Ich bekenne - Clara Müller-Jahnke - E-Book

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Clara Müller-Jahnke

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Beschreibung

Im Jahre 1904 erschien Clara Müller-Jahnkes autobiographische Prosa "Ich bekenne". Darin verarbeitet sie ihre bitteren Fabrik-Erlebnisse und Demütigungen durch die uneheliche Mutterschaft. Es ist aber auch ein Buch von Liebe, eine Beschwörung innerer Freiheit.

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Ich bekenne

Clara Müller-Jahnke

Inhalt:

Clara Müller-Jahnke – Biografie und Bibliografie

Ich bekenne -Die Geschichte einer Frau

Ich bekenne, C. Müller-Jahnke

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849633281

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Clara Müller-Jahnke – Biografie und Bibliografie

Deutsche Dichterin und Frauenrechtlerin, geboren am 5. 2. 1861 in Lenzen bei Belgard/Hinterpommern, verstorben am 4. 11. 1905 in Berlin-Wilhelmshagen. Nach ihrer Schulzeit, die sie hauptsächlich in einem Pensionat verbrachte, legt M. in Berlin einen Abschluss auf einer Handelsschule ab. Wegen ihrer Gelbsucht geht sie zurück zu ihrer Mutter nach Belgard. 1884 zieht sie nach Kolberg und arbeitet dort als Volkschullehrerin arbeitete. Bald darauf beginnt sie zu schreiben und arbeitet ab 1889 für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Nach der Heirat mit dem Maler Oskar Jahnke. 1902 und einer Erbschaft schreibt sie vollumfänglich und als freie Schriftsteller. M. stirbt an einer Virusinfektion.

Wichtige Werke:

Mit roten Kressen, 1899.

Sturmlieder vom Meer, 1901.

Ich bekenne -Die Geschichte einer Frau

I.

Auf den Mittagshöhen des Lebens stehe ich, und alle Herrlichkeit der Welt ist mein. In den Tälern Hindostans blüht keine Blume, die ihre Düfte nicht für mich versprüht; und aus den Tiefen des Südmeers grollt keine Woge empor, die ihre Perlen nicht zu meinen Füßen in den Sand wirft.

In die Sterne des Siriussystems greife ich mit der linken Hand und winde aus Milliarden glitzernder Weltfunken einen Kranz für mein Haar.

Denn der mich liebt, ist ein König – über die Höhen und über die Tiefen – und ich bin seine Königin.

Der mich liebt, ist am roten Morgen in meinen Garten getreten, als noch der Frühnebel in den Kronen der Bäume hing. Und ihm im Rücken groß, gewaltig und strahlend ging die ewige Sonne auf.

Ich aber erkannte ihn nicht. Mich hat das Licht geblendet, und der Schatten, der vor ihm herging, ist über meine Stirn gefallen gleich der finsteren Nacht.

So bin ich, von dumpfer Sehnsucht geführt, auf dem Wege der Schatten gegangen, ihm entgegen – immer ihm entgegen und dem steigenden Tagesgestirn.

Bis die Sonne im Mittag stand .....

Und Deine Krone im Licht.

So schlinge denn den Arm um meinen Nacken und beuge mein Haupt zurück, daß ich, Deinem Kusse entgegen schauernd, Dir den Inhalt meines Lebens künden mag:

Mitten im Moore liegt mein Heimatdorf. Rote Pechnelken und starkduftende Spireen ziehen einen leuchtenden Gürtel um die zerfallenden Hütten des »Guts«. Fenster, klein wie Stalluken, mit Eisenstäben vergittert, Türen, die knapp noch in den Angeln hängen, ausgetretene Stufen, auf denen das Elend hockt .... Die diese Hütten bewohnen, sind zufrieden mit ihrem Lose, und der Geruch der Düngerhaufen unter den papierverklebten Fenstern dünkt ihnen annehmlicher und süßer als die Spireendüfte da drunten im abgrundtiefen Moor.

Ein Akazienbaum steht hart an der breiten Dorfstraße. O Du, wenn die Akazie blühte! Das war wie Seligkeit, das war wie Traum. Und alles Elend war verschleiert. Die blassen Kinder lächelten, und die derben rotbäckigen Jungen kletterten in die stachlichen Zweige hinauf und ließen sich mit Wonne von den summenden Bienen zerstechen. Und ich sammelte die herabgeschleuderten Blüten, stolz auf diesen mir zustehenden Tribut, und steckte sie triumphierend auf meinen breitrandigen Sommerhut.

Auf dem Kopfe hab ich diesen Hut nur dann getragen, wenn ich frischleuchtende Akazien darauf stecken konnte oder auch ein Kressenrankengewirr. Zumeist aber trug ich ihn in der Hand, weil er mir sonst die lichte Sonne verwehrt hätte. Ach, und die Sonne! Andere Menschen trinken Wasser, trinken Wein: goldklaren Wein von den Hängen bei Rüdesheim, braunleuchtenden Tokayer oder den silberperlenden Trank der Champagne: ich trinke Sonne. All' die Sonnenstrahlen trinke ich, die den Saft in der Traube erst zur Reife bringen müssen.

Und die Straße geht bergauf, an dem niedrigen, langgestreckten Herrenhause – wie lange schon ist es in einen Tanzsaal für die rauflustige Jugend der Umgegend verwandelt! – an stattlichen Scheunen und wohlbebauten Gemüsegärten vorbei führt der Weg in das Bauerndorf. Du, unsere pommerschen Bauern! Du, ich bin stolz auf sie: auf ihre Stiernacken, ihre Bedachtsamkeit, auf ihre Tücke und auf ihren Trotz! Ein Tropfen ihres Blutes pulst in meinem Herzen. – Kennst Du ein pommersches Bauerngehöft? Hart an der Straße das Tor. Breite Flügel, die nur geöffnet werden, um den stattlichen Herden den Einzug zu gewähren. Dann der Hof: in der Mitte ein kleiner, grünbeflorter Teich, der den Enten und Gänsen zum Tummelplatz dient, rundumher die Düngerhaufen, hochgeschichtet, kompakt, starkduftend nach Fruchtbarkeit, nach grünleuchtenden Saaten und goldstrotzenden Erntefeldern: nach Reife und Wiedergeburt. Lächle nicht, Du. Ich bin ein pommersches Dorfkind, und tief in meiner Seele lebt die Poesie des Kreislaufs aller Dinge, die Poesie der ewigen Wiederkunft. –

An beiden Seiten des Hofes, zusammenhängend und langgestreckt, die Stallgebäude und die Scheunen. Weit auf die Tore; Dreschflegeltakt, ein derbes Scherzwort dazwischen, ein helles kicherndes Dirnenlachen .....

Wir, wir pommerschen Bauern, verstehen unter Dirne ein dralles lebendiges Mädel mit lachenden Lippen und festen Brüsten, mit dunkelblonden starken Flechten um den eigensinnigen Kopf – ja Du, ein prachtvolles Geschöpf, direkt aus Gottes Meisterhand hervorgegangen, ist unsere pommersche »Deern«.

Und dem Tore gegenüber das Haus. Einstöckig gebaut. Die Tür in der Mitte, rechts und links je drei oder vier Fenster mit grünen Läden, tief darüber das rote Ziegeldach. Als ich ein ganz kleines Mädel war, gab es noch Strohdächer, auch auf den Scheunen meines väterlichen Pfarrhofes. Und von einem dieser Strohdächer bin ich einmal aus dem Storchneste geholt worden ... Das aber erzähle ich Dir später; vorher mußt Du mit mir auf den Pfarrhof kommen. Er liegt in der Mitte des Dorfes, dem Kirchhof mit der Kirche gerade gegenüber. Durch das Tor treten wir auf den Hof. Komm nur getrost mit mir und fürchte Dich nit. Ein pommerscher Pfarrherr beißt Dich nit, – auch dann nit, wenn er zur strengsten Richtung gehören und Du zufällig die Gottheit Christi leugnen solltest. Seine Göttlichkeit leugnest Du nie. Das weiß ich – und deshalb tritt Du ohne Furcht mit mir ein.

Unter dem Tor steht der Kutschwagen, ein mittelalterliches Holzgestell, mit imprägnierter Leinewand bezogen, vom dörflichen Tischler gebaut; so ähnlich mag die Arche Noah ausgesehen haben. Unter seinem »Tambour« habe ich oft versteckt gelegen, wenn die Gespielen mich nicht finden sollten. Gleich rechter Hand, das ist der Pferde- und der Kuhstall mit dem Heuboden darüber, durch dessen Bodenluken ich einstmals sanft in die Krippe der rotbraunen Stärke geglitten bin; – im rechten Winkel dann die Scheunen und die übrigen Stallungen. Und nun sperrt ein breites Staketengitter unsern Weg. O Du, wir sind schon feiner als die dummen Bauern: da ist der Garten! Auf allen andern Gehöften findest Du ihn erst hinter dem Hause, das Pfarrhaus aber liegt mitten darin in all der Blütenpracht. Ein Rosengang zur linken Seite, zur Rechten ein Sommerblumenrondel. Das einstöckige Haus aus roten Backsteinen erbaut, eine Jelängerjelieberlaube vor der Glastür, Fliederbäume zu beiden Seiten. Und die Tür ist weit geöffnet, und die Lenzluft strömt hinein, so voll und würzig: aus den blühenden Frühbirnenbäumen, dem frisch beackerten Rondel, aus den Veilchenrabatten und dem knospenden Fliedergebüsch.

Weißt Du, Liebling, daß die Frühlingssonne scheint und daß Du in der Heimat Deines Weibes bist? Schau nur: die Akazie blüht, und ich trage ihre leuchtenden Blütenbüschel auf meinem Hut!

Vater und Mutter sitzen in der Gaisblattlaube. Beide von Natur kräftig und stark; der Vater ein angehender Sechziger, leicht ergraut das Haar, mit verträumten blauen Augen. Die Mutter, obwohl um zwei Jahrzehnte jünger als ihr Gatte, mit Schnee auf dem Scheitel, das Gesicht noch blühend und lebensfrisch, gütig und liebenswert, die dunklen Augen aber schon verblichen ...

Meine Mutter hat viel geweint.

Mit kaum achtzehn Jahren an den um zwanzig Jahre älteren Mann verheiratet, verhätschelt und verwöhnt, Kind geblieben im engen Kreise trotz der ihr angeborenen Klugheit, hat sie in bitteren Schmerzen fünf Kindern das Leben gegeben, hat sie in drückenden Sorgen fünf Kinder erzogen, von denen ich das jüngste war ... und vier von diesen Kindern hat sie dahinwelken gesehen vor der Zeit; mit eigener Hand hat sie ihnen die starren Augen schließen müssen. Und ich das jüngste, das letzte, das über Alle geliebte, ich habe ihr den schwersten Schlag versetzt und die bittersten Tränen erpreßt.... Ach laß, Du. Heut weiß sie davon nichts. Heut denkt sie nur an die Gräberreihe auf dem hochgelegenen Friedhof, die sie mit Efeu und Lebensbaum bepflanzt hat und um die der Duft eines unbeschreiblichen Friedens weht. Heut weiß sie nur voll freudigen Stolzes, daß ihr noch ein Mädel geblieben ist, lebhaft und gescheit, das bei'm Vater lernen und studieren wird, um dereinst die Hochschule der freien Schweiz beziehen zu können, da im Vaterland dem Weibe die Pforten der Wissenschaft verschlossen sind.

So modern haben meine Eltern gedacht. Und ich habe mit glühendem Eifer gelernt, oder richtiger gesagt: nicht gelernt; es floß mir alles wie von selber zu. Ich habe mein »bellum gallicum« gelesen und mein Alphabet kunstgerecht zu malen vermocht.

alpha beta gamma delta ...

Verklungene Akkorde.

Meine Eltern hatten Pensionäre im Hause, die der Vater unterrichtete: Rowdies, die auf dem Gymnasium nicht gut hatten tun wollen. Mit ihnen lernte ich, mit ihnen spielte ich: von ihnen ist auch die Zigeunerhaftigkeit, die Du an mir liebst, auf mein Wesen übergegangen. O Du, wild bin ich gewesen, wild!! Wenn andere Mädels mit ihren Puppen spielten, wenn sie Kinder bekamen und Wochensüppchen kochten, hab ich als rotbemalter Indianerhäuptling – Squaw mochte ich niemals sein – im Hinterhalt gelegen, habe mit Bogen geschossen, bin in Ziehbrunnen gesprungen und habe die Kröten in ihren Verstecken aufgestöbert.

Und einmal habe ich auch den König der Kröten gesehen ...

In einem tiefen Schacht war's, in den ich vor lauter Uebermut hinabgesprungen. Dort unten saß ich auf feuchtmoosigem Gestein und schaute in die dunklen, lockenden Gänge hinein, die in die Erde führten. Und eine Sehnsucht wurde groß in mir, diese unterirdischen Höhlen zu erforschen, tiefer und immer tiefer zu dringen, bis ich das Zwergenschloß gefunden hätte, in dessen Gärten regenbogenfarbige Blumen blühten.... So saß ich und sann und merkte nicht, wie es allmählich finster wurde. Plötzlich klang in meine Stille ein ferner heller Laut. Sollt' es der Schlag der Kirchenuhr, sollten's ferne Menschenstimmen sein? Ich schaute den Schacht hinauf; da lag über der Oeffnung ein feiner grauer Schleier, durch den kein Ton hernieder klang. Und jetzt – zum andern Mal – hell und klar, unmittelbar zu meinen Füßen: ein leises, zirpendes Klingen war's ...

Mit den Augen konnt' ich in der Dunkelheit nicht mehr erkennen, welch' ein seltsames Wesen da unten seine Hexenkünste trieb; so griff ich keck mit der Hand in die Oeffnung des unterirdischen Ganges hinein. Da strich es kalt und feucht und schleimig über meine Finger. Erschreckt zog ich die Hand zurück. Und nun lief es mir über die Füße wie ein heller Glimmerschein, in dessen Licht ich deutlich eine große schwarze Kröte erkannte, die ein goldenes Krönlein auf dem Kopfe trug. Und von diesem Krönlein ging das seltsame Leuchten aus.

Sie saß auf der feuchten Erde und guckte mich aus kleinen halbgeschlossenen Aeuglein listig an. Mein Herz schlug heftig. Endlich sollte ich ein Märchen erleben.

»Bist du der König?« frug ich zaghaft.

Und der Krötenkönig öffnete die Aeuglein und sah ganz überrascht aus, weil ich in seiner Sprache sprach.

»Bist du der König?« fragte ich zum andern Mal. Ob ich nun das Zauberwort hätte finden müssen, das die Siegel von seinem Munde nahm, oder ob die dritte Frage genügt hätte, um ihn zum Reden zu bringen, hab' ich nie erfahren. Denn eh' ich selbst die Lippen noch einmal öffnen konnte, schlug mit lautem Krach eine überreife Birne aus dem über den Rand des Schachtes herabhängenden Gezweige eines stattlichen Honigbirnenbaumes in die Tiefe. Der König fuhr erschreckt zusammen und kroch langsam in seinen schwarzen, geheimnisvollen Gang zurück.

Meine ganze Hochachtung war dahin! Ein König, der vor einer Honigbirne floh! Und in heller Wut darüber, daß ich mein Märlein in einer Abzugsröhre verschwinden sah, nahm ich die Birne und aß sie auf – mit Schale und Kernhaus. Und dann blickte ich zum andern Mal nach oben – –

Herrgott, wie hinauf?

Ich versuchte zu klettern, die senkrechten glatten Wände vereitelten all' meine Anstrengungen. Und wieder und immer wieder glitten meine blutenden Hände ab; eine halbe, wohl eine ganze Stunde lang mühte ich mich empor, sank zurück und quälte mich wieder in die Höhe, bis die letzte verzweifelte Anstrengung mich endlich doch auf den Rand des Brunnens hob. Da stand ich glühend vor Stolz, daß ich nicht um Hilfe geschrien, sondern mir allein geholfen hatte aus der Not. Und nachher konnte mir niemand mein Heldenstück nachmachen, weder der dumme Fritz, den ich immer im Lateinischen übertrumpfte und der später doch ein großer Rittergutsbesitzer geworden ist, noch der schöne Erich mit dem flammenroten Muttermal auf der linken Wange, dem meine erste schwärmerische Liebe galt, und von dem ich nach seinem plötzlichen Scheiden nie wieder etwas gehört habe. Und weil die Jungen es mir nicht nachmachen konnten und ehrlich genug waren, ihre Schwäche unumwunden einzugestehen, suchten sie die schönsten Hahnenfedern auf dem Hof zusammen und banden mir einen großmächtigen Häuptlingsbüschel in die zerzausten Haare. Herrgott, bin ich damals stolz gewesen! Nicht mit dem Kaiser von China hätt ich tauschen mögen, nicht mit dem blutigsten Indianerhäuptling von den Ufern des Missouri!

Nur von dem Krötenkönig hab ich keinem Menschen je ein Sterbenswörtlein erzählt. Ich war klug genug, um zu wissen, daß sie mich auslachen würden – alle. Und ich hatte ihn doch leibhaftig gesehen. Dir aber sag' ich es heute, weil ich weiß, daß auch Du Dich mit der Froschprinzessin in den Brunnenröhren getroffen hast.

Ich will nicht lügen, meine Seele, noch Dir irgend etwas verheimlichen. Ganz so stark wie es fast ausschauen möchte, bin ich doch nicht zu jeder Stunde gewesen. Die Storchnestgeschichte – – ach ja! Das Strohdach unserer Scheune sollte ausgebessert werden. Hochmittag war's. Die Dachdecker saßen im Gesindezimmer bei der Mahlzeit. Da schlich ich aus dem Hause hinaus wie eine Katze und gelangte unbemerkt auf das Dach. Schon der Blick von der First bezauberte mein leicht bewegliches Gemüt; ich kam mir sehr erhaben vor über die Welt, die mir zu Füßen lag, ganz besonders aber über den Pudel Morny, der unten auf dem Hofe um der besseren Verdauung willen die Enten vor sich her in den »Dümpel« jagte. Sie schrien und schnatterten mit großer Lebhaftigkeit; ich aber hatte keinerlei Acht auf ihre Bedrängnis, sondern ging auf der Dachfirst mit raschen, stolzen Schritten weiter, bis plötzlich ein schier unüberwindliches Hindernis meinen luftigen Weg versperrte: das Storchnest. Merkwürdig! Vom Hofe aus betrachtet, sah es so klein aus, als ob es sich mit Leichtigkeit auf der Hand tragen ließe; hier aber lag es vor mir wie ein Berg, den zu erklimmen nur einem waghalsigen Kletterer vergönnt erschien. Umkehr aber gab es nicht für mich, – also: vorwärts! Das hieß in diesem Falle: hinauf! Und an der senkrecht abfallenden Reisigwand kletterte ich empor, nicht nach rechts noch nach links Ausschau haltend, mich ziehend und reckend und schwingend, immer empor und empor, bis ich die Arme über den Rand des Nestes schlagen und den Körper mit einem letzten kühnen Schwunge nachziehen konnte. Dann tat ich den Sprung in die Tiefe des Storchpalastes hinab. Gott und die Welt! Gerade mein Kopf sah noch über den Rand des Nestes hinaus. Blau stand der Himmel über mir, frisch ging der Wind durch mein flatterndes Haar. Die Wälder fern am Horizonte, der blühende Garten, die gackernde Entenschar – alles war verschwunden. Selbst von Morny's wütendem Gebell klang kein Laut zu meiner Einsamkeit empor. In den ersten Minuten kam meine Lage mir gar spaßig vor. Dann begann sie, mir gelinde langweilig zu werden, weil niemand da war, der meinen Heldenmut hätte bewundern können – und schließlich kroch mir die Angst in das Herz, auf welche Weise ich wieder auf die heimatliche Erde gelangen könnte. Ja, wenn ich mir hätte Storchenflügel leihen können zu einem sicheren Flug! Doch die Störche segelten ferne über dem Mittelländischen Meer ihrer wärmeren Heimat zu und gebrauchten ihre Schwingen selbst. Wenn sie noch hier zu Hause gewesen wären, würden sie mich zweifellos auf die allereinfachste Weise hinunterbefördert haben ...

Mit dem Fliegen war es also nichts; so versuchte ich nun zunächst, wieder auf den Rand des Nestes hinaufzuklimmen. Sei es aber, daß ich bereits müde war, sei es, daß mich der Schwindel bedrohte, – der Versuch mißlang. Da brach mein ganzer Mut zusammen; ich schrie und schrie erbärmlich, gellend und durchdringend, und mein Jammergeschrei wurde von niemandem gehört. Endlich, nach einer langen bangen Ewigkeit, als die Dachdecker die durch die Mittagspause unterbrochene Arbeit wieder beginnen wollten, mag wohl einer von ihnen in den Lüften droben ein jämmerlich winselndes Stimmchen gehört haben und dem Laut nachgegangen sein; wenigstens beugte sich plötzlich ein bärtiger Männerkopf, der mir wie das Antlitz eines direkt vom Himmel herabgesandten Engels erschien, in das Nest herab, ein tiefes verwundertes »Dunnerschock, so'n Frugensminsch!« erklang unmittelbar über meinem verweinten, nach oben gewendeten Gesicht, und zwei kräftige Arme packten mich um den Leib. Dann wurde ich unter einem lauten Hallo hinabgeholt, bekam eine gepfefferte Strafpredigt und verkroch mich beschämt in den Kaninchenstall. Bald aber wurde ich wieder guten Mutes, da weder Fritz noch Erich die Courage besaßen, mir meine Bergpartie nachmachen zu wollen, und erklärte stolz, daß, wären die Störche dagewesen, ich mich auf den allergrößten hinaufgesetzt und direkt ins Aegypterland geflogen sein würde. Ja, wenn die Störche dagewesen wären! Ich wäre wohl kaum lebendig in das Nest, viel weniger noch wohlbehalten wieder hinausgekommen.

Seitdem, Du, hab ich von den schwindelnden Schroffen des Zugspitzgebiets in das grauenvolle Tal der Hölle hinabgeschaut, bin ich unter dem Donnergeroll der Lawinen über das blinkende Eigereis geschritten: einen solchen Stolz und eine solche Furcht habe ich angesichts aller Schrecknisse einer kräfteüberschäumenden Natur nimmer wieder empfunden wie damals als Kind in dem stillen Storchnest meines väterlichen Scheunendaches.

Es gab übrigens kein Hindernis, an dem ich meine Kräfte nicht versucht hätte. Da war kein Graben so breit, kein Baum so hoch, daß ich ihn nicht genommen hätte. Als ich eines schönen Sommertags verstohlen in die Kirschen gegangen war, glitten meine Füße auf den schwankenden Aesten aus, und ich hielt mich fünf Minuten lang schwebend mit der einen Hand fest, bis die Füße endlich einen Stützpunkt gefunden hatten. Der Arm war natürlich ausgerenkt. Trotzdem habe ich den Schmerz bis zum Abend zu verbeißen vermocht, habe über den Vorfall trotzig geschwiegen, bis ich während der Nachtmahlzeit laut stöhnend am Eßtisch zusammenbrach ... Auf Schlitten bin ich über blitzendes Eis geflogen, über Eis, das unter mir knisterte und schwankte wie ein windbewegtes Meer. Und krachend sprang eine Spalte auf, und mit rasender Kraftanstrengung schleuderte der schöne Erich meine kleine Person über den geborstenen Spiegel hinweg, daß sie mit einem Schwunge bis zum Ufer des Teiches glitt.

Ein gellender Aufschrei erklang – –

Der tapfere Junge griff mit den in groben wollenen Fausthandschuhen steckenden Händen in das zackige Eis, das unter seinem Griffe, Stück für Stück zerbrach, zerbröckelte, absprang, – und die kalte Flut ging über ihn hinweg und saugte sich in seine flauschige Winterjacke ein und zog ihn hinab ...

»Erich, Erich!«

Er hob das Gesicht und lachte. Ich sah es deutlich von meinem sicheren Standpunkte aus. Und meine verunglückte Storchnestpartie kam mir ganz winzig und erbärmlich vor gegen seinen Heldenmut. Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, aber meine Glieder waren wie gelähmt. Und da im letzten bedrohlichsten Augenblick, als mir der Atem zu stocken drohte, da, mit einem Mal stand mein Held auf dem krachenden Eise, jauchzend, winkend, triumphierend: der Sieger von Mantinea! – Gerettet!

Der Schlitten lag den ganzen Winter über eingefroren im Gartenteich – und das war der Jammer bei dieser Geschichte.

Und einmal bin ich sogar durchgebrannt gewesen, zu den Pächterskindern im Nachbardorf, mit denen ich Birkenwein fabrizieren wollte. Einen ganzen Tag lang bin ich verschwunden gewesen, und meine Eltern haben in tödlicher Angst Teich und See mit Haken und Stangen absuchen lassen, ohne selbstverständlich die geringste Spur von mir zu entdecken.

Du, dieser Tag!

Ein lichter Maitag war's, und ich erinnere mich genau an jede Einzelheit.

Ohne Hut und Tuch war ich hinausgelaufen, die liebe Sonne lachte mir gerade ins Gesicht. Mitten durch die grünen Roggenfelder lief ich und riß die Mohnstauden mit Wurzel und Knospen aus. Und dann schrie ich im Freudegefühl der erstohlenen Freiheit laut auf, ein Mal, zwei Mal, drei Mal – das klang und hallte aus allen Himmelsfernen wieder, als ob die beflügelten Englein da oben sich mit mir meiner Freiheit freuten. Ich ging, wohin ich wollte, in die weite, weite Welt, und niemand wußte davon! Ich saß im Straßengraben, plauderte mit den verzauberten Eidechsen und erzählte ihnen, daß ich ausgerissen sei und daß niemand wisse, wo er mich suchen solle. Auf diese Weise wurden aus der halben Stunde Weges, die ich zurückzulegen hatte, um an mein Ziel zu gelangen, reichlich deren zwei. Und als ich ankam in C., hab ich zum erstenmal im Leben eine Lüge gesagt, indem ich seelenvergnügt einen Gruß von meinen Eltern bestellte. Um dieser Lüge willen mag der Tag mir auch besonders im Gedächtnis verblieben sein. Frau v. L. sah mich einen Augenblick so forschend an, daß mir heiß und flutend das Blut ins Gesicht stieg.

»Hast du den Hut verloren unterwegs?«

Rasch und trotzig erwiderte ich: »Ich hab ihn vergessen!«

Ein Lächeln ging über die gütigen Züge der Frau; sie nahm mich bei der Hand und führte mich ins Speisezimmer, wo meine Spielkameraden mich mit lautem Jubel empfingen. Ich erhielt ein Glas voll köstlicher Limonade und ein mit Kräuterkäse dickbestreutes Butterbrot, einen Leckerbissen, dessen Genuß mir freilich beim ersten Bissen durch den Gedanken verbittert wurde: Du hast ihn mit einer Lüge verdient! Beim dritten Bissen aber siegte der Appetit. Und wie ich einschlug! – Nach dem Frühstück ging es in den Park hinaus, in das frischgrüne Birkenwäldchen. Der Max, ein lustiger stämmiger Bengel von dreizehn Jahren, der den Führer machte bei allen unseren dummen Streichen, trug die Flasche, in die das Birkenblut fließen sollte, sorglich unter der Jacke verborgen. Ein hohes, schlankes, weißes Bäumchen war zum Opfer ausersehen. Heute tut mir das Herz weh, wenn ich daran denke ...

Die Birke, aus der wir unsern Honig sogen, ist längst verdorrt, und meine Lüge hat der Wind verweht. Ich weiß nicht mehr, ob wir den Birkenwein wirklich getrunken, viel weniger noch, wie er geschmeckt hat. Ich weiß nur, daß der Sommertag zu Ende ging und daß ich müde und bestaubt den abenddunklen Weg nach Hause wanderte. Dort fand ich alles in Tränen aufgelöst. Mein Vater, dem mein Wiedererscheinen bereits gemeldet worden war, erwartete mich im Wohnzimmer voll schweigenden Zorns.

Ich blieb auf der Schwelle stehen, weil die Luft in dem Zimmer mir merklich dumpf und unheimlich vorkam.

»Komm näher,« sagte mein Vater.

Ich rührte mich nicht.

»Na – wird's bald?«

Da fragte ich ganz kleinlaut, was ich denn eigentlich solle.

»Prügel sollst du haben, unnütze Göhre du ...«

Wie zu Stein geworden stand ich da, bis eine dritte, sehr entschiedene Aufforderung, näher zu treten, mich aus meiner Erstarrung emporriß. Die Zumutung, daß ich mir die zugedachte Prügel selbst holen sollte, erschien mir so komisch, daß ich plötzlich in ein lautes, unbefangenes Lachen ausbrach.

Damit war der drückenden Situation ein Ende gemacht.

Wenn der Berg nicht zu Mohammed kommen will, so geht Mohammed eben zum Berge ...

Mitunter verspüre ich die damals empfangenen Schläge noch heute im Vormitternachtstraum; die blauen Flecke freilich hab' ich längst verwunden, das Bewußtsein einer Zeit ist mir geblieben, in der meine Kraft noch ungebrochen war.

Seitdem, o Du, seitdem ...

Lege mir für einen Augenblick nur Deine segnende Hand über die Augen. Und nun komm: ich führe Dich die holprige Dorfstraße hinauf.

Auf beiden Seiten der Straße grüßen uns die stattlichen Bauerngehöfte. Das blanke Schild am Tor mit dem Adler darüber kennzeichnet den Schulzenhof. Links davon in dem verfallenen Kätnerhaus mit seinem Gewirr von blauen und roten Wicken um den Staketenzaun hat die schöne Mine gewohnt. Ich habe sie gesehen, als sie noch, das Scharlachtuch um den dunklen Kopf gewunden, in der Abendstunde am Zaune stand und mit blitzblanken Augen die Dorfstraße hinabspähte. »Schulzenbraut« riefen ihr die Buben höhnend zu. Sie wandte nicht den Kopf um nach dem Gassengeschrei, sie sah mit ihren stillen leuchtenden Augen unverwandt auf die Straße hinaus. Wie ein fremder schöner Vogel erschien sie mir, der sich aus verträumten Märchenwäldern auf die pommersche Dorfstraße verflogen hatte...

Und ich habe sie später gesehen, als sie lang und steif mit weitoffenen schreckhaften Augen auf einem Bettgestell im Armenhause lag, als aus dem gelösten schwarzen Haar die hellen Wassertropfen rieselten und klitsch klatsch auf dem steinernen Fußboden aufschlugen.

»Schulzenbraut!« sagten wieder die Gassenbuben, die sich hineingedrängt hatten. Und die alten zahnlosen Weiber wiesen mit den Fingern über den Staketenzaun in das Nachbargehöft.

Jetzt hat der Schulzensohn den Hof des Vaters übernommen und sitzt als Gemeindeältester mit seiner Bäuerin allsonntäglich unter der Kanzel auf dem vordersten Platz. Von Minens Ende aber singen die Unkenbasen im Teich ein Lied nach alter Melodie.

Droben, hart an die sandige Wand des Friedhofhügels gepreßt, steht das Armenhaus. Dort wohnen die alten Weiber, die kein Unterkommen mehr finden im Dorf. Zu vieren oder fünfen hausen sie da in der engen Stube mit den rauchgeschwärzten Balken, dem ausgetretenen Backsteinboden und dem von kleinblütigen, starkduftenden Geranien verstellten Fenster, durch das kein Bursch mehr schaut, wenn er des Sonntags nachts aus dem schräg gegenüberliegenden Wirtshaus vom Tanze heimkehrt ...

Und haben alle einst gelacht und geliebt und gejauchzt – und geweint.

Und nun hocken sie im Armenhäuslein, lästern sich gegenseitig mit zahnlosem Mund und neiden sich den Pfennig, den irgendein gnadebedürftiger Bauer in das Gabebüchslein an der Tür gesteckt, oder beschuldigen einander gar in blinder Wut und Habgier des Diebstahls.

Und eine von ihnen bewahrt den Schlüssel zum Friedhof.

Das wirft alle Jubeljahre mal ein Trinkgeld ab. Sie vertrinkt es freilich nicht, sie kauft sich Kautabak dafür.

Ich klopfe leise an die Tür. Und sobald sie mich erblickt, kommt sie lächelnd, knixend und dienstbeflissen heraus. Am Gitter lohne ich die alte Hexe ab. Sie geht mit einem noch vergnügter grinsenden Gesicht und um einen Grad dienstbeflissener davon, als sie herbeigeeilt ist.

Nun komm, Du. Die Gräser knicken unter unserm Fuß. Lange, weiche, feuchte Friedhofsgräser. Von links her grüßt ein einfaches Kreuz – ich gehe nicht vorbei. Die dort ruht, war wohl ein treues Herz. Sie hat im alten Glauben und in alter Anhänglichkeit ihrer Herrschaft über vierzig Jahre gedient. Sie hat diesem Dienst ihr Lebensglück und ihre Frauenseligkeit geopfert und ist glücklich gewesen in ihrem Wahn. Eine Palme auf ihr Grab: grüße sie! Sie war die Beschützerin meiner Kindheit.

Und hier, mein geliebter Mann, liegen meine Toten. Da unten war Unrast und flutendes Leben. – hier oben ist Friede. Und Jahre sind verrauscht, Jahrzehnte in die Tiefe gesunken, seit ich mit Dir in den blühenden Pfarrgarten schritt und meine Eltern lächelnd grüßte. Und immer wieder ist es Lenz geworden, auch heute will der Trauerrosenstrauch auf meinen Gräbern frische Knospen treiben.

Wir wandeln wie im Märchenland. Zeit und Raum versinken. Ein Eschenbaum bleibt übrig noch und eine Trauerrose. Und ein fünffacher Hügel. Mein Vater und meine vier Geschwister schlafen hier in Frieden. Und rings um die Ruhestätte der Toten dehnt sich, sanft abfallend, das Ackerland, flach, unübersehbar, fruchtbar: die pommersche Ebene. Zarte Halme sprießen aus brauner Scholle empor, und warmgoldene Fluten gießt die Märzsonne über knospende Flur. Aus Tod und Erstarrung erwacht das Leben.

Und nichts ist übrig geblieben mehr als Du und ich. Das ist das Leben. Mögen die Meinen denn in Frieden schlafen: mein Vater unter dem schützenden Efeudach im heimatlichen Dorfe, meine Mutter im wehenden Sande der Ostseeküste ... Du und ich, wir leben, und wir fühlen in uns die Ewigkeit.

Du hältst mich für weichmütig, Liebling. Und alle haben mich für weichmütig gehalten, von jeher. Der Anschein spricht dafür: ich kann ein Geschöpf nicht gut leiden sehen, am allerwenigsten ein Tier. So oft ich, durch Zufall gezwungen, Zeugin geworden bin der rohen Behandlung eines wehrlosen armen Hausgenossen, so oft hat die Empörung mir das Blut in jähen Wellen zum Gehirn getrieben, so oft hat meine Hand sich geballt, um die rohen Rangen niederzuschmettern – und so oft bin ich, außerstande, dem Gequälten zu Hilfe zu kommen, in irgendeinen Winkel geflüchtet, um, mit den Zähnen knirschend, den gellenden Aufschrei meines Herzens hinunterzuwürgen ...

Die Tatsache schon, daß meine Hand sich hebt, um Geschöpfe zu zerschmettern, die, von der gütigen Natur vielleicht gütig bedacht, im Elend der Tiefe verroht sind, dies sollte zum Beweise genügen, daß ich nicht weichmütig bin.

Dasist es: