Ich, der Zocker - Dieter-Jürgen Klimek - E-Book

Ich, der Zocker E-Book

Dieter-Jürgen Klimek

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Beschreibung

Ein herrlich verrücktes Lesevergnügen für Jung und Alt! Dieter-Jürgen K., geboren in den letzten beiden Kriegsjahren des 2. Weltkrieges in Braunschweig ist Markthändler und seit Neuestem auch Buchautor. Diese Biografie handelt von Leben, Liebe, Leid und Leidenschaften des Marktschreiers Dieter. Im Alter von christlichen 33 Jahren entdeckte er die schillernde Welt der einfachen Spielhallen- und -höllen sowie der edlen staatlichen Casinos, deren Faszination er nicht widerstehen konnte und die ihn nie wieder losliess. Was Dieter weltweit erlebte - wie er sich an Automaten festbiss oder soeben gewonnene 38000.- DM auf die Casinobesucher herabregnen liess- schildert er spannend und lustig in einer Sprache, die ein jeder versteht. Hinein in den Lesesessel, Lesebrille/Monokel an den Mann/die Frau und viel Spass!

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2015

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AUTOBIOGRAFISCHE NOTIZENDES DIETER-JÜRGEN

AUS DEM LEBEN EINES

KRIEGSKINDES

ZITAT

Wenn man spielt,

sollte man 3 Dinge am Anfang entscheiden:

1. Die Spielregeln

2. Die Einsätze

3. Und den Zeitpunkt, aufzuhören

Chinesisches Sprichwort

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

K

APITEL

1: MEINE GEBURT - 1943

KAPITEL 2: GEBURT MEINER SCHWESTER ANGELIKA - 1949

KAPITEL 3: MEIN ERSTER KONTAKT MIT DER SCHIEFEN BAHN - 1951

KAPITEL 4: KONFRONTATION MIT DER POLIZEI - 1956

KAPITEL 5: ERSTE LEHRSTELLE IN BRAUNSCHWEIG - 1958

KAPITEL 6: BACK TO THE ROOTS WITH NO JOB - 1959

KAPITEL 7: VOLKSWAGENWERK

KAPITEL 8: RENATE

KAPITEL 9: 1965

KAPITEL 10: 1967

KAPITEL 11: B

UNDESWEHR

KAPITEL 12: M

ÄDCHEN UND

F

RAUEN

KAPITEL 13: E

NDE DER

M

ILITÄRZEIT

KAPITEL 14: 1972

KAPITEL 15: 1975

KAPITEL 16: 1975

KAPITEL 17: R

UDI UND

K

ARL

- 1976

KAPITEL 18: M

EIN

E

INSTIEG INS

S

TRASSENVERKÄUFERGESCHÄFT

KAPITEL 19: T

OD DER

O

MA

- 1972

KAPITEL 20: Z

IGEUNERLEBEN

KAPITEL 21: M

ÜNCHEN

S

TACCHUS

KAPITEL 22: 1976

KAPITEL 23: D

IE

S

UCHT

KAPITEL 24: G

LÜCK

KAPITEL 25: V

ATER UND

S

TIEFMUTTER

- 1983

KAPITEL 26: H

ORST

KAPITEL 27: D

ER

N

EID

KAPITEL 28: A

UF DEM

N

ÜRBURGRING

KAPITEL 29: 1985

KAPITEL 30: ADAC

KAPITEL 31: A

NNABELLE UND

K

ARLCHEN

KAPITEL 32: K

ARLCHEN UND DER

R

AUBÜBERFALL

KAPITEL 33: D

AS

H

OPPCHENSPIEL

KAPITEL 34: F

AHRKÜNSTE VON

M

AX

Ü

BERFALL

KAPITEL 35: A

UF DER

R

EEPERBAHN

KAPITEL 36: M

ATHIAS

K

APITEL

37: L

ONDON

K

APITEL

38: F

INANZIELLE

G

LÜCKSZEIT

G

LÜCKSSTRÄHNE MIT

P

FERDEN

K

APITEL

39: M

AUERFALL

E

RSTE

V

ERKÄUFE IN DER

DDR

K

APITEL

40: R

EISE NACH

A

MERIKA

K

APITEL

41: P

ETRA

KAPITEL 42: 1992/1993

KAPITEL 43: N

ORBERT

- 2004

KAPITEL 44: B

IM

KAPITEL 45: H

ARRY

KAPITEL 46: W

ALTER

KAPITEL 47: U

WE AUS

K

OBLENZ

KAPITEL 48: G

EKNACKTER

J

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KAPITEL 49: S

O EIN

D

ICKES

E

I

KAPITEL 50: K

ARLCHEN

KAPITEL 51: B

ILLY UND

H

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H

ARRY

KAPITEL 52: A

NITA

- 2001

KAPITEL 53: F

AMILIENDUELL

- 1997

KAPITEL 54: 2003

KAPITEL 55: 2004

KAPITEL 56: K

REISLAUFKOLLAPS MEINER

M

UTTER

KAPITEL 57:

UNERWARTETER

T

OD MEINER

M

UTTER

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ORBERT

N

ORBERT

KAPITEL 58: Z

OCKEN IN

H

OLLAND

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G

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H

OLLAND

KAPITEL 59: F

ALKENBURG MIT

S

TIEFMUTTER UND

R

OLLATOR

KAPITEL 60: M

EINE

A

UTOS

KAPITEL 61: G

ERHARD AUS

S

AARBRÜCKEN

KAPITEL 62: 2009

KAPITEL 63: M

EIN

N

AMENSVETTER

KAPITEL 64: 2010

KAPITEL 65: B

LINDDARM

- S

EPTEMBER

2011

KAPITEL 66: H

OTEL

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ESTAURANT

S

TEINHEUER IN

B

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EUENAHR

KAPITEL 67: G

LÜCK GEHABT

KAPITEL 68: K

RANKHEIT UND

T

OD

N

ORBERT STIRBT

H

INSCHEIDEN UND

T

OD MEINER

S

TIEFMUTTER

KAPITEL 69: W

EITERE

S

CHWESTERN

KAPITEL 70: W

EIHNACHTEN

/S

ILVESTER

2012/N

EUJAHR

2013

KAPITEL 71:

FRANZÖSISCHER

E

INKAUF

KAPITEL 72: J

ANUAR

2013

KAPITEL 73: M

EIN

70. G

EBURTSTAG

N

ACHWORT

DANKSAGUNG

AUTORENPORTRAIT

VORWORT

Wie wahrscheinlich vielen Menschen nach der Mitte des Lebens erfasste mich urplötzlich der Drang, mich mit meinem Leben auseinander zu setzen. Dabei entstand folgende literarische Abhandlung.

Im Rückblick empfinde ich mein Leben als äusserst bunt und farbenfroh. Jedoch war es auch von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Leidvolle Erfahrungen blieben mir nicht erspart. Auch musste ich die Abgründe des Lebens oft bis zur Neige auskosten.

„Das müssen andere Menschen - vor allem die jungen - unbedingt ebenfalls erfahren, damit ihnen Ähnliches erspart bleiben möge“,

war die Quintessenz meiner Anstrengungen mit Papier und Bleistift.

Leute, das Leben ist so hart, seht es positiv und macht das Beste daraus!

KAPITEL 1

MEINE GEBURT

1943

Ich wurde am 27.03.1943 während der letzten beiden Kriegsjahre in Braunschweig geboren. Meine Mutter - ihr Mädchenname K. Charlotte – wurde im Jahre 1920 in Graudenz/Westpreussen geboren. Sie wuchs in Sensburg/Ostpreussen auf und flüchtete von dort aus des Krieges wegen nach Braunschweig. Im Jahre 1942 lernte meine Mutter meinen Vater, Walter E., kennen. Er war in Braunschweig als Soldat stationiert. Ich, Dieter, entstand. Mein Vater war damals ein Luftikus und Frauenheld. Er konnte sich nicht entscheiden. Meine Mutter schon? Walter war ihre grosse Liebe. Dies erzählte sie mir oft. Ihre Mutter, die Schwester und alle Brüder flüchteten seinerzeit auch nach Braunschweig. Die Familie bedeutete das Überleben. Das damalige Hungerleiden konnte so kurz nach dem Krieg ertragen werden, da man sich gegenseitig mit Lebensmitteln und anderem half. Irgendwie kamen wir über diese Hungerjahre während des Krieges hinweg. Auch das ging vorüber.

KAPITEL 2

GEBURT MEINER SCHWESTER ANGELIKA

1949

In diesem Jahr gebar meine Mutter von ihrem zweiten Mann meine Schwester, Angelika. Wir wuchsen beide bei unserer Grossmutter in Braunschweig auf. Meine Mutter war von Beruf kaufmännische Angestellte. Sie arbeitete später als Fotografin bei einer Kaufhauskette in einer Fotokabine, wie man das damals nannte. Heute werden die Bilder dort automatisch hergestellt. Sie tat alles, um uns alle einschliesslich der Grossmutter zu ernähren. Deshalb war sie ständig unterwegs. Somit waren wir Kinder immer allein und wuchsen ohne Vater auf. Das muss mich seelisch so mitgenommen haben, dass mein Leben auf die falsche Bahn geriet.

KAPITEL 3

MEIN ERSTER KONTAKT MIT DER SCHIEFEN BAHN

1951

Ich war etwa acht Jahre alt, da fing ich an zu klauen. Ich stahl alles, was nicht niet- und nagelfest war. Die Schule schwänzte ich. Mit Mädchen und Jungs schummelte ich mich ins Kino. Damals bekamen wir wenig Taschengeld. Meinen Schulranzen versteckte ich im Keller. Die Oma hat es herausbekommen und meiner Schwester Angelika Bescheid gesagt, sie solle doch mal kontrollieren, was ich da unten im Keller verstecke. Auf diese Weise flog ich auf.

Aber in der Regel machte ich so weiter mit einzelnen Veränderungen. Wenn ich so über die heutigen kleinen Kinder nachdenke, haben die meisten eine gute Kindheit. Unsere, meine Generation hat noch mit Glasmurmeln gespielt, die wir in ein Loch gekullert haben. Da hatten wir viel Spass dran. Dann kamen die Seifenkistenautos aus Holz und für die Mädchen besondere Plastikpuppen und Holzspielzeuge, die heute vielleicht sehr wertvoll sind. Es gab 1951 einen Kinderroller mit einem Trittbügel. Der war überaus interessant, den wollte jedes Kind, besitzen, ich natürlich auch. Es kam, wie es kommen musste, ich fragte einen Jungen, der diesen besass: „Bitte, lass mich mal fahren!“ „Nein“, erwiderte dieser natürlich. Bei einer guten Gelegenheit schnappte ich mir den Roller, fuhr damit eine Zeitlang durch die Gegend und warf ihn dann in den Fluss, die Oker. So hatte keiner etwas davon, wie ich damals dachte. Ich war damals wie heute veranlagt, dem einen zu nehmen und dem anderen zu geben. Da ging es dann richtig los mit dem Klauen. Ich begann in den grossen Kaufhäusern. Mit neun Jahren klaute ich, was mir unter die Finger kam, alles, was ich forttragen konnte, Fussbälle, Kinderspielzeuge und vieles mehr. Alles, was ich schnappen konnte, habe ich immer mit meinen Freunden geteilt. So lief mein Leben denn weiter, Schule schwänzen, klauen bis einmal Folgendes passierte: Die Eltern eines kleinen Jungen, dem ich viele Sachen geschenkt hatte, fragten ihn, wo er all dies denn herhätte. Der Jungen antwortete natürlich: „Vom Dieter!“ Die Eltern kamen zu meiner Grossmutter und fragten sie, wo ich dieses Spielzeug denn herhätte. Ich antwortete der Oma: „Dahinten, der Mann dort hat mir die Sachen geschenkt.“ Ich sah ihn von weitem aus dem Fenster, er machte den Eindruck eines Penners, eines heruntergekommenen Menschen, wie ich ihn damals deklariert hatte. Meine Oma ging natürlich sofort zur Polizei. So war ich zum ersten Mal in meinem Leben mit der Behörde konfrontiert. Ein Polizist verhörte mich, appellierte an mein Gewissen, der Mann sass auch schon im Gefängnis. Ich sagte sofort den wahren Hergang, somit war dieser Mann wieder in Freiheit. Es war immer noch nicht genug mit der Klauerei. Ich war etwa zehn Jahre alt, entwickelte mich zu einem kleinen Schnellklauer. Ich ging wieder in die Kaufhäuser, klaute den Hausfrauen die Geldbörsen aus den Taschen. Braunschweig lag ja noch immer in Trümmern. Dazwischen versteckte ich das Geld. Das war mir aber noch nicht genug. Ich ging wieder in die Kaufhäuser, um Geldbörsen zu klauen, aber diesmal passten die Frauen besser auf. Ich konnte ihnen nicht mehr so leicht ihre Geldbörse stehlen. Also habe ich gleich die ganze Handtasche mitgehen lassen. Diese versteckte ich wieder zwischen den Kriegstrümmern. Es gab damals auch noch viele Blindgänger. Wir waren ja Kinder. Welches Kind denkt daran, dass das gefährlich werden könnte. Irgendwann war es soweit. Die Behörde schnappte mich. Es kam, wie es kommen musste, ich wurde in eine Erziehungsanstalt eingewiesen. Adelheide bei Bremen, später war das ein Militärgelände. Heute weiss ich nicht, was dort gebaut wurde. Ich verbrachte in der Erziehungsanstalt zwei Jahre. Das hatte nicht viel zu meiner Läuterung beigetragen. Im Gegenteil, ich bin dort abgehauen. Ich fuhr schwarz, versteckte mich im Zug auf der Toilette und wollte zur Oma zurück. Ich liebte sie sehr, obwohl sie sehr grob zu mir war, sie schlug mich viel, nahm mich aber auch manchmal in den Arm und gab mir das Gefühl, dass sie mich doch mag, was sehr wichtig war für mein späteres Leben. In der Hungerzeit kochte meine Grossmutter allerlei Suppen, z. Bsp. Kartoffelsuppe, Brotsuppe, Birnensuppe, Kohlsuppe und viele mehr. Es war die beste Oma der Welt. Sie hielt uns in diesen Jahren über Wasser.

KAPITEL 4

KONFRONTATION MIT DER POLIZEI

1956

Nun komme ich noch einmal zur Toilette des Zuges zurück, in der ich aufgegriffen wurde. Das Bahnpersonal übergab mich der Polizei. Diese sperrte mich in ein Überbrückungsgefängnis für Jugendliche. Das war in Dortmund. Dort sollte entschieden werden, was weiterhin mit mir geschehen sollte. Ich war etwa dreizehn Jahre alt. Als ich mit den dort eingesperrten jungen Männern zusammen war, geschah Folgendes: In diesen Räumen gab es weit oben eine Fensteröffnung, durch die ein kleiner Mensch hindurch krabbeln konnte, was ich dann auch versuchte. Ein junger Mann half mir. Er sprach: „Wenn Du dort hindurch passt, dann schaffe ich das auch!“ Er hob mich hoch, ich war in Freiheit, freute mich und rief: „Ich bin draussen, ich bin draussen, komm auch!“ Der Mann kam aber nicht. Vielleicht war er doch nicht so schlank wie ich. Ich bin dann wieder schwarz mit dem Zug gefahren, wurde ein weiteres Mal erwischt und wieder zur Oma zurückgebracht.

Ich ging dann wieder zur Schule (mehr oder weniger) und versuchte immer wieder durch Klauen zu Geld zu kommen. Dies misslang mir jedoch, wie es meistens war.

KAPITEL 5

ERSTE LEHRSTELLE IN BRAUNSCHWEIG

1958

Als ich fünfzehn Jahre alt war, kam ich für vierzehn Tage in die Jugendarrestanstalt, im Anschluss zur Oma. Diese redete mir immer wieder ins Gewissen: „Junge, überleg doch mal, wie das mit deinem Leben weitergeht. Was willst du denn daraus machen?“ Sie gab mir den Rat, zu meinem leiblichen Vater zu ziehen und mit ihm und dessen Frau zu leben. Damit war ich einverstanden. So reiste ich mit nur fünfzehn Jahren zu meinem Vater, der mich am Hauptbahnhof in Koblenz abgeholt hatte. Wir sahen uns das erste Mal in unserem gemeinsamen Leben. Unverkennbar, mein Vater bzw. ich sein Sohn! Ich sah ebenfalls so aus wie er bzw. er wie ich. Wir verstanden uns auch sehr gut, was auch meine Stiefmutter mit einschloss. Alles ging mir jedoch viel zu schnell – dieses anständige, normale Leben ging mir ziemlich rasch auf die Nerven. Es war alles so langweilig und viel zu ordentlich. Mein Vater zerbrach sich den Kopf darüber, was ich lernen sollte. Seinerzeit lebten wir in Kobern/Gondorf an der Mosel. Es brachte Probleme mit sich, in diesem kleinen Örtchen eine Lehrstelle zu finden, da ich ja aus der Stadt kam. Mein Vater kannte jedoch sehr viele Leute in der Stadt Koblenz, unter anderem auch einen Tapezier- und Malermeister, dessen Name mir jedoch entfallen ist. Ich sollte dort eine Ausbildung zum Maler absolvieren, sprich „Malerfritze“ werden. Wir fuhren also von Kobern/Gondorf mit meiner Stiefmutter nach Koblenz, die ebenfalls dort arbeitete. Dazu nutzten wir die Bahn. Abends trafen wir uns auf dem Heimweg mit meinem Vater. Nur war ich nicht auf der Arbeit, sondern hatte mich den ganzen Tag herumgetrieben. Und dies etwa zwei Wochen lang. Mein Vater fragte mich immer wieder nach meinem Lehrvertrag, den ich schon lange zuhause abliefern sollte. „Was soll damit sein? Den habe ich vergessen“, war meine Antwort. Nun wurde es meinem Vater zu bunt, er fuhr selber zu der Firma. Er war fix und fertig mit den Neuigkeiten, die er dort vernehmen musste. Als er nach Hause zurückkehrte, gab es Krach, Zank und Wortgefechte. Das Ende vom Lied war, dass ich mitten in der Nacht abgehauen und wieder zur Oma nach Braunschweig gefahren war.

KAPITEL 6

BACK TO THE ROOTS WITH NO JOB

1959

So landete ich also wieder bei meiner herrschsüchtigen und strengen Oma in Braunschweig. In den nächsten beiden Jahren bemühte ich mich um diverse Lehrstellen. Ich war einmal für zwei Wochen Friseurlehrling und weitere zwei Wochen schnupperte ich als Kellnerlehrling in die Gastronomie. Es war ein sehr vornehmes Restaurant, der Ratskeller in Wolfenbüttel. Da ich jedoch viel zu wenig Freizeit hatte, gefiel mir das schon schnell nicht mehr. Etwas Schönes passierte wieder in meinem Leben. Meine Mutter hatte sich neu verheiratet und zog mit mir und ihrem dritten Mann nach Saarbrücken. Meine Oma blieb mit meiner Schwester Angelika in Braunschweig zurück.

In Saarbrücken fing dann die gleiche Leier wieder an. Ich versuchte mich als Bäckerlehrling, das war nichts für mich, drei Monate als Friseurlehrling, das ging auch nicht gut. Also musste meine Grossmutter wieder als Auffangbecken dienen. Heim nach Braunschweig, hiess die Devise. Dort begab ich mich mit einem Freund auf Lehrstellensuche. Wir hatten uns damals auf einer Grosstankstelle der BP in der Celler Strasse vorgestellt. Damals wie heute ist es doch noch immer dasselbe, man muss redegewandt sein sowie eine charmante Ausstrahlung besitzen. Damit hat man gute Karten für eine Anstellung. Ich bekam die Lehrstelle und absolvierte in zweidreiviertel Jahren meine Ausbildung zum Tankwart, die ich 1962 hinschmiss. Ebenfalls erhielt ich in dieser Zeit meinen Führerschein. Wir waren insgesamt sechs Lehrlinge und zwei Gesellen. Die Lehrlinge wurden schamlos ausgenutzt. Diese wurden von ihrem Chef nicht versichert, was normalerweise zum Standard gehörte. Samstags wurden Autos gewaschen, und zwar von Hand. Bis zu einhundertfünfzig Autos kamen so an einem dieser Tage zusammen. Die Fahrzeuge sahen natürlich besser gepflegt aus im Vergleich zu dem Ergebnis der heutigen Waschstrassen.

Es folgte der nächste Knaller in meinem Leben. Ich verkrachte mich mit meinem eigentlich guten Lehrchef. In solchen Dingen bin ich ein sturer Esel, ich schmiss alles hin und ging nach Hause. Somit war auch mein Gesellenabschluss hinfällig, was mir seinerzeit völlig egal war. Heute würde ich anders darüber denken, denn man lernt im Leben ja dazu.

In den kommenden Lehr- und Wanderjahren arbeitete ich mal hier, mal dort. Von etwas muss der Mensch ja leben. Alt genug war ich für meine Begriffe auch, ein Endteenager würde man heute wohl sagen. Mit neunzehn, zwanzig Jahren fing ich in den unterschiedlichsten Fabriken an zu arbeiten, und schmiss das Ganze auch schon oft bald wieder hin. Immer dasselbe Theater - anfangen und aufhören. Es gefiel mir ja auch so überhaupt nicht an diesen Arbeitsstätten. Vielleicht hätte ich studieren sollen?

KAPITEL 7

VOLKSWAGENWERK

Das Schicksal brachte mich zu VW in Braunschweig. In diesem Werk braucht man einen ganzen Tag, um den Laufzettel an den betreffenden Stellen ausfüllen zu lassen. So verging der erste Tag. Den darauffolgenden Tag werde ich im Leben nicht vergessen. Man stelle sich Folgendes vor: Es lief ein langes Band von ca. einhundert Metern. Darauf wurden ungefähr einhundertfünfzig Förderachsen befördert. Meine Aufgabe war - es war das Jahr 1962 - vier bis fünf Stifte mit der Hand in die Achse zu klopfen, so dass diese richtig halten. In der Kürze der Zeit war das für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Das Band lief ja ständig weiter. So half mir ein sogenannter Springer, der mit allen Arbeiten vertraut war. Dieser arbeitete dann in rasender Geschwindigkeit zurück und holte meine nicht fertiggestellte Arbeit nach, sodass alles wieder seinen geordneten Gang ging. Für mich war dieser zweite Tag das kalte Grauen. Ich hatte komplett die Nase voll, nichts wie ab und weg. Das war zu diesem Zeitpunkt nichts für mich. Ja, später ist man immer schlau! Am dritten Tag meldete ich mich wieder ab. Drei volle Tage wurden mir von VW bezahlt.

Wenn ich Geld hatte, gab ich der Oma immer viel ab, wenn etwas übrig blieb. Das meiste Geld ging für meine Autos drauf. Mein erster Wagen war der Opel P5. Er kostete damals gebraucht dreihundertfünfzig DM. Nicht schlecht, dachte ich, und testete mit meinen Kumpels die Kurvenlage. Dies konnte man früher noch tun, weil es noch nicht viel Verkehr auf deutschen Strassen gab.

Nun folgt ein weiterer entscheidender Abschnitt meines jungen Lebens. Ich lernte einen jungen Mann in meinem Alter kennen, der mir aus seinem Leben erzählte. Er imponierte mir sehr, da er zudem gerade aus dem Urlaub kam, welchen ich bis dato noch nie gehabt hatte. Er war in Teneriffa. Doch woher hatte er die Kohle? Er liess mich wissen, dass er nebenbei Geschäfte krummer Art tätigte. Dies machte auf mich einen grossen Eindruck. Bis ich dann selber mitten drin war in der Kriminalität. Ich war ja anfällig für eine solche Art von Leben. Er sprach über das Zuchthaus, den Knast. Er hatte diesen bereits von innen kennengelernt. Nun schlug er mir einige Dinger vor, die ganz leicht zu bewältigen wären. Dazu liess ich mich überreden, dies taten wir dann. Einbruch in ein Waffengeschäft, dort liessen wir zwei Pistolen mitgehen, um damit eine Bank zu überfallen. Die Hauptsparkasse von Braunschweig, die nächste Aktion! Jedoch hatte Günter, der angebliche Grossganove kurz zuvor die Hosen gestrichen voll, sodass ich dann ebenfalls von diesem Plan Abschied nahm. Wir konzentrierten uns dann auf kleinere Ganovenstücke, wie zum Beispiel einen Wohnungseinbruch und einen Firmeneinbruch. In der Firma stand ein alter Gitterschrank. Dieser war verschlossen. Wir dachten beide, es wäre eine Kasse, da es darinnen rappelte. Es hörte sich an, als ob sich dicke Geldbündel darinnen befanden. Leider waren es nur Rechnungen und Quittungen, also wieder nix. Den nächsten Versuch starteten wir in der Nähe des Denkmals Heinrich des Löwen. Dort gab es ein Geschäft. Wir wurden wahrscheinlich schon beobachtet, bevor wir dort eingebrochen waren. Ich machte mich als Erstes an der Registrierkasse zu schaffen. Diese liess sich jedoch ganz schwer öffnen. Es hätte in der Nacht auch viel zu viel Krach gegeben, also nahmen wir die ganze Kasse kurzerhand mit. Ich rannte mit ihr über den Platz, an dem das Denkmal stand. Plötzlich schrie ein Polizist: „Halt, stehen bleiben, sonst schiesse ich.“ Daraufhin liess ich vor Schreck die Kasse fallen. Sie öffnete sich durch den Fall. Günter war schneller als ich. Hinter mir wurde ein Warnschuss abgegeben, wie der Polizist, den ich später zufällig einmal wieder traf, mir bestätigte. „Wenn ich damals auf Sie gezielt hätte, dann wären Sie heute tot.“ An diesem betreffenden Abend flüchtete ich durch den Bürgerpark zu Günter. Dieser wurde in der Stadtmitte gefangen genommen. Wie ging es weiter? Hatte er mich verraten? Ich wartete bis es hell wurde in der Wohnung oberhalb des Hausflures. Günter hatte mich in der Nacht verraten. Am frühen Morgen waren die Polizeibeamten schon bei ihm in der Wohnung. Ich lief aus Günters Haus zu mir nach Hause, um zu sehen, ob die Polizei schon auf mich wartete. Dies war der Fall. So bekamen sie mich dort nicht zu Gesicht. Ich wartete wieder, bis die Beamten nicht mehr da waren. Dann bin ich zu Oma in den ersten Stock. Sie empfing mich wütend und sagte: „Junge, ich habe Dir gleich gesagt, dass der Blondgefärbte ein Ganove ist. Lass die Finger von dem. Was hast Du nur angestellt? Du musst Dich sofort bei der Behörde melden!“ Was ich dann auch tat. So durfte ich bis zum Gerichtstermin auf freiem Fusse bleiben. Als Auflage hatte ich mich jedoch wöchentlich auf dem Polizeirevier zu melden. Ein halbes Jahr dauerte es bis zum Gerichtstermin. Der Richter liess keine Gnade für mich walten und verknackte mich zu einem Jahr Jugendgefängnis ohne Bewährung. Meine Grossmutter konnte mir auch nicht helfen.

So landete ich im Gefängnis. Auch dort brauchte man Helfer für alle Bereiche, für die Küche, die Bücherei, die Gartenanlage oder auch Hausarbeiter und Gehilfen für die Essensausgabe. Ich hatte mich sofort dafür gemeldet, um aus der Einzelzelle herauszukommen. Man stellte mich dem Hausarbeiter als Gehilfe zur Seite.

Es gab eine sehr strenge Einzelhaft. Die ersten drei Monate blieben die Häftlinge in ihrer Zelle. Danach kamen sie meistens in die Gemeinschaftszelle. Im Jahre 1962 waren die Gefängnisse noch nicht so komfortabel ausgestattet wie heute. Es gab auch keine Einzeltoiletten, sondern einfache Kübel in der Zelle, die ich dann in die Toilette auf dem Stockwerk ausschütten musste. Dies sind Eisenetagen mit Löchern drin, wie man sie auch in manchen alten Spielfilmen sehen kann. Ich Dussel musste also fünf oder sechs dieser Eimer stapeln und deren Inhalt entsorgen. Dabei stellte ich mich einmal so blöde an, dass alle Scheisseimer durch die Gegend flogen. Diesen Tag vergesse ich nie. Was für eine riesengrosse Sauerei!

Seinerzeit trug ich einen kleinen Putz auf dem Kopf, einen sogenannten Mecki Haarschnitt. Alle Häftlingen nannten mich deshalb Mecki, wenn es zur Essensausgabe kam. Manchmal gab es auch Schnitzel. „Mecki, Mecki, gib mir ein Schnitzel mehr!“ forderte mich einer der Häftlinge auf. Ich hatte und habe ja ein gutes Herz, deshalb tat ich das auch von Zeit zu Zeit. Es war mir egal, was die Gefängnisleitung davon hielt. Des Weiteren die Sache mit den Zigaretten - man durfte in den ersten drei Monaten im Gefängnis nicht rauchen. So sammelte ich die Kippen zusammen, die die Wärter in den Aschenbecher gelegt hatten. Eingewickelt in Zeitungspapier rauchte ich den Inhalt der Kippen selber oder verschenkte sie an Mithäftlinge. Das ging so: In der Zellentür gab es ein kleines Loch, den sogenannten Spion. Dieses Loch war jedoch durch Glas noch einmal gesichert. Manchmal war es auch zerbrochen. Dort konnte ich die selbstfertigten Stummel hindurch geben.

Gegen 17:30 Uhr, wenn die Hausarbeiten erledigt waren, mussten wir in unsere Zellen zurück. Dann begann die grosse Einsamkeit. Manche der Insassen schrien sich die Lungen aus dem Hals, andere rüttelten an den verschlossenen Türen. Bücher bekamen wir auf Bestellung. Meistens waren diese jedoch verliehen. Ebenfalls wurde dem Zellengenossen von Zellenfenster zu Zellenfenster weitergereicht, was man entbehren konnte. Mit dem Seil pendeln nannten wir das. Es gab fast alles im Hameler Vollzug. Man konnte die Kirche aufsuchen, es waren Ärzte vorhanden. Ausgebildete Sozialarbeiter versuchten uns gestrauchelten Menschen wieder auf die richtige Bahn zu helfen, was bei vielen schlussendlich misslang. So auch bei mir damals zumindest nicht. Viele der Justizbeamten redeten mir förmlich ein, dass ich es niemals schaffen würde. Diese müssten mich heute mal sehen. Dann würden diese Menschen anders reden und denken.

Die Häftlinge erhielten bei guter Führung ein Drittel der Strafzeit normalerweise erlassen. Da ich im letzten Drittel meiner Strafzeit auffällig wurde, galt dies für mich natürlich nicht. So brach ich mit einem Mithäftling eines schönen Tages aus dem Hamelner Gefängnis aus. Am selben Tag wurden wir wieder erwischt und heim in die gute Stube geführt. Als Strafe für den Ausbruch gab es vierzehn Tage verschärften Arrest. Ich musste zwei Tage in einer Dunkelzelle ausharren, in der es weder Matratze noch Decke sowie trocken Brot gab. Ab dem dritten Tag war wieder alles wie üblich. Ich durfte mein Gesicht wieder auf Matratze mit Decke betten. Auch die letzten drei Monate gingen ins Land. Ein Tag im Gefängnis entspricht fünf Tagen in Freiheit. Es war kaum auszuhalten. Zusätzlich musste ich die ganzen Sprücheklopfer ertragen. „Wie lange bist Du verknackt worden? Ein Jahr? Das sitz‘ ich auf einer Arschbacke ab!“

Aber alles ist vergänglich. So ging auch diese schlechte und miese Zeit in Hameln vorüber. Viel Lebenserfahrung brachte diese mit sich. Ich hatte sehr viel Zeit zur Verfügung, um mir Gedanken zu machen. Enorme Zeit zum Nachdenken! Wie geht es weiter in meinem Leben? Was ist richtig und was ist falsch? Ich wusste ich es nach wie vor nicht. Die Beamten flüsterten mir immer wieder ihre negativen Sprüche ein. „Du wirst nie ein anständiger Mensch.“ Doch diese Prophezeiungen wollte ich so nicht hinnehmen und ich rappelte mich wieder auf wie ich es oft im Leben tun musste.

KAPITEL 8

RENATE