Ich bin dran: Ein Oststadt- Roman - Katja Sander - E-Book

Ich bin dran: Ein Oststadt- Roman E-Book

Katja Sander

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Beschreibung

Maxi Berger will Liebe, Glück und Erfolg. Und davon viel und möglichst für immer. Die unkonventionelle Einrichtungsplanerin liebt ihre Arbeit, ihre pubertierenden Kinder, ihre Freundin Karla und die Oststadt. Das Leben scheint endlich in die ersehnte Richtung zu gehen, wäre da nicht ihr inneres Chaos, ein Wechsel von Ehrgeiz und Selbstzweifel, ein Mix aus Hoffnung und Angst. Sie sehnt sich nach Wertschätzung und nimmt auf dem Weg zu sich selbst so manch unterhaltsamen Umweg. Denn auch Maxis Leben läuft nicht nach Plan. Die Geschichte von Maxi Berger, Ulmerin, Mutter, Frauenliebende, Suchende, Scheiternde, ist die Geschichte einer beseelten Kämpferin. Witzig, stark, voller Selbstironie. Eine Geschichte übers Scheitern und Aufstehen, übers Zweifeln und Wachsen. Entwaffnend intim und herzenswarm.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Katja Sander

Ich bin dran

Ein Oststadt- Roman

© 2020 Katja Sander

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-05069-3

Hardcover:

978-3-347-05070-9

e-Book:

978-3-347-05071-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Barbara

Das Ego ist ein schlechter Witz

Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen. Dazu muss man jedoch wissen, dass man wichtig ist. Wer sich wichtigmacht, hat schon verloren. Bis man das weiß, dauert es manchmal. Bei mir dauerte es. Rückblickend ist alles einfach. Rückblickend ist es vor allem eines: Passiert.

„Ich bin dran“ ist Teil meiner Geschichte, zwischen 2008 und 2012 in der Ulmer Oststadt.

Maxi Berger

1.

Ich arbeite bei einem schwedischen Möbelhaus im Marketing. Kommunikation und Einrichtung. Ohne Aus- und Vorbildung. Gelernt habe ich etwas völlig anderes. Das ist dort nicht unüblich und ich bin für die Möglichkeit des Quereinstieges äußerst dankbar. Seitdem ich dort bin, lerne ich, dass man mit genügend Enthusiasmus und einverleibter Firmenphilosophie quasi alles erreichen kann. Schnelle Auffassungsgabe ist nie von Nachteil.

Mein Eintritt wird von meiner Familie belächelt, warum weiß ich nicht. Weil sie es vielleicht anmaßend finden, jetzt als Einrichterin, als Interieur Designerin zu hantieren, obwohl ich eigentlich Zahntechnikerin bin? Oraldesign. Raumdesign. Also so groß ist der Sprung ja nun auch nicht. Und Fizzli-Puzzli war sowieso noch nie mein Format.

Im hinteren Teil des Großraumbüros befindet sich die Abteilung der Schmücker, wie wir hausintern von manchen genannt werden.

Ich lese kurz meine Emails und begebe ich mich direkt in die Kantine. Nicht, dass es mir an Motivation mangelt, lediglich an Kaffee. Es ist gerade mal zwanzig nach sieben und das ist nicht meine Zeit.

Ich bin nun schon seit drei Jahren in diesem Haus. Nach drei Jahren wird nichts mehr. Da ist nur noch. Außer, man bewegt etwas ganz bewusst. Ich spüre, dass ich etwas tun muss. Ich muss etwas ändern. Wenn ich etwas nicht aushalten kann, dann ist es Stagnation. Glücklich sein ist in meiner Vorstellung eng damit verbunden, etwas Neues zu machen, am besten etwas Unkonventionelles, das in meiner Werteskala ganz oben steht. Etwas, das kein Geld bringt, aber ein cooles Image. Etwas Kreatives, wofür einen alle bewundern. Vielleicht, weil sie selbst weder den Mut noch die Verrücktheit besäßen, etwas Derartiges zu tun. Ein Wechsel in eine andere Niederlassung wäre zwar weder kreativ noch verrückt, aber es wäre ein Anfang. Für jemanden wie mich jedenfalls, mitten in der Phase der Familienverpflichtungen wäre schon so ein kleiner Ortswechsel etwas Außergewöhnliches.

Inzwischen bin ich sattelfest. Kenne die Routinen, die Arbeitsweisen, kenne die Firmenstrukturen und die Geschäftsziele und weiß sowieso wie der Hase läuft. Ich hab das interne Entwicklungsprogramm durchlaufen und wär dann mal soweit. Auf meinen Lippen formt sich schon seit längerem der Satz: ich bin dran. Aber den hört man hier nicht gern, also verkneife ich ihn mir und vertraue darauf, dass diese Tatsache offensichtlich ist und ich es nicht aussprechen muss.

Ich trinke meinen Kaffee leer und begebe mich auf die Morgenrunde durch die Möbelausstellung.

Während ich durchgebrannte Glühbirnen wechsle, Spots ausrichte und Preisplakate aufhänge, habe ich genügend Zeit darüber nachzudenken, was ich mir genau vorstelle, unter meinem „ich bin dran“.

Klar will ich die Stelle meiner direkten Vorgesetzten. Versteht sowieso niemand, warum sie auf diesem Posten sitzt und nicht ich. Vermutlich wurde sie von ihrer letzten Stelle weggelobt. Ich finde sie unerträglich. Besonders morgens vor acht. Ihre Stimme ist eine Oktave zu hoch. Und zu laut. Neulich erklärte sie mir, wie man einen Akkuschrauber bedient. Da fällt mir nichts mehr ein. Also, ganz klar, dass ich ihren Posten verdiene. Diese Person bietet nicht mehr Kompetenz als ich, gut, sie hat Innenarchitektur studiert, aber das ist hier eh nicht relevant. Also kann ich warten, bis sie geht, oder aber, ich bewerbe mich weg.

In Berlin entsteht demnächst ein neues Einrichtungshaus. Also ist es realistisch. Irgendwie. Ich schiebe meinen Arbeitswagen zum nächsten Interieur und träume von Berlin. Meine beste Freundin wohnt dort seit ein paar Jahren und meine Nichte. Berlin wäre eine Option. Klingt nach Platz für Großes, riecht nach Möglichkeiten der Entfaltung, nach Abenteuer, erinnert an Verruchtes und Glamouröses. Wer sich ausleben will geht nach Berlin. Berlin ist irgendwie anders. Berlin ist Berlin eben.

In meinem Kopf formt sich eine Idee. Ich sehe, wie ein Bild entsteht. Vielleicht sollte ich heute Abend ins Atelier und mal wieder malen. Ich war schon viel zu lange nicht mehr dort.

Das Atelier gehört einer Freundin und ist in einem alten Kindergarten untergebracht, inmitten eines riesigen Gartens mit altem Baumbestand und mannshoher Hecke. Ein Holzhaus, die Wände an den Ecken abgerundet, ganz nach Steiner‘schem Vorbild, den rechten Winkel vermeidend.

Außer mir malen noch ein paar andere mehr oder weniger begabte Hobbykünstler dort. Am meisten beeindruckt mich der Schwarz-Weiß Maler mit seiner ausgeprägten Farbphobie. Manchmal liegt eine Tube rote oder blaue Ölfarbe auf seinem Beistelltischchen. Originalverpackt. Benutzt hat er sie noch nie. Ein schräger Vogel, mit dem ich kaum mehr als drei Sätze gewechselt habe bisher, der mir aber schon wegen dieser kleinen Macke äußerst sympathisch ist.

Ich mag es, wenn ich dort alleine bin und mich beim Malen mit niemandem unterhalten, oder noch viel schlimmer, mich den Kommentaren zu meinen Bildern aussetzen muss.

Ich probiere mich aus und finde mich dabei großartig. Das Ergebnis ist zweitrangig. Daran messe ich mich ungern. Das Ergebnis hält meinem eigenen Urteil nicht stand. Ich bemühe mich während des Malens nicht an das Ende zu denken, sondern an den Prozess. Und wenn ich dann mit einem Tuch im Haar vor meinen angerührten Farben stehe, mit dem Spachtel über die Leinwand schabe, immer in enormen Tempo, mehr Produktionshalle als Mußestunde, dann entstehen Serien von wilden Farbflächen, meist ohne Ziel, meist ohne Motiv. Im Hintergrund läuft Musik, die zu meiner Stimmung passt, und dann gibt es nur noch ein Gefühl und Farbe und Leinwand. Nicht abwarten können, die nächste Farbe dazu, mit dem Ergebnis unzufrieden und Sand darüber und gekratzt und gestrichen und dann die ganze Farbschale darüber gegossen und den einzelnen Farbspuren beim Verlaufen zugesehen, um dann, kurz vor ihrem Ende, kurz bevor sie sich auf dem Boden ergießen, einzugreifen und mit dem Spachtel zu begrenzen, umzuleiten und dann wieder zu vermengen mit dem was vorher war, in der Mitte und dem darunter und daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Sich plötzlich über eine handtellergroße Fläche freuen, die so genial erscheint, die so wundervoll und schön geworden ist, über diesen winzigen Fleck freuen, in einem so großen Gesamten, auf einer so großen Leinwand. Und dann nicht darüber zweifeln und urteilen, ob dieses Etwas es wert ist, dieses Bild schön zu finden, ihm einen Platz zu geben, eine Daseinsberechtigung. Sondern, es erst mal zur Seite zu stellen, und eine neue Leinwand hernehmen und von vorne beginnen.

Irgendwann, Tage, Wochen später, wenn die Romantik zuschlägt oder der Materialmangel, nehme ich mir diese eine Leinwand wieder her, um sie zu übermalen und ihr und mir eine neue Chance zu geben.

Es ist beim Malen genau wie in meinem Leben, denke ich: Heilig ist der Moment. Es gibt kein Ziel und kein befriedigendes Ergebnis. Ich bilde mir ein, das sei gut so. Ich finde das Entstehen toll, aber selten das Resultat. Ich finde meistens das Planen toller als das Ausführen. Vielleicht schmiede ich deshalb so gerne Pläne und wage mich selten an die Umsetzung, weil ich mich vor dem Ergebnis fürchte. Vor dem Versagen. Vor dem Nicht-Genügen. Zumindest bei den großen Dingen des Lebens. Einen Wochenendausflug kriege ich hin.

Ich male ein pink-grünes, zweigeteiltes Bild zu meiner Stimmung „Berlin“. Und es ist etwas Neues in diesem Bild. Ich male mit einem feinen Pinsel das Brandenburger Tor auf den pinkfarbenen Hintergrund. Ganz gegenständlich und erkennbar. Und weil ich so verzückt bin über dieses visualisierte Stadtgefühl, schreib ich noch ein paar spontane Sätze, male noch ein drittes Bild, nur mit Worten:

Berlin.

Stadt der Städte

wild, laut, hässlich

und doch unbeschreiblich schön

schrill und voller Tempo

Stadt der Freiheit –

einst der Zwänge

voll von Widersprüchen,

Unverbindlichkeit

und doch voller Gefühl

Stadt der Gestrandeten,

der egozentrischen Selbsterfinder

Stadt der Sehnsüchte

und meiner unheimlichen

Liebe.

Berlin.

Selbstzufrieden wasche ich meine Farbschüsseln aus, räume die Staffelei an ihren Platz und wickle mir das Tuch aus den Haaren. Meine Haare sind kurz. Ich brauche das Tuch nicht zum Bändigen einer wilden Mähne, sondern für meine kleine Künstlerseele. Ich fühle mich so wunderbar kreativ mit einem Stück Stoffturban. Es ist schön, mich selbst glauben zu machen, es gäbe etwas in oder an mir, das man bändigen müsse. Das zeugt von einer großen Kraft, von etwas Sprudelndem. Und für den Fall, dass mir das niemand glauben könnte, übe ich mich mal in Selbstüberzeugung.

Ein paar Farbflecke wasche ich an den Händen bewusst nur oberflächlich. Darf man morgen gerne sehen, dass ich kreativ war. Dass es ein Mehr gibt bei mir. Mehr Schöpferisches. Ein Überschuss an Energie und Schaffensfreude und dass da was dran ist an dieser Maxi, die ja jetzt auch mal dran wäre. Demnächst.

Während wir uns der saisonalen Anpassung auf der Bettenfläche widmen und dort dünne Sommerdecken gegen dicke Winterdaunen tauschen und Himmelbetten zu Kuscheloasen mit unzähligen Kissen verzaubern, wabern meine Gedanken wieder nach Berlin.

In zwei Wochen ist es nämlich so weit. Ich fahre mit meiner Liebsten Karla für ein verlängertes Wochenende zu meiner Nichte. Meine Liebste ist gerade mal wieder nicht konstant meine Liebste, nicht dass es eine andere gäbe, aber unsere Unterschiedlichkeit nagt an der Kontinuität. So habe ich beschlossen, dass uns ein bisschen Paar-Zeit gut tut. Und ganz nebenbei kann ich mir ja auch mal Berlin genauer anschauen. Nicht die touristischen Attraktionen, sondern mögliche Fahrtwege zur Arbeit will ich testen, die Alltagsstimmung spüren an Knotenpunkten wie Alexanderplatz in einer vollen U-Bahn morgens um sechs Uhr dreißig. Wir könnten uns den neuen Standort der Niederlassung ansehen. Ganz zufällig. Was willst du denn in Lichtenberg? Friedrichsfelde? Testen. Den Realitätscheck machen. Wo liegt das? Wie weit ist das von meiner Nichte Maike und meiner Berliner Freundin Anke entfernt? Wie teuer sind die Mieten und überhaupt, wie könnte mein Leben dort aussehen?

Wer würde dort mit mir leben? Meine Kinder? Meine Partnerin irgendwann? Ich träume von einem möglichen Minikosmos in Berlin. Meinem bereits jetzt bestehenden sozialen Netzes, wenn es auch grobmaschig und mikroskopisch klein ist. Ich träume mich in eine kleine Altbauwohnung. Spartanisch aber mit Witz. Bunt und fröhlich und charmant. So wie ich eben. Die Staffelei neben dem Bett und Regale mit Pigmentgläsern bis unter die hohe Decke, ein Sofa in der Küche und einen großen, alten Tisch fürs Leben. Karla ist dabei der weiße Fleck in meiner Planung. Die Variable, Unbekannte. Sie würde die Stadt nicht wechseln, nicht mit mir in Berlin einen neuen Anfang wagen. Soviel steht fest. So wäre ein Umzug eine Zerreißprobe für unsere Beziehung. Könnte ich eine Beziehung auf diese Distanz dauerhaft leben? Sich nur an den Wochenenden und im Urlaub sehen, könnte das ausreichen? Telefonieren und schreiben, multimedial, doch ist alles kein Ersatz für einen Menschen ganz echt und pur, aus Haut und Haar, den ich spüren und halten will.

Dieser Teil meiner Berlinträume ist etwas, das mir Angst macht. Und dennoch halten mich diese Träume von einem Neustart in meinem kleinen Ulmer Alltag lebendig.

Ich könnte es doch versuchen? Es gibt immer ein Zurück.

Wenn ich abwäge, was mich in Ulm hält, dann sind es bestimmte Menschen, die ich in meinem Leben nicht missen möchte, dann sind es die bekannten Gesichter, denen man begegnet, wenn man durch die Stadt geht und die gewohnten Wege, die einem das Gefühl von Heimat geben. Das Gefühl von Eingebettet sein in etwas Überschaubares, Berechenbares. Dann sind es auch die kurzen Wege, und dass dadurch alles schnell mal erledigt ist. Ganz nebenbei oder nebenan. Komisch ist, dass genau das Gegenteil mich in die Ferne lockt. Die Anonymität, die Größe, das Unverbindliche, die Vielfalt an Menschen und Möglichkeiten, an Kultur und Subkultur. Berlin bietet in meinen Augen so viel und ist dabei so leicht und lebendig. Und das trotz der schweren Last schwieriger Geschichte.

Ich müsste ja nicht für immer dort sein. Vielleicht für eine unbestimmte Dauer, bis auch in Berlin der Nordwind weht und es mich weiter zieht an einen Ort, an dem ich glaube mich selbst zu finden, das Glück und die Liebe und die Gewissheit: jetzt ist ewig. Jetzt ist gut, wie es besser nie sein könnte.

Ich bin auf die neue Wohnung meiner Nichte Maike gespannt. Zusammenlegung zweier Liebenden ist immer der schönste Umzugsgrund. Ich freue mich für sie. Weniger freudig bin ich allerdings, wenn ich an ihren neurotischen Kater denke, der sich widernatürlich und schmerzhaft an meine Fersen heftet, wenn ich seine Wege kreuze. Ich werde ihn schon überleben. Und er mich hoffentlich auch…die Stralauer Allee soll ja sehr befahren sein?

Ihre Wohnung ist groß, um nicht zu sagen riesig. Zwei kleine mehr oder weniger zarte Frauen und eine vierbeinige Bestie teilen sich eine Etage mit Blick auf die Spree und die Molecule Man Plastik von Borofsky, die ausschaut wie drei Menschen mit Einschusslöchern.

Meine Nichte ist mit einer echten Diva liiert. Aber Hallo. Sie hat Geschmack, zweifelsohne, die Wohnung ist schon kurz nach Bezug auf Hochglanz poliert. An den Wänden hängen Kunstklassiker und im raumhohen Bücherregal steht brav gereiht, was man heute gelesen haben muss, wenn man seine Zugehörigkeit zum Bildungsbürgertum offenbaren möchte. Die junge Dame gibt sich älter als sie ist. Das finde ich vermutlich so lächerlich wie sie meine Bemühungen, jünger zu scheinen, als ich bin. Ihr Outfit ist so perfekt inszeniert, wie die ganze Person. Nichts, aber auch kein einziges Härchen, ist dem Zufall überlassen. Das Make-Up ist perfekt, ein umwerfend schöner roter Mund, die Haare streng aus dem Gesicht gebunden, der Rock sitzt knapp und sexy wie die Bluse, die leicht aufreizend, aber nicht anzüglich über die prallen Brüste spannt. Die Füße stecken in hohen Lackschuhen, zu denen die passende Handtasche im Flur auf einem antiken Stuhl steht. Maike lehnt lässig in ihrer Baggy-Pants im Türrahmen und beobachtet mich amüsiert. Wahrscheinlich würde ich vor Neid und Ehrfurcht jetzt ganz klein werden, wenn ich mich nicht damit trösten könnte, nur die Hälfte ihrer Freundin zu wiegen. Maike wird in die Küche geschickt, um Kaffee zu kochen. Befremdlich für mich. Aber sie sieht glücklich aus. Vielleicht ist es das, was sie gesucht hat. Einen schönen, starken Ruhepol an ihrer Seite, eine, die ihr die Umtriebigkeit gönnt und eine Brücke schlägt, zwischen Subkultur und etablierten Leben? Ich fühle mich meiner Nichte so verbunden und dann doch so fremd, dass ich mir diese Frage nicht mal beantworten kann ohne zu spekulieren: ist sie angekommen?

Maikes Freundin, Madame du Maison, liegt nach 4-Käsepizza mit Schokosoufflé auf dem Canape und lackiert sich die Fußnägel. Eigentlich wollen wir los. Maike rechnet Trockenzeit, plus Schuhauswahl, plus Klamottenwechsel, plus vergessenes Irgendwas und bangt um unsere Pünktlichkeit, formt im Geiste einen Plan B und flüstert ihrer Liebsten zu: „Lass dir ruhig Zeit, Schatz, zwei Minuten hast du noch“. Nur über die Spree, einmal ans andere Ufer, um im Badeschiff ein Konzert nicht zu verpassen, das sie mit initiiert hat. Organisieren, Checken, Machen. Das ist Maikes Welt. In dieser fühlen sich auch andere wohl, besonders diejenigen, die gerne machen lassen. In den nächsten drei Tagen organisiert sie Einkäufe, Tickets und Flyer und Menschen die sie unter Menschen bringen, plant die nächsten Termine ihrer eigenen Veranstaltungsreihe, stemmt Studium und Thekenschichten in der Simon Dach Straße und vergöttert die Frau, mit der sie sich auf ein langes Leben eingerichtet hat. Als ob ich an ihrer Entwicklung irgendwie beteiligt gewesen wäre, empfinde ich so etwas wie Stolz.

Am Samstag schlendern wir über den Flohmarkt am Boxhagener Platz. Ich kaufe mir ein kleines Frotteestoffkunstwerk für Zuhause und hole mir Anregungen fürs Atelier. Wie war der Spruch noch? Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu. Das sollte ich mir zu Herzen nehmen und Dinge, die mir guttun nicht so oft schleifen lassen. Sollte. Könnte. Hätte. Ich unterhalte mich mit einem Geschichtenschreiber, den ich amüsant finde und freue mich, dass Maike einen neuen Fahrradsattel mit passender Stange findet, nachdem ihrer schon wieder geklaut wurde. Irgendwie sieht er dem alten verdächtig ähnlich, findet sie.

Wir frühstücken zu viert im Kurhaus. Karla bestellt Unmengen an Kaffee und Kakao und Croissants und Käse und Obst und Maike wird nicht müde, jedem, den wir treffen, freudestrahlend zu erzählen, ich sei ihre lesbische Tante aus Ulm.

Fühle ich mich jetzt geschmeichelt? Wenn ich auch nur annähernd denke, zwischen ihrer Welt und meiner bestünde kaum ein Unterschied, wir lebten im gleichen Homokosmos, ticken ganz ähnlich und sind aus demselben Holz gemacht, so werde ich in jenen Momenten eines Besseren belehrt. In jenen Momenten, in denen sie mich so ahnungslos und anrührend ihren Freunden vorführt, fühle ich die Kluft zwischen uns, spüre ich schmerzlich die Jahre, die zwischen uns liegen, den Unterschied einer ganzen Generation, spüre die Falten und das Winkfleisch, die Landluft, den Familienmief, Provinz und Mutterkuchen. Mit einem Wimpernschlag bin ich raus. Dabei strahlt sie mir so unschuldig ins Gesicht, dass ich es ihr nicht mal übel nehmen kann. Ich stehe da, enttarnt, kann die gespielte Coolness und das urbane Selbstverständnis in die Schublade stecken.

Das super hippe Spontankonzert einer total angesagten Girlzz Band aus London in irgendeinem Club um die Ecke, der aber erst um 1 oder so aufmacht, verbessert meine Stimmung am Abend nicht. Karla streckt die Flügel und nimmt sich ein Taxi. Ich nenne sie spießig, würde insgeheim aber lieber mit ihr nach Hause gehen. Stattdessen bleibe ich und pflege meine Launen, die von Minute zu Minute schlechter werden. Auf der Bühne einer baufälligen Halle stehen drei Mädels, die sich diesen Abend schon mal schön getrunken haben und versuchen die Töne zu treffen. Ich bin zu alt oder zu nüchtern, um daran Gefallen zu finden und außerdem müde. Also hole ich mir an der improvisierten Bierkastentheke ein Bier und schaue in ein halbwegs bekanntes Gesicht. Das war doch eine aus Maikes Orga-Team? Ich freu mich, erinnere ihren Namen nicht, und sie erkennt mich nicht. Ich bin zu feige sie anzusprechen. Wenn man sie einmal brauchen könnte, die Tantensprüche, ist Maike nicht da, sondern in den Lippen ihrer Freundin versunken. Dann nehme ich eben mein Bier und proste meiner miesen Laune zu.

Am nächsten Morgen hake ich mich bei Karla unter, kaufe uns ganz touristisch einen Museumspass, fahre ans andere Ende der Stadt und verstecke mich bei Helmut Newton vor der Welt. Dort ist es üppig und langbeinig und nackt. Aber ich bin nicht berührt. Wir ziehen weiter ins schwule Museum und geben uns schwule Geschichte, die wir schon kennen. Aber ich fühle mich nicht angesprochen. Wir landen schließlich im Hamburger Bahnhof und finden moderne Kunst in den Rieck-Hallen. Auf eine inspirierende Weise bin ich irritiert. Das ist ein interessanter Zustand, willkommen, wenngleich nicht entspannend. Wir gehen schweigend nebeneinander her.

Manchmal sind die Unterschiede zwischen uns kaum spürbar, oder zumindest nicht hinderlich. Manchmal fühlt es sich so richtig an mit Karla, dass ich mir gar nichts anderes vorstellen mag. Ich schmiege meine Hand in Karlas, und merke, ich kann es nicht. Gehen und sie zurücklassen. Ich streichle ihren Handrücken und drücke mich enger an sie. Ist Glück ohne sie machbar? Doch ein paar Straßen weiter schon spüre ich diese alte Wut in mir aufkeimen, die immer kommt, wenn sie sagt, sie werde Ulm niemals verlassen können wegen ihrer Existenz. Dann mischen sich Zweifel über eine vielleicht unverarbeitete Liebe aus vergangenen Tagen und der Rolle, der Wichtigkeit, die ich in ihrem Leben spiele. Und prompt folgen Fragen an mich selbst, welchen Platz sie denn in meinem Leben einnimmt? Welche Chance gebe ich unserer Beziehung, wenn ich sie mit der Distanz von 700 Kilometern konfrontiere? Und für wen mache ich das wirklich? Für mich? Um weiter zu kommen? Oder um weiter weg zu kommen? Wem will ich damit etwas beweisen? Und was? Meine Ungebundenheit? Meine Mobilität? Mache ich es für meinen Arbeitgeber? Weil dort meine räumliche Gebundenheit immer wieder Thema ist? Darf so etwas überhaupt eingefordert werden, quasi als Bedingung für einen Sprung in die nächste Liga? Ist das der ganz normale Arbeitsalltag in unserem System, unsere Business-Kultur? Ich spüre, ich bin dagegen. Weiß nicht konkret, gegen was. Aber das mit voller Wucht. Ich bin voller Fragen ohne befriedigende Antworten. Ich bin wirr und dieser Zustand stresst mich.

An der Ecke zieht es mich in einen Second Hand Laden. Als ich mit einem Hahnentritt-Rock zur Kasse schlendere, wirft mir Karla einen fragenden Blick zu. Ja, das ist etwas, das meinem wirklichen Alter entspricht. Meinem momentanen Gefühl: Scheintote Landklassik.

In der U-Bahn lege ich den Kopf auf Karlas Schulter und denke, glücklich shoppen geht anders. Ich bin unglücklich. Obwohl ich in meiner heißersehnten Stadt bin, ein Wochenende nur mit meiner Liebsten genießen darf. Aber ich genieße es eben nicht, und weiß nicht warum. Maikes Kater nervt mich, ihre Freundin nervt mich und sogar Karla nervt mich und ich kann noch nicht mal sagen, warum. In meiner schlechten Laune wird Graffiti-Kunst plötzlich zu Schmiererei, der sonst so viel zitierte marode Charme, zu Bruchbuden. Ich sehe Dreck, überall Glasscherben, schrottreife, halb ausgeschlachtete Fahrradleichen, Menschen in Massen und in Eile im Einheitsschritt, zielstrebig und irgendwie wirken sie auch alle genervt. Sie schieben sich mit mir Rolltreppen rauf und runter, quetschen sich in Bahnen dichter aneinander, als neben den eigenen Partnern auf der heimischen Couch. Ich sehe die Masse vor mir, wie sie vom U-Bahn-Schacht eingesogen wird, eine zähe, träge Masse im Rhythmus der städtischen Verkehrswerke, sehe Massen in Züge verschwinden, eingepfercht, ehe sie hinter einer besprühten Wand mit zerkratzten Scheiben im Dunkel abtauchen. Mir kommen Bilder. Solche von 1942. Aber auch andere. Almabtrieb. Viehherden. Willenlose, somnambule Menschenströme. Ich erinnere mich an einen Science Fiction aus meiner Kindheit, als eine technische Gottheit die Menschen mit einem Signal zu sich rief und dann ein paar Auserwählte alles stehen und liegen ließen, um dem Ruf ins Verderben zu folgen. Mich gruselt es. Ist diese Masse an Mensch, die in einer solchen Stadt von A nach B bewegt werden will, nicht gruselig? Ist dieser Anblick nicht irgendwie unwürdig? Was um alles in der Welt, lässt mich so sehr nach einem Leben in dieser Stadt sehnen?

Ich fürchte, wenn man sich selbst nicht leiden kann, dann kann man auch nichts und niemanden um sich herum leiden. Ich bin voller negativer Gedanken. Also fange ich einen Streit mit Karla an. Da weiß ich doch, woran ich bin. Ich gebe mich als systemkritischen Revoluzzer, benutze ein paar deftige Vokabeln als Würze und der Topf ist am Überkochen. Prompt gibt sie Kontra. Voila. Geht doch.

So verbringen wir dann den letzten Abend schweigend nebeneinander im Bett, jede zur Ablenkung ein Buch in der Hand. Als Karla versöhnlich näher rückt und ihre Hand die Haut an meinem Bauch berührt, stelle ich mich tot wie ein kalter Fisch. Dabei hatte ich mich die ganze Zeit schon so nach ihrer Berührung gesehnt. Aber mein Stimmungsschalter lässt sich nicht mehr umlegen. Ich bin in der Stur-Starre gefangen und quäle mich unter leisen Tränen in eine traumlose Nacht.

Im Zug nach Ulm ist die Stimmung schon wieder ganz anders. Rasant wechseln wir zwischen Zoff und Zärtlichkeit. Eine Achterbahnfahrt. Manchmal wird mir dabei schlecht und ich will aussteigen, weil ich Achterbahnfahren gar nicht leiden kann, weil das viele Auf und Ab mir nicht gut tut. Aber ich habe noch keine Bremse gefunden, keinen Ausstieg. Und außerdem ist das Bergauf, der Anstieg, die Aussicht einen höchsten Punkt zu erreichen, so verlockend, dass ich gar nicht aussteigen will. Wenn nur das Runter nicht wäre. Nicht runter schauen, wenn man am Scheitel ist. Sonst muss ich mich übergeben. Augen zu und durch. Bergab. Talsohle. Stimmungstief. Erdbodenzerstörung. Sich dann aber wieder voll und ganz auf das Anschwellen konzentrieren und sich daran freuen. So ist es, mein Leben. Nicht nur in der Beziehung, sondern in allem. Ein stetes Auf und Ab.

Ich suche Karlas Nähe und freue mich an ihr. Mein Blick sagt: entschuldige bitte! Sie drückt kurz meine Hand und lächelt mich an. Alles ist gut. Wenn wir beide zeitgleich das gleiche wollen, ist es so schön. Dann ist alles so einfach und sogar harmonisch. In solchen Momenten ist eine Zukunft denkbar. Egal ob zusammen in einer Wohnung in Ulm, oder mit einem 700 Kilometer langen Flur.

Karla ist in ihren Krimi vertieft, die rechte Hand in der Schokoladentafel vor ihr. Sie bestellt beim Bahnservice Kaffee, von dem wir wissen, dass er nicht schmeckt, und hält mir eine Packung Kekse hin. Ich schüttle den Kopf. Ich will nichts. Ich bin so voll. Von allem. Aber nicht im Sinne von erfüllt. Wo kommt nur diese Unzufriedenheit her? Ich sehne mich nach Zeit. Und einem Ort. Berlin ist irgendwie auch nicht mehr das, was es mal war. Berlin, das weiß ich jetzt immerhin, ist auch keine Lösung.

Ich schreibe in mein kleines Taschentagebuch:

Im nirgendwo daheim.

Ach

Könnt doch irgendwo

Mein nirgendwo sein.

 

<< Dein Auto steht unten. >>

<< Eduardo, isch `abe gaar gein Auto, das weißt du doch. >>

<< Dein Mietwagen für morgen, Schätzchen! >>

Er wedelt mit dem Schlüssel und zwinkert mir zu.

<< Wie bestellt. Klein, schwarz, schnell. >>

<< Das war ein Witz, Eduardo! >>

Ich sehe das BWM Zeichen am Anhänger und schaue ungläubig aus dem Fenster. Kann nicht sein. Sowas gibt’s hier nicht. In dieser Firma wird gespart. Bahnfahrten, Fahrgemeinschaften, oder ein günstiger, ökologisch korrekter Kleinwagen. Ich schau aus dem Fenster des Großraumbüros und entdecke einen sportlichen Zweisitzer.

<< Eduaaaaardo? >>

<< Ich kann nichts dafür. Die Kleinen waren alle vergriffen >>, lacht er und weiß, dass ich mich freue, obwohl das so gar nicht korrekt ist.

Ich schnappe mir die Schlüssel und verabschiede mich in den Feierabend. Morgen werde ich mit diesem Schmuckstück zum Netzwerktreffen fahren, einen wundervollen Tag mit meinen Kollegen in einem keks- und kaffeegeschwängerten Seminarraum im Stammhaus verbringen, und über mein Lieblingsthema diskutieren. Über Diversität. Und momentan ganz konkret über die Teilnahme des Konzerns beim Christopher Street Day in Köln. Wir sind die Homo-Spezialisten der Firma. Wir sind sieben von vielen, und diejenigen, die sich darum kümmern, ein paar Vorurteile auszuräumen. Oder vielleicht auch nur zu unterbinden, sie öffentlich und ungestraft zu äußern.

<< Ihr wisst ja, was man zu unserer Teilnahme am CSD in der Zentrale sagt? >> Jante verstellt ihre Stimme und zieht eine Grimasse: << Wir sollen den federboaschwingenden Schwuppen ihren Freizeitspaß finanzieren? >>

Ich bin entsetzt. << Ist das deren Einstellung? >>

<< So in der Art. Wir müssen uns echt was einfallen lassen, um die Leitung zu überzeugen. >>

Jante arbeitet in der Zentrale und versorgt uns immer mit Infos, die es nicht bis in die Einrichtungshäuser schaffen. Vor zwei Jahren haben wir uns auf dem bundesweiten Diversity-Expertentreffen unserer Firma kennengelernt und entschieden, ein schwul-lesbisches Netzwerk zu gründen. Kein Party- und auch kein Jammerverein. Anderssein leben. Wertschätzung erfahren und weitergeben. Ungeachtet von ethnischer oder sozialer Herkunft, Bildung, Alter, Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder körperlicher Unversehrtheit.

Gelebte Diversity-Arbeit in Firmen heißt doch, ich werde als Mitarbeiter in meiner Besonderheit wertgeschätzt. Nicht trotz dem, dass ich so bin, wie ich bin, sondern deswegen. Klingt toll. Will ich. Wertschätzung kann ich gut brauchen. Deswegen ist es ja auch mein Lieblingsthema. Und weil es nun mal auf dem Geschäftsplan unserer Firma steht, werden wir den Federboa-Phobikern schon noch den Zahn ziehen. Mit den firmeneigenen Argumenten. Pah.

Wenn es irgendwo nach Diskriminierung riecht, dann schreiten wir ein. In dem gutem Gefühl, dass wir die Welt damit ein bisschen besser machen. Auch unsere eigene. Diese moralische Pflicht wird mir zum Vergnügen. So sehr, dass ich beinahe vergesse, dass ich ja eigentlich gerade dabei bin, als Einrichterin ganz groß raus zu kommen. Sobald besagte Kollegin eben das Feld räumt.

Unser firmeninterner Schirmherr aus der Firmenleitung nimmt unser Konzept kräftig in die Mangel. Noch ist nichts entschieden. Wenn wir ein überzeugendes Konzept vorlegen, bekommen wir grünes Licht heißt es und wir schreiben dadurch Firmengeschichte. Zum ersten Mal würde der Möbelriese an einer politischen Veranstaltung teilnehmen und dadurch nicht nur wirtschaftlich neues Revier markieren, sondern auch nach außen ein Zeichen setzen, in dem er eine Haltung offenbart. Der ausgearbeitete Plan ist gut. Die Details stimmen. Das Budget ist minimal. Wir haben so viele Hände und Helfer mobilisiert.

Und immer wieder hakt er nach, fragt nach der Motivation und dem Benefit für die Firma. Und immer wieder schüttelt er den Kopf.

Warum nur wollte ausgerechnet er unser Beirat sein? Unser Fürsprecher gebärt sich eher wie ein Gegner.

Die Diskussion zieht sich zäh. Die Mägen knurren. Wir essen Kekse und Obst, weil niemand Lust hat auf Hackbällchen mit Rahmsoße, die heute in der Kantine auf dem Speiseplan stehen. << Wenn wir hier durch sind gehen wir zum Italiener >>, meint Tarek, und sichert sich die Bananen aus dem Obstkorb.

Wir fassen nochmal zusammen. Das Konzept scheint ihn noch immer nicht vollständig zu überzeugen. Emotionsloses Ekel. Zahlenmensch eben. Faktenkacker. Ich bin sauer.

Gegen vier verabschiedet er sich. Erleichterung macht sich kurz breit und dann Ernüchterung. Wir haben einen Plan und kriegen ihn nicht durch. Das ist frustrierend. So sehr, dass mich nicht einmal der schicke Sportwagen aufmuntert, der mich an diesem erfolglosen Tag wenigstens schnell nach Ulm zurück bringt.

In der kommenden Woche schickt Jante eine Mail mit der zusammengefassten Nachbesprechung an unseren Chairman. Gespickt mit Argumenten, die zum schwedischen Geschäftsplan passen, als hätten wir ihn selbst geschrieben. Und dann kommt es doch noch. So plötzlich und unverhofft. Das grüne Licht aus der Zentrale. Wir fahren zum CSD. Das hätte sich nach diesem Tag in Hessen keiner mehr erträumt. Jetzt wird Federboa geschwungen, Leute. Aber Hallo.

Ich sitze an der Wagenplanung für den CSD. Unser Wagen muss etwas ganz besonderes werden. Klar. Wird er auch. Ich komme mit dem Zeichenprogramm nicht so zurecht, wie ich das gedacht hatte, und zücke das gute alte Transparentpapier. Ich hab tolle Ideen im Kopf. Viele. Sie auf Papier zu sehen, ernüchtert mich. Ein Abklatsch meiner Phantasie. Aber ich kriege es nicht besser hin. Es ist ja auch noch Zeit. Christopher Street Day ist erst im Juli und wir haben noch nicht mal Weihnachten. Das Motto steht und Jante hat schon ein paar Entwürfe für Plakate, Banner und T-Shirts geschickt. Ich wünschte, ich hätte eine Grafikausbildung, oder wenigstens mehr Talent als ich vorgegeben habe, dann könnte ich mit ebenso guten Entwürfen punkten. Jante und ich sind die beiden Kreativlinge im Netzwerk. Mit dem Unterschied, dass sie Ahnung hat, von dem was sie tut, ich nicht. Aber das weiß ja keiner. Ich hab Ideen, das reicht schon.

 

Es ist der zweite Advent und mir ist alles andere als weihnachtlich zu mute. Im Möbelhaus beginnen wir bereits mit dem Entweihnachten. Die stimmungsvoll arrangierten Adventskalender in den Musterzimmern werden abgehängt, da sind die eigenen zuhause gerade mal am Start. Lichterketten und Leuchtkränze haben nach Lucia ausgedient. Die Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern macht, sofern man sie überhaupt noch wahrnimmt, nur noch aggressiv. Verkehrte Welt. Wie soll mir auch weihnachtlich ums Herz werden, wenn man im September bereits an der Dekoration für die besinnliche und kauffreudigste Jahreszeit arbeitet? Jetzt schaffen wir Platz für die Sparaktionen zwischen den Jahren. Zwischen den Jahren. So ein blöder Begriff. Immer schon habe ich mich gewundert, was und wann das sein soll, diese Zeit, in die die Menschheit alles hineinpacken will. Familie, Freunde, Freizeit und all die guten Vorsätze. Zwischen den Jahren. Die Illusion von unendlich viel Zeit. Und genaugenommen ist es der Sprung von einer Sekunde auf die andere. Von 23.59 auf 24.00 Uhr oder von 24.00 auf 24.01 Uhr. Was verbindet nur alle Welt mit diesem Begriff? Gemeint ist ja die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester oder sogar bis zum 6. Januar. Die Zeit, in der man erwartungsgemäß Zeit hat, für andere und mit etwas Glück auch für sich selbst, in der man Zeit hat für den Schnitt zwischen alt und neu. Ich hab das bislang nie hingekriegt. Die endlos scheinende Zeit hatte nie