Ich bin jetzt Soldat - Achim Hammelmann - E-Book

Ich bin jetzt Soldat E-Book

Achim Hammelmann

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Beschreibung

Ich bin jetzt Soldat,... schreibt der neunzehnjährige Werner am 19. April 1942 aus Rendsburg an seine Mutter. Nicht reißerisch, wenig politisch, eher bemüht, das 'Schreckliche' mit den eigenen Worten zu verklären und abzumildern, sind diese 280 Briefe ein Zeitfenster in das Leben einer ganz normalen Hamburger Familie in den Jahren 1942 bis 1946. Nationalsozialismus, Krieg, Fronteinsatz, Feuersturm in Hamburg, Verlust der Heimat, Verwundung, Lazarett, Gefangenschaft, Tod der nächsten Angehörigen… Aus den Texten erschließt sich ein nahezu lückenloses Zeitdokument des alltäglichen Lebens der durch den schrecklichen Krieg in alle Richtungen versprengten Familienmitglieder. Beim Lesen wird man zum Zeitzeugen dieser tragischen Geschichte und nimmt hautnah Teil an dem persönlichen Schicksal der schreibenden Personen. Die Briefe der Familienmitglieder vermitteln einen bewegenden, unmittelbaren und puren Einblick in den ganz normalen Wahnsinn der Kriegsjahre...

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Achim Hammelmann

Ich bin jetzt Soldat

1942 - 1946, das Leben einer Familie aus Hamburg in 280 Briefen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Ich bin jetzt Soldat

1942

1943

1944

1945

1946

Impressum

Vorwort

1942 – 1946 

Krieg, Fronteinsatz, Gefangenschaft. 

Tragische Jahre einer ganz normalen Hamburger Familie 

in 280 Briefen. 

Nicht reißerisch, wenig politisch, eher bemüht, das 'Schreckliche' mit den eigenen Worten zu verklären und abzumildern, sind diese 280 Briefe ein Zeitfenster in das Leben einer ganz normalen Hamburger Familie in den Jahren 1942 bis 1946. Nationalsozialismus, Krieg, Fronteinsatz, Feuersturm in Hamburg, Verlust der Heimat, Verwundung, Lazarett, Gefangenschaft, Tod der nächsten Angehörigen…

Aus den Texten erschließt sich ein nahezu lückenloses Zeitdokument des alltäglichen Lebens der durch den schrecklichen Krieg in alle Richtungen versprengten Familienmitglieder. Beim Lesen wird man zum Zeitzeugen dieser tragischen Geschichte und nimmt hautnah Teil an dem persönlichen Schicksal der schreibenden Personen. Die Briefe der Familienmitglieder vermitteln einen bewegenden, unmittelbaren und puren Einblick in den ganz normalen Wahnsinn der Kriegsjahre.

Alle Texte sind korrigiert. Der persönliche Ausdruck und Sprachstil wurde dabei erhalten. Die Schreibweise entspricht der damals gültigen Rechtschreibung.

Ich bin jetzt Soldat

Liebe Mutti, 

ich bin jetzt Soldat,...

schreibt der neunzehnjährige Werner im April 1942 aus Rendsburg an seine Mutter.

...(mit einer alten Uniform) aber ich fühle mich noch nicht so. 

Meine Adresse ist: 

Schütze W. H., Rendsburg 

2.J.E.B.469 

Schreiben hat keinen Zweck, denn ich komme diese Woche noch weg von hier. 

Herzliche Grüße von 

Deinem Werner 

Die Familie lebt in Hamburg im schönen Stadtteil Uhlenhorst. Mutter Gertrud, Vater Adam, die Söhne Werner, geb. 1923 - und der jüngere Bruder Walter, geb. 1926. Der Großvater Max, der Vater von Gertrud - auch er lebte bei der Familie. Der Vater Adam fährt zur See; ist Obersteward auf dem Hamburg-Süd-Dampfer ’Cap Arcona‘. Das Schiff fährt bis Kriegsbeginn im Liniendienst von Hamburg nach Südamerika. Wie alle zivilen Schiffe wird auch die 'Cap Arcona' mit Beginn des Krieges der Kriegsmarine unterstellt und muss als Kasernenschiff dienen. Das Schiff ist in Gotenhafen, heute polnisch Gdansk, stationiert. Der Vater Adam ist so gut wie nie zu Hause in Hamburg bei seiner Frau und den beiden Söhnen.

Noch im April schreiben Werner und Walter dem Vater zu Ostern je einen Brief:

Hamburg, d. 3.IV.42

Mein lieber Papi. 

Eigentlich habe ich mich noch gar nicht genug für Dein großes Geschenk zum Abitur bedankt, und ich glaube auch, daß ich es nicht verdient habe. Das Abitur habe ich zwar bestanden, aber die einzelnen Zeugnisse sind bestimmt nicht so ausgefallen, wie ich es mir ursprünglich gedacht hatte. Bei der Prüfung hat man mir nicht einmal eine Chance gegeben, sie zu verbessern, aber es wird ja später niemand nach den einzelnen Zeugnissen sehen, die Hauptsache ist, daß ich das Abitur habe. Jetzt kann ich mit ruhigem Gewissen zum Militär kommen, eine Einberufung habe ich zwar noch nicht, aber ich kann jeden Tag damit rechnen. 

Dann hört natürlich das schöne Leben auf und der Ernst beginnt, doch ich werde mich auch daran gewöhnen können. Einige aus meiner Klasse sind schon zum Arbeitsdienst gekommen oder haben eine Einberufung, so daß es also mit mir auch nicht mehr lange dauern kann. Andere meiner Mitschüler, die ein Jahr jünger sind als ich, haben für ein halbes Jahr eine praktische Lehrstelle angenommen, kommen dann zum Arbeitsdienst und dann dürfen sie studieren, ohne vorher bei der Wehrmacht gewesen zu sein. Ich dagegen muß, falls der Krieg noch sehr lange dauern sollte, eine 4jährige Fronttauglichkeit ablegen, um studieren zu können. 

Vielleicht aber werden noch andere Bestimmungen erlassen, um das Studium zu erleichtern. Sonst werden wir noch alte Leute, ehe wir einen Beruf ergreifen können. 

Was macht eigentlich Edgar, hat er Dich schon einmal besucht, oder Du ihn? Ihr seid ja jetzt nicht mehr so weit von einander entfernt und Edgar hat wenigstens jemanden, der zur Familie gehört und den er besuchen kann. Für ihn aber ist jetzt nur die Hauptsache, daß er bald fliegen darf und zum Einsatz kommt. Vielleicht habe ich ja Glück und komme mit ihm zusammen oder vielleicht sogar zu Dir in die Nähe, dann hätte ich es während der Rekrutenzeit bestimmt nicht schlecht und es würde auch wenigstens alle Tage jemand kommen, um seinen armen Sohn zu besuchen und ihn weinend fragen, wann er doch endlich wieder nach Hause käme. So wird es doch sein, nicht wahr? Aber auf keinen Fall anders, Ihr werdet Euch noch freuen, wenn ich mal auf Urlaub komme, die Wände werde ich nicht küssen, sondern ihr werdet mir um den Hals fliegen!! 

Doch Scherz bei Seite, die Hauptsache ist ja, daß wir uns recht bald bei guter Gesundheit wiedersehen dürfen. Für heute wünsch’ ich Dir ein frohes Osterfest und grüße Dich herzlich, 

Dein Werner 

Mein lieber Papi! 

An erster Stelle möchte ich Dir einmal ein fröhliches Osterfest wünschen. Ferner möchte ich Dir nochmals danken für die Mühe, die Du Dir bei meiner Konfirmation gemacht hast. Ich kann es nicht vergessen, wie schön die war. Alle Gäste waren begeistert. Besser hätte es im Frieden auch nicht sein können. Auch für die 100 Mark noch herzlichen Dank. Ich habe schon alles auf die Sparkasse gebracht. Nun habe ich zu alle dem vor ein paar Tagen von Mutti noch ein schönes Konfirmationsgeschenk bekommen. Und zwar einen Sommermantel. Ganz prima Qualität. Ein italienischer, ganz heller Baumwollmantel. Mutti hat es sich allerhand kosten lassen. Dafür kann ich ihn aber noch viele Jahre tragen. Da er ja nun von Dir ist, will ich mich noch mal besonders bei Dir bedanken, was hiermit getan sein soll. 

Ich kann Dir noch zu Deiner Beruhigung mitteilen, daß wir bis jetzt keinen Alarm mehr hatten. Das würde auch für die Tommys ein Wagnis sein, bei der jetzigen Abwehr. So ist es in Lübeck oder gar Münster fast unmöglich. 

So, mein lieber Papi. Nun will ich Schluss machen, denn ich muß mich noch verschiedentlich bedanken für die Aufmerksamkeiten, die man mir zu meiner Konfirmation geschenkt hat. 

Sei nun vielmals gegrüßt und geküsst von 

1942

25. Mai 1942

Liebe Mutti, lieber Walter u. lb. Opa. 

Nach zwei „wunderbaren“ Pfingsttagen komme ich endlich dazu, den Sonnabend abgeschickten und leider nur sehr flüchtigen Brief fortzusetzen. Jetzt alles der Reihe nach: Am Sonnabend nachmittag war ich sehr angenehm enttäuscht worden, sage und schreibe bekam ich 6 Päckchen, sowie 2 Briefe: 5 von Dir mit Zigaretten, Kuchen, Wurst, von Papi ein Päckchen mit Zig. und von Dir und Edgar je einen Brief. Ich kann Dir sagen, ich war wie aus dem Häuschen, und ich bin Dir so sehr dankbar für alles und daß Du so an Deinen alten Sohn denkst. Den Kuchen habe ich gleich aufgegessen, nachdem ich den ersten auf hatte, auch die Wurst habe ich mir gut schmecken lassen, denn, was aus der Heimat kommt, überhaupt das von Muttern, schmeckt doch noch am besten. Doch, Mutti, Du weißt, hier gibt es noch alles in rauen Mengen, und ich möchte nicht gern, daß Ihr von Eurer Ration noch etwas abgebt. Ich will Euch doch etwas schicken, damit Ihr etwas habt, kaufen kann ich mir genug hier. Natürlich freu’ ich mich wahnsinnig, wenn ich von Dir Kuchen bekomme, das ist klar, aber Wurst schicke lieber nicht. Zigaretten kann ich nicht genug bekommen, dafür kriege ich Kronen, und die kann ich Euch schicken. Also vergesst nicht, alles an Zig. zu kaufen, was Ihr kriegen könnt. 

So und nun zu Deinem Brief, zu welchem ich mich richtig gefreut habe. Auch der Brief von Opa war sehr schön, ich habe ihn extra beantwortet. Was Du geschickt haben möchtest, werde ich Dir auf jeden Fall besorgen, Du must nur das Geld bald für Juni abschicken, denn ohne Geld ist hier nichts zu kaufen. 

Leider bin ich bis jetzt noch nicht wieder aus der Kaserne gekommen. Das kam so: wie ich im letzten Brief schon schrieb, haben wir hier jetzt allerhand Zauber. Alarm setzte in der Nacht zum Pfingsten wieder ein. In einer halben Stunde musste alles antreten mit gepacktem Sturmgepäck, 60 Schuss Munition, M-G usw. usw. Auch der Affe musste mit allen Sachen gepackt werden, und dann warteten wir auf den Einsatz. Was los ist, weiß ich nicht, die Lage ist jedenfalls hier gespannt. Wenn der Tommy hier landet, können wir vielleicht noch eine Auszeichnung abbekommen. Wir können also jeden Tag hier abhauen. Daß wir aber hier wegkommen ist schon bestimmt, und zwar noch in dieser Woche. Wir ziehen nach Hadersleben um und werden da hoffentlich bleiben. Leider bekommen wir da eine umgebaute Schule zur Verfügung. Hier war es in dieser Beziehung besser. Ich habe hier so ein prima einzelnes Bett mit Matratze und auch sonst ist die Anlage wunderbar, überhaupt die Kantine. Hoffentlich brauche ich das da nicht zu entbehren. Das Schlimme ist, daß wir marschieren und zwar 60 km mit Gepäck und Gewehr mit Munition. Große Scheiße. Hoffentlich lauf ich mir nicht so viel Blasen wie letztes mal. Da haben wir einen 25 km Nachtmarsch gemacht, ich kann Dir sagen, wie die Ratten kamen wir hier angekrochen. Wir mussten die MG-Kästen mitschleppen, die wiegen zusammen an 60 Pfd. Wenn man die 1 km getragen hat, dann fängt man aber an zu schielen. 

Der Erfolg der Sache war: ich hatte 12 Blasen, die zum Glück jetzt wieder weg sind. Meine Füße sind auch dadurch hart geworden, und danach habe ich mir ein Paar neue Stiefel geholt, in denen ich wie ein junger Gott laufe. 

Peter Holdt hat sich mit seinen neuen Stiefeln Blasen gelaufen, die sich entzündet haben. Er liegt jetzt wieder mit geschwollenem Fuß im Revier und wird nach Hause gefahren. Der Dienst ist sonst auch schwerer geworden, jeden Tag 5 Std. ins Gelände voll bepackt. Das Schlimmste ist das Laufen mit der Gasmaske, da kann man bei fertig werden. Der Chef hat sich über die Ordnung beklagt, so daß wir die Feiertage über Revierdienst hatten, sowie Appelle. Also von fröhlichen Pfingsten kann nicht die Rede sein. 

Ich habe ein bisschen Glück gehabt. Beim gestrigen Appell war mein Drillichzeug sehr sauber gewaschen, so daß ich heute von jeglichem Dienst entbunden wurde. Dafür habe ich aber auch ein MG vollkommen appellfähig machen müssen. 

So, es ist bereits wieder 10 Uhr geworden, ich muß jetzt schließen. 

Seid alle recht herzlich gegrüßt von 

Eurem Werner 

Von Edgar höre ich, daß er nicht nach Afrika kommt, sondern wieder für einige Monate bei Linz auf die Fliegerschule kommt.

O.U., den 31.V.42 

Meine liebe Mutti, lb. Walti u.Opa! 

Also, erst einmal muß ich darüber nachdenken, was ich in letzter Zeit alles von Euch erhalten habe. Den Brief vom 9.3. habe ich wohl schon in Tondern beantwortet; jedenfalls habe ich, als ich hier im neuen Standort eintraf, gleich ein Päckchen mit Schokolade, eins mit Zigaretten, sowie von Papi einen Brief, 1 Päckchen mit Zigaretten und eins mit Pralinen bekommen. 

Heute nun erhielt ich den „Uhlenhorster“ sowie einen Brief von Carli, dem es anscheinend beim Arbeitsdienst ganz gut gefällt, da er auf der Schreibstube sitzt. 

Also, liebe Mutti, ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du und auch Papi, immer so nett an mich denken, ich freu’ mich zu jedem, was von zu Haus kommt. Die Zigaretten kommen mir gerade gelegen: Wir haben heute am Sonntag Ausgang gehabt, der erste übrigens, ich hatte natürlich keine Kronen mehr und habe hier in der Stadt 2 Schachteln Z. für 10 Kronen verkauft, - an einen nicht mehr ganz nüchternen, der uns obendrein noch zu einigen Glas Bier eingeladen hat. Leider bin ich, da ich sehr starke Halsschmerzen habe, früher nach Hause gegangen und schreibe jetzt. Vielleicht melde ich mich morgen ins Revier. Du siehst also, ich kann Zig. gebrauchen, schicke mir bitte auch immer laufend und vergiß nicht, alle auf die Karten zu kaufen. Morgen bekommen wir unsere Löhnung, so daß ich dann über 130,- Kronen habe, da ich noch 50,- Kr. Außenstände habe. 

So, und nun wieder die Ereignisse der Reihe nach. Erst mal must Du entschuldigen, daß ich ein bisschen durcheinander schreibe, ich fühle mich wirklich nicht gut, und außerdem bin ich noch völlig kaputt von einem furchtbaren Marsch: Wie ich Dir schon im letzten Brief schrieb, sind wir wieder umgezogen (die Adresse ist dieselbe) und zwar nach Hadersleben, wo es landschaftlich und auch, was die Stadt anbetrifft, bedeutend besser ist, jedoch sind wir in eine ehemalige Schule gekommen, die natürlich viel, viel primitiver als die moderne Kaserne in Tondern ist. Man wird sich aber auch daran gewöhnen. Das allerschlimmste an der ganzen Umzieherei war ein furchtbarer Marsch von 70 km, den wir in 2 Etappen gemacht haben. Ich kann Dir sagen, es war das Schlimmste, was ich in meinem Leben mitgemacht habe. Meine Füße sind jetzt noch kaputt. Ich hoffe aber, daß man sich mit der Zeit an das marschieren gewöhnt. Wie waren wir froh, als wir hier in der Kaserne ankamen. Nie wieder Krieg!!! 

Aber das schluckt ein Landser natürlich in sich hinein, ohne ein Wort zu sagen, denn in 100 Jahren ist bestimmt alles vorbei!! 

Man macht mit uns wirklich alles, was man will. Wahrscheinlich bleiben wir gar nicht lange hier, drück den Daumen, daß wir nach Hamburg versetzt werden, was gar nicht so ausgeschlossen ist. Das wäre prima, nicht wahr? Erst mal muß die Rekrutenzeit beendet sein. Und sonst geht es mir gut, und ich bin froh, daß wir den Marsch hinter uns haben; morgen geht der Scheißdienst wieder los. 

Und was macht Ihr, wie habt Ihr Pfingsten verlebt? Hoffentlich bist Du, lb. Mutti endlich mit Deiner Wohnung fertig und kannst Dich ein wenig ausruhen. Schade, daß ich immer so wenig Zeit habe, Euch zu schreiben. Es ist jetzt wieder 10 Uhr und ich müßte schon im Bett liegen. 

Vielleicht hört Ihr morgen mehr von mir. Seid alle recht herzlich gegrüßt 

von 

Eurem Werner

O.U., den 1.VI.42 

Meine liebe Mutti, lieber Opa (Walti kriegt extra etwas von mir zu hören) 

Wie ich im gestrigen Brief schon berichtete, fühlte ich mich nicht sehr besonders, so daß ich mich heute morgen krank meldete. Der Arzt stellte eine leichte Angina fest und ordnete eine Schwitzkur an. Bin natürlich gleich ins Bett gestiegen, habe geschwitzt und jetzt habe ich genug Zeit, an alle zu schreiben. Mit diesem Brief wollte ich aber noch ein wenig warten, denn ich wußte genau, ich würde heute noch von Dir Post erhalten. Tatsächlich, kaum gedacht, schon hatte ich einen Brief von Dir in Händen, zu dem ich mich sehr freute. 

Da wir nun jeden Tag in die Stadt dürfen, können wir wie im Frieden leben. Hadersleben ist auch sehr hübsch, und ich glaube, es lässt sich hier aushalten, wenn nur nicht die Kaserne so primitiv wäre. Doch wir bleiben auch hier nicht lange. Was meinst Du, wenn wir nach Hamburg kommen? Das wäre prima; unsere Ausbildung ist sowieso bald zu Ende und dann kommen wir auf einen Truppenübungsplatz. Doch an die Front zu kommen, habe ich ehrlich gesagt noch keine Lust, ’ne Buddel Beer is mi lever.' Aber das würde sich dann auch nicht ändern lassen. Willi ist ja auch schon weg, das ging verdammt schnell mit ihm. Nur Edgar hat mal wieder Schwein gehabt. Du wirst sicher auch schon von ihm gehört haben. Für mich ist jedenfalls die Hauptsache, daß der Dienst von jetzt ab wieder etwas besser wird, dann macht es auch mehr Spaß. Wenn jetzt nochmals ein längerer Marsch kommen sollte, ich bin gerüstet, meine Füße sind hart wie Eisen geworden; man wird überhaupt hart beim Kommiss. 

So, also wieder zu Deinem Brief. Ich glaub Du machst Dir zuviel Gedanken, wo Du allein bist. Du hast ja jetzt hoffentlich ein bisschen mehr Zeit und, wie Du schreibst, so schöne Garderobe bekommen, gehe doch öfter mit den Damen aus und mach’ Dir das Leben schön, wer weiß, was alles kommt. Daß Walter sich nicht um Dich kümmert, ist sehr schlecht von ihm. Der hat es viel, viel zu gut. 

Sag mal, in Hamburg ist gewiß auch schon alles so schön grün wie hier, und auch hoffentlich so herrliches Wetter, da sieht das Leben gleich viel schöner aus, nicht wahr? Es freut mich für Euch, daß Ihr im Sommer Papi besuchen wollt. Vielleicht bin dann schon mal auf Urlaub gewesen, das wäre fein, was meinst Du? Dann werden wir beiden ganz allein mal eisch ausgehen, Geld genug habe ich ja, so daß ich Dich einladen kann. Hoffentlich wirst Du dann, wenn Du das feine Zeug hast, Deinem alten Landser die Einladung nicht abschlagen. 

Was macht Hamburg sonst, wie sieht es aus? Ich bin froh, daß keine Angriffe mehr waren. Frag mal die Verwandten u. Bekannten, ob sie mich vergessen haben, es sieht beinah so aus. 

Es grüßt Euch alle recht herzlich, 

Werner

O.U., den 28.VI.42 

Meine liebe Mutti, lieber Walti und Opa. 

Für Deinen lieben Brief sei herzlich bedankt. Inzwischen habe ich auch schon wieder ein Päckchen mit Zigaretten erhalten. Also Ihr beklagt Euch, daß ich sehr selten schreibe. Ich glaube Ihr habt, wie ich Euch schon im letzten Brief klar zu machen versuchte, herzlich wenig Ahnung vom Kommiss. 

Wenn ich auch schrieb, daß der Dienst etwas weniger streng geworden ist, so heißt das nicht, daß ich nun jeden Tag Zeit habe, um in die Stadt gehen und bummeln zu können. Der Dienst ist jeden Tag bis 7 Uhr, dann müssen wir unsere Sachen putzen, waschen, Stube reinigen und bekommen dann noch extra Beschäftigung von den Herren Gefreiten, so daß wir abends noch gerade 10 Min. Zeit haben um uns waschen zu können; sogar das Essen fällt auch gerade morgens, oft flach. Zum Briefeschreiben kommen wir da bestimmt nicht und man freut sich dann immer sehr auf den Sonntag, wo man die ganze Post erledigen kann. Und das kann ich Dir sagen, einen Sonntag machen wir uns so schön wie wir können, denn wir wissen ja nie, wie die Zukunft aussieht. Ein paar olle Landser wollen doch auch etwas vom Leben haben. 

Eben kommt Ulrich zurück von der Kaserne mit Post von Dir. Ich danke Dir recht herzlich u. freue mich auch, daß Du für mein Schweigen Verständnis hast. Natürlich schäme ich mich, wenn ich die Briefe nicht gleich beantworten kann, ich freu’ mich aber über jede Post und danke Dir auch, daß Du immer so nett an mich denkst. 

Nun zu Euch. Es würde mir sehr leid tun, wenn aus Eurer Reise nichts werden würde, setzt alle Hebel in Bewegung, und Ihr könnt bestimmt reisen. Walti soll sich möglichst vor allem drücken, er weiß nicht, wie lange er es noch so schön haben kann. Wenn er erst beim Kommiss ist, würde er bereuen, wenn er sein bisschen Leben nicht ausgekostet hat. Das habe ich hier erst eingesehen. Und Du sollst Dir erst recht das Leben so schön machen, wie es geht, mach' Dir einen schönen Sommer und nimm, wenn Walti zur Erntehilfe muß auch den Vorschlag von Tante Else an, damit Du Abwechslung hast. 

Und nun wieder zu mir. Unsere Versetzung hat sich inzwischen wieder verzögert. Vorläufig bleiben wir hier und da wir inzwischen schon wieder Alarm hatten, der mit einem 25 km Marsch endete ( ich habe mich vorher noch schnell zur Küche abkommandieren lassen) findet die Besichtigung erst später statt. Dann werden wir wohl erst an Versetzung denken können und auf einen Truppenübungsplatz kommen. Wenn wir dann noch Zeit haben, dürfen wir vielleicht auf Urlaub fahren. Aber bis dahin werde ich Dir alles noch mitteilen. Letzten Sonntag waren wir drei an der Ostsee mit einem Bus am Strand. Es war sehr schön und wir haben einen schönen Nachmittag verlebt, er erinnerte mich lebhaft an Grömitz. Wir hatten nur keinen Urlaubsschein und durften uns daher nicht so sehen lassen. (Man darf alles, man darf sich nur nicht schnappen lassen.) 

Dann folgte wieder eine Woche Dienst von morgens 5 bis abends 7 und heute ist wieder mal Sonntag: Ulrichs Geburtstag!! Natürlich werden wir diesen Tag feiern; wir haben bis 11 Uhr Urlaub eingereicht. Leider haben nun die beiden kein Geld mehr, und es ist selbstverständlich, daß ich Ihnen etwas leihe. Ich habe ja die 13,- M von Dir mit bestem Dank erhalten. Wir sind also erstmal fein Kaffeetrinken gegangen, haben auch umsonst gerudert und gehen heute Abend zum Luftwaffenkonzert mit Geselligkeit. Wir wollen uns das Leben auch noch so schön machen, wie es geht, denn in Rußland bekommen wir keine Sahnetörtchen. 

Nun genug. Für den Brief von Tante Else danke ich Dir. Von Papi u. Edgar habe ich kürzlich auch Post erhalten. Edgar gefällt es prima dort. Was machen die anderen? 

Es grüßt Euch alle herzlich, 

Euer Werner

O.U. den 5.VII.42 

Meine liebe Mutti, Walter u.Opa. 

Also Ihr Ärmsten wartet auf Post von Eurem alten Soldaten. Das tut mir natürlich ganz furchtbar schrecklich leid, aber Ihr kennt ja jetzt den Sachverhalt und seid mir auch nicht bös’. So wie ich Zeit habe, denke ich an Euch und auf Post vom Sonntag könnt Ihr bestimmt rechnen. 

Nun danke ich Dir recht herzlich für Deinen Brief vom 28.6. Ich drück' für Euch die Daumen, daß Eure Reise etwas wird, hoffentlich habt Ihr dann besseres Wetter, wie bisher. Wir haben hier seit 3 Tagen eine erdrückende Hitze, was natürlich für die Landwirtschaft im Osten von großer Wichtigkeit ist. Da geht es ja schon mit Schwung weiter, die Aussichten sind jedenfalls bestimmt nicht ungünstig für uns, und Du sollst mal sehen, der Krieg geht dieses Jahr zu Ende, wir werden den Laden schon schmeißen!! 

Von mir wäre zu berichten, daß ich immer noch in Dänemark bin, jedoch gar nicht weiß, wie lange noch. Der Dienst geht seinen üblichen Gang, immer sehr lange, aber nicht mehr so schwer, wie zuvor. Heute ist Sonntag und wir haben uns einen schönen Tag gemacht. Wir haben schon so einige Portionen Erdbeeren mit Schlagsahne verdrückt. Da können wir natürlich nicht sehr auf das Geld sehen. In Rußland gibt es so etwas nicht, und wer weiß, wann ich mal wieder solche Gelegenheiten habe. (Hast Du übrigens das Geld für Juli abgeschickt?) Auch Päckchen würde ich weiter dankend annehmen; die Post wird mir überall hin nachgeschickt. So und nun für Walter ein ernstes Wort. Kannst Du mir nicht mal schreiben, was die Schule, der Klipper und meine Freunde machen? Grüße noch meine Lehrer von mir, und schreib mir bitte sofort die Adresse von Wolf; frag seinen Bruder. Schreib über den Krenzerbau. Auch von Opa möchte ich ganz gern mal wieder etwas hören. 

Seid alle 3 recht herzlich gegrüßt von Eurem alten 

Werner

Graudenz, den 12.VII.42 

Mein lieber Papi! 

Also wie Du sicher schon erfahren hast von Mutti, ist es nun doch schon so weit, und wir kommen zum Einsatz. Das ist verdammt schnell gegangen. Nach ein paar wunderschönen Wochen in Dänemark, wo wir uns den Magen noch einmal mit den schönsten Sachen vollgehauen haben, kam am 8. der Marschbefehl, am 9. ging es schon los nach Hamburg. Wir hatten natürlich mit Urlaub gerechnet und daß wir 14 Tage dort bleiben würden, doch zu unserem Ärger erfuhren wir, daß wir am nächsten Tag schon fahren sollten. Ich hatte mir das schon so schön vorgestellt, daß ich nachmittags nach Haus kann, doch da wurde an dem einen Nachmittag nichts mehr draus. Ich hab' jedenfalls sofort nach Haus telefoniert und Mutti war wie aus allen Wolken gefallen. Am nächsten Tage haben Mutti, Walti und Opa mich besucht und wir haben zusammen noch einen schönen Tag verlebt; als wir abmarschierten, haben sie mich alle 3 bis zum Bahnhof begleitet. Der Abschied ist doch ein bisschen schwer gefallen, aber es mußte ja sein, und wir wollen hoffen, daß auch weiterhin alles klappt. 

Die schönen Wochen sind ja nun vorbei und wir werden alle gern daran zurückdenken. Erdbeertorte gibt es in Rußland nicht. Heute nun sind wir nach 2 Tagen Fahrt schon in Graudenz (übrigens sehr nahe bei Dir) und haben hier einen Tag Aufenthalt. Es ist hier sehr trostlos, recht polnisch noch und es wimmelt von Polizei, wir waren hier in einem furchtbaren Kino und essen jetzt einen noch furchtbareren Fraß. Heute Abend geht es weiter, und in 6 Tagen sind wir am Ziel. Wir wollen das beste hoffen, daß alles gut geht. Ich werde es schon schaffen. Mir fällt gerade ein, daß, wenn der Brief ankommt, auch Mutti und Walti bei Dir sein werden. Ich wünsche Euch dreien eine recht gute Erholung und gutes Wetter. 

Und jetzt danke ich Dir noch recht herzlich für Deine liebe Post nach Dänemark, zu der ich mich sehr gefreut habe. Seid alle recht herzlich gegrüßt von 

Eurem Werner

Bleskau, den 15.VII.42 

Ihr Lieben! 

Soeben haben wir die russische Grenze überfahren, und man merkt sofort, daß man im Paradies der Arbeit ist. Einfach trostlos sieht es hier aus. Auch die litauische und lettische Landschaft ist völlig öde, sumpfig und waldig, jedoch kann man nicht sehen, daß über diese Länder der Krieg hinweggezogen ist. Das Volk ist furchtbar stur. Morgen werden wir wohl am Ziel sein: wir kommen wahrscheinlich nach Leningrad. Mir geht es sonst gut und wir bekommen reichlich zu essen und zu rauchen, ich hab jetzt über 300 Zigaretten. 

Und wie geht es Euch? Ich hoffe, daß Mutti mit Walti gut in Gotenhafen angekommen sind und hoffe auch, daß die Engländer die Ostseestädte nicht noch einmal angreifen werden. Ich wäre auch ganz gern mitgefahren, doch das geht ja nicht. Vielleicht haben wir das Glück, in einigen Jahren im Frieden wieder gemeinsam verreisen zu können. 

Sowie ich meine Feldpostnummer weiß, teile ich sie Euch mit. Für heute grüßt Euch recht herzlich, 

Euer Werner

Am Montag, d. 3.VIII.42 

Meine liebe Mutti, lieber Walti und Opa. 

Ich nehme an, daß Ihr inzwischen schon wieder im Hause seid, wenn Euch dieser Brief erreicht. Wie war es denn in Gotenhafen? Habt Ihr ein paar nette Tage verlebt, bei denen es hoffentlich nicht am Wetter haperte. Meine Post werdet Ihr doch wohl alle erhalten haben, ebenfalls die Paket-und Luftpostmarke. Jetzt kann ja wieder ein reger Briefwechsel starten, da Ihr nun meine Feldpostnummer wißt. Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich auf das erste Lebenszeichen von Euch freue, zumal während der letzten Zeit starke Luftangriffe auf Hamburg stattgefunden haben. Wenn nur nichts passiert ist, man macht sich doch seine Gedanken, wo man hier völlig von jeden Nachrichten aus der Heimat abgeschnitten ist, außer dem Wehrmachts-Bericht. Ein Radio wie in Dänemark haben wir hier nicht. 

Sag mal, kann Papi mir nicht ab und zu ein paar Süßigkeiten schicken? Ich habe einen unheimlichen Appetit darauf, etwas zu naschen, sonst hätte ich wirklich alles. Das Essen ist hier wirklich gut jetzt, so daß wir nicht klagen können. Z.B. gestern am Sonntag haben wir Bier, Schnaps, Bohnenkaffee, Bonbons und abends noch Milchsuppe bekommen, so daß wir nach einem ganz amüsanten Abend nicht mehr allzu nüchtern ins Zelt krabbelten. Im übrigen gibt es morgen Marketenderware um uns die Gelegenheit zu geben, für den Einsatz noch die fehlenden Sachen kaufen zu können. 

Auch sonst geht es uns hier gut, die Ausbildung wird verlängert und ich habe mich inzwischen für einen 14 täg. Kursus als Funker gemeldet, dessen Ausbildung nicht nur ruhig, sondern auch sehr interessant ist. Ab und zu werden hier auch mal ein paar Flugzeuge abgeschossen, wie gestern Abend, als plötzlich ein Russenbomber und zwei Jäger über uns erschienen. Ein paar kurze Feuerstöße, der Bomber fing Feuer, trudelte ab, und schlug hier in der Nähe auf, während wir auf die durch Fallschirmabsprung sich zu retten suchende Mannschaft Jagd machten. Einer wurde gefaßt, der andere entwischte. Ihr seht also, man kann hier auch interessante Dinge erleben, wenn nur nicht das Wetter so launisch wäre. Sonntags allerdings ist es immer schön, während es Tage hindurch vom Himmel nur so strömt. Wenn nur das Wetter während Eurer Reise nicht so schlecht war. Sonst wird es bestimmt keinen Spaß gebracht haben, schreib bitte mal ein bißchen ausführlicher darüber, liebe Mutti. 

So, noch einige allgemeine Sachen. Was habt Ihr von Edgar und Kochs gehört, und wie geht es den anderen Bekannten? Weißt Du etwas über meine Kameraden? Wie sieht Hamburg sonst aus, ist durch den Angriff viel zerstört? Übrigens würde ich mich auch sehr zu Zeitungen u. Zeitschriften freuen, das einzige Mittel, um mit der zivilisierten Welt wieder Verbindung aufnehmen zu können. Man verliert hier doch ein bißchen und ich glaube sogar, daß ich für ein gutes Buch oder Theaterstück weder Ruhe noch Interesse finde. Man sehnt sich aber doch sehr danach. 

Für heute genug. Laßt Euch alle recht herzlich grüssen 

von Eurem Werner 

Feldp. Nr. 03225

Rußland, den 11.VIII.42 

Meine liebe Mutti, lieber Großvater u. Walti! 

Im allgemeinen schreit man ja aus voller Kehle „Hurra“ wenn man sein Ziel erreicht hat. Leider ist es doch ein bißchen anders gewesen, als wir am Sonntag nach einem glänzenden Manöver von unserem alten Standort an die Front marschierten. Man geht da doch mit etwas gemischteren Gefühlen hin als auf Urlaub. Vorher erlebte ich aber noch eine große Freude: Als wir schon zum Abmarsch angetreten waren, wurde die Post verteilt. Du kannst Dir denken, wie ich mich freute, als von Euch ein Brief dabei war. Ich danke Euch recht herzlich dafür, zumal ich mir schon wegen der Angriffe über Euch Sorgen gemacht habe. Es ist doch ein Glück, daß nicht all zu viel passiert ist, nur für den Opa war die Sache ja nicht so ganz ohne. Ist viel verbrannt und wie sieht der Weinschrank aus? Schreib mal, ob sehr viel in Hamburg kaputt ist. Ich wünsche Euch jedenfalls nicht noch einmal einen solchen Angriff. 

Daß es Euch so gut bei unserem Papi gefallen hat, freut mich sehr. Er wird wohl wieder alles herangeschleppt haben, was irgend aufzutreiben war. Es ist nur schade, daß das Wetter nicht so schön war, da werdet Ihr wohl gar nicht braun geworden sein. Also Zoppot gefällt Euch besser als Grömitz? Vielleicht haben wir ja das Glück, später einmal gemeinsam wieder dort hinzufahren, das wäre schön, was? Die Zeiten werden wohl hoffentlich bald wiederkommen. 

Also, wie gesagt, wir marschierten ab und waren schon auf das schlimmste gefaßt. Ich hatte aber mal wieder Glück. Wie Du weißt bin ich Funker geworden; als wir zum Regiment-Gef-Stand kamen wurde ich dem Batallions-Stab als Funker zugeteilt mit einem anderen der Komp. aus Dänemark. Die übrigen sind auch hier in der Nähe. Wir kamen am nächsten morgen nach und nun hatte ich wieder Glück. Beim Stab erwischten wir einen prima Bunker, wo es sich wirklich drin aushalten läßt. Glück muß man eben beim Kommiss haben. Hier wohnen noch viele andere, teils Hamburger, drinnen und außerdem ist es hier sehr ruhig: ab und zu schießt mal die Ari oder Granatwerfer, aber sonst ist hier nichts los und ich glaube, es wird wohl hier auch nicht mehr viel unternommen werden. Ihr könnt also ganz beruhigt sein. 

Und nun noch einige andere Sachen: ich schick’ Dir heut wieder eine Paketmarke u. eine Luftpostmarke. Seid bitte so gut und schreibt immer so oft Ihr könnt, ich freu’ mich zu jedem Lebenszeichen und werde auch meinerseits nicht schreibfaul sein. Im übrigen ist auch das Essen bestimmt nicht schlecht und es lässt sich hier schon leben. 

Leider habe ich den Brief vorgestern abbrechen müssen, weil ich zum Tross mußte, gestern hat der Russe ein bißchen herüber geplänkelt u. einen Einbruch versucht, so daß ich erst heute wieder dazu komme, den Brief fortzusetzen. Wir haben hier immer schönes Wetter, können bis 9 Uhr schlafen und liegen sonst auf der faulen Haut, sogar besser als in der Kaserne. Man nennt auch diese Stellung eine K.d.F.-Stellung wegen der Ruhe, die hier herrscht. 

Ich werde Euch bald wieder schreiben, denkt auch Ihr oft an mich. 

Meine Adresse: Soldat W.H. Feldpostnr. 01447 A 

Es grüßt Euch für heute recht recht herzlich und wünscht Euch alles Gute, 

Euer alter Sohn Werner

Rußland, den 16.VIII.42 

Meine liebe Mutti, lieber Walti und Opa! 

Stellt Euch vor, heute bin ich schon eine ganze Woche Frontsoldat, und ich muß sagen, mit gefällt es hier von Tag zu Tag besser, obwohl mit dem Wort Front allgemein furchtbare Strapazen verbunden sind. Wir haben hier aber auch Schwein gehabt, das kann man wohl sagen. Hätten wir die Schlacht am Wolchow mitmachen müssen, dann hätten wir von der Front einen anderen Begriff bekommen. Von dort sind nur wenige zurückgekommen. Hier hat es den Anschein, als wolle überhaupt nichts mehr passieren, während im Süden die Truppen in ungeheurem Vormarsch sind. Dort unten wird wohl dieses Jahr noch die Entscheidung fallen, denn hier ist ja doch nichts mehr zu erben. Wenn wir an der Wolga sind, wird ein fester Wall gebaut, bis die Russen schließlich nachgeben müssen. Denn, was für sie lebenswichtig ist, haben wir bereits in unserer Hand. 

Wir wollen nur wünschen, daß dieser Winter nicht so hart wird, wie der letzte, wenn der Führer auch alles für seine Soldaten getan haben wird, um Blut zu sparen. Ich glaube auch kaum, daß Moskau oder Leningrad noch angegriffen werden. Hier bereitet man sich mit allen Mitteln für den Winter vor, und wir wollen hoffen, daß die Stellungen gehalten werden. 

Es freut mich auch, daß ich bei der Btl. Nachr.-Staffel bin, wir überarbeiten uns bestimmt nicht, und es herrscht hier im Bunker eine wirklich nette Kameradschaft. Wäre man hier nicht an der Front in Gefahr, einen verplättet zu kriegen, denn der Russe versucht doch manchmal ein paar Störangriffe und schießt immer mit seinen alten „Granatbumbsern“ herüber, so wäre das Frontleben nicht schlimm, und vor allen Dingen hat es den Nachteil, daß man hier nach einem Jahr reichlich stur und stumpfsinnig geworden ist. Durch Alkohol, Zigaretten und Kinovorführungen im Soldatenheim des Regiments (wo es übrigens sehr nett ist) versucht man diese Lücke wieder zu schließen. Nur schade, daß wir kein Radio hier haben. Übrigens gab es gestern für jeden 1 Fl. Sekt und wir haben hier mit unserer Bunkergemeinschaft einen bestimmt nicht schlechten Abend steigen lassen. Und auch sonst kommen wir mit solchen Sachen nicht zu kurz (heute am Sonntag hat man uns Schokoladenpudding gemacht) Aber wenn Du dergleichen Sachen für mich mal über hast, so nehm' ich sie von Herzen gern an, doch ich möchte auch nicht unbescheiden sein. Es ist eben nur deshalb, weil man hier nichts kaufen kann, und wenn ich dann mal einige Wünsche hab’, so sei bitte nicht bös’. Z. B. brauchte ich nötig einige Paare Einlegesohlen. Wenn Du mal ein paar neue Zeitungen u. Illustrierten kaufen kannst, so würde ich mich sehr freuen. Das wären meine Wünsche, und wenn nun bald Eure liebe Post nachkommt, dann bin ich völlig zufrieden. 

Und wie geht es Euch? Du liebe Mutti, wirst Dich wohl gleich wieder in Deinen Haushalt gestürzt haben, und von der Erholung wird nicht mehr viel übrig sein. Hat eigentlich unsere Wohnung beim Großen Angriff was abbekommen? Wie geht’s dem Opa? Will er nicht nach der Pfalz fahren? Er hat wohl von Hamburg die Nase voll; ich sag’ auch: lieber hier an der Front sich verteidigen können, als im Keller sich Bomben auf den Kopf trudeln lassen! Und was macht der Walter? Wann beginnt seine Schule wieder, und war er zur Erntehilfe? Wahrscheinlich wird er wohl seiner Mutter feste helfen und eifrig Dienst machen?!! Aber ich werde ihm gleich selbst mal schreiben. Wie geht es unseren Bekannten? Hoffentlich ist niemand zu Schaden gekommen. Ich werde an alle gleich mal schreiben, an Papi hab ich einen Brief abgeschickt. 

So für heute Schluß. Ich hoffe, daß Ihr mit Länge und Inhalt des Briefes zufrieden seid, und grüße Euch alle drei recht, recht herzlich 

Euer Werner 

Schreibt bitte, wann Ihr die Post erhaltet u. wie lange sie braucht.

Rußland, den 18.8.42 

Meine liebe Mutti, Walti u.Opa! 

Leider habe ich bis jetzt vergebens auf Post gewartet, die Hoffnung aber habe ich doch noch nicht aufgegeben. Die Post mit der alten Nr. läuft ja über soundsoviele Schreibstuben u. es ist klar, daß mehrere Wochen dabei vergehen. Na, ich warte ab, Hauptsache ist, daß Ihr meine Post empfangt und dann wird es ja auch nicht mehr lange dauern, und ich erhalte die hierher bestimmte Post. 

Nun habe ich Euch so viel von unserem schönen Bunker vorgeschwärmt: leider hat es sich letzte Nacht ausgebunkert! Der Russe fing an zu schießen und setzte seine Granaten immer schön um unseren Bunker ins Dorf hinein. Plötzlich stand das Haus neben uns in hellen Flammen. Das Feuer verbreitete sich rasend. Zuerst fühlten wir uns in unserem Bunker noch einigermaßen sicher. Als aber die erste Munition in die Luft flog und der Bunker nur so krachte, da griffen wir in aller Eile unsere Sachen und sausten raus. Zum Glück zur rechten Zeit: 400 Granaten flogen in einer ohrenbetäubenden Explosion in die Luft. Ich selbst flog der Länge nach auf den Bauch. Um Mitternacht stand das halbe Dorf in Flammen. Das Schlimmste war, daß der Russe, der nun ein prima Ziel hatte, feste weiter schoß. Wir konnten uns also nichts mehr retten; es ist jedoch ein großes Glück, daß außer einem Verwundeten niemand zu Schaden gekommen ist. Mir fehlt außer meiner Verpflegung und dem Messer von Dir nichts; der Bunker jedoch ist durch 18 Handgranaten in die Luft geflogen und völlig ausgebrannt. Heute morgen nun sind wir dabei, uns einen alten Bunker neu aufzubauen, vom Dorf ist nichts als die Schornsteine übriggeblieben. Ja, so hat eine an und für sich ruhige Stellung auch ihre Tücken. Hoffentlich wiederholt sich das Theater nicht noch mal. Aber, Ihr wißt ja, einen alten Landser kann so etwas nicht erschüttern. 

Und wie geht es Euch? Habt Ihr mal wieder einen Angriff gehabt? Ich freu' mich ja schon so sehr auf Eure erste Post!! Ich werde versuchen, Euch alle 2 Tage zu schreiben, damit Ihr Ärmsten etwas von Eurem alten Sohn hört. Für heut genug des Guten. 

Es grüßt Euch drei recht herzlich, 

Euer Werner

Rußland, den 17.9.42 

Liebe Mutti, lieber Papi (soweit er noch zu Hause ist) Walti u.Opa! 

Um Euch weiterhin auf dem Laufenden zu halten (und um nicht in Vergessenheit zu geraten) heut' mal einen etwas kürzeren Gruß, von Eurem alten Sohne auf den damals in Hamburg so reichlich eingekauften Feldpostbriefchen. Wißt Ihr noch, 80 Stück habe ich noch, die Frage ist nur, ob sie bis Kriegsende auch alle werden, wo ja sowieso bald Friede ist! toi, toi!!! 

Also heute habe ich 2 Päckchen von Dir, liebe Mutti, mit bestem Dank erhalten. Es sind die vom 24.8. mit kleinen Kuchen und Würfelzucker. Bei mir hält so etwas nie lange vor, wenn ich so ein Päckchen aufmache, kann ich nicht widerstehen, und wenn’s alle ist, kann ich wieder nicht stehen. Du meinst es wirklich zu gut mit mir, ich kann mich nicht beklagen, nur ist mir schleierhaft, daß immer noch kein Brief von Dir gekommen ist! Ich möchte ja so gern wissen, wie’s Euch zu Hause geht, ob Ihr noch alle gesund seid. Ich hoffe jedenfalls das beste für Euch! 

Und Papi wird wohl nun wieder in Gotenhafen sein. Schreibt doch mal, wie’s war. Ich bin ja so gespannt, endlich etwas von Euch zu hören. Morgen hab’ ich noch einige allgemeinere Fragen und schreib ’ wieder ausführlicher. 

Es wünscht Euch alles Gute und grüßt Euch recht herzlich, 

Euer Werner

Rußland, den 20.9.42 

Liebe Mutti, lieber Papi, Walti und Opa! 

Endlich hab ich Deinen lieben langen Brief erhalten, zu dem ich mich riesig gefreut habe. Es ist der vom 8.9., den ich gestern empfangen habe. Also er brauchte hierher nur 10 Tage und nicht, wie Du annahmst 4 Wochen. Auch Päckchen kommen in 2 Wochen bestimmt hier an. Ich glaube auch, daß ich von Dir, sowie von Papi bis jetzt alles empfangen habe, wie ich Euch ja laufend bestätigte. Nur Briefe hab ich von Dir zwischen dem 18.8. und dem vom 8.9. keine bekommen, deshalb war ich ein wenig traurig, aber Du wirst wohl dadurch, daß Kochs bei Dir waren und Papi auf Urlaub kam, nur sehr wenig Zeit gehabt haben. Oder fehlt doch irgend ein Brief? Sei auch bitte so gut und bestätige mir kurz immer meine Post. Ich hab z.B. am 24.8. oder am 30.8. eine Paketmarke geschickt, von der Du in Deinem letzten Brief nichts erwähntest; es wäre ja wirklich schade, wenn sie verloren gegangen ist. 

So, und nun zu Deinem lieben Brief: Es freut mich, daß Ihr über meine viele Post zufrieden seid. Ich hab ja auch fast jeden Tag geschrieben, nur glaube ich, daß gar nicht alles angekommen ist, das wäre furchtbar schade. Ich hab' Euch ja schon gebeten, mir mitzuteilen, was Ihr bekommen habt. Na, die Hauptsache ist nur, daß meine Briefe Dich ein wenig beruhigt haben. Ich hab auch das Gefühl, ohne Post zu sein, kennengelernt, man freut sich doch zu jeder Zeile. 

Es ist sehr nett von Dir, daß auch Du mir über meine Freunde Auskunft gibst. Wenn Du Peter während seines Urlaubs treffen solltest, teile ihm bitte meine Adresse mit und bestell ihm Grüße. Ich hab' ihm neulich einen Brief geschrieben, der ihn dann wohl nicht mehr erreicht hat, und Heinz soll wieder auf Urlaub sein? das ist ja kaum zu glauben. Ist Carli schon in Hamburg? Wolf ist übrigens im Mittelabschnitt der Ostfront seine Adresse weiß ich bereits. Udo ist gefallen. 

Und von Edgar hab’ ich lange nichts gehört. Allerdings hab' ich an seinen Geburtstag gedacht. Also Kochs haben Ihre Wohnung verkauft, und sehr viel dafür bekommen. Leider hab ich von Ihnen selbst noch nie etwas gehört, dagegen schreibt Rosi mir sehr fleißig. Und Du willst jetzt auch verkaufen? Fang mir nur keine Schachergeschäfte an, so auf die Kriegsgewinnlertour! Aber daß Du all Deine wertvollen Sachen im Keller gut untergebracht hast, ist wirklich schön, denn wenn dem Haus tatsächlich mal etwas passieren sollte, so habt Ihr wenigstens noch einige Sachen. Aber damit wollen wir auf keinen Fall rechnen. 

Du machst Dir aber Sorgen, daß ich dem Suff verfallen würde. Ich kann Dir nur zur Beruhigung mitteilen, daß ich während meiner ganzen Kommisszeit noch nicht ein einziges mal angeheitert oder gar besoffen war, und daß, wenn wir mal Alkohol bekommen, es so furchtbarer ungenießbarer Fusel ist, daß ich mich davor schütteln könnte. Allerdings haben wir neulich mit zwölf Mann eine kleine Flasche ganz prima Aprico Brandy gekriegt, von der natürlich jeder nur ein kleines Glas voll abbekam. 

Und was wäre nun von mir zu berichten? Eigentlich immer dasselbe, nur daß wir jetzt endlich unser Radio haben, das natürlich den ganzen Tag dudelt. Das macht auch die Bude schon bedeutend gemütlicher. Sonst sind wir noch sehr viel mit Leitungsumlegen beschäftigt, alles für den Winter, der mit vollen Zügen beginnt. Auch eine Sauna bauen wir uns hier, und wissen nicht einmal, ob wir hierbleiben, na wir wollen mal abwarten und Tee trinken. Der Russe ist im Augenblick wieder sehr aktiv geworden, besonders in der Luft. Nachts kommt er mit seinem „eisernen Gustav“ (ein gepanzerter Bomber) und bekleckert unsere Stellungen mit Bomben und MG., da ist es auf der Wache besonders unangenehm. Doch ich finde Bombenangriffe viel, viel schrecklicher in der Heimat als hier, bei uns kümmert sich kein Schwanz um den Eisernen. 

Ich bin ja immer so beruhigt, wenn Hamburg im Wehrmachtsbericht nicht genannt wird. Jetzt haben wir ja gute Gelegenheit, ihn zu hören. Übrigens wird gerade eine Sondermeldung angekündigt… einen Augenblick…wieder mal 270000 BRT versenkt, das geht jetzt ja Schlag auf Schlag, und daß die solche Verluste überhaupt aushalten können. 

Und eben erhielt ich Deine liebe Karte vom 12.9., sei herzlich bedankt dafür! Meine Karte vom 5. habt Ihr also erhalten. Ist eigentlich auch der Brief von mir vom 2.9., in welchem für jeden ein Extrabrief lag, angekommen? Schreibt doch bitte mal. Walti wird ja nun schon feste Mist schaufeln. Du hast recht, es tut ihm mal ganz gut, ich habe die Angelegenheit ja auch nicht gerade von der besten Seite kennengelernt. Ob er mir auch von dort wohl mal schreiben wird. Übrigens freue ich mich schon sehr auf Opas angekündigten Brief, aus dem hoffentlich etwas geworden ist. Das ist nett, Großvater, daß Du auch mal an Deinen alten Skatbruder denken willst. 

Es wäre wirklich schade, wenn Papi während seines Urlaubs, der sicher bei Ankunft des Briefes beendet sein wird, immer so schlechtes Wetter gehabt hat, doch ich wünsche ihm von ganzem Herzen, daß der Urlaub trotzdem recht schön und ohne nächtliche Störungen verlaufen ist. In den nächsten Tagen werde ich ihm einen Brief nach Gotenhafen schreiben, damit er gleich Post hat, wenn er dort ankommt. 

So, ich glaube, nun hab’ ich genug geschrieben, und hoffe nur nicht, daß Euch das viele Briefelesen allmählich langweilig wird. (das „nicht“ kommt natürlich ganz dick dazwischen!!) Ich mag auch wirklich gern und recht viel schreiben, es gibt mir doch ein beruhigendes Gefühl, wenn ich weiß, daß auch Ihr Nachricht von mir habt. Mein Versprechen hab' ich bis heute, glaube ich, auch gehalten. 

Euch allen viele herzliche Grüße von 

Eurem Werner

Rußland, den 24.9.42 

Meine liebe Mutti und lieber Opa! 

Allmählich kommt die Post ja nun doch in Schwung und meine ganzen Sorgen waren umsonst. Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief vom 16.9. mit herzlichem Dank. Das war ja ein ganz gewaltiger Brief, 8 Seiten lang. So etwas hab' ich gern, das macht ordentlich Spaß, einen solchen Brief zu lesen. Und Du meinst, ich würde gar nicht erst zu Ende lesen? Drei vier mal studiere ich Deine Briefe durch, und freu' mich jedesmal wieder. Es geht mir ja genau so wie Dir: wenn man von seinen Angehörigen Nachricht bekommt, ist man zufrieden und beruhigt. Und ja gerade für uns hier vorn, die wir ja eigentlich nicht viel andere Freuden haben, ist es das Wichtigste und Schönste. Der Großvater hat mir auch geschrieben? Na, ich freu’ mich ja schon sehr auf Deinen Brief, lieber Großvater, und auf Deine Bonbons. Habe jedenfalls schon herzlichen Dank im Voraus. Auch Du, liebe Mutti, hast doch ein Paket mit dem Transport für mich mitgegeben? Das ist furchtbar lieb von Dir, und ich freu’ mich schon sehr auf die schönen Sachen. Daß Du mir auch Wintersachen schicken willst, ist wohl nicht falsch, denn wir wissen ja noch nicht, wann und was wir alles bekommen. Im allgemeinen war es vorigen Winter so, daß jeder reichlich Woll- und Pelzsachen bekam. Vorläufig komme ich auch noch mit meinem Pullover und Mantel aus. Aber der kluge Mann baut vor, es beginnt ja nachts auch schon zu frieren. 

Und nun bist Du ganz allein, mit dem kleinen Großvater? Ich seh’ Euch beiden ja zusammen den ganzen Tag rumpütschern, ohne zu ruhen. Übrigens muß jetzt zu Haus ja eine himmlische Ruhe herrschen, ohne Walti’s Krach und ohne mich, der ihn immer inszenierte. Wenn wir später mal alle zusammen sind wird es, glaube ich, etwas ruhiger zugehen. 

Die Erntehilfe schadet Walti bestimmt nichts, heute muß ja jeder ran, und Ausnahmen werden nicht mehr gemacht. Schließlich sollen wir später ja auch mal die Früchte dieses Krieges ernten. (Sofern man Gelegenheit dazu hat,) das ist eben die Sch… an der Sache, und warum man einen Knast hat. Wenn wieder Friede ist, hat man diese unendlich schweren Zeiten schnell vergessen, und nimmt das Leben wieder so hin, wie's einem geboten wird, und wie es das Schicksal will. Heute kann man nur bitten, man möge heil und gesund aus diesem Krieg wieder heimkehren, dann lassen sich auch die größten Strapazen ertragen. Ein Verzagen gibt es nicht, sonst wäre die große Sache, um die es geht, aussichtslos. 

Was meinst Du, wenn man sich das überlegt, soll man dankbar sein, daß man noch gesund ist, denn auch Ihr seid ja in der Heimat genau so, und wenn nicht noch mehr, in Gefahr, als ich. Ich bin ja immer so froh, wenn im Wehrmachtsbericht nichts von Angriffen auf Hamburg erwähnt wird, und wünsche nur, daß Ihr weiterhin verschont bleibt. 

Nun schnell noch eine Frage: Bekommt Ihr eigentlich noch genügend Zigaretten auf die Karten, daß Ihr mir ab und zu mal welche schicken könnt? 

Es grüßt Euch beide recht herzlich und wünscht Euch alles Gute, 

Euer Werner

Rußland, d. 6.X.42 

Beste Mutti u. allerliebstes Großväterchen 

(um mal eine Abwechslung in der Überschrift zu haben). 

Nein, Dicke (Dicke soll hier nur eine Bekundung meiner großen Liebe zu Dir sein), was bist Du doch für ein fleißiges Mädchen. Mit solchen langen Briefen komme ich nun doch nicht ganz mit, aber ich glaube doch, daß ich auch ganz fleißig schreibe. Also stell Dir vor: Deinen lieben Luftpostbrief vom 30.9. erhielt ich schon in 4 Tagen, d.h. vorgestern. Fein was? Ich sag ja, die Post macht sich noch. Und nun erst einmal recht recht heißen herzlichen Dank, wie auch für Dein liebes Päckchen mit Kuchen vom 22., das in 12 Tagen hier war. Nun geht’s immer schneller. 

Zu Deinem lieben Brief: also meine Post ist immer laufend eingetroffen, das freut mich für Euch. Es ist ja auch klar, daß ich, wo Ihr immer so lieb an mich denkt, Euch immer viel schreibe, denn das ist ja das einzige Mittel, um mich bei Euch für alles zu bedanken. Und eigentlich ist das auch die schönste Beschäftigung für mich, Euch alles zu erzählen, das macht mir Spaß. Es ist dann so, als ob wir alle zusammensitzen und uns unterhalten. 

Übrigens fehlt noch ein kleiner Feldpostbrief vom 17., die anderen hast Du alle bestätigt. Ja, ich weiß deshalb so genau Bescheid, weil ich meine sämtliche Korrespondenz notiere, und da kann man nichts vergessen. 

Also, Du meinst, aus Kuchen mache ich mir nicht mehr viel? Na, Du weißt doch genau, wie gern ich Deine Kuchen esse, und auch das Naschen hab’ ich hier gelernt, denn ich hab' hier bei der 4 wöchigen Ausbildung verdammt das Hungern gelernt, das kannst Du glauben, und seither kümmert man sich natürlich am meisten ums 'Fressen' beim Kommiss. Hier ist selbstverständlich die Verpflegung etwas besser, aber doch so eintönig, und wenn’s mittags Verpflegung gibt, stürzt man sich darauf und hat abends und morgens nichts mehr. Deshalb gehen wir auch mal zum Kartoffelsuchen, oder sammeln sonst was. Kartoffeln sollen wir übrigens jeden Tag haben, da sieht man nur wenig von. Sonntags allerdings haben wir welche gehabt, mit Kohlrouladen, ich kann Dir sagen, wir waren vielleicht von den Socken. Du kannst Dir nun denken, daß man sich riesig freut, wenn man von zu Haus zusätzlich etwas bekommt, und wenigstens Abwechslung hat. Früher haben wir uns bestimmt keine Sorgen ums Essen machen brauchen, da hast Du immer so schön gekocht, und was auf den Tisch kam, haben wir „ohne Murren und Knurren gegessen“, allerdings waren das meistens für mich solche Festessen, daß ich nicht gemurrt habe, sondern aus allen Löchern geschmunzelt habe. Da sehnt man sich nun mal nach Mutters guter Küche, und selbstverständlich auch nach den Kuchen; aber ich wollte Dir nicht mehr so viel Umstände machen, denn Dosensachen gehen ja schneller zu Packen, und davon, glaube ich, habt Ihr ja noch ein paar. Ich komme mir sowieso reichlich unbescheiden vor, daß ich jedes mal neue Wünsche hab’. Ich glaub’ ich überlasse Dir am besten selbst, was Du schickst, denn dann ist die Überraschung um so größer. Und wenn ich mal nach Haus komme, dann bringe ich Euch auch etwas feines mit: das vom Herrmann gestiftete Paket mit Lebensmitteln für Fronturlauber. Woll’n mal sehen, vielleicht nächstes Jahr, vielleicht ist aber auch der Krieg eher zu Ende. Das letztere wäre natürlich tausend mal so schön. 

Übrigens wäre über den R.O.A. folgendes zu sagen: Ich könnte es natürlich auch hier werden; aber…..erstens würde ich dann noch vorn in die Schützenkompanie versetzt werden, wo es viel, viel schlechter ist, zweitens müßte ich da als angehender Leutnant mich auch hervortun, indem ich Spähtrupps, Stoßtrupps usw. mitmachen müßte und drittens kann ich da unter Umständen über ein Jahr eingesetzt werden. So ist es doch besser, daß ich hier bin, und ich bin auch sehr froh darüber, daß das mit dem R.O.A. nicht geklappt hat. 

Was macht übrigens Peter, war er schon auf Urlaub? Er wird sicher an einem viel gefährlicheren Abschnitt eingesetzt werden, um seine Fronttauglichkeit abzulegen. Und Carli war auch bei Dir? Wenn Horst und er zusammenkommen, wollen sie mir schreiben. Wann kommt er denn zum Kommiss? Ist Walti’s Erntehilfe schon beendet? Wenn er zurückkommt kann er mir mal schreiben, wie’s war. Ich glaub', er hat’s auch nicht leicht gehabt? Und was macht das kleine Großväterchen, hoffentlich hat er meinen Brief bekommen. Also Du lässt Dir so einen feudalen Ring machen? Na ich bin ja gespannt, ob er Dir nachher auch gefällt. Ist er denn modern? Dann glaub' ich, würde er mir auch gefallen. Und wie geht’s Dir sonst, arbeitest Du noch so viel ? Kannst Du denn auch noch die Häusersache schaffen? Ich glaub’, ich muß doch mal wieder mithelfen. 

Ich war gestern wieder zum Varieté. Es schien ganz gut zu sein, nach dem, was ich gehört habe. Leider hatte ich nur meine Brille vergessen und außerdem spielte sich alles im Dunkeln ab, da das Licht nicht funktionierte. An und für sich lohnt sich der lange Weg bei dem schlechten Wetter und durch den hohen Matsch auch gar nicht. 

So, das wäre alles. Es grüßt Euch beide recht herzlich, 

Euer Werner

Rußland, den 12.X.42 

Meine liebe Mutti, lieber Großvater u. lb. Walti. 

Vorgestern war mal wieder ein gewaltiger Tag in postlicher Beziehung. Erstmal war da Dein lieber Brief vom 2.Okt., den ich mit recht herzlichem Dank erhielt, ebenso ein kleines Päckchen mit Zucker, den ich mir recht sparsam aufheben werde, und der, wie immer alles, unversehrt hier eingetroffen, und von einem sehr dankbaren Sohne empfangen worden ist. Auch Papi hat an mich gedacht, in dem er mir 4 Illustrierten schickte. Nun gleich zu Deinem lieben Brief: Ich bin wirklich froh, daß Du jetzt auch mal, wo Du ja nun mit Opi allein bist, etwas für Dich tust und mal in die Stadt gehst oder ins Kino. Ja, ich möchte auch schon mal ganz gern mit Dir wieder die Stadt unsicher machen, aber ich glaube doch, da müssen wir wohl bis nach dem Krieg warten, denn mit Urlaub darf ich ja noch nicht rechnen, da kommen doch erst mal die älteren dran, die schon bald 1 1/2 Jahre hier sind. Du hast ja jetzt auch wieder Deinen kleinen Steppke, vielleicht geht er ja mit Dir und lädt Dich mal ein, oder ist er nach seiner Erntehilfe immer noch so vornehm? 

Und Du willst nun Grundsteuer für 10 Jahre im Voraus bezahlen? Das sind ja bald 45000 RM. Sag mal, habt Ihr denn noch so viel, und lohnt sich das überhaupt? Allerdings braucht Ihr dann nicht mehr jeden Monat 356,- RM zu bezahlen, doch bezahlt worden ist es ja schon, und würdet Ihr Euch nicht besser stehen, wenn Ihr das Geld liegen habt und Zinsen bekommt, oder kriegt man hier auch hohe Begünstigung? Ich meine vielleicht 3 oder 4 Prozent Ermäßigung oder Zinsen? Doch, wenn später mal das Geld nichts mehr wert sein sollte, steht man sich so ja bedeutend besser, denn es geht einem nicht verloren. Ja, man muß schon kalkulieren im Krieg, sonst kann man viel falsch machen. Der Onkel Richard hat ja den richtigen Weg zu Geld gefunden, aber wer weiß, ob man nicht später denen, die am Krieg verdient haben, das Geld wieder abnimmt? 

Ja, studieren möchte ich schon, und zwar so bald es geht, und ich kann auch dankbar sein, daß mir die Mittel dafür zur Verfügung stehen. Aber die Bestimmungen sind doch nicht so einfach, wie Du Dir denkst; ich muß nämlich nicht 1 Jahr, sondern 3 Jahre Soldat sein, und da hab ich wohl noch ein bisschen Zeit. 

Es ist so lieb von Dir und ich kann Dir gar nicht genug danken, daß Du und auch alle anderen so lieb an mich denken, nun sind wieder 2 große und so viele kleine Päckchen unterwegs. Wenn nur alles gut ankommt, ich freu' mich ja schon so sehr darauf und werde hoffentlich nicht von den vielen schönen Sachen krank. Daß Du die andere Paketmarke aufheben willst, ist sehr richtig. Leg’ auch die heutige einige Zeit zurück, und ebenso die Luftpostmarke nur für besondere Anlässe. Es hat nämlich seinen Grund, und es ist auch der Grund, warum ich heut' Dir mal wieder einen Luftpostbrief schreibe. Paß auf: Nachdem wir nun ein viertel Jahr lang, (Morgen ist übrigens genau ein viertel Jahr rum, seitdem ich in Rußland bin) in einer Stellung gelegen haben, die wirklich ruhig und friedensmäßig war, nachdem wir nichts als Bunker gebaut haben und uns mit allen nur erdenklichen Mitteln für den Winter vorbereitet haben, so und so oft in andere Bunker gezogen sind (vorgestern nämlich sind wir Funker in einen neu eingerichteten Bunker eingezogen, um uns hier häuslich niederzulassen) nachdem wir nun tatsächlich alle geglaubt hatten, man würde uns in Ruhe lassen, und uns dementsprechend anstrengten, müssten wir natürlich auch mal etwas tun für unser Geld. Was gestern noch Parole war, hat' sich heut bewahrheitet: Wir kommen weg: Wann genau und wohin, weiß keiner, jedenfalls noch im Laufe dieser Woche. Ja Kommiss ist nun immer Beschiß gewesen. Du brauchst Dir nun natürlich noch keine Sorgen zu machen, ich werde Dich natürlich auf dem Laufenden halten, und zwar noch mehr als früher. Die Post geht selbstverständlich laufend weiter. Es ist nur besser, wenn Du die Marken dann aufhebst, bis ich Dir weiteres mitgeteilt habe. Daher auch noch eine Bitte: nummeriere bitte von jetzt ab, wie ich es tun werde, getrennt Päckchen und Briefe. So kann man besser sehen, ob etwas verloren gegangen ist. 

Eben komme ich von einer zweistündigen Störungssuche, die Leitung war zerschossen. Bis zum Knie sind wir in den Schlamm gesackt. Ich bin der Länge nach hingesegelt bei der Dunkelheit und dann regnet es in einer Tour; das war vielleicht ein Mist, ich kann Dir sagen. Und gleich muß ich auf Wache ziehen. Inzwischen sind auch wieder neue Nachrichten eingelaufen, nach denen alle Kompanien der Reihe nach eine kurze Ausbildung erhalten sollen, so daß wir wahrscheinlich hier noch wieder zurückkommen. Vielleicht bleiben wir dann ja noch hier, vielleicht hauen wir dann auch ab und müssen womöglich noch ranrobben. Eigentlich kann man sich das ja auch gar nicht denken, aber man muß sich eben den Plänen der Herren da oben fügen. Das ewige Umziehen bin ich ja nun gewohnt, und alles, was man beim Kommiss macht, ist umsonst getan. Na ja, ich sag mir, abwarten und Tee trinken. Erstens kommt es anders u. zweitens als man denkt. Hoffentlich haben wir Glück. Also Sorgen machen ist natürlich nicht am Platze. Meine Sorge wäre nur die Post, daß ich wenigstens die alle erhalte, sonst ist mir alles Wurst. 

Na, und Euch geht’s sonst hoffentlich gut, wie es mir ja auch geht. Übrigens ist es prima, daß Du die Filmwelt kriegen kannst, das Blatt interessiert mich noch. Papi versorgt mich auch immer so lieb mit Illustrierten. Na, hoffentlich kann ich mir nun noch den Pudding kochen und die anderen schönen Sachen genießen. Nur nicht zu schwarz sehen. 

Ich schreib Euch morgen wieder. Drückt den Daumen, daß alles klappt und seid alle drei recht herzlich gegrüßt von Eurem alten Sohn, Bruder und Enkel, 

Werner

Rußland, den 14.X.42 

Meine liebe Mutti, lieber Walti u. lieber Opi! 

Meinen letzten Luftpostbrief werdet Ihr hoffentlich erhalten haben, in welchem ich Euch voll Begeisterung den Empfang Eurer lb. vielen Post mitteilte.