Ich gegen Amerika - Reinhard Berkau - E-Book

Ich gegen Amerika E-Book

Reinhard Berkau

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Beschreibung

Reinhard Berkau ist seit 25 Jahren Rechtsanwalt in Hamburg, als ihn ein gewonnener Prozess nach Miami führt. Es geht um eine Geldforderung, und er gerät unschuldig in eine Falle. Das FBI verhaftet ihn wegen angeblicher «Verschwörung zu einer Erpressung»; Strafmaß: bis zu 25 Jahre. Erst nach zwei Jahren und einer Odyssee durch neun Haftanstalten wird er nach Deutschland überstellt. Während alle Welt über Guantánamo spricht, erlebt Berkau hautnah die schockierenden Zustände in den zivilen US-Gefängnissen, Willkür, die Enge und zugleich die Isolation der Gefangenen, ihre Verzweiflung, das Desinteresse an ihnen – im Jargon der Wärter sind sie nur «bodies» – Körper. Futter für den Moloch eines zum Teil privatisierten gefängnisindustriellen Komplexes, der zum Multimilliarden-Dollar-Geschäft geworden ist. Berkau lässt sich nicht entmutigen. Mit Hilfe seiner Familie und seiner Freunde nimmt er den Kampf um die Freiheit auf – und kehrt am Ende als ein anderer Mensch nach Hause zurück.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Reinhard Berkau/Irene Stratenwerth

Ich gegen Amerika

Ein deutscher Anwalt in den Fängen der US-Justiz

«Als ich mich Ende der sechziger Jahre erstmals in der Anti-Gefängnis-Bewegung engagierte, war ich erschüttert, zu erfahren, dass sich zu diesem Zeitpunkt an die zweihunderttausend Menschen in Haft befanden. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass dreißig Jahre später zehnmal so viele Menschen in Käfigen weggesperrt sein würden, hätte ich mich geweigert, das zu glauben. Ich hätte daraufhin vermutlich etwa Folgendes geantwortet: ‹So rassistisch und undemokratisch dieses Land auch sein mag› – und man erinnere sich, dass zu dieser Zeit die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung noch keineswegs endgültig durchgesetzt waren–, ‹glaube ich dennoch nicht, dass der US-Staat es sich leisten können wird, so viele Leute einzusperren, ohne dass es heftigen öffentlichen Widerstand dagegen gibt. Nein, das wird nie passieren; es sei denn, dieses Land fällt dem Faschismus anheim.› So etwa hätte ich wohl vor dreißig Jahren reagiert.»

Angela Y.Davis: Are Prisons Obsolete?, New York 2003

(Zitiert nach: dies.: Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Der gefängnisindustrielle Komplex der USA, Berlin 2004)

Ende des Jahres 2009 saßen über 2,5Millionen Menschen in US-amerikanischen Gefängnissen.

[Bild vergrößern]

Fast zwei Jahre unschuldig in Haft – die Odyssee durch US-amerikanische Gefängnisse.

1

Alle persönlichen Sachen hatten sie mir schon abgenommen: meinen Pass, meinen Führerschein, meine Kreditkarten, meinen Rechtsanwalts-Ausweis, meine Schlüssel, mein Handy, meine Uhr und meine Kundenkarte für einen Großmarkt in Hamburg. Und alles, was ich am Körper trug: meine Jeans, mein Sweatshirt, meine Schuhe. Nur meine Unterhose und meine Socken hatte ich noch am Leib, als sie mir einen viel zu großen, grauen Overall und ein paar Badelatschen aus Plastik verpassten.

Es war Samstagabend, und wahrscheinlich wollte sich niemand in diesem Gefängnis mehr als unbedingt nötig mit einem Neuankömmling befassen. Immerhin kam jemand auf die Idee, meinen Blutdruck zu messen. Vermutlich hatten sie einschlägige Erfahrungen mit Neuzugängen. Für kurze Zeit wurde ich von den Handschellen befreit. Ein Krankenpfleger legte mir die Manschette um den Arm und zog ein bedenkliches Gesicht, als er auf das Messgerät sah.

Der obere Wert lag bei 240, an den unteren erinnere ich mich nicht. Über 200 bedeutet akute Gefahr, das war mir klar.

Der Pfleger schüttelte verärgert den Kopf.

«So kann ich den hier nicht aufnehmen!», erklärte er den beiden Männern, die mich hergebracht hatten.

Die Situation hatte etwas Groteskes. Ich hatte nicht um meine Verhaftung gebeten.

«Wir bringen ihn ins Krankenhaus!», entschieden meine Bewacher.

Das war unter den gegebenen Umständen keine schlechte Option.

Die Männer schoben mich wieder in ihr Auto und fuhren mit mir ein paar Kilometer durch Fort Lauderdale. In der Akutaufnahme des Broward General Medical Center packten sie mich mit Hilfe einer Krankenschwester in ein fahrbares Bett und fesselten mich mit einem Fuß und einer Hand an das Metallgestell. Ein Arzt wurde geholt.

Er muss mir irgendwas gespritzt haben, was mich beruhigte, sogar etwas schläfrig machte und auch den Blutdruck senkte. Nach ein oder zwei Stunden in der Ambulanz galt ich als haftfähig, und es ging zurück, wieder quer durch Fort Lauderdale.

So richtig zufrieden war der Pfleger dort noch immer nicht. Aber jetzt drückte er gewissermaßen ein Auge zu: Als Federal Prisoner Nr.57459-004, als Gefangener der Vereinigten Staaten von Amerika, nahm er mich ins Broward County Jail auf.

Ich wurde fotografiert, meine Fingerabdrücke wurden erfasst. Ich musste nochmal alles ausziehen, und ein Wachmann inspizierte alle Öffnungen und Höhlungen meines Körpers.

Immer wieder ließ man mich dann stundenlang warten. Ich weiß nicht, ob es Schikane war oder pure Gleichgültigkeit. Erschöpft und völlig übermüdet, schockiert und verwirrt saß ich irgendwo auf einer Bank herum, bis es endlich weiterging.

Schließlich sperrten sie mich in eine Zelle. Ein Metallbett mit Plastikmatratze, ein Klo mit Waschbecken aus Edelstahl. Das war alles. Es gab hier noch nicht einmal einen Becher, um Leitungswasser zu trinken.

Es war mitten in der Nacht. Wie spät genau, wusste ich nicht, meine Uhr war ja weg. In Deutschland begann jetzt der Sonntagmorgen. Normalerweise war dies die Zeit, zu der ich auf den Hamburger Fischmarkt fuhr, um für ein ausgiebiges Frühstück mit meinen Kindern einzukaufen.

Niemand würde heute in mein Büro kommen, den Anrufbeantworter abhören oder ein Fax bemerken. Niemand von meinen Angehörigen würde an diesem Sonntag erfahren, was mit mir passiert war. Ich legte mich hin und versuchte, ein bisschen zu schlafen.

Meine Reise nach Amerika hatte knapp 48Stunden zuvor begonnen, am Freitag, dem 13.Januar 2006.Auf dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel checkte ich vormittags nach Miami ein, mit Umsteigen in Paris.

Mein eigentliches Reiseziel aber war Los Angeles. Dort wollte ich zum ersten Mal die legendäre NAMM-Show besuchen, eine der beiden wichtigsten Musikmessen der Welt. Ich freute mich schon seit langem darauf. Auf der Messe würde ich meinen Freund Thomas Weilbier treffen, der in Altona den Gitarrenladen «No 1Guitar Center» betreibt. Gemeinsam wollten wir uns das internationale Angebot an Vintage-Gitarren ansehen, vielleicht auch etwas kaufen.

Ich hatte in den letzten Jahren viel zu wenig Zeit gehabt, um solchen persönlichen Interessen nachzugehen. Seit 25Jahren war ich Rechtsanwalt. Anfang Dezember hatten wir dieses Jubiläum mit einem großen Fest gefeiert. Was 1980 mit einem Ein-Mann-Betrieb in einer zugigen Ladenwohnung begonnen hatte, war inzwischen zu einer Kanzlei mit 18Mitarbeitern angewachsen. Mein Büro kümmerte sich außerdem um die Hausverwaltung für eine Reihe von Wohnhäusern, die ich im Laufe der Jahre in meinem Stadtteil, in Ottensen, erwerben und sanieren konnte – nicht zuletzt mit dem Ziel, eine gute Wohnsituation für meine eigene Familie zu schaffen. Inzwischen waren meine vier Kinder volljährig und gingen eigene Wege. Aber sie waren alle in Ottensen geblieben.

Die vergangenen Jahrzehnte waren für mich eine ziemliche Hetzjagd gewesen. Das wollte ich jetzt allmählich ändern. Ich wollte mich mehr der Musik widmen, mehr Zeit in unserem Haus auf Mallorca verbringen und auch ein bisschen gesünder leben. Ein knappes Jahr zuvor hatte ich, beinahe unbemerkt, einen Schlaganfall erlitten. Nach ein paar Sekunden mit deutlichen Ausfallerscheinungen war scheinbar alles wieder in Ordnung gewesen. Doch ein befreundeter Arzt bestand darauf, der Ursache auf den Grund zu gehen, und schickte mich zum Kardiologen.

Der diagnostizierte nicht nur den Schlaganfall, sondern stellte auch einen gefährlichen Bluthochdruck fest.

Ich hatte mir danach vorgenommen, meinen Lebensstil zu ändern. Viel war bisher nicht daraus geworden. Aber mir war seitdem viel bewusster, wie zerbrechlich das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann.

Ich war auch nicht besonders begeistert, als sich kurz vor meinem Abflug nach Kalifornien die Frage stellte, ob ich meine Reisepläne nicht ändern und einen Zwischenhalt in Florida einlegen könnte. Ein langjähriger Mandant, Andreas B.1, hatte mir diesen Vorschlag gemacht. Er lebte zeitweise in Fort Lauderdale, und dort wohnte auch Carl F.2, sein ehemaliger Geschäftspartner. Andreas B. hatte noch finanzielle Forderungen gegen ihn, und ich hatte kurz vor Weihnachten in anderer Angelegenheit einen Zivilgerichtsprozess gegen diesen Mann gewonnen.

Jetzt war Andreas B. mit Carl F. ins Gespräch gekommen. Es sah so aus, als sei unser gemeinsamer Schuldner bereit, all diese Angelegenheiten durch einen außergerichtlichen Vergleich aus der Welt zu bringen. Auch sein Hamburger Anwalt, Hermann W.3, sagte zu, zu einer abschließenden Verhandlung nach Florida zu kommen. Es sah alles so aus, als könnte ich diese Akte in wenigen Wochen endlich schließen und mein Honorar in Rechnung stellen. So willigte ich schließlich ein, meinen Flug umzubuchen, das Wochenende im Haus meines Mandanten in Fort Lauderdale zu verbringen und dort unseren Schuldner zu treffen.

2

Das Broward County Jail ist ein schmuckloser Zweckbau, der knapp drei Kilometer vom Stadtzentrum von Fort Lauderdale entfernt direkt am Intracoastal Waterway liegt. Diese Wasserstraße zieht sich, wenige Kilometer von der Küste entfernt, durch ganz Florida. Vor dem Gefängnisgebäude dümpeln die Yachten der Langzeiturlauber auf dem Wasser, rundherum stehen Apartmenthäuser, deren Bewohner auf ihren Balkonen die Sonne Floridas genießen.

Die Gesichter, die hinter den schmalen Glasscheiben des Gefängnisses gelegentlich auftauchen, sind bleich. Statt Fenstern gibt es nur hohe, mit Drahtglas versehene Schlitze, die so schmal sind, dass sich kein menschlicher Körper hindurchzwängen könnte. Das gibt dem Gebäude von außen die Anmutung eines Bunkers. Von innen sind diese Sehschlitze mit schräg angewinkelten, erkerförmigen Vorbauten versehen. Man kann nicht direkt an die Glasscheiben herantreten. Wenn man überhaupt einen Blick nach draußen erhascht, sieht man vor allem die Fassade des Baus, in dem man sich befindet.

Betrachtet man das Gebäude von oben – was dank Google map ohne weiteres möglich ist–, ähnelt seine Form einem in die Breite gezogenen Ypsilon. Während der Fuß dieses Ypsilons und die langen Schenkel des Gebäudekomplexes direkt an die umliegenden Straßen grenzen, erfolgt die Einlieferung der Gefangenen von der Innenseite. Aus der Vogelperspektive ist auch zu erkennen, dass es für die über 1500Männer, die im Broward County Jail eingesperrt sind, keine nennenswerte Freifläche und keinen Sportplatz gibt.

Den Alltag in diesem Gebäude begann ich am ersten Tag nach meiner Inhaftierung kennenzulernen. Ich wurde geweckt, weil meine Zellentür mit einem lauten Knall aufsprang. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Ein schwarzer guard reichte mir etwas in die Zelle. Wahrscheinlich sollte dies das Frühstück sein: ein Bagel und ein Plastikschlauch mit einer roten Flüssigkeit. Ich hatte schon seit vielen Stunden nichts mehr gegessen, aber ich bekam keinen Bissen hinunter. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis das nächste Mal ein guard kam, mir Handschellen anlegte und mir befahl mitzukommen. Die schwache Hoffnung, dass sich alles als Irrtum herausgestellt hatte und man mich freilassen würde, währte nicht lange. Ich wurde nur in einen anderen Teil des Gebäudes gebracht. Mit dem Lift ging es in den sechsten Stock.

Diesmal sperrten sie mich in eine Zwei-Mann-Zelle zu einem wortkargen Schwarzen, der Wladimir oder so ähnlich hieß. Ganz hatte ich seinen Namen nicht verstanden. In dem höchstens sechs oder sieben Quadratmeter großen Raum standen ein Etagenbett, die mir schon bekannte Edelstahlkombination von Toilette und Waschbecken und ein winziger Schreibtisch. Wladimir hatte seine Sachen darauf ausgebreitet. Über dem Tisch hingen mehrere Grußpostkarten: zu Weihnachten, zum Geburtstag, zu Weihnachten und zum Geburtstag aus dem Jahr davor und so weiter. Dieses scheinbar harmlose private Arrangement schockierte mich: Mein Zellengenosse saß hier offenbar schon seit Jahren. Und ich wollte in spätestens ein oder zwei Tagen wieder draußen sein! Die Toilette musste ich in Anwesenheit meines roommate benutzen. Unser Raum war zudem für die guards durch Glasscheiben einsehbar.

Als ich die Zelle zum ersten Mal verlassen konnte, begann ich die Architektur dieser Haftanstalt etwas zu verstehen. Wir befanden uns in einer von zahllosen units, die sich wabenförmig aneinanderreihten. Unsere Zwei-Mann-Zellen lagen an der Außenwand des Gebäudes und gruppierten sich in zwei Etagen um einen größeren Gemeinschaftsraum, der vor allem als Esssaal benutzt wurde. Außerdem gab es hier einen Fernseher und mehrere Telefonautomaten. Aber man brauchte, um diese zu benutzen, ein Konto und musste sich von der Vollzugsverwaltung die Nummern seiner Angehörigen freischalten lassen. Bis das geregelt ist, dachte ich, bin ich längst nicht mehr hier.

Zur Gebäudeinnenseite hin waren die Gemeinschaftsräume, Käfigen gleich, vergittert. Dahinter saßen unsere Bewacher, die von ihrem Posten aus das Geschehen in drei bis vier units im Blick hatten, ohne mit uns direkt in Kontakt zu treten.

Die Einrichtung war überall auf das Allernotwendigste reduziert. Im Gemeinschaftsraum bestand sie aus ein paar fest montierten Vierer-Sitzgruppen. Die graublauen Fußböden, die Tische und die wenigen anderen Möbelstücke mit ihren wischfesten Oberflächen sollten vermutlich vor allem robust und pflegeleicht sein. Aber alles wirkte klebrig und schmutzig.

Niemals trat hier auch nur für einen kurzen Moment Ruhe ein. Ständig klapperten oder knallten Türen, wurde irgendetwas ausgeteilt oder eingesammelt, schrien Gefangene, stritten sich Männer, waren lautstarke Befehle von Wärtern zu hören. Diese Kakophonie steigerte sich ins Unerträgliche, als abends im Gemeinschaftsraum irgendein schwachsinniges Fernsehprogramm in Überlautstärke lief.

Die meisten Mitgefangenen, die ich bei der ersten gemeinsamen Mahlzeit sah, waren junge schwarze Männer oder Latinos. Ich nahm nicht viel Kontakt mit ihnen auf. Sie begegneten mir zwar freundlich, aber mit einer gewissen Scheu. Irgendwie war ihnen wohl schnell klar, dass dieser langhaarige ältere Herr aus einer anderen Welt kam als sie.

Mein erster Tag im Gefängnis war ein Sonntag. Wie spät es war, konnte ich nur ahnen, auch hier gab es nirgendwo eine Uhr. So konnte ich vorerst nichts anderes tun als warten. Und innerlich immer wieder die Situation durchgehen, die mich hierhergebracht hatte.

Nach zehn Stunden Flug über den Atlantik war ich in Miami gelandet. Andreas B. hatte mich vom Flughafen abgeholt. Florida empfing mich mit schönstem, frühlingshaftem Wetter. Dieser Jahresbeginn meinte es offenbar gut mit mir: Es war gerade mal zehn Tage her, dass ich von Mallorca nach Hamburg zurückgekehrt war.

Andreas besaß ein kleines Wohnhaus mit einem Grundstück direkt am Intracoastal. Die Platzverhältnisse – zwei Schlafzimmer, eine offene Küche – waren für amerikanische Verhältnisse eher bescheiden. Aber mit seinen perfekt gepflegten Rasenflächen, dem Swimmingpool vor der Terrasse und den Palmen, die abends effektvoll von unten angestrahlt wurden, verfügte das Grundstück über all jene Attribute, mit denen die bessergestellten Bewohner Floridas demonstrieren, dass sie auf der Sonnenseite des Lebens gelandet sind.

Im Laufe der Jahre, in denen er mein Mandant war, hatten wir uns ein bisschen näher kennengelernt. Andreas war ein Mann etwa in meinem Alter, der einer vermögenden Familie entstammte. Nach seinem Rückzug aus der Autoindustrie hatte er Geld vor allem in Unternehmen investiert, die von Carl F. in Deutschland betrieben wurden – die beiden kannten sich aus Fort Lauderdale. Ich hatte diese Unternehmen seit Mitte der neunziger Jahre immer wieder bei der Vertragsgestaltung beraten.

Doch dann war es zu Streitigkeiten zwischen den beiden gekommen, und aus der Auflösung ihrer geschäftlichen Beziehungen ergaben sich weitere Auseinandersetzungen. Ich hatte, als rechtlicher Vertreter der Firma ACCONSA1, vor wenigen Wochen einen Zivilprozess gegen Carl F. gewonnen und ein Urteil im Gepäck, nach dem Carl F. über eine halbe Million Dollar plus Anwalts- und Gerichtskosten zu zahlen hatte. Ich konnte die Zwangsvollstreckung einleiten. Ich konnte, auf Grundlage des Urteils im Zivilprozess, sogar Strafanzeige wegen Betruges gegen Carl F. erstatten, aber das wollte ich nur tun, wenn es zu keiner gütlichen Einigung kam.

Warum also überhaupt außergerichtlich verhandeln? Dafür gab es mehrere Gründe: Weil Carl F. in Berufung gehen konnte und es weitere Monate oder gar Jahre dauern würde, bis die Sache abgeschlossen war. Weil es mühsam werden würde, unsere Forderung mit Hilfe der US-Behörden einzutreiben und ein Strafverfahren nach deutschem und amerikanischem Recht gegen ihn anzustrengen. Weil wir uns letztlich nicht sicher sein konnten, ob Carl F. nicht mit seiner Frau und seinen Kindern aus Florida verschwinden würde, bevor er seine Schulden bezahlt hatte.

Das Treffen mit Carl F. war für Samstagvormittag, den 14.Januar, 10Uhr im Haus von Andreas B. angesetzt gewesen. Ich war aufgrund der Zeitverschiebung an diesem Vormittag viel zu früh aufgewacht und hatte mehrere Stunden damit verbracht, einen handschriftlichen Vertragsentwurf aufzusetzen. Unser Gegner erschien in Begleitung seiner Ehefrau und seines Rechtsanwaltes Hermann W.Die Stimmung unter den Beteiligten war leicht angespannt, aber durchaus bemüht. Obwohl es draußen ziemlich kühl war – für diesen Tag war eine Kaltfront angekündigt–, setzten wir uns auf die Terrasse. Der Hausherr verteilte Decken und Pullover für seine zu leicht bekleideten Gäste und servierte Getränke.

Zunächst ging es um die Angelegenheit, über die ich vor dem Hamburger Landgericht prozessiert hatte. Anfangs drohte die Diskussion in eine gegenseitige Aufrechnung von Fehlleistungen und Vorwürfen abzugleiten. Aber dann schienen doch alle Beteiligten daran interessiert, den Streit endlich aus der Welt zu schaffen. Wir kamen zu einer Vereinbarung, die am Montagvormittag mit Unterstützung von zwei amerikanischen Rechtsanwälten aufgesetzt und unterzeichnet werden sollte.

Danach nahm das Gespräch eine etwas eigenartige Wendung: Carl F. bat seinen Anwalt, die Verhandlungen für einen Moment zu verlassen und im Auto zu warten. Dieser schien über diese Bitte zwar überrascht, ließ sich dann aber zu dem BMW geleiten, der draußen am Straßenrand stand.

Für mich völlig unvermittelt und unverständlich fingen Carl und Sabine F.2 nun an, darüber zu sprechen, dass sie sich persönlich bedroht fühlten, sogar Angst um ihre Kinder hätten. Ein merkwürdiger Besucher, so erzählte Sabine F., sei vor einiger Zeit auf ihrem Grundstück aufgetaucht und habe vorgegeben, ihr Haus kaufen zu wollen. Er habe irgendwas von seinem Anwalt erzählt – ob das eine Drohung gewesen sei? Immer wieder kamen sie auch auf einen Mann zu sprechen, einen Deutschen, der ebenfalls gerade in Florida war und finanzielle Forderungen gegen Carl F. hatte: Gerhard W.3

In erregtem Ton wurden wir aufgefordert, ihnen zu garantieren, dass ihre Familie nicht bedroht werde. Ich verstand schlicht nicht, worum es überhaupt ging. Aber klar, ich versicherte: Von meiner Seite würde es keine Forderungen und keine gerichtlichen Klagen mehr geben, wenn wir uns einig würden. So stand es ja auch in dem Vertragsentwurf, den ich vorbereitet hatte.

Schließlich endete die Debatte wie der erste Teil unserer Verhandlung: mit der Verabredung, sich am folgenden Montag mit den amerikanischen Anwälten zusammenzusetzen. Die F.s hatten es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen. Ihr Rechtsanwalt hatte nun doch ziemlich lange im Auto auf sie warten müssen, und gemeinsam fuhren die drei davon.

Es gab für uns bis Montag nicht mehr viel zu tun. Ich plauderte noch ein wenig mit Andreas und nahm einen kleinen Imbiss ein. Dann beschloss ich, mich nochmal hinzulegen. Ich war müde, ich hatte noch mit den Folgen des Jetlags zu kämpfen.

Zwei Stunden später schreckte ich hoch. Ganz in meiner Nähe splitterte Glas. Noch benommen, nahm ich wahr, dass das Fenster meiner Terrassentür eingeschlagen wurde. Mehrere Personen – mindestens vier Männer in Turnschuhen – stürmten herein. Sie schrien herum, steckten ihre Waffen in die Luft und gebärdeten sich wie schlechte Darsteller in einem amerikanischen Thriller. Sie zerrten mich aus dem Bett, legten mir Handschellen und Fußfesseln an und schoben mich zu Andreas B. in ein Auto, das vor dem Haus stand. Dort ließen sie uns erst einmal schmoren, während sie mit großem Getöse das Haus durchsuchten.

Dies war kein Raubüberfall. Dies war ein Einsatz des Federal Bureau of Investigation, kurz FBI genannt. Die Rolle der Kriminellen in diesem Film hatten anscheinend wir.

Wir waren verhaftet. Die Handschellen drückten schmerzhaft auf meine Gelenkknöchel.

3

Mit Wladimir, meinem Zellengenossen, kam ich einigermaßen zurecht. Ich war froh, dass er so schweigsam war, denn ich hatte wenig Lust auf Smalltalk. Wir hatten nur ein kleines Problem miteinander: mein Schnarchen.

Schlafen konnte ich nämlich, sogar hier und trotz der Anspannung. Schlafen kann ich eigentlich immer und überall. Aber ich benötigte damals ein Atemgerät, das mich nachts mit Sauerstoff versorgte. Ich litt unter einer Schlafapnoe, in deren Folge gefährliche Atemaussetzer auftreten können. Ich hatte das Gerät sogar auf meine USA-Reise mitgenommen, aber es war im Gästezimmer in Andreas B.s Haus liegengeblieben.

Meine Schlafgeräusche müssen unerträglich gewesen sein. Der arme Wladimir tat wahrscheinlich kein Auge zu. Immer wieder weckte er mich, nicht wirklich sauer, aber doch ziemlich genervt. Das Ergebnis war aber nur, dass wir dann beide wach lagen, bis ich wieder einschlief – und weiterschnarchte.

An eine geregelte Nachtruhe war ohnehin nicht zu denken. Länger als zwei Stunden am Stück ließ man uns nicht in Ruhe. Mit Vorliebe nach Mitternacht, so erfuhr ich bald, wurden sogenannte counts (eine Art Zählappelle) oder shake downs (Durchsuchungen) durchgeführt, zu denen Wachleute in unsere Zellen stürmten. Oft hinterließen sie ein unbeschreibliches Chaos. Ich weiß nicht, welchen Sinn es hatte, diese Aktionen mitten in der Nacht durchzuführen. Um vier Uhr morgens wurden wir ja ohnehin schon wieder geweckt, weil es dann Frühstück gab.

In den ersten Tagen rührte ich davon nichts an. Ich aß auch sonst fast nichts. Die undefinierbaren, fettigen Speisen aus der Gefängnisküche ekelten mich genauso an wie die seltsam farbigen Getränke, die dazu serviert wurden. Am dritten Tag schenkte mir ein Mithäftling einen gebrauchten Styroporbecher. Was für ein Fortschritt! Jetzt konnte ich Wasser aus dem Wasserhahn trinken, wann immer ich wollte.

Ich empfand jede Minute, in der ich hier eingesperrt war, als Zumutung. Ich war empört. Aber noch erging es mir damit wie jemandem, der auf einer Reise zu einem seltsamen und unbequemen Zwischenhalt gezwungen ist. Es war unangenehm und ärgerlich, dass ich hier festgehalten wurde, aber zumindest auch ganz interessant. Ich würde etwas zu erzählen haben. Und sobald ich Gelegenheit hatte, einen Richter und einen Anwalt zu sprechen, würde ich dafür sorgen, dass ich hier schnellstens wieder herauskam!

Aber das würde auch am Montag nicht passieren. Am 16.Januar feiert man in den USA den Martin Luther King Day zu Ehren des ermordeten Bürgerrechtskämpfers. Gerichte und Justizbehörden bleiben geschlossen. Ich würde bis Dienstag im Knast sitzen. Und Dienstag wollte ich doch eigentlich schon in Los Angeles sein.

Ich verstand einfach nicht, wie ich in diese Lage geraten war.

Am Montagvormittag gegen neun Uhr begann in meinem Hamburger Büro eine neue Arbeitswoche. Auf dem Anrufbeantworter fand sich eine Nachricht von Mitch McRae, dem amerikanischen Anwalt für Zivilrecht, mit dem wir eigentlich für diesen Tag verabredet gewesen waren. Er teilte mit, dass ich am Samstag zusammen mit Andreas B. verhaftet worden sei. Es gebe in unserem Fall noch einen weiteren Inhaftierten, den er aber nicht kannte. Viel mehr wusste er nicht.

Die ersten Angehörigen, die von meiner Verhaftung erfuhren, waren meine Kinder. Und natürlich Jan Jütting, der Lebensgefährte meiner Tochter Anne Jo, der als junger Rechtsanwalt erst ein paar Monate zuvor in meiner Kanzlei angefangen hatte.

Meine ältere Tochter erreichte die Nachricht auf ihrer Arbeitsstelle, die jüngere war gerade dabei, Handwerker in ihrer Wohnung zu empfangen. Beide reagierten zutiefst erschrocken: Ohne Genaueres zu wissen, ahnten sie, dass etwas Schlimmes passiert war, etwas, das ihr Leben schlagartig verändern würde. Sie wussten von den seit Jahren schwelenden Auseinandersetzungen mit Carl F., sie wussten, dass ich ihn in Florida treffen wollte. Vielleicht hatten sie längst klarer als ich gesehen, dass der Kontakt mit diesem Mann für mich gefährlich werden konnte.

In den USA war es noch mitten in der Nacht. Niemand konnte Auskunft geben, was mir passiert war. So konnten sie in den ersten Stunden nur spekulieren: Hatte ich einen Unfall verursacht, vielleicht mit zu viel Alkohol im Blut? War ich in eine handgreifliche Auseinandersetzung geraten? Aber das passte überhaupt nicht in ihr Bild von mir. Ging es um eine Bagatelle, würde ich vielleicht schon in ein paar Stunden gegen Hinterlegung von ein paar tausend Dollar Kaution freikommen?

Jan Jütting überlegte nicht lange. Er buchte den nächsten erreichbaren Flug nach Miami und war schon wenige Stunden später unterwegs. «Ich hatte dabei noch meine Zweifel», so gestand er später, «ob das nicht vollkommen übertrieben war. Ich dachte, vielleicht ist Reinhard längst wieder draußen, wenn ich in den USA ankomme.»

Meine Töchter organisierten währenddessen einen amerikanischen Anwalt für mich. Es sollte möglichst der beste sein, den sie in den USA auftreiben konnten. Tatsächlich gelang es ihnen, noch am selben Tag mit dem Harvard-Professor Alan Dershovitz zu sprechen, einem der renommiertesten Strafverteidiger in den USA. Dieser empfahl ihnen eine Kollegin in Miami: Jeanne Baker hatte sich als Präsidentin der American Civil Liberties Union (ACLU) für Florida, als Strafverteidigerin und profilierte Kämpferin für Bürgerrechte einen Namen gemacht.

Noch am selben Tag, am Montag, brachte man mich im Broward County Jail in einen winzigen Besprechungsraum. Meine Anwältin war gekommen: Eine energische, schwarzhaarige, elegant gekleidete Frau etwa in meinem Alter nahm mir gegenüber Platz. Jeanne Baker war eine sehr erfahrene und kompetente Kollegin, das war mir schon nach den ersten Minuten klar. Mein Vertrauen hatte sie außerdem durch den Hinweis, dass sie von meiner Familie engagiert worden war.

Wir hatten viel zu besprechen und wenig Zeit. Konzentriert und präzise klärte sie mich über die Anklage auf: Angeblich hatte ich, in krimineller Verschwörung mit meinem Mandanten und einem weiteren Gläubiger, versucht, Carl F. zu erpressen. Angeblich hatten wir damit gedroht, seiner Frau und seinen Kindern etwas anzutun, wenn er nicht zahle. Sie erklärte mir, welche Verfahrensschritte in den nächsten Tagen auf mich zukommen würden. Und natürlich brauchte sie jede Menge Informationen von mir; sie wollte wissen, wie ich die Sache sah.

Für Dienstagvormittag war ein erster Haftprüfungstermin angesetzt. Meine Anwältin ließ keinen Zweifel am Ernst der Lage. Sie war längst nicht so überzeugt wie ich, dass ich schon bald wieder frei sein würde.

4

In Häftlingskleidung, an Händen und Füßen gefesselt, wurde ich in den Gerichtssaal geführt. Der große Raum war mit hellen Holzmöbeln, gediegenen Teppichböden und modernsten technischen Einrichtungen ausgestattet. In dieser Atmosphäre kannte ich mich wieder aus, im Gerichtssaal war ich in meinem Element. Der Kontrast zum Lärm und Dreck des Broward County Jail, das nur ein paar hundert Meter entfernt lag, war eindrucksvoll: Hier, so dachte ich, würde nach den Spielregeln eines demokratischen Rechtsstaates miteinander verhandelt.

Jeanne Baker war da, und zum ersten Mal sah ich auch Jan Jütting wieder. Erst vor ein paar Tagen hatten wir uns in Hamburg voneinander verabschiedet. Es tat so gut, jetzt einen von meinen Leuten an meiner Seite zu haben.

Wir standen zu dritt vor dem Richter: Sie hatten außer Andreas B. und mir auch Gerhard W. verhaftet. Jener Mann, über den die F.s mit uns gesprochen hatten, war kurz vor seinem Abflug nach Deutschland auf dem Flughafen von Miami festgenommen worden. Ich kannte ihn nur flüchtig als Bekannten von Andreas B.Jetzt standen wir gemeinsam als angebliche kriminelle Bande vor Gericht.

Es gab bereits eine erste, improvisierte Anklageschrift, verfasst von dem FBI-Beamten, der unsere Verhaftung veranlasst hatte. Uns wurde vorerst keine Möglichkeit eingeräumt, zur Sache Stellung zu nehmen. Haftrichter Barry Seltzer hatte bereits entschieden, wie es mit uns weiterging: Wir blieben vorerst im Gefängnis. Jedenfalls bis zum nächsten Termin, in einer knappen Woche. Im Rahmen eines sogenannten bond hearing könnten wir dann eine Freilassung gegen eine Kaution beantragen.

Jan Jütting war es noch am Montagabend gelungen, meine «Schlafmaschine» aus Andreas B.s Haus zu holen. Meine Verteidigerin bat den Haftrichter nun um die Erlaubnis, mir den Apparat im Gefängnis auszuhändigen, damit ich zumindest ohne Angst vor lebensbedrohlichen Atemaussetzern schlafen könnte.

Barry Seltzer war offenbar nicht ganz sicher, was er von diesem Gesuch halten sollte. Deshalb fragte er erst mal den Wachmann, der mich hergebracht hatte:

«Wo ist Berkau denn untergebracht?»

«Im Broward County Jail, Euer Ehren.»

«Und wie wird da mit solchen medizinischen Geräten umgegangen? Sind die erlaubt?»

«Ich weiß es nicht. Aber sie akzeptieren dort nicht einmal ärztlich verschriebene Medikamente, wenn ein Gefangener so was mitbringt. So streng sind die.»

«Ja, ich weiß davon, dass dort Medikamente nicht ausgegeben werden», erklärte der Richter. Das klang nicht gerade beruhigend. Dann fragte er Jeanne Baker: «Wissen Sie, was die im Broward County Jail zu diesem Gerät sagen würden?»

Jeanne Baker hatte die Frage schon geklärt. Ein Krankenpfleger hatte ihr zugesagt, man werde mir den Apparat aushändigen.

Etwas ungläubig hakte Seltzer nochmal nach: Das Gerät würde im Gefängnis wirklich erlaubt? Er bat Jeanne Baker, doch bitte nochmal zu klären, ob das auch kein Missverständnis sei. Und wenn sie dort drüben wirklich nichts dagegen hätten – dann würde auch er, der Richter, den Antrag abzeichnen.

Noch am selben Tag sorgte meine amerikanische Anwältin dafür, dass Jan Jütting als ihrem deutschen co-counsel erlaubt wurde, mich unbegrenzt im Gefängnis zu besuchen. Von jetzt an saßen wir jeden Tag in dem winzigen Besprechungsraum beieinander. Durch eine Glasscheibe hatten uns die Wachleute jederzeit unter Kontrolle. Auch Jeanne Baker nahm an einigen Besprechungen teil.

Allerdings waren die Bedingungen, unter denen diese Gespräche stattfanden, grotesk. Besuch durch Anwälte war zwar im Prinzip für bis zu acht Stunden pro Tag erlaubt, aber nur solange keiner von uns auf die Toilette musste. Sobald wir einen Wachmann in Anspruch nahmen, um einen von uns zum WC zu geleiten, war die Besuchszeit beendet. An Speisen oder Getränken waren wir unter diesen Umständen nicht interessiert. Es wäre natürlich auch nicht erlaubt gewesen, in den Besuchsräumen etwas zu essen oder zu trinken.

In den sogenannten hearing cells herrschte dank der hocheffektiven Klimaanlage stets eine geradezu arktische Kälte. Übermüdet und erschöpft, wie ich ohnehin schon war, fror ich oft jämmerlich. Doch sobald einer der Schließer bemerkte, dass mir Jan Jütting fürsorglich sein Sakko über die Schulter legte, schritt er ein. Für das Verbot, Kleidungsstücke meines Anwaltes zu tragen, gab es folgende Begründung: Es könnte ja passieren, dass ich, dermaßen verkleidet, unbemerkt das Gefängnis verließ.

Wir haben selbst in dieser bedrückenden Situation manchmal herzlich miteinander gelacht. Nur gelegentlich, so erinnert sich Jan Jütting heute, habe ich doch für einen kurzen Moment die Fassung verloren. Um dann wieder, schnell und konzentriert, an die Arbeit zu gehen.

Wir sprachen darüber, wie wir es ermöglichen könnten, eine hohe, sehr hohe Kaution anzubieten: Eine Million US-Dollar, den größten Teil davon nicht in bar, sondern in Form von Grundbucheintragungen auf meine Immobilien. Wenn sich das Gericht darauf einließ, würde ich vermutlich in Fort Lauderdale oder Miami bleiben müssen, vielleicht sogar mit einer elektronischen Fußfessel unter Hausarrest in einem Hotelzimmer oder Apartment. Aber ich könnte mir ein Laptop und einen Internetzugang besorgen und jedenfalls aus der Ferne für meine Kanzlei zur Verfügung stehen. Bis ich, in zwei Monaten vielleicht, nach dem Strafprozess nach Hause zurückkehren könnte.

Die Zeit, die uns in dieser kurzen Woche bis zum bond hearing noch blieb, nutzten wir dazu, alles vorzubereiten, was in meiner Kanzlei in Hamburg in den nächsten Wochen zu tun war. Jan Jütting und meine Töchter brauchten Vollmachten, Informationen und Handlungsanweisungen, um die Arbeit dort notfalls auch ohne mich zu bewältigen.

5

Die Verhandlung, die am 23.Januar 2006 in Fort Lauderdale stattfand, wurde wortwörtlich protokolliert. Und so kann ich heute noch nachlesen, was ich damals kaum glauben mochte.

Wieder wurden wir zu dritt und gefesselt ins Gericht geführt. Nach den allgemeinen Begrüßungs- und Eröffnungsformeln beantragte meine Anwältin Jeanne Baker, mir die Handfesseln abzunehmen, damit ich die Möglichkeit hatte, mir Notizen zu machen. Ich sei schließlich seit Jahrzehnten als Anwalt tätig und gewohnt, mir während einer Verhandlung etwas aufzuschreiben. Nach einigem Hin und Her stimmte der Richter zu.

Der Staatsanwalt, Christopher Clark, bekam als Erstes das Wort. Er erklärte, warum er dagegen sei, uns auf Kaution freizulassen: Es bestehe Fluchtgefahr, außerdem stellten wir eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Dann eröffnete er uns, was wir zu erwarten hatten: bis zu 25Jahre Haft. Die Zahl kam mir zu irreal vor, um mir wirklich Angst zu machen.

Als einziger Zeuge der Anklage war Donald VanHoose erschienen, der FBI-Beamte, der die Ermittlungen gegen uns leitete. Seine einzige Quelle wiederum waren Carl und Sabine F.Sie hatten das FBI über die angebliche Bedrohung ihrer Familie informiert. Seit Anfang des Jahres waren ihre Telefongespräche und Begegnungen mit Andreas B. von den Ermittlern überwacht worden. Zu unserem gemeinsamen Treffen war das Ehepaar F. mit Mikrophonen und einer versteckten Videokamera «verwanzt» worden.

Der FBI-Ermittler hatte diese auf Deutsch geführten Gespräche nicht selbst abgehört. Er hatte sich lediglich von einer Übersetzerin grob zusammenfassen lassen, was ihrer Meinung nach da besprochen worden war.

Der Verteidiger von Andreas B. fragte ihn:

«Ist Ihnen eigentlich klar, dass Carl F. der Einzige ist, der jemals ausgesprochen hat, dass er sich Sorgen um seine Frau, seine Kinder oder Familie machen müsse? Ist Ihnen das aufgefallen?»

«Ich habe wahrgenommen, dass Herr und Frau F. sich bedroht fühlten», erklärte VanHoose.

«Okay, aber keine dieser Befürchtungen, keine dieser Behauptungen, keine dieser ‹Drohungen› wurde jemals von einem der drei Angeklagten ausgesprochen, richtig?»

«Ich bin nicht sicher, was Sie meinen, Sir.»

«Wo in Ihrer Anklageschrift ist dokumentiert, dass irgendjemand außer Carl F. selbst über eine Bedrohung spricht?»

«Gut, das geschieht nicht in diesen Worten…»

Und so weiter. Alle weiteren Befragungen machten klar: Es gab keinerlei Beleg für eine Gewaltandrohung, für die Ausforschung der Lebensumstände oder eine Verfolgung der Familie F. durch einen von uns. Niemand von uns war vorbestraft oder Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Jeanne Baker trug vor, dass ich eine Anwaltskanzlei mit 18Mitarbeitern betrieb und in Hamburg einen untadeligen Ruf genoss. «Wenn die geographischen Verhältnisse es ermöglichen würden, könnten wir hier den ganzen Gerichtssaal mit Menschen füllen, die sich für Reinhard Berkau verbürgen», erklärte sie mit amerikanischem Pathos. Eine Kaution von einer Million Dollar, fügte die erfahrene Strafverteidigerin hinzu, habe sie in ihrer ganzen Karriere noch nie einem Gericht anbieten können. Nach zwei Stunden bedankte sich der Richter bei uns allen für unsere Bemühungen und schloss die Verhandlung. Man legte mir die Handschellen wieder an und führte mich ab in die Arrestzelle. Wenig später kam Jeanne Baker, um mir mitzuteilen, was der Haftrichter entschieden hatte: Wir mussten alle drei im Gefängnis bleiben. Bis zu unserem Strafprozess.

Den Weg aus dem Gerichtsgebäude zum Gefangenentransporter konnte ich nur in Trippelschritten zurücklegen. Meine Füße waren ja aneinandergefesselt, und meine Hände waren zusätzlich an einer Kette fixiert, die um meinen Bauch lag. Draußen schoben sie mich in diesen seltsam flachen Van, der aussah, als sei er eigentlich zum Transport von Tieren bestimmt. Auf zwei harten Bänken konnten hinten maximal zehn Männer hocken. Der Transportkäfig war so niedrig, dass wir darin nicht aufrecht stehen, zum Teil nicht einmal aufrecht sitzen konnten. Sich festzuhalten oder abzustützen war unmöglich. Wir waren zu unbeweglichen Paketen zusammengeschnürt.

Ich wusste natürlich, wohin diese kurze Reise ging. Zurück ins Broward County Jail, wo mein Bett in einer Drei-Mann-Zelle noch auf mich wartete. Bis jetzt hatte mich die Tatsache, dass ich im Gefängnis saß, noch nicht besonders beeindruckt. Ich hatte als Strafverteidiger viele Haftanstalten von innen gesehen, schlimme und weniger schlimme. Meine ersten Berufserfahrungen als junger Jurist hatte ich Mitte der siebziger Jahre in der Kanzlei von Wolf Dieter Reinhard in Hamburg gesammelt. Der Rechtsanwalt stand damals partiell unter Berufsverbot, hatte sogar zeitweise in Untersuchungshaft gesessen, weil man ihn der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung bezichtigte. Später wurde er freigesprochen und voll rehabilitiert. Dass auch ein Anwalt inhaftiert werden kann, ohne dass er sich etwas hat zuschulden kommen lassen, ist mir seitdem stets bewusst gewesen.

Aber das, was mir hier passierte, war etwas anderes. Ich verstand nur noch nicht, was es war. Ich war in eine Falle gegangen. Ich war unschuldig, ich hatte weder gegen deutsche noch gegen amerikanische Gesetze verstoßen. Aber ich war in ein System hineingeraten, in dem das niemanden zu interessieren schien. Das war der eigentliche Schock.

Um meine Kanzlei machte ich mir in diesem Moment noch keine allzu großen Sorgen: Eine Abwesenheit von vielleicht zwei Monaten war verkraftbar. Jan Jütting würde mich in den wichtigsten Angelegenheiten vertreten. Aber ich dachte an meine Kinder. Anne Jo und Lisa Lou standen beide vor dem Abschluss ihres Studiums, Jakob und Jonathan hatten mit ihrer Berufsausbildung gerade erst begonnen. Wie würden sie damit fertigwerden, dass ihr Vater in den USA im Knast saß? Würden sie ihren Weg unbeirrt weitergehen? Alle vier Kinder waren bis jetzt noch auf meine Unterstützung angewiesen. Jetzt würde möglicherweise ich es sein, der ihre Hilfe benötigte. Das machte mir am meisten zu schaffen.

Ich würde hier nur wieder herauskommen, wenn es mir gelang, meine Unschuld zu beweisen. Meine ganze Kraft, meine ganze Erfahrung als Strafverteidiger musste ich jetzt auf die Vorbereitung des Strafprozesses konzentrieren. Ich brauchte die Texte der Gesetze, gegen die ich angeblich verstoßen hatte, und die Rechtsprechung dazu; ich musste herausfinden, welches «Beweismaterial» der Staatsanwalt vorlegen wollte. Und ich musste meiner amerikanischen Verteidigerin den komplizierten Rechtsstreit erklären, den ich eigentlich hier, in Florida, durch einen Vergleich hatte beenden wollen. Die Unterlagen, die ich zu diesem Zweck mit in die USA gebracht hatte, waren bei meiner Verhaftung natürlich beschlagnahmt worden. Vorläufig verfügte ich nicht einmal über ein Blatt Papier und einen Stift, um einen Brief zu schreiben.

Am nächsten Tag bekam ich meinen ersten Hofgang im Broward County Jail. Ich durfte für eine gute halbe Stunde einige Runden um das kleine Basketballfeld im Innenhof des Gefängniskomplexes drehen. Zum ersten Mal wieder frische Luft! In unserem Zellentrakt war kein Fenster zu öffnen. Die Bewegung tat gut und half mir, etwas von der gewaltigen Spannung abzubauen, unter der ich stand. Ich ahnte noch nicht, dass dies der einzige Hofgang blieb, den man mir während meines monatelangen Aufenthaltes im Broward County Jail gewährte.

Ich war inzwischen auf die infirmary verlegt worden, die Krankenstation im Gefängnis. Nur dort nämlich gab es Steckdosen in den Zellen, an die ich mein Atemgerät anschließen konnte. Das war’s aber schon, was uns Bewohnern der infirmary an zusätzlichem Komfort geboten wurde: Ansonsten gab es hier nur etwas mehr medizinisches Personal.

Seit dem Tag meiner Verhaftung trug ich noch immer dieselben Socken und dieselbe Unterhose. Es war der einzige persönliche Besitz, den sie mir gelassen hatten. Den grauen Overall, auf dessen Rücken ich als federal prisoner gekennzeichnet war, hatten sie inzwischen gegen die übliche Anstaltskleidung ausgetauscht: eine lange Hose ohne Taschen und ein Sweatshirt mit kurzem Arm, beides in Beige, dazu ein Paar billige Plastik-Badelatschen. Außerdem hatte ich ein paar Artikel zur Körperpflege bekommen: Handtücher, Waschlappen, Zahn-Gel, ein Stück Seife, eine Zahnbürste und einen Plastikkamm.