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Sara Aduse lebte vorübergehend bei ihrer Großmutter in Harar, Äthiopien, als diese ihr, der damals Siebenjährigen, viele Geschenke und ein großes Fest versprach. Was für die Großmutter und alle anderen anwesenden Frauen zum Freudentag wurde, war für die kleine Sara traumatisierend: Sie wurde beschnitten, erlitt dabei unvorstellbare Schmerzen und verlor zudem das Urvertrauen. Noch Jahre später – Sara lebte schon längst in der Schweiz – litt sie unter den psychischen Folgen, war abwechselnd tieftraurig oder ungemein wütend. Erst als sie sich bewusst mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzte, wurde ihr klar, wo ihr Gefühlschaos seinen Ursprung hatte, und konnte sich an die Aufarbeitung ihrer Geschichte machen. Dazu gehörte, dass sie 2019 nach Äthiopien reiste, dorthin, wo alles begann. Weltweit gibt es über 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen. Allein in der Schweiz leben über 22 000 Mädchen und Frauen, die beschnitten oder von dieser Praxis bedroht sind. Sara Aduse sagt: »Wenn ich es mit meiner Aufklärungsarbeit, mit dem Dokfilm ›Do You Remember Me?‹ und diesem Buch schaffe, auch nur ein einziges Mädchen vor der Beschneidung zu bewahren, hat sich mein Gang an die Öffentlichkeit mehr als gelohnt.«
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2022
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden einige Namen und Ortsangaben geändert.
Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2022 Wörterseh, Lachen
Lektorat: Brigitte MaternKorrektorat: Andrea LeutholdUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaFoto Umschlag vorn: Daniela Huber Fotografie, huber-fotografie.comFoto »Über das Buch«: Helena MüllerFotos Bildteil: Privatarchiv, alle anderen Fotos sind gekennzeichnetBildbearbeitung: Michael C. ThummLayout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI Books GmbH
Print ISBN 978-3-03763-134-8 E-Book ISBN 978-3-03763-823-1
www.woerterseh.ch
Allen beschnittenen Mädchen in Harar und auf der ganzen Welt
Über das Buch
Über die Autorinnen
Vorwort
TEIL I
Ankunft in Harar
Zerstampfte Kartoffeln und Peitsche
Ohnmacht
»Baba!«
Ein Licht im Heimalltag
Wut im Bauch
»Guten Morgen, Schatz!«
Immer stark sein
Aybüke
TEIL II
Am Wendepunkt
Meine Verletzungen erkennen
Wie ich mir selber vergab
Wie ich anderen vergab
Groß denken!
Abschied vom Bad Boy
»Und, was spürst du jetzt beim Sex?«
Heldin des Monats
TEIL III
Das Glück meiner Schwestern
Wiedersehen mit der »weißen Stadt«
Geistlicher Widerstand
Prügel für Hawi
Burtuchan
Jeder Millimeter ist wichtig
Meine stolzen Freundinnen
Das stille Mädchen Makeda
Ein heikles Vorhaben
Der Heiratsantrag
TEIL IV
Das also ist Mutterliebe
Das schönste Geschenk Gottes
In den Startlöchern
Danke!
Interview mit Dr. med. Gabriella Stocker»Kaum eine beschnittene Frau redet über ihre sexuelle Zufriedenheit«
Hilfe und Beratung
Sara Aduse lebte vorübergehend bei ihrer Großmutter in Harar, Äthiopien, als diese ihr, der damals Siebenjährigen, viele Geschenke und ein großes Fest versprach. Was für die Großmutter und alle anderen anwesenden Frauen zum Freudentag wurde, war für die kleine Sara traumatisierend: Sie wurde beschnitten, erlitt dabei unvorstellbare Schmerzen und verlor zudem das Urvertrauen.
Noch Jahre später – Sara lebte schon längst in der Schweiz – litt sie unter den psychischen Folgen, war abwechselnd tieftraurig oder ungemein wütend. Erst als sie sich bewusst mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzte, wurde ihr klar, wo ihr Gefühlschaos seinen Ursprung hatte, und konnte sich an die Aufarbeitung ihrer Geschichte machen. Dazu gehörte, dass sie 2019 nach Äthiopien reiste, dorthin, wo alles begann.
Weltweit gibt es über 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen. Allein in der Schweiz leben über 22 000 Mädchen und Frauen, die beschnitten oder von dieser Praxis bedroht sind. Sara Aduse sagt: »Wenn ich es mit meiner Aufklärungsarbeit, mit dem Dokfilm ›Do You Remember Me?‹ und diesem Buch schaffe, auch nur ein einziges Mädchen vor der Beschneidung zu bewahren, hat sich mein Gang an die Öffentlichkeit mehr als gelohnt.«
Sara Aduse war sieben Jahre alt, als sie in Harar, Äthiopien, beschnitten wurde, und sie war zwölf, als sie mit ihrer Familie in die Schweiz kam, wo sie 2013 eingebürgert wurde. Nach ihrer Ausbildung zur Pflegeassistentin fand sie den Mut, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Kurz darauf reiste sie nach Harar, um dort ihre Beschneiderin zu suchen. Daraus entstand der Dokumentarfilm »Do You Remember Me?« und das hier vorliegende Buch »Ich, die Kämpferin«. Wieder in der Schweiz, schloss sie die Ausbildung zum eidgenössisch anerkannten Integralcoach ab, gibt seither Workshops und Seminare und bildet sich daneben zur psychologischen Mentorin weiter. In ihrer Aufklärungs- und Heilungsarbeit für eine Welt ohne Mädchenbeschneidung arbeitet die heute Dreißigjährige unter anderem mit Unicef und World Vision zusammen. Sara Aduse ist seit einem Praktikum bei »20 Minuten« Teilzeit als Redaktorin angestellt. Sie lebt in der Nähe von Zürich.
© 20min/Celia Nogler
Désirée Pomper, geb. 1984, startete während ihres Studiums der Internationalen Beziehungen in Genf eine Laufbahn als Journalistin. Heute ist sie stellvertretende Chefredaktorin bei »20 Minuten«, Filmemacherin und Ghostwriterin. »Do You Remember Me?« ist ihr erster Dokumentar- und Kinofilm; sie hat ihn gemeinsam mit den »20 Minuten«-Videojournalisten Helena Müller und Murat Temel produziert. Der Dokfilm wurde unter anderem für den Filmpreis in der Kategorie Erstlingswerk an den Solothurner Filmtagen nominiert sowie für die Impact Days des Internationalen Filmfestivals und Forums für Menschenrechte FIFDH in Genf und für das Socially Relevant Film Festival New York. Die »20 Minuten«-Produktion dokumentiert Sara Aduses Reise nach Äthiopien, wo sie ihre Beschneiderin sucht und damit beginnt, sich gegen Mädchenbeschneidung starkzumachen. Désirée Pomper lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Zürich.
»Es gibt Begegnungen mit Menschen, die uns vom ersten Augenblick ein Interesse abgewinnen, bevor wir noch ein Wort mit ihnen gesprochen haben«, so der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski. Solchen Menschen durfte ich als Journalistin in den letzten fünfzehn Jahren immer wieder begegnen: Bundesrätinnen und CEOs, Dealern und Sexarbeiterinnen. Aber die Begegnung, die mich bisher am meisten beeindruckt hat, war diejenige mit einer jungen Frau aus Zürich: Sara Aduse.
Sara war im Mai 2019 für ein Interview in die Redaktion von »20 Minuten« gekommen, um als erste Frau in der Schweiz öffentlich darüber zu reden, dass sie als Kind beschnitten worden war. Weltweit gibt es über 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen – doch kaum eine redet darüber. Als Mutter zweier Töchter berührte mich Saras Geschichte besonders. Gleichzeitig war ich beeindruckt von ihrem Mut. Ich fragte mich, was sie zu diesem Schritt bewogen hatte. Sara – das wurde schnell klar – wollte mehr als »nur« über ihre Beschneidung reden. Sie wollte die Gründe für die Praxis verstehen und vor allem etwas dagegen unternehmen.
So beschlossen meine »20 Minuten«-Kollegen Helena Müller, Murat Temel und ich, Sara einige Monate später nach Äthiopien zu begleiten und die Reise in ihr Herkunftsland filmisch zu dokumentieren.
Eines Abends saßen wir nach einem aufwühlenden Drehtag – wir waren gleich zweimal bestohlen worden und hatten viele Stunden auf dem örtlichen Polizeiposten verbracht – in der schlichten Hotellobby, als Sara von ihrem Wunsch erzählte, ein Buch über ihr Leben zu schreiben. Ihr Ziel war es, Frauen, die wie sie Traumatisches erlebt hatten, mit ihrer eigenen Geschichte zu ermutigen. Ihnen zu zeigen, dass es möglich ist, Frieden mit sich zu schließen und glücklich zu werden. Saras Enthusiasmus war ansteckend. So wählte ich, zurück in der Schweiz, die Nummer der Wörterseh-Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx. Es ist ihr zu verdanken, dass dieses Buch nun erscheint.
Über zwei Jahre durfte ich Sara auf ihrem Weg begleiten. Kennen gelernt habe ich eine Frau, die sich ambitionierte Ziele steckt und diese mit einer bewundernswerten Hartnäckigkeit verfolgt. Eine Frau, der es gelungen ist, Wut in Liebe und Selbstzweifel in Selbstbewusstsein umzuwandeln. Eine Frau, die mich gelehrt hat, wie dankbar man dafür sein muss, in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen zu sein mit Menschen um sich herum, die einen bestärken und so den Weg für die Zukunft ebnen.
Sara ist eine Frau, die für ihr Glück kämpft, aber auch für das der anderen, und das tut sie auf eine sanfte Weise. So hält sie Gefängnisstrafen und Drohungen im Kampf gegen Mädchenbeschneidung nicht für zielführend. Stattdessen sucht sie das Gespräch auf Augenhöhe, fühlt sich in ihr Gegenüber ein, hört zu und erzählt von ihren eigenen Erfahrungen. Sara bewegt zum Umdenken, ohne anderen die Würde zu nehmen. Das ist eine Gabe, für die ich sie bewundere.
Ich möchte Sara an dieser Stelle für das mir geschenkte Vertrauen danken. Und für ihre große Geduld, denn sie ließ mir die Zeit, die ich benötigte, um mich in ihre Lebenswelt hineinzufühlen.
Désirée Pomper, im Februar 2022
Harar, 10. November 2019. Es dunkelte bereits ein, als meine Cousine Inas und ich die weiß verputzten Festungsmauern erblickten und das gewaltige Stadttor der ostäthiopischen Stadt passierten. Nach dem zwölfstündigen Flug von Zürich über Addis Abeba nach Dire Dawa und einer zweistündigen Taxifahrt hierher stieg ich kurz aus und vertrat mir die Beine. »Herzlich willkommen in Harar!«, grinste Inas. Sie hatte mich vom Flughafen abgeholt und zeigte nun auf das bunte Treiben um uns herum. Bald darauf standen wir mitten in der umtriebigen Stadt, die rund 150 000 Einwohner zählt. Hunderte blaue Tuk-Tuks, kleine motorisierte Autorikschas, schnitten sich hupend den Weg ab. Esel, links und rechts beladen mit Zuckerrohr, und Männer mit hohen Ballen frisch geschnittener Khat-Zweige auf den Schultern schoben sich an uns vorbei. Die Straßen waren noch immer voller Menschen und erfüllt vom Stimmengewirr. Die Markthändler räumten gemächlich ihre Stände zusammen. Der Gesang der Muezzins erklang und rief zum Abendgebet. Wie lange war ich nicht mehr in dieser faszinierenden Stadt gewesen!
Früher, hatte man mir erzählt, waren bei Einbruch der Nacht die fünf Stadttore – eines für jedes Tagesgebet des Islam – verschlossen worden. Dann kam niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis mehr hinein. Außerdem brauchte, wer in der Dunkelheit der Stadt unterwegs war, eine bewaffnete Eskorte, denn nachts fielen die Hyänen ein: Sie schlüpften durch eigens für sie in die Stadtmauer eingelassene Öffnungen und vertilgten den Abfall auf den Straßen. Noch heute schleichen nach Sonnenuntergang Hyänen umher auf der Suche nach Essensresten, weshalb man hier nächtliche Spaziergänge besser vermeidet. Als kleines Mädchen hatte ich einmal eine unschöne Begegnung mit einem dieser Tiere. Es war am Ende des Fastenmonats Ramadan, als mein großer Bruder Khalid und ich frühmorgens Besorgungen für das Fest des Fastenbrechens machen wollten. Wir waren bereits auf dem Rückweg, da erblickten wir plötzlich das bucklige Geschöpf – und es uns. Langsam schritt es auf uns zu. Wir wussten, dass Hyänen ihre Beute bis zur totalen Erschöpfung jagten und bei lebendigem Leib zerrissen. »Lauf!«, schrie Khalid. So schnell uns die kurzen Kinderbeine trugen, liefen wir Richtung Haus, das zum Glück nicht weit entfernt lag. Obwohl die Hyäne sofort die Verfolgung aufnahm, schafften wir es. Mit aller Kraft hämmerten wir, laut um Hilfe rufend, gegen Großmutters Eisentor. Das Hausmädchen öffnete, zerrte uns blitzschnell hinein und schlug mit einem großen Knall das Tor hinter uns zu.
Ich wischte die Erinnerung beiseite und ließ all die Geräusche und Gerüche Harars auf mich wirken. Am nächsten Morgen, so nahm ich mir vor, würde ich den Pferdemarkt in der Altstadt besuchen. Ich würde mich unter die in farbenfroh leuchtende Tücher gehüllten Frauen mit ihren fein geschnittenen Gesichtern mischen, die mit Papayas gefüllte Körbe auf ihrem Kopf balancierten oder, auf dem Boden sitzend, Zwiebeln, Tomaten, bunte Stoffe und filigrane Korbflechtereien feilboten. Mein Blick würde hängen bleiben an den Reifen, die die Fußgelenke der Verkäuferinnen zierten, an ihren goldenen Nasenringen und den glitzernden Plättchen auf der Stirn. Ich würde ihre wehenden Schleier und Schals und ihre purpurfarbenen Gewänder bestaunen, die sie über knöchellangen Samthosen trugen. Ich würde vor den Juwelierständen stehen bleiben, an Männern vorbeischlendern, die auf offener Straße das Fußpedal ihrer Nähmaschine bedienten oder zu dritt auf abgewetzten Tischchen Domino spielten und sich die Backen mit euphorisierenden Khat-Blättern vollstopften. Ich würde den Pferdekutschen ausweichen, mich durch die engen Gassen schlängeln, vorbei an den verschachtelten Häusern, den sich überall auftürmenden Minaretten und Heiligenschreinen mit ihren weißen Kuppeln. Ich würde den Duft von Weihrauch und frisch geröstetem Kaffee einatmen.
Jetzt aber, jetzt wollte ich erst einmal zu Großmutter fahren. Ob sie mir wohl öffnete? Sie wusste, dass ich auf dem Weg zu ihr war. Und sie wusste, worüber ich mit ihr sprechen wollte. Meiner Mutter hatte sie vor meiner Abreise klargemacht, dass sie zu so einem Gespräch mit mir nicht bereit sei. Vielleicht bestand aber doch eine kleine Chance. Ich wollte es nicht unversucht lassen.
Als ich das erste Mal nach Harar zu Großmutter fuhr, war ich fünf Jahre alt. Das war 1996. Es hatte geheißen, meine zwei Brüder und ich würden bei ihr die Ferien verbringen. Die Fahrt damals war beschwerlich. Über zehn Stunden waren wir im Bus unterwegs von Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, wo ich zur Welt gekommen und in einem gepflegten Quartier aufgewachsen war. Ich erinnere mich noch an die schweren, bodenlangen Vorhänge in unserem Wohnzimmer und an den Tiefkühler in der Küche, wo mein Vater, der Abteilungsleiter einer Geflügelfabrik war, gefrorene Hühnchen stapelte. Damals war mir von den vielen Kurven schon ganz übel, und von den Schlaglöchern schmerzte der Hintern. Aus den Buslautsprechern schepperte laute Musik. Ich saß zwischen meinem älteren Bruder Khalid und meiner Mutter, wo es eng war und heiß. Am liebsten wäre ich auf Mutters Schoß geklettert, aber da saß schon mein Bruder Adil, der erst drei war. Also blieb ich, wo ich war, und hoffte, dass wir das Ziel bald erreichten.
Auch damals passierten wir das große weiße Stadttor von Harar. Die Sonne brannte gnadenlos auf uns nieder, als wir ausstiegen. Autos hupten, Händler priesen lauthals ihre Waren an, Menschen schoben sich durch die Gassen, und überall standen Esel herum. Eingeschüchtert von diesen neuen Eindrücken, drängte ich mich enger an Mutter und versuchte, mit ihr schrittzuhalten, während sie sich mit ihrer schweren Tasche zielsicher einen Weg durch die Menge bahnte, darauf bedacht, nicht in tierische Exkremente zu treten. Die Straßen waren über weite Strecken nicht asphaltiert, wie ich es von zu Hause gewohnt war, sondern aus gestampfter brauner Erde und, obwohl es nicht regnete, ziemlich matschig.
Schließlich bogen wir in eine schmale und saubere kopfsteingepflasterte Gasse ein, die auf beiden Seiten von farbigen Hausmauern gesäumt war. Pink, hellblau, rot. Bogen nach links ab, dann nach rechts und wieder nach links. Ich war beeindruckt, wie Mutter sich in diesem Labyrinth zurechtfand. Aber schließlich war sie ja hier aufgewachsen. Plötzlich blieb sie stehen und klopfte an eine hohe Eisentür. Eine korpulente Frau öffnete uns. Es war Großmutter, die ich damals zum ersten Mal sah. Sie streckte uns ihre Hand entgegen, und wir küssten sie – dreimal die Innenseite und dreimal den Handrücken, wie das hier Brauch ist.
Im Innenhof wischte ein Hausmädchen den bunten Mosaikboden, Hühner flatterten herum. Die Hauswände waren frisch gestrichen und mit feinen Holzschnitzereien verziert. Es duftete nach gekochten Bohnen. Und hungrig, wie wir waren, griffen wir beherzt zu. Anschließend führte das Hausmädchen meine zwei Brüder und mich in ein Zimmer, auf dessen Boden dünne Matten lagen. Hier würden wir schlafen und uns zu dritt eine Decke teilen. Mit im Zimmer schliefen auch zwei Cousinen und ein Cousin. Ich wunderte mich, dass die Leute hier keine weichen Betten hatten und dass es statt einer Sitztoilette im Haus ein Plumpsklo im Vorhof gab. Doch ich fand alles schrecklich aufregend, und schon bald fielen mir – trotz der harten Unterlage – die Augen zu, so müde war ich von der langen Busfahrt.
Nachts schreckte ich plötzlich auf. Was waren das nur für schrille Schreie? Wie ich später erfuhr, hatten mich die Hyänen geweckt. An diese Laute gewöhnte ich mich nie. Jede Nacht fürchtete ich mich davor, dass die Tiere in unser Haus schlichen und uns auffraßen.
In den ersten Tagen kamen Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen zu Besuch, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es wurde reichlich aufgedeckt und viel geredet. Ich umklammerte Mutters Beine und musterte die neuen Gesichter. »Was für schöne Kleider du hast!«, sagten die Kinder bewundernd. »Leihst du sie uns mal aus?« Erst jetzt fiel mir auf, dass ihre Kleider fleckig waren und löchrig, was mich allerdings nicht weiter störte. Schon bald legte ich meine Scheu ab und zog mit meinen neuen Spielkameraden um die Häuser. Es waren unbeschwerte Tage, in denen wir Fangen spielten und beim Kieselsteinwerfen unsere Geschicklichkeit maßen. Wir waren draußen unter freiem Himmel, bis es dunkel wurde; in Harar fiel das Thermometer selten unter 25 Grad, und es regnete fast nie, außer im April und im Mai ein bisschen. Ich gewöhnte mich daran, dass Hühner und Ziegen im Innenhof vor den Augen aller geschlachtet wurden, auch wenn mir die Tiere unglaublich leidtaten. Bald machte es mir auch nichts mehr aus, dass wir von Zeit zu Zeit im Dunkeln saßen, weil der Strom ausfiel; dann nahm Großmutter eine verzinkte Sturmlaterne aus dem Schrank und zündete sie an.
Eine Veränderung in meinem neuen Alltag, die mir mehr Mühe bereitete, waren die religiösen Praktiken, denen Großmutter großen Wert beimaß. Ihr war es wichtig, dass wir fünfmal am Tag zum Gebet den Teppich ausrollten. Sie las uns Verse aus dem Koran vor, die ich nicht verstand, und wir Kinder mussten sie nachsprechen. Immer und immer wieder, bis wir sie auswendig konnten. Es fiel mir schwer, so lange still zu sitzen. Aber ich wusste, dass ich die Verse fleißig üben musste, sonst würde ich nicht ins Paradies kommen, sondern in der Hölle landen. Und das wollte ich auf gar keinen Fall.
Der wichtigste Wochentag war für uns der Freitag, der Tag, an dem die islamische Gemeinde zusammenkam und gemeinsam betete. An diesem Tag wurden wir Kinder morgens auf dem Vorhof in einem Waschzuber gebadet. Das Hausmädchen wärmte das Wasser auf dem Herd und goss es uns mit einem Krug über den Kopf. Statt mit Shampoo, wie das zu Hause üblich gewesen war, wuschen wir unsere Haare mit weißer Seife. Am frühen Nachmittag kam Großmutters Vater, mein Urgroßvater, zu Besuch, und wir spazierten gemeinsam zur Moschee. Urgroßvater war ein ruhiger und liebevoller Mann, zu dem wir Kinder ehrfürchtig aufschauten. Er und seine Frau, die er nach dem Tod meiner Urgroßmutter geheiratet hatte, lebten in einem großen Stadthaus, nur wenige Minuten zu Fuß von uns entfernt. Urgroßvater schien eine geachtete Person zu sein. Jeden Freitag warteten am Ausgang der Moschee Bettler auf ihn. Er griff tief in seine Hemdtaschen und verteilte Münzen an sie. Wie mir erst später klar wurde, war Urgroßvater ein Hodscha, ein in der Stadt hoch angesehener islamischer Religionsgelehrter. Er trug den Familiennamen Sharif, was ihn als Abkömmling der Prophetenfamilie auszeichnete. Damals wich ich keinen Zentimeter von seiner Seite, wenn wir aus der Moschee kamen. Ich sonnte mich in seinem Ruhm. Und wenn er dann zu Hause das Essen segnete, war ich überzeugt, dass es genau aus diesem Grund besser schmeckte als an den anderen Wochentagen.
Ich weiß nicht, wann genau meine Mutter uns verließ. Sie muss damals noch einige Wochen bei uns geblieben sein. Nur vage erinnere ich mich daran, dass mein kleiner Bruder Adil Großmutter plötzlich fragte, wo Mutter denn sei. »Sie musste zu eurem Vater, der in einer weit entfernten Stadt Arbeit gefunden hat. Sie wird euch später zu sich holen«, antwortete sie. Ich nahm das zur Kenntnis, im Vertrauen darauf, dass Mutter bald wiederkommen würde. Als Adil mich danach einmal ängstlich fragte, ob wir nun für immer hierbleiben müssten, fertigte ich ihn mit einem »Sicher nicht!« ab. Und doch wuchsen meine Zweifel mit jedem Tag, an dem Mutter fortblieb.
Nach unserer Ankunft in Harar besuchte ich eine private, englischsprachige Vorschule. Täglich holte mich ein Taxi ab, um mich in den weiter entfernt liegenden Campus zu bringen, der sich inmitten einer beeindruckenden Gartenanlage befand. Jeden Morgen stellten wir uns in unseren hübschen Schuluniformen – wie alle Mädchen trug ich einen dunkelblauen Rock und eine weiße Bluse – in einer Reihe auf und sagten im Chor das Schulreglement auf. Da die meisten Kinder Amharisch sprachen und nicht wie ich Harari – das sind zwei total unterschiedliche Sprachen –, fiel es mir schwer, Freundschaften zu knüpfen. Und auch der Umstand, dass ich am Ende des Schuljahrs keinen Preis für herausragende Leistungen erhielt, weil ich diese nicht erbracht hatte, trug dazu bei, dass ich nicht sonderlich gern zur Schule ging.
Nach Mutters Abreise nahm Großmutter mich aus der privaten Schule und schickte mich in die nahe gelegene öffentliche. Warum, wusste ich nicht, aber enttäuscht war ich auf keinen Fall. Endlich konnte ich mich mit meinen Mitschülerinnen verständigen, denn hier war Harari vorherrschend; zudem ging auch meine Cousine Inas in diese Schule, wenn auch in eine höhere Klasse. In den Pausen spielten wir Volleyball, oder wir spannten ein elastisches Gummiband zwischen zwei Holzpfählen auf und wetteiferten, wer höher hüpfen konnte und die schwierigeren Sprungfiguren beherrschte.
Im Gegensatz zur ersten Schule ging es hier nach Schulschluss manchmal recht grob zu. Ein dummer Spruch oder eine Anspielung genügte, und schon gingen die Jungs aufeinander los. Die anderen Kinder bildeten dann einen Kreis um die Streithähne und feuerten sie an. Auch die Mädchen gingen nicht zimperlich miteinander um. Sie zogen einander an den Haaren und kratzten sich. Wollte ich mich hier behaupten, musste ich wohl oder übel mitziehen. Meine Cousine Inas gab mir den Tipp, mein Gesicht vor einem Kampf mit Vaseline einzucremen, damit die Fingernägel meiner Gegnerinnen auf der Haut keinen Halt fanden und abrutschten. »So verhinderst du Narben in deinem hübschen Gesicht«, erklärte sie mir. Inas zeigte mir auch, wie ich mich geschickt mit Händen und Füßen verteidigen konnte, sollte dies einmal notwendig sein. Bei größeren und stärkeren Gegnerinnen empfahl sie mir allerdings, sie zu Hilfe zu rufen. Was ich auch tat. Inas vertrieb die Rauflustigen dann mit kräftigen Ohrfeigen.
In meiner neuen Schule fand ich endlich auch eine gleichaltrige Freundin, Hanan. Mit ihr verbrachte ich viel Zeit. Jeden freien Nachmittag klopfte sie ans Tor meiner Großmutter und rief laut nach mir. Ich stürmte hinaus, und Hand in Hand rannten wir lachend durch die Gassen davon. Hanan und ich zeichneten mit den Fingern Felder in den Sandboden, um Himmel und Hölle zu spielen. Wir schlenderten durch die Altstadt, suchten uns ein stilles Plätzchen und überlegten, welche Tanten und Onkel wir besuchen könnten. Sie wohnten alle nur wenige Gehminuten von Großmutter entfernt.
Durstig und hungrig vom Spielen klopften wir an ihr Tor, setzten uns zu ihnen an den Tisch, tranken Wasser und zupften mit den Fingern die injeras, die wunderbaren weichen Brotfladen, auseinander und tunkten damit die warmen Saucen aus Linsen, Tomaten und Grünkohl auf. Wie gut das schmeckte! Bevor wir weiterzogen, bettelten wir noch um etwas Geld für Süßigkeiten. Waren wir erfolgreich, machten wir uns mit den klimpernden Münzen in der Tasche auf den Weg zu Straßenhändlern, kauften uns zwei Mangos und Paprikapulver, das wir über die Früchte streuten, und bissen herzhaft hinein. Den klebrigen Saft, der uns dabei die Mundwinkel hinunterlief, wischten wir mit den Ärmeln weg. Oder wir kauften Eiscreme in Plastikbeuteln, die wir bis auf den letzten süßen Rest aussaugten, oder wetteiferten darum, wer mit dem frisch erstandenen Kaugummi die größeren Blasen machen konnte. Reichte das Geld nicht für Kaugummi, nahmen wir halt den viel günstigeren Weihrauch und kauten zufrieden auf den erbsengroßen gelbbraunen Harzstücken herum, wobei sich ein bitterer, aber nicht unangenehmer Geschmack entfaltete.
Wenn wir nicht bei unseren Tanten und Onkeln aßen, diese aber besonders spendabel mit Münzen waren, kauften wir unser Lieblingsessen: zerstampfte Kartoffeln mit grünem Chili und Zitronensaft. Um es zu essen, mussten wir uns allerdings ein Versteck suchen, denn Kindern war Scharfes verboten: Wir würden davon Magenbrennen bekommen, warnten die Erwachsenen. Doch unsere Mägen waren hart im Nehmen, weshalb wir das Verbot missachteten. Waren wir satt, machten Hanan und ich uns einen Spaß daraus, Bekannten aufzulauern und sie zu beobachten. Einmal ertappten wir eine Cousine, wie sie mit Jungs plauderte, was sich für ein Mädchen im Teenageralter nicht schickte. Wir stellten die Cousine vor die Wahl: Entweder sie schenkte uns eine Münze, oder wir petzten. Wir wussten, dass sich das nicht gehört, aber an diesem Tag reichte das Geld sogar für ein Sprite.
Bei unseren täglichen Ausflügen gab es nur eine einzige Regel zu beachten: Spätestens vor dem Abendgebet mussten wir zu Hause sein. Denn sobald es eindunkelte, schlichen die Hyänen durch die Gassen. Nur ein einziges Mal geschah es, dass ich, völlig ins Spiel versunken, bereits den Muezzin zum Gebet rufen hörte. Ich hastete nach Hause. Großmutter wartete schon am Eingang, die Hände in ihre breiten Hüften gestemmt. Wortlos packte sie mich an den Schultern und zerrte mich in den Innenhof. »Warum hältst du dich nicht an die Regeln?«, fragte sie wütend und kniff mich in den Oberarm. Erst als die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger ganz dunkel war, ließ sie von mir ab. Ich erstarrte vor Schreck. Der Schmerz trieb mir Tränen in die Augen. Weder meine Mutter noch mein Vater hatten mich jemals hart angefasst. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, dass sie je die Stimme gegen mich erhoben oder mit mir geschimpft hätten. Im Gegenteil. Insbesondere Baba, so nannte ich meinen über alles geliebten Vater, hatte mich mit Liebe überschüttet. »Meine Prinzessin« nannte er mich, wenn ich – seine damals einzige Tochter – auf ihn zu rannte und er mich in die Luft warf. Hatte ich Kummer, nahm er mich in seine Arme, strich mir übers Haar und tröstete mich. Nachts kuschelte ich mich an Babas warmen Körper und lauschte seinem gleichmäßigen Atem, bis mich selbst der Schlaf einholte. Manchmal schnarchte Baba ganz laut, wofür ich ihn bewunderte. Egal, was er tat: Baba war mein Held.
Großmutter dagegen umarmte und küsste mich nie. Sie schenkte mir auch keine lieben Worte. Stattdessen bestrafte sie mich munter weiter, wann immer ich mich nicht so verhielt, wie sie es erwartete. Und das kam oft vor. Ich war ein aufgewecktes, neugieriges Kind, das viele Fragen stellte, auch mal widersprach und ganz bestimmt nicht immer folgte. Großmutter mochte es beispielsweise nicht, wenn ich mich zu viel mit meinen Haaren beschäftigte. Ich liebte es, sie zu bürsten, einzuölen und zu Zöpfen zu flechten. »Leg jetzt die Bürste weg und hilf mir in der Küche!«, befahl sie mir einmal. Als ich weiterbürstete, zischte sie mich an: »Warum gehorchst du mir nicht?«, und kniff mich heftig in den Oberarm. »Aufhören!«, rief ich empört. »Sonst sage ich es meinem Vater!« Sie tat mir sehr weh, aber ich weinte nicht. Diese Genugtuung wollte ich meiner Großmutter nicht mehr gönnen.
