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Hanna Secret ist Webcam-Pornostar – und verdammt stolz darauf. Keinen einzigen Tag hat sie an einem fremden Porno-Set gedreht und keinen einzigen Cent hat ein Mann bei ihr mitverdient. Denn Hanna ist der Boss bei ihren Produktionen. Sie entscheidet, mit wem sie dreht und wer zu ihr vor die Webcam kommt. Nun lässt Hanna die letzten Hüllen fallen und gewährt einen unverhohlenen Blick auf ihr Leben – auf Dinge, die sie geprägt haben, wie ihre Kindheit in der Provinz und ihre frühere Arbeit als Krankenschwester. Und natürlich auf die heimlichen Wünsche deutscher Männer, die Hanna kennt wie keine Zweite. Die delikateste Zutat ihres Buches bilden jede Menge höchst praktische Tipps für mehr Selbstliebe, besseren Sex und noch bessere Orgasmen.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2022
HANNA SECRET
MIT NICOLA FISCHER
HANNA SECRET
MIT NICOLA FISCHER
Exklusive Einblicke in mein Leben als Webcam-Girl und Pornostar
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Originalausgabe
1. Auflage 2022
© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Diana Napolitano
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildungen: © Michael Philipp Bader/© Axel Fischer (Autorenfoto N. Fischer)
Abbildungen im Bildteil: © privat/Hanna Secret – bis auf Seite 8 unten li. und re.: © George Rohde (www.karlssonmedia.com)
Satz: abavo GmbH, Buchloe
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-1948-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1681-0
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1682-7
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Prolog
Hot or not!
Der neue Pornoalltag
Man wird nicht als Pornostar geboren
Der Wendepunkt
Parallelwelten
Mein Freund, eine Idee und ich
Mein Exit
Plötzlich Pornostar
Pornfluencerin
Privater und geschäftlicher Sex
Fake Friends im Pornobusiness
Meine Schockmomente
Me, myself & I
Epilog
Es gibt Lebenswege, die sind linear, straight, von wenigen Schicksalen geschüttelt und immer von fürsorglichen Eltern flankiert, beschützt und geleitet. Und es gibt Lebenswege, die sich wie Flussadern verlieren: die Richtung, Geschwindigkeit, die Klar- und Trübheit ändern. Mein Weg ist so einer.
Ich wuchs zwischen Scheunenpartys, Ponyhof und plattem Land auf und wohin man sah – absolute Bodenständigkeit. Jeder kennt jeden. Schule, Ausbildung, Heirat, Reihenhaus, Kinder – bums und Ende. Sex? Den hat man, Licht aus, Decke drüber und den Mantel des Schweigens am besten gleich mit. Also »open minded«, das war rückblickend, was meine frühpubertierende Entwicklung so anging, sagen wir mal, eher nicht vorhanden.
Dass ich allerdings mal einen Job machen möchte, in dem ich helfe, stand für mich fest. Und diesen Job fand ich auch. Nur dann kam die Sache mit den Flussadern und mein Lebenskompass änderte sich gewaltig: Denn ich bin Sexworkerin, Pornostar und verdammt stolz darauf. Nicht einen einzigen Tag in meinem Leben habe ich dafür an einem Pornoset gedreht und nicht einen einzigen Cent hat ein Mann bei mir mitverdient. Ich bin selbstbestimmt, autark und Boss – Girl-Boss! In meinen Pornos führe ich Regie, bestimme den Ort, die Handlung, den Drehpartner, den Schnitt, das Cover. Einfach alles.
Niemand muss gut finden, was ich mache, und beklatschen, dass ich Sex vor der Kamera habe. Doch sind wir mal ehrlich: Deutsche Männer sind Weltmeister im Pornosgucken. Nur kaum einer gibt es zu. Tja, das ist so! In Zahlen bedeutet das, dass allein nur in Deutschland 12,5 Millionen Euro täglich für Online-Pornos ausgegeben werden. Die Schmach ist groß, wenn der Browser doch noch die letzte Pornoseiten-Chronik ausspuckt; entdeckt von jemandem, der das nicht wissen sollte. Die unerfüllten sexuellen Sehnsüchte sind aber noch viel größer. Denn ich kann euch sagen, Porno ist kein gesichtsloses Schmuddelfilmchen mehr, Porno ist die Sehnsucht nach Nähe und Vertrauen.
Dass ich mit meinem Aussehen, mit meinem Sexappeal einmal Geld verdienen würde und damit sogar erfolgreich sein sollte: Das hätten weder ich noch wahrscheinlich irgendeiner meiner Ex-Freunde für möglich gehalten. Heute habe ich eine 80-Stunden-Woche, zahlreiche Geschäftsmeetings, Kooperationsgespräche, drehe und schneide meine Pornofilme, bin in der Webcam, auf roten Teppichen oder werde von Journalisten und Journalistinnen für Interview-Sessions angefragt. Mit diesem Business verdiene ich so viel wie ein Typ im mittleren Management oder wie ein Pilot. Trotzdem ist Porno für die meisten gleichbedeutend mit Schmuddel-Ecke, Zwängen und ewigem Stigma.
In der Cam gelten nur meine Regeln! Habe ich keine Lust auf einen Mann, ist er ungehobelt und zu vulgär, fliegt er aus dem Chat und ich verpasse ihm einen Ban. Auch wenn immer ein Bildschirm und womöglich Hunderte Kilometer zwischen uns liegen, bestimme ich das Niveau! Die Lust ist rein virtuell, alle Körperflüssigkeiten, alle Gerüche, jedes Stöhnen, jede Pore bleibt weit weg von mir. Und das ist gut so, nur so kann ich Hanna sein. Nur so kann ich mich auf jeden noch so absurden und tiefperversen Fetisch einlassen. Und davon gibt es unfassbar viele. Im Grunde gibt es keinen Fetisch, den es nicht gibt. Glaubt mir! Und nein, das sind keine »lost people«, die wohl keinen haben, mit dem sie schlafen können. Denn gar nicht wenige, die zu mir kommen, sind in einer festen Partnerschaft, leben gut situiert oder haben gar hoch dotierte Jobs. Aber eines fehlt ihnen: Sie haben scheinbar keinen zum Reden. Die meisten Prostituierten werden es bestätigen, was auch ich als virtuelle Sexworkerin feststelle: Rund 70 Prozent in meiner Webcam-Session bestehen aus Reden und Zuhören, lediglich 30 Prozent sind virtueller Sex.
Ich bin nicht unnahbar und ich zeige fast alles – und damit meine ich nicht nur meine Pornofilme. Ich meine mein Social-Media-Leben. Man steht mit mir gemeinsam auf, frühstückt mit mir, kann mir beim Sport zusehen und mitfiebern, wenn bei mir etwas Aufregendes passiert. Man kann mir Fragesticker über Instagram schicken und sich dann zweimal in der Woche einen meiner selbst produzierten Pornos kostenpflichtig downloaden.
Für einige meiner Fans bin ich das einzige weibliche Wesen in ihrem Leben. Sie sehen mich in Ekstase, pervers, ungehemmt, spermaschluckend im Deep Throat oder erleben mich im Chat als zugewandte Freundin und beste Zuhörerin. Und das fehlt so vielen Menschen. Jemanden, der mal zuhört.
Das ist mein Rezept, das ist Hanna.
Ich möchte euch in diesem Buch einen Blick hinter die Kulissen des Pornoalltages geben und euch an den Insights, den schmutzigen, absurden und erregenden Momenten meines nicht linearen Lebens teilhaben lassen. Eine Beziehung ist zwar kein Pornofilm, aber ich kann euch mit ein paar geilen Tipps und kleinen Sex-Hacks zu echten Hotties in der Kiste, oder wo auch immer ihr es treiben wollt, machen. Eine erfüllte Sexualität stellt für sehr viele Menschen ein Grundbedürfnis dar.
Ich bin Hanna und das ist meine Geschichte.
Folgt mir in meine heimliche und surreale Welt, in der es keine Tabus gibt. Fasst euch an, fasst einander an und schenkt euch hin und wieder mal gegenseitig ein Ohr.
Let’s talk about porn!
»Sternchen, du machst mich so heiß.«
Das Sternchen, damit war ich gemeint, das war Jens’ Spitzname für mich. Jens wollte immer viel reden, sich dabei befriedigen, reden und sich dann wieder befriedigen. Das konnte stundenlang so gehen. Ich saß ihm gegenüber und trug dabei ein einfaches Top und ein Höschen. Meine Auswahl an Unterwäsche war damals noch nicht so üppig, aber den Männern schienen auch einfache Slips und BH-Sets von New Yorker zu gefallen. Mehr hatte ich nämlich nicht zu bieten.
Irgendwie war ich auch so ganz anders als all die anderen Frauen auf dem Cam-Portal. Viele wirkten auf mich so wie Frauen aus der großen, weiten Welt. Ich kam mir so unendlich klein und unscheinbar neben all den schillernden Amateur-Pornostars vor. Egal, auf welches Profil ich sah, guckten mich Silikon-Brüste, gemachte Lippen, getunte Augenbrauen und ultralange Wimpern an.
Ich war nicht so. Mein Tattoo war für mich schon etwas Besonderes. Es schien mir so, als sei ich das Mädchen von nebenan – unschuldig. Aber genau das kam an: wenn so ein Mädchen von nebenan so verdorben war. Vielleicht taufte mich Jens auch deswegen sein »Sternchen«. Jens war ein User der ersten Stunde und wieder extrem anhänglich. Eigentlich war er das immer, aber gerade dann, wenn ich Frühschicht hatte, war es besonders zehrend – die langen Cam-Sessions, die kein Ende finden wollten. Ich musste ihn regelrecht abwimmeln, weil ich schon gern drei Stunden Schlaf hatte, bevor ich auf Station sein musste.
Ich arbeitete im Krankenhaus in der angegliederten Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seit einem Jahr war ich dort und hatte mit meinen knapp 19 Jahren ein wenig Berufserfahrung hinter mir. Das Gebäude erinnerte in seiner Aufteilung an eine alte Schule. Lange Flure mit Linoleumböden. Glastüren, die wahlweise aus Sicherheitsglas waren. Am Eingang gab es eine Klingel und eine Kamera. Nicht jeder Patient kam hier ganz freiwillig hin. Einige Teenager oder fast Heranwachsende wurden auch von der Polizei gebracht und waren dann sogenannte Zwangseinweisungen. Es gab Fälle, da konnte alles passieren. Und das war für uns als Pflegepersonal auch gefährlich. Schläge, Tritte, Kratzer und Bisse, damit musste ich in gewissen Situationen rechnen. Oben auf der Station, auf der ich arbeitete, war in Zimmer 1 ein Fixierbett. Ein Bett mit Gurten, mit denen man Menschen für einen kurzen Zeitraum unter Kontrolle bringt. Bei besonders aggressiven Patienten, Verwirrten, aber auch bei Mädchen, die nicht mehr essen wollten. Da war es Vorgabe, dass immer ein solches Fixierbett bereitsteht. So eine Fixierung ist aber immer einer richterlichen und ärztlichen Anordnung unterlegen. Wir pflegten und kümmerten uns um die Personen, von denen man oft in der Zeitung oder in den Nachrichten liest. »Geistig Verwirrte, Person mit suizidalen Gedanken oder nicht zurechnungsfähig«.
Ich war mittendrin in dieser so anderen Welt. Jeder junge Mensch, der hierherkam, dem ging es psychisch wirklich schlecht. Wir waren für viele ein Anker, der im echten Leben zu fehlen schien. Ein bisschen so wie in meinem damals geheimen Nebenjob und in meinem heutigen Business. Ich habe das geführt, was man Doppelleben nennt: morgens Krankenschwester und abends Pornostar. Der Haken, den ein Doppelleben so mit sich bringt: Keiner weiß davon. Deswegen hatte ich ständig Schiss, jemand könnte dahinterkommen. Kollegen, Ärzte und Ärztinnen oder die Väter der Teenager, die bei uns regelmäßig ein und aus gingen. Ich dachte damals auch, dass es etwas Schlimmes ist, was ich da tue. Und dass ich meinen Job verlieren würde, wenn die Klinikleitung dahinterkäme.
Meine damalige Stationsleitung hieß Gisela. Sie war um die 50 Jahre alt und vom Stil so rockermäßig, hatte schwarze kurze Haare und immer ganz lässig eine Sonnenbrille im Haar. Sie traute mir viel zu und ich wollte sie nicht enttäuschen. Aber umso mehr Zeit ich mit ihr verbrachte, merkte ich, dass sie reichlich privaten Kummer hatte. Was mich zu der Erkenntnis brachte, mich einfach ganz normal zu benehmen. So würde sicherlich keiner etwas merken. Niemals hätte ich gedacht, dass ich eines Tages von meinem heimlichen Nebenjob leben kann. Ich dachte: Vielleicht verdiene ich mir etwas dazu, führe ein unbeschwerteres Leben oder kaufe vielleicht mal ein besseres Auto.
Viel Schlaf bekam ich in der Anfangszeit meines Doppellebens nicht. Es waren noch gut zwei Stunden, bis der Wecker klingelte, und Jens würde mich auch auf Station weiterhin mit Direktnachrichten über das Portal antickern. Der Vorteil war, dass ich an jeder Nachricht, die er schrieb, knapp einen Euro verdiente. Die anderen 1,20 Euro gingen an das Portal, auf dem ich angemeldet war. Der Nachteil an den Textergüssen von Jens: Es fiel mir immer schwerer, diese zwei beruflichen Welten zu trennen. Es war inzwischen vier Uhr am Morgen, Jens redete viel über seine Arbeit bei einem Flugzeughersteller, über seine Frau und über alles, was ihn so beschäftigte. Dabei masturbierte er. Manchmal switchte er zwischen Erzählungen und seiner hemmungslosen Geilheit. Er sagte, er sei verliebt in mich und nicht mehr in seine Frau. Jens müsste in den Vierzigern gewesen sein, ein bisschen zu dick, ein bisschen zu schmalzig lagen die Haare und ein bisschen zu ungesund wirkte der Gesamteindruck. Aber er strahlte wie ein verliebter Teenager über beide Ohren, wenn er mich auf dem Bildschirm sah. Nach ungefähr einer Stunde wimmerte er in sein Head-Set-Mikrofon: »Sternchen, zeigst du mir dein Löchlein?« Daran musste ich mich schnell gewöhnen, denn der Großteil der Männer redete von Löchern, wenn sie das weibliche Geschlechtsorgan und den Anus meinten. Eigentlich ist das nicht mein Style, denn ich hatte immer verniedlichende Kosenamen für meine Pussy. Aber der Großteil der Männer steht eben auf die derbe Ausdrucksweise. Pussy hörte oder las ich beispielsweise kaum bis gar nicht.
Irgendwann hat Jens’ Frau Wind von seinen Cam-Sessions mit mir bekommen und ihn vor die Wahl gestellt. Die Cam oder ich! Da er sich so leicht nicht entscheiden konnte, lebte er zunächst in einem Schwebezustand. Bei dem er für sich die perfekte Lösung parat hatte. Er durfte zu Hause nicht mehr mit mir camen, weshalb er sich so ein Modem besorgt hatte, das er vom Auto aus benutzte. Und so saßen wir also da: er in seinem Firmenwagen auf dem stoffbezogenen Beifahrersitz, seine Hand immer wieder an seinem Schwanz, und ich bei mir in meiner Wohnung in der schleswig-holsteinischen Provinz auf die tickende Uhr schielend.
Für mich war das neu, dass sich so viele Männer an mir erregten und nur darauf warteten, dass ich endlich online ging. Ich lernte mit jeder Session dazu. Lernte, wie ich die Männer heißmachen konnte. Und jeder Einzelne hatte da ganz besondere Vorstellungen. Für die einen war es, dass ich meine Brüste knetete und meine Brustwarzen steif werden ließ, bei dem anderen war es der kurze Rock ohne Slip darunter. Es dauerte nicht lange, dann hatte ich bei fast jedem die Vorlieben parat. Damit das perfekt saß und sich wirklich auch jeder Mann individuell und wichtig fühlte, habe ich mir zu allen Usern Notizen gemacht.
In den Cam-Sessions konnte ich darauf immer zurückgreifen, ohne das mein Gegenüber das merkte. Ich notierte mir, was die Männer arbeiteten, was sie gerade für Sorgen hatten und natürlich worauf sie standen. Alle Informationen waren gleichermaßen wichtig: was sie bewegte, was sie erregte. Das ist ja genau das, was vielen Männern im Alltag fehlt. Eine aufmerksame Partnerin. Meine Notizenliste von Jens wurde derweil immer länger, und das war gut so. Denn ich hatte schon zu Beginn das Gefühl, dass das mit ihm entarten könnte. Dass ich für ihn vielleicht zu einer Art Suchtfaktor werden würde. Ich verabschiedete mich im Morgengrauen von Jens, weil ich jetzt wirklich zum Frühdienst musste. Wie er mit dem wenigen Schlaf durch den Tag kam, das kann man nur erahnen.
Würde man mein damaliges Leben aufzeichnen, würde ein Geodreieck genügen. Denn irgendwie bewegte ich mich ausschließlich in einem Dreieck. Zu Hause, Krankenhaus, Sport – und wieder von vorn. Zu Hause schlief und arbeitete ich vor der Cam, im Fitnessstudio trainierte ich an mindestens fünf Tagen in der Woche. Damit ich genau den Körper habe, mit dem ich noch mehr Männer in meinen Bann ziehen konnte. Ich war ein schlanker Typ und es war mir auch sehr wichtig, schlank zu sein. Da achtete ich extrem drauf, ich brauchte diese Kontrolle über mich. Weil vieles in meinem bisherigen jungen Leben außer Kontrolle geraten war. Manchmal schien es mir so, als würde ein rasender Zug voller Unheil an mir vorbeirauschen.
Reisende kann man nicht aufhalten und kranke Menschen nicht immer heilen. Der Vater, der unsere kleine Familie verließ, unsere Mutter, die alleinerziehend für uns fünf Kinder schuftete und von denen eines starb – mein Bruder. Ich glaube, es gibt für eine Mutter nichts Schlimmeres, als wenn das eigene Kind vor einem geht. Das alles war der absolute Kontrollverlust für eine Heranwachsende wie mich. Ich fand diesen Halt in meiner Arbeit als Krankenschwester wieder. Sich kümmern, sich um andere sorgen und für andere da sein – auf einmal machte alles wieder einen Sinn.
Und so bewegte ich mich in meinem Lebens-Dreieck mit dem Fahrrad, das war praktisch. Nach einer Schicht war ich innerhalb von drei Minuten zu Hause. Dort begann dann wieder mein anderes, mein heimliches Leben. Auf das ich mich, wenn sich meine Krankenhausschicht dem Ende neigte, ein bisschen freute. Niemand hätte von mir gedacht, dass ich so eine Seite an mir habe. Irgendwie war das auch mein kleiner persönlicher Thrill. Weil ich eigentlich sehr angepasst war, fast schüchtern. Da ich oft für andere Kolleginnen eingesprungen bin und die ungeliebten Spät- und Nachtdienste übernahm, war ich schnell eine anerkannte Kollegin. Ich war die Jüngste und schob somit eine Nachtschicht nach der anderen. Kolleginnen mit Kindern bekamen da immer Vorrechte. Das wurde so gehandhabt und das empfand ich auch als richtig so. Ich hatte ja niemanden, um den ich mich kümmern musste, den ich abholen oder bekochen musste, wie die Mamis bei uns auf der Station.
Dafür hatte ich Dutzende sexhungrige Männer in der Cam – aber die konnten warten. Die wussten ja, wann ich sie wieder am Bildschirm empfange. Ich fing an, mit einem Stundenplan zu arbeiten, meine Cam-Zeiten waren jetzt für jeden online einsehbar. Mit diesem Dienstplan war ich gebunden und ich bekam auch einen besseren Überblick über meinen Nebenverdienst. Und der wuchs – und zwar exponentiell.
Ich nahm meinen Job auf der Station sehr ernst. Immerhin war ich eine wichtige Schnittstelle zwischen den Jugendlichen, den Therapeuten und den Erzieherinnen. Für viele Teenager war ich deshalb eine wichtige Bezugsperson. Sie versuchten herauszubekommen, wie unsere Dienstpläne waren, und sie wussten leider auch genau, wie sie besonders viel unserer Zeit, sagen wir mal, »bekommen« konnten.
Samantha war mit ihren 17 Jahren bereits eine Dauerpatientin. Wir kannten sie alle und sie wurde bei uns immer wieder beherbergt. Ihre Akte war ein Trauerspiel. Als Kind wurde sie missbraucht, die Mutter war schwer drogenabhängig und Samantha begann, sich dauerhaft selbst zu verletzen. Sie ritzte sich in ihre Arme und drohte immer wieder, sich umzubringen. Weil es keinen Erziehungsberechtigten mehr gab, der sich hätte kümmern können, lebte sie in einer betreuten Wohngruppe. Allerdings brach sie dort immer wieder aus und wurde uns von der Polizei gebracht. Irgendwann gab es einen Beschluss, sodass wir sie dauerhaft aufgenommen haben. Samantha hat oft auf mich gewartet, wenn mein Dienst anfing. Sie sprang mir dann in die Arme und freute sich. Allerdings sind solche Jugendlichen oft manipulativ und können auch übergriffig werden und man muss sie begrenzen. Nur mit einem gesunden Abstand kann man sich als Arzt oder Pflegekraft um Patienten kümmern. Die Tatsache, dass sie mir vertraute, hatte allerdings den Vorteil, dass Samantha mir immerhin Kugelschreiberminen, Besteck aus dem Tagesraum und Gummihandschuhe aushändigte. Alles Gegenstände, mit denen unsere jungen Patienten sich Selbstverletzungen hätten zufügen können. Mit dem Gummihandschuh hätte man sich beispielsweise strangulieren können.
Eines Abends, zu Beginn meiner Schicht, saß ich in meinem Glaskasten und Samantha klopfte. Ich machte mir gerade Notizen für die Übergabe und öffnete vorsichtig die Tür des Dienstzimmers. Sie sagte: »Ich bin fertig«, und grinste mit weit aufgerissenen Augen. Ich sah, dass an ihren Armen durch die Verbände das Blut sickerte. Sie hatte es in den Vortagen scheinbar geschafft, sich zu ritzen, und verletzte sich dabei so stark, dass die Schnitte genäht werden mussten. Sammy war ganz blass und die Unterarme waren so doll verletzt, dass die Schnitte richtige Wulste waren. Diese Wundversorgung war dann natürlich Aufgabe des Pflegepersonals, also mein Job. Sofern ich dann Dienst hatte. Samantha wusste das, sie wusste, dass sie dadurch mehr Zeit mit mir verbringen konnte. Sie tat mir schrecklich leid. Trotzdem hatten wir alle die Hoffnung, dass das mit Sammy eines Tages ein gutes Ende nehmen sollte. Schließlich waren wir ihre Heimat, ihre Ersatzfamilie. Die Arbeit auf der Station ließ mich schnell erwachsen werden, machte mich feinsinniger, aber härtete mich gleichzeitig auch ab. Gegen das, was ich dann nachts in meiner Webcam all die Jahre erleben sollte.
Der Vorstandsvorsitzende eines Großkonzerns, der Fußballspieler aus der Bundesliga, der unsichere Mittzwanziger oder der angepasste Familienvater im Homeoffice. Alle haben etwas gemeinsam: Solche Typen kommen zu mir in die Cam und leben aus, was wahrscheinlich kein anderer Mensch über sie weiß. Kein gesellschaftlicher Rang, kein Familienstand, kein Bildungsgrad, kein Beruf oder die Darstellung nach außen lassen Rückschlüsse zu, ob man jetzt besonders perverse oder nicht perverse Sexwünsche hat.
Jetzt könnte man fragen: Wer gibt denn Geld für keinen echten Sex aus? Aber so einfach ist es nicht, denn den Usern genügt die Fantasie und dass sie mich in dem Moment ganz für sich haben. Ich habe einen großen Fundus an Kostümen, an Schuhen und vielen Sextoys, die täglich zum Einsatz kommen. Für einige Typen ist der Blaumann extrem anturnend. Andere lieben es, wenn ich dreißigmal hintereinander das Wort »Scheide« sage. Die Fantasien sind so weit auseinander, wie Menschen in ihren Neigungen und Ansichten eben auseinanderliegen können. Unendlich.
Knapp die Hälfte der User möchte nur mit mir sprechen. Über den Alltag, die Beziehungs- oder Erektionsprobleme. Oder sie fantasieren Stunde um Stunde, Euro um Euro und nutzen den Kanal als Ventil ihrer heimlichen, ihrer verbotenen Lust. Lust, die im eigenen Schlafzimmer keinen Einzug erhalten hat. Ich habe gerade am Anfang meiner Karriere auffallend viele Ärzte in der Webcam gehabt, die regelrechte Anal-Fetischisten waren. Da konnte ich mir dann die Arztgattin dazu ganz gut vorstellen. Womöglich haben sie sich einfach nie getraut, sie mal nach versautem Analverkehr zu fragen. Viele gehen mit mir stundenlang Rollenspiele durch, in denen ich die beste Freundin der eigenen Ehefrau bin, oder ich muss gebetsmühlenartig erzählen, was für ein Versager mein Gegenüber ist. Es gibt auch die sogenannten Schnellspritzer, da reicht es beinahe, wenn ich nur andeute, dass ich mich anfasse. Es gibt einfach alles, was man sich vorstellen oder auch lieber nicht vorstellen mag.
Viele haben feste Rituale. Manche User kommen seit Jahren und trauen sich auch immer ein Stückchen mehr. Über einige weiß ich Privates, oder etwa, was sie beruflich machen. Sie sind es auch, die mich immerzu beschenken und mir Dinge von meiner Amazon-Online-Wunschliste kaufen und schicken. Da ist von Sneakers über teure Handtaschen oder einem Hundebettchen fürs Auto alles dabei. Wenn diese Dinge dann zum Einsatz kommen, poste ich die tollen Geschenke in meiner Instagram-Story und die User freuen sich! So mache ich mich zum Pornostar, der fast zum Anfassen nahe ist. Aber auch nur fast. Klar verkaufe ich auch getragene Höschen, wenn es sein muss. Einige User fragen auch nach Slips mit »Bremsspur« darin. Da lehne ich dann trotz verlockendem Verkaufspreis ab. Getragene Socken sind natürlich auch hoch im Kurs, aber das ist für mich inzwischen zu viel Aufwand. Die Zeit habe ich einfach nicht mehr. Das klingt vielleicht abgehoben, ist so aber gar nicht gemeint. Ich muss Filme drehen, schneiden und sie vermarkten. Das ist ein knallhartes Business, und wer nicht schnell oder kreativ genug ist, der ist schnell wieder weg vom Fenster. Es ist ein Geschäft mit der Lust anderer, aber auch mit der eigenen Selbstdisziplin und Belastbarkeit.
Ich fülle meinen Körper, meine Hülle, mit Leben und dabei spiele ich trotzdem niemandem etwas vor: Denn jeder weiß, dass man mich nicht treffen kann. Es wird immer ein Bildschirm zwischen uns sein.
Ihr ahnt es. Ja, ich möchte euch zumindest ein wenig eingrooven auf das, was jetzt kommt. Es gibt User, die vergisst man einfach niemals. Nicht, weil sie besonders pervers sind oder sexuelle Vorlieben haben, die sich ganz locker ins Kuriositätenkabinett einreihen können. Nein, wisst ihr, ich bin mal Krankenschwester geworden, um zu heilen. Um Menschen bei ihrer Genesung zu helfen. Und dann lernte ich durch meinen neuen Job Menschen kennen, bei denen ich eher dabei zusehen musste, wie sie sich zerstören. Da es keinen Fetisch gibt, den es nicht gibt, musste ich damit einen Umgang finden: Denn es gibt einige Leute, die Lust scheinbar nur über Schmerzen empfinden können. Und so war es auch bei Tobias.
Als Tobias das erste Mal zu mir in die Cam kam, zeigte er sich zunächst nur vorsichtig. Ich muss dazu sagen, dass sich die Mehrheit meiner User nicht offen zeigt. Mit Ausnahme von Penis und Händen, versteht sich. Die Angst, erkannt zu werden, ist bei vielen einfach zu groß. Aber Tobias fuhr die Salami-Scheiben-Taktik und zeigte jedes Mal ein wenig mehr von sich. Irgendwann sah ich ihn dann in Gänze. Nackt sitzend auf seinem schwarzen höhenverstellbaren Bürostuhl. Der Hintergrund ist bei dem Bildausschnitt manchmal nur schemenhaft erkennbar. In diesem Fall sah es für mich wie ein aufgeräumtes Arbeitszimmer aus. Das entspricht eigentlich so dem Standard-Bild, was sich mir oft bot.
Tobias war ein attraktiver Mittvierziger. Glatt rasiertes Gesicht, strahlend helle Augen, volles dunkelblondes Haar und auffallend gepflegte Hände. Tobi wirkte wie ein Geschäftsmann, hatte gute Manieren und war irgendwie sehr sortiert im Kopf. Er fragte mich nach extrem hohen High Heels, umso spitzer und höher der Absatz, desto besser.
Okay, wieder ein Fußfetischist, dachte ich. Aber ich sollte mich irren. Ob ich ihn dominieren könne, wollte er wissen. In der Regel wünschten sich dann Männer von mir, dass ich sie aufs Übelste beleidige oder sie auf dem Boden kriechen lasse. Aber darum ging es Tobi nicht.
»Hanna, hast du ein Nudelholz oder einen Fleischhammer zu Hause?«, fragte Tobias bestimmt. Ihr habt keine Vorstellung, was ich in den letzten Jahren über die Zweckentfremdung von banalen Haushaltswaren habe erfahren müssen. Von der Reißzwecke bis hin zur Wäscheleine. Eines muss man den Männern lassen. Sie kommen auf die wildesten Ideen. Tobias wollte also den Fleischhammer, den hatte ich aber nicht, aber leider hatte er sich einen besorgt. Und jetzt wusste ich, was er von mir wollte. »Ballbusting« nennt man diesen Fetisch. Tobi fand Gefallen darin, wenn er Gewalt gegen seine Eier, also seine empfindlichen (!) Hoden erfährt. Er wollte, dass ich ihm dabei zusehe, wie er seine Eier malträtiert. Autsch!
»Darf ich dein Eiersklave sein, meine schöne Hanna?«, brach es aus ihm heraus. Tobias erzählte mir, dass er einfach keinen hochbekommt, und sich dann mit Tritten und Schlägen in seine Eier selbst bestraft. Das würde er relativ regelmäßig machen und dadurch Erregung empfinden.
Einmal befüllte er einen Strumpf mit ganz viel Münzgeld und fing an, sich in der Cam-Session immer wieder auf den Sack zu schlagen. Meine Rolle wurde die der Zuschauerin. Dabei sollte ich kommentieren, was ich sah, und ihm auch Instruktionen geben. Ich hatte mich im Lauf der vergangenen Monate an den Anblick seiner Eier mehr oder weniger gewöhnt. Sie sahen furchtbar aus. Das hier war echt hardcore. Seine Eier waren ungelogen und ohne Übertreibung zehnmal so groß, wie Hoden so sein sollten. Ich bin mir sicher, der Tobi hat sich die Eier impotent gekloppt, der arme Kerl. Ich fühlte mich bei den Sessions aber nicht schuldig, denn ich könnte und würde ihm ja nie physisch wehtun. Aber verbal konnte ich in ihm die Erniedrigung auslösen, die er sich so sehr wünschte. Irgendwann hatten diese Termine mit ihm im Chat einen ganz klaren, ja fast orchestrierten Ablauf. Er hatte das alles, sagen wir mal, professionalisiert. Die Sessions waren Tage im Voraus vereinbart, und wenn er in die Cam kam, dann lag schon alles an Utensilien bereit. Das sah dann ein bisschen aus wie OPBesteck, je nachdem, was er sich für den Termin eben so ausgedacht hat. Wahlweise lag da ein Baseballschläger, ein Fleischhammer, Kabelbinder, Gummibänder. Im Prinzip alles, womit man schlagen, peitschen oder abschnüren kann.
Als Auftaktfrage sollte ich immer fragen, wann er sich das letzte Mal in die Eier geschlagen hatte. Wenn ich ihm diese Frage stellte, wurde er heiß. Das sah man seinem Schwanz aber kaum an. Ich erkannte es eher an leichtem Schweiß auf der Stirn und seiner schneller werdenden Atmung. Tobias hatte keinen Sex mit Frauen, ich glaube, das ging auch gar nicht mehr. Sein Penis wirkte irgendwie wie abgeknickt. Und wenn er anfing zu wichsen, dann sah das ganz seltsam aus. Er nahm sein Ding zwischen seine zwei Zeigefinger. Irgendwann ejakulierte er dann und es tröpfelte verhalten aus der Samenröhre heraus, um es mal medizinisch auszudrücken.
Ich hätte Tobias so gern mal zum Urologen geschickt, um zu gucken, was da noch heil ist. Aber es nützte alles nichts, er fand seine Erregung nur in der Bestrafung seiner Eier. Tobias war fast drei Jahre ein regelmäßiger User in der Cam. Rund 20 Minuten dauerte das Schauspiel, inklusive An- und Abgesang und dem Malträtieren der Klöten. Er war für mich der erste Mann, der solche extremen Schmerzen erfahren wollte, und glücklicherweise blieb er auch der einzige.
Ihr glaubt, dass es bei Nudelholz & Co blieb? Fehlanzeige. Wartet mal ab, bis ihr euch zu meinen Schockmomenten durchgelesen habt. Aber nichts überspringen!
Es war mal wieder Cash-Cow-Stimmung in meinem kleinen Arbeitszimmer. Heißt, ich hatte viele verrückte User-Wünsche, die sich aber leicht und ohne komplettes Entblößen erfüllen ließen.
In meinen Anfängen standen einige Typen total auf das Catwalk-Training. So nannten es die Männer. »Hey Hanna, können wir heute wieder Catwalk-Training machen und ich sage dir, wie du dich bewegen sollst?« Danke, bitte, gern! Besser geht es doch gar nicht, dachte ich mir in den Anfängen. Kein Dildo, kein »Zeig mir deine Löcher«, einfach nur hin- und herlaufen.
Meine Aufgabe bestand darin, die wenigen Nylonstrümpfe, die ich damals so hatte, mit High Heels zu präsentieren. Die User haben mir dann gesagt, wie schnell oder langsam ich gehen sollte. Hier ein bisschen mit dem Po wackeln, da einen Modelblick machen und an den Nylons zuppeln. Darauf standen einige Typen so sehr, dass sie schon abspritzten, wenn ich die Nylons das erste Mal anfasste. Ich glaube, diese Dinger haben etwas Magisches, denn auch heute stehen die noch hoch im Kurs.
Ich muss jetzt aber mal für einige, hoffentlich viele Frauen eine Lanze brechen: Ich finde die Dinger so unpraktisch, nervig, unnütz und extrem unbequem. Erst recht in der Verbindung mit Strapsen. Ehrlich, die bringen niemandem etwas und sehen nur geil bei einem Fotoshooting aus. Aber beim Sex, wenn man diesen mal ohne Kamera und ohne Inszenierung hat, einfach nur überflüssig. Sorry. Aber ich werde im Lauf meiner Erzählungen mit Sicherheit noch die eine oder andere (Porno-)Illusion zerstören.
Inzwischen war meine Wirkungsstätte zwar noch weit weg von meinem heutigen Set-up, aber ich lernte immer mehr dazu. Im Elektrofachmarkt habe ich mich mit Laptops und einer besseren Webcam ausgestattet und online habe ich mir ein besseres Schnittprogramm gekauft. Immerhin musste ich jede Woche zwei Filme drehen und schneiden! Den ganzen Schnittkram der Videos, erstellen von Thumbnails und guten Pornotiteln, das alles war so learning by doing. Das Einzige, was in den Anfängen fehlte, das war Licht. Ich hatte noch keine LED-Flächen, sondern nur so eine kleine Funzel an der Zimmerdecke. Licht von oben ist immer schlecht und kann auch unvorteilhaft sein. Das wusste ich damals natürlich nicht. Aber, das alles sollte ja ursprünglich auch nur ein kleiner Nebenjob sein.
In die Reihe der easy Jobs vor der Cam reihte sich auch das Eincremen und das Eisessen ein. Beim Eincremen konnte ich das Nützliche mit dem Praktischen verbinden. Ich hatte einige User, denen lag das Penetrieren scheinbar nicht so. Denn sie wünschten sich von mir, dass ich mich vor der Cam ewig und gefühlte drei Tage einfach nur eincremte. Ich hatte einen User, bei dem musste ich immer vorgeben, dass ich gerade aus der Dusche komme. Also pudelnasse Haare, verlaufener Mascara und ein dicker Bademantel, das gehörte dann alles zum Repertoire. Und natürlich durfte danach das Eincremen nicht fehlen. Oder besser gesagt die Eincremen-Orgie. Denn ich musste mich teils eine Stunde lang eincremen. So, dass ich mit dem Rücken zur Webcam stand und mir ganz langsam und intensiv den Po eincremte. Immer und immer wieder drückte ich mir die Bodylotion in die Hand und cremte damit ohne Unterlass meinen Po ein. Da ich mit dem Rücken zur Cam stand, wusste ich natürlich nicht, was der User gerade so trieb, oder besser gesagt: ob er es noch mit seiner Hand trieb. Blöd war immer, wenn ich cremte und cremte und der nette junge Mann war dann schon offline. Weil er schon längst abgespritzt hatte. Die sogenannten Schnellspritzer. So nannte ich die Typen, die echt nach nicht einmal ein oder zwei Minuten ejakulierten.
Ich habe mir als Sexworkerin schnell angewöhnt, dass die Männer im Chat sich gefälligst zu benehmen haben. Den längeren Hebel hatte ich ja durch den Bildschirm, die vermeintliche Nähe, die ja gleichzeitig eine unheimlich hilfreiche Distanz war und ist. Bedeutete im Klartext: Hatte ich keine Lust auf einen Mann, also war er ungehobelt und zu vulgär, flog er aus dem Chat. Tja, was aber tun, wenn jemand einfach schlechte Manieren hatte? Weder Danke, Bitte oder Tschüss sagte? Ganz einfach: immer wieder eintrichtern, dachte ich.
