss, den sich Herr Stark heute Abend genehmigt hat, würde ich auf jeden Fall mein Auto stehen lassen“, ergänzte er und deutete in die Richtung von Herrn Stark, der gerade dabei war, sich hinter das Steuer zu setzen.
In den folgenden Jahren unternahmen wir immer wieder gemeinsame Vergnügungsfahrten mit Tante Sophie in das Umland, an denen wir alle viel Freude hatten. Ob Fahrten mit dem Floß oder Tretboot, mit der alten, schwarzen Dampflok, Ausflüge in die Heide oder in die Berge – ständig überlegten wir uns neue Unternehmungen.
So sehr Tante Sophie aber auch unser Beisammensein und unsere Ausflüge sicherlich genoss, ich hatte weiterhin den Eindruck, dass ihr eigentlicher Lebensmittelpunkt Familie Stark war.
„Ich will, solange es geht, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen“, betonte sie immer wieder, und, ganz Lehrerin, bestimmte immer sie, wann sie mal wieder Zeit für ein Treffen mit uns hatte.
Es hatte daher nicht den Anschein, dass sie sich eine noch engere Beziehung zu meiner Familie gewünscht und ersehnt hätte. Immerhin hatte sie in dieser Hinsicht ja die Starks, so glaubte ich …
Das erste Mal, als ich erkannte, dass Ihre Beziehung zur Familie Stark sich verändert hatte und doch nicht mehr so intensiv war, wie ich es gedacht hatte, war ein Anruf von Tante Sophie am 30. November 2011. Spät abends klingelte plötzlich das Telefon.
Zu meiner Überraschung meldete sich eine aufgeregte Tante Sophie, die eine unerwartete Bitte an mich hatte. Es fiel ihr sehr schwer, sie überhaupt zu formulieren, und am liebsten hätte die sie auch sofort auch wieder zurückgenommen.
Aber es war ihr eine Herzensangelegenheit, also brachte sie sie auch hervor: „Liebe Julia, du hast in deiner letzten Geburtstagskarte dich wieder einmal angeboten, mir zu helfen. Ich weiß, du hast mit deinem pflegebedürftigen Sohn Mario so viel zu tun, und ich traue mich es kaum auszusprechen, aber ich wollte dich fragen, ob du für mich die Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht übernehmen würdest. Ich weiß einfach keinen anderen, dem ich so viel Vertrauen entgegenbringe, dass ich ihn fragen könnte.“
Ich war sehr überrascht. Wenn ich mit ihr durch die Stadt ging, wurde sie von unendlich vielen Leuten freundlich begrüßt, einen Termin mit ihr zu vereinbaren war stets schwierig, weil sie sich schon mit Freunden und Bekannten verabredet hatte – und unter all diesen Freunden insbesondere der Familie Stark war niemand, dem sie so sehr vertraute wie mir? Ich empfand es als Ehre, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen und sagte deshalb mit Freude zu. Sie war sehr erleichtert, und wir verabredeten einen Termin im Laufe der Woche, um die Details gemeinsam zu besprechen und das vorgefertigte Schriftstück zu unterschreiben.
Wie besprochen klingelte ich am Donnerstag an ihrer Tür. Eine wie gewohnt fröhliche Tante Sophie öffnete sie und bat mich herein. Ich ging den langen Flur ihrer Wohnung entlang, wo sich ein Bild der Familie Stark an das andere reihte, hinein in ihr mit antiken Möbeln vornehm ausgestattetes Wohnzimmer. Auf ihrem alten Biedermeierschreibtisch stand aber auch ein nettes Foto von Mario, und ich freute mich, dass sie es aufgestellt hatte.
Sie überhäufte mich mit Keksen vom Konditor, Pralinen, Kaffee und edlen Säften und wiederholte immer wieder: „Ich bin ja so glücklich, dass du diese Aufgabe übernehmen willst, aber bist du dir wirklich sicher, dass es dir nicht zu viel wird? Da wird eine Menge Arbeit auf dich zukommen.“
Ich war froh, dass sie trotz ihrer 88 Jahre geistig noch so fit war und hatte nicht den Eindruck, dass ich bald dieses traurige Amt ausführen müsste.
Doch eine Realistin wie sie war, sprach sie die für andere Leute schwierigen und etwas peinlichen Dinge unverhohlen an: „Wenn es mir einmal schlecht geht, möchte ich auf gar keinen Fall lebensverlängernde Maßnahmen wie eine Beatmung oder eine Magensonde erhalten. Ich bin alt genug, irgendwann ist es Zeit zu gehen und der Herrgott wartet auf mich.“
Sie griff nach einem Formular, das in der Mitte des runden Wohnzimmertisches lag, und legte es mir vor die Nase. „Dies ist meine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Ich habe bereits deinen Namen und Kontaktdaten als meine Vertreterin eingefügt und schon unterschrieben. Jetzt fehlt nur noch deine Unterschrift. Danach überlasse ich eine Kopie davon bei meinem Krankenhausarzt Dr. Pohl, damit der weiß, an wen er sich gegebenenfalls wenden muss.“
Ich war mir in diesem Augenblick durchaus bewusst, welche Tragweite meine Unterschrift hatte und war sogar etwas stolz darüber, welches Vertrauen Tante Sophie mir entgegenbrachte. Gleichzeitig hatte ich aber auch ein wenig Angst vor den Entscheidungen und Aufgaben, die auf mich zukommen könnten. Würde ich überhaupt in der Lage sein, mein Amt zu gegebener Zeit ordnungsgemäß auszuführen?
Erleichtert, dass die Formalitäten nun erledigt waren, stand Tante Sophie auf, ging zu ihrem Sekretär und holte dort einen Aktenordner heraus, auf dem in einem großen Schriftzug der Name des örtlichen Beerdigungsinstituts vermerkt war. Sie zeigte mir die Unterlagen, und es war unglaublich, was sie schon im Vorfeld vereinbart und auch sogar schon bezahlt hatte. Ihre gesamten Beerdigungsfeierlichkeiten waren bis ins Kleinste geplant, ein Sarg schon ausgesucht, das passende Gewand, der Blumenschmuck auf dem Sarg, die Lieder und Texte, eine Liste samt Adressen, an die die Trauerkarten geschickt werden sollten, erstellt und selbst der ungewöhnliche Text und die Gestaltung dieser Karten sowie einer Trauerannonce waren schon abgefasst, nur das Todesdatum war noch zu ergänzen:
Meine Zeit steht in deinen Händen
(Psalm)
Sophie Reber geb. Klinke
* 14.3.1924 + ….
dankt Gott für dieses Leben hier auf Erden,
dankt für alle Freundschaft und Liebe, die sie von vielen Menschen empfangen hat
und freut sich auf ein zukünftiges Leben.
Der Gottesdienst findet am….
Ich fand diese detaillierte Planung schon ein wenig unheimlich, da ich das Gefühl hatte, als wünsche sie sich diesen Tag daher. Das passte aber so gar nicht zu ihrer scheinbar lebensfrohen Art.
Sie blätterte weiter in dem Ordner, heftete ein Schriftstück aus und legte es mir vor: „Kürzlich habe ich noch etwas geändert. Ich habe mir überlegt, dass ich mich nach meinem Tod im Krematorium verbrennen lassen will. Das ist etwas billiger, du musst daher darauf achten, dass du ca. 200 € vom Beerdigungsinstitut zurückerhältst.“
Nun war ich endgültig geschockt. Der Gedanke an eine Verbrennung und eine anschließende Urnenbestattung, bei der nur so wenig von einem geliebten Menschen übrigbleibt, gefiel mir gar nicht. Was um alles in der Welt hatte sie denn plötzlich dazu bewegt?
Ab diesem Tag trafen wir uns noch öfter. Einerseits versuchte ich für sie da zu sein, wenn sie Hilfe benötigte, andererseits wollte ich mich aber auch nicht aufdrängen, denn ich spürte, dass sie ihre Angelegenheiten noch selbstständig entscheiden und sich nicht reinreden lassen wollte.
An einem Montag im Mai 2012 klingelte jedoch plötzlich das Telefon.
Eine Krankenschwester meldete sich: „Frau Reber ist heute mit einer Lungenentzündung bei uns eingeliefert worden. Sie bittet Sie, morgen hier vorbeizukommen.“
Insgeheim hatte ich schon befürchtet, dass ein Krankenhausaufenthalt unumgänglich sein würde, da es Tante Sophie bei meinem letzten Besuch wenige Tage zuvor schon sehr schlecht gegangen war. Sie hatte nur noch mit großer Mühe atmen können, sich aber trotzdem vehement dagegen gesträubt, mit mir gemeinsam einen Arzt aufzusuchen. Ihr Zustand musste sich also in den letzten Tagen sogar noch verschlechtert haben.
Als ich am nächsten Morgen gerade das Haus auf dem Weg ins Krankenhaus verlassen wollte, klingelte wiederum das Telefon und abermals war eine Krankenschwester am anderen Ende der Leitung: „Frau Reber hat es sich überlegt – Sie möchte nun doch nicht mehr, dass Sie kommen.“
So war sie manchmal, meine liebe Tante Sophie. Heute hü – morgen hott. Vielleicht wollte sie mir aber lediglich nicht zur Last fallen.
Ich wusste jedoch von Krankenhausbesuchen in vergangenen Zeiten, dass es ihr sehr unangenehm war, sich schwach zu zeigen, und sie deshalb gar nicht richtig erfreut über unerwartete Besuche war. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich ihr vor einigen Jahren mit Blümchen bewaffnet mit meinem Krankenhausbesuch eine kleine Freude bereiten wollte und nach kurzer Zeit wieder vor der Tür stand. Es passte ihr an jenem Tag einfach nicht in den Kram.
Manchmal hatte ich en Eindruck, sie spielte ihren Mitmenschen eine Rolle vor, nämlich die eines lebensbejahenden und fröhlichen Menschen, aber tief in ihrem Inneren war sie von Zweifeln und negativen Gedanken geplagt. Das konnte ich auch häufig feststellen, wenn ich sie unvermutet angerufen habe. Dann war sie teilweise mürrisch, fast unfreundlich, wenn es ihr gerade nicht in den Kram passte, wohingegen sie ein vollständig anderer Mensch zu sein schien, wenn sie selbst den ersten Schritt eines Anrufes getan hatte.
Ich wartete also zwei Tage ab, als ich aber weiterhin keinen Anruf erhielt, beschloss ich trotzdem ins Krankenhaus zu gehen und mir persönlich ein Bild über ihren Gesundheitszustand zu machen. Ein wenig schüchtern betrat ich das Krankenzimmer und war bestürzt: Sie lag im Bett, erhielt über eine Atemhilfe zusätzlichen Sauerstoff und rang nach Luft.
Ich schluckte, ging zu ihrem Bett, nahm ihre Hand und sagte mit leiser Stimme: „Ich weiß, dass du nicht wolltest, dass ich komme, aber ich möchte dir nur sagen, dass wir alle in Gedanken bei dir sind und für dich beten. Wenn es dir recht ist, komme ich morgen ganz kurz wieder, um zu sehen, ob es dir wieder besser geht.“
Daraufhin ging ich noch einmal im Schwesternzimmer vorbei, um mich zu vergewissern, ob mein Name samt Telefonnummer für Notfälle in den Patientenunterlagen vollständig erfasst war, wie es in der Patientenverfügung schriftlich festgelegt worden war. Eigentlich war das nur eine Vorsichtsmaßnahme, da Dr. Pohl mit seiner Unterschrift unter der Patientenverfügung schon vor Monaten eigenhändig bestätigt hatte, über meine Bevollmächtigung informiert zu sein.
„Es tut mir leid“, antwortete die Krankenschwester auf meine Frage. „Bei uns liegen keine Daten für einen Ansprechpartner vor. Wenn Sie mir aber jetzt Ihre Adresse nennen, werde ich sie sogleich nachtragen.“
Da war ja etwas gründlich schiefgelaufen. Ich war wütend auf Dr. Pohl. Tante Sophie hatte immer so von ihm geschwärmt, was für ein verständnisvoller, zuverlässiger und guter Arzt er sei und jetzt, wo sie wirklich Beistand, Hilfe und Unterstützung von mir brauchte, hatte er einfach vergessen, was er zuvor in seinen Arztterminen mit ihr besprochen hatte. Die Krankenschwester war aber freundlich, und sie traf sicherlich auch keine Schuld. Ohne meinen Ärger über Dr. Pohl zu zeigen, ergänzte ich daher lediglich meine Angaben zu den gewünschten Daten und verabschiedete mich anschließend.
In den folgenden Tagen rechnete ich mit dem Schlimmsten. Jeden Tag besuchte ich sie kurz im Krankenhaus in ihrem Zimmer, um zu sehen, wie es ihr ging, und ob ich etwas für sie erledigen konnte. Keine großen Gespräche, dafür war sie zu schwach. Sie sollte sich einfach nur erholen. Wie durch ein Wunder verbesserte sich ihr Gesundheitszustand ganz langsam Tag für Tag mehr, sie wurde wieder kräftiger und gesprächiger. Nach zwei Wochen war sie nahezu genesen. Wie sehr freute sie sich, als ich plötzlich am Tag ihrer Entlassung unvermutet an ihrer Zimmertür anklopfte, um sie mit dem Auto nach Hause zu bringen. Sie hatte auf ihre Selbstständigkeit immer großen Wert gelegt und auch diesmal wieder geplant, sich eigenständig eine Taxe zu rufen.
„Nein, so was!“, rief sie begeistert aus, als sie mich sah. „Liebe Julia, es ist ja sooo schön, dass du mich abholst!“
Doch die schwere Krankheit hatte Kraft gekostet, das Laufen fiel ihr fortan schwerer und der Arzt verordnete ihr wegen der Sturzgefahr einen Rollator. Mit dem Gedanken an einen Rollator konnte sie sich so gar nicht anfreunden. Sie als ehemalige Sportlerin, die einst mit Leidenschaft zum Schwimmen und Rudern ging, sich zu langen Wanderungen aufmachte oder Radtouren durch die Berge unternahm, wollte keinen Rollator. Wenn überhaupt verließ sie sich auf ihre zwei Gehstöcke. Mühsam konnte ich sie dazu überreden, mit mir gemeinsam in einem Sanitätsgeschäft einen Rollator auszusuchen und einige Tage später abzuholen.
„Ich brauche ihn aber eigentlich gar nicht“, behauptete sie dennoch weiterhin. „Ich kann ihn aber bei mir in der Wohnung in den Flur stellen – für alle Fälle.“
Als er aber erst einmal in ihrer Wohnung stand und sie keiner beobachtete, benutzte sie ihn dort erstaunlicherweise doch immer häufiger.
Ihre elegante Wohnung befand sich in einer schönen, alten Villa direkt in der Stadt, lag jedoch leider im ersten Stock. Die wenigen Stufen in die erste Etage zu erklimmen, fiel ihr zunehmend schwer, und sie verließ immer weniger ihr Zuhause. Bald befasste sie sich schweren Herzens doch mit dem Gedanken, sie aufzugeben und in ein Seniorenstift zu ziehen. Vorausschauend wie sie war, hatte sie sich bereits vor Jahren dort angemeldet und brauchte jetzt nur noch auf ein für sie geeignetes Appartement zu warten. So einfach war das jedoch nicht, da es Tante Sophies Wünschen gemäß dennoch eine gewisse Größe, einen schattigen Balkon und einen Blick über die Stadt haben sollte.
Nach mehreren erfolglosen Anläufen fand sich endlich ein hübsches, kleines Appartement, das genau Tante Sophies Vorstellungen entsprach. Wir planten die künftige Einrichtung und beauftragten ein Umzugsunternehmen, das auch das gesamte Verpacken der Einrichtungsgegenstände übernehmen sollte.
„Du hast mir schon so viel geholfen, kümmere dich jetzt lieber wieder um deine Familie“, meinte meine Tante wie immer mitfühlend. „Am Umzugstag selbst brauchst du wirklich nicht zu kommen, da hat mir das Ehepaar Stark ihre Hilfe bei dem Umzug ganz fest versprochen.“
Ich verließ mich darauf, rief am Tag vor dem großen Umzug vorsichtshalber doch noch einmal an: „Ich wollte nur noch einmal nachfragen, ob alles gut läuft, oder ob ich noch etwas helfen kann?“
„Meine Raumpflegerin hat einiges organisiert, aber leider hat das Ehepaar Stark kurzfristig in dieser Woche eine Reise nach Florenz gebucht, und konnte sie jetzt nicht mehr verschieben.“
Ich spürte sofort, dass sie ziemlich verzweifelt war und sich nur nicht getraut hatte, mich erneut um Hilfe zu bitten.
„Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Ich bin morgen um 7.00 Uhr da, bis das Umzugsunternehmen kommt, können wir noch alles regeln.“
Sie seufzte erleichtert über meinen Vorschlag.
Am nächsten Morgen erkannte ich den Grund ihrer Besorgnis: Absolut nichts war geplant, geräumt und organisiert – Familie Stark hatte die fast 90 – jährige einfach im Stich gelassen! Lediglich einige angebliche Freunde und Bekannte hatten die Gunst der Stunde genutzt und sich Wertgegenstände wie Elektrogeräte, wertvolles Geschirr und Gläser, edle Möbel und Teppiche usw. unter dem Vorwand, dass sie die Dinge ja künftig nicht mehr unterbringen könne, unter den Nagel gerissen.
Nunmehr in Eile versuchten wir festzulegen, welche Teile eingepackt werden sollten und welche nicht.
Etwas verwundert war ich damals schon über die plötzlich abwertenden Bemerkungen von Tante Sophie, die Familie Stark betrafen: „Was soll ich denn mit diesen Unmengen von Bildern, Fotos und Gemälden von Familie Stark anfangen? Ich habe doch überhaupt keinen Platz mehr dafür.“
Das war zwar richtig, aber es klang nicht so, als ob sie das bedauern würde. Ganz im Gegenteil erweckte Tante Sophies Verhalten zunehmend den Eindruck, dass sie den Wandschmuck von Familie Stark nicht mehr wirklich schätzte und gerne darauf verzichten wollte. Irgendetwas musste zu einem gewaltigen Bruch zwischen ihr und der ehemals angehimmelten Familie Stark geführt haben, aber, gläubig wie sie war, sprach sie niemals schlecht über andere Leute und machte höchstens Andeutungen.
Doch für ihre Verhältnisse entglitten sogar ihr schon einige negative Äußerungen, wie z.B.: „Was soll ich mit dieser pinkfarbenen Stola? Ich habe sie letzte Woche von Frau Stark geschenkt bekommen, kann sie deshalb ja nicht gleich wegschmeißen – Pack sie mal erst mal ein.“
Pünktlich um 8.00 Uhr klingelten drei stämmig gebaute Möbelpacker des Umzugsunternehmens an Tante Sophies Haustür. Wir baten sie herein und führten sie gemeinsam durch die Wohnung, um ihnen zu zeigen, welche Dinge verpackt und mitgenommen werden sollten.
Noch bevor sie einen Handschlag ausgeführt hatten, warf der kleine, dickliche Angestellte einen gierigen Blick auf Tante Sophies handgeschnitzte, edelhölzerne Truhe, die im Flur stand und fragte unumwunden: „Wenn ich das richtig verstehe, soll die da nicht mit. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich sie für mich mitnehme?“
Tante Sophie war total überrumpelt. Ich warf einen Blick auf den auffällig großen Kasten mit dem schweren, gewölbten Deckel. Nun, die Truhe war bestimmt einmal höllisch teuer gewesen, und eigentlich war sie ein wirklich schönes Stück, aber weder Tante Sophie noch ich konnten sie in unserer Wohnung unterbringen.
„Ja, dann nehmen Sie nur…“, stimmte sie dann hilflos zu. „Ich habe sowieso keinen Platz mehr dafür.“
Obwohl das stimmte, ärgerte ich mich über den Möbelpacker. Er hatte ganz dreist die Überforderung der alten Dame durch den Umzug für seine Zwecke ausgenutzt. Da es ihre eigene Wohnung war, bestand überhaupt gar keine Eile die restlichen, dort verbleibenden Möbelstücke schnell loszuwerden. Wir hätten sie in aller Ruhe verkaufen oder Freunden eine Freude damit machen können. Verärgert musste ich beobachten, wie die Männer ihr wertvolles Beutestück als allererstes in den Möbelwagen schleppten, bevor sie nur einen Finger für Tante Sophie krumm machten. Ich versuchte aber mir nichts anmerken zu lassen, schließlich waren wir in den nächsten Stunden auf das Wohlwollen dieser Leute angewiesen. Was half es uns, wenn sie im Gegenzug nur „Dienst nach Vorschrift“ machten und spontan auftretenden Problemen und Aufgaben wenig flexibel gegenüberstanden?
Es gelang mir, glaube ich, diesen für meine Tante großen Meilenstein ihres Lebens, den voraussichtlich letzten Umzug, doch noch halbwegs angenehm zu gestalten. Bis spät nachts räumte ich ihre letzten Umzugskartons aus, um ihr das neue Heim so schnell und schön wie möglich gemütlich einzurichten.
Sie lebte sich in ihrer Wohnung in dem Wohnstift, glaube ich, auch gut ein, zumindest hörte ich nie ein Wort des Bedauerns.
Ein weiteres Jahr verging, und sie hielt sich an unsere Abmachung: Sobald etwas Ungewöhnliches geschah und sie Hilfe benötigte, rief sie mich an und teilte es mir mit.
Anfang September läutete wieder das Telefon und Tante Sophie meldete sich, um mich über die neuesten Entwicklungen zu informieren: „Ich wollte dir nur kurz mitteilen, dass ich morgen ins Theresienkrankenhaus gehe. In den letzten Wochen habe ich große Schmerzen im Unterbauch gehabt. Der Chefarzt Dr. Pohl hat mit mir geschimpft, weil ich die von ihm dagegen verschriebenen Medikamente nicht regelmäßig genommen habe und hat mich jetzt aufgefordert, zur medikamentösen Einstellung eine Woche zu ihm ins Krankenhaus zu kommen. Bitte kümmere dich weiter um deine Familie und besuch mich nicht. Du weißt ja, ich möchte das nicht so gern.“
Das klang nicht akut besorgniserregend, und ich hielt mich wie versprochen an die Abmachung, sie nicht zu besuchen.
Die Woche verging wie im Flug. Am Donnerstag rief mich meine Schwiegermutter an, die meinen damals schwer krebskranken Schwiegervater, der zufälligerweise zu der Zeit in dem gleichen Krankenhaus untergebracht war, besucht hatte.
„Stell dir mal vor, wen wir im Krankenhauscafé getroffen haben: Deine Tante Sophie“, erzählte sie. „Wir haben gemeinsam Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und uns dabei ganz reizend unterhalten. Sie hat sich darüber beschwert, dass ihr im Krankenhaus keiner helfen konnte. Sie meint, ihr Aufenthalt dort ist somit völlig sinnlos und kostet den Krankenkassen nur Geld. Darum hat sie beschlossen, spätestens am Samstag auf eigenen Wunsch hin entlassen zu werden. Sie ist wirklich trotz ihres hohen Alters noch wahnsinnig fit, deine Tante Sophie, und sie weiß, was sie will.“
Ich hatte deshalb keinen Anlass, mir Sorgen zu machen. Zwar wunderte ich mich etwas, dass sich Tante Sophie am Wochenende nicht wieder bei mir zurückmeldete. Vielleicht hatte es mit der vorzeitigen Entlassung ja doch nicht so geklappt, wie sie es sich vorgestellt hatte. Mario und ich kennen es nur zu gut aus Krankenhäusern, dass man die meiste Zeit mit stundenlangem, Nerv tötendem Warten verbringen muss, ehe ernsthaft etwas geschieht. Verzögerungen sind da an der Tagesordnung.
Völlig überrascht war ich daher, als ich am Montagabend auf dem Geburtstag meines Schwiegervaters, der seinen letzten Ehrentag nochmals zu Hause feiern wollte, unvermittelt einen Anruf aus dem Krankenhaus auf meinem Handy erhielt: „Frau Reber hat mich gebeten, Sie anzurufen. Ihr geht es außerordentlich schlecht, und sie bittet Sie, so schnell wie möglich hier vorbeizukommen.“
Wie konnte es nur innerhalb so kurzer Zeit so unvermutet zu einer derartigen Verschlechterung ihres Zustandes kommen? Fluchtartig fuhren wir von der Geburtstagsfeier aus direkt ins Krankenhaus.
Ich hasse diese Krankenhausbesuche! Zu oft habe ich nach der Frühgeburt von Mario diese schwach ausgeleuchteten, endlos langen, leeren Gänge gehen müssen, ängstlich besorgt, welche schlechten Nachrichten und Kummer nun wieder auf mich warten würden – aber nur nichts anmerken lassen. Ein Todkranker darf die Sorgen und die Angst seiner Mitmenschen nicht spüren! Also schlucken, stark sein, lächeln und Optimismus ausstrahlen, auch wenn es schwerfällt!
Die letzte Tür im Gang führte zu Tante Sophies Zimmer. Es war das Sterbezimmer, wie ich von meiner Mutter wusste. Kurz durchatmen und dann klopfen. Keine Antwort. Ich öffnete also trotzdem die Tür und sah sie: Schwach war sie, etwas geistesabwesend und verwirrt, aber sie erkannte mich und freute sich offensichtlich sehr, mich zu sehen.
„Ich habe die Krankenschwestern so oft gebeten, dass sie dich anrufen und dir Bescheid geben, aber keine hat mich ernst genommen“, jammerte sie.
Sie tat mir so unendlich leid – so schwach, ausgeliefert und verletzlich.
„Morgen komme ich wieder“, versprach ich ihr. „Wir werden dann gemeinsam mit dem Arzt sprechen und versuchen zu klären, was mit dir in den letzten Tagen geschehen ist. Mach dir also keine Sorgen mehr, ich bin jetzt ja da.“
Erleichtert schloss sie die Augen und schlief ein.
Vorsichtshalber ging ich danach noch einmal zum Schwesternzimmer, um mich zu vergewissern, dass wenigstens diesmal, wie vorab besprochen, meine Personalien vollständig in Tante Sophies Patientenakte vom Chefarzt weitergegeben und aufgenommen worden sind. Ich war schon ein wenig sprachlos und entsetzt, dass das wieder nicht geschehen war. Das konnte ja wohl langsam kein versehentlicher Fehler mehr sein! Langsam gewann ich den Eindruck, dass es Absicht war, dass ich nicht informiert wurde. Gott sei Dank hatte Tante Sophie in ihrer Handtasche wenigstens ein kleines Kärtchen mit meiner Adresse und Telefonnummern gehabt, das sie der Krankenschwester in ihrer Not gegeben hatte, damit sie mich anrufen konnte. Jetzt war es aber endgültig an der Zeit, den Herrn Doktor am nächsten Tag bei der Visite persönlich zu fragen, weshalb ich abermals nicht von Tante Sophies schlechtem Zustand informiert worden war.
Am nächsten Morgen war ich schon relativ früh im Krankenhaus, weil nicht genau klar war, wann die hohen Herren ihre Visite abhielten.
Tante Sophies Gesundheitszustand hatte sich über Nacht nochmals verbessert, und sie hatte bereits meinem Besuch entgegengefiebert.
„Rede du doch bitte heute für mich mit Dr. Pohl und frag ihn, warum es mir so schlecht gegangen ist“, bat sie mich verzweifelt. „Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern. Ich höre doch ohne mein Hörgerät so schlecht, und hier nimmt mich im Augenblick sowieso niemand ernst.“
Das war das erste Mal, dass ich sie in ihrem Namen vertreten sollte, und ich wusste ihr Vertrauen sehr zu würdigen.
