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Seit über zwanzig Jahren in Afghanistan: Zeit für Karla Schefter, ein Resümee der letzten Jahrzehnte zu ziehen. Vier Regimewechsel hat sie miterlebt – den Kampf der Mudschaheddin gegen das Nadschibullah-Regime, den Bürgerkrieg, in dem die unterschiedlichen Mudschaheddin-Gruppen sich gegenseitig bekämpften, die aggressive Taliban-Zeit, den hoffnungsvollen Aufbruch 2001 nach der ersten demokratischen Wahl und die darauffolgende Enttäuschung, weil die erhoffte Verbesserung ausblieb und sich, im Gegenteil, die Zustände im Land von Jahr zu Jahr verschlechterten. Anhand der Geschichten und Schicksale ihrer Patienten, Freunde und Angestellten zeichnet sie ein ungeschminktes Bild des von Kriegen gebeutelten Landes und gibt eine bisher ungekannte Innenansicht der afghanischen Verhältnisse. Kein Journalist, kein Bundeswehrsoldat kann auf zwanzig Jahre in diesem Land zurückblicken, zwanzig Jahre, in denen Karla Schefter menschliches Elend, aber auch Freude und Hoffnung miterlebt hat und sich mit Stammesführern, Dorfältesten und radikalen Taliban auseinandersetzen musste. Schon längst hätte sie aufgeben können, doch das kommt für sie nicht in Frage – weil es um die Menschen geht.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2011
Karla Schefter
mit Regina Carstensen
Ich gebe die Menschen nicht auf
Afghanistan, ein Land ohne Hoffnung?
Karte
Widmung
Prolog: Kabul – Oktober 2010
2002 – Ein Krieg, der einen Tag später anfängt
Krieg bedeutet immer Zerstörung
Der Westen kauft die Frauen
2003 – Der kleine Prinz im ISAF-Camp
Gewalt in der Nacht
US-Soldaten machen sich unbeliebt
«Du bist stämmig genug, lass dich sterilisieren»
Der Sommer der Mohnfelder
2004 – Garagen als Wahllokal für Frauen
Männer haben kein Aids
Die medizinische Partei
Auf den Spuren der Nordallianz
Verpanzerung – eineForm der Demokratie?
2005 – Explosionen, Entführungenund böse Geister
Die Männer vom Berg
Chak wird von den Amerikanern befreit
2006 – Die große Depression
Manche haben es eilig, ins Paradies zu kommen
Zur Bildung gehört Herzensbildung
Der König und der Orden
Die Taliban wandeln sich
Immer wieder Korruption
2007 – Mullahs beten nicht mehr für die Regierung
Aufschreie und Fanatiker
Eine Bombe im Druckkochtopf
Ein ermordeter Frauenheld
Frauenausflug ins Hospital
2008 – Flucht aus der Provinz
Einmal raus aus Kabul
2009 – Leben mit vielen Toten
Gefesselte Freiheit
Kunduz und die Extremisten
Der Stolzder Armen
2010 – Soldaten bedeuten Gefahr
Die einstigen Kriegsverbrecher kehren zurück
Epilog: Die Hoffnung geht immer vor mir her
Dank
Ihre Spende: Hilfe, die ankommt!
Über jeden Berg gibt es einen Weg.
Afghanisches Sprichwort
Ein Großvater mit seinem Enkel
Ein Gefängnis ist es, in dem ich sitze. Die Fenster meines Zimmers haben zwar keine Gitter, aber dennoch kann ich nicht dorthin, wo es mich hinzieht, wo ich gebraucht werde. Der kleine Fernseher läuft. Nicht leise, nein, laut genug, damit ich die Geräusche nicht hören muss, das schreckliche Abfeuern der Kalaschnikows, Detonationen, die Sirenen von Polizei- und Krankenhauswagen, die irgendwo in der Stadt einen Toten gefunden haben. AOG (Armed Opposition Group; bewaffnete Oppositionsgruppen) gegen ANP (Afghan National Police), Taliban gegen Taliban. So genau weiß man es nicht immer. Manchmal wird nur geschossen, weil eine Hochzeit gefeiert wird und es üblich ist, Freudenschusssalven abzufeuern.
Meine Ängste sind meine Kriegstraumen.
In den «Security Reports», die ich erhalte, kann ich nachlesen, welche Anschläge täglich verübt werden, in Kabul oder in der von Amerikanern kontrollierten Provinz Wardak, dort, wo ich vor über zwanzig Jahren ein Krankenhaus für die Menschen von Afghanistan aufgebaut habe, aber auch in anderen Regionen des Landes. Siebzehn sind es in einer Woche in der Hauptstadt, doppelt so viele in Wardak. Die Berichte mag ich kaum noch anschauen, sie werden länger und länger.
Afghanistan und seine Kriege sind in meinem Kopf, in meiner Seele, in meinem Herzen. Manchmal möchte ich einfach nur an etwas anderes denken, an Maulbeerbäume, unter denen man Tee trinken und süße Früchte essen kann. Diese Zeit gab es einmal, doch sie ist momentan für mich vorbei. Ich hoffe, nicht für immer.
Natürlich haben die Kriegsereignisse Schädigungen hinterlassen. Die Älteren unter den Afghanen erfuhren von Kindheit an nur Grausames. Flüchtlingsdasein, getötete Familienmitglieder, Folterungen, Vergewaltigungen, unbegründete Inhaftierungen, verbrannte Häuser. All das haben sie allein verarbeiten müssen. Sie wurden und werden nicht wie die ausländischen Soldaten, die am Hindukusch eingesetzt sind, psychotherapeutisch behandelt, man fliegt sie nicht in sichere Zonen aus. Sie müssen bleiben und selbst mit ihren Ängsten, Traurigkeiten, Aggressionen und Depressionen fertigwerden, ohne eine gezielte Betreuung – man schätzt, dass siebzig Prozent der Afghanen depressiv sind. Zerstörte Menschen aber kann man nicht wieder aufbauen wie ein zusammengefallenes Kartenhaus; ein amputiertes Bein oder ein mit allen Besitztümern verbranntes Wohngebäude. «Aufbauhilfe», das klingt in diesem Land der ewigen Kriege seltsam. Die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg oder die Nachkriegszeit erlebt haben, werden vielleicht ahnen, wovon ich spreche.
An der Tür, die immer offen steht, höre ich ein Räuspern. Es ist Dr.Eesan, der medizinische Direktor unseres Krankenhauses in Chak-e-Wardak. Er gehört zum Führungsteam des Hospitals, und zusammen mit Ghulam Mohammed und Matiullah, die in der Verwaltung tätig sind, und dem Oberapotheker Mohammed Isaak ist er aus der Provinz angereist, um mich in meiner Kabuler «Zelle» aufzusuchen. Zu gefährlich wäre es, würde ich vor Ort sein, in Wardak. Dennoch soll das Hospital weiterexistieren, andernfalls wäre die jahrelange Arbeit umsonst gewesen, und die Menschen in dieser Region hätten keine medizinische Versorgung mehr.
Dr.Eesan, der am häufigsten zu mir kommt, ist müde von der dreistündigen Fahrt. Dennoch gehen wir konzentriert alle anliegenden Fragen durch: Welche Medikamente müssen bestellt werden? Gibt es Personalprobleme? Werden alle Patienten richtig behandelt? Sind darunter Kriegsverletzte? Und immer wieder hoffen wir, dass wir keine Zerstörungen verbuchen müssen, die zwangsläufig von den Taliban verursacht werden, wenn US-Soldaten unter den Patienten des Krankenhauses nach Extremisten suchen. Zu meinen eigenen Schutzmaßnahmen gehört auch mein unfreiwilliges Exil, mein Zimmer in Kabul. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe ich in der afghanischen Provinz Pionierarbeit geleistet, ohne dass ich in Wardak in großer Gefahr war. Das hat sich fundamental geändert.
Ich kam aus Pakistan, hatte in den Flüchtlingslagern gearbeitet, hatte als Frau keine Probleme mit den Dorfältesten, arrangierte mich mit den Mudschaheddin, sogar mit den Taliban. Als diese 2001 entmachtet wurden und die Amerikaner das Land besetzten, begann eine Entwicklung, die gut hätte verlaufen können, sich aber unheilvoll gestaltete, weil insbesondere in den Provinzen vieles falsch gemacht wurde. Nach dem Sturz der Taliban waren die Erwartungen zu hoch, in Afghanistan hätte man nicht nur kleine Schritte gehen müssen; sondern die allerkleinsten.
Die Fehlentwicklung führte dazu, dass ungefähr seit Mitte 2007 etwas begann, was es vorher in dem Land nicht gab. Dazu gehört das Kidnapping, die Entführung von Personen, um Geld zu erpressen, dazu zählen Selbstmordattentate und ferngesteuerte Minen.
Als Frau aus Deutschland, aus einem NATO-Land, das mit den USA verbündet ist, bin ich ein prädestiniertes Opfer. Die deutsche Botschaft in Kabul bat mich in einem Schreiben, der Provinz Wardak fernzubleiben oder dorthin nur in Begleitung von Soldaten zu fahren, französischen oder türkischen. Dies lehnte ich ab, da NATO-Soldaten erst recht Gefahren auf sich zogen.
Vorausgegangen war diesem Schreiben ein Überfall auf Angestellte der deutschen Botschaft, die nach Chak kommen wollten. Sie waren mit zwei gepanzerten Autos unterwegs gewesen, ein Fehler. Ich hatte ihnen angeboten, unseren Pickup zu schicken, der weniger Aufmerksamkeit erregen würde, das erschien ihnen aber zu unsicher. Damit dennoch alles gut verlief, sollten Security-Leute von unserem Krankenhaus die beiden gepanzerten Wagen begleiten, und zwar von dem Moment an, wo sie sich auf freiem Feld befanden. Plötzlich wurden unsere Sicherheitsmänner beschossen, die Botschaftsfahrer, die das mitbekommen hatten, konnten gerade noch rechtzeitig umdrehen und flüchten. Unsere Leute sprangen aus ihrem Pick-up, der kurz darauf von einer Panzerfaust getroffen wurde. Das Gefährt war nicht mehr zu gebrauchen, ein ausgebranntes Gerippe blieb zurück.
Da es früher keine Handys gab, konnten Überfälle strategisch nicht in der Weise geplant werden wie heute. Sichtet ein Extremist auf den Ausfallstraßen von Kabul ein Auto, das in seinen Augen verdächtig ist, kann er übers Mobiltelefon sofort mit anderen in der nächsten Ortschaft kommunizieren und entsprechende Maßnahmen organisieren. Etwa einen Anschlag, einen Überfall, einen Mord planen. Ein solches Opfer wollte ich nicht werden. Und noch weniger wollte ich meine Begleiter gefährden, da ich nie allein unterwegs bin.
Einmal noch wagte ich mich nach meinem Umzug vor zwei Jahren ins Hospital. Ich hatte den Kommandanten der Provinz Wardak gefragt, ob er mir helfen könne, von Kabul nach Chak zu gelangen. Er ließ vermelden, dass ich sagen solle, wie seine Hilfe auszusehen habe. Ich erinnerte mich an die Mudschaheddin-Zeiten, in denen man auch nur in bewaffneter Begleitung reisen konnte. Und so saß ein afghanischer Polizist in Zivil neben mir, die Kalaschnikow in einer Decke versteckt. Während der gesamten Fahrt hatten wir immer wieder Telefonkontakt zum Polizeizentrum der Region. Probleme gab es keine, ich gelangte ebenso gut zurück. Doch kurz nach unserer Reise änderte sich die Lage. Die Terroristen fingen an, jedes Auto zu durchsuchen. Wir konnten also auch nicht mehr mit einem Zivilpolizisten reisen.
Seit 2001 ist viel Geld nach Afghanistan gekommen. Geld, mit dem die wechselnden Taliban-Anführer ihre Macht zementieren wollten. Geiselnahmen sind für sie eine Möglichkeit, sich zu bereichern. Es gibt noch andere Maßnahmen. Zwei Kriminelle überfielen mich nachts, ich sollte den Safe öffnen. Als sie in diesem kein Geld vorfanden, mussten sie mich demütigen. Sie hätten mich erschießen können, aber sie wählten eine andere brutale Form: Mir wurde Gewalt angetan.
Es passierte in der Dunkelheit. Nie zuvor hatte ich Angst vor ihr, jetzt fürchte ich mich vor ihr. Noch in Chak ließ ich danach jede Nacht, wenn der Strom ausgeschaltet war, eine Notleuchte brennen, um mit ihrem diffusen Licht die bedrohliche Finsternis erträglicher zu machen. Hier, in Kabul, kann ich auch nur bei Licht schlafen. Wenn ich wach liege, muss ich oft an ein Erlebnis aus meiner Kindheit denken, es erscheint mir in meinem «Gefängnis» wie aus einer anderen Welt. Ich hatte etwas ausgefressen, was genau, weiß ich nicht mehr, und zur Strafe sperrte mich meine Mutter in den dunklen Keller unseres Hauses ein. Für mich bedeutete es aber keine Strafe, allein in dem düsteren Raum zu sein, nicht eine Sekunde fühlte ich mich unwohl oder gruselte mich gar. Stattdessen bestrafte ich meine Mutter und steckte Hobelspäne, von denen ich wusste, dass sie zusammen mit Staub und Dreck in einer Ecke zusammengekehrt lagen, durchs Schlüsselloch.
So mutig werde ich nie wieder in der Dunkelheit sein. Ich ertrage sie nicht mehr.
«Warum gehst du überhaupt noch nach Afghanistan?» Freunde stellen mir immer wieder diese Frage. «Es ist doch sowieso alles hoffnungslos.»
Nein, das ist es nicht. Die Menschen, für die wir das Krankenhaus gebaut haben, sie leben und träumen von einer besseren Welt. Meine Mitarbeiterinnen freuen sich über jeden Lippenstift, den ich ihnen aus den Sachspenden übergeben kann. Sie machen sich zurecht, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen, schminken sich, tragen Pumps, auch wenn die Absätze schon längst abgelaufen sind. Die Männer putzen jeden Tag ihre Schuhe. Nie käme es ihnen in den Sinn, mit schmutzigen Stiefeln das Hospital zu betreten. Und die Patienten nehmen weite Wege auf sich, um zu uns zu kommen, weil sie wissen, dass hier ihre Traditionen respektiert werden, dass sie für einen stationären Aufenthalt nicht bezahlen müssen. Wäre es anders, würden sie zu keiner Behandlung gehen können, weil sie nicht das nötige Geld haben. Gäbe ich auf, würde sich dies zuerst ändern. Das Krankenhaus würde weiter existieren, aber anders.
Hinzu kommt, dass es nicht meinem Verständnis von Hilfe entspricht, einmal Begonnenes aufzugeben. Nicht nach so vielen Jahren, selbst wenn es aussichtslos erscheint. Man kann nicht einfach verschwinden, nur weil es zu kompliziert oder zu gefährlich wird.
Vor einigen Monaten fragte mich ein Türke, der lange in Afghanistan lebte, was ich denn von US-Soldaten halte. «Gar nichts», antwortete ich. Woraufhin er sagte: «Ja, das sehe ich genauso. Die kennen die Menschen dort nicht, vielleicht haben sie ein oberflächliches Verständnis, aber sie kennen die Mentalität der Afghanen nicht. Sie wissen nichts über ihre Traditionen. Und dennoch wollen sie sie verändern.»
Ich konnte ihm nur zustimmen. Seit dem Sturz der Taliban erlebte ich dies Jahr für Jahr.
Ein Talib, ein Koranschüler, mit Gebetskette
Kurz bevor islamistische Terroristen Flugzeuge in das World Trade Center lenkten, erschütterte uns in Chak etwas anderes. Taliban brachten eines Tages eine junge Frau in unser Krankenhaus, schwer verletzt.
Schwester Tahera, die sich sonst nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ, rannte in mein Büro und rief aufgeregt: «Ein Mädchen! Sie ist angeschossen worden!» Sofort eilte ich in die Notaufnahme.
«Was ist passiert?», fragte ich.
Dr.Zakina, unsere Frauenärztin, klärte mich auf: «Das Mädchen ist mehrmals von einer Kalaschnikow getroffen worden. Fahima heißt sie. Vermutlich ist es der Vater oder der Bruder gewesen. Vielleicht kommen auch beide als Täter in Frage. Man hat sie mit einem Mann erwischt, dem sie nicht versprochen war.»
«Wie alt ist das Mädchen?», fragte ich. «Siebzehn. Mehrere Kugeln haben sie durchbohrt.»
Es war unfassbar: Ein Vater wollte seine eigene Tochter töten, ein Bruder hatte ein ähnliches Interesse. Doch ich wusste, dass dies der Ehrenkodex der afghanischen Gesellschaft verlangte, wenn eine Frau untreu wurde.
«Woher hatten die beiden Männer die Kalaschnikow?» Nach Anordnung der Taliban durfte die Zivilbevölkerung keine Waffen besitzen.
Dr.Zakina und Schwester Tahera zuckten mit den Achseln, sie wussten darauf keine Antwort.
«Und was ist mit dem Freund des Mädchens?», fragte ich weiter.
«Tot», erwiderte Dr.Zakina. «Ebenfalls mehrmals angeschossen. Fahimas Bruder soll ihn getötet haben. Die Taliban, die das Mädchen zu uns gebracht haben, sagten mir noch, der Vater habe damit gedroht, seine Tochter umzubringen, sollte sie das Krankenhaus lebend verlassen.»
Stundenlang wurde Fahima operiert, doch da es ihr auch danach nicht gutging und wir keine Möglichkeit sahen, ihr weiter helfen zu können, wollte der Chirurg, der die Eingriffe vorgenommen hatte, sie nach Kabul verlegen. Wir gaben den Taliban, die das Mädchen gebracht hatten, Bescheid, dass wir eine Verlegung als sinnvoll erachten würden. Ihre Antwort: «Nein, sie ist in Chak verletzt worden. Wenn sie stirbt, dann stirbt sie hier.» Ein deutscher Journalist, der gerade zu Besuch war und dies mitbekam, war so schockiert über die Ablehnung und die Drohung des Vaters, dass er sagte:
«Wenn Sie es schaffen, Fahima nach Kabul zu bringen, dann kann ich dafür sorgen, dass sie in Pakistan weiterbehandelt wird. Dort könnte sie untertauchen und wäre sicher vor ihrer Familie.»
«Nein, das kann ich nicht unterstützen», erwiderte ich. «Wenn ich das tue, gegen den Willen der Taliban, gefährde ich das ganze Krankenhaus.»
Der Journalist schüttelte den Kopf. «Das kann ich nicht verstehen. Wie können Sie so denken? Was wird dann aus dem Mädchen?»
Darauf wusste ich nichts zu sagen. Aber ich konnte nicht riskieren, die Behandlung von Tausenden von Patienten zu gefährden, um ein Leben zu retten. Die Taliban durfte ich mir nicht zum Feind machen, das hatte für mich oberste Priorität, um weiter nach meinen Vorstellungen arbeiten zu können.
Fahima überlebte entgegen allen Prognosen. Sie lag in ihrem Bett, ihre großen Augen blickten schwermütig in die Welt. Sie wusste, dass sie keine Perspektive hatte, wollte nicht mehr atmen und verweigerte schließlich das Essen. Wir mussten sie zwangsernähren. Und da wir die Drohung des Vaters ernst nahmen – er konnte Amok laufen und mit seiner Kalaschnikow auf den einzelnen Stationen herumballern–, baten wir die Taliban, das Krankenhaus zu beschützen. Auf diese Weise mussten wir die Verantwortung für die Sicherheit des Mädchens nicht übernehmen. So absurd es war, sie sagten uns ihren Schutz zu, gaben uns zu verstehen, dass sie das Hospital nicht betreten würden, wie wir es gefordert hatten.
Am 11.September 2001 erfuhren wir über BBC London, was in New York passiert war. In der gleichen Sekunde wusste ich, dass die Amerikaner reagieren würden. Sie hatten schon Raketen nach Afghanistan geschickt, in die Provinz Khost, die unterhalb von Kabul an der Grenze zu Pakistan liegt. Es hatte deswegen in der Hauptstadt eine Riesendemonstration gegeben. Augenblicklich tätigten wir alle notwendigen Einkäufe für das Hospital, und ich ordnete das an, was vor dem Einbruch des Winters noch zu erledigen war. Doch erst eine Woche später erhielt ich über Satellitentelefon einen Anruf aus Deutschland, von unserem Komitee. Ich hatte früher damit gerechnet. In dem Gespräch wurde ich gebeten, sofort das Land zu verlassen, ich sei die letzte Deutsche in Afghanistan – das Auswärtige Amt hatte mich, die in der Provinz tätig war, glatt vergessen. Inzwischen waren alle Ausländer evakuiert, viele Afghanen geflüchtet. Als ich sagte, ich bräuchte noch einen Tag, um dies und das zu bewerkstelligen, ich konnte ja nicht alles stehen und liegen lassen, sagte man, es ginge nicht, jede Stunde würde zählen. Man befürchtete eine Geiselnahme mit Lösegeldforderungen.
Ich nahm meinen Seesack, mit dem ich immer reise, packte ihn und gab den Mitarbeitern letzte Anweisungen. Der Abschiedsrundgang durchs Krankenhaus führte mich auch an Fahimas Bett. Dem Mädchen sagte ich: «Ich komme so schnell wie möglich wieder, ich verspreche es.» Anschließend nahm ich die Mitarbeiter in die Pflicht, versuchte ihnen Halt und Hoffnung zu geben. Sie sollten nicht das Gefühl haben, dass jetzt alles verloren sei.
Karim, unser Fahrer, und unser Administrator Naseer brachten mich am nächsten Morgen gegen fünf Uhr über Kabul – die Stadt war gespenstisch leer, kein ausländisches Auto, keine UN-Mitarbeiter – an die pakistanische Grenze. Zuvor musste Karim unser Auto zusammenmontieren. Nach den Ereignissen im September 2001 war er so klug gewesen, Teile aus ihm herauszubauen, damit es von den Taliban nicht als Fluchtauto benutzt werden konnte. In den vergangenen Jahren waren wir nie geplündert worden, daran sollte sich nichts ändern.
An einer Ausfallstraße von Kabul stand ein letzter Taliban-Posten. Die Männer hielten uns an, und man wollte mich ins Gefängnis bringen. Sie hatten Order dazu, sollte noch ein Ausländer bei ihnen auftauchen. Die Überredungskünste meiner Begleiter bewirkten zum Glück, dass wir weiterfahren konnten.
Den größten Teil des Winters blieb ich in Deutschland, doch schon im Februar flog ich zurück. Die Nachrichtenlage wie auch die Berichte der Mitarbeiter des Hospitals ließen mich zu dem Entschluss kommen, dass eine gewisse Euphorie in Afghanistan herrschte, dass keine unmittelbare Gefahr mehr drohte.
So früh im Jahr hatte ich mich noch nie aufgemacht, um nach Chak zu gelangen. Die Landschaft war mit Schnee überdeckt, eine wattige Weite tat sich vor mir auf, als ich Anfang 2002 eines Morgens in unserem Toyota neben Karim und Naseer saß, die mich in Kabul abgeholt hatten. Das Internationale Rote Kreuz (ICRC) hatte den Wagen 1994 ausrangiert und uns gespendet, ein an sich robustes Gefährt mit Vierradantrieb.
Obwohl wir für den Toyota Schneeketten besaßen, hatte Karim vergessen, sie aufzuziehen. Das war typisch, dachte ich nur. Und so schlitterten wir bei Schneeregen auf der mit Glatteis überzogenen Straße gefährlich hin und her. Die Höhensonne musste am Tag zuvor die oberste Schneeschicht zum Schmelzen gebracht haben, nachts war alles wieder gefroren. Zum Glück gab es fast keinen Gegenverkehr.
Die Heizung ging natürlich auch nicht, wobei das eigentliche Problem war, dass ich mich nicht auf diese lausige Kälte eingestellt hatte. Ich kannte sie nicht, normalerweise traf ich im wärmeren Frühling im Hospital ein – und verließ es vor Einbruch des Winters.
In diesem Moment wünschte ich, ich hätte einen Mantel eingepackt oder eine wattierte Jacke. Doch ich trug nur einen afghanischen Umhang, einen Patu, über meiner Kleidung. Das war zu wenig. Ich fror erbärmlich, und bei der Vorstellung, dass sich in den nächsten drei Stunden – so lange dauerte die Fahrt – nichts an diesem Zustand ändern würde, fror ich noch mehr.
«Kann man die Heizung nicht doch irgendwie in Gang bringen?», fragte ich Karim.
«Nein.»
«Wirklich nicht?»
«Nein.»
Noch ein paarmal wiederholte sich dieser Dialog. Die Sturheit der Afghanen konnte mich manchmal zur Verzweiflung bringen. Schließlich entdeckte ich im Wagen eine Decke von der Bundeswehr. Als ich sie über mir ausbreitete, stob eine Dreckwolke hoch. Sie war wohl schon lange nicht mehr ausgeschüttelt worden.
Plötzlich hielt Karim.
«Was ist los?», fragte ich.
«Nichts», antwortete er.
Er hantierte an etwas herum, und auf einmal lief die Heizung. Es war besser, dass ich dazu keine spitzfindige Bemerkung machte. Also hielt ich meinen Mund und starrte auf die Straße vor uns.
Endlich erreichten wir das Hospital in Chak. So warmherzig die Begrüßung ausfiel, das Kälteproblem setzte sich trotzdem fort. Während meiner Monate in der afghanischen Provinz bewohnte ich ein kleines Zimmer. In Deutschland hätte man es sicher eingeheizt, sobald man wusste, dass jemand erwartet wurde, nicht so in Afghanistan. Zwar entdeckte ich keine Eisschichten an den Wänden, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn mein Atem sich augenblicklich in Kristalle verwandelt hätte. Und der Dieselofen, der in dem Raum stand, schien sich über meine Ankunft überhaupt nicht zu freuen. Zwei Tage brauchten wir, um ihn zum Brennen zu bringen, und als es schließlich geschafft war, musste so viel Dieselöl in ihn hineingelaufen sein, dass er fast explodiert wäre. Zudem stank es so penetrant nach Öl, dass ich das Fenster öffnen musste. Sehr kontraproduktiv, wenn ich der Kälte so wieder Einlass gewährte. So lag ich frierend in meinem Bett, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, schon um fünf Uhr nachmittags, weil es draußen um diese Zeit stockdunkel war und man nichts mehr machen konnte. Der Generator, der das Krankenhaus mit Elektrizität versorgte, war auch nicht sonderlich zuverlässig – ich konnte zeitweise nicht mal mehr lesen, einzig Musik hören, solange die Batterien hielten. Ich wusste, warum ich nicht im Winter in Chak sein wollte. Aber es mussten Gelder übergeben werden, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Auch wollte ich sehen, was der Sturz der Taliban für das Land, die Provinz Wardak, für das Hospital bedeutete.
Nach den Anfangsschwierigkeiten fand ich endlich Zeit, mich um die Menschen zu kümmern, die ich im vergangenen Jahr Hals über Kopf verlassen hatte. Was war aus Fahima geworden? Hatte man sie wirklich getötet? Die Taliban waren nicht mehr an der Macht. Hatte das einen Einfluss auf das Verhalten des Vaters gehabt?
Als ich nach dem Mädchen fragte, sagte Schwester Tahera, man habe sie irgendwann nach Hause gefahren, mit Lähmungen, sie sei behindert und zu einem normalen Leben nicht mehr fähig. Ihre Mutter und ihre Schwestern würden sich nun um sie kümmern.
«Man hat sie also nicht getötet? Es ist ihr tatsächlich nichts passiert?»
Der Vater hat sie nicht umgebracht, wie er es angedroht hatte. Letztlich waren es Menschen, die nach bestimmten Traditionen handelten. Und doch waren diese nicht vollkommen berechenbar. Manchmal war es schon erstaunlich, was man alles bewerkstelligen konnte. Das zeigte sich dann auch in einem anderen Fall. Während meiner Abwesenheit hatte ein junges Mädchen ein uneheliches Kind in unserer Klinik geboren. Normalerweise wird ein solches Baby sofort getötet. Sosehr man es auch versuchte, die Eltern des Mädchens wollten den Säugling keinesfalls akzeptieren, dennoch gelang es Tahera, die Angelegenheit auf sehr geschickte Weise zu lösen. Sie sprach ein ihr bekanntes Ehepaar an, das keine Kinder bekommen konnte und sehr darunter litt. Es nahm den Jungen bei sich auf. Hier zeigte sich: Vieles muss man den Afghanen selbst überlassen, sie kennen sich in ihrer Gesellschaft besser aus und wissen, wie sie mit bestimmten Problemen umzugehen haben. Besonders von den Amerikanern wurde das häufig missachtet oder gar nicht in Betracht gezogen. Ähnliches gilt für den Fall einer anderen jungen Frau namens Parwin. Nach afghanischer Tradition hatten die Eltern ihren zukünftigen Mann ausgesucht, lange Verhandlungen um den Brautpreis waren vorausgegangen. Noch bevor die beiden jungen Menschen verheiratet waren, verlor Parwin ihren Mann an den «Heiligen Krieg». Als Märtyrer war er in der Mudschaheddin-Zeit gestorben. Die Nicht-Braut war aber nicht mehr jungfräulich, sondern erwartete ein Kind. Mit heftigen Übelkeitsattacken und ängstlichen, weit aufgerissenen Augen kam sie in Begleitung ihrer Mutter zu uns ins Hospital. Nichtverheiratete Paare, die unter den «Gotteskriegern» und auch den Mudschaheddin beim Vollzug des Liebesakts erwischt wurden, mussten damit rechnen, offiziell zu Tode gesteinigt zu werden. Die Mutter, die von dem ungeborenen Kind wusste, hatte um Hilfe gebeten. Sie wollte verhindern, dass ihrer Tochter ein solches Schicksal widerfuhr. Aber was konnten wir tun? Es war uns nicht erlaubt, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen, ich wäre bei Aufdeckung eines solchen Eingriffs des Landes verwiesen worden. So gaben wir Parwin ein Wehen auslösendes Mittel in einer Infusion, die sie zu Hause anlegen sollte. Auf Nachfragen hin hätten wir behaupten können, dass wir mit dem, was in den vier Wänden der Frauen geschah, nichts zu tun hätten. Aber der nächste Tag zeigte kein Resultat. Schließlich wusste ein Arzt von uns eine Adresse in Kabul. Die junge Frau entging so der Steinigung.
Nun hieß es, alle notwendigen Arbeiten zu erledigen, die Gelder zu übergeben, von denen auch die Gehälter gezahlt werden sollten. Nach und nach erfuhr ich, dass es in unserer Provinz nicht nur einen Gouverneur gab, wie in den Jahren zuvor, sondern zwei. Da sich die beiden Männer sehr schnell zerstritten hatten, bekämpften sie sich seitdem. Jeder wollte der Mächtigere sein. Am Ende meines Aufenthalts fuhren die Gegenspieler auch ihre schweren Geschütze oberhalb des Krankenhauses auf.
Oft dachte ich in diesen Wochen darüber nach, was sich in den vergangenen Jahren in Afghanistan ereignet hatte. Als die Taliban-Herrschaft anfing, wussten weder meine Mitarbeiter noch ich, was sie mit sich bringen würde. Schließlich wurde deutlich: Man hatte nichts gegen unser Krankenhaus, man war mit uns «zufrieden», weil das Hospital an die afghanische Gesellschaft angelehnt war. In ihren Augen hatten wir ihre Familienstruktur nicht angetastet. Wir forderten nicht, dass die Frauen ohne Burka-Ganzschleier außer Haus gingen, wollten sie nicht belehren oder gar westlich aufklären. Die Frauen wie auch die Männer, die bei uns arbeiteten, waren gläubig, aber angenehm gläubig – und so reagierten die Menschen in der Umgebung offen und zugewandt auf uns.
Ich selbst trage in diesem Land immer einen Kopfschleier, es macht mir nichts aus. Viele aus dem Westen meinen: «Das haben Sie doch gar nicht nötig.» Wenn ich mich in der Provinz jedoch ohne Kopfschleier bewege, dann verlasse ich die Gesellschaft. Es ist wichtig, das Gegenüber anzuerkennen, die Menschen, mit denen ich zu tun habe, in ihren Gefühlen und Traditionen ernst zu nehmen. Da ich viel mit afghanischen Männern zusammen bin und ihnen auch Befehle erteile, muss ich so auftreten, damit sie mich respektieren. Das ist nur mit Schleier möglich. Sie sollen sich, wenn sie mich bei offiziellen Anlässen begleiten, nicht meiner schämen. Natürlich bin ich ihnen auch hin und wieder ausgeliefert, aber letztlich ist entscheidend, sich mit dem zu arrangieren, was gegeben ist. Man kann sich nicht aufspielen, auf emanzipatorischen Errungenschaften beharren. Das alles immer hinzubekommen, ist nicht einfach, zum Teil muss ich meine eigene Identität verstecken, ja verleugnen.
Seit 1990 war ich in Chak die einzige Ausländerin. Hätte es vor Ort auch nur einen deutschen Mann gegeben, in welcher Position auch immer, aus dem Krankenhaus wäre nie etwas geworden. Automatisch hätten sich die afghanischen Männer an ihn gewandt, nicht an mich. Ich konnte das Hospital nur so weit bringen, weil ich allein und mit dem notwendigen Einfühlungsvermögen für die Afghanen ausgestattet war. Der deutsche Reiseschriftsteller Andreas Altmann schrieb einmal über mich: «Sie hat die Gabe, die Temperatur eines Landes messen zu können.»
An den Menschen, die mich seit langem begleiteten, konnte ich beobachten, wie die Erfahrung von Leid und Krieg über Jahrzehnte sie vorsichtiger, empfindlicher, auch ängstlicher gemacht hatte. Sie konnten die Konsequenzen einschätzen – eine Gesellschaft in permanentem Kriegszustand verroht, wird brutaler. Sie ist kein Rechtsstaat mehr, jeder weiß, dass man sehr schnell im Gefängnis landen oder getötet werden kann. Und nun sollte durch den Einzug der Amerikaner alles anders werden? Demokratischer, offener, liberaler? Ich konnte es mir nur schwer vorstellen.
Krieg bedeutet immer Zerstörung. Und mit jedem Krieg, der in Afghanistan geführt wurde, erlitt das Land, erlitten die Menschen Wunden, die sich nicht mit gepanzerten Armeewagen oder Hilfsorganisationen schließen ließen. Schon gar nicht, wenn sie einzig von der Hauptstadt Kabul aus operierten – und das zeichnete sich bereits ganz am Anfang ab.
Sicher, auch ich wollte Wunden schließen, Menschen helfen, die anfangs gemeinsam gegen die sowjetischen Besatzer kämpften, dann in einen Bruderkrieg gerieten. Mit den Mudschaheddin brach ein Bürgerkrieg aus, der mit allen Mitteln geführt wurde. Jede Partei wollte die Macht im Land an sich reißen.
Damals, am 28.März 1989, flog ich mit Pakistan International Airlines nach Peschawar. Zuvor war ich als leitende OP-Schwester im Bereich der Allgemein- und der Herzchirurgie tätig gewesen, und oft konnte ich das glückliche Gefühl erleben, wenn wir in einem hochkonzentriert arbeitenden Team Leben retteten, selbst wenn kaum noch Hoffnung bestanden hatte. Das macht demütig. Nie wollten wir einen Kampf verlieren. Und wahrscheinlich wäre ich in diesem Beruf geblieben, wenn ich nicht eines Tages eine Annonce in einer Zeitschrift gelesen hätte. Es war der Aufruf einer deutschen Hilfsorganisation, notleidenden afghanischen Flüchtlingen zu helfen. Da ich selbst in einen Krieg hineingeboren wurde, 1942 im nationalsozialistischen Deutschland, und schließlich mit meiner Mutter von Ostpreußen über Wismar nach Hamburg flüchten musste, hatte ich am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, auf der Flucht zu sein. Ich entschied mich, dieses Wagnis einzugehen. Mit sechsundvierzig Jahren hielt ich ein Flugticket in die pakistanische Hauptstadt in der Hand, nahm ein Jahr unbezahlten Urlaub. Aus einem Jahr wurden zweiundzwanzig Jahre, bis heute.
Nach der Arbeit in einem afghanischen Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan und mobilen Einsätzen in Afghanistan, bei denen ich erfuhr, wie Menschen mit anhaltenden Kriegsbedingungen fertig wurden, war ich überzeugt davon, dass ich etwas Nachhaltiges tun musste. Schritt für Schritt wurde das Projekt «Chak-e-Wardak-Hospital» entworfen, aufgebaut und weiterentwickelt. Rund fünfundsiebzig Kilometer südlich von Kabul liegt das Krankenhaus, in einem Hochtal, ungefähr drei Autostunden von der Hauptstadt entfernt (bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünfundzwanzig Stundenkilometern). Heute hat es sechzig Betten mit jährlich über 80000 ambulanten und stationären Patienten. Die Liegezeiten sind bei uns sehr kurz, in Deutschland käme Freude auf. Bedingt durch die pflegebereiten Großfamilien bleiben die Patienten keinen Tag länger als nötig. Ausgestattet ist das Hospital weiterhin mit zwei OP-Räumen, einer Röntgenabteilung, Ultraschall, Physiotherapie, EKG, Apotheke, Labor, Impfzentrum, Gesundheitserziehung, Küche, Bäckerei sowie einer Wäscherei. Den Strom erzeugen wir selbst durch einen Generator, mittlerweile werden die laufenden Kosten des Krankenhauses vollständig aus privaten Spenden finanziert.
Die Unterschiede zur Taliban-Zeit waren greifbar. Seit 2002 wurde viel Geld in Afghanistan investiert, immer mehr Menschen kamen in das Land, die Preise stiegen rasant an. Jede Nicht-Regierungs-Organisation (NGO), die sich nach dem 11.September 2001 neu in Kabul niederließ, brauchte unbedingt ein eigenes Haus, Autos und Computer. Man riss sich in der Hauptstadt regelrecht um die noch gut erhaltenen Gebäude in zentraler Lage, denn achtzig Prozent waren durch die vergangenen Kriege zerstört.
Einige Beispiele: Früher konnte ich im Haus der Caritas in Kabul stets kostenfrei übernachten und essen, die Caritas selbst musste für das Gebäude eine Miete von 300Dollar pro Monat zahlen. Nach dem Sturz der Taliban waren es 2700Dollar, und seit 2004 verlangte der Eigentümer gerne mal 6000Dollar. Die Caritas zog aus, und damit hatte ich erst einmal keine günstige Übernachtungsmöglichkeit mehr – und die brauchte ich, um die Spendengelder hauptsächlich dem Krankenhaus zukommen zu lassen. Ein mir seit langer Zeit bekannter Afghane, der beim Internationalen Roten Kreuz arbeitete, musste sein kleines gemietetes Haus verlassen, da eine NGO dafür 1000Dollar Miete bot. Das Swedish Committee for Afghanistan zahlte für seine verschiedenen Gebäude eine Gesamtmiete von 25000Dollar. So verbrauchten sich viele Gelder der NGOs, indem viele private Taschen gefüllt wurden. Die Hausbesitzer selbst lebten zumeist im Ausland, das Geld, das sie aus ihren Mieteinnahmen erzielten, gaben sie zum größten Teil auch wieder im Ausland aus, wovon Afghanistan nichts hatte.
Amnesty International zog sich übrigens aufgrund dieser Entwicklung wieder aus Kabul zurück.
Die NGOs rissen sich aber nicht nur um Gebäude, sondern auch um die Frauen. Die Taliban hatten die Ausbildung der Frauen für sechs Jahre mehr oder weniger vollständig unterbrochen – nur in Krankenhäusern wurden sie als Berufstätige geduldet. Und da nach dem 11.September viele weibliche Flüchtlinge mit ihren Familien aus Pakistan oder dem Iran nach Kabul zurückkehrten, erhielten Organisationen, die Frauen- und Kinderprogramme anboten, Geld, viel Geld. Das hatte zur Folge, dass viele andere Dinge vernachlässigt wurden. Die Bevölkerung auf dem Land spürte beispielsweise von dem großen Angebot in der Stadt kaum etwas. Mit anderen Worten: Nur wenige Organisationen waren bereit, sich in der Provinz zu engagieren. In ländlichen Regionen zu arbeiten, das hätte bedeutet, meist ohne Dusche auszukommen, also unter recht primitiven Umständen zu leben, es hieß aber auch, mit dem Alleinsein fertigwerden zu müssen. Davor schreckten die meisten zurück.
Dennoch blieb es für mich unverständlich, warum man sich einzig in Kabul tummelte – außer bei einigen Kurzprogrammen, die nicht länger als vierzehn Tage oder einen Monat dauerten. Denn die sträfliche Vernachlässigung der Provinzen schlug in den nächsten Jahren mit aller Macht zurück.
So brutal es sich auch anhören mag, in meinen Augen hatte man die Frauen regelrecht gekauft, insbesondere die wenigen gebildeten. Einer Lehrerin, die in Pakistan 15000Rupien bekommen hatte, verdoppelte man in Kabul das Gehalt. Und die Weiterbildungskurse, die man den Frauen finanzierte, wurden attraktiver, indem man für sie die Teilnahme bezahlte. Mit diesem Vorgehen verdarb man die Preise ein weiteres Mal. Warum, so überlegte ich, hatte man es nicht zur Auflage gemacht, dass junge Frauen, die gerade erst eine Ausbildung abgeschlossen hatten, zwei Jahre auf dem Land arbeiten mussten, bevor sie sich einen Job in der Hauptstadt suchen durften?
Zudem fragte ich mich, wie man in sechs Monaten – länger gingen die Kurse oft nicht – etwas aufholen wollte, was kaum aufzuholen war, wenigstens nicht im Instantverfahren. In bis zu diesem Zeitpunkt dreizehn Jahren Afghanistan hatte ich mehrere Regierungswechsel miterlebt, jeder ging einher mit Kampf, Plünderungen, Morden und Flüchtlingswellen, bei denen die Elite nach und nach außer Landes ging. In diesen Kriegszeiten konnte kein geregelter Schulunterricht stattfinden, keine allgemein anerkannte Qualifikation erreicht werden. Wird mit Raketen geschossen, bleibt die Bildung auf der Strecke. Und nun kam es mir vor, als würde man in den angebotenen Kursen Unterrichtsstoff für Abiturienten an Behinderte weitergeben. Dabei hat man in Deutschland Sonderschulen eingeführt, eine Extraförderung für Menschen, die geistige oder körperliche Probleme haben. Warum hatte man nicht auch in Afghanistan behutsamer und angemessener vorgehen können? Nein, es mussten gleich Computerschulungen sein oder andere Programme, die einen hohen Anspruch formulierten – dabei sind fünfundachtzig Prozent der afghanischen Bevölkerung Analphabeten.
Einmal hatte ich im Hospital eine Praktikantin, der ich die Aufgabe übertrug, eine proteinhaltige Suppe für die Patienten einzuführen. Sie hatte daraufhin eine Liste erstellt, in der sie Punkt für Punkt, Milligramm für Milligramm aufschrieb, wie man das Pulver anrührte. Was sollten Frauen, die weder lesen noch schreiben konnten, damit anfangen? Sie waren überfordert. Als ich erklärte und zugleich demonstrierte, dass ein halbes Glas eine Portion sei und ein volles zwei, verstanden es alle. Und selbst für die Mitarbeiterinnen, die in der Lage sind, einen Text zu lesen, ist es schwierig: Man muss nur daran denken, wie schwer es einem selbst manchmal fällt, eine Bedienungsanleitung zu verstehen.
Ich bin froh, wenn ich in Chak Frauen finde, die lesen und schreiben können. Mehr kann ich nicht voraussetzen. Die Taliban hatten die Mädchen- und Frauenbildung zu lange unterbrochen. Das alles ignorierend, setzte man bei den Afghanen zu viel voraus.
