Ich aus dem Osten - Anne Kasprik - E-Book

Ich aus dem Osten E-Book

Anne Kasprik

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Beschreibung

Keine Biografie, sondern ein Statement: eine Ost-Schauspielerin über die Liebe zu ihrer Heimat Das Talent wurde Anne Kasprik in die Wiege gelegt: der Vater Hans-Joachim Kasprzik ein erfolgreicher Regisseur in der DDR, die Mutter ebenfalls im Filmgeschäft. Als Teenager gab sie in der Fernsehserie "Einzug ins Paradies" ihr Debüt, es folgte der glanzvolle Auftritt als Gräfin Dönhoff im DEFA-Mehrteiler "Sachsens Glanz und Preußens Gloria", der im Osten ganze Straßenzüge leerfegte. Zahlreiche Rollen in Serien und Filmen schlossen sich an, auch nach der Wende. Über all das, was vor und hinter der Kamera geschieht, weiß Anne Kasprik amüsante Geschichten zu erzählen. Und doch legt die 55-Jährige mit diesem Buch keine Biografie im herkömmlichen Sinn vor, sondern wirft einen resümierenden Blick zurück auf ein versunkenes Land, das sie noch heute ihre Heimat nennt. Denn sie ist eine Frau aus dem Osten – eine klare Verortung, die ihr als ein Prädikat gilt und eine ganz bewusste Haltung provoziert, ein Statement ist. Obwohl es für sie als eine der wenigen DDR-Schauspielerinnen nach 1989 bruchlos weiterging, spricht Anne Kasprik – immer persönlich, nie verklärend, dafür aber problembewusst und kundig – über die "Ostprägung" ihrer Generation und den keineswegs konfliktfreien Weg in die gewendeten Verhältnisse.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

Verlag Neues Leben – eine Marke der Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage

ISBN E-Book: 978-3-355-50047-0

ISBN Buch: 978-3-355-01873-9

1. Auflage 2018

© Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Verlag, Karoline Grunske

unter Verwendung eines Fotos von Oren Schmuckler

www.eulenspiegel.com

Inhalt

Großes Kino

Kleiner Mann – was nun?

Menschen

Tiere

Sensationen

Vater, das Arbeitstier

Pleite, Pech und Panne

Erste Schritte

Regie oder Schauspiel – das war hier die Frage

Der Kofferträger

Verstolperter Einzug ins Paradies

Ich bin ein Vagabund

Wie konnte das passieren?

Erster Spielfilm. Erstes Festival

Post-Moskau

Diplomschauspielerin

Die Busch-Bande

Esches Ausbruch

Die Farbe Rot

Milchpfeifkessel

Flötentöne

Sachsens Glanz, für mich kein Gloria

Adlershof

»Schwester Carola«

Die Quote, die Quote

Das Pech mit dem Pech

Falscher Jasmin, echter Sarg

9. November 1989

Erster Job im Westen

Arbeitslos

»Gucken Sie jetzt in die Röhre?«

Von Agenturen und Postboten

Im Leben trifft man sich zweimal. Fast immer

»Das störende Z«

Köln

Miami Vice, nein danke. Schön blöd

Banane und trockenes Brötchen

Herzkrank ins Bordell

Die Troublemaker

Kitschig, aber schön

Billy Wilder

Hildegard Knef

Bin ich die nächste Romy Schneider?

Warum machte es nie »Peng«?

Zu dicht an der Wirklichkeit

Und dann fielen die Hüllen

Ajami

Drogen und andere Erfahrungen

Igitt

Warum immer fliegen?

Nine eleven

Israel

Oren und der Schwiegervater

Eiweißschock in Heidelberg

Einmal in einem Rosamunde-Pilcher-Film spielen

Ich bin ich

Abspann

Filmografie

Bilder

Ich bin zwar ausgezogen, um die Welt zu erobern,

aber nicht, um meine Wurzeln zu verleugnen.

Anne Kasprik, in: FF dabei 32/1993

Großes Kino

Oh! Bananen, Ananas, Mandarinen, Pfirsiche, Weintrauben ... Und da: Hummer, Räucheraal, Fasan … »Meine Fresse«, stöhnt August der Starke entzückt. Das heißt, verzückt ist nicht der Kurfürst, sondern der Schauspieler Dietrich Körner. Er langt nach einer Traube, und sofort trifft ihn ein Knuff der Requisiteurin. Das sei Dekoration.

»Aber echte, keine Pappmaché«, sagt der Getadelte, grient unter seiner Perücke und lutscht die Köstlichkeit.

»Eben deshalb!«

Mein Blick gleitet über die üppig bestückte Festtafel. Nicht das Geschirr und die Gläser, die Karaffen und Batterien von Bestecken unterm Kronleuchter bringen meine Augen zum Glänzen. Es sind die exotischen Delikatessen. Die Südfrüchte und die Platten mit den Krebsen und Fischen. Barock, 18. Jahrhundert – nicht Realsozialismus, 20. Jahrhundert. Im Konsum kriegt man so etwas nicht. Nicht nur die Stoffe für die Kostüme und das Mobiliar hat man aus Wien geholt. Offenbar auch die Delikatessen. Oder aus dem KaDeWe in Westberlin, weil der Weg kürzer ist. Devisen hat die Fresserei auf jeden Fall gekostet. Ich bin erstaunt und auch wieder nicht, es ist irgendwie eine Selbstverständlichkeit. Wenn schon ein üppiges Hofgelage gezeigt werden muss, dann kann es nicht wie in der Adlershofer Betriebskantine zugehen. Ist doch klar.

Dietrich Körner neben mir stibitzt schon wieder eine Weintraube und wirft mir einen ermunternden Blick zu. Gestern hat er mich zu seiner Mätresse gemacht, heute verführt er mich zum Diebstahl. August, August ...

Ich halte mich zurück, ich bin die Tochter des Regisseurs. Der hat das alles angerichtet. Keine Privilegien, bitte, ich will nicht auf diesem Ticket reisen. Auch wenn ich dem Adel zugeschlagen wurde und jetzt Gräfin Dönhoff bin. Die könnte sich doch auch bedienen. Nein, nur wenn es heißt: »Kamera läuft.« Allerdings sind wir gehalten, nicht dem Fasan, sondern dem Goldbroiler die Schenkel auszureißen und hineinzubeißen, denn da ist die Beschaffung des Nachschubs weniger problematisch. Und reichlich trinken sollen wir aus den Pokalen und den Gläsern. Hoch die Tassen, Nachfüllen bereitet keine Schwierigkeit. Das der Platten mit den exotischen Speisen und Früchten hingegen schon. Darum: Finger weg!

Das Problem erledigt sich von selbst.

Die Fressorgie findet in verschiedenen Einstellungen statt. Die sind nicht an einem Tag zu schaffen. Am folgenden Drehtag sieht die Petersilie schon nicht mehr ganz so frisch aus. Auch das Obst beginnt zu schwächeln, es wurde ja nicht erst gestern geerntet. Die Requisite konserviert die Platten mit einem geleeartigen Überzug, damit es wie soeben gepflückt im Scheinwerferlicht funkelt.

Am dritten Tag beginnt ein leicht unangenehmer Geruch über die Tafel zu ziehen. Wir langen ungerührt weiter zu und machen auf heitere Konversation, wie es uns das Drehbuch vorschreibt. Wir essen und trinken und kriegen den nach Vergänglichkeit riechenden Geruch nicht aus der Nase. Die Menschen der Barockzeit, zumal die bei Hofe, waren der Reinigung des Körpers nicht unbedingt zugetan. Sie zogen es vor, mit Duftwässern und Puder die unangenehmen Gerüche zu überlagern. Insofern, so kann man meinen, stinkt’s stilecht bei Tische.

Doch nicht das ist es, was unsere Nasen umweht. Es riechen nicht wir, sondern Hummer und Fisch. Der künstliche Überzug ersetzt nicht den Kühlschrank. Das gleißende Licht der vielen Scheinwerfer tut ein Übriges. Das Verfallsdatum scheint merklich überschritten. Ein Trost: Der Film arbeitet zwar mit vielen Sinnen, nur mit dem Geruchssinn nicht. Zum Glück.

Am vierten Tag – hoch die Kelche und wieder kräftig zugelangt – ist der Geruch intensiver als am Vortag. Auch die gebratenen Fasane beginnen trotz des chemischen Kondoms zu müffeln. Wir rümpfen in den Drehpausen die Nasen, doch sobald die Lichter wieder angehen und die Kamera läuft, umweht uns pure Lust. Wir kichern und zeigen lachend die Zähne. Wir sind schließlich Schauspieler.

Am darauf folgenden Tag ist es kaum auszuhalten. Es riecht nach Fäulnis und Vergängnis. Die Lebensmittel sind verdorben, auch wenn sie dem Augenschein nach frisch sind wie am ersten Tag. Das geht noch, sagt mein Vater, der Regisseur, der den gleichen Gestank atmet, aber auch die Buchhalter im Nacken weiß. Einen weiteren Einkauf im Kaufhaus des Westens gibt das Budget nicht her. August der Starke will schon lange keine Weintrauben mehr. Er hat, wie wir alle, längst die Nase voll. Von wegen »Sachsens Glanz«.

Am sechsten Drehtag, es kann auch schon der siebte an der Tafel gewesen sein – so genau weiß ich das nicht mehr, denn wir waren alle schon ein wenig benebelt –, fällt endlich die letzte Klappe. Der Verwesungsgeruch ist unerträglich. Es stinkt wie in einem Müllraum, dessen Tonnen vergessen wurden zu leeren. Wir raffen unsere Roben und eilen ins Freie. Luft, frische Luft!

Irgendwann ist der Film geschnitten und läuft im Fernsehen. Die Zuschauer sind begeistert, Adlershof hat Hollywood-Niveau, die Illusion ist vollkommen.

Wenn die wüssten ...

Kleiner Mann – was nun?

Auch wenn man bei seiner Geburt zugegen ist, ist man nicht wirklich da. Folglich weiß der Betreffende nur aus den Erzählungen Dritter, was sich an jenem Tag alles zugetragen hat. Von mir hieß es, ich hätte justament an jenem Juni-Tag im Jahr 1963 das Licht der Welt erblickt, als mein Vater am Drehbuch für »Kleiner Mann – was nun?« zu arbeiten begann. Er saß mit seinem Ko-Autor zusammen und schickte diesen nach Hause, als die Nachricht kam. »Ich werde Vater«, sagte er, und fuhr ins Krankenhaus Berlin-Kaulsdorf.

Der Zweiteiler nach Falladas Roman lief Weihnachten 1967 im DDR-Fernsehen. Seinerzeit nahm man sich für Film- und Fernsehproduktionen viel Zeit. Dieser Luxus ist uns inzwischen abhanden gekommen. Es spielte alles mit, was damals Rang und Namen hatte, von Jutta Hoffmann (alias »Lämmchen«) über Arno Wyzniewski, Inge Keller und Wolf Kaiser bis zu Lotte Loebinger, Herbert Köfer, Rolf Ludwig und Rolf Hoppe. Auch Carmen-Maja Antoni war mit dabei. Hin und wieder kann man diesen Film auch im Fernsehen besichtigen. Es gibt im Internet die Plattform www.fernsehenderddr.de mit Monats­kalender, in dem die Wiederholungen von DDR-Fernsehproduktionen angezeigt werden. Man muss nur den mit Rot unterlegten Tag anklicken und erfährt, wo wann welche Sendung zu sehen ist. Es gibt erheblich weniger graue Tage, rot dominiert den Kalender.

Meine Mutter war dreiundzwanzig, als sie mit mir niederkam, und aktuell eine beschäftigungslose Fotografin. Sie war kein »Lämmchen«, also nichts mit »Kleine Frau – was nun?«. Jutta K. war selbstbewusst und souverän und wusste sich stets zu behaupten. Das hing ganz gewiss mit ihrer Herkunft zusammen.

Meine Mutter kam – anders etwa als mein Vater – aus einem bürgerlich-behüteten Hause. Ihr Vater, mein Opa, war Zahnarzt. Natürlich der beste von ganz Berlin-Ost. Er war mit einer gelernten Putzmacherin verheiratet, also mit einer Frau, die Hüte herstellt. Sie übte jedoch viele Professionen aus. Auch gelegentlich die einer Arzthelferin, wenn ihr Mann in einem cholerischen Ausbruch mal wieder die angestellte Assistentin vergrault hatte.

Gemeinsam mit ihrer theaterbesessenen, reiselustigen Schwester Renate hatte Jutta Hartung an der Johannes-R.-Becher-Schule in Weißensee das Abitur gemacht. Sie spielte wunderbar Klavier und träumte von einer Zukunft als Pianistin, doch wurde daraus nichts, weil sie sich bei der Aufnahmeprüfung angeblich im Zimmer geirrt hatte. Sie sei irrtümlich zu den Komponisten gegangen und dort durchgefallen. Im Unterschied zu Renate, die im Westteil Berlins Thea­terwissenschaften zu studieren begann, bekam die Arzttochter Jutta Hartung im Ostteil keinen Studienplatz.

Und erst recht keinen nach 1961, denn nach dem Mauerbau hatte sich Schwester Renate mit ihrem Mann und gefälschten Pässen in den Westen abgesetzt. Ihre Republikflucht fiel meiner Mutter richtig auf die Füße: Sie durfte danach nicht einmal mehr in ihrem erlernten Beruf als Fotografin für Zeitungen arbeiten. Tante Renate hingegen machte sich als Presseverantwortliche im westdeutschen Verlagswesen einen Namen.

Hans-Joachim Kasprzik kam aus dem Westen in den Osten, ging also den umgekehrten Weg. Er stammte aus einer schlesischen Bergarbeiterfamilie und war mit seiner Schwester Christa zum Ende des Krieges aus Beuthen geflohen, als er, keine siebzehn Jahre alt, zum Volkssturm geholt werden sollte. Ihre Eltern kamen aus kinderreichen Familien, es hieß, dass sie jeweils mit zehn, elf Geschwistern aufgewachsen waren. Da lässt sich ahnen, dass dort auch die Armut wohnte. Die Familiensaga berichtet, vor Jahrhunderten hätten Kasprziks dem verarmten Landadel angehört und zur Existenz­sicherung ihren Adelstitel verkauft. Offenkundig begleitete die Not die Familie schon immer. Mein Vater hatte jedoch insofern Glück, als er einen geförderten Platz am Gymnasium in Gleiwitz belegen durfte. Doch aufgrund des Krieges wurde aus dem Abitur nichts, er besaß jedenfalls keinen ordentlichen Abschluss.

Seine Flucht vor Hitlers letztem Aufgebot endete in Franken. In Wirsberg lebten Verwandte, darunter auch ein Cousin, der Pilot bei der Luftwaffe war. Dieser brachte gegen Kriegsende absichtlich seine Maschine auf den Acker bei Wirsberg zu Boden, um nicht an die Ostfront versetzt zu werden. Er desertierte. De facto tauchten die beiden jungen Männer unter und überlebten dadurch den Krieg.

Mein Vater nahm Schauspielunterricht. Dazu wanderte er eine Stunde von Wirsberg nach Kulmbach. Ein schöner Weg, ich bin ihn einmal gegangen. Sein Lehrer hieß Georg Friedrich Buttlar. Gottlob, wie Vater meinte, ging ihm nach einem Jahr das Geld aus, weshalb der Unterricht endete, denn Buttlar war kein sonderlich begabter Schauspiellehrer. Danach zog er nach Berlin, wo die gesamte Familie – aufgrund der Entscheidungen der Siegermächte aus Schlesien ausgewiesen – Unterkunft in Schmöckwitz fand. Ein Vorfahre hatte bei einer Bank gearbeitet und es zu einem gewissen Vermögen gebracht, mit dem er sich am Rande der Reichshauptstadt eine Villa errichten ließ. Diese nun bot auch den Kasprziks aus dem jetzt polnischen Schlesien Obdach.

Mein Wissen über die Biografie meines Vaters ist lückenhaft. Er selbst sprach nie darüber. Und fragte ich ihn, winkte er stets ab. Nach dem Tod meiner Eltern Ende der neunziger Jahre übergab ich seinen Nachlass der Akademie der Künste. Seine Bibliothek, mehrere tausend Bücher, wollte niemand. Ich habe sie Bibliotheken, Krankenhäusern und Knästen angeboten. Dort verlangte man von mir, dass ich zuvor alles katalogisieren sollte, ehe man sich zur Prüfung der Übernahme entschließen würde. Mir fehlte dafür die Zeit. Ich trug die Kartons mit den Büchern in die Garage, weil das Haus renoviert werden musste. Dort standen sie schließlich mehr als zehn Jahre. Danach haben wir sie tränenden Auges entsorgt.

Lesen war Vaters Lebensinhalt. Er versenkte sich zeitlebens in Bücher und hat, wie er mir einmal erzählte, dafür sogar Prügel von seinem Vater bezogen. Der war Bergmann und fand es anstößig, wenn sein Sohn untätig in der Ecke hockte und las, während er und die Mutter körperlich hart arbeiten mussten, um die Existenz der Familie zu sichern. Ganz gewiss haben solche Erfahrungen das Denken und die Haltung meines Vaters bestimmt.

In Berlin begann er an der »Tribüne« als Statist zu arbeiten. Das war ein Theater unweit des heutigen Ernst-Reuter-Platzes, ein traditionsreiches Haus, an dem einst Erwin Piscator und Jürgen Fehling inszenierten und Adele Sandrock, Marlene Dietrich und Heinrich George spielten. In der Nachkriegszeit trat dort auch Herbert Köfer auf – ich vermute mal, dass die beiden sich dort kennengelernt haben.

Vater diente sich an der »Tribüne« bis zum Regieassistenten hoch, als er auf Kurt Maetzig traf oder der auf ihn. Maetzig gehörte zu den Mitbegründern der DEFA und deren Vorstand, bei wichtigen Filmen wie »Ehe im Schatten« und »Der Rat der Götter« hatte er bereits Regie geführt. »Komm zu uns«, sagte er zu meinem Vater, »du fängst als zweiter Regieassistent bei der DEFA an, dann sehen wir weiter.«

Nun, man sah so weit, dass man ihm – so sagt meine Tante Renate – die Regie für den Film »Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse« offerierte. Das Angebot aber lehnte Vater ab. Ich glaube nicht, dass politische Gründe ursächlich waren, vermutlich war’s die Größe der Aufgabe, der er sich noch nicht gewachsen fühlte. Auch den zweiten Teil übernahm Maetzig und Günther Simon die Hauptrolle. Als ich in der Schule zum ersten Mal, und zwar in einem Diktat, den Namen Thälmann vernahm, schrieb ich »Ernstelmann lebte in Hamburg«, denn ich hatte noch nie etwas von ihm gehört.

Warum folgte mein Vater Maetzigs Werben? Er sah für sich im Westen keine künstlerische Perspektive. Die meinte er, im Osten zu finden, bei der DEFA, wo man sich mit der faschistischen Vergangenheit intensiv auseinandersetzte. Dieses Thema beschäftigte ihn sehr. So arbeitete er mit an dem Antikriegsfilm »Betrogen bis zum jüngsten Tag«, der 1957 in die Kinos kam. Mit diesem Film bewarb sich die DEFA in Cannes um die »Goldene Palme«. Die Bundesrepublik intervenierte und beharrte auf ihrem Alleinvertretungsanspruch, weshalb der Film ins Rahmenprogramm verbannt wurde. Der Kalte Krieg machte um die Filmkunst keinen Bogen. Die Fachleute sind sich heute einig: Dieser Streifen – nach einer Novelle von Franz Fühmann – war »einer der überzeugendsten Filme, die die DEFA in den fünfziger Jahren drehte«, ein »Glücksfall unter den antifaschistischen Filmen der DEFA«, so urteilte etwa Ralf Schenk 1994.

In jener Zeit, in den fünfziger Jahren, begegneten sich meine Eltern zum ersten Mal.

Und zwar in »Clärchens Ballhaus« in der Berliner Auguststraße. Mit einem Freund war Vater dort eingekehrt, und als sie gehen wollten, kam meine – künftige – Mutter mit ihrer Freundin ins Lokal, worauf die beiden Männer beschlossen zu bleiben. Man tanzte, flirtete und verabredete sich. Allerdings hatte die achtzehnjährige Jutta dann doch keine Lust mehr, worauf die Mutter ihre Tochter anwies, gefälligst zum Rendezvous zu gehen. Aus Pflichterfüllung, nicht weil man einen Schwiegersohn wollte.

Und so kam denn alles, wie zu vermuten war. Die beiden heirateten am 6. Mai 1961, nachdem mein Vater gerade die Arbeit am Fünfteiler »Gewissen in Aufruhr« abgeschlossen hatte. Dafür erhielt er gemeinsam mit Erwin Geschonneck, Inge Keller und Günter Reisch den Nationalpreis.

Und am 11. Juni 1963 kam ich. Kleine Frau – was nun?

Jahrzehnte später, ich drehte in der Berliner Charité, begegnete mir auf den Gängen eine nicht mehr ganz junge Frau, die sich bei mir nach einem bestimmten Vorlesungssaal erkundigte. »Lämmchen!«, entfuhr es mir.

Jutta Hoffmann starrte mich irritiert an. Sie erkannte mich zunächst nicht.

Dann klärte sich die Geschichte auf.

Menschen

Mein erstes Wort? Nicht Mama, nicht Papa, sondern Hauk. Das war der Name des Komponisten, mit dem mein Vater in jener Zeit intensiv zusammenarbeitete. Sein Name schwirrte in jenen Monaten unablässig durchs Haus. Er wurde gebrüllt, geflüstert, geschrien oder normal ausgesprochen. Jedenfalls drang er nachhaltig in das Hirn des Säuglings. Günter Hauk arbeitete damals an der Musik zur DEFA-Komödie »Hände hoch oder ich schieße«. Vater hatte gemeinsam mit Rudi Strahl das Drehbuch geschrieben und führte Regie. Der Film kam allerdings nach Fertigstellung statt zur Aufführung ins Archiv, denn die Zuständigen – gewarnt durchs 11. Plenum 1965 – hoben die Hände. Trotz einiger Korrekturen, die Vater und Rudi Strahl vornahmen, verblieb auch die gestutzte Fassung vorsichtshalber im Giftschrank. Obwohl beide nach der »Wende« die Veröffentlichung ablehnten, wurde 2008 eine rekonstruierte Fassung gezeigt: Ich fand den Film nicht gut. Vermutlich wären die toten Schöpfer – Strahl starb 2001, mein Vater 1997 – der gleichen Auffassung gewesen. Kunst kann auch ohne Plenum scheitern und in die Hose gehen.

Die Hauptrolle in jener sozialistischen Gangster­komödie – einen übermotivierten, ehrgeizigen Volks­polizisten – spielte Rolf Herricht, der mich immer auf den Schoß nahm, wenn er uns besuchte. Er war Onkel Rolf. Alle Schauspieler, die zu uns nach Hause kamen, hießen »Onkel«, wie eben die Schauspielerinnen »Tanten« waren. Tante Inge kam oft zu uns, und Onkel Erwin auch. Inge Keller war eine Diva, vielleicht die einzige, die die DDR hatte. Schrullig, mit Marotten, mitunter eine Belastung für ihre Umgebung. Wiederholt brach es aus meinem Vater heraus: »Ich kann sie nicht mehr ertragen! Aber sie ist so gut.«

Mir ging es ähnlich. Mitunter kam sie an mein Bettchen und redete, da sie mich schlafend wähnte, unablässig im gedämpften Ton vor sich hin. Ich verstand nichts, lag unter meiner Bettdecke und wünschte mir nichts sehnlicher, als dass sie endlich ginge, damit ich schlafen konnte.

Es gab allerdings auch eine Reihe von Schauspielern, die mein Vater mied, und wenn diese anriefen, musste ich sagen, dass er nicht da sei. Offenkundig hatte er deren Anruf bereits erwartet. Oder aber, so hatte er mich instruiert, ich wiederholte den Namen des Anrufers, und Vater, der neben mir stand, griff dann entweder nach dem Hörer oder schüttelte den Kopf. Das aber trug sich natürlich später zu, lange nach Günter Hauk ...

Wir wohnten Mitte der sechziger Jahre neben der Trabrennbahn Karlshorst. Die Wohnung war groß, befand sich aber in ziemlicher Entfernung von Vaters Arbeitsstelle in Potsdam-Babelsberg. In jener Zeit musste man, um von Berlin-Ost dorthin zu gelangen, »unten rum« fahren, das heißt über Schönefeld und Teltow. Also erkundigte sich Vater bei Kollegen, ob sie nicht eine freie Wohnung in Potsdam oder in der Nähe wüssten. Herbert Köfer, der in Kleinmachnow lebte, kannte mindestens zwei. Der Ort war vor dem Krieg eine Art Künstlerkolonie gewesen, was der geringen Entfernung zu Berlin geschuldet war. Der Komponist Kurt Weill und seine Frau Lotte Lenya beispielsweise hatten sich zu Beginn der dreißiger Jahre dort niedergelassen, der Schauspieler Paul Henckels und der Kulturpolitiker Adolf Grimme wohnten in Kleinmachnow, nicht wenige Mitarbeiter der Ufa, später der DEFA ebenfalls. Durch den Mauerbau 1961 verlor der Ort sein Hinterland, Berlins einstiger Vorort war nun lediglich Gemeinde in Grenznähe. Er war gleichsam abgeschnitten, weshalb mancher es vorzog wegzuziehen. Wir hingegen ließen uns 1965 dort nieder.

Ich war ein sogenanntes Hauskind. Kleinmachnow wies noch immer eine hohe Künstlerdichte auf, die Väter verdienten gut, weshalb sich einige Mütter ausschließlich um den Nachwuchs kümmerten. Schräg über die Straße lebte meine Freundin Uta, ein wenig älter als ich und gleich mir Hauskind. Sie nahm mich mit zum Ballettunterricht von Frau Baum und Frau Liedtke, zwei ehemaligen Tänzerinnen. Da war ich drei. Die Mütter saßen wie die Hühner auf der Stange und beobachteten, wie wir mit Klanghölzchen und Triangel durch den Raum hüpften. Das hatte mehr mit rhythmischer Sportgymnastik als mit Ballett zu tun. Doch die Übungen weckten in mir das Bedürfnis nach Bewegung und Selbstdarstellung. Regelmäßig durften wir nämlich bei Veranstaltungen auftreten, was mir großen Spaß machte. Die Aufmerksamkeit, die einem dort zuteil wurde, bereitete mir beachtliche Befriedigung. Das verlor sich nie, im Gegenteil: Auch später, in der Schule, drängte es mich, vor die Klasse zu treten und zu rezitieren, Gedichte aufzusagen oder zu singen.

Bis zum Spitzentanz kam es jedoch nicht. Als nämlich später die Talentesucher durch die Schule geisterten und mich fürs professionelle Ballett ausguckten, wehrte mein Vater dieses Ansinnen entschieden ab: Auf gar keinen Fall! Mit vierzig seien meine Knochen kaputt und ich ohne Beruf, von dem man leben kann, sagte er. Für seine Intervention danke ich ihm noch heute. Gleichwohl schmeichelte es mir, als ich später an der Schauspielschule Bewegungsunterricht hatte und anerkennend zu hören bekam: Du hast doch schon getanzt! Offenkundig war einiges von damals geblieben.

1970 wurde ich eingeschult. Die Weinberg-Schule verfügte über drei Etagen. Im Erdgeschoss wurden die Klassen eins bis vier unterrichtet, in der Etage darüber die fünfte bis zehnte Klasse. Und ganz oben befand sich die Erweiterte Spezialoberschule, wo die Schüler das Abitur machten. Die Spezialisierung richtete sich auf Mathematik, Physik und Chemie. Mit diesen Fächern hatte ich überhaupt nichts am Hut, Mathe ist mir bis heute ein böhmisches Dorf. Viel lieber hätte ich die Sprachschule in Potsdam besucht, doch da war man in der DDR eisern: Wollte man Abitur machen, dann ging das nur an der Schule, die im Einzugsgebiet lag. Mein Einzugsgebiet hieß Kleinmachnow. Und eine andere Schule gab es dort nicht.

Zwölf Jahre besuchte ich dieses Haus. Es war immer überfüllt, in der Turnhalle drängten sich gleichzeitig mehrere Klassen, und es gab nie hitzefrei, weil das Gebäude in den dreißiger Jahren aus Backsteinen errichtet worden und daher stets gut temperiert war. Es stand übrigens am Rande eines Naturschutzgebietes, beim Blick ins Grün träumte ich mich oft weg. Die Verantwortlichen hingegen träumten von einem Neubau mit mehr Platz für alle, ihr Traum erfüllte sich aber erst nach meinem Abgang. Die neue Schule wurde nach Maxim Gorki, dem russischen Dichter, benannt. Seinen Namen trägt sie noch immer.

In der ersten Klasse saßen drei Dutzend Schüler, denn wir gehörten zu den geburtenstarken Jahrgängen. Bekanntlich kamen 1963/64 in den beiden deutschen Staaten so viele Kinder zur Welt wie nie zuvor und später auch nie wieder, man spricht von etwa anderthalb Millionen. Das sah man auch in meiner Klasse. Erst in der Fünften entschloss man sich zur Teilung und machte daraus zwei Klassen, wodurch gewachsene Beziehungen auseinandergerissen wurden. Ich hatte Glück und kam mit meiner besten Freundin Patricia in die 5a.

Von Natur aus neugierig und aufgeschlossen, fand ich alles, was neu auf mich einstürmte, spannend und interessant. Allerdings drangen auch Probleme auf mich ein, die mir bis dahin unbekannt und fremd gewesen waren. Natürlich.

Ich lernte zum Beispiel sehr rasch auswendig. Wenn man mir einen Text vorlas, speicherte ich ihn sofort in meinem Hirn. Das sollte sich als erhebliches Hindernis erweisen. Mutter merkte es, als sie mit mir Lesen übte: Ich las nicht, sondern repetierte die Zeilen, die ich schon einmal gehört hatte.

Das war noch ein kleines Übel. Ein größeres: Ich war Linkshänderin. Und ich hasste meine Zeichenlehrerin dafür, dass sie mich zwang, mit der rechten Hand zu malen. Dadurch verlor sich nicht nur meine Freude am Zeichnen. Beim Schreiben erwies sich der erzwungene Handwechsel als fatal. Ich drehte die Buchstaben und schrieb spiegelbildlich. Mit Mühe nur bekam ich die Ini­tialen gerichtet. Ich konnte darum nie schönschreiben, wozu ich immer wieder aufgefordert wurde. Bis heute setze ich – mit rechts – Krakel aufs Papier. Nur wenn ich male, benutze ich wieder die linke Hand. Und selbstverständlich auch beim Tennis.

Dieser zwanghafte Wechsel hatte Folgen. Dass er jedoch der Grund für manche Desorientierung ist, weiß ich erst, seit ich einschlägige Studien kenne. Ich laufe in die falsche Richtung, gehe mitunter verloren, weil ich an der Tankstelle in fremde Autos einsteige, verwechsle Türen – was bei Toiletten peinlich ist. Und alles deshalb, weil ich als Kind angehalten wurde, die »ordent­liche Hand« zu benutzen.

Frau Reim war meine erste Klassenlehrerin. Ich liebte sie – im Unterschied zu ihrer Nachfolgerin. Aber auch Frau Reim vermerkte im Klassenbuch hinter meinem Namen ein »I«, bei anderen Kindern stand ein »A«. Die Arbeiterkinder wurden vorgezogen und nachsichtiger benotet als die Kinder aus sogenannten Intelligenz-Familien, was ich damals nicht verstand. Heute sind mir die Motive klar. Wobei diese Praxis in den siebziger Jahren eigentlich längst absurd war: Das Bildungsprivileg der Oberschicht war gebrochen, die Arbeiter- und Bauernkinder, die in der Gründungsphase der DDR zu Recht protegiert worden waren und studiert hatten, gehörten nunmehr selbst zur Intelligenz. Dafür musste sich jetzt ihr Nachwuchs hinten anstellen, es waren ja keine Arbeiterkinder. Mein Mutter hatte nie studiert, auch mein Vater nicht, er war Autodidakt, aber inzwischen Film- und Fernsehregisseur, ein Künstler also. Und darum stand im Klassenbuch in jedem Jahr hinter Anne Kasprzik jenes »I«.

Diese unverschuldete Charakterisierung, ja Zurückstellung provozierte meinen Ehrgeiz. Ich musste allerdings nicht nur aus diesem Grunde besser sein als die anderen, wenn ich in unserer Schule ins oberste Geschoss ziehen wollte. Der zweite Grund: Ich war ein Mädchen. Erst nachdem ich mich mit einigen Jungen geprügelt hatte, weil sie mich immer wieder aufzogen, verschaffte ich mir zumindest bei denen Respekt. Drittens: mein Vater, viertens: meine Mutter. Sie war umtriebig und engagiert und fast jeden Tag in der Schule. Es gab eine ganze Reihe Arbeitsgemeinschaften und Zirkel, in denen wir Schüler beschäftigt wurden, kein Schultag verging, an dem nicht etwas außerhalb des Unterrichtes geschah. Klaus-Ulfs Vater war Koch in einem Teltower Großbetrieb, bei dem schauten wir in die Töpfe oder backten aus Teig unsere Lehrer. Es gab einen Zeichenkurs, und Mutter leitete einen Fotozirkel. Sie studierte ein Theaterstück mit uns ein und unterrichtete mitunter sogar, was mich mit Stolz erfüllte. Auf der anderen Seite: Sie nahm mich nie dran, wenn ich mich meldete, und statt Schneewittchen zu spielen, mimte ich nur den sechsten Zwerg.

Mutter nahm mich allerdings auch zum Tennisplatz mit, der um die Ecke lag. Dort drängte sich ein elitärer Kreis, in Kleinmachnow lebten viele Ärzte, Akademiker und Apotheker. Und natürlich nicht wenige Künstler. Der Platz war ständig belegt, und ehe ich endlich selbst spielen durfte, stand zuvor ein ganzes Jahr Konditionstraining auf dem Plan. Mehr nicht. Erst dann kam ich in die Kindermannschaft, trainierte jeden Montag Nachmittag und durfte Wettkämpfe und Turniere bestreiten, bis ich achtzehn war. Ich schaffte es sogar bis unter die besten acht Spielerinnen in der DDR.

Und was wollte ich meinem Vater beweisen? Als ich in der siebten Klasse mit einem Halbjahreszeugnis nach Hause kam, auf dem nicht nur Einsen standen, sondern fünfmal die Note zwei (natürlich in den naturwissenschaftlichen Fächern), schüttelte er enttäuscht den Kopf mit den langen Haaren und sagte, ich sei so schlecht, dass es wohl nicht zum Abitur langen werde. Er meinte das im Ernst und keineswegs ironisch.

Inzwischen war ich vom Haus- zum Schlüsselkind mutiert, denn meine Mutter hatte Mitte der siebziger Jahre zu arbeiten begonnen. Im Geräte- und Reglerwerk Teltow (GRW