Ich bin Franz! - Roland Chrzanowski - E-Book

Ich bin Franz! E-Book

Roland Chrzanowski

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Beschreibung

Wladislaus wächst in einem ärmlichen Dorf im Osten des Deutschen Reiches nahe der russischen Grenze auf und träumt von einem besseren Leben. Nachdem er den Ersten Weltkrieg lebend überstanden hat, begibt er sich auf eine fast 1000 Kilometer lange Reise Richtung Westen bis nach Dortmund, um sich seinen Traum von einem besseren Leben zu erfüllen. Viele Rückschläge erwarten Franz, wie er sich nun nennt, in der neuen Heimat, aber er will seinen Traum nicht aufgeben.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ich bin Franz!

Migrant

im

Heimatland

Ein biografischer Roman von

Roland Chrzanowski

Für meine liebe Frau Gudrun,

meine lieben Kinder und Enkelkinder

Johannes, Lukas, Lisa,

Franziska, Nele,

Jan und Maya

Roland Chrzanowski,

Ich bin Franz! Migrant im Heimatland

1. Auflage: August 2021

Copyright © by Roland Chrzanowski

Umschlaggestaltung Copyright © by Anneliese Ovelgönner

Cover: Bierkutscher und Althoffstraße in Dortmund

ISBN der Printversion: 978-3-7549-1446-5

verantwortlich für den Inhalt:

Roland Chrzanowski

Grüner Talstraße 27

58644 Iserlohn

[email protected]

Druck:

epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Inhalt

Vorwort: Ein Gespräch

1913: Der Plan

1914: Mit Hurra in den Krieg

1915: Vier Schwestern und zwei Freundinnen

1916: Kopfschuss

1917: Verwundung

1918: Kaisers Geburtstag

1919: Aufbruch

1920: Roter März

1921: Option und Freizeitpark

1922: Die glückliche Ehe

1923: Ruhrbesetzung

1924: Die Borussia

1925: Das Grubenunglück

1926: Ein Pferd im Porzellanladen

1927: Der Boxkampf

1928: Karnevalistin und Bierkutscher

1929: Der Schwarze Freitag

1930: Kleines Glück

1931: Sophias Tod

1932: Die unglückliche Ehe

1933: Das Krisenjahr

1934: Der Vorname

1935: Im Althoffblock

1936: Weiterer Nachwuchs

1937: Ellens Tod

1938: Reichspogromnacht

1939: Polenfeldzug

1940: Die „zue“ Lohntüte

1941: In den Krieg

1942: Sind die Ruhrpolen bedroht?

1943: Bomben und Kinderlandverschickung

1944: Zwangsarbeiterinnen

1945: Versteck

1946: Not macht erfinderisch

1947: Fringsen

1948: Josefs Heimkehr

1949: Ehekrach

1950: Auf Kreuzfahrt

1951: Alltag im Wirtschaftswunder

1952: Das Ende der Bierkutschen

1953: Im Tierpark

1954: Heimarbeit

1955: Im Schwimmbad

1956: Deutscher Meister

1957: Gastarbeiter

1958: Vorurteile, immer noch

1959: Die Namensänderung

Nachwort

Vorwort: Ein Gespräch

Es gibt Gespräche, die führe ich öfter.

„Sind Sie Pole?“

„Nein, ich bin Deutscher.“

„Woher kommen Sie?“

„Ich komme aus Iserlohn.“

„Nein, ich meine, wo sind Sie geboren?“

„Ich wurde in Iserlohn geboren.“

Die nächste Frage ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

„Und Ihre Eltern?“

„Meine Eltern kommen aus Dortmund und Schwerte.“

An diesem Punkt des Gesprächs wird es für mich interessant. Wünscht mein Gegenüber eine schnelle Antwort oder erwartet ihn eine Geschichtsstunde.

Schnelle Version:

„Was bedeutet der Name Chrzanowski?“

„Das ist Polnisch und bedeutet Rettich.“

Häufig entscheidet sich mein Gesprächspartner auch für die Geschichtsstunde, indem er fragt:

„Wo kommen Ihre Vorfahren wirklich her?“

Jetzt erzähle ich von Westpreußen und den polnischen Teilungen und dass die Vorfahren meines Vaters seit 250 Jahren in Preußen bzw. Deutschland leben und der überwiegende Teil meiner Ahnen aus dem Sauerland stammen. Schließlich erwähne ich noch, dass Westpreußen inzwischen zu Polen gehört.

Letztendlich ist das Ergebnis das Gleiche, weil das Stichwort „Polen“ fällt.

Ich muss mir dann „ganz unter uns“, „scherzhaft gemeint“ die gängigen Vorurteile über Polen und Polinnen anhören und die unsinnige Frage beantworten, ob ich Polnisch spräche. Das lächele ich dann innerlich weg, weil ich vermute, dass die Denkweisen sehr tief sitzen und nicht so leicht zu ändern sind.

Die Erfahrung machen selbst noch meine Kinder und meine Enkel, obwohl inzwischen die achte Generation der Chrzanowskis in Deutschland lebt und in Westfalen bereits die fünfte Generation.

Dieser biografische Roman ist der Versuch der Nacherzählung der Geschichte meines Großvaters, der sich in schwieriger Zeit auf den Weg von Westpreußen nach Dortmund machte, um ein besseres Leben zu erreichen. Obwohl sich Franz alle Mühe gab, sich nicht nur zu integrieren, sondern sogar zu assimilieren, gab es bei seinem Vorhaben immer wieder Rückschläge und die Verwirklichung des Wunsches nach einer neuen Heimat wurde ihm, wie anderen Zuwanderern auch, oft schwer gemacht. Das Thema ist heute genauso aktuell wie vor einhundert Jahren.

Ich wünsche den interessierten Leserinnen und Lesern viel Freude bei der Lektüre der Geschichte dieses Mannes.

1913: Der Plan

Wladislaus Chrzanowski saß in der etwas schmucklosen Dorfkirche von Jastrzebie bei Strasburg in Westpreußen und fror. Wenigstens hatte an diesem kalten Sonntag das Wetter aufgeklart, sodass für die Hochzeit seiner Schwester Gina die Sonne schien. Die hieß eigentlich Genovefa, aber alle nannten sie Gina. Sie war mit ihren zwanzig Jahren vier Jahre älter als Wladislaus und heute war ihr großer Tag. Neun seiner dreizehn Geschwister waren bereits gestorben und konnten heute leider nicht mehr dabei sein. Seine Mutter Salomea und seine drei jüngeren Geschwister, Johann, Helene und Aloysius, mit denen er für gewöhnlich nicht viel anfangen konnte, belegten die Reihe hinter ihm, aber er musste als Trauzeuge ja vorne in der Nähe des Brautpaares sitzen. Ginas Bräutigam Johann Wisniewski zählte bereits sechsundzwanzig Lenze und kam aus dem Nachbarort. Wladislaus verband mit dessen Bruder Viktor eine enge Freundschaft, obwohl er schon etwas älter und verheiratet war. Der zweite Trauzeuge war der Bruder von Johann und Viktor namens Anton.

Wladislaus überlegte: `Mein Großvater hieß auch Anton nannte sich auch Wisniewski. Vor über fünfzig Jahren waren er und die Großmutter Maryanna nach der Bauernbefreiung in Russland von Rypin aus über die nahe Grenze nach Preußen gekommen. Damals gab es Unruhen und Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen. Großmutter und Großvater hatten sich dann sicherheitshalber nicht mehr Niedbalski, wie sie eigentlich hießen, sondern Wisniewski genannt. Erst im Alter kehrten sie in ihren Heimatort zurück. Nach dem Tod der Großmutter lebte Großvater bis zu seinem Tod schließlich bei ihnen im Haus.´

Wladislaus kannte Ginas Bräutigam Johann durch seinen Freund Viktor gut, und jetzt würde er gleich seine Lieblingsschwester heiraten.

Der Gottesdienst begann. Gina kam am Arm ihres Vaters Jan in die Kirche. Johann wartete schon am Altarraum auf die Braut. Wladislaus´ und Ginas Vater Jan war von Beruf Kutscher und er hatte vom Gutsherrn die Erlaubnis erhalten, das Fuhrwerk als Hochzeitskutsche herzurichten. `Eine großartige Idee´, dachte Wladislaus bei sich.

Als der Priester vom Sinn der Ehe predigte, schweiften Wladislaus´ Gedanken erneut ab: `Am liebsten würde ich von hier fort gehen. Die Deutschen haben den Polen kaum etwas gegönnt, sie haben sich das gute Land genommen und die Polen können sich als Knechte und Mägde auf deren Gütern verdingen. Sie haben weniger als das Nötigste zum Leben. Erst am Mittwoch wurde in Posen wieder eine Demonstration von der Polizei aufgelöst, nur weil im Andenken an die Januarrevolution vor 50 Jahren Revolutionslieder gesungen wurden. Hier komme ich auf keinen grünen Zweig.´

Nach dem Gottesdienst fand eine ausgelassene Feier statt. Es wurde gegessen und getrunken, geredet und gelacht. Vier Stunden später verabschiedete sich das Brautpaar und die Feier löste sich langsam auf.

Am nächsten Morgen kamen Gina und Johann, angeblich um sich bei ihren Eltern für die Feier und das Herrichten der Kutsche zu bedanken. Der Himmel war wolkenverhangen. Jan und Salomea freuten sich, dass sie ihre Tochter nun unter der Haube hatten. Das nun folgende Gespräch traf sie daher völlig unvorbereitet.

Johann begann: „Schwieher, wir müssen euch etwas sagen.“ Wladislaus und seine Eltern horchten auf.

Salomea rief: „Gina, bist du schwanger? Werden wir Großeltern?“

Darauf entgegnete Gina: „Nein, das ist es nicht. Johann und ich haben lange nachgedacht und einen Entschluss gefasst. Wir wollten mit der Verkündung aber bis nach der Hochzeit warten.“

„Um was geht es denn?“, wollte nun Jan ungeduldig wissen.

Gina fuhr fort: „Nun, wenn ich im Sommer 21 Jahre alt werde, wollen Johann und ich ins Ruhrgebiet gehen, um dort zu arbeiten. Dort verdient man besser als hier und Arbeiter werden dort dringend gesucht.“

Jan Chrzanowski war wie vom Donner gerührt: „Was redest du da? Johann ist Landarbeiter, was will er denn im Ruhrgebiet. Ohne Ausbildung wirst du, lieber Schwiegersohn, auch dort keine Reichtümer verdienen.“

Man hörte, wie es draußen zu regnen begann und Johann entgegnete seinem Schwiegervater: „Selbst ein angelernter Arbeiter verdient dort im Stahlwerk oder auf der Zeche viel mehr als hier. Viele sind bereits gegangen, auch aus unserem Dorf. Es werden z.B. in Dortmund noch viele junge Arbeiter gebraucht. Erst vor vier Wochen waren wieder Leute von dort hier und haben uns erzählt, wie gut es einem fleißigen Mann im Ruhrgebiet geht. Mein Bruder Viktor und seine Frau Anna kommen auch mit. Wir werden zukünftig in Dortmund unser Glück versuchen.“

Wladislaus hatte mit seinem Freund Viktor schon über den Plan gesprochen und wollte unbedingt mit. Er hatte jedoch versprochen, den Mund zu halten, bis sie ihn selbst verkünden würden.

Daher fiel er jetzt begeistert ein: „Ich komme mit euch. Ich denke wie ihr. Pole oder Deutscher, was heißt das schon? Ich kann genauso gut Deutsch sprechen wie Polnisch. Und schließlich wohnen wir auch in Deutschland, oder etwa nicht?“

Sein Vater Jan sagte: „Da magst du recht haben, aber schlag dir deine Pläne aus dem Kopf. Du bist noch lange nicht volljährig. Du gehst auf keinen Fall. Im Westen wird man von den Deutschen bestimmt noch mehr geschnitten als hier und du bist zu jung. Meinst du vielleicht, dass das Gras dort grüner ist als hier? Vielleicht ersteht auch irgendwann unser heiliges Polen wieder auf. Ich habe nicht für die Familie geackert, damit ihr uns alle verlasst.“

Nun regnete es wie aus Eimern gegossen. Alle sahen eine Zeitlang aus dem Fenster

„Dein Vater hat Recht“, setzte Salomea das Gespräch fort. „Ständig mussten wir umziehen: Brodnica, Cielenta, Komorowo und schließlich Jastrzebie, und immer reichte es so gerade zum Leben oder aber auch nicht. Dein Vater schuftete als Arbeiter, Knecht und jetzt als Kutscher. Immer stand für ihn die Familie an erster Stelle. Er hatte sogar nichts dagegen, als ich ihn bat, meinen alten Vater bei uns aufzunehmen und durchzufüttern.“

„Da sagst du es selbst“, bemerkte Gina, „wir wollen ein besseres Leben. Wir werden gehen. Wladislaus, du bist aber wirklich noch zu jung. Wenn du in ein paar Jahren immer noch so denkst, kannst du gerne nachkommen.“

„Dann sehen wir euch ja nie wieder!“, rief Salomea verzweifelt und weinte bitterlich.

„Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“, bemerkte Jan. „Die Deutschen werden euch nicht mit offenen Armen empfangen!“

„Wir werden es schaffen!“, sagte Johann Wisniewski mit fester Stimme. Meine Kinder sollen es mal besser haben als wir.“

Gina und ihr Mann verließen ihre Eltern und traten hinaus in den Starkregen.

Wladislaus hingegen war enttäuscht, dass er nicht mitdurfte, aber sein Entschluss war gefasst. Er musste hier weg, und zwar so schnell wie möglich.

1914: Mit Hurra in den Krieg

Die Gelegenheit von zu Hause wegzukommen ergab sich dann schneller als Wladislaus gedacht hatte. Es gab Krieg und der Kaiser rief zu den Waffen.

Anfang August traf sein Freund Viktor aus Dortmund ein. Er war auf dem Weg nach Ostrowo, der Garnison des 7. Westpreußischen Infanterie-Regiments Nr. 155. Er hatte als Unteroffizier der Reserve seine Einberufung bekommen.

Wladislaus spielte mit dem Gedanken, sich freiwillig zu melden und nicht abzuwarten, bis die Einberufung kam. Viktor war nach einem Gespräch bereit, ihn zur Garnison in dem Sonderzug zu begleiten. Mit seinen Eltern konnte Wladislaus darüber nicht reden, sie hielten ihn mit seinen achtzehn Jahren für zu jung dazu. Also suchte er seinen Onkel Franz Chrzanowski auf. Er war der älteste Bruder seines Vaters und er hatte großen Respekt vor ihm. Wladislaus´ Plan war, dass Franz ihn bei seinem Vater unterstützen könne.

Sie hatten schon öfter über ihre nationale Identität gesprochen und Franz ahnte, welche Frage seinen Neffen umtrieb: War er nun Deutscher oder Pole? Sollte er für Kaiser und Vaterland in den Krieg ziehen?

„Mein Junge“, sagte Franz, „ich weiß, welche Fragen dir durch den Kopf gehen und die Antworten darauf sind nicht so einfach.“

„Was meinst du?“, fragte Wladislaus.

„Vielleicht ist die Frage `Pole oder Deutscher´ schon falsch gestellt. Schau mal, dein Großvater Andreas, der schon lange vor deiner Geburt gestorben ist, hieß von Geburt her gar nicht mit Familiennamen Chrza-nowski sondern Rintfleisch. Er hatte sich in deine Großmutter verliebt und sie wollten heiraten. Erschwerend kam hinzu, dass er in Kongresspolen lebte, also auf der russischen Seite und zudem evangelisch war. Also konvertierte er zum Katholizismus und änderte nach der Hochzeit seinen Namen. Mutter sprach Polnisch mit uns Kindern und Vater Deutsch. Während ich eher zu deinem Großvater schlug, war es dein Vater, der sich deiner Großmutter näher fühlte. Wir sind also sowohl Deutsche als auch Polen. Dein Vater und ich sind uns allerdings einig, dass wir mit den Russen nichts zu tun haben wollen, obwohl unser Vater früher im Zarenreich lebte, wie dein anderer Großvater übrigens auch, soweit mir bekannt ist. Bei mir schlägt das deutsche Herz also etwas lauter und bei deinem Vater das polnische Herz. Das sieht man auch daran, dass deine Eltern ihren Kindern eher polnische Vornamen gaben. Trotzdem sind wir eine Familie. Auch du scheinst eher dem Deutschtum zugewandt zu sein.“

„Deutschland ist schließlich eine Großmacht und steht für technischen Fortschritt“, rechtfertigte sich Wladislaus. „Hier in Westpreußen geht es kaum voran, anderswo im Reich rauchen hingegen die Schornsteine. Gina und Johann sowie Viktor und Anna sind schon weg. Andere gehen sogar nach Amerika. Und jetzt kann ich, wenn ich mich melde, gegen Russland kämpfen, Abenteuer erleben und etwas von der Welt sehen.“

„Krieg ist eine schlimme Sache, es wird viel Leid geben“, gab Franz zu bedenken.

„Der Krieg wird schnell gewonnen sein, wie 1870/71, und Weihnachten bin ich schon wieder hier. Ich will raus in die Welt. Ich würde auch gerne meinen polnischen Vornamen ablegen und so heißen wie du.“

Das schmeichelte dem Onkel sehr und er versprach, mit seinem Bruder zu sprechen. Allerdings gab er zu bedenken, dass eine Namensänderung seit der Einführung der Standesämter vor vierzig Jahren nicht mehr so einfach sei.

Nachdem Salomea und Johann mit Franz und Wladislaus gesprochen hatten, mussten sie einsehen, dass ihr Sohn kaum mehr zu halten war und gaben schweren Herzens ihr Einverständnis, dass er Viktor nach Ostrowo begleitete und sich beim Regiment meldete. Zwei Tage später kam die offizielle Einberufung, aber da war Wladislaus schon fort.

Er würde Weihnachten nicht wieder zu Hause sein, da hatte er sich getäuscht. Er kämpfte auch nicht gegen Russland, sondern gegen Frankreich, einem Freund der Polen.

Kaum in der Garnison angekommen, erfuhren Viktor und Wladislaus, was sich in dem fünfundzwanzig Kilometer entfernten Kalisch zugetragen hatte.

Gleich zu Beginn des Krieges, am 2. August 1914 hatte das Regiment die Stadt ohne große Gegenwehr besetzt. Die Russen hatten eine Brücke und einige strategische Gebäude vor ihrem Rückzug zerstört. Die Soldaten waren von den Polen zunächst freundlich empfangen worden. Am Abend des 3. August fielen Schüsse und die Deutschen begannen die Stadt zu beschießen. Einwohner wurden aus ihren Häusern gezerrt und auf offener Straße misshandelt und teilweise erschossen. Selbst der Bürgermeister wurde zusammengeschlagen und die Ärzte wurden gehindert, den Verwundeten zu helfen. Fünf Tage später wurde das Regiment abgelöst. Danach wurde die Stadt von den Deutschen zerstört und etwa hundert Menschen wurden ermordet.

Der Krieg zeigte Wladislaus also gleich zu Beginn seine hässliche Fratze. Die deutsche Reichswehr hatte polnische Zivilisten ermordet, das gab ihm zu denken. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Nach der vollständigen Mobilmachung wurden Wladislaus und Viktor mit dem Regiment an die Westfront verlegt, wo sie bis zum Ende des Krieges blieben. Viktor wurde den Husaren in der 6. Kompagnie zugeteilt und Wladislaus zunächst dem Rekrutendepot und nach abgeschlossener Ausbildung den Fußtruppen in derselben Kompagnie.

1915: Vier Schwestern und zwei Freundinnen

In Dortmund saßen vier Schwestern namens Käthe, Berni, Elisabeth und Mary auf einer Bank und guckten den vorbeigehenden Passanten zu. Eigentlich hießen sie Katharina, Bernhardine und Maria aber ihre Spitznamen klangen ihrer Meinung nach irgendwie besser, und so nannten sie sich zum Ärger ihrer Mutter Bernhardine nie bei ihrem richtigen Vornamen. Ihr Bruder Kaspar verbrachte seine Zeit lieber mit seinen Freunden als mit seinen Schwestern, die anscheinend nur über Mode und Jungs redeten.

Käthe war begeistert von den Kleidern eleganter Frauen und sagte: „Ich will mich später auch mal mit Mode beschäftigen.“

Die 13-jährige Elisabeth stimmte ihrer ältesten Schwester sofort zu: „Ja, das wäre auch mein Traum.“

Berni und Mary kicherten nur. Da zog Käthe eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Handtasche und steckte sich eine an.

„Was machst du da? Bist du verrückt? Wenn Mutter das sieht“, entfuhr es der jüngsten Schwester Mary.

„Wird sie aber nicht“, entgegnete Käthe, „und ihr haltet euren Mund. Ich habe andere Pläne als heiraten und Kinder kriegen, ihr werdet schon sehen.“

„Kann ich auch eine Zigarette haben?“, bat nun Elisabeth.

„Werd du erst mal richtig erwachsen, das ist nichts für Kinder.“

Trotz dieser Abfuhr bewunderte Elisabeth ihre große Schwester. Wer wusste schon, was die Zukunft bringen würde.

Elisabeth war ein aufgewecktes Mädchen, an allem interessiert. Wenn ihr Vater Gustav die Zeitung gelesen hatte, guckte auch sie hinein, bevor diese als Toilettenpapier verwertet wurde. Bei ihren Sachen verwahrte sie ein Lexikon und einen Atlas. Sie liebte es, mit dem Finger über die Karten zu fahren und sich in fremde Länder zu träumen. Sie legte für ihr Leben gern Patiencen.

Gustav war selbständiger Anstreicher und wohnte mit seiner Familie in der Breiten Gasse in der Innenstadt von Dortmund. Er beschäftigte stets einen Lehrling und das Lehrgeld tat der Familienkasse zusätzlich gut.

Kaspar war zwar der Hahn im Korb, aber die Schwestern hielten zusammen und nahmen ihn oft auf die Schippe. Sie mussten jetzt noch lachen, als Mary die Geschichte erzählte, wie sie Kaspar aus dem Fenster zuriefen: Kaspar, komm rauf, wir haben ein Knäppken.“ Als er eilends die Treppe hinaufkam, hatten die Schwestern das Brot bereits vertilgt und Kaspar ärgerte sich ungemein.

Am nächsten Tag saß die zwölfjährige Sophia Malkowski träumend in der Schulbank der Suitbertusschule in der Paulinenstraße. Die Hermannschule in der Adlerstraße wäre zwar näher gewesen, aber dort gingen die evangelischen Kinder hin. Plötzlich klopfte es und Rektor Kampmann kam mit einem Mädchen in den Klassenraum.

„Was will der denn jetzt noch“, dachte Sophia furchtsam. Heute Morgen bei Schulbeginn hatte er, wie jeden Tag, verlangt, dass alle Kinder ihre Hände vorzeigten. Diejenigen, die noch schmutzige Fingernägel oder gar Hände hatten, bekamen einen Schlag mit dem Lineal auf die Hand. Heute hatte es Sophia erwischt. Sie hätte beinahe etwas gesagt und begann zu weinen, aber sie schluckte ihren Zorn runter. Sie dachte an die Worte ihres Vaters, der immer betonte, dass das Leben kein Zuckerschlecken sei und man sich nicht rechtzeitig daran gewöhnen könne. Irgendwann hatte sie sich auch wieder beruhigt, aber ihre Hände taten ihr immer noch weh.

„Ich möchte euch eine neue Mitschülerin vorstellen. Sie heißt Helene Sarach und ihre Eltern sind gerade aus Berent, das ist in Kaschubien, hergezogen. Seid nett zu ihr“, sagte der Rektor streng.

Frau Fischer, die Klassenlehrerin, begrüßte die neue Schülerin freundlich und wies ihr den Platz neben Sophia zu. Diese mochte Frau Fischer, denn sie war nett und sie schlug sie nie.

Sophia und Helene verstanden sich auf Anhieb und wurden unzertrennliche Freundinnen. Sie trafen sich auch oft außerhalb der Schule, um zu spielen und gemeinsam Hausaufgaben zu erledigen. Sophia konnte kaum Polnisch sprechen, ihre Eltern hatten ihr von Anfang an nur Deutsch beigebracht und Helene lernte schnell und sprach nach einiger Zeit akzentfrei Deutsch. Auch in ihrer Familie wurde nun kaum noch Polnisch geredet, ihre Eltern wollten sich anpassen und in Dortmund Fuß fassen.

Ihre Väter arbeiteten beide im Union-Hüttenwerk, Sophias Vater Lorenz als Blechwalzer und Helenes Vater Theophil arbeitete als Erzlader. Die Männer lernten sich kennen, weil ihre Töchter nun eng befreundet waren und sie sich ab und an in dem großen Werk begegneten.