Ich bin auch Jonathan - Angela Lembo-Achtnich - E-Book

Ich bin auch Jonathan E-Book

Angela Lembo-Achtnich

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Beschreibung

Auf den Namen Jonathan getauft, wuchs Jonny Fischer in einem streng christlichen Elternhaus auf. Für bedingungslose Liebe war kein Platz. Als Jonathan zehn war, gründete sein Vater eine radikale Glaubensgemeinschaft und teilte die Welt noch mehr als zuvor in Gut und Böse ein. Obwohl Jonny Fischer als Teenager dem Sektenjungen Jonathan den Rücken kehrte, seinen Namen änderte und am Lehrerseminar in Zug ein neues Leben begann, konnte er sich der Prägung, die er in seiner Kindheit erfahren hatte, nie ganz entziehen. Erst recht nicht, als er sich einzugestehen begann, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Um sich selbst zu entfliehen, verausgabte er sich bis zur Erschöpfung. Der Weg aus der Krise führte ihn zur Erkenntnis, dass er Anerkennung und Liebe zuallererst bei sich selbst suchen musste. In diesem Buch schildert er die Versöhnung mit seiner Geschichte, die Versöhnung mit Jonathan.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© Wörterseh, Lachen

Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch 3. Auflage 2024

Die Originalausgabe erschien 2021 als Hardcover mit Schutzumschlag und im selben Jahr als Klappenbroschur

Konzeptionelles Lektorat: Michael SolomickyLektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Lydia ZellerUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaFoto Umschlag: Bruno AugsburgerBildteil: Privatarchiv, alle anderen Fotos sind gekennzeichnetBildbearbeitung: Michael C. ThummLayout, Satz und Herstellung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI Books GmbH

ISBN 978-3-03763-327-4 (Taschenbuch) ISBN 978-3-03763-133-1 (Klappenbroschur, vergriffen) ISBN 978-3-03763-131-7 (Originalausgabe, vergriffen) ISBN 978-3-03763-817-0 (E-Book)

www.woerterseh.ch

 

Inhalt

Über das Buch

Über die Autorin

Vorwort

EINS

1995 im Elternhaus in Läufelfingen

Geburt und frühe Kindheit

Gott sieht alles

Verführerische neue Welt

Die Kluft zwischen den Welten wird grösser

Zu Besuch bei Mutter Helen Fischer

Vater Erich gründet eine Kirche

1995 nach dem Austritt aus Vaters Kirche

Sprachnachricht

ZWEI

1997 am Lehrerseminar Sankt Michael, Zug

Ein Teenager fast wie alle anderen

Schulabbruch und Neustart im »Milchhüsli«

Aufbruch in ein neues Zuhause

1997, wieder am Lehrerseminar Sankt Michael, Zug

DREI

2002 in der Karlskapelle, Zug

Freunde fürs Leben

Unerwarteter Besuch

Ein Muster zeigt sich

Zwei zukunftsweisende Begegnungen

2002, wieder in der Karlskapelle, Zug

VIER

2007 in einer Bar in Zug

An Homosexualität »erkrankt«

Die Suche geht weiter

Einsame Erfolge

2007, wieder in einer Bar in Zug

FÜNF

2012 auf dem Weg nach Deutschland

Leben ist Leiden

Erste Dissonanzen bei Divertimento

Das Quälprogramm läuft

Die Spirale dreht abwärts

Sturz in den Abgrund

2012, wieder auf dem Weg nach Deutschland

SECHS

Mitte Juli 2012 in der Klinik Bad Birnbach

Der Selbstliebe auf der Spur

Neue Zuversicht

Ende Juli 2012 im Südtirol bei Helmut und Peggy

SIEBEN

2016 auf Hochzeitsreise in Bali

Das Leben ist leicht

Liebe auf den ersten Blick

Die Beziehung festigt sich

Neue Zweifel und alte Muster

Neue Herausforderungen

Kein Zurück

2016 auf Bali und in Läufelfingen

ACHT

2017 in einem Restaurant in Zürich

Ein neues Leben kann beginnen

Im Comedy-Duo steigt der Druck

Zurück in alte Muster

Divertimento droht das Ende

2018 im Zürcher »Purpur«

Brief von Manu Burkart

NEUN

2018 zu Hause in Zug

Wieder gefangen im Hamsterrad

Erkenntnis im Kloster

2018 im Flugzeug nach Hongkong

Michi Angehrn erinnert sich

ZEHN

2020 am Ende der Reise in die Vergangenheit

Nachwort und Dank

Ergänzung zum Nachwort

Danksagung

 

Über das Buch

Auf den Namen Jonathan getauft, wuchs Jonny Fischer in einem streng christlichen Elternhaus auf. Für bedingungslose Liebe war kein Platz. Als Jonathan zehn war, gründete sein Vater eine radikale Glaubensgemeinschaft und teilte die Welt noch mehr als zuvor in Gut und Böse ein. Obwohl Jonny Fischer als Teenager dem Sektenjungen Jonathan den Rücken kehrte, seinen Namen änderte und am Lehrerseminar in Zug ein neues Leben begann, konnte er sich der Prägung, die er in seiner Kindheit erfahren hatte, nie ganz entziehen. Erst recht nicht, als er sich einzugestehen begann, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Um sich selbst zu entfliehen, verausgabte er sich bis zur Erschöpfung. Der Weg aus der Krise führte ihn zur Erkenntnis, dass er Anerkennung und Liebe zuallererst bei sich selbst suchen musste. In diesem Buch schildert er die Versöhnung mit seiner Geschichte, die Versöhnung mit Jonathan.

»Mir trieben Deine Schilderungen an einigen Stellen das Wasser in die Augen. Manchmal pochten Wut und Verständnislosigkeit in mir. Und trotz aller Schwere musste ich auch oft laut lachen.«

Manu Burkart, Jonnys Divertimento-Bühnenpartner

Jonny Fischer, geb. 1979 in Läufelfingen BL, trat nach seiner Ausbildung am katholischen Lehrerseminar Sankt Michael in Zug eine Stelle als Sport- und Biologielehrer an der Rudolf-Steiner-Schule in Baar ZG an. In jener Zeit nahm das Comedy-Projekt mit Manu Burkart Fahrt auf, sodass er 2005 den Lehrerjob an den Nagel hängte und sein Hobby zum Beruf machte. Mit Erfolg: Seit 2007 spielen Divertimento vor ausverkauften Rängen, gewannen fünfmal einen Prix Walo und füllten 2015 zweimal hintereinander das Zürcher Hallenstadion. Neben der Bühne tritt Jonny Fischer auch als Juror in Casting-Shows oder als Moderator im Schweizer Fernsehen auf. Jonny Fischer hat viel erreicht. Doch der Erfolg machte ihn lange nicht glücklich. Im Gegenteil, er verstärkte das Gefühl der Einsamkeit. Je heller das Rampenlicht im Verlauf seiner Karriere leuchtete, desto dunkler lauerte am Bühnenrand der Abgrund. Denn aller Applaus konnte nicht die Überzeugung auslöschen, die in Kindertagen zementiert worden war: Er konnte sich anstrengen, sosehr er wollte, er genügte nie. Und dadurch viel zu lange auch sich selbst nicht. Heute ist Jonny Fischer glücklich verheiratet. Er lebt in Zug.

Heute ist Jonny Fischer glücklich verheiratet. Er lebt in Zug.

 

Über die Autorin

© Christoph Kaminski

Angela Lembo-Achtnich, geb. 1973, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich sowie Journalismus am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern. Sie schrieb unter anderem für »Wir Eltern« und den »Tages-Anzeiger«. Seit 2008 arbeitet sie als Redaktorin bei der »Schweizer Familie«, für die sie Reportagen und Porträts schreibt. Nach einem Interview, das sie für diese Zeitschrift mit Jonny Fischer geführt hatte, wusste sie, dass seine Geschichte zwischen zwei Buchdeckel gehört. Angela Lembo-Achtnich ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt in Bisikon ZH.

 

Vorwort

Meine erste Begegnung mit Jonny Fischer liegt bald drei Jahre zurück. Damals hatte ich für die »Schweizer Familie« ein Doppelinterview mit Divertimento, einem der erfolgreichsten Schweizer Comedy-Duos, geplant. Doch Manu Burkart, Jonnys Bühnenpartner, war kurzfristig verreist. Ich musste mit Jonny vorliebnehmen und war nicht sicher, ob ein halbes Duo für eine ganze Geschichte genügen würde. Darum war ich zuerst enttäuscht. Dann überrascht. Und am Ende begeistert.

Während unseres Gesprächs hatte Jonny mehr Einblick gewährt, als es in einem Doppelinterview möglich gewesen wäre. Er hatte einen Spaltbreit die Tür zu seinem Innern geöffnet und erzählte vom streng christlichen Elternhaus, in dem er aufgewachsen war. Vom moralischen Zeigefinger, unter dem er gelitten hatte. Vom chronisch schlechten Gewissen. Vom Drang, sich zu übernehmen bis zur totalen Erschöpfung. Er hatte nicht mehr erzählt als nötig. Aber gerade genug, um mich neugierig zu machen. Denn an jenem Mittag im November 2018 beschlich mich das vage Gefühl, dass sich hinter diesem humorvollen, intelligenten und eloquenten Menschen ein Abgrund auftat.

Ohne zu wissen, was auf mich wartete und ob daraus am Ende tatsächlich ein Buch entstehen würde, fragte ich Jonny, ob er die Tür noch etwas weiter aufstossen und mir seine ganze Geschichte erzählen würde. Er war einverstanden.

Über ein Jahr lang führte mich Jonny durch sein Leben und zeigte mir Räume, deren Türen für Aussenstehende seit Jahren verschlossen und verriegelt gewesen waren. Aus gutem Grund. Dahinter verbargen sich Ereignisse, die für ihn selbst Jahre später nur schwer zu verarbeiten waren. Jonnys Vater war Gründer und selbsternanntes Oberhaupt einer radikalen Glaubensgemeinschaft und hat seinen Sohn Jonathan psychisch misshandelt. Der extreme Glaube im Elternhaus führte zu einem Trauma, an dem Jonny beinahe zerbrochen wäre. Und mit ihm Divertimento.

Mit jedem Treffen gewann ich mehr Klarheit: Jonnys Lebensgeschichte war Stoff für ein Buch. Allein schon deswegen, weil es fast schon an ein Wunder grenzt, dass aus dem versehrten Sektenjungen Jonathan der populäre Künstler Jonny Fischer werden konnte. Ein Mensch, der in einem langwierigen Prozess wieder Vertrauen gewonnen hat in sich und das Leben. Seine Geschichte zeigt, dass die Versöhnung mit sich selbst ein Weg sein kann, ein schlimmes Trauma zu überwinden. Diese Erkenntnis führte zur Gewissheit: Jonny Fischers Biografie musste niedergeschrieben werden. Hier ist sie.

Angela Lembo-Achtnich, im Frühling 2021

 

EINS

1995 im Elternhaus in Läufelfingen

Als Jonathan fünfzehn war, traf er eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Er sass im oberen Stock seines Elternhauses im Andachtsraum und liess ein letztes Mal die sonntägliche Routine auf sich wirken. Den schwefligen Geruch der Streichhölzer, mit denen der Vater die Kerzen beim Altar anzündete. Das Rascheln des Papiers, auf das dieser seine Predigt geschrieben hatte. Das Klingen der Gitarrensaiten, die sein Bruder für die Begleitung des Gottesdienstes stimmte. Und das Schaben der Stuhlbeine auf dem Teppich, als sich der Raum allmählich mit Menschen füllte. An die dreissig Angehörige von Vaters Kirche waren gekommen. Hier ein Hallo, da eine Umarmung, dort ein Nicken.

Ein Sonntag wie jeder andere im Hause Fischer. Nicht für Jonathan. An diesem Morgen wollte er sein Schweigen brechen. Er konnte nicht länger mit einer Lüge leben. Als der Gottesdienst begonnen hatte und die Töne des ersten Liedes verstummt waren, trat der Junge an den Altar. Vor seinen Vater, die Mutter, seine Geschwister und die Glaubensgemeinde. Er blickte in die Gesichter der Menschen, die er seit Jahren kannte. Angstschweiss trat aus seinen Poren. Hitze durchströmte seine Wangen. Er spürte das Pochen seines Herzens in seinem Kopf.

»Ich muss euch etwas sagen«, begann er. »Was wir machen, passt nicht in mein Leben. Ich gehöre hier nicht dazu.« Schweigen. Jonathan traten Tränen in die Augen. Seine Stimme brach. Doch er sprach weiter: »Ich glaube nicht, was ihr glaubt. Heute sehen wir uns zum letzten Mal in diesem Rahmen. Ich werde nicht mehr kommen.«

Weinend rannte Jonathan in sein Zimmer, nicht ahnend, was sein Entschluss für sein künftiges Leben bedeuten würde.

Geburt und frühe Kindheit

Das Fruchtwasser brach am 3. Dezember 1979, als Helen Fischer einen Topf aufs Regal heben wollte. Ein klares Zeichen – ihr viertes Kind wollte raus. Das Haus war still. Alle schliefen. Helen zog ihren Mantel an und trat in Hausschuhen hinaus in die verschneite Winternacht. Sie stapfte über die Strasse und klingelte bei der Hebamme, die ein paar Häuser weiter wohnte. Dort brachte sie ihr Baby zur Welt. Die Geburt dauerte nicht lange. Ein paar heftige Wehen, dann erschien das Kind. Die Hebamme hob es in die Höhe. Es schrie laut. Erst als es endlich bei seiner Mutter im Arm lag, beruhigte es sich.

Ein Junge, 3360 Gramm. Die Eltern nannten ihn Jonathan. Ein hebräischer Name. Er bedeutet »Geschenk Gottes«. Genau das war dieses Kind. Ein von Gott gewolltes Bündel Leben. Der himmlische Vater hatte ihnen diesen Menschen anvertraut, obwohl Helen und Erich Fischer zu Beginn ihrer Beziehung keine gemeinsamen Kinder haben wollten.

Die Geschichte von Helen und Erich Fischer begann in den frühen Siebzigerjahren. Damals war Helen bereits verheiratet. Mit Paul, einem Künstler. Sie hatten einen Sohn und eine Tochter. Die Ehe kriselte, weil Paul nicht von anderen Frauen lassen konnte. Für beide war klar, dass die Beziehung sich dem Ende zuneigte. Doch Paul wollte seine Frau mit den zwei Kindern nicht ihrem Schicksal überlassen. Er hatte einen Plan: Helen brauchte einen neuen Partner. Deshalb brachte er eines Abends Erich Fischer, einen Keramikkünstler, zum Abendessen mit nach Hause. Er hatte ihn im Militärdienst kennen gelernt. Helen erinnert sich, wie Erich in ihr Haus kam, noch immer im »Militärgwändli«, in der Hand einen Korb mit seinen Habseligkeiten – eine Zahnbürste, frische Wäsche, eine Flöte und ein Buch. Als ihr Mann Paul schon im Bett lag, philosophierte sie mit dem Gast bis spät in die Nacht. Sie bewunderte ihn. Er war frei, tat, was ihm gefiel. Ein Künstler. Pauls Plan ging auf.

Helen verliebte sich und bezog samt ihren beiden Kindern mit Erich eine Wohnung. Er verwöhnte sie und betete sie an – in seinen guten Zeiten. Doch Erich hatte auch schlechte Zeiten. Tage, an denen ihn die Erinnerungen in ein Loch zogen. Erinnerungen an den Vater, der Bierbrauer gewesen war. Daran, wie der Vater die Mutter nachts im Nebenzimmer angeschrien und traktiert hatte. Wie er auch mit ihm verfahren war. Wie er ihn als Kind hatte schuften lassen, wie er den hochsensiblen Knaben geschlagen und mehr als einmal im Brunnen um ein Haar ertränkt hatte. Helen war überzeugt, dass Erichs Vater seinen Sohn in der Kindheit gebrochen hatte.

Sie dagegen war in einer glücklichen Familie gross geworden, in einem Haus voller Glauben und Liebe. Der Vater hatte die Tochter studieren lassen, damit sie Lehrerin werden konnte. Sie empfand es als Privileg, für das sie stets dankbar gewesen war. Eines Tages war sie auf dem Heimweg von der Schule im Gebiet der Basler Heuwaage ein paar Gestalten begegnet – verwahrlosten Menschen, wie es sie später auf dem Zürcher Platzspitz zu Hunderten gab. Helen hatte sie angesehen und ein Gebet zum Himmel geschickt: »Lieber Gott, ich darf so schön aufwachsen, meine Eltern lieben mich, und ich darf machen, was ich gern tue. Wenn ich nur einen von diesen Menschen retten könnte, hätte sich mein Leben gelohnt.«

Dieses Erlebnis vergass sie. Erst als sie mit Erich zusammen war und ihm schwer ums Herz wurde, kam es ihr wieder in den Sinn. Und plötzlich war ihr klar: Bei ihm zu sein, war ihre von Gott gegebene Lebensaufgabe. Für Erich da zu sein, damit er sich nicht das Leben nahm.

Erichs gute und schlechte Tage waren Ausdruck einer Krankheit. Er litt unter einer bipolaren Störung und war kein verlässlicher Partner. In den manischen Phasen schäumte er über vor Lebensfreude. Doch was an einem Tag galt, war schon am nächsten vergessen. In seinen depressiven Zeiten hatte Helen Angst um ihren Mann. Mehr als einmal fürchtete sie, er würde sich das Leben nehmen. Die Gezeiten von Erichs Krankheit hatten das Paar fest im Griff. Auf jede manische würde eine weitere depressive Phase folgen. Ein kräftezehrender Prozess. Daneben blieb kein Platz, um an gemeinsame Kinder zu denken.

Das änderte sich, als das Paar eine evangelische Schwesternschule besuchte. Helen und Erich waren strenggläubige Menschen. Das Wort Gottes stand für sie über allem. Als ihnen bei ihrem Besuch eine Diakonissin vorhersagte, dass sie miteinander Kinder haben würden, kam Erich ins Grübeln. Doch Helen sagte: »Auf eine Prophezeiung hin will ich mit dir keine Kinder. Diesen Auftrag müsste mir Gott persönlich geben.« Und zu Gott betete sie: »Herr, ich müsste von dir ein so starkes ›Ja‹ zur Kinderfrage spüren, dass ich danach weder mir noch Erich einen Vorwurf machen müsste. Und es wäre deine Aufgabe, zu uns und den Kindern zu schauen. Es ist deine Sache, Herr.«

Ein, zwei Jahre vergingen, bis sie tatsächlich Gottes Worte zu hören glaubte. Eigenartig sei es gewesen, erzählte sie Erich später. Sie habe die Botschaft in ihrem Inneren gespürt. Still habe sie dagesessen und zugehört, wie der Herr sagte: »Helen, es ist Zeit, dass ihr Kinder bekommt.« Dieses Zeichen hatten Helen und Erich gebraucht. Und so bekamen sie zu Helens beiden Kindern aus erster Ehe noch drei Buben. Sie seien gottgewollte Söhne, gesegnet, alle drei, waren die Eltern überzeugt.

So kam Jonathan, Erichs Zweitgeborener, zu seinem Namen: Geschenk Gottes. Nur hatte der Vater keinen Platz in seinem Herzen, um dieses Geschenk anzunehmen. Erich war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und mit dem Haus, das er für wenig Geld in Läufelfingen gekauft hatte. Helen fand, es sei mehr eine Bruchbude als ein Haus, aber das spielte keine Rolle, denn das Paar hatte fast kein Geld, und Erich überzeugte sie vom Potenzial seiner Errungenschaft. Er arbeitete Tag und Nacht, um die verlotterten Zimmer für seine wachsende Familie bewohnbar zu machen. Neben dem Umbau musste er arbeiten, mit dem Töpfern Frau und Kinder ernähren. Der Druck stieg, und seine psychischen Höhen und Tiefen raubten ihm die letzte Energie. Er war innerlich leer.

Hatte Erich seinen Erstgeborenen noch im Arm gehalten, für ihn gesungen und ihm die Sterne am Himmel gezeigt, war er bei Jonathan abwesend. Er hatte weder Zeit noch Kraft. Für Jonathan blieb keine Liebe übrig.

Der Bub war vier Monate alt, als die Familie das neue Heim bezog. Nach Jonathan bekamen Erich und Helen noch einen dritten Jungen. Bald also lebten sie zu siebt im Haus und ein paar Jahre später zu fünft, weil Helens Kinder aus erster Ehe erwachsen geworden und ausgezogen waren.

Läufelfingen ist eine kleine Gemeinde im Kanton Baselland und liegt – eingebettet in die Hügelketten des Juras – an der Grenze zum Kanton Solothurn. In Jonathans Kindheit lebten dort etwas mehr als tausend Einwohner. Die Menschen kannten einander. Das Haus war renovationsbedürftig und mehr schlecht als recht bewohnbar. Es gab zwar eine funktionierende Toilette und einen Herd. Doch das Wasser musste Helen draussen holen. Nach und nach aber wurde dank der unermüdlichen Arbeit von Erich, Helen und den Kindern aus dem einstigen »Ghütt«, wie Helen das Haus von Anfang an nannte, ein stattliches Wohnhaus. Elf Zimmer hatte es, alle verbunden durch einzelne Treppenstufen, jeder Raum mit einer anderen Höhe. Ein Labyrinth und ein Paradies für die Kinder, die überall neue Verstecke fanden.

Das riesige Stück Land, das zum Haus gehörte, verwandelte Erich mit der Zeit in einen wunderschönen Garten, wo im Sommer die Blumen in allen Farben blühten und Apfel-, Zwetschgen- und Quittenbäume in die Höhe schossen. Was er an Kartoffeln, Gemüse und Obst hergab, kam auf den Familientisch. Dazu noch Fleisch und Milchprodukte von Jonathans Götti, der einen Biobauernhof betrieb. Mehr brauchte die Familie nicht zum Leben.

Doch das Haus mit den vielen Holzöfen – in fast jedem Zimmer stand einer – und der grosse Garten wollten gepflegt sein. Die Kinder mussten mitanpacken. Holz hacken, die Fassade streichen, Fensterläden schleifen, die Gemüsebeete umstechen. Die Arbeit ging nie aus. Sie war hart, verband aber auch. Denn der Vater, der kaum präsent gewesen war zu Beginn von Jonathans Leben, war jetzt immer da. Entweder töpferte er in seiner Werkstatt, oder er arbeitete in Haus und Garten und leitete seine drei Söhne an. Er zeigte ihnen, wie mit Säge und Pinsel umzugehen war, welche Äste an den Bäumen sie schneiden sollten und wo sie das beste Holz zum Anfeuern fanden. Nach manchem Kraftakt in der Sommerhitze setzte sich der Vater verschwitzt mit seinen Buben im Schatten eines Apfelbaumes ins Gras und teilte mit ihnen eine Flasche Rivella. In diesen Momenten war Jonathans Glück perfekt.

Jonathan wuchs zu einem pausbäckigen Blondschopf in Latzhosen heran, der am liebsten barfuss mit seinen Brüdern über die Wiese jagte, im Dorfbrunnen badete und in der auf dem Gemeindegebiet von Läufelfingen gelegenen Ruine Homburg als Mutprobe über die vierzig Meter hohen Mauern balancierte. Ein Wildfang, der sich gern im Auto einschloss, sich darin Geschichten ausdachte und sogar dort übernachtete. Der mit den Freunden Indianer spielte und dabei brennende Pfeile durch die Luft jagte. Vater Erich schützte seine Söhne, als es im Dorf Ärger gab, weil sie mit Feuer gespielt hatten. »Lasst sie«, sagte er. »Das sind Kinder, die sollen ›füürle‹.«

Erich beflügelte die Fantasie und Spielfreude seiner Kinder. Er baute ihnen aus Ausschussholz ein »Indianerhaus« am Bach oder einen Tischtennistisch. Im grossen Estrich hängte er für sie zwei Schaukeln auf und liess sie den weitesten Sprung mit Kreide auf den Boden zeichnen. Er legte Matratzen aus, damit sie Kunststücke üben konnten. Erich war grosszügig. Seine Kinder mussten nicht nach Hause kommen, wenn die Sonne untergegangen war. »Nehmt die Taschenlampe mit«, sagte er. Wollten die Kinder abends nicht ins Bett, liess er sie länger aufbleiben. »Wir sind hier, um zu leben, und nicht bloss, um zu schlafen«, pflegte er zu sagen. Dann erzählte er Geschichten und brachte seine Buben zum Lachen. Einmal machte sich Jonathan dabei auf der Eckbank sogar in die Hose. Er fand seinen Vater originell. Erich war ein Macher mit ausserordentlichen Ideen, der den Kindern in seinen guten Zeiten keine Grenzen setzen wollte.

In seiner frühen Kindheit konnte Jonathan dieses Leben geniessen. Er war unbeschwert und fröhlich. Doch je älter er wurde, umso schwerer fiel es ihm, seine Freiheiten auszukosten. Denn er begann allmählich zu realisieren, dass sein Vater zwei Gesichter hatte. Dass auf seine guten Zeiten stets die schlechten folgten. Das war so sicher wie das Amen nach Vaters Gebeten. Jonathan erkannte Erichs Zustand mit der Zeit am Schlurfen der Hausschuhe auf der Treppe. Oder der Vater war unrasiert und stinkig, lag den ganzen Tag im Bett. Die Mutter sagte dann, er sei müde. Die Kinder waren überall im Weg. Jonathan wusste nie, in welcher Verfassung er den Vater antreffen würde. War er voller Lebensfreude? War er abwesend? Oder gar gereizt?

2019   ◼     Viele Jahre später – aus dem Kind ist längst ein Mann geworden – geht Jonny dem Bach entlang, in dem er in seiner Kindheit oft gebadet hat, und lässt seine Erinnerungen auftauchen. Er entdeckt die Lärche, die er als Bub im Garten gepflanzt hat. Den Zwetschgenbaum, den orangen Kamin auf dem Dach, den Schopf. Fast alles sieht noch aus wie damals, als er ein kleiner Junge war.

Seit dem Verkauf des Grundstücks vor drei Jahren ist er nicht mehr hier gewesen. Auch davor hatte er den Ort jahrelang gemieden. Denn in seinem Elternhaus hatte das Glück an manchem Tag in Hoffnungslosigkeit umgeschlagen.

Jonny, wie hast du die Stimmungsschwankungen deines Vaters erlebt?

Er war unberechenbar, was vieles sehr schwierig machte. Die Lebensfreude und Originalität, für die ich ihn als kleiner Junge bewundert hatte, konnte von einem Tag auf den anderen lähmender Passivität und Lethargie weichen. Dann war er dünnhäutig und reagierte – für mich als Kind unverständlich – mit rasendem Zorn. Zum Beispiel auf etwas, das ich gesagt hatte.

Was hat ihn in Rage gebracht?

Meist war der Auslöser, dass ich ihn provoziert und seine Überzeugungen infrage gestellt hatte. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich gesagt hatte, denn als kleiner Junge tat ich es nicht mit Absicht. Als ich etwa zehn war, kippte es. Mir wurde klar, wann ihm meine Worte nicht gefallen würden. Aber ich sagte trotzdem meine Meinung und nahm seine Wutausbrüche in Kauf. Meist ging es darum, dass ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich widersprach ihm und stellte damit nicht nur seine Autorität infrage, sondern auch ihn als Person. Das machte ihn fuchsteufelswild.

Wie reagierte er?

Er bestrafte mich.

Wie?

Mit Verachtung. Und mit Schlägen.

Dein Vater hat dich geschlagen?

Ja. Sassen wir am Tisch, hatte ich normalerweise nicht allzu viel zu befürchten. Dann hat er bloss ein- oder zweimal zugelangt. Aber wenn er mich an den Hosenträgern ins Hinterzimmer zog, war mir klar: Jetzt gibts richtig »Tätsch«. Am meisten schmerzten seine Schläge im Dezember und Januar. Da hatte mein Vater die Fitze vom Samichlaus. Manchmal versohlte er mir den nackten Hintern, und ich konnte danach nicht mehr richtig sitzen.

Was hat das mit dir gemacht?

Mehr als seine Schläge verletzten mich seine Passivität und Nichtbeachtung. Ich wusste nie so recht, in welcher Verfassung ich meinen Vater antreffen würde. Ungefähr mit sechs begann ich deshalb, mich von ihm zu distanzieren. Davor suchte ich immer seine Nähe, weil ich ihn bewunderte. Oft rannte ich zu ihm hin, nur um ihn zu umarmen. Aber irgendwann wollte ich das nicht mehr. Ich gab ihm auch nicht mehr die Hand, wenn er mir seine anbot. Und ich setzte mich nicht mehr auf seinen Schoss wie meine Brüder. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden: »Nein, diesen Gefallen tue ich ihm nicht, das wäre nicht ehrlich, weil ich weiss, dass seine Stimmung im nächsten Moment umschlagen kann.« Ich wollte als vergleichsweise kleines Kind nicht mehr so tun, als sei alles in Ordnung.

Was hast du dabei empfunden?

Ich fühlte mich allein und fragte mich oft, warum ich mir selber diese Schranke setzte. Aber es war richtig. Denn nur so konnte ich aushalten, dass er am nächsten Morgen missmutig durchs Haus schlurfte und mich mit Nichtbeachtung strafte. Trotzdem hatte ich oft ein schlechtes Gewissen und entschuldigte mich vor dem Zubettgehen für meine Distanziertheit.

Warum hast du dich bei deinem Vater entschuldigt?

Nicht bei meinem Vater. Ich entschuldigte mich bei Gott.

Gott sieht alles ◼   Um 1984

Gott war die höchste Instanz im Hause Fischer. Die Familie war aus der reformierten Kirche ausgetreten und hatte zur Freikirche Chrischona gewechselt. Ihre Kinder zu strenggläubigen Christen zu erziehen, war erste Priorität. Täglich lasen die Eltern noch vor dem Frühstück aus der Bibel vor. Danach machten sie sich mit den drei Söhnen Gedanken zu den Passagen und schlossen die Andacht mit einem Gebet ab. Über Mittag war die Zeit für eine Bibellesung knapp, aber sie reichte, um einen Psalm vorzulesen. Psalm 117 war Jonathans liebster, denn er besteht aus nur zwei Versen: »Lobet den Herrn, alle Heiden! Preiset ihn, alle Völker! Denn seine Gnade und Wahrheit waltet über uns in Ewigkeit. Halleluja!« Psalm 119 dagegen hasste Jonathan, weil er mit 176 Versen der längste war. Am Abend las die Familie jeweils noch eine christliche Geschichte. Und vor dem Zubettgehen war es üblich, zu beten und sich bei Gott für die Sünden des Tages zu entschuldigen.

Davon gab es viele. Jonathan entschuldigte sich nicht nur dafür, dass er den Vater provoziert hatte. Er entschuldigte sich auch, weil er geschwindelt hatte. Weil er keine Lust gehabt hatte auf die Gartenarbeit. Weil er unkeuschen Gedanken nachgehangen hatte. Er fand tausend Gründe, sich schlecht zu fühlen. Denn sündhaftes Verhalten konnte schlimme Folgen haben. Nur wer ohne Sünde sei, käme zu Jesus in den Himmel, hatte der Vater seinen Söhnen eingetrichtert. Die Sündigen müssten zurückbleiben und unter der Herrschaft des Antichristen leben.

So predigten es vor allem in den Achtzigerjahren die Gläubigen im Evangelikalismus, zu dem auch die Freikirche Chrischona gehörte. Sie waren überzeugt, dass das Ende der Welt bevorstehe, und gingen davon aus, dass das Böse, der Antichrist, komme und für sieben Jahre die Weltherrschaft übernehme. Doch zuvor würde die sogenannte Entrückung stattfinden. Das bedeutet: Gläubige Christen kommen zu Jesus in den Himmel, wohingegen Ungläubige und Sünder auf der Erde bleiben und dem Antichristen gegenübertreten müssen. Diese Vorstellung stürzte viele dieser Leute in Nöte. Denn wer hatte sich zum Beispiel nicht schon einmal in einem Termin getäuscht – etwa wegen der Umstellung von Winter- zu Sommerzeit – und stand dann allein am vereinbarten Treffpunkt? Für strenggläubige Christen war dies der Anfang vom Ende. Sie fürchteten, die Entrückung habe bereits stattgefunden und sie seien als einzige Sünder zurückgeblieben.

Auch Jonathan jagten harmlose Ereignisse einen Schrecken ein. Etwa wenn draussen ein Gewitter wütete und das Donnergrollen ihn bis ins Mark erschütterte. Dann kroch die Angst in ihm hoch. Er versteckte sich unter der Decke, dachte, das Ende sei nah.

2019   ◼     Daran erinnert sich Jonny, als er vor dem Haus steht und zu dem Fenster hinaufblickt, das einst zu seinem Kinderzimmer gehört hat.

Wovor genau hast du dich gefürchtet?

Den Kopf unter der Decke hervorzustrecken und meine Brüder nicht mehr zu sehen. Als einziger Sünder zurückzubleiben. Miterleben zu müssen, wie mir die Fingernägel einzeln ausgerissen würden. Wie ich nach jedem Nagel gefragt würde, ob ich noch an Gott glaube. Wie ich verfolgt und verbrannt würde.

Wie warst du zu dieser Vorstellung gekommen?

Die Angst vor der Entrückung war wie ein Gift, das einem langsam eingeflösst wird. Sie wurde damals zu einer Lebensangst. Mein Vater sagte, Gott schaue immer zu. Und er sei mir böse wegen vielem, was ich tat. Weisst du, wie schlimm die Vorstellung ist, jemand schreibe jeden deiner Gedanken mit? Wenn du davon überzeugt bist, nichts bleibe verborgen?

Welche Gedanken eines Kindes könnten so schlimm sein, dass Gott es dafür bestraft?

Ich entschuldigte mich zum Beispiel, weil ich mir im Spiel vorgestellt hatte, ich sei ein König, und damit gelogen hatte. Später ging es oft um Sexualität. Weil ich mit meinem »Pfiifeli« gespielt oder irgendwelche Fantasien gehabt hatte. Nacktheit war ohnehin eine grosse Sünde.

Nacktheit generell oder nur in Zusammenhang mit Sexualität?

Beides. Wir durften nur in Badehosen in die Badewanne, damit wir uns nicht versehentlich zwischen den Beinen berührten. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, an dem ich nackt vor meiner Mutter stand. Das war, nachdem ich fast ertrunken wäre.

Was war geschehen?

Ich war etwa sieben oder acht Jahre alt. Starker Regen hatte zu Überschwemmungen geführt, und der Bach hinter dem Haus war über die Ufer getreten. Er riss alles mit. Wir waren draussen, um dem Nachbarn zu helfen, seine Sachen herauszufischen. Ich erwischte einen zu schweren Balken, der mich ins Wasser zog. Der Bach hatte viel Zug und schoss unter der Brücke hindurch und Richtung Tobel. Ich weiss nicht mehr genau, wie alles geschehen ist. Nur, dass ich mich am Balken festhalten konnte, der sich glücklicherweise an einer Stelle verkantete. Und dass ich dachte, jetzt sei mein Leben zu Ende. Ein Nachbar war meine Rettung. Er zog mich heraus.

Warst du verletzt?

Nein, aber unterkühlt. Meine Mutter zog mir im Haus die nassen Kleider vom Leib und duschte mich warm ab. Ich war verstört; nicht in erster Linie wegen dem, was passiert war, sondern weil ich nackt vor ihr stand. Ich fand das fast noch schlimmer als die Tatsache, dass ich schier gestorben wäre.

Schlimmer als der Tod vor Augen war die Entblössung vor deiner Mutter?

So empfand ich es. Nacktheit und alles, was auch nur im Entferntesten mit Sexualität zu tun hatte, war eine grosse Sünde.

Wie warst du zu dieser Überzeugung gekommen?

Die Eltern hatten es uns gesagt. Und sie lebten es auch vor. Ich kann mich an keinen Augenblick erinnern, in dem meine Eltern Zärtlichkeiten ausgetauscht hätten. Keine liebevollen Berührungen im Alltag. Kein Händehalten. Keine Küsse. Flatterte ein Modekatalog ins Haus, entfernte mein Vater zuerst alle Seiten, auf denen Frauen Unterwäsche präsentierten. Erst dann liess er uns die Hefte anschauen.

Glaubst du noch immer, dass Nacktheit und sexuelles Verlangen sündhaft sind?

Nein. Schon lange nicht mehr. Aber die ständige Angst, etwas Falsches zu tun, hinterlässt bis heute Spuren.

Welche?

Bis ich fünfzehn war, hatte ich mich jeden Abend für mehrere Dutzend Dinge zu entschuldigen, die nicht recht waren. Dass ich auch Gutes getan hatte – für eine Nachbarin den Rasen gemäht beispielsweise oder für eine andere eingekauft –, sah ich nicht mehr. Ich war überzeugt, dass ich nicht gut genug war für Gott.

Verführerische neue Welt ◼   Ab 1986

Bis er sechs war, kannte Jonathan keine andere Welt als die christliche seiner Eltern. Er zweifelte sie nicht an. Wie hätte er wissen sollen, dass noch eine andere Welt auf ihn wartete? Seine Zeit hatte er stets mit der Familie oder mit Freunden der Familie verbracht. Die stammten ebenfalls aus christlichen Kreisen. Ferien bedeuteten für ihn und seine Geschwister christliche Lager, wo Lobgesänge und Gebete selbstverständlich dazugehörten. Er hatte keinen Grund zu zweifeln. Das änderte sich allerdings, als Jonathan in den Kindergarten kam.

Die ersten Wochen waren schwer. Jonathan weinte jeden Morgen, weil er seiner vertrauten Umgebung entrissen war. Das Fremde und Neue bereitete ihm Mühe. Er hatte Heimweh und hätte die Mutter am liebsten den ganzen Vormittag bei sich behalten. Aber er musste lernen, allein zurechtzukommen in dieser fremden Welt.

Mit der Zeit keimte erstmals die leise Ahnung auf, dass die anderen Kinder nicht so lebten wie er, und in der Primarschule wurde aus dieser Ahnung Gewissheit. Seine »Gspänli« verbrachten die Ferien am Strand und nicht in christlichen Lagern. Sie kannten Lieder, in denen Gott keine Rolle spielte. Sie beteten nicht mehrmals am Tag und schufteten nicht wie er und seine Brüder bis zur Erschöpfung im Garten oder im Haus.

Ihr Leben war anders. Und dieses andere Leben gefiel Jonathan. Genauso wie Frau Müller, die Primarlehrerin mit den grossen Ohrringen. Er hatte sie gern, brachte ihr hin und wieder einen selbst gepflückten Blumenstrauss. Er wollte, dass auch sie ihn gernhatte. Darum erzählte Jonathan in der Schule nie, wie er zu Hause lebte.

Sein Geheimnis währte aber nicht lange. Nach ein paar Monaten in der ersten Klasse lud die Mutter Frau Müller zum Mittagessen ein. Jonathan zeigte ihr nach dem Unterricht den Weg. Sein Herz wog schwer. Nun würde die Lehrerin sehen, wie es in seinem Zuhause zu- und herging. Er würde auffliegen. Und so war es. Wie bei jedem Mittagessen gaben sich alle die Hand und sangen ein christliches Lied. Der Vater las einen Psalm vor. Die Wahrheit kam ans Licht.

Ob die Gepflogenheiten in seinem Elternhaus Frau Müller schockiert hatten, wusste Jonathan nicht. Er fragte sie nie danach, und im Unterricht behandelte sie ihn wie immer. Aber für Jonathan hatte sich von da an die Beziehung zu Frau Müller geändert. Er fühlte sich klein. Denn er war sich sicher, dass die Lehrerin ihn von nun an anders sah. Und er wollte sich fortan noch mehr bemühen, ihr zu gefallen.

Die Welt vor seiner Haustür war fremd und verführerisch. Als Jonathan zum Teenager herangereift war, wollte er diese Welt kennen lernen, wollte sie verstehen und darin seinen Platz finden. Er schaute genau hin. Die Kameraden hatten ihre Zimmer mit Postern tapeziert. Sie hörten Musik von Jon Bon Jovi und Michael Jackson. Sie mussten am Mittwochnachmittag kein Holz hacken, sondern trafen sich und blätterten im »Bravo«, einer Jugendzeitschrift, von der Jonathan nie gehört hatte. Darin wurde über Stars geschrieben, die er nicht kannte. Bei ihm zu Hause gab es keinen Fernseher. Darum konnte er nicht mitreden, wenn die Kameraden in den Pausen über die neuesten Geschehnisse in der Serie »Knight Rider« diskutierten.

Damit niemand erfuhr, dass er anders war als die anderen, »nicht normal«, wie er es damals nannte, lernte er zu improvisieren. Auf dem Schulweg löcherte er seine Kollegen. »Was ist in der gestrigen Folge von ›Knight Rider‹ geschehen?«, fragte er. »Ich war leider etwas abgelenkt.« Ihre Schilderungen quittierte er mit: »Ah, ja, richtig«, und tat so, als hätte er selber vor dem Fernseher gesessen. Er hörte gut zu. Damit er später auf dem Pausenplatz mitreden konnte.

Jonathan tauchte ein in diese fremde Welt. Sie gefiel ihm nur allzu sehr. Aber sie zwang ihn auch, abends länger mit gefalteten Händen im Bett zu liegen. Denn die Liste seiner Sünden wurde von Tag zu Tag länger.

Während sich mit dem Schuleintritt Jonathans Sicht auf die Welt immer mehr geöffnet hatte, wurde jene seines Vaters immer enger. Er suchte nach mehr Strenge in seinem Glauben, zumal er fürchtete, seine Söhne könnten ihm entgleiten. Die Leitplanken, die er ihnen setzte und die den Weg des christlich Vertretbaren wiesen, rückten unerbittlich zusammen. Die Chrischona war ihm nicht mehr streng genug. »Zu sehr Wischiwaschi«, pflegte er zu sagen. Sonntag für Sonntag prüfte er mit Helen und den Söhnen andere Freikirchen für einen möglichen Übertritt. Doch keine schien ihm radikal genug.

Um sich im konsequenten Glauben weiterzubilden, besuchten die Eltern mit ihren Kindern an den Wochenenden und in einigen Intensivwochen eine Jüngerschaftsschule. Im Zentrum dieser »Ausbildung« stand das Bemühen, sein Leben zu hundert Prozent Gott zu verschreiben und es vor den Einflüssen des Bösen zu bewahren. Die Gläubigen lernten, wie sie sich davor schützen konnten. Hatte der Satan schon die Kontrolle ergriffen über einen Menschen, so musste er ihm ausgetrieben werden. Dazu gehörte auch das sogenannte Freibeten. Ein Ritual, das die Eltern in der Jüngerschaftsschule lernten.

2019   ◼     Jonny hat lange nicht mehr über dieses Ritual nachgedacht. Auf der Heimfahrt von Läufelfingen tut er es.

Was geschah denn bei diesem »Freibeten«?

Einer sass in der Mitte. Die anderen formierten sich um ihn, hielten sich an der Hand und beteten ihn frei. Was sie genau taten, weiss ich nicht. Aber der in der Mitte fing an zu schreien, zu zittern und zu sabbern.

Hast du dieses Ritual einmal miterlebt?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals zugesehen habe. Ich vermute es, weil mir die Bilder so präsent sind. Möglicherweise sind sie aber auch bloss in meinem Kopf entstanden.

Wie kann das sein?

Meinen Eltern war wichtig, dass wir Kinder eine Vorstellung hatten von der Macht Satans. Sie haben viel darüber geredet, und ich habe darüber gelesen.

Hast du geglaubt, dass sich der Teufel tatsächlich bei einem Menschen einnisten kann?