Ich bin doch eigentlich ganz anders! - Harald Miesem - E-Book

Ich bin doch eigentlich ganz anders! E-Book

Harald Miesem

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Beschreibung

Das Leben bürdet einem manchmal schlimmes, sehr schlimmes auf. Dann heißt es, sich nicht unterkriegen lassen, Ärmel hoch krempeln und weiter gehen. Das ist oft nicht so einfach. Gerade wenn traumatische Erlebnisse die Gefühlswelt aus dem Gleichgewicht bringen. Oft war ich auch an dem Punkt einfach aufzugeben. Aber immer dann, wenn ich nicht gekämpft habe, wurde es schlimmer. Ich hatte dann mit Depressionen zu tun, gab mich dem Alkohol oder dem Sex hin. Das alles, so schön es im Moment auch scheinen mag, führt am Ende in die Sackgasse, entwickelt sich zur Sucht. In meinem Buch habe ich meine Erlebnisse, meine Geschichte dargestellt. Ohne etwas schön, oder schlecht zu reden. Jeder hat so seine eigene Geschichte, mit der er Leben muss. Was mich persönlich oft erstaunt hat ist: wie sehr das eigene Elternhaus das Leben von Menschen geprägt hat. Oft ohne das es den betroffenen bewusst ist. So ist es auch mit uns ehemaligen Heimkindern. Wir sind, wie ich auch, traumatisiert ins Heim gekommen, und haben es auch so verlassen müssen. Das kann man nicht einfach abschütteln, dass beeinflusst das ganze Leben. Bei mir, hörte der ständige Kampf auf, als ich zum Glauben gefunden habe. Mein Leben wurde ruhiger, aber auch spannender und voller Abenteuer. Ich würde diesen Schritt immer wieder gehen!

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Harald Miesem

Ich bin doch eigentlich ganz anders!

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend erschwerten mir ein normales Leben. Erst der Glaube hat die ersehnte Heilung gebracht.

2020 Harald Miesem

1. Auflage Juni 2020

Autor: Harald Miesem

Umschlaggestaltung, Illustration: Harald Miesem

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-06819-3 (Paperback)

978-3-347-06820-9 (Hardcover)

978-3-347-06821-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Verlorene Jahre

2. Das Leben geht weiter

3. Warum immer ich?

4. Hin- und hergeschoben

5. Der Sündenbock

6. Was denn noch?

7. Zurück zum Anfang

8. Im Jugendheim

9. Plötzlich erwachsen!

10. Endlich eine Familie

11. Ein Neuanfang

12. Gute Nachbarschaft

13. Der böse Papa

14. Eine unglaubliche Begegnung

15. Glaubensschritte

16. Die Wolken lichten sich

17. Eine ereignisreiche Zeit

18. Besondere Herausforderungen

19. Familienzusammenführung

20. Übernommen

21. In der Klinik

22. Ein falsches Gottesbild

Vorwort

Als ich den Buchentwurf das erste mal las, kämpfte ich oft mit den Tränen, so sehr fühlte ich mit dem kleinen Jungen, der so viel Schlimmes erlebte. Mit viel Mut und großer Offenheit stellt sich Harald Miesem seiner Kindheit und Jugend.

In einer zerrütteten Familie und diversen Heimen durchlebte er viele schmerzliche, aber auch einzelne glückliche Momente und Begegnungen.

Dass aus diesem schwer Traumatisierten Kind der zugewandte, warmherzige Mensch werden konnte, als den ich Harald kennenlernen durfte, ist für mich ein Wunder, das nur durch Gottes eingreifen möglich wurde. Ein sehr erschütterndes, aber auch Mut machendes Buch!

Stefani Arnold-Röhm

Einleitung

Dass ich eines Tages einmal ein Buch veröffentlichen würde, habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Und doch lag ein Samenkorn dazu schon lange in meinem Herzen. Mit meinem Erstlingswerk „Auf die Sichtweise kommt es an - Memoiren eines Hundes“ wurde aus dem Samenkorn eine sichtbare Pflanze. Nun habe ich ein zweites Buch geschrieben: Keine fiktive Geschichte wie im Hundebuch, sondern mein reales Leben.

Eigentlich habe ich immer gezögert, über mein Leben zu schreiben. Nicht, dass mein Leben nicht spannend wäre, ganz im Gegenteil. Mein Problem war, dass ich mich bei meiner Biografie mit den tiefen Verletzungen, die ich als Kind im Elternhaus und später in Heimen erlebt habe, noch einmal auseinandersetzen musste. Das wollte ich nicht. Die seelischen Schmerzen waren sehr schlimm, und ich hatte keine Lust, diese Schmerzen noch einmal zu durchleben.

Gott sei Dank hatte ich schon in jungen Jahren verstanden, dass es nicht gut ist, Groll im Herzen zu kultivieren. Die Gefühle, die mit den Schmerzen verbunden sind, bleiben jedoch ein Leben lang Bestandteil unserer Persönlichkeit.

Bei einem Vortrag in einer Klinik erzählte ein Dozent, dass unsere schlimmen Erlebnisse in der Kindheit wie in einem Eisberg eingeschlossen sind. Man sieht nur die Spitze, der größte Teil befindet sich unter der Oberfläche, im Verborgenen, und tut weh. Kinder, die Schlimmes erlebt haben, verdrängen und vergraben die Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle. Vergraben heißt zugedeckt oder verdeckt sein, und doch sind sie da. Diese Gefühle führen oft ein Eigenleben und veranlassen Menschen, Dinge zu tun, die sie selbst nicht verstehen und einordnen können. Der Zusammenhang von schmerzhaften kindlichen Erfahrungen und heutigem Erleben und Verhalten kann oft nicht hergestellt werden. Manche Menschen können ein scheinbar ganz normales Leben führen. Doch dann brechen die Gefühle und vielleicht auch die dazugehörigen Erinnerungen mit Macht durch und können

Chaos verursachen. Wer denkt schon daran, dass es vielleicht verdrängte Gefühle aus Kindertagen sind?

Gefühlschaos, das kannte ich. Meine Gefühle machten mir immer wieder das Leben schwer. Lief mein Leben gerade einmal rund, brachen Gefühle durch und brachten alles durcheinander. Beziehungen scheiterten, und ich musste immer wieder die Ärmel hochkrempeln und neu anfangen. Auf die Dauer ist dies anstrengend und zermürbend.

Auf meinem Lebensweg geschah dann etwas, was ich nicht vorhersehen konnte: Ich begegnete Gott, von dem ich schon oft gehört hatte, an den ich aber nicht glauben konnte und wollte. Er schien mir hartherzig, unnahbar und gleichgültig uns Menschen gegenüber zu sein. Sonst hätte er sicher nicht so viel Leid auf der Welt zugelassen, war meine Überzeugung. Aber dennoch ging er mir nie aus dem Kopf. Muss ich mich einmal vor ihm verantworten, wie ich in manchen Predigten in der Kirche hörte? Gibt es ihn, oder gibt es ihn nicht?

Er selbst machte sich dann auf, mir zu begegnen. Eine Liebe, die ich in Worten kaum beschreiben kann, erfüllte mein Herz. Er zeigte mir in der Folgezeit durch einen Traum, wie es in meinem Herzen aussah: Es war umgeben von Schutzmauern. Ich sah Engel, die diese Mauern abtrugen. Ich selbst hätte es nicht tun können, das weiß ich heute. Ich war ein bitterer Mann geworden, hartherzig und gleichgültig gegenüber anderen Menschen. Gott kennenzulernen hat mein Leben, mehr noch, hat mich verändert. Seine Gnade gegenüber meinem harten und ungnädigen Herzen hat es erweicht. Am kostbarsten ist der Schatz, den ich gefunden habe: Eine Beziehung zu Gott Vater, der mich bedingungslos annimmt und liebt.

Hesekiel 36,26

Und ich will euch ein neues Herz und einenneuen Geist geben, und ich will dassteinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmenund euch ein weiches Herz geben.

Kapitel 1

Verlorene Jahre

Ich liege im Bett. Doch einschlafen kann ich nicht. Immer wieder überlege ich, wie ich dem schlimmen Elternhaus entfliehen kann. Vier erfolglose Versuche habe ich bereits hinter mir. Leider hat der Stiefvater mich immer wieder gefunden.

Kaum bin ich endlich eingeschlafen, da erwache ich schon wieder. Der Stiefvater kommt sturzbetrunken nach Hause. Erschrocken fahre ich hoch. Kommt er wieder zu mir, um mich zu verprügeln? Schnell verkrieche ich mich tief unter meiner Bettdecke. Ängstlich lausche ich den Geräuschen, die vom Flur her ertönen. Ich höre, wie er den Schlüsselbund auf den Flurschrank wirft. Dann stürmt er in das Schlafzimmer, in dem Mama liegt. Er brüllt Mama an, dass sie eine Hure sei. Die Geräusche der Prügel, die auf Mama herunterprasseln, sind noch unter meiner Bettdecke zu hören. Panisch verkrieche ich mich noch tiefer unter der Decke.

Ich hasse ihn! Ich werde ihn umbringen! Aber wie? Ich bin doch ein kleiner Junge 10 Jahren, was kann ich schon gegen einen Erwachsenen ausrichten? Irgendwann falle ich erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

Doch die Angst bleibt aktiv. Immer wieder erwache ich und frage mich, ob er erneut zu mir kommen wird. Der Rest der Nacht bleibt ruhig.

Am frühen Morgen verlässt der Stiefvater unsere Wohnung. Er ist Schlosser von Beruf. Während er auf der Hütte seiner Arbeit als Schlosser nachgeht, haben wir einige Stunden Ruhe. Endlich kann ich sicher einschlafen.

Als meine Geschwister lärmend durch die Wohnung rennen, erwache ich. Gemeinsam mit meiner ältesten Schwester – sie ist sieben Jahre alt – helfe ich den Kleinen beim Anziehen. Mama ist wieder einmal nicht zu Hause. Ich weiß nicht, warum.

Einige Zeit nach dem Vorfall torkelt der Stiefvater wieder einmal in die Wohnung, wirft den Hausschlüssel auf den Flurschrank und ruft mich zu sich: „Komm mit!“ Ich folge ihm ins Schlafzimmer, ahnend, was jetzt geschieht. Am liebsten würde ich weglaufen oder mich in ein Schneckenhaus verkriechen. Doch der Gedanke an meine Geschwister hilft mir, das auszuhalten, was jetzt folgt. Dieser große, starke und sehr schwere Stiefvater wirft mich auf das Ehebett und wirft sich auf mich. Ich habe Angst zu sterben, denn ich bekomme kaum noch Luft. Irgendwie schaffe ich es, mich frei zu strampeln. Doch unverzüglich liegt er wieder auf mir. Ich versuche mich zu wehren, kämpfe um mein Leben. Dann verliere ich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir komme, ist der Stiefvater weg. Mein ganzer Körper schmerzt. In der Wohnung ist es seltsam ruhig. Ich brauche einige Minuten, um mich wieder zu sammeln, dann schaue ich nach den Geschwistern. Sie liegen in ihren Betten und schlafen. Ich krieche in mein Bett, finde jedoch keinen Schlaf.

Wir Kinder werden immer häufiger uns selbst überlassen. Der Stiefvater lässt sich nur ab und zu blicken. Mama taucht nicht mehr auf. Als der Stiefvater wieder einmal zu Hause ist, frage ich zaghaft, wo Mama ist. Zur Antwort erhalte ich eine Ohrfeige.

Der Schwur

„Bastard, komm zu mir!“, brüllt es aus dem Schlafzimmer. Ich zögere. Wutentbrannt stürmt der Stiefvater um die Ecke und verprügelt mich. Dieses Mal ist es besonders schlimm. Immer und immer wieder schlägt er zu. Er trifft mich am Mund. Zwei meiner oberen Schneidezähne brechen ab. Ich schreie entsetzlich. Gleichzeitig überkommt mich eine große Wut. Ich will mich irgendwie wehren, aber wie? Ganz unvermittelt kommt mir eine Idee: Ich werde jetzt keinen Ton mehr von mir geben, und wenn er mich totschlägt! Während er auf mir herumtrommelt, bleibe ich still. Kein Laut kommt mehr aus mir heraus. Verwundert unterbricht der Stiefvater seine Prügelattacke. „Du willst wohl den Helden spielen?“, knurrt er mich an. „Warte ab, das treibe ich dir aus!“ Erneut prasseln Schläge auf mich ein. Ich bin still. Während der Stiefvater fluchend und schimpfend auf mich einschlägt, spüre ich plötzlich gar nichts mehr. Es ist, als ob ich meinen Körper verlassen habe. Aus sicherer Distanz sehe ich dem Schauspiel zu. Der Körper steckt einen Schlag nach dem anderen ein. Schmerzen habe ich in diesem Zustand nicht mehr. Dann wird es auf einmal dunkel. Ab diesem Moment habe ich einen Filmriss.

Eines Tages füttere ich ein Baby. Wie es zu uns gekommen ist und was alles in der Zwischenzeit geschehen ist, weiß ich bis heute nicht. Meine Geschwister und ich sind alleine. Seltsamerweise weiß ich, wie ich das Baby füttern muss und wie man die Windeln wechselt. Die Eltern tauchen nicht auf. Sie haben uns scheinbar allein gelassen.

Fremde Menschen

Trübsinnig grübelnd sitze ich am Wohnzimmerfenster und starre nach draußen. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich suche nach einer Lösung, was wir essen könnten. Ich habe bereits jeden Winkel in der Wohnung abgesucht. Es ist zum Verzweifeln! Das Baby ist kaum noch zu beruhigen. Es hat offensichtlich Hunger. Wir haben keine Milch mehr.

Auch jetzt liegt es jammernd im Bettchen. Ich kann ihm nicht helfen. Ich hole es aus seinem Bettchen und setze mich mit ihm vor das Wohnzimmerfenster. Meine Nähe beruhigt es. Ich lege es zurück und setze mich wieder an das Fenster. Während ich stumpfsinnig aus dem Fenster starre, höre ich ein lautes Knurren: Es ist mein Magen.

Am nächsten Morgen versorge ich wieder die Geschwister. Sie weinen und klagen immer wieder. Wir alle haben Hunger. Mir bricht es das Herz. Wie gerne würde ich ihnen etwas zu essen geben! Gedankenverloren setze ich mich wieder an das Fenster und sehe nach draußen.

Laute Geräusche holen mich aus der Lethargie heraus. Auf einmal gibt es einen fürchterlichen Knall. Ich zucke erschrocken zusammen. Krachend fliegt die Wohnungstür auf, und fremde Menschen stürmen herein. Erschrocken vor Panik versuche ich, meine Geschwister zu schützen. Aber ich bin zu klein und habe keine Chance gegen diese Menschen. Sie packen mich und meine Geschwister und verfrachten uns in einen Kleinbus. Unsicher und verängstigt frage ich, was sie mit uns vorhaben. „Ihr kommt in ein Kinderheim!“, ist die schroffe Antwort eines Mannes. Als wir losfahren, stelle ich entsetzt fest, dass das Baby nicht da ist! „Wo ist das Baby?“, schluchze ich auf. Der Bus setzt sich in Bewegung. Einer der Männer schnauzt mich an: „Das musst du nicht wissen!“ Entsetzt und verschreckt sitzen wir auf der Rückbank eines fremden Busses und fahren ins Ungewisse. Der Mann zückt einen Block aus der Tasche und schreibt laut nachdenkend in den Block: „Heute haben wir“, er hält kurz inne, „den 20. Juli 1962.“ Dann steckt er den Block wieder in die Tasche.

Im Verlauf der Fahrt erfahren wir, dass die Menschen, die uns aus der Wohnung geholt haben, vom Jugendamt sind. Ich verstehe das nicht. Was ist ein Jugendamt? Man erklärt uns, dass sie darüber benachrichtigt worden seien, dass wir Kinder alleine in der Wohnung sind und das Baby ständig schreit. „Wir bringen euch nach Bottrop“, erklärt der Begleiter unwirsch. Plötzlich laufen mir die Tränen, und ich weine bitterlich. „Hör endlich auf, du Balg!“, schnauzt mich einer der Männer an. „Sei froh, dass wir euch aus dem Schlamassel herausgeholt haben! Im Kinderheim wird es euch sicher besser gehen.“ Tapfer versuche ich, meine Tränen zurückzuhalten und still zu sein.

Im Kinderheim

Nach einer Weile hält der Bus vor einem großen Haus. Eine Frau in Schwesterntracht nimmt uns in Empfang. Ich fühle mich unwohl: Was werden die mit uns machen? Sie betrachtet uns lange, dann spricht sie kurz mit den Leuten, die uns hergebracht haben. Die steigen schließlich in den Bus zurück und fahren wieder weg. Die Schwester wendet sich zu uns: „Kinder, ihr seht so aus, als könntet ihr etwas zu essen vertragen. Kommt mit!“ Schon schiebt sie uns in Richtung des Hauses.

Wir gehen in einen großen Raum, in dem viele Tische und Stühle stehen. „Nehmt schon mal Platz! Ich schaue mal in der Küche nach, was ich für euch besorgen kann.“ Die Frau wirkt sehr nett, aber ich traue dem Braten nicht. Nach kurzer Zeit kommt sie mit einem Tablett voller Butterbrote wieder. Lächelnd fordert sie uns auf, zuzugreifen und uns satt zu essen. Da schmilzt das Eis in mir. Gierig stürze ich mich auf die Brote. Meine Geschwister tun es ebenso. Ausgehungert, wie wir sind, ist der Teller in Windeseile geleert. Die Schwester beobachtet uns beim Verschlingen der Brote: „Ihr armen Kinder! Ihr habt scheinbar lange nichts mehr gegessen! Was habt ihr bloß mitgemacht?“

Endlich wieder etwas zu essen löst ein wahres Glücksgefühl in mir aus. Mein Bauch fühlt sich warm und wohlig an. Ich glaube, hier bin ich sicher und hier werde ich nie wieder Hunger leiden. Die Schwester ist sehr nett und wartet freundlich lächelnd, bis wir den Teller geleert haben.

Als Nächstes bringt sie uns zu einer Kleiderkammer. Nun kommt Leben in uns: Wir stürzen uns auf die Kleidung, sind kaum dabei zu bremsen. Die Wäsche an unserem Körper ist seit vielen Tagen nicht gewaschen worden. Endlich saubere Sachen! Überglücklich sucht sich jeder etwas Neues aus. Mit der Kleiderbeute auf dem Arm bringt uns die Schwester in den Speisesaal zurück: „So, Kinder, nun zeige ich euch, wo ihr künftig leben werdet.“

Sie geht mit uns nach draußen. Wir laufen über einen Weg zu einem anderen Haus. Dort werden wir von einer Frau empfangen, die scheinbar schon auf uns gewartet hat. Uns wird erklärt, dass wir in verschiedenen Häusern untergebracht werden. Meine Schwestern werden der Frau übergeben.

Am nächsten Haus wird mein Bruder einer Frau übergeben. „Ich will aber bei meinem Bruder bleiben!“, bettle ich, als wir weitergehen. Die Schwester legt mir die Hand auf die Schulter: „Das geht leider nicht. Du bist deutlich älter als dein kleiner Bruder. Wir können die Gruppen nicht einfach verändern. Ihr könnt euch ja jeden Tag besuchen!“, ermutigt sie mich. Schweren Herzens ergebe ich mich in die neue Situation.

Als Letzter werde ich zu meiner neuen Gruppe gebracht. Fröhlich begrüßt mich ein Fräulein Martin: „Ich freue mich, dass du zu uns kommst! Dieses Kinderheim ist etwas Besonderes. Es wird dir bestimmt gefallen!“ Ich senke meinen Kopf. „Schlechter als zu Hause kann es nicht sein!“, murmele ich vor mich hin. „Was hast du gesagt?“ Ich schaue noch tiefer zu Boden. „Ach, nichts!“, erröte ich.

Fräulein Martin führt mich zu meinem neuen Zimmer. Brav trotte ich hinterher. Sie zeigt mir den Schrank und fordert mich auf, die Wäsche, die immer noch über meinem Arm hängt, einzuräumen. Dann mustert sie mich: „Ich denke, wir gehen dich erst einmal baden. Nimm dir frische Wäsche mit, die du danach anziehen möchtest.“ Brav trotte ich hinter ihr her zum Badezimmer. Fräulein Martin lässt Wasser in die Wanne laufen. „Ab mit dir in die Wanne!“, lacht sie. Hoffentlich geht sie gleich wieder! Im Zeitlupentempo beginne ich mich auszuziehen. Fräulein Martin macht keinerlei Anstalten, das Bad zu verlassen. Ich schäme mich, mich vor einer fremden Frau auszuziehen. Aber darauf nimmt sie keine Rücksicht. Auf einmal ruft sie erschrocken aus: „Was ist denn mit dir passiert? Du bist ja voller blauer Flecken!“ Noch mehr beschämt klettere ich splitternackt über den Wannenrand und setze mich ins Wasser.

Ohne eine Antwort abzuwarten schnappt sich Fräulein Martin einen Waschlappen, seift ihn ein und wäscht mich von oben bis unten. Frisch gewaschen und mit der neuen sauberen Kleidung am Körper verlasse ich kurze Zeit später das Bad. Ich fühle mich wie neugeboren.

Fräulein Martin schaut auf ihre Uhr: „Bis zum Essen hast du genug Zeit, dich im Heim umzusehen. Du kannst gerne auf Erkundungstour gehen.“ Mit dieser Botschaft lässt sie mich stehen und geht ihrer Arbeit nach.

Unsicher laufe ich los. Alles wirkt so sauber. Die Schwestern und Erzieherinnen, denen ich begegne, sind sehr freundlich. Immer wieder sprechen sie mich an: „Hallo, du musst der Harald sein!“ Verwundert frage ich mich, woher sie denn meinen Namen kennen.

„Harald, komm, es ist Zeit zum Mittagessen!“, werde ich gerufen. Erwartungsvoll laufe ich mit vielen anderen Kindern zum Speisesaal. Vor dem Essen müssen wir alle still sein. Die Erzieherin betet mit uns. Sie dankt Gott für das Essen und die Gemeinschaft. Während sie betet, erinnere ich mich daran, dass wir zu Hause auch manchmal gebetet haben. Für mich war das ganz komisch, denn was muss das für ein schlimmer Gott sein, der dabei zuschaut, wie kleine Kinder geschlagen werden, hungern und fast sterben? Und er hat nicht eingegriffen, als die Kleinste von uns weggebracht wurde. Was ist mit ihr passiert? Was haben sie mit ihr gemacht? Und was ist das für ein Gott, der nicht hilft?

Widerwillig lausche ich der Erzieherin, die diesem Gott dankt. Aber vielleicht gibt es ja auch noch andere Götter. Tief in meinen Gedanken versunken bemerke ich nicht, dass ich von der Erzieherin angesprochen werde. Erst das laute Lachen der anderen Kinder holt mich aus meinen Gedanken. Ich muss irgendetwas verpasst haben. „Na, Harald, in welchem Traum warst du denn gerade?“ Beschämt schaue ich nach unten und kann nicht antworten. Das Essen bringt mich schließlich auf andere Gedanken.

Am Nachmittag schaue ich mich weiter um. Es gefällt mir hier sehr gut. Besonders die Weide hinter dem Haus, auf der friedlich grasende Pferde stehen, begeistert mich. Fasziniert sehe ich den Tieren zu. „Kann man auf den Pferden auch reiten?“, frage ich andere Kinder, die gerade vorbeikommen. Begeistert erzählen sie mir, dass die Pferde vor die Kutsche gespannt werden und alle Kinder in der Kutsche manchmal auch durch die Felder fahren dürfen. Oh, wie schön, das wird bestimmt wunderschön sein! Ich freue mich schon auf die erste Fahrt mit der Kutsche. Das muss doch ein Abenteuer sein!

Am Abend liege ich in meinem Bett. Es gefällt mir hier. Ich brauche keine Angst zu haben, dass der Stiefvater wiederkommt. Hier bin ich wirklich sicher. Ich freue mich schon auf den nächsten Tag und die Abenteuer, die ich hier erleben werde. Ich möchte einschlafen, doch mir schießen viel zu viele Gedanken durch den Kopf. Ich sehe mich und meine Geschwister wieder alleine zu Hause. Wir waren so einsam und hilflos. Und so schrecklich hungrig. Ich erlebe nochmals die Situation, wie die Menschen uns in den Bus setzen. Nun bin ich hier. Es ging alles so schnell. Irgendwann schlafe ich endlich ein.

Doch mich plagen schlimme Träume. Immer wieder werde ich von dunklen Gestalten gejagt und kann ihnen einfach nicht entkommen. Morgens beim Erwachen stelle ich entsetzt fest, dass mein Bett nass ist. Voller Scham überlege ich, was ich jetzt machen soll. Schnell ziehe ich die nasse Bettwäsche ab und laufe zum Bad, um sie dort auszuwaschen. Leider ertappt mich eine Erzieherin dabei. „So geht das aber nicht!“, mault sie mich an. „Hier wird nicht ins Bett gemacht! Heute lasse ich das noch mal durchgehen. Doch wenn das nochmal vorkommt, bekommst du den Kleiderbügel zu spüren!“ Zwei Tage später ist es wieder passiert. Ich werde angebrüllt und beziehe die angekündigte Strafe. Die Erzieherin begreift überhaupt nicht, dass es mir doch selbst peinlich ist. Ich bin doch ein großer Junge, dem das noch nie passiert ist! Zum Glück bessert es sich nach einigen Wochen.

Nach und nach gewöhne ich mich an den Alltag im Kinderheim. Die Schwestern sind sehr liebevoll und unternehmen viel mit uns Kindern. Es ist das erste Mal nach vielen Jahren, dass ich mich wohlfühle und neugierig die kleine Welt im Kinderheim erkunde.

Der Ausflug

Heute steht Schwester Julia freudestrahlend vor uns Kindern. Alle, die Lust haben, eine Wanderung zu unternehmen, sollen ihre Hand heben. Kein Finger bleibt unten. Wir alle wollen mit. Jeder bekommt ein Lunchpaket, und dann geht es los. Wir wandern Richtung Dorsten. Ein langer Bandwurm von Kindern zieht sich durch den Wald. Alle müssen in der Reihe laufen, was auf Dauer keinen Spaß macht. Die ersten abenteuerlustigen Kinder, und auch ich, versuchen, sich in den Wald zu schlagen. Schnell werden wir alle wieder eingereiht und nochmals ermahnt, hintereinander herzugehen.

Wie so oft hänge ich meinen Gedanken nach. Trödelnd und unaufmerksam folge ich der Schar. Erst der Schmerz an meinen Füßen holt mich aus der Grübelei heraus. Zum Glück machen wir jetzt eine Pause. Ich kann meine Füße entlasten. Oh je, was tun die weh! Auf den herumliegenden Baumstämmen reihen sich die kleinen und großen Wanderer, holen die Lunchpakete hervor, und jeder beißt heißhungrig ins Brot. Der Rückweg unserer Wanderung ist begleitet von einem vielstimmigen Gestöhne. Ich bin nicht der Einzige, der unter schmerzenden Füßen leidet!

Zurück im Heim falle ich glücklich und zufrieden ins Bett und schlafe sofort ein. Der schlimme Traum reißt mich diesmal nicht aus dem Schlaf, sondern die vertraute Stimme von Fräulein Martin: „Abendbrot, Kinder!“, erschallt es vom Flur her. Mit beiden Beinen gleichzeitig springen wohl alle Kinder aus ihren Betten und rennen johlend in den Speisesaal. Ich liebe das Leben in meinem neuen Zuhause!

Wo sind meine Schwestern?

Einige Zeit nach unserer Ankunft im Kinderheim werde ich zur Oberin, der Leiterin des Heimes, gebracht. Sie teilt mir mit, dass meine beiden Schwestern in ein anderes Kinderheim gebracht wurden. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das Leben ist so ungerecht! Warum raubt man mir meine Geschwister? Ich fühle mich plötzlich so allein gelassen. Mir ist das alles zu viel, was da auf mich einströmt. Ich verlasse das Zimmer der Oberin und renne in den nahen Wald. Betrübt und traurig setze ich mich an meinen Lieblingsplatz, den ich mir vor einigen Wochen ausgesucht habe. Hier, wo mich niemand sieht, lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Was ist das doch für eine ungerechte Welt, in der ich lebe! Es ist das erste Mal, dass ich mir ernsthafte Gedanken mache, meinem Leben ein Ende zu setzen, um endlich Ruhe zu haben.

Über meinem Grübeln muss ich wohl eingeschlafen sein, denn es wird schon dunkel, als ich erwache. Schnell mache ich mich auf den Weg zurück ins Heim, um noch rechtzeitig zum Abendbrot zurück zu sein. Mit bangem Herzen und der Erwartung, dass ich wieder mal richtig Ärger bekommen werde, schleiche ich zu meiner Gruppe zurück. Ich soll mich nicht getäuscht haben: „Für dich gibt es heute kein Abendbrot!“, schimpft die Erzieherin. Zu meiner Erleichterung werde ich hier nicht zusammengeschlagen. Die Strafe ist, in der Ecke zu stehen und zusehen zu müssen, wie alle anderen Kinder sich den Bauch vollschlagen. Aber das ist für mich immer noch besser auszuhalten als geschlagen zu werden. „Das wird dir eine Lehre sein!“, schnauzt die Erzieherin mich an. Eine Schwester, die zufällig die Szene mitbekommt, unterbricht sie. Die beiden verschwinden im Nebenzimmer und kommen kurz danach wieder heraus: „Harald, du darfst doch am Abendbrot teilnehmen. Aber noch mal lasse ich das nicht durchgehen!“

Wo ist mein Bruder?

Ein Tag nach dem anderen vergeht. Das Heim ist mein Zuhause geworden. Hier erlebe ich eine Freiheit, die ich vorher nicht kannte. Eine Freiheit ist für mich das Rollschuhfahren. Es wird meine Lieblingsbeschäftigung. Stundenlang bin ich oft unterwegs. Beim Rollschuhfahren komme ich innerlich zur Ruhe und kann meinen zahlreichen Gedanken nachhängen, ohne gestört zu werden.

Die Schwestern haben nichts dagegen, dass ich so lange Ausflüge mache, denn ich komme immer pünktlich zum Essen zurück, das wissen sie.

Auch heute kehre ich wieder einmal gedankenverloren von meinem Ausflug zurück. Da ich noch genügend Zeit bis zum Essen habe, beschließe ich, noch schnell meinen Bruder in seiner Gruppe zu besuchen. Doch ich finde ihn nicht! Erschreckt laufe ich zu den Schwestern und Erzieherinnen. Niemand weiß, wo er steckt. Aufgeregt tänzle ich vor einer Erzieherin von einem Fuß auf den anderen. Tränen füllen meine Augen: Was ist mit meinem Bruder passiert? Die Erzieherin schickt mich zur Oberin. Misstrauisch sehe ich sie an: Das kommt mir komisch vor! Wieso soll ich die Oberin fragen? Da ich nichts weiter erfahre, mache ich mich weinend auf die Suche nach ihr. Die Oberin läuft mir vor ihrem Büro über den Weg. Als sie mich sieht, wird ihr Gesicht ernster: „Harald, du suchst bestimmt deinen Bruder.“ Eine unheimliche Ahnung steigt in mir hoch: Sie hat sicherlich keine guten Nachrichten für mich. Die Oberin sieht mich mit traurigem Blick an: „Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit dir zu sprechen. Dein Bruder ist gestern in ein anderes Kinderheim verlegt worden. Wir haben alles versucht, um diesen Wechsel zu verhindern. Doch das Jugendamt in Duisburg hat anders entschieden.“ Wie vom Donner gerührt stehe ich vor der Oberin. Die Tränen versiegen augenblicklich. Ich sehe sie an, dann bricht eine unbändige Wut aus mir heraus. Ich renne aus dem Haus nach draußen, schnalle mir meine Rollschuhe wieder an und rase davon. Niemand kann mich aufhalten.

Nachdem ich eine große Runde gefahren bin, suche ich meinen Lieblingsplatz im Wald auf. Die Traurigkeit über mein Schicksal und die Ungerechtigkeiten von Erwachsenen übermannt mich. Ich weine bitterlich, einsam und alleine im Wald sitzend. Ich fühle mich so schrecklich verlassen! Nun ist niemand mehr von meiner Familie bei mir. Ich bin ganz alleine. Ich will nicht mehr leben!

Viele Stunden später erreicht mich eine Stimme, die meinen Namen ruft. Erschrocken schaue ich auf: Eine Erzieherin steht vor mir. Ich habe sie gar nicht kommen hören. Sie ist sensibel genug, mir keine Vorwürfe zu machen. Es ist bereits später Abend, und ich habe es nicht bemerkt. Schuldbewusst gehe ich mit ihr zum Haus zurück. Sie bringt mich in die Küche, schmiert einige Brote für mich, kocht mir einen Tee und setzt sich mit mir gemeinsam an den Tisch. Ich stecke wie in einem Nebel fest. Die Brote verschwinden in mir, aber eigentlich will ich gar nichts essen. Alles erscheint mir so unwirklich. Ich breche immer wieder in Tränen aus. In den nächsten Nächten mache ich wieder ins Bett und habe schlimme Träume.

Kapitel 2

Das Leben geht weiter

„Harald, zieh deine Sonntagshose und dein bestes Hemd an! Du wirst gleich abgeholt.“ Erstaunt sehe ich Schwester Annette an, die mir die Botschaft überbringt. „Von wem?“ Mich hat noch nie jemand abgeholt! „Das Jugendamt hat uns mitgeteilt, dass deine Eltern der Neuapostolischen Kirche angehören. Die Mitglieder der hiesigen Gemeinde sind bereit, dich sonntags zum Gottesdienst abzuholen.“ Verwundert und verwirrt schüttele ich den Kopf: Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals in einer Kirche gewesen sind! Brav ziehe ich mich an und folge kurz darauf schweigend Schwester Annette.

Vor dem Haus steht ein Auto, auf das sie schnurstracks zusteuert. Schwester Annette spricht kurz mit den Leuten, die im Auto auf uns warten. Ich werde aufgefordert einzusteigen. Schüchtern klettere ich auf die Rückbank des Wagens. Die Leute begrüßen mich herzlich, reichen mir die Hand und stellen sich als Ehepaar Grimma vor: „Du bist also der Harald!“

Schon wieder kennen Fremde meinen Namen! Die Frau lächelt mich an: „Wir freuen uns, dass du mit zum Gottesdienst kommst. Es wird dir bei uns gefallen!“ Freundlich sehe ich sie an, doch innerlich sieht es ganz anders in mir aus: Ich will nicht zur Kirche! Am liebsten würde ich aus dem Auto springen und zurücklaufen. Ich will nicht zu einem fremden Ort mit fremden Menschen fahren. Warum können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Innerlich zusammengekauert ergebe ich mich mein Schicksal. Die Fahrt verläuft schweigend. Wie so oft hänge ich meinen zahlreichen Gedanken nach.

Nach einer Weile wird das Auto auf einen Parkplatz gelenkt, auf dem bereits viele Autos abgestellt sind. Wir steigen aus, denn hier, so erklärt man mir, ist die Gemeinde. Überall stehen Menschen. Die Menge beängstigt mich. Ich fühle mich wie erschlagen. Herr und Frau Grimma wühlen sich mit mir im Schlepptau durch die Menschenmenge. Mir ist sehr unbehaglich in meiner Haut. In einem großen mit Stühlen zugestellten Raum angekommen gehen wir auf einen Mann zu. Das Paar unterhält sich kurz mit ihm, dann nimmt mich der Fremde an seine Hand. Ohne mich zu fragen oder sich vorzustellen, führt er mich zu einem Stuhl in der ersten Reihe. Dort soll ich Platz nehmen, während er sich neben mich setzt. Angespannt lasse ich mich auf den Stuhl fallen. Die Menschenmenge, die vor der Gemeinde stand, strömt nun auch in den großen Saal.

Der Gottesdienst beginnt mit einigen Liedern, die von allen mitgesungen werden. Ich fühle mich so fremd hier! Mir ist langweilig. Ich will hier raus! Nach dem Gesang erhebt sich der Fremde neben mir und schreitet nach vorne. Er dreht sich zu den Menschen, begrüßt die Gemeinschaft und deutet plötzlich auf mich: „Harald, komm mal nach vorne!“ Wie peinlich! Mein innerer Impuls sagt: „Lauf weg, Harald! Hier sind fremde Menschen, die jetzt auch noch von dir verlangen, dass du dich allen zeigen sollst. Tu das nicht!“

Doch ich bleibe wie angewurzelt auf meinem Platz sitzen. Ich fühle mich wie ein tonnenschwerer Stein. Der Mann muss mich dreimal auffordern, bis ich mich schließlich zögernd erhebe und mit schlotternden Knien nach vorne gehe. Mit gesenktem Blick schleiche ich zu ihm. Innerlich schreit es laut: „Lauf weg, Harald!“ Bei ihm angekommen, dreht er mich zur Menschenmenge, stellt mich der Versammlung vor und erwähnt dabei, dass ich aus dem Kinderheim bin. Ein allgemeines „Aha“ ertönt.

Nun leuchte ich wie die untergehende Sonne. Kann ich im Erdboden versinken oder einfach nur rennen, rennen, rennen? „Tu es doch, Harald!“, ertönt wieder die innere Stimme. Tapfer bleibe ich stehen und hoffe, dass es bald vorbei ist. Als ich mich endlich setzen darf, habe ich es sehr eilig, zu meinem Stuhl zurückzukommen.

Nun folgt eine lange Ansprache des Mannes. Nach einem weiteren Lied schiebt man mich zum Ausgang. Dort soll ich stehen und all den fremden Menschen die Hand schütteln. Brav tue ich, was man von mir verlangt, während die Menge aus dem Raum an mir vorbeiströmt.

Eine Frau bleibt vor mir stehen. Sie sieht mich an und drückt mir etwas in die Hand. Da ich keine Zeit habe, um nachzuschauen, was es ist, stecke ich den Gegenstand schnell in meine Hosentasche und schüttele artig weiter Hände. Nach kurzer Zeit drückt mir noch jemand etwas in die Hand. Auch das verschwindet in meiner Hosentasche. Als alle Menschen verabschiedet sind, bringt mich das Paar wieder ins Heim zurück.

Während der Fahrt bin ich in mich gekehrt. Wie im Nebel nehme ich wahr, dass mich das Ehepaar Grimma anspricht. Ich fühle mich überfahren: Wieder einmal wurde über mich bestimmt, egal, ob ich das will oder nicht. Ein

Schauer nach dem anderen geht durch meinen Körper. Wie schrecklich war das, vorne stotternd auf der Bühne zu stehen! Ganz entsetzlich!

Im Kinderheim angekommen kehre ich in mein Zimmer zurück und lasse mich auf mein Bett fallen. Alle Erlebnisse des Morgens ziehen nochmals an meinem inneren Auge vorbei. Ach ja, ich habe etwas in die Hand gedrückt bekommen. Moment mal, das ist ja noch in meiner Hosentasche! Neugierig greife ich hinein und ziehe zwei Münzen heraus: Sie haben mir Geld zugesteckt. Ich bin ein reicher Junge! In diesem Moment betritt Schwester Luise mein Zimmer.

Sofort entdeckt sie meinen Schatz: „Harald, das muss ich an mich nehmen. Du darfst das Geld nicht behalten.“ Das kann doch nicht wahr sein! Gerade noch reich, jetzt beraubt man mich meines Reichtums! Entsetzt sehe ich sie an: „Warum nicht?“ Lang und breit erklärt sie mir, dass es den anderen Kindern gegenüber nicht gerecht wäre, wenn ich Geld hätte und sie nicht. Innerlich halte ich mir die Ohren zu. Ich will nicht hören, was sie sagt. Sie will das Geld zur Oberin bringen, dreht sich um und verschwindet. Und schon ist mein Reichtum wieder weg! Ich bin innerlich geladen und würde am liebsten aufspringen und das Geld wieder an mich reißen. Das ist so ungerecht!

Einige Tage später ruft mich die Oberin zu sich: „Wie hat dir der Gottesdienst am Sonntag gefallen?“ Würde ich ehrlich antworten, dann würde ich ihr sagen, dass es schrecklich war und ich am liebsten abgehauen wäre. Brummig sage ich nur: „Es ging so.“ Meine Antwort scheint sie gar nicht zu interessieren: „Wir haben mit den Leuten gesprochen. Sie wollen dich jetzt jeden Sonntag abholen“, lächelt sie. Ich stöhne leise. „Ach ja, noch etwas:“, fährt sie fort. „Du hast Geld von den Gottesdienstbesuchern bekommen. Zukünftig gibst du die Münzen sofort bei uns ab!“ Dann entlässt sie mich.

Leider kommt der nächste Sonntag viel zu schnell. Ich soll mich wieder entsprechend anziehen. In der Hoffnung, dass ich nicht rechtzeitig fertig bin und die Leute einfach ohne mich fahren, trödle ich herum. Mein Plan geht leider nicht auf. Widerwillig steige ich erneut in Ehepaar Grimmas Auto ein, ertrage den Gottesdienst und schüttele Hände. Diesmal landen drei Mark in meiner Hand. Wie kann ich bloß mein Geld in Sicherheit bringen? Leider finde ich keine Lösung für mein Problem. Das ist unfair! Es ist mein Geld! Im Heim angekommen gebe ich es zähneknirschend ab.

Tina

Seit meinen ersten Tagen im Heim treffe ich mich mit einem Mädchen. Sie heißt Tina, ist zwei Monate jünger als ich und lebt schon viel länger hier im Heim. Ich verbringe viel Zeit mit ihr. Sie liebt das Heim. Es ist ihr Zuhause, sagt sie immer wieder. Tina kommt aus Essen. Auch sie wurde in ihrer Familie geschlagen und missbraucht. Wir sitzen oft gemeinsam an meinem Lieblingsplatz im Wald, reden und weinen miteinander. Mir tut die Freundschaft zu ihr sehr gut. Sie scheint zudem einen sechsten Sinn zu haben. Irgendwie taucht sie immer auf, wenn es mir nicht so gut geht. Dann fordert sie mich auf, gemeinsam mit ihr Rollschuh zu fahren oder zu den Pferden zu gehen. Tina liebt Pferde und verbringt viel Zeit mit ihnen.

Auch diesmal taucht sie im rechten Moment wieder auf. Ich laufe ziellos auf dem Heimgelände herum. Es ärgert mich, dass ich das Geld nicht behalten darf. Es ist ungerecht, mir mein Geld, das freundliche Menschen mir geschenkt haben, abzunehmen. Es gehört mir: Ich habe es doch bekommen! Grübelnd, in Gedanken versunken, bemerke ich gar nicht, dass Tina auf mich zugelaufen kommt. Sie bleibt vor mir stehen.

Als ich meinen Namen höre, tauche ich aus meiner Gedankenwelt auf: „Tina, du bist es!“ Sie sieht mir in die Augen: „Hey, Harald, was ist los mit dir?“ Nun purzeln alle aufgestauten Worte aus mir heraus, während wir gemeinsam Richtung Stall schlendern. Wir gehen in den Schuppen und machen es uns auf den herumliegenden Strohballen gemütlich. Tina weiß gar nicht, was sie mir antworten soll. Schweigend sitzen wir nebeneinander und hängen unseren Gedanken nach.

Auf einmal nimmt Tina meine Hand. Sie zieht mich an sich. Eng umschlungen sitzen wir im Stroh. Das ist ein echt tolles Gefühl! Bis zum Abendbrot bleiben wir eng aneinander gekuschelt. Wie schön es doch mit Tina ist! Es tröstet mich, dass sie da ist. Am Abend müssen wir uns trennen, da ich ja in einem anderen Haus als Tina lebe. Doch ab diesem Moment treffen wir uns, so oft es geht, im Schuppen. Es ist kein gemütlicher Ort. Doch hier stört uns niemand, und wir können unsere Zweisamkeit genießen.

Mobbing

Als ich heute zum Schuppen komme, ist Tina bereits dort. Ihr Gesicht ist nass von Tränen. Sie sieht mich verzweifelt an. Schnell setze ich mich neben sie, lege meinen Arm um sie und versuche, sie zu trösten. Tina schluchzt durch die Tränen hindurch, dass sie wieder einmal von einigen Klassenkameradinnen gehänselt worden ist, weil sie im Heim lebt. Wir alle hier im Heim haben in der Schule den Stempel Heimkind. Auch ich werde in der Schule immer wieder deswegen aufgezogen. Es tut weh, so abgestempelt zu werden.

Etwas hilflos versuche ich, Tina mit einigen Witzen zum Lachen zu bringen, was mir nach einer Weile auch gelingt. Eng umschlungen sitzen wir auf einem Strohballen. „Weißt du was, Harald?“ Tina schaut mir tief in die Augen: „Ich würde gerne deine Haut spüren.“ Verwundert sehe ich sie an. „Du willst was?“, entfährt es mir. „Im Ernst, ich würde gerne deine Haut und deinen Körper spüren!“ Nun mache ich mir aber Gedanken! Es braucht eine Weile, bis ich wieder Worte finde:

„Weißt du, ich würde mir das auch wünschen. Aber was ist, wenn sie uns hier entdecken?“ Tina wischt meine Bedenken weg: „Wir sind jetzt so oft hier gewesen, und nie ist jemand gekommen!“ Schon beginnt sie sich zu entkleiden. Als sie so nackt vor mir steht, fallen meine Bedenken von mir ab. Schnell ziehe ich mich aus. Einen Moment lang betrachten wir uns gegenseitig. Dann umschlingen wir einander. Diese warme Haut zu spüren ist herrlich! Zärtlich reiben wir unsere Körper aneinander und genießen diesen Moment. Tina sieht mich strahlend an.

Eng umschlungen, die nackte Haut spürend, versinke ich in meinen Gedanken an früher. Tinas Stimme holt mich wieder heraus. Sie fordert mich auf, sie zu streicheln. Unsicher und neugierig gehe ich auf Entdeckungsreise. Leider haben wir keine Zeit für eine längere Reise. Der Gong ertönt, und wir müssen zum Abendbrot. Schnell ziehen wir uns wieder an und schaffen es gerade noch rechtzeitig zum Abendbrottisch.

Zwei Tage später treffen wir uns wieder. Gemeinsam machen wir einen Ausflug auf unseren Rollschuhen. Unterwegs ergreife ich Tinas Hand. Ich will mich eigentlich nie wieder von ihr trennen! Hand in Hand fahrend kommen wir auf dem Hof vor dem Kinderheim an. In voller Fahrt düsen wir an Schwester Ursula vorbei. Ein lautes Lachen folgt uns. „Ihr seht aus wie ein frisch verliebtes Paar!“, ruft sie hinter uns her. Tina und ich schauen uns an und kichern: „Wenn die wüsste!“ Wir drehen noch einige Runden auf dem Hof. Dann halten wir an. Ich nähere mich Tinas Ohr. „Ich würde dich gerne noch mal nackt spüren!“, hauche ich ihr ins Ohr. Ihr Blick ist Antwort genug: Hand in Hand verschwinden wir Richtung Schuppen. Hoffentlich ahnt Schwester Ursula nichts!

In Windeseile sind wir ausgezogen. Sehnsüchtig berühren sich unsere nackten Körper. Oh, diese Wärme und Zartheit! „Harald, ich möchte auf dir liegen. Ich möchte dich noch mehr spüren.“ Ich umschlinge meine Tina. Als ich ihren Körper auf mir spüre, bekomme ich Panik. Unwirsch schüttele ich sie von mir ab. Tina sieht mich entsetzt an: Alles an mir zittert! „Was ist los, Harald?“

Nur stammelnd kann ich ihr antworten: „Ich hatte das Gefühl zu ersticken, als du auf mir lagst!“ Tina schweigt. Wir ziehen uns wieder an. Gemeinsam setzen wir uns auf einen Strohballen. „Was ist bloß los? Woher kommt das?“ Eine Antwort finden wir an diesem Tag nicht.

Einige Tage später gehe ich nach der Schule zu unserem Schuppen. Tina und ich haben uns hier wieder verabredet. Doch sie kommt nicht. Besorgt laufe ich nach einiger Zeit des Wartens zu ihrer Gruppe. Tina ist doch sonst immer zuverlässig gekommen. Hoffentlich ist ihr nichts passiert!

Vielleicht liegt sie ja krank im Bett. Angst um Tina macht sich in mir breit. In der Gruppe kann mir niemand erklären, wo sie steckt. Krank ist sie jedenfalls nicht. Ich suche das ganze Heim ab, kann sie aber nicht finden. Verzweifelt überlege ich, was ich tun kann. Mit den Rollschuhen unter den Füßen suche ich in der Umgebung nach ihr. Doch meine Tina bleibt verschwunden.

Ich kehre heim und laufe nochmals zu Tinas Gruppe. Schwester Ursula begrüßt mich freundlich. Ich frage sie: „Wo ist Tina? Ich habe sie überall gesucht.“ Mitleidig sieht Schwester Ursula mich an: „Weißt du es denn nicht?“ Entgeistert sehe ich sie an: „Was soll ich wissen?“ Schwester Ursula legt ihre Hand auf meine Schulter: „Ach, mein Junge, es tut mir so leid für dich! Deine Tina ist heute von ihrer Mutter nach Hause geholt worden.“

Wie von Blitz und Donner gleichzeitig getroffen, schlägt diese Nachricht bei mir ein. Ich will schreien, weinen, wegrennen, mich losreißen und stehe doch wie angewurzelt vor Schwester Ursula. „Es kam auch für uns völlig überraschend!“ Die Schwester schüttelt den Kopf: „Sonst bekommen wir immer rechtzeitig Bescheid. Aber dieses Mal ging alles sehr schnell.“ Langsam finde ich aus der Erstarrung zurück. Ich drehe mich abrupt um und beginne zu rennen: Raus aus dem Heim, rüber in den Wald, an unserem Lieblingsplatz vorbei. Ich renne und renne.

Wie lange ich renne, weiß ich nicht. Doch es wird schon dunkel, als ich begreife, dass es besser ist, wenn ich wieder zum Heim zurückkehre. Ich kenne doch nichts anderes! Weit nach dem Abendbrot kehre ich zurück. „Um Gottes willen, Harald!“, werde ich von einigen aufgeregten Schwestern empfangen: „Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht! Wo warst du bloß die ganze Zeit? Wir hätten jetzt nicht mehr lange gewartet. Dann hätten wir die Polizei verständigt und dich suchen lassen.“ Patzig schmeiße ich ihnen ein „Mir doch egal!“ hin und gehe in mein Zimmer. Tief unter der Bettdecke vergraben weine ich die ganze Nacht hindurch um meine Tina.

Wochenlang trauere ich um sie. Mal mache ich mir Sorgen, wie es ihr jetzt wohl geht, mal stelle ich mir vor, wie es ist, wenn sie zurückkehrt. Anfangs laufe ich noch in der Hoffnung, dass die Mutter sie doch schnell wieder loswerden will, zu Tinas Gruppe. Manchmal sitze ich in unserem Schuppen oder auf unserem Lieblingsplatz im Wald und weine. Ich gehe zur Schule, aber eigentlich bin ich gar nicht anwesend. Selbst in der Schule passiert es mir, dass ich weine. Der Schmerz über den Verlust tut einfach nur weh. Nachmittags drehe ich alleine mit den Rollschuhen weite Runden. Das Rollschuhfahren hilft mir, abzuschalten.

Einige Wochen später soll am Abend ein Lagerfeuer hinter dem Heim abgebrannt werden. Wir Kinder werden aufgefordert, trockenes Holz aus dem Wald zu holen. Ach, wie schön war es doch immer, mit Tina in den Wald zu stürmen und Holz zu sammeln! Lagerfeuer ist so romantisch! Wie oft haben wir zusammen gesessen und es genossen, mit all den anderen Kindern gemeinsam Lieder zu singen. Das war immer eine ganz besondere Atmosphäre. Doch diesmal, ohne meine Tina, ist es schrecklich für mich. Ich fühle mich so verlassen! Traurig sitze ich am Lagerfeuer und denke nur an sie. Eine Mitarbeiterin nimmt ihre Gitarre zur Hand. Es werden Lieder angestimmt. Das holt mich aus meiner Lethargie. Voller Inbrunst singt die ganze Kinderschar die Lieder mit. Beim Klang der Lieder läuft mir ein Schauer nach dem anderen über den Rücken. Für einen kurzen Moment empfinde ich das Leben als schön.

Die Oberin erlaubt mir einige Tage später, dass ich mir eine Hütte im Wald bauen darf. Ich werkele und zimmere drauflos. Die Arbeit macht mir Spaß und lenkt mich ab. Als ich mit meinem Werk fertig bin, betrachte ich das Ergebnis: Meine Hütte sieht etwas schief aus. Doch ich bin richtig stolz auf mich, den Handwerker Harald!

Meine Versetzung ist gefährdet

Zur Schule gehen macht mir keinen Spaß. Ich mühe mich in den meisten Fächern sehr ab. Die Noten bestätigen das Abmühen. Es ist die Zeit der blauen Briefe, und mir schwant, dass ich nicht versetzt werde. Die Aufforderung, zur Oberin zu gehen, lässt mich nichts Gutes ahnen.

Sie sitzt an ihrem Schreibtisch. Vor ihr liegt ein Schreiben: „Harald, ich muss ein ernstes Wort mit dir reden. Deine Versetzung ist gefährdet. Du musst dir mehr Mühe geben!“ Beschämt stehe ich vor ihr. Mit gesenktem Blick erwidere ich: „Ich versuche es ja, aber die Noten werden nicht besser.“ Die Oberin sieht mich nachdenklich an: „Wir werden gemeinsam zum Rektor gehen.“ Sie ruft in der Schule an und macht einen Termin bei Herrn Hussmann.

Am nächsten Tag nach Schulschluss wartet sie vor der Klassentür auf mich. Gemeinsam gehen wir zum Rektor, der uns freundlich empfängt. Hinter einem großen Schreibtisch sitzend sieht er uns an. Ich mag ihn sehr. Er macht sich nicht über mich, das Heimkind, lustig, wie andere Lehrer und Lehrerinnen es manchmal tun.

Die Oberin und er unterhalten sich einige Zeit über mich und meine schulischen Probleme. Dann richtet er sich auf und sieht mich an: „Harald, du wirst mein Nachhilfeschüler. Ab Montag kommst du um vier Uhr zu mir. Ich werde dir helfen, damit sich deine Noten verbessern und du keine Ehrenrunde drehen musst.“

Pünktlich stehe ich am Montag vor seinem Haus und schelle an. Ein freundlich blickender Herr Hussmann bittet mich, einzutreten. Zu meiner Überraschung sitzen drei weitere Kinder aus der Schule in dem Raum, in den er mich führt. Unser Nachhilfelehrer beantwortet jede Frage, die wir haben. Ich bin begeistert: So macht das Lernen Spaß! Eifrig erfülle ich jede Aufgabe, die er mir stellt. Am Ende der Stunde sieht er mich an: „Harald, ich verstehe gar nicht, wieso du in der Schule nicht mitkommst! Du bist ein sehr guter Schüler. Du hast es doch drauf! Wenn du so weitermachst, dann schaffst du die Klasse auf jeden Fall.“

Wieder im Kinderheim zurück laufe ich beschwingt und fröhlich der Oberin über den Weg. „Na, Harald“, spricht sie mich an, „wie war dein Nachhilfeunterricht?“ Strahlend berichte ich ihr, dass Herr Hussmann sehr zufrieden mit mir war. „Es hat mir richtig Spaß gemacht! Herr Hussmann hat gesagt, dass ich ein guter Schüler bin. Er ist sich sicher, dass ich die Klasse schaffen werde.“ Die Oberin lächelt mich zufrieden an: „Das würde mich sehr für dich freuen!“ Schon ist sie wieder unterwegs. Doch plötzlich dreht sie sich nochmals zu mir um: „Wo habe ich bloß meinen Kopf? Ich muss dir ja noch etwas sagen: Morgen wirst du die Gruppe wechseln!“ Diese Nachricht freut mich sehr, denn in meiner Gruppe ist eine Erzieherin, die ich nicht mag. Von ihr wegzukommen ist eine gute Perspektive. Heute ist wohl mein Glückstag!

Am nächsten Morgen ziehe ich um. Schwester Anne hilft mir beim Packen. Eilig raffe ich alles zusammen, was ich meinen Besitz nenne. Schwester Anne sieht schmunzelnd zu: „Du hast es scheinbar ziemlich eilig.“ Oh ja!

In der neuen Gruppe werde ich mit großem Hallo begrüßt. „Wir heißen dich bei uns herzlich willkommen!“, lacht Fräulein Hermann, die diese Wohngruppe leitet, mich an. Was bin ich doch für ein Glückspilz! Ich mag sie. Fräulein Hermann gehört zu den netten, freundlichen und geduldigen Erzieherinnen im Kinderheim.

Kapitel 3

Warum immer ich?

Meine Noten in der Schule werden immer besser. Zum ersten Mal bekomme ich eine Zwei für eine Arbeit. Mein Klassenlehrer wundert sich über meine Leistungssteigerung. Heute ist der Unterricht besonders entspannt für mich. Mit der guten Note im Rücken fällt es viel leichter, in der Schule zu sitzen. Die Note scheint mir auch Flügel zu verleihen: Fast fliege ich nach der Schule zum Heim zurück. Mir geht es gut!

Ich fege um die Ecke des Heims und stoße mit Schwester Anne zusammen. „Welches freudige Erlebnis hattest du denn? Du siehst aus, als würdest du auf einer Wolke schweben.“ Strahlend prahle ich: „Ich habe eine Zwei geschrieben!“ Jubelnd umarmt Schwester Anne mich: „Herzlichen Glückwunsch, Harald! Das ist wirklich ein gutes Ergebnis.“ Begeistert, lachend und beschwingt geht sie Richtung Küche weiter, und ich stolziere zu meinem Zimmer.

In die Schule gehen ist ja so wunderbar! Gut gelaunt betrete ich am nächsten Morgen den Klassenraum. Heute werden wir eine weitere Klassenarbeit zurückbekommen. Ich bin so gespannt, welche Note ich habe! Gemeinsam mit den anderen Kindern warte ich auf Herrn Mattes. Die Tür öffnet sich, und eine Frau betritt den Raum. Sie stellt sich ans Pult, sieht uns alle an und begrüßt uns: „Guten Morgen, Kinder. Ich bin Fräulein Lukas“, stellt sie sich vor. „Euer Lehrer, Herr Mattes, ist sehr krank geworden. Ich werde ihn so lange vertreten, bis er euch wieder unterrichten kann.“ Sie greift in ihre Tasche und holt unsere Hefte hervor: „Ihr scheint ja keine guten Schüler zu sein. Ich habe eure Arbeiten kontrolliert. Sie sind alle so schlecht, dass ich jedem eine Sechs geben musste!“, brummelt sie. Jeder bekommt sein Heft. Entsetzt schaue ich mir meine Arbeit an und beschließe, mich gegen die Sechs zu wehren. Mutig melde ich mich. „Ja, was willst du?“, fordert Fräulein Lukas mich auf. „Herr Mattes hatte uns die Aufgaben nicht so gestellt, wie sie im Buch stehen. Wir alle haben uns bemüht, zu verstehen, was Herr Mattes von uns will“, antworte ich kühn. Sie stellt sich vor mich und schaut mich ernst an: „Das ist mir egal! Die Arbeiten sind geschrieben und die Noten verteilt. Ich werde nichts daran ändern.“ Erwachsene sind so ungerecht! Enttäuscht verkrieche ich mich innerlich.

In den darauf folgenden Wochen zieht Fräulein Lukas immer wieder über mich her. Sie lästert darüber, dass Heimkinder scheinbar nicht viel können. Sie mag mich nicht. Meine Leistungen und die Beteiligung im Unterricht gehen rapide bergab.

Die Uhrzeit