I mag eifach nid! - Hardy Hemmi - E-Book

I mag eifach nid! E-Book

Hardy Hemmi

0,0
28,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dies ist ein Buch, das der Comedian Rolf Schmid und sein Texter Hardy Hemmi gar nie wollten. Wirklich nicht. Nicht einmal im Traum. Sie wollten nichts anderes als bloss ein paar Anekdoten aus dem fast ganz normalen Leben des gelernten Bäcker-Konditors und späteren Comedians Rolf Schmid notieren und diese biografischen Episoden irgendwann, irgendwie und irgendwo szenisch auf die Bühne bringen. So war der Plan. Aber dann passierte es: Über Nacht verselbständigte sich das ganze Projekt und kam in Fahrt – wie ein reissender Bündner Bergbach nach einem Gewitter. Eine Geschichte zog die nächste nach sich, der folgte dann noch eine und dieser eine weitere – das Projekt war im Flow. Jetzt liegen die Geschichten in Buchform vor. Und das fast ganz normale Leben von Rolf Schmid erweist sich im Rückspiegel betrachtet oft als meilenweit weg von jeder Norm. Und vieles, was aus heutiger Distanz komisch erscheint, war damals oft alles andere als das. Ja, das ist ein lustiges Buch! Manchmal lacht man laut heraus, und manchmal kämpft man aber auch mit den Tränen. Wenn der Bündner Bergbach mit Schalk und Wortwitz über die Seiten sprudelt, bleibt jedenfalls kein Auge trocken – ob vom Lachen oder vom Weinen. Wie sagt man doch: Später lachen wir darüber. Lachen Sie mit!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2023 Wörterseh, Lachen

Lektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Brigitte MaternUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaFoto Umschlag: Dolores RupaLayout, Satz und Herstellung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI Books GmbH

Print ISBN 978-3-03763-147-8 E-Book ISBN 978-3-03763-839-2

www.woerterseh.ch

 

»Das Leben wird erst kompliziert, wenn man zu viel darüber nachdenkt.«

Rolf Schmid

 

Inhalt

Über das Buch

Über die Autoren

Ein Vorwort

Rolf privat

Erstaunliche Geschichten

Das Sonntagskind

Eine Klasse für sich

Das schnellste Töffli

Eine kleine Schweinerei

Ein besonderer Augenblick

Mutter kauft ein Kleid

Schöne Ferien!

Tat und Tatta in Surava

Alles über Unterhosen

Theater beim Psychiater

Im Schatten des Säntis

Die Herisau-Liste

The St Moritz Diaries

Bis der Arzt kommt

Das Foxtrott-Experiment

Die Retourkutsche

Doppelter Dachschaden

Das muss Sie nicht interessieren

Das Traumpaar der Party

Sarah und Sahara

Gartenfest mit Gewitter

Ich komme auf die Welt

Wähen und Wehen

Der Pöschtler im Kreisssaal

Daniel – Julia – Rom – Paris

Alpsegen auf Abwegen

Schmetterlingseffekt

Die Mutter aller Torten

Showbusiness

Gelungene Begegnungen

Laudatio aufs Radio

Walo Lüönd und ich

Rhäzünser isch gsünser!

Ein Harass kommt selten allein

I mag eifach nid

Das Hohe-Munde-Brettl

Die Gefrorene Zeltblache

Die grosse Überraschung

Tatort Resort

Auf der Bühne

Abverreckte Vorstellungen

Ein ganz grosser Künstler

Uf Wiederluaga!

Voll dazwischen

Das Schwingbesen-Fiasko

Der Klub der müden Männer

Pronto? – Ciao, Maria!

Hitzschlag im Tropenhaus

Kein Nachwort

 

Über das Buch

Dies ist ein Buch, das der Comedian Rolf Schmid und sein Texter Hardy Hemmi gar nie wollten. Wirklich nicht. Nicht einmal im Traum. Sie wollten nichts anderes als bloss ein paar Anekdoten aus dem fast ganz normalen Leben des gelernten Bäcker-Konditors und späteren Comedians Rolf Schmid notieren und diese biografischen Episoden irgendwann, irgendwie und irgendwo szenisch auf die Bühne bringen. So war der Plan. Aber dann passierte es: Über Nacht verselbständigte sich das ganze Projekt und kam in Fahrt  – wie ein reissender Bündner Bergbach nach einem Gewitter. Eine Geschichte zog die nächste nach sich, der folgte dann noch eine und dieser eine weitere – das Projekt war im Flow.

Jetzt liegen die Geschichten in Buchform vor. Und das fast ganz normale Leben von Rolf Schmid erweist sich im Rückspiegel betrachtet oft als meilenweit weg von jeder Norm. Und vieles, was aus heutiger Distanz komisch erscheint, war damals oft alles andere als das.

Ja, das ist ein lustiges Buch! Manchmal lacht man laut heraus, und manchmal kämpft man aber auch mit den Tränen. Wenn der Bündner Bergbach mit Schalk und Wortwitz über die Seiten sprudelt, bleibt jedenfalls kein Auge trocken – ob vom Lachen oder vom Weinen. Wie sagt man doch: Später lachen wir darüber. Lachen Sie mit!

»Rolf Schmid ist der erste Komiker, den ich vor langer Zeit persönlich kennen lernte, und Hardy Hemmi führte mich vor vielen Jahren ins Schreiben von Werbetexten ein. Beide sind bis heute Freunde geblieben. Somit wars für mich eine doppelte Freude, ihr Buch zu lesen. Eine Rückblende wie ein Kabarett-Programm! Von Rolf erlebt, von Hardy in die richtigen Worte gefasst. Soll ja niemand sagen: ›I mag eifach nid!‹«

Claudio Zuccolini, Comedian

»Ein wunderbares Lesebuch. Habs in einem Schnuuz gelesen und dann gedacht: ›Aso i mögt no lang!‹«

Frölein Da Capo, Musikkabarettistin

»Lauter Katastrophen, eine schlimmer als die andere. Doch was Rolf Schmid, dem sie zustossen, und Hardy Hemmi, der sie in funkelnde Sätze fasst, daraus machen, wird zu einem Lesevergnügen, von dem man nicht weiss: Ist das jetzt beste Comedy – oder doch etwas viel Hintergründigeres?«

Margrit Sprecher, Journalistin

»Das haben die beiden Autoren gut gemacht! Das Buch ist Rolf in Reinkultur: wie er leibt und lebt. Lesenswert!«

Andrea Zogg, Schauspieler

»Eigentlich wollte ich mir Zeit lassen mit Lesen, habe den Plan aber schon nach dem Vorwort verworfen. Zu gross war der Gwunder, und ich wurde nicht enttäuscht: Süffige Geschichten und eine unverschämt gute Schreibe. Herzliche Gratulation zu diesem Wurf! – Was für ein tolles Buch!«

Stefan Büsser, Moderator

 

Über die Autoren

© Dolores Rupa

Hardy Hemmi, geb. 1959, absolvierte die Kunstgewerbeschule Basel. Mit dem Lehramt für bildende Kunst im Sack unterrichtete er anschliessend zehn Jahre lang – unter anderem am Bündner Lehrerseminar und an der Bündner Frauenschule in Chur – Zeichnen, Werken und Kunstgeschichte. Dann ging er in die Werbung und arbeitete für verschiedene Agenturen als freier Illustrator.

Schliesslich gab er die Freiheit auf, stieg bei einer Werbeagentur ein und wechselte dort das Metier: Aus dem Gestalter wurde ein Texter. Als solcher schrieb er ab 1996 für Rolf Schmid die Rhäzünser-Fernsehspots.

Aus dem Arbeitsverhältnis entstand eine Freundschaft und für Hardy Hemmi ein neues Tätigkeitsfeld. Er begann, für Rolf Schmids Bühnenprogramm zu schreiben. Der Autor lebt dort, wo er geboren wurde, in Chur.

© Dolores Rupa

Rolf Schmid, geb. 1959, ist ein Ausbrecher. Er suchte das Weite schon in den Achtzigerjahren, als er einen Bus umbaute und damit vier Monate quer durch die Sahara fuhr. Danach flüchtete der gelernte Bäcker-Konditor vor der Routine des Alltags und dem Diktat seines Vaters nach London, wo er mit einundzwanzig Chef-Patissier im »Hilton« war. Zurück in den Bündner Bergen, tat er, was von ihm erwartet wurde: Er übernahm die Bäckerei und den Lebensmittelladen seines Vaters. Zwanzig Jahre später hatte er zwei Filialen mehr und dreissig Mitarbeitende. Vor allem aber hatte er eins – die Nase voll. Der praktizierende Bündner hängte, inzwischen Vater von drei Kindern, seinen Brotberuf von heute auf morgen an den Nagel und lebte endlich seinen Traum, die Bühne. Rolf Schmid ist verheiratet, Grossvater von zwei Enkeln und lebt dort, wo er auch aufgewachsen ist, im bündnerischen Rothenbrunnen.

 

Ein Vorwort

Wer liest schon das Vorwort, wenn der Buchtitel lustige Geschichten verspricht! Wahrscheinlich kaum jemand. Das finde ich ausgezeichnet, dann brauche ich mir als Autor nämlich nicht übertrieben viel Mühe zu geben. Aber ein paar Seiten will Gabriella, die Verlegerin, natürlich trotzdem. Es gibt keine Alternative. Also für mich.

Sie hingegen haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie überblättern diesen Text, landen punktgenau bei der ersten Geschichte und sind nach ein paar Zeilen bereits am Schmunzeln. Dafür haben Sie dieses Buch ja schliesslich gekauft. Oder aber Sie ackern sich jetzt mit mir zusammen durch diesen Prolog und sind am Ende dann etwas ratlos, weil Sie von einem so umfangreichen Vorwort doch etwas Gehaltvolleres erwartet haben als das da hier. Und ich weiss, wovon ich spreche und was kommt – ich habs ja geschrieben. Jetzt wäre also ein idealer Zeitpunkt, um sich auszuklinken und zur ersten Geschichte zu springen respektive zu blättern.

Dann halt nicht. Beginnen wir also mit den Personen. Mit Rolf und mit mir. Ich kenne Rolf schon uhuaralang. Über fünfundzwanzig Jahre. Ich würde sagen, das ist mehr als genug. Und zwar in jeder Beziehung. Und wie so oft ist das Problem der Altersunterschied. Das ist auch bei uns nicht anders. Rolf ist dreizehn Tage älter als ich, befindet sich also in einer ganz anderen Lebensphase. Für mich oft eine echte Herausforderung. Für ihn genauso. Trotzdem haben wir es geschafft all die Jahre. Wir haben uns zusammen tausende Sprüche ausgedacht, hunderte Nummern geschrieben und zehn Comedy-Programme auf die Bühne gebracht.

Natürlich haben wir nicht nur gearbeitet die ganze Zeit. Wir haben in diesem Vierteljahrhundert auch einige Pizzas gegessen, ein paar Biere getrunken und ein paar Flaschen Rotwein geleert. Dabei hat mir Rolf immer wieder mal die eine oder andere Episode aus seinem teilweise recht turbulenten Leben erzählt. Ja, er hat wirklich einiges erlebt. Das haben andere natürlich auch, aber ich kenne kaum jemanden, eigentlich niemanden, der es so kurzweilig erzählen kann wie Rolf. Er ist eben nicht nur im Scheinwerferlicht der geborene Geschichtenerzähler. Rolf sprudelt und plaudert auch abseits der Bühne mit theatererprobtem Timing und holt als Vollblutkomödiant die Protagonisten seiner Erzählungen mit schauspielerischen Einlagen ins Leben: Gestik, Mimik, das volle Programm. Und plötzlich hört man nicht mehr zu, sondern ist quasi live dabei.

Wenn er schildert, wie er in den frühen Achtzigern im selber umgebauten Toyota-Bus vier Monate durch die Sahara bretterte, wird man jedenfalls schon nach ein paar Sätzen vom Zuhörer zum Beifahrer. Augenblicke später steht man mit ihm in London in der Lobby eines Luxushotels. Er kann kein Wort Englisch. Macht ja nichts. Allerdings ist er nicht als Städtereisender hier, sondern arbeitet als Chef-Patissier im »Hilton« und macht jeden Tag sechshundert Desserts für sechs Restaurants. Wenn er es erzählt, möchte man ihm grad zur Hand gehen und ihm sein Soufflé Alaska flambieren. Am Abend nimmt er uns mit ins Londoner Nightlife, wir sitzen mit ihm auf dem Plüschsofa und lernen – Spoileralarm! – auch ganz grosse Popstars kennen. Die Story über London heisst »Das Traumpaar der Party« und ist indeed much interessanter als dieses Vorwort. Also, worauf warten Sie!

Das war, wie gesagt, in Rolfs wilden Achtzigerjahren. Natürlich liegen nicht alle Geschichten so weit zurück. Auch aus seiner späteren Zeit, wieder zurück in der Schweiz, hat der gelernte Bäcker- und Konditormeister immer wieder ein Müschterli auf Lager. Acht Filialen, dreissig Angestellte, zwanzig Jahre. Da kommen nicht nur ein paar zehntausend Bündner Nusstorten und Birnbrote, sondern auch ein paar Dutzend ziemlich lustige Geschichten zusammen. Natürlich sind auch sie längst Geschichte, erwachen in diesem Buch aber für einen Moment wieder zu heiterer Gegenwart. Tönt wie der Werbetext einer Provinzagentur. Ich muss es wissen, denn ich arbeitete fünfundzwanzig Jahre in einer.

Rolfs »I mag eifach nid« ist nicht nur die Pointe seiner bekanntesten Nummer und der Titel dieses Buches. »I mag eifach nid« ist auch der gemeinsame Nenner ganz vieler Geschichten und zieht sich wie ein roter Faden durch Rolfs ganzes Leben. Er hatte auf seinem Weg weiss Gott mehr als genug Gründe, nicht zu mögen: Bereits als zwölfjähriger Bub wurde er in ein Knabeninternat verfrachtet. Vom Vater. Die Bäckerlehre war auch nicht Rolfs Idee, und mit vierundzwanzig den Laden des Vaters zu übernehmen, war ebenfalls nicht sein Lebenstraum. Nie und nimmer. »I mag eifach nid«, hat sich Rolf dabei immer wieder gedacht. Und was hat er dagegen gemacht? Nichts!

Das änderte sich Mitte der Neunzigerjahre, und zwar auf einen Schlag. Rolf hatte genug vom vorgespurten und aufgegleisten Leben, er stellte die Weichen erstmals selber und sortierte seine Existenz neu. Mit sechsunddreissig Jahren – und einer Familie mit drei Kindern – hängte der Bäcker und Konditor seinen Brotberuf an den Nagel und tauschte die Backstube gegen die Bühne. Aus dem Konditor wurde ein Komiker. Respektive ein Kosmetiker, wie ihn ein Dorfbewohner neulich ansprach: »Gell, Rolf, du bisch doch dä bekannt Kosmetiker?« Aber sicher doch!

In Rolfs Geschichten passiert oft Absurdes und Unglaubliches. Es sind eben nicht die netten, lustigen, aber auch etwas belanglosen Geschichten, die jeder von uns schon zigfach selber erlebt oder von anderen gehört hat. Rolfs Storys sind nicht selten »eins drüber«. Ein Reigen aus bizarren Figuren in oft ziemlich grotesken Situationen. Kurz, es sind Geschichten, die einfach weitererzählt werden müssen. Das ist ja der eigentliche Sinn von Geschichten und letztlich auch ihr einziger Zweck.

Solche und ähnliche etwas zu komplizierte Gedanken brachten Rolf und mich schliesslich dazu, die eine oder andere besonders bemerkenswerte Episode aus seinem Leben aufzuschreiben. Die ursprüngliche Idee dahinter war, sie vielleicht in einem kommenden Comedy-Programm auf die Bühne zu bringen. Sie aus einem Schulheft wie einen Aufsatz oder wie Memoiren vorzulesen zum Beispiel. So hat das mit unserer Schreiberei begonnen.

Das mit dem Vorlesen fanden wir ziemlich schnell eine ziemlich bescheuerte Idee. Schliesslich ist Rolf auf der Bühne oft ein Derwisch und Zappelphilipp. So liebt ihn sein Publikum. Wer will denn dieses Energiebündel an einem hölzigen Tischli mit einem Messing-Leselämpli sitzen sehen? Kein Mensch! Rolf nicht, sein Publikum nicht und ich auch nicht. Wir haben darum unsere Expedition in die feingeistige Welt der grossartigen Kleinkunst vorerst auf Eis gelegt.

Aber statt aufhören zu schreiben, was jeder normale Mensch getan hätte, was machten wir? Genau, wir schrieben munter weiter! Aber wozu? Wir hatten keine Ahnung! Es machte einfach Spass, und es gab so viele so gute Geschichten! Am Anfang hat mir Rolf einzelne Anekdoten erzählt, dann begann er, seine Erlebnisse für mich aufzuschreiben. Seitenweise. Und ich habe gestaunt, was er alles Verrücktes erlebt und mitgemacht hat.

Das Staunen war natürlich nicht mein einziger Beitrag. Nachdem ich ausreichend gestaunt hatte, habe ich versucht, aus Rolfs Rohtexten so etwas wie gehobene Literatur zu hobeln. Weil jeder Werbetexter im Kern ja auch ein begnadeter Schriftsteller ist, es gerne wäre oder sich dafür hält. Natürlich bin ich letztlich gescheitert, aber stellenweise war ich wirklich haarscharf nah dran, den einen oder anderen stimmigen Text zu verfassen. Und dann war es dann amigs Rolf, der gestaunt hat, was ich aus seinen Notizen alles herausgeholt habe. Zusammenfassung: Von ihm das Was, von mir das Wie, und lesen dürfen es jetzt Sie. Ja genau, ein vierhebiger Jambus samt Reim. Sie merken es, wir schalten intellektuell einen Gang hoch und legen auch emotional einen Zahn zu.

Reden wir über das Buch. Es ist in der Ich-Form geschrieben. Rolf Schmid nimmt Sie mit auf eine Reise durch sein Leben. Mit seinen Augen sehen Sie seine schwindelerregenden Höhepunkte und werden Zeuge von aberwitzigen Situationen und schrägen Begegnungen. Natürlich nicht nur. Rolf macht auch vor dem Schattental der Missgeschicke nicht halt und lässt in diesem Buch darum auch ein paar seiner kapitalsten Abstürze und peinlichsten Bühnenpleiten Revue passieren. Und das sind im Nachhinein ja sowieso häufig die besten Geschichten.

Das Buch ist eine chronologische Biografie oder vielleicht sogar eine biografische Chronik. Für Normalsterbliche sind es ganz einfach »ziemlich lustige Geschichten aus dem fast ganz normalen Leben des Comedian Rolf Schmid«. Die einzelnen Erzählungen folgen zeitlich zwar aufeinander, sind untereinander aber inhaltlich nicht verbunden. Jede ist in sich abgeschlossen. Das ist sehr praktisch, beispielsweise als Bettlektüre. Sie können irgendeine Geschichte herauspicken und lesen. Genauso gut können Sie sie aber auch nicht lesen und das Licht löschen.

Doch eigentlich wollte ich in diesem Vorwort ja vor allem von mir reden und meine fünfzehn Minuten Ruhm zelebrieren. Aber dann ist mir nichts dazu in den Sinn gekommen. Beim besten Willen nicht. Okay, ich könnte vielleicht erwähnen, dass ich mit meinen zwei Metern und vier Zentimetern wahrscheinlich einer der grössten zeitgenössischen Autoren bin. Aber das wird ja sowieso niemand ernsthaft bestreiten. Also kann ich auch darauf verzichten, es zu erwähnen. Alles, was Sie sonst noch über mich wissen müssen, steht in der Umschlagklappe. Und was dort nicht steht, geht Sie nichts an. Damit wäre das also auch gesagt, fast etwas überdeutlich, finde ich.

Bald haben Sie das Vorwort geschafft. Das Ende naht, ein guter Zeitpunkt, um noch einmal auf den Start dieses Projektes zurückzukommen. Rolf und ich hatten zu Beginn unserer Schreiberei null Ahnung, was daraus werden sollte. Keine Bühnenkunst, nur so viel war ja bald klar. Als unser Manuskript dann schon richtig fett war, tauchte irgendwann, quasi aus dem Nichts, der naheliegendste Gedanke auf: ein Buch! Doch wollten wir das, geschweige denn, konnten wir das überhaupt? Ist ja schon etwas anderes als ein Schulaufsatz übers Pfadilager am Pfingstwochenende. Vor allem umfangreicher. Das hat uns dann schon leicht verunsichert. Aber die hübsche Schwester der Unsicherheit ist die Möglichkeit; die hässliche Schwester der Sicherheit hingegen ist die Langeweile. Wir haben uns für die Unsicherheit und gegen die Langeweile entschieden. Denn darauf, uns zu langweilen, hatten Rolf und ich noch nie besonders Bock. Und es gibt ja eigentlich auch keinen Grund, sich zu langweilen, solange man neugierig ist und es Dinge gibt, die man noch nie gemacht hat. Gell! Und damit sind wir jetzt definitiv in den seichten Niederungen der trivialen Lebensweisheiten angekommen. Das ist aber nicht so ein Buch. Darum ist jetzt Schluss.

So, und jetzt lesen Sie endlich die erste Geschichte. Oder irgendeine andere. Sie merken ja selber, dass dieser Text auf den letzten Seiten nur noch länger, aber nicht mehr wesentlich schlauer geworden ist. Aber ab jetzt wirds besser, versprochen. Ich hoffe, Sie haben beim Lesen so viel Spass, wie ich beim Schreiben hatte.

Hardy Hemmi, im nasskalt verregneten Mai 2023

Rolf privat

Erstaunliche Geschichten

 

Das Sonntagskind

April 1959. In einer Küche, irgendwo auf dem Land begann meine Geschichte. Mittags zwischen zwölf und halb eins. Im Hintergrund knisterte Radio Beromünster, die Gratulationen. Die Geburtstagskinder hiessen Anna oder Hans. Abwechselnd wurde der Marsch »Alte Kameraden« und ein Männerchor mit »Die alten Strassen noch« gewünscht. Um halb eins kamen die Mittagsnachrichten. Mein Vater Conradin war seit fünf Uhr auf den Beinen. Josefina, meine Mutter, war im neunten Monat schwanger.

Mein Vater sass bereits und wartete. Sein Platz war am Kopfende des Tisches. Der Platz meiner Mutter war die Vorderseite des Herdes. Dort stand sie jetzt, fischte zwei Engadiner aus dem heissen Wasser und legte sie auf die Teller. Dann drapierte sie etwas Kopfsalat zu den Würsten und servierte diesen fettigen Vorläufer des Fitnesstellers. Jetzt endlich konnte auch sie sitzen. Aber nur kurz. »He!«, begann mein Vater, er sagte nie »du« oder »Josefina« oder gar »Fina«. Immer nur »he«. Ich dachte sehr lange, He sei der Vorname meiner Mutter. »He – haben wir noch Senf?«, fragte mein Vater also und schob der Mutter das fast leere Senfglas über den Tisch. Meine Mutter nahm es, stellte es beiseite und schaute im Schrank nach. Leider nichts. Aber in unserem Laden unten oder im Lager im Keller hatte es natürlich noch ganze Regale voll. Und was waren schon zwei, drei Stockwerke. Mein Vater wartete, meine Mutter ging. Nach einer Weile kam sie wieder, öffnete das neue Glas und stellte es auf den Tisch. Jetzt konnte auch sie endlich sitzen mit ihrem runden Bauch.

Sie assen. Sie schwiegen. Nicht weil etwas zwischen ihnen nicht gestimmt hätte. Beim Essen wurde damals nicht geredet. Ich glaube, es wurde generell weniger geredet. Einfach nur das Allernötigste. Das reichte ja auch. Engadiner mit Salat. Das reichte ebenfalls. Und das gab es bei Schmids fast jeden zweiten Tag, weil eine Wurst ziehen lassen keine Arbeit machte und die Mittagspause kurz war.

Meine Mutter hatte ziemlichen Appetit. Mein Vater grübelte die ganze Zeit angestrengt an etwas herum. Dann hatte er es endlich beisammen und fing an: »He – also es ist folgendermassen«, er schaute kurz vom Teller hoch, »es sollte also schon ein Bub werden. Die Backstube, der Laden und vor allem wegen später: Die ganze Nachfolge et cetera pp. Also etwas anderes als ein Bub kommt von mir aus eigentlich nicht infrage. Gell, es wird schon ein Bub, oder?«

Meine Mutter schaute ihn an und nickte wortlos. Ja, was hätte sie schon sagen können? Und was machen? Es würde dann halt werden, was es werden würde. So war es schon immer. Was für eine Idee!

Sie assen weiter. Aber da war noch etwas. Diesmal machte der Vater sogar eine Pause mit Essen, legte Messer und Gabel auf den Tellerrand und sagte: »He – und wenn ich grad dabei bin: Wenn das Kind am Samstag käme – also wenn das möglich ist –, das wäre natürlich ideal. Weil am Montag kommt ja der Lastwagen von der Usego mit einer grossen Lieferung. Und alles alleine abladen und versorgen wird mir langsam einfach zu streng.« Ein durchaus verständlicher Wunsch, schliesslich war mein Vater fünfzehn Jahre älter als meine Mutter. Er war mitten im Weltkrieg auf die Welt gekommen, und zwar nicht im zweiten. Meine Mutter nahm den Wunsch zur Kenntnis, sagte aber nichts. Ihr fiel auch zu seinem zweiten Anliegen beim besten Willen nichts ein.

Ein Bub am Samstag, ein Lastwagen am Montag. Wäre das also geklärt. Jetzt hatte der Vater alles gesagt, was ihm auf dem Herzen lag, die Wochenplanung erledigt, die Zukunft der Bäckerei organisiert und die Thronfolge der Dynastie gesichert. Und fertig gegessen hatte er inzwischen auch. Er trank sein Glas leer und wischte sich mit der Serviette flüchtig den Mund ab. Dann stand er auf, ging einen Stock höher, legte sich hin und machte dort wie jeden Tag ein Nickerchen. Meine Mutter holte sich noch eine halbe Wurst und etwas Salat, schüttelte den Kopf und strich mit der Hand über ihren Bauch.

Ich bin dann tatsächlich ein Bub geworden. Das hat meine Mutter also richtig gemacht. Und das mit dem Samstag habe ich vermasselt. Ich habe mich ein bisschen quergestellt und extra noch einen Tag gewartet. Erstens, um ein Sonntagskind zu werden, und zweitens wollte ich nicht, dass meine Mutter am Montag den riesigen Usego-Laster fast alleine abladen musste.

Auf einen Vornamen hatten sich meine Eltern längst geeinigt. Nein, es war nicht Rolf, sondern Max. Ich sollte also Max Schmid heissen. Während meine Mutter im Kreisssaal des Frauenspitals Fontana in Chur in den letzten Wehen lag, tigerte mein Vater – was für ein Klischee! – nervös im Spitalgang auf und ab und wartete. Irgendwie fiel ihm dort ein Zündholzbriefchen in die Hand: »Dr. iur. Rolf Schmid, Notariat und Anwaltskanzlei« stand da oder »Dipl.-Ing. Rolf Schmid, Bauberatungen, Generalunternehmen«. Was genau, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Etwas Mehrbesseres halt, in Kombination mit Rolf als erfolgversprechendem Vornamen. Wenn das kein Zeichen war! Mein Vater sagte »Rolf«, meine Mutter hatte wieder einmal nichts zu sagen, der Name Max war gestorben, Rolf Schmid war geboren.

Eine Klasse für sich

Das Dorf war wirklich klein. Sehr klein. Kindergarten gab es keinen, und am ersten Schultag waren wir nur zu zweit: Willi Moser und ich. Er war schon ein Jahr älter, aber für die Schule bis jetzt zu dumm gewesen. Das sagten alle. Man hätte Willi auch fördern können, aber ihn ein Jahr warten zu lassen, machte weniger Arbeit, also hatte man sich so entschieden.

Ob ich genug schlau war, weiss ich nicht. Es stand auch nie zur Debatte. Ich war der Sohn des Dorfbäckers und Ladenbesitzers. Ja, mein Vater war jemand. Willis Vater hingegen war ein Jenischer, also niemand. So wars halt damals. Moser musste ein Jahr auf seinen Schulstart warten. Es gibt Schlimmeres.

Ihm war das sowieso egal, und für mich passte es perfekt: Erstens wurde er mein allerbester Schulfreund, und zweitens wurde ich vom ersten Tag an immer mit ihm verglichen. Und egal, wie schwach meine Leistungen waren, er war immer schlechter als ich, und zwar viel schlechter. Neben seinem Nichtkönnen – das letztlich nichts anderes als ein geschickt getarntes Nichtwollen war – sahen selbst meine bescheidensten Bemühungen ganz passabel aus. Ende Schuljahr wechselte ich in die zweite Klasse. Moser blieb sitzen. Für niemanden eine Überraschung. Und alle sagten wieder dasselbe: Er habe es halt einfach nicht drauf. Ich wusste es besser: Willi wollte nicht. Und er glänzte auch nicht mit übertrieben regelmässigem Schulbesuch. Aber zu Hause Handorgel spielen, das wollte und konnte er. Er spielte schon als Achtjähriger virtuos wie ein Grossmeister. Das nützte ihm in der Schule natürlich wenig. Er war auch noch in der ersten Klasse, als ich zwei Jahre später die dritte beendete und in die vierte kam.

Ich weiss es nicht, aber vielleicht hätte mein Freund Willi halt auch weniger rauchen sollen. Fast ein Päckli an manchen Tagen ist für einen Primarschüler wohl doch an der oberen Grenze. Aber gell, das muss letztlich jeder selber wissen. Moser raucht übrigens immer noch. Und durchs Leben gekommen ist er auch, und zwar gar nicht mal so schlecht. Seinen Namen schreiben kann er zwar immer noch nicht, die Autoprüfung hatte er seinerzeit trotzdem im ersten Anlauf bestanden. Er ist einer von denen, die es nicht wegen, sondern trotz der Schule geschafft haben im Leben.

Ich meisterte meine sechs Primarschuljahre ohne allzu grosse Probleme. Das lag nicht nur an mir, sondern auch an Josefa, der Verkäuferin in der Bäckerei meines Vaters. Denn Sefa, wie sie von allen genannt wurde, stand nicht nur im Laden, sondern war gleichzeitig unser Kindermeitli und sorgte für meine kleine Schwester Klara und mich. Sefa half mir oft bei den Hausaufgaben. Das klappte am Anfang gar nicht so schlecht. Sie konnte mir viele Sachen sehr gut erklären und wurde auch nicht böse, wenn ich einmal etwas länger brauchte, weil ich nicht alles auf Anhieb begriff. Das änderte sich später. Nein, böse wurde sie nie, aber ungeduldig, und zwar sehr. Kein Wunder, meine Langsamkeit ging nicht selten auf Kosten ihrer freien Zeit.

Wenn ich Rechenaufgaben zu lösen hatte, wartete sie irgendwann meine zögerlichen Resultate gar nicht mehr ab, sondern nahm buchstäblich das Heft in die Hand und füllte einfach alles aus. In einem Zug von oben bis unten: Drei und acht gleich elf, fünf mal vier gibt zwanzig, zwölf durch drei sind vier. Das ging amigs ratzfatz! Ich sass daneben und staunte Bauklötze. Später sass ich dann nicht mehr daneben. Ich gab Sefa die Stöcklirechnungen und ging spielen. Oder, was mit zunehmendem Alter immer häufiger vorkam, dem Vater in der Bäckerei helfen. Wenn ich zurückkam, war alles erledigt. Natürlich blitzsauber und fehlerfrei. Und so ging das nicht nur mit den Rechenaufgaben. Nein, Sefa verfasste auch meine Aufsätze. Und ich gab in der Schule ab, was sie geschrieben hatte. Nicht etwa raffiniert in meine wacklige Primarschul-Schnüerlischrift übersetzt, sondern genau ihre Zeilen. Der Aufsatz eines achtjährigen Knirpses in der schwungvollen Schrift einer dreissigjährigen Verkäuferin. Das ging das erste Mal gut – und alle anderen Male auch! Ich wundere mich noch heute, wieso nie jemand etwas sagte. Der Bschiss war ja mehr als offensichtlich. Ich denke, Familie Moser wäre damit niemals durchgekommen.

Ab der zweiten Klasse, Willi war ja sitzen geblieben, war ich dann eine Klasse für mich. Ich sass ganz allein in einem Bänkli mitten im Schulzimmer. Vor mir die Reihen mit den Jüngeren, hinter mir die Reihen mit den Älteren. Der Lehrer musste also drei verschiedene Stufen parallel unterrichten. Am Anfang hatte er es noch versucht, dann wurde es ihm irgendwann doch zu viel. Eines Tages brachte er ein grosses Spulentonbandgerät in die Schule. Das stand jetzt vorne auf einem Tischli neben seinem Pult. Von dieser Bandmaschine führte ein dickes, braunes Kabel am Boden zwischen den Bänken der Erstklässler hindurch bis zu mir, wo es mit Klebstreifen an meiner Bank befestigt war. Am Ende des Kabels war einer dieser imposanten Stereokopfhörer der Sechzigerjahre mit Hörmuscheln so gross wie zwei Bürli.

Während der Lehrer die Jüngeren und die Älteren sozusagen live unterrichtete, knisterte und brutzelte bei mir eine Geografiestunde oder eine Naturkundelektion aus dem Hörer. Manchmal aber auch Kopfrechnen oder ein Diktat, das er am Vorabend aufgenommen hatte. Am Anfang waren diese Diktate leicht. Vor allem, weil der Lehrer für mich alles ganz langsam las und die Doppelkonsonanten extrem betonte. Da musste man wirklich strohdumm sein, um Fehler zu machen: »Immmmer im Sommmmer Komma, wennnn die Sonnnne scheint Komma, gehen wir schwimmmmen Punkt.« Leider blieb es nicht lange so einfach. Später fuhr er stufengerecht die grösseren Geschütze auf: »Der Chauffeur sprang aufs Trottoir und rief: ›Jacques, Sie haben Ihr Portemonnaie in meinem Trolleybus vergessen!‹« In so Momenten vermisste ich meine Sefa ganz schrecklich. Ich war sicher, sie hätte das alles wie selbstverständlich hingeschrieben in ihrer flüssigen, blassblauen Frauenschrift. Ich hingegen brachte oft gar nichts zustande. Ausser einem trockenen Mund und schweissnassen Händen vor lauter Angst. Die hatte ich zu Recht: Die von blutroten Korrekturen übersäten Diktate waren immer wieder sichtbar gewordene Beweise meines dummen Scheiterns und meines stummen Leidens. – Okay, das ist natürlich etwas gesucht formuliert, und ziemlich übertrieben ist es noch dazu, weil so schlimm wars ja gar nicht. Obwohl, wenn ich so zurückdenke, eigentlich schon.

Trotz ein paar solcher Tiefpunkte beendete ich die Primarschule nach der sechsten Klasse erfolgreich. Ich wusste zwar, dass ich kein Musterschüler war, sah mich aber doch im soliden Mittelfeld. Eine optische Täuschung. Wie sich bei den Prüfungen für die Sekundarschule zeigte, beherrschte ich ohne Sefa als Souffleuse bestenfalls den Stoff eines schwachen Viertklässlers. Das war natürlich zu wenig. Ich rasselte durch.

Mein Vater war nicht begeistert. Ich erinnere mich an ein Gespräch in unserer Küche. Mein Vater, der Herr Lehrer und ich. Mein Vater sass am Kopfende des Küchentischs, wie immer. Und war nicht besonders gut aufgelegt, wie meistens. Ich stand etwas verloren daneben. Der Lehrer stand auch, und zwar buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Mein Vater hatte Fragen, der Schulmeister meist keine Antworten darauf. So in die Enge getrieben, drosch er dann, soweit ich mich erinnere, die üblichen leeren Lehrerfloskeln: »Es fehlt ihm ja nicht an Intelligenz, nur an Fleiss. Er muss sich besser konzentrieren lernen. Seine Hausaufgaben waren immer erstaunlich gut, aber er hat es im Unterricht nicht umsetzen können.« Und so weiter und so fort. Ellenlang. Und natürlich alles in der dritten Person, obwohl ich unmittelbar danebenstand. Ich kann mich an die Details und die einzelnen Sätze nicht mehr genau erinnern. Eine Passage aber weiss ich bis heute wortwörtlich. Der Lehrer meinte gegen Schluss zusammenfassend: »Ja, was soll ich noch sagen, Rolf hat sich einfach zu wenig Mühe gegeben!« Da wurde mein Vater das erste und einzige Mal laut in diesem Gespräch, und zwar richtig laut. Er schlug mit seiner grossen Bäckerhand flach auf den Holztisch, dass es krachte und sein Kafitassli schepperte: »Nein, Sie! Sie haben sich zu wenig Mühe gegeben! Sie!« Darauf wusste der Lehrer natürlich nichts mehr zu entgegnen. Es war offensichtlich das Ende des Gesprächs.

Einen kurzen Moment lang dachte ich, mein Vater sei jetzt auf meiner Seite. Das war ein grossartiges Gefühl und ein noch grösserer Irrtum. Kaum war der Lehrer weg, war ich wieder die Zielscheibe seiner vorwurfsvollen Unzufriedenheit. Ich stand in der Küche und war die personifizierte Enttäuschung. Dass das nicht so bleiben konnte, war für meinen Vater klar. Nein, so schnell wollte er nicht aufgeben. Und was ich damals wollte, das stand sowieso nicht zur Debatte.

Das schnellste Töffli

Es wäre wirklich sehr ungerecht, Willi Mosers Fähigkeiten aufs Schuleschwänzen und Handorgelspielen zu reduzieren. Mein bester Schulfreund hatte auch noch ganz andere Qualitäten, wie ich schon sehr bald sah.

Nach der Primarschule war es höchste Zeit für ein Töffli. Auf dem Land ging es fast nicht ohne. Jeder hatte eins. Willi schon lange, denn er war ja ein Jahr älter als ich. Als ich dann endlich vierzehn wurde, bekam ich von meinen Eltern auch eins geschenkt. Aber natürlich prompt das falsche. Ich hatte mir eins mit Sachs-Motor oder einen Puch gewünscht. Das Nonplusultra wäre ein Zündapp Belmondo gewesen. Und was bekam ich? Eins ohne Gänge, einen Automat. Vielen Dank! So was hatten eigentlich nur die Mädchen. Aber die fuhren natürlich selbstbewusst schicke Ciaos von Piaggio. Ich hingegen bekam etwas Scheussliches in Zitronengelb. Ich glaube, die Marke hiess Garelli. Nein, das war definitiv kein Hingucker. Aber was solls, Hauptsache, ich hatte jetzt auch ein Töffli und konnte mit Willi zusammen den ganzen Tag das ganze Tal erkunden. Das Domleschg und den Heinzenberg. Und natürlich zum Canovasee düsen im Sommer. Auf die Plätze, fertig, los, wer zuerst im Wasser ist, hat gewonnen! – Nein, das stimmt nicht, so Rennen haben wir nie gemacht. Es wäre ja auch vollkommen sinnlos gewesen. Willis Töffli war fast doppelt so schnell wie meins. Also eigentlich war jedes Töffli im Dorf schneller als mein Zitronenfalter.

»Das liesse sich schon ändern!«, sagte mir Willi Moser, als ich mich eines Tages wieder einmal über meine lahme Mühle beklagte. Und er wusste natürlich auch, wie man das änderte. Sein Sachs lief schliesslich auch nicht ab Werk über fünfzig. Ich vertraute meinem Freund. Willis Vater hatte zu Hause eine grosse, tipptopp ausgerüstete Werkstatt, und darin verschwand nun mein Vehikel für ein paar Tage. Der kleine Moser zerlegte den halben Motor, sägte am Kolben, fräste an den Überströmkanälen und feilte am Zylinder herum. Dann polierte er noch dies und das und wechselte ganz am Schluss sogar noch das Ritzel. Schliesslich montierte er alles wieder fein säuberlich zusammen, und es blieben kaum Schrauben übrig. Jetzt sei mein Garelli eine Rakete, versicherte er mir.

Also höchste Zeit für die erste Probefahrt. Die lange Gerade vor Rothenbrunnen war die perfekte Teststrecke. Willi Mosers Motor knatterte schon. Ich trat in die Pedale und startete mein frisch frisiertes Töffli. Es sprang auf Anhieb an. Ein gutes Zeichen. Das Auspuffgeräusch war zwar etwas lauter als vorher. Aber nicht viel. Meine Eltern durften ja nichts merken. Dann war es so weit: Bereit, fertig, los! Jetzt machte es Sinn, und wie! Ich erkannte mein Garelli kaum wieder, es beschleunigte tatsächlich wie eine Rakete auf zwei Rädern. Das machte richtig Spass, und ich war beinahe gleich schnell wie Willi. Dann hatte dessen Gefährt seine Endgeschwindigkeit erreicht, also irgendwo zwischen fünfzig und sechzig. Meine Tachonadel kletterte weiter, unaufhaltsam in ganz unbekannte und unbeschriftete Gefilde. Willi fiel immer mehr zurück. Mein Motor drehte immer höher. Ich dachte, wenn das so weitergeht, durchbreche ich bald die Schallmauer. Kaum hatte ich das gedacht, ein ohrenbetäubender Knall. Aber es war natürlich nicht die Schallmauer, sondern ein Motorschaden. Die Tachonadel machte sich enttäuscht auf den Heimweg. Aus dem Getriebe spritzte schwarzes Öl auf den Asphalt, und aus dem Vergaser rauchte es wie wahnsinnig.

Erstaunlicherweise lief mein Töffli noch. Allerdings viel schlechter als je zuvor. Und jetzt wie weiter? Willi zuckte bloss mit den Achseln. Er war als Tuning-Guru von Rothenbrunnen an seine Grenzen gestossen. Der Motor meines gelben Pfeils hatte diese Grenzen sogar durchbrochen und war jetzt dafür im Nirwana. Nein, zu retten oder zu richten gabs da nicht mehr viel, mein Töffli war schrottreif. Willi hatte keinen Plan. Ich hatte auch keinen Plan, aber ab sofort das langsamste Töffli in ganz Graubünden. Immerhin, einen Ausweg gab es: Wenn es wirklich pressierte, ging ich von da an einfach zu Fuss.

Eine kleine Schweinerei