Ich gehe meinen Weg - Carola Budsky - E-Book

Ich gehe meinen Weg E-Book

Carola Budsky

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Beschreibung

Im Sommer 2016 machte sich die 54jährige Carola auf, den Jakobsweg quer durch Spanien zu laufen. Sie ist nicht prominent, kein ausgeflippter Hippie, weder depressiv noch sterbenskrank, nicht auf der Suche nach Gott oder sich selbst, kein Extremsportler, sondern ein durchschnittlicher, völlig normaler Mensch wie du und ich. Sie löste damit nur ein Versprechen ein, welches sie sich selbst gegeben hatte. In einem Tagebuch, welches sie während der Wanderung verfasste, beschreibt sie ihre Eindrücke und Erlebnisse so wie sie waren, ohne Schnörkel oder Erfindungen. Die Sehenswürdigkeiten und Bauwerke wie die großen Kathedralen, oder geografische und geschichtliche Hintergründe, waren ihr dabei gar nicht so wichtig. Der Weg ist das Ziel, war wohl eher ihre Devise.

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Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Prolog

Mittwoch 13.7. Saint-Jean-Pied-de-Port bis Orisson (7,7 km)

Donnerstag 14.7. Orisson bis Roncesvalles (18,9km)

Freitag 15.7. Roncesvalles bis Zubiri (22,7 km)

Samstag 16.7. Zubiri bis Pamplona (20,4 km)

Sonntag 17.7. Pamplona bis Obanos (21,4 km)

Montag 18.7. Obanos bis Estella (23,7 km)

Dienstag 19.7. Estella bis Los Arcos (21,0 km)

Mittwoch 20.7. Los Arcos bis Logroño (29,0 km)

Donnerstag 21.7. Logroño bis Nájera (29,5 km)

Freitag 22.7. Nájera bis Redecilla del Camino (33,6 km)

Samstag 23.7. Redecilla bis Villafranca Montes de Oca (24,7 km)

Sonntag 24.7. Villafranca bis Cardeñuela Ríopico (28,4 km)

Montag 25.7. Cardeñuela Ríopico bis Burgos (11 km)

Dienstag 26.7. Burgos bis Hontanas (32,4 km)

Mittwoch 27.7. Hontanas bis Frómista (36,0 km)

Donnerstag 28.7. Frómista bis Carrión de los Condes (20,5 km)

Freitag 29.7. Carrión de los Condes bis San Nicolás (34,2 km)

Samstag 30.7. San Nicolás bis El Burgo Ranero (25,7 km)

Sonntag 31.7. El Burgo Ranero bis Arcahueja (29,6 km)

Montag 1.8. Arcahueja bis León (8,1 km)

Dienstag 2.8. León bis Villavante (31,6 km)

Mittwoch 3.8. Villavante bis Murias de Rechivaldo (27,5 km)

Donnerstag 4.8. Murias de Rechivaldo bis El Acebo (33,2 km)

Freitag 5.8. El Acebo bis Ponferrada (15,4 km)

Samstag 6.8. Ponferrada bis Trabadelo (35,5 km)

Sonntag 7.8. Trabadelo bis Hospital da Condesa (25,6 km)

Montag 8.8. Hospital da Condesa bis Triacastela/ A Balsa (18,1 km)

Dienstag 9.8. Triacastela/ A Balsa bis Ferreiros (31,7 km)

Mittwoch 10.8. Ferreiros bis Airexe (26,9 km)

Donnerstag 11.8. Airexe bis Boente (29,3 km)

Freitag 12.8. Boente bis Labacolla (ca. 38.5 km)

Samstag 13.8. Labacolla bis Santiago de Compostela (10.2 km)

Epilog

Prolog

Square Dance macht Spaß. Wirklich!

Ein schöneres Hobby das Bewegung mit Grips-Gymnastik verbindet kann ich mir nicht vorstellen.

Das gilt aber nicht, wenn man ein Special ausrichten muss, welches in einer Halle stattfindet, die man ebenso wenig kennt, wie die Örtlichkeit drum rum. Unser Club hatte alle aktiven Mitglieder mobilisiert, damit alles wie gewohnt klappt, (es war ja nicht unsere erste große Veranstaltung) aber es war eine ganze Menge Arbeit.

Diese Tanzveranstaltung am Samstag trieb so manchem den Schweiß auf die Stirn, aber den Tänzern, welche den Weg auf sich nahmen uns zu besuchen, und unserem engagierten Caller hatte es gefallen. Der Getränkeverkauf lief reibungslos, die Küche hatte ausreichend Essen, es waren genug Kuchen gebacken worden, die Bühnen- und Tischdeko war mit vereinten Kräften bewältigt und jede Menge Tische und Stühle geschleppt worden. Abends saß der „„harte Kern“ noch zur Afterparty zusammen, und der ein oder andere Cocktail wurde ausgeschenkt, ein Service, der das erste Mal angeboten wurde.

Am nächsten Tag war Abbauen und Aufräumen angesagt, so wie immer nach solch einer Veranstaltung. Aber diesmal war alles anders. Peter und ich wollten am selben Tag noch, mit einem gemieteten Wohnmobil losfahren. Nach Frankreich zum Ausgangspunkt des Jakobsweges, Saint-Jean-Pied-de-Port.

Seit Januar stand für mich fest, dass ich dieses Jahr den Jakobsweg laufen will. Genauso stand es für Peter fest, dass er mich hinfährt und in meiner Nähe bleibt. So hatten wir (Peter als 1. Vorsitzender und President, und ich als inoffizielle Dekochefin) nicht nur ein Special vorzubereiten, wie immer war ich unter anderem für Deko, Bühnenbild und Hinweisschilder verantwortlich, sondern auch dieser außergewöhnliche Urlaub wollte geplant werden. Neben unseren anderen Aktivitäten, wie Arbeit und Turnverein, Stress pur!

Januar: Eigentlich ging ich seit Herbst mit diesem Gedanken schwanger, denn unseren Urlaub im Oktober verbrachten wir im Tannheimer Tal, wo wir besonders viel gelaufen sind. Nachdem ich zu Weihnachten jede Menge Jakobsweg Literatur von meinen Kindern geschenkt bekam, raffte ich mich auf und kaufte mir ein Heft um Tagebuch zu führen. Ganz nach Vorbild von Hape Kerkeling, dessen Buch ich in den Weihnachtsferien das zweite Mal gelesen hatte. Er mag zwar sportlich eine Null sein, aber er hat sprachlich viel mehr drauf als ich. Mit französisch, spanisch, englisch, dänisch und was weiß ich noch alles, habe ich nicht so viel am Hut. Da bin ich froh, dass ich mich zu einem Spanischkurs angemeldet habe. Das Buch und die CD habe ich schon, und ich fürchte: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Februar: Nach einer Woche Spanischkurs, jeder Menge Hausaufgaben, habe ich mein Diploma in der Tasche, auch wenn es nur eine Teilnahmebestätigung ist. Hochmotiviert nehme ich mir fest vor, jeden Tag mindestens eine halbe Stunde Spanisch zu lernen.

Peter hat sich inzwischen bei mehreren Wohnmobilvermietungen nach einem passenden Gefährt erkundigt. Wir müssen unbedingt nochmal über die Mietdauer reden, denn ich weiß noch gar nicht wie lange ich überhaupt für den Weg brauche. Eine Square Dance Freundin ist den Jakobsweg schon gelaufen, aber ich konnte sie bis jetzt noch nicht persönlich dazu befragen. Dabei will ich noch so viel wissen. Nachts träume ich schon wirres Zeug, und musste schon ein imaginäres Einreisevisum vorlegen. Doch noch während ich panisch nach meinem Wörterbuch krame, bin ich aufgewacht.

Meine Familie weiß seit meinem Geburtstag nun auch über meine Absicht Bescheid, im Sommer den Jakobsweg zu laufen. Während meine Mutter am liebsten mitkommen würde, wenn sie nicht gesundheitlich angeschlagen wäre, sieht mich meine Schwiegermutter schon in den Fängen von Wegelagerern. Sie ist jedoch nicht die Einzige, die mich mit gutgemeinten Ratschlägen überhäuft, auch einige Mitglieder unseres Squaredance Clubs halten nicht damit hinterm Berg. An und für sich wollte ich gerade deswegen mein Vorhaben nicht an die große Glocke hängen, denn auf sowas kann ich gut und gerne verzichten.

Inzwischen hat aber schon unser ortsansässiger Schuster meine extra geputzten Wanderschuhe neu besohlt. Laut seiner Aussage genügte ein neuer Absatz womit ich mit 10 Euro ganz gut weggekommen bin.

April: Nachdem ich laut Packliste alles Nötige in meinen normalen Wanderrucksack gestopft habe, fehlte nur noch der Schlafsack. Auch für Proviant und Trinkflasche war kein Platz mehr. Da hieß es entweder die Packliste nochmal überdenken, oder ein neuer Rucksack muss her.

Dafür fand ich in dem „Pilgertipps und Packliste“ - Buch auch die Adresse der „Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V.“, wo ich vorsichtshalber schon mal meinen Pilgerausweis bestellt habe. Ich weiß ja nicht, wie das vor Ort abläuft, und ob das mit dem Pass so ohne weiteres geht.

Ich muss damit aufhören im Internet über den Jakobsweg zu lesen!

Jeder rät einem davor ab, trotzdem surf ich auf den verschiedenen Seiten und lese Erfahrungsberichte und diverse Packlisten usw. Hinterher bin ich wieder völlig unsicher, ob alles klappen wird. Außerdem kostet mich das nur unnötig einen Haufen Zeit. Hör damit auf! Lerne lieber spanisch, Carola!

Das habe ich letzte Zeit sehr vernachlässigt.

Hurra, ich bin Besitzer eines superleichten Rucksacks. Ende April waren Peter und ich in einem großen Outdoorladen in Viernheim. Dort gab es für mich auch noch einen extrem leichten Schlafsack, Schuhe, zwei Trekkinghosen, Bluse, Hut und andere Kleinigkeiten. Damit bin ich drei Tage später gleich mal in voller Montur und ordentlich Gewicht bei uns in Fürth um den Erzberg gelaufen. Keine Blasen! Den Regenschutz konnte ich auch ausprobieren.

Jetzt fühle ich mich schon wie ein Pilger und bin wieder zuversichtlich, was den Weg angeht.

Mai: Zum Maifeiertag nahm ich mir eine Wanderung nach Weinheim vor. Gut 20 Kilometer, und nur mit einer notdürftigen Karte, von Peter ausgedruckt, und mit vollem Rucksack. Natürlich habe ich mich verfranzt, aber Peter musste mich nur in Laudenbach, 9 km vom Ziel entfernt, mit dem Auto abholen. Dementsprechend skeptisch bewertete er mein Vorhaben, in einem fremden Land knapp 800 km zu gehen.

Doch am nächsten Feiertag, machten wir uns gemeinsam noch einmal auf den Weg. Und siehe da. Wenn ich weiß, welchen Zeichen ich folgen muss (das war mir beim ersten Mal überhaupt nicht klar, da hatte ich nur eine vage Richtungsangabe) fand ich mich ohne Weiteres zurecht. Natürlich war mein Mann immer noch misstrauisch.

Ich habe inzwischen Zweifel an meinen neuen Schuhen, welche an den Knöcheln drücken. Hoffentlich gibt sich das noch.

An Pfingsten habe ich bei meinen Eltern ein Heimkinotag gemacht. Mit Popcorn, Cola und einem Film über den Jakobsweg. Sie hatten sich „Dein Weg“, ausgesucht über einen Vater, der für seinen toten Sohn den Jakobsweg läuft. Mit einem hervorragenden Martin Sheen in der Hauptrolle. War das Zufall? Oder ein Omen?

Zwei Tage später kam im Fernsehen noch eine Dokumentation über den Jakobsweg, nach der ich wieder recht abstrus vom Weg geträumt habe.

Am nächsten Tag, dem 23. kam dann prompt mein Pilgerausweis an. Irgendwie hatte ich noch mehr Informationen erwartet, aber Hauptsache er ist da. Meine 10 Euro Gebühr werde ich so schnell wie möglich der Jakobusgesellschaft überweisen.

Bei meiner „Arbeitgeber-Familie“, wo ich zur Kinderbetreuung angestellt bin, habe ich 7 Wochen Urlaub beantragt. Das heißt eine Woche vor und eine nach den Ferien, wäre ich nicht da. Sie haben mich beruhigt und auf die Oma verwiesen, die für mich einspringt. Nicht nur die Kinder, die ganze Familie ist ausgesprochen pflegeleicht. Verständnisvoll haben mir alle einen schönen Urlaub und alles Gute für den Weg gewünscht.

Juni: Nach langer Abstinenz, habe ich mal wieder in mein Spanischbuch geschaut. Ich habe das Gefühl, alles verlernt zu haben. Wenn man auch nicht konsequent dabeibleibt! Dafür bin ich ein Stück auf dem Nibelungensteig Richtung Lindenfels gelaufen. Da konnte ich dem roten „N“ folgen, und habe mich tatsächlich nicht verlaufen. Vielleicht klappt es ja wenigstens mit dem Laufen, wenn schon nicht mit der Sprache.

Habe übrigens schon wieder vom Weg geträumt, diesmal musste ich über einen Pass, auf dem Schnee lag - sehr viel Schnee. Bin über meine Überlegungen, wie es jetzt weiter geht, aufgewacht. Es ist Sommer, so was wird mir doch hoffentlich nicht passieren.

Vor ein paar Tagen hatte ich abends plötzlich höllische Kopfschmerzen. Da ich damit sowieso nicht schlafen konnte, habe ich mir noch zusätzlich Gedanken darüber gemacht, was ich in so einer Situation auf dem Jakobsweg mache. Mit dem Kopf könnte ich im Moment wirklich nicht laufen. Vielleicht sollte ich wirklich ein paar Ruhetage für unvorhergesehene Umstände einplanen.

Juli: Bald ist es soweit, und mir ist mal wieder schwindlig. Also in meinem Zustand könnte ich nicht laufen, ich muss definitiv Ruhetage einplanen.

Kurz vor dem Special gibt es noch einen Haufen vorzubereiten. Neben Arbeiten, Turnstunden und Haushalt, sollte ich außerdem an alles für den Weg denken. Aber vorrangig geht es nur um unsere große Tanzveranstaltung. Der Caller ist nämlich auch noch unser Gast, und auch wenn er sehr anspruchslos und unkompliziert ist, will er doch von uns betreut werden. Die Wohnung sollte auch nicht gerade eine Katastrophe sein, schließlich soll der gute Mann sich ja ein bisschen wohl fühlen.

Das Wohnmobil musste auch noch geholt werden, was Peter zusammen mit Alexander organisierte.

Irgendwie ging das Special über die Bühne und der Sonntag kam, mit Abbauen, planlos das Wohnmobil einräumen und meine Wandersachen packen. Wie schon erwähnt: Stress pur! (Am liebsten wäre ich schon freitags gefahren und hätte mir das Special erst gar nicht angetan.)

Wie zu erwarten lagen wir nicht ganz im Zeitplan, und kamen erst später los. Nachdem wir uns noch bei unseren Eltern persönlich verabschiedet hatten, sind wir gegen 17.30 Uhr Richtung Straßburg unterwegs.

Natürlich merkten wir erst abends, auf der Raststätte „Haut - Koenigsbourg“ was wir alles im Eifer des Gefechts, vergessen hatten. Vom Kochlöffel, über den Bratenwender und Schöpflöffel, bis hin zu einem Schneidebrettchen und einem scharfen Messer, um nur einiges zu nennen.

Die fehlenden Gegenstände wurden am nächsten Tag in einem französischen Supermarkt gekauft, und nach ca.550 Kilometern kamen wir zu einem Campingplatz, den wir vor Jahren mit unseren Kindern schon besucht hatten. Dort sah es noch genauso wie damals aus, sogar das überdachte Schwimmbad existierte noch, und wir ergatterten mehr oder weniger den letzten freien Platz. Glück gehabt! Jetzt wartete ich nur noch, dass Natascha mir die vergessenen Adresslisten, und Kartensperrnummern schickt, welche ich in der Hektik ebenfalls vergessen hatte. Das analoge Notebook liegt gespickt mit wichtigen Daten ordentlich auf dem Schreibtisch zu Hause. Super!

Nach einer relativ ruhigen Nacht ging es gleich nach dem Frühstück weiter. Zahlreiche Kreisel, superenge Ortsdurchfahrten, Ampeln, Gefällstrecken und Steigungen ließen uns schweren Herzens doch auf die gebührenpflichtige Autobahn ausweichen. Auch wenn das unserem Navi überhaupt nicht gefiel, hat sich Peter dessen Anweisungen vehement widersetzt, und abermals 550 Kilometer später waren wir auf dem Campingplatz bei S.-J.-Pied-de-Port., „Europ Camping“ in Ascarat.

Auch dieser Campingplatz war uns, von unseren vielen Wohnmobilurlauben mit unseren Kindern, bekannt. Hätten wir damals registriert, dass der Jakobsweg hier beginnt, und ich ihn Jahre später laufen werde, hätten wir vielleicht nicht in unser Tagebuch geschrieben, dass wir uns hier im „Nichts“ befinden. Doch wenn man mit pilgern nichts am Hut hat, dann ist das tatsächlich so. Denn drum herum ist absolut nichts, und man muss erst mal ein paar Kilometer in den nächsten Ort gehen.

Das haben Peter und ich abends noch gemacht, um schon mal das Pilgerbüro zu eruieren und meinen morgigen Ausgangspunkt zu erkunden. Natürlich hatte ich meinen Pilgerführer nicht dabei, der mir die Richtung zu besagtem Büro gezeigt hätte, so konnte ich noch nicht mal selbstständig dorthin finden. Den Ausgangspunkt nach Santiago konnte ich auch noch nicht entdecken. Das fing ja gut an. Dementsprechend war meine letzte Nacht.

Mittwoch 13.7. Saint-Jean-Pied-de-Port bis Orisson (7,7 km)

9.15 Uhr: Ich bin soweit! Das letzte Mal in der vertrauten Umgebung vom Campingplatz geduscht und meine Haare geföhnt. Diesen Luxus werde ich definitiv in den nächsten Wochen vergessen können. Für einen Föhn ist in meinem Rucksack kein Platz, - auch wenn ich lange damit geliebäugelt habe. Doch selbst, wenn ich irgendwie anders gepackt hätte, oder etwas zu Hause gelassen hätte, einen Haarföhn hätte ich nicht mehr untergekriegt. Mein nagelneuer "Vaude"-50-Liter Rucksack ist bis auf das letzte kleine Fach ausgefüllt und zugestopft. Dabei habe ich wirklich nur das Nötigste mitgenommen, immer mit Blick auf die Packliste von Sybille Yates, welche ich ja schon wochenlang studiert hatte. Eine geübte Mehrfach-Pilgerin muss ja schließlich wissen was man wirklich braucht, und an deren Anweisung hab ich mich halt versucht zu halten.

Meine neuen Wanderschuhe habe ich an, und Treckingsandalen für die Herbergen dabei - zur Not werde ich auch mal mit diesen laufen können. Hoffentlich komme ich mit den Wanderschuhen zurecht. Die ganze Zeit haben sie mich während der Einlaufphase, nach einer Weile am Knöchel gedrückt. Aber mit einer anderen Bindetechnik sollte es eigentlich gehen. Viel lieber hätte ich meine alten Wanderschuhe benutzt, doch nachdem sie neu besohlt wurden, waren sie nicht mehr für längere Asphaltstrecken geeignet. Zur Sicherheit sind sie aber im Wohnmobil, welches eh viel zu viel noch unbenutzte Staufächer hat.

Meine alte Wolfskin Jacke ist noch gut genug, auch wenn man mich von allen Seiten vom Gegenteil überzeugen wollte. Einen Pilgerstab aus dem Odenwald, schon seit längerer Zeit gefunden und für gut befunden, wird mir hoffentlich auch gute Dienste erweisen. Mein neuer Hut, von mir mit einem Gummi versehen, ist noch in meiner Jackentasche verstaut, denn heute Morgen ist der Himmel bewölkt. Einen Sonnenstich werde ich also mit Sicherheit nicht bekommen.

Im Pilgerbüro

10.30 Uhr: Gerade habe ich meinen ersten Stempel bekommen. Den Pilgerausweis mit dem Stempel der Deutschen Jakobus-Gesellschaft habe ich zwar schon seit Mai, aber nun bin ich offiziell auf dem Weg mit dem Stempel aus dem Pilgerbüro in S.-J.-Piedde-Port.

Da wir gestern noch gemütlich in diesem Pyrenäenstädtchen bummeln und anschließend Essen waren, mussten wir das Pilgerbüro nicht lange suchen.

Die nette Dame erklärte mir sogar auf Deutsch, wie ich zur ersten Herberge komme. Sie hätte mir auch noch mehr Informationen zu den typischen Etappen gegeben, aber da vertraue ich doch lieber meinem "Outdoor" Führer, in dem ich ja schon fleißig gelesen habe. Ich denke dieser genügt vollkommen, mehr unnötiges Papier muss ich nicht mitnehmen.

Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass sie für mich in der ersten Herberge anruft, und mir einen Platz, bzw. ein Bett reserviert. So bin ich auf der sicheren Seite und stehe nicht vor einer vielleicht überfüllten Herberge und muss dann noch 18 km weitergehen. Eine Jakobsmuschel wird mir auch angeboten, aber ich habe auch meine Muschel von zu Hause mitgebracht. Sie ist zwar etwas kleiner, aber laut der freundlichen Dame, geht das selbstverständlich auch. Peter macht nun noch ein paar letzte Fotos, bevor ich meinen ersten gelben Pfeil suche. Doch hier in Frankreich muss ich laut Auskunft, der rot/weißen Markierung folgen, und es wäre schier unmöglich, dass man sich verlaufen würde. Peter sieht dabei aber noch etwas ungläubig aus.

Saint-Jean-Pied-de-Port, jetzt geht es los

12.45 Uhr: Zu Beginn meines Weges bin ich tatsächlich trotz der guten Wegmarkierung etwas unsicher. Auf den Schildern steht irgendwie nie der richtige Ortsname, und manchmal gibt es Abzweigungen, wo es aussieht, als gälte die Markierung für beide Wege.

Doch inzwischen bin ich ganz sicher auf dem richtigen Weg, denn kurz nach Saint Jean habe ich schon zwei Frauen überholt, die sich unter einen Baum geflüchtet hatten.

Ja, es regnet immer mal wieder, aber bis jetzt hatte ich stets Glück, und einen Baum gefunden, wo ich mich unterstellen konnte. Die Sonne die ab und zu durch die Wolken blinzelt, entschädigt mich für die kurzen Regengüsse und jetzt scheint es sich doch aufzuklaren.

Vor einer halben Stunde bin ich durch Huntto gekommen. Der Weg ist steil, und bergauf ist es wahnsinnig anstrengend mit meinem schweren Rucksack. Es ist kein Vergleich zu allen anderen Wanderungen, die ich mit Gepäck zu Hause gemacht habe. Wenn ich bedenke, dass es vielleicht noch steiler wird - jetzt, oder später auf dem Weg - wird mir himmelangst.

Gerade habe ich eine Pinkelpause gemacht und den Rucksack dabei abgesetzt. Das tut echt gut!

Während ich schreibe, überholt mich ein Mann mit nassen Haaren (vom Schweiß oder vom Regen?), der schnauft auch nicht schlecht. Trotz allem ist es sehr schön hier oben. Die Landschaft erinnert mich ein bisschen an die Dolomiten - ohne die hohen Berge natürlich.

Kurz vor dem Ort habe ich übrigens den ersten "gefährlichen" Hund getroffen. Er kam direkt auf mich zu ge -!- trottet, hat kurz geschnuppert, ist drei Schritte mit mir gelaufen und dann wieder heim getrottet. Wenn alle Hunde auf dem Weg so "bissig" sind, werde ich wahrscheinlich eine nicht unerhebliche Anzahl von Hunden im Schlepptau haben, und mit nach Santiago nehmen.

Auf dem letzten Hinweisschild stand, es sei noch eine halbe Stunde nach Orisson. Na, mal sehen, ob das stimmt.

15.45 Uhr: Ich bin da! Auf Umwegen zwar, aber in meiner ersten Herberge. Ich konnte mich sogar einigermaßen auf Englisch verständigen. So habe ich mein Bett gekriegt, welches jetzt schon mit Schlafsack versehen ist, und ich bin schon geduscht. Meine Wäsche ist auch schon gewaschen und auf der Leine bzw. auf dem Wäscheständer. Keine Ahnung, ob die Klamotten bis morgen trocken sind. Draußen hinter der Herberge, ist neben dem

Wäschetrockenplatz eine Sitzgruppe, bestehend aus einer Holzbank und ebenso einem Tisch. Dort bin ich jetzt am Schreiben und freue mich, wenn ich ein paar wärmende Sonnenstrahlen abkriege.

Das mit der halben Stunde war etwas übertrieben, aber ich habe sowieso etwas länger gebraucht. Nach Auskunft des Pilgerbüros, sollte in Orisson das 3. Gebäude im Ort meine Herberge sein. Bloß nicht das erste! Da sollte ich dran vorbeigehen. So ließ ich das erste Haus also rechts liegen. Zwar gingen da einige Leutchen ein und aus, ein paar Pilger standen auch vor der Tür, aber ich dachte halt, das wäre die erste Herberge. Die Falsche. Somit bin weitergelaufen.

Die Straße schlängelte sich immer weiter den Berg hoch, und nach jeder Kurve erwartete ich mein "2. Gebäude". Vor dem rechts liegen gelassenen Haus hatte ich schon einen Wegweiser mit 750 m gesehen.

Wie weit kann denn knapp ein Kilometer sein?

Als ich schon ziemlich weit gelaufen war, eine Schafherde versperrte mir gerade etwas den Weg, habe ich dann doch jemand gefragt. Eine Art "Almöhi" mit Schlapphut und Rucksack, wanderte gerade an mir vorbei. Er gab mir auch gern Auskunft, und so wie ich ihn verstanden hatte, war ich schon halb über die Pyrenäen drüber.

Super!

Bin ich halt wieder zurückgelaufen. Vorsichtshalber habe ich mich nochmal bei jemandem erkundigt, der in einem parkenden Auto saß. Der nette Holländer hat gleich mal seine große Karte ausgepackt und auf der Motorhaube ausgebreitet. Aber letztendlich war es eh klar, dass ich zurückmuss.

Schließlich kam auch noch ein Pilger vorbei, den ich überholt hatte. Der war sich schon am Wundern, warum ich so schnurstracks an der Herberge vorbeigelaufen bin. Na gut! Jeder blamiert sich, so gut er kann. Hoffentlich geht das nicht so weiter.

Aber dann war alles gar nicht so schlimm und peinlich, wie ich es mir ausgemalt hatte. An der Rezeption waren sie super-freundlich, und ich bin echt froh, dass mir von der Dame im Pilgerbüro schon ein Bett reserviert wurde. Ich musste nur meinen Namen sagen, der in ein Buch eingetragen wurde, meine Halbpension von 35,00 Euro bezahlen und dann wurde mir schon alles gezeigt.

Die Duschen sind einfach, aber Campingplatzgewöhnte kommen natürlich auch mit einer Duschmarke zurecht, die einem an der Rezeption ausgehändigt wurde. Die Betten sind wie in einer Jugendherberge, Stockbetten mit Rohrgestell, aber sauber. Ich bekam ein Bett oben, gleich vorne an der Tür, - habe es also auch nicht allzu weit zu den Toiletten. Welche sind gleich neben unserem Zimmer und die anderen im Flur um die Ecke.

So langsam wird es kühl. Ich werde jetzt mal meine Fleece Jacke und den Foto von drinnen holen, und ein paar Bilder machen.

16.30 Uhr: Habe gerade Peter geschrieben, dass ich angekommen bin. Hat er mir doch tatsächlich geantwortet: "Das ging aber schnell." Obwohl ich den Umweg gemacht habe, scheine ich also gut in der Zeit zu liegen.

Nachdem ich einige Fotos geknipst habe, im und ums Haus, bin ich in den Schankraum und habe mir einen Tee für 2 € bestellt. Eigentlich reden hier alle nur französisch. Mit meinem Tee habe ich mich dann zu einer Mutter mit zwei Teenie-Kindern gesetzt - natürlich erst nachdem ich gefragt habe, ob auch frei ist. Tja, das waren auch nur Franzosen. Nachdem ich meinen einzigen französischen Satz, - je ne parle pas francais - (ich spreche kein Französisch), angebracht habe, erntete ich nur ungläubig fragende Gesichter. Mein Französisch wäre doch perfekt. Nur mit Mühe, und mit Händen und Füßen, konnte ich begreiflich machen, dass mir die Aussprache von diesem einen Satz, von meinen Kindern beigebracht wurde, die Französisch in der Schule gelernt hatten.

Die zwei jugendlichen Franzosen, ich schätze sie auf 14/15 Jahre, lernen zur Zeit Englisch in der Schule, so konnten wir uns doch einigermaßen verständigen. Ich erfuhr, dass sie heute Morgen um 8.00 Uhr gestartet und gegen 11.00 Uhr hier angekommen sind. Anscheinend gammeln die jetzt bis zum Abendessen hier rum, und schlagen die Zeit tot.

20.15.Uhr: Ich bin gerade erschöpft ins Bett gefallen, und schreibe vorm Schlafengehen noch ein paar Zeilen. Um 18.00 Uhr haben sich alle Pilger pünktlich zum Abendessen am großen Holztisch versammelt. Mein erstes Pilgermenü bestand aus einer leckeren Gemüsesuppe, irgendwelchen Hähnchenteilen, Kartoffeln und Erbsen. Zum Nachtisch gab es Tarte, und ich habe alles mit großem Appetit vertilgt. Jetzt bin ich proppe satt, und weiß schon das ein oder andere über einige Pilger. Beim Essen ist es hier in der Herberge Tradition, sich vorzustellen und ein bisschen über sich zu erzählen.

Bei mir im Zimmer ist also eine Ukrainerin, die schon 2 Jahre in Spanien lebt. Sie heißt eigentlich Jannies, oder so ähnlich, aber weil das in Spanien wohl keiner aussprechen kann nennt sie sich Evi. Na, den Namen konnte ich mir auf Anhieb merken, heißt doch so auch meine Mutter.

Zwei Deutsche, Mutter und Tochter, sind auch da.

Außerdem jede Menge Franzosen, ein paar Spanier und auch einige Japaner. Als die Reihe an mir war, habe ich versucht mich in Englisch vorzustellen, aber irgendwie konnte ich nur meinen Namen sagen und dass ich das erste Mal den Camino gehe.

Woher ich komme, habe ich vor Aufregung vergessen zu erwähnen.

So nach und nach begibt sich jeder in sein Bett. Da ich im oberen Stockwerk liege, überlege ich gerade, meine gewaschenen Sachen noch reinzuholen, denn ich könnte sie, glaube ich, gut an den Bettrahmen hängen. Draußen in der Kälte wird das Zeug ja nie trocken.

Mal sehen wie die erste Nacht wird.

SCHLUSSWORT DES TAGES: TRAU DICH ZU FRAGEN!

Die kleine Pilgerstatue vor der Herberge stimmt mich irgendwie zuversichtlich

Donnerstag 14.7. Orisson bis Roncesvalles (18,9km)

7.45 Uhr: Natürlich musste ich heute Nacht aufs Klo. Doch als ich die Tür zu den, an den Schlafsaal angrenzenden, Sanitätsräumen öffnen wollte, bereute ich, dass ich sie mir nicht vorher angeschaut hatte. Das Schloss war doch irgendwie sehr tricky, und im Dunkeln hatte ich echt kein Plan wie ich die verflixte Tür aufbringe. Wer kommt auch auf die Idee tagsüber eine Tür zu besichtigen. Vor allem war die ja den ganzen Tag offen gewesen und wurde erst zur Schlafenszeit geschlossen. Da ich nicht den ganzen Schlafsaal aufwecken wollte, bin ich halt auf die Toilette übern Flur, - da war nämlich noch Licht.

Mit nur einem Schnarcher im Zimmer ist die Nacht einigermaßen ruhig verlaufen, und ich bin halt aufgestanden, als die anderen aus den Betten gestiegen sind. Im Waschraum habe ich zwar probiert zu duschen, aber auch für kaltes Wasser braucht man eine Duschmarke. So werde ich mich wohl oder übel dran gewöhnen müssen, mich nur zu waschen, wer weiß wie es in den anderen Herbergen ausschaut.

Als ich mich einigermaßen frisch zu machen versuche, kommt eine Pilgerin in den Waschraum, die ihre Duschmarke für heute Morgen aufgespart hat. Ein bisschen ängstlich inspiziert sie die Dusche und weiß nicht so recht, was sie mit der Marke anstellen soll. Ich zeige ihr, wie es funktioniert, und beruhige sie in meinem bescheidenen Englisch, dass auch noch genug Wasser nach dem Einseifen zur Verfügung steht, wenn man nicht gerade vorhat, eine ausgiebige 10-Minuten Dusche zu nehmen.

Es gibt doch tatsächlich noch ahnungslosere Leute als mich, was doch irgendwie ermutigend ist und meine Laune, trotz fehlender kalter Dusche, erheblich aufbessert. Wahrscheinlich hat es deswegen mit dem Frühstück heute Morgen auch ganz gut geklappt. Ich musste mich nur erst mal orientieren, wo ich was kriege.

Marmelade, Butter und Toast waren in Buffetform aufgebaut und den Kaffee gab es an der Theke. Verstohlen schielte ich über meine Schulter, wo die anderen ihre Getränke herkriegen, und mit einem Verschnitt aus Spanisch und Gebärdensprache, fragte ich nach Milch für meinen Kaffee. Ich weiß nicht ob ich nur so hilflos aussah, oder die Herbergsleute generell freundlich zu uns Pilgern sind, auf alle Fälle bekam ich meine Milch und sogar noch Zucker dazu.

Während ich mir den Bauch mit Marmeladentoast füllte, unterhielten sich einige Franzosen und Spanier. Einer meinte wohl ich hätte wohl ganz schön Hunger, aber da ich nicht ganz sicher war, was er genau sagte, lächelte ich einfach nur und nickte mit dem Kopf. Ich kann nur hoffen, dass das besser wird mit der allgemeinen Verständigung.

Die einzigen, mit denen ich geredet habe, waren heute Morgen die zwei Deutschen. Die hatten mich auf dem Flur angesprochen, ob ich denn auch eine Deutsche wäre. Sie hätten bei meinem Namen schon gestern vermutet, dass ich aus Österreich oder Deutschland kommen müsste. Tja, richtig geraten! Sie haben auch gleich angefangen über den anstrengenden Weg zu stöhnen, und wie steil und beschwerlich es bis hier rauf gewesen wäre. Und das, wo sie doch regelmäßig Laufen und Bergwandern. Nun, da habe ich mich als „Nichtwanderer“ wohl ganz gut geschlagen und denke mir meinen Teil über die schlappen „Profis“.

Die meisten Pilger sind schon losgegangen. Ich werde nochmal die Toilette aufsuchen und dann auch gehen. Meinen Rucksack habe ich bereits gepackt, und alles was drin war, auch tatsächlich wieder reingekriegt.

11.50 Uhr: Frischen Mutes machte ich mich mit Sack und Pack auf den Weg, und merkte nach ca. 100 Metern, dass etwas fehlte. Mein Stock!

Mein Wanderstab, den ich extra zu Hause im Odenwald gesucht und gefunden hatte, und der mir beim Aufstieg nach Orisson schon gute Dienste geleistet hatte. Wo hatte ich den bloß hingestellt? Auf meinem Weg zurück zur Herberge dachte ich angestrengt nach, und kam zu dem Schluss, dass er noch an der Eingangstüre stehen müsste. So war es dann auch. Ich kam zur Tür herein, grüßte kurz die erstaunten Gesichter, fand meinen Stock, schnappte ihn und verließ die peinliche Stätte mit einem entschuldigenden Lächeln.

Als ich dann endlich los bin, (den Weg kannte ich ja noch von gestern), habe ich nach ein paar Minuten einen japanisch aussehenden Pilger eingeholt. Nachdem ich mit spanischem „Hola“ gegrüßt und dann in englisch gefragt habe, woher er kommt, stelle ich fest, dass er noch weniger englisch kann wie ich. Spanisch war für ihn auch nur eine Fremdsprache, und französisch hätte mich zwar auch nicht weitergebracht, aber das konnte er ebenfalls nicht. Trotzdem haben wir uns irgendwie verständigt, und ich habe ungefähr 2 Kilometer gebraucht, bis ich endlich seinen Namen richtig aussprechen und mir auch noch merken konnte. „SanDoPa“ (klingt im Nachhinein gar nicht mehr so schwierig), könnte mit seinen 25 Jahren glatt mein Sohn sein, und so ungezwungen gingen wir auch miteinander um. Wie sich herausstellte kommt er extra aus Korea, um diesen berühmten Jakobsweg zu gehen. Ohne irgendwelche Sprachkenntnisse, - Hut ab! Aber so recht trainiert ist er wohl auch nicht, denn als sich uns noch ein französischer Pilger anschloss, wurde er zusehends langsamer und bat uns doch weiter zu gehen, er bräuchte eine Pause.

Später, es hatte schon seit geraumer Zeit leicht zu nieseln angefangen, hat mir ein Hintermann die sich lösende Abdeckhülle von meinem Rucksack gerichtet. Bei diesem Wetter sollte mein Gepäck schon richtig geschützt sein, und so fand ich das sehr nett von ihm, und hab mich auch artig mit „merci“ bedankt. Eine Weile gingen wir nebeneinander her und es wurde immer ungemütlicher. Es war kalt, regnerisch und neblig. An irgendeine Aussicht war gar nicht zu denken. Gut, dass ich gestern schon mal hier oben war und mich an dem Rundblick, wenn auch unfreiwillig, erfreuen konnte.

Bei so einem Sauwetter gehen auch nur Pilger!

Irgendwann klingelte das Handy meines Begleiters und er meldete sich und unterhielt sich überraschend in Deutsch.

„Oh, noch ein Deutscher!“ bemerkte ich als er das Gespräch beendet hatte. Ja, er sei aus Berlin und habe erst vor zwei Wochen den Rennsteigmarathon hinter sich gebracht, erzählte er mir ganz unverblümt. Naja, eigentlich hat der Angeber ganz schön damit geprahlt, aber was soll es, wenn er's braucht? Wenigstens war ich in Gesellschaft und musste nicht allein die Abzweigung suchen, die auf meiner Karte eingezeichnet war, und die ich, auch laut meinem Führer, bloß nicht verpassen durfte. Das Foto davon, auf meinem Plan, war natürlich bei schönstem Wetter aufgenommen worden, und bei dem Nebel musste man schon genau hinsehen um die Zeichen zu erkennen. Doch wir waren ja zu zweit und nachdem jeder in seinem Buch nachgeschaut hatte, waren wir uns einig, die richtige Abbiegung genommen zu haben.

Das bestätigte sich auch später, als wir mitten im Wald am berühmten Rolandsbrunnen auf andere Pilger trafen. Diese, mir irgendwie unbegreiflich, füllten ihre Wasserflaschen an der bekannten Quelle auf, als gäbe es nicht schon genug Wasser von oben. Keiner war von diesem trüben Wetter begeistert, und so schoss jeder nur schnell ein obligatorisches Foto und machte sich gleich weiter, nur um ein paar Meter weiter das nächste Foto zu schießen. Inzwischen waren wir nämlich an die Französisch-Spanische Grenze gekommen. Hier zeigte uns ein großer Stein an, dass wir gleich das spanische Navarra betreten würden.

Wir redeten uns ein, dass das Klima alsbald besser werden müsse, aber dem war leider nicht so. Es tröpfelte weiterhin von den Blättern und dazu pfiff auch noch ein kalter Wind, als wir auf dem Wald herauskamen. Am liebsten wäre ich in der Hütte von Izandorre, einem kleinen Unterstand auf dem Berg, geblieben. Die Tür war nicht verschlossen, und man konnte hineinschauen. Die kleine Kate war für den Notfall hergerichtet und im Kamin war das Holz schon für ein wärmendes Feuer aufgestapelt. Gemütlich und windgeschützt war es auf alle Fälle, und man hätte locker ein paar Tage dort oben ausharren können, denn auch ein paar verstaubte Konservendosen konnte ich im Regal erkennen.

Doch weiter ging es, hoch auf den zugigen Pass, die höchste Stelle, die es auf den Pyrenäen zu bewältigen galt, mit eiskaltem Wind und ohne Aussicht auf Aussicht. Das einzig Interessante dort oben war eine Wetterstation, deren Funktion ich leider nicht ganz begriff. Erstens war es zu eisig um sie genauer zu beäugen, und zweitens in Spanisch oder Französisch beschrieben, - keine Ahnung was draufstand. Es wäre wahrscheinlich auch nur für meinen Sohn, den Hobby-Meteorologen interessant gewesen.

Nach 50m zweigte der Weg ab und gabelte sich. Nach eingehenden Studien in meinem Führer entschloss ich mich rechts zu gehen und nicht der Wegmarkierung zu folgen. Denn in einem Hinweis stand, man solle nicht aus falschem Ehrgeiz gleich seine Füße versauen (das stand da wirklich so) und lieber die etwas längere, aber weniger steile Variante gehen. Manch müder Pilger wäre hier schon gestürzt, oder hätte sich böse Blasen eingefangen. Eine Französin, die nicht ganz so sicher zu Fuß war, wollte eigentlich die leichtere Strecke laufen. Allerdings war sie ziemlich unentschieden, folgte aber dann den anderen Pilgern den steilen Waldweg hinunter. So zog ich allein los, mit festem Vertrauen auf meinen Outdoor Führer und der Überzeugung das Richtige zu tun.

Tatsächlich wurde mein Entschluss, die Alternativroute zu nehmen mit einem wirklich schönen Bergweg über die Weide belohnt. Von weitem hörte ich schon Kuhglocken, und dachte ich muss mich jetzt mitten durch eine Herde kämpfen.

Doch als ich näherkam, schaute ich verdutzt in zwei große braune Augen, die von einem struppigen Pony eingerahmt wurden. Die weiße Blesse tat ein Übriges mich davon zu überzeugen, dass ich es hier nicht mit Kühen, sondern mit Pferden zu tun hatte. Doch auch diese waren mit Kuhglocken behangen und liefen frei über die Alm. Verblüfft machte ich kurzerhand ein paar Fotos, und mich dann weiter auf den Weg. Da ich ganz allein auf weiter Flur war, konnte ich sogar mal schnell in die Büsche verschwinden.

Inzwischen scheint sogar ab und zu die Sonne, wenn die dichte Wolkendecke es zulässt.

12.50 Uhr: So! Jetzt bin ich den empfohlenen Umweg eigentlich ganz alleine gelaufen. Unterwegs saßen nur ein paar Pilger im Gras und haben wohl Pause gemacht. Die mache ich jetzt auch, und zwar hier an der Kapelle vom Ibañetapass. Leider ist sie zu, aber durch das große Kreuz und die Glocke neben der Kirche sieht die Kapelle von außen sowieso viel interessanter aus. Als ich so vor verschlossener Tür stehe, bietet sich ein gerade daher gefahrener Spanier an, mit meinem Foto ein Bild von mir zu machen. Da ich wahrscheinlich eher selten auf meinen Bildern zu sehen sein werde, gebe ich ihm dankbar den Foto und lasse mich vor der Kirche knipsen. Jetzt habe ich ein paar Vorräte aus meinem Rucksack vernichtet und trinke die erste Flasche leer. Es ist sonnig, aber immer noch viel zu kalt, und ich habe ganz klamme Finger und kann kaum schreiben.

16.00 Uhr: Von der Kapelle aus ging es durch die Wiese und dann über einen herrlichen Waldweg. Vom Bergweg aus habe ich schon ein paar schöne Blicke auf die Abtei von Roncesvalles werfen können. Aber irgendwann, nachdem ich auch noch eine kleine Furt überquert hatte, kam ich aus dem Wald heraus an eine Weggabelung. Dort sah ich dann urplötzlich die Dächer und Türme des Klosters, und mein Schritt wurde sofort viel leichter. Mit dem Bewusstsein, die Etappe gleich geschafft zu haben, lief ich der großen Herberge entgegen.

Dort eingetroffen, konnte ich den großen Haupteingang erst mal nicht ausmachen, denn ich kam als einzige hinter dem Gebäude an. Hinter einer unscheinbaren Tür (sie war tatsächlich offen gewesen) befand sich ein steinernes Treppenhaus und ich stieg die ausgetretenen Stufen hinauf und befand mich urplötzlich in einer Traube von Pilgern. Teils warteten sie in dem großen Vorraum, der links und rechts von 2 Glastüren abgegrenzt wurde, teils standen sie schon in der Schlange hinter der einen Glastür, wo ich eine Art Rezeption erkennen konnte. Andere zogen hinter der 2. Glastür bereits ihre Wanderschuhe aus und verstauten sie in einem nicht sichtbaren Raum.

Irgendwie ergatterte ich auch eines der Formulare und füllte es, so gut es ging und soweit ich es verstand, aus. Von einer ziemlich genervten Person hinter dem Tresen wurde das Blatt abgestempelt und, ich weiß nicht wie, befand ich mich im Flur beim Schuhe ausziehen. Meine Treckingsandalen hatte ich an, die Wanderschuhe zu den anderen ins Regal gestellt, aber keinen Schimmer was ich jetzt machen sollte.

Ein freundlicher Hospitalero hat sich dann meiner angenommen und ist nochmal mit mir durch die Pilgermeute zu meiner Abstemplerin. Dort bekam ich, nachdem ich 25 € entrichtet hatte, meine Bettnummer, einen Essens Bon und eine freundliche Wegerklärung durch die Gewölbe des Klosters. Es gibt hier sogar einen Fahrstuhl, den ich natürlich verächtlich links liegen ließ.

Hier oben im 1. Stock ist der Schlafsaal mit Hilfe von Trennwänden in lauter kleine Abteilungen mit je 2 Stockbetten gegenüber eingeteilt. Zu meiner Überraschung ist in meinem Separee die französische Familie von gestern untergebracht, und wir haben uns erfreut begrüßt. Neben jedem Bett befindet sich sogar ein abschließbarer Spind, der zwar von uns benutzt, aber von keinem abgeschlossen wird. Meinen Rucksack habe ich sowieso aufs Bett verfrachtet, denn ich liege wieder oben. Die Sanitätsräume befinden sich auf derselben Ebene, am Schlafsaalende. Rechts für Männer und links für uns Damen. Ich habe meine Koje zwar schön nahe an den Toiletten, es ist aber der Herrenbereich, zu den Damen muss ich den Flur runter laufen. Hoffentlich werde ich da heute Nacht dran denken!

Jetzt bin ich sauber geduscht, ohne Duschmarke, und meine Wäsche ist auch schon gewaschen. Unten im Keller ist eine riesige Waschküche, mit vielen Waschbecken, Waschmaschinen und Wäscheschleudern. Diese werden von den hiesigen Hospitaleras betreut, und auch meine Wäsche wurde nach meiner Handwäsche so „zentrifugiert“, dass ich Hoffnung habe, dass ich morgen mein getrocknetes Outfit wieder anziehen kann. Die Wäscheleine ist ja auch im Raum und in der Nähe einer Heizung. Also muss ich vielleicht nicht wie heute Früh, meinen Rucksack behängen und morgen lauter nasse Wäsche auf die Wanderung mitnehmen.

Im Moment tun mir tatsächlich die Schienbeine höllisch weh. Kein Wunder! Die letzten Kilometer ging es ja nur bergab. Während des Laufens haben auch meine Füße etwas geschmerztaber ich habe keine Blasen. Toi, Toi,Toi, ich klopfe auf Holz (gibt es hier ja genügend), dass das auch so bleibt. Auch das übliche Drücken am Knöchel hält sich eigentlich in Grenzen, vielleicht sind die Schuhe jetzt richtig eingelaufen, mal sehen.

Vorhin habe ich mich mit Peter getroffen. Er wollte ja unbedingt sehen ob ich gut über die Pyrenäen komme. Ich hoffe, dass ich ihm nun bewiesen habe, dass ich mich nicht verlaufe. (Das von gestern braucht er ja nicht zu wissen). Wir sind dann noch über den Klosterhof und haben uns das ganze Gebäude von außen angesehen. Rein durfte er als Nichtpilger nämlich auf keinen Fall. Aber nachdem wir uns über alles Mögliche unterhalten haben, er war über die zahlreichen Wegweiser für Pilger und Autofahrer positiv überrascht, ist er wieder zum Wohnmobil zurück. Dieses hat sich wohl im Nachhinein als ein paar Nummern zu groß herausgestellt, da er doch ab und an Schwierigkeiten hat, auf engeren Straßen zu kutschieren.

Ich werde noch mal ein Auge in meinen Führer werfen, er hat mich heute ja richtig geleitet, und ich hoffe ich finde auch weiterhin meinen Weg.

Die Abtei Roncesvalles

18.15 Uhr: Nachdem ich ein bisschen auf meinem Bett eingedöst bin, man kann hier echt super die Beine auf die Halterung legen, habe ich mich auf Foto-Tour durch die Herberge begeben. Ich wollte unbedingt noch ein, zwei Fotos von der Waschküche schießen. Dort waren noch einige Pilger an den Waschbecken zu Gange und ich durfte sie beim Wäschewaschen fotografieren.

Die Hospitalera, welche die Schleudern bediente erzählte mir dann noch bereitwillig einiges über die Herberge. Das ganze Kloster scheint fest in holländischer Hand zu sein. Regelmäßig nach zwei Wochen wird das ganze Personal ausgewechselt und es kommen neue Leute aus den Niederlanden nach Spanien, um hier ehrenamtlich zu helfen.

Nachdem ich von dem schönen Ambiente hier geschwärmt habe, fragte sie mich wo ich denn untergebracht bin. Ich sagte: „Im ersten Stock.“ worauf sie mich aufforderte, mit dem Lift doch mal in die dritte Etage zu fahren, ich würde überrascht sein.

Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, bedankte mich für die Info und stiefelte mit meinem Fotoapparat nach oben. Natürlich ohne den Fahrstuhl zu nehmen. Am ersten Stock, den ich ja schon kannte, kam ich vorbei. Der zweite Stock sieht genauso aus, auch dort waren schon Pilger untergebracht und so ging ich noch höher zum Dritten.

Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Schlafsaal, und befand mich direkt unter dem Dach mit lauter Einzelbetten. Hier gibt es keine Stockbetten und niemand schläft über oder unter dir. Jedes Bett steht, so wie unten, in einem kleinen Zweierbereich, unterteilt mit dünnen Holzwänden, einem eigenen Nachttisch, - und allesamt waren noch leer.

Ich weiß nicht, welche Elite-Pilger an diesem Ort übernachten dürfen. Anscheinend sind aber derartige Auserwählten noch nicht eingetroffen. Nachdem ich alles mit meiner Kamera festgehalten habe, bin ich schwer beeindruckt wieder runter zu uns „Normalos“.

Nun fand ich es angebracht noch einen Blick in die Kirche zu werfen und stand wenig später vor dem großen Portal. Zaghaft öffnete ich die Tür, unsicher ob vielleicht bis zum Gottesdienst abgesperrt sein würde. Aber ich konnte eintreten und befand mich fast allein in dem schönen gotischen Gebäude. Nur eine Handvoll Pilger saßen vereinzelt in den Kirchenbänken. Im Hintergrund konnte man leise chorale Gesänge hören, die zur Entspannung genau richtig waren.

Eine ganze Weile ließ ich die wohltuende Atmosphäre auf mich einwirken, und überdachte meine ersten zwei Pilgertage. Bis jetzt war mir bei allen Unsicherheiten immer das Glück hold gewesen, und ich war sicher, dass mir mein Gottvertrauen dabei geholfen hat.

21.00 Uhr: Pünktlich um 19.00 Uhr, deutlich an meiner rosa Essensmarke zu erkennen, hatte ich mich dann am Restaurant einzufinden. Da stand ich dann auch in einer Pilgerschar, von denen ich einige schon vom Sehen kannte, im Foyer des Lokals. Das hatte zwar schon die Tür geöffnet, aber es war wohl noch nicht alles vorbereitet.

So standen wir uns noch eine ganze Weile, neben den nicht unbedingt nach Veilchen duftenden Toiletteneingängen, die Beine in den Bauch. Es waren natürlich als erstes Deutsche, die sich über die lange Wartezeit empörten. Franzosen und Spanier ließen sich nicht aus der Ruhe bringen und warteten mit mehr Gelassenheit.

Spontan bevorzugte ich deren Gesellschaft, und tat so, als hätte ich mit Germania nichts am Hut.

Da ich ziemlich vorne stand, gelangte ich mit dem ersten Schwung Hungriger an einen Tisch ganz hinten im Raum. Unter anderem saß ich mit einem Österreicher und einer Amerikanerin zusammen, mit denen ich mich ein bisschen unterhalten konnte. Das Pilgeressen selbst glich für mich eher einer Massenverköstigung, ähnlich der Speisung der 5000 in der Bibel. Nur kam das Essen aus der Küche und nicht von Jesus, der auf wundersame Weise das Brot vermehren konnte. Wahrscheinlich hätte mir in dem Falle das Brot besser geschmeckt.

So hatten wir die Auswahl zwischen Hühnchen und Fisch, und die sichtlich genervte Bedienung brachte uns das gewünschte Gericht. Vorher wurde uns noch eine Suppe aufgetragen, die etwas fad und langweilig schmeckte. Mein österreichischer Tischnachbar machte sich mit gesundem Appetit über den gekochten Fisch her, dafür hatte mein Hühnchen eine weiche Haut, und so gar nichts von einem leckeren gegrillten Backhähnchen. Doch die Pommes waren essbar, und der Nachtisch war zwar nur ein „nackiger“ Joghurt, aber wenigstens gesüßt.

Das Essen gestern in Orisson hatte mir wesentlich besser geschmeckt, aber man muss ja froh sein, überhaupt was gekriegt zu haben. Wer weiß wie es in den folgenden Herbergen sein wird, Rotwein und Wasser scheint es jedoch immer bis zum Abwinken zu geben.

Andererseits war ich dann auch so schnell mit dem Essen fertig, dass ich noch in den Gottesdienst gehen konnte, der bald darauf um acht Uhr anfing.

Die Messe wurde komplett in Spanisch gehalten und ich verstand so gut wie nichts. Den anschließenden Pilgersegen habe ich nur deswegen nicht verpasst, weil die anderen nach vorne gegangen sind, und ich einfach hinterhergelaufen bin. Aber trotzdem war es sehr ergreifend, denn wenn auch nicht den Inhalt der Ansprache, so habe ich doch den Sinn verstanden.

Jetzt werde ich mich mit Erinnerung an den Pilgersegen ins Bett begeben und hoffentlich gut schlafen.

SCHLUSSWORT DES TAGES: AUCH PFERDE HABEN GLOCKEN!

Freitag 15.7. Roncesvalles bis Zubiri (22,7 km)

Morgens nach dem Frühstück: Die Nacht ist ganz anständig verlaufen, ich konnte gut schlafen und ohne Probleme aufstehen. Meine Bettnachbarn lagen noch in ihren Kojen, und ich bin sehr vorsichtig meine Leiter runter. Im Waschraum konnte ich sogar kalt duschen, was mich immer sofort richtig wachmacht, egal wie früh es ist. Nachdem ich aus dem Duschbereich kam, ich war glücklicherweise schon komplett angezogen, bemerkte ich zu meiner Überraschung einen Mann mit einem Kulturbeutel unterm Arm. Allem Anschein nach wartete er darauf, an ein Waschbecken zu kommen. Die anderen Frauen scheinen ihn entweder nicht gesehen zu haben, oder es war ihnen egal, dass ein Kerl anwesend war. Nach dem ersten Schreck konnte ich ein Grinsen nicht unterdrücken, und hab ihm auf Englisch gesagt, dass er hier wohl falsch sei, aber er war Franzose und hat kein Wort verstanden. Nach einer Weile hat sich eine französisch sprechende Dame erbarmt und ihm nochmal gesagt, dass er sich im Damenbereich befindet, und ihm seinen richtigen Waschraum gezeigt. Das alles scheint ihm noch nicht mal besonders peinlich gewesen zu sein, denn er ist dann eher ungehalten abgezogen.

Nachdem ich dann meine sieben Sachen zusammengepackt habe, bin ich mit dem Rucksack zum Frühstücken gegangen. Das Gebäude mit dem Speisesaal, lag über den Hof, und ich bin halt den anderen gefolgt und habe dann meinen Frühstücks Bon abgegeben. Es war mal wieder Massenabfertigung, was aber wahrscheinlich daran liegt, dass hier einfach so viele Pilger sind. Wir saßen dann an recht kleinen Tischen, mit maximal 5 Leuten, in einem etwas beengten Raum. Am Vortag hatte ich mich nur für ein „kleines Frühstück“ entschieden, und das bestand jetzt aus einem Brot, Butter, Marmelade, Kaffee und Orangensaft. Beim „großen Frühstück“ meines Tischnachbarn war ein größerer Kaffee und noch Wurst und Käse mit dabei. Naja, wenn ich noch Hunger habe, befindet sich immer noch Baguette und Käse vom Campingplatz in meiner Brotdose.

Dafür sieht es nicht so aus, als könnte ich nach dem Essen nochmal meine Zähne putzen, aber das wird von mir wahrscheinlich sowieso nur überbewertet.

10.30 Uhr: Die einzige Sitzbank, die ich bis jetzt auf dem Weg entdecken konnte, ist nun meine! Eigentlich könnten auf so einer langen Wanderstrecke viel mehr Bänke am Wegrand stehen. Da bin ich wohl etwas von unseren Wanderwegen im deutschen Odenwald verwöhnt, wo alle paar Meter Sitzplätze zum Ausruhen sind. Tatsächlich bin ich heute Morgen gegen halb neun an einem schönen Rastplatz vorbeigekommen, aber da bin ich grade mal eine halbe Stunde unterwegs gewesen, und hatte deswegen kein bisschen das Bedürfnis, mich auszuruhen.

Der Camino führte ganz angenehm durch den Wald und bald darauf näherte ich mich der Ortschaft Burguete, die ich zusammen mit Evi erreichte. Die war ganz versessen darauf sich einen Stempel zu holen, denn sie war der Meinung, man müsse jeden Tag mindestens 2 Stempel ergattern, sonst wird einem die Strecke nicht anerkannt. Das konnte ich ihr zwar nicht so ganz glauben, aber in Ermangelung stichhaltiger Gegenbeweise, folgte ich ihr in eine Pension direkt an der Straße. Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet hier nach einem Stempel zu fragen. Aber sie sprach schnurstracks die erstbeste Person an, die ihr in dem kleinen Flur entgegenkam. Und tatsächlich wurden wir in eine Art Wohnzimmer geschickt, und mit Händen und Füßen konnten wir die überraschte Tante davon überzeugen, uns einen Stempel zu geben. So habe auch ich meinen ersten Stempel außerhalb einer Herberge erhalten.

Außergewöhnlich fand ich die schmalen Wasserkanäle links und rechts der Straße, die unter jeder Hofeinfahrt durchliefen und in denen das Wasser munter dahinfloss. Der sehr guten Markierung folgend (anscheinend sind hier schon einige Pilger gedankenlos, dem Mini Kanal folgend, geradeaus gelaufen), ging es im Ort scharf rechts ab. Dort hat uns dann ein uralter Mann den Weg versperrt, und ich hatte den Eindruck, Evi kannte ihn. Sie hat ihn herzlich begrüßt und umarmt, was er mit allen Pilgern die neben und vor uns waren auch machen wollte. Irgendwie hat er sich gefreut uns zu sehen, und uns immer wieder „Buen Camino“ gewünscht. Schließlich wollten einige junge Pilger ein Foto mit ihm und sie fragten, ob ich mit ihrem Handy eins machen könne. Natürlich. Ich nahm das Smartphon in die Hand, wusste allerdings nicht, wie man es bedient, und lies es im Eifer des Gefechts ausversehen fallen. Oje! So was konnte auch nur mir passieren. Gott sei Dank hat das Teil noch funktioniert, und ich knipste dann unter Anleitung, doch noch ein Bild mit dem freundlichen Alten. Ich bin dann schnell allein weiter, bevor ich noch so ein teures Smartphon von jemandem fallen lasse.

Gleich nach dem Ort befand ich mich dann live in meinem Computerspiel „URU“, welches ich zu Hause schon oft gespielt hatte. In einer virtuellen Landschaft muss man sich durch Wälder, Berge, Brücken und Felder schlagen und verschiedene Aufgaben bewältigen. Da ich ja auch hier, in der Wirklichkeit, den Weg anhand gelber Pfeile suchen musste, war ich von meinem Spiel gar nicht so weit entfernt. Über Stufen, Holzbrücken und Stege, die über flache Bäche führten, ging der Weg mitten in eine Landschaft hinein, die mich an das schottische Hochmoor erinnerte. Die seitlich als Brücke, aufgestapelten Steine und Felsen, ließen den Schluss zu, dass die flachen Furten, die es zu überqueren galt, nicht immer so wenig Wasser führen. Doch sie halfen uns Pilger, ohne nasse Füße auf die andere Seite zu gelangen.

Nach 4 km kam ich dann in Espinal an. Dort erreichte ich die moderne, doch mit Sandstein gebaute Kirche und ich beschloss eine kurze Ruhepause einzulegen. Leider konnte ich nicht ins Innere der Kirche gelangen, weil das Tor mal wieder verschlossen war. Ich habe es sogar an mehreren Eingängen probiert. Alle zu! Schade!

So schritt ich weiter, unter anderem auf einer gepflasterten Römerstraße durch den Wald, wo das Laufen, trotz etlichem auf und ab, einfach Spaß machte.

Aber jetzt bin ich froh über meine hölzerne Sitzgelegenheit, die zugegeben drum rum ziemlich vermüllt, aber trotzdem super bequem ist. Auch wenn viele Pilger an mir vorbeilaufen, und mein Rastplatz direkt an der Straße liegt, kann ich gemütlich meine Sachen in der Sonne trocknen. Das Handtuch ist ausgebreitet, meine Bluse auch schon wieder fast trocken, die Hosen hochgekrempelt, - ein herrlicher Sonnenplatz an einer verdreckten, aber eigenen Bank.

Super! Jetzt kommen zwei und wollen sich zu mir setzen. Freilich dürfen sie auch hierher. Ich war ja auch schon eine ganze Weile hier gesessen, und es wird Zeit, dass ich weiterkomme. Mal sehen wo ich bin.

13.00 Uhr: Ich war natürlich kurz vor der, in meinem Outdoor-Führer angekündigten, Bar in Viscarret. Dort angekommen saßen schon viele schwatzende und lachende Menschen an den Bartischen, die auf einem schönen Vorplatz um einen Brunnen aufgereiht waren. Da ich meine Mittagspause schon an meiner Bank verbracht hatte, holte ich mir im Café nur ein Eis und, weil die Gelegenheit da war, auch gleich noch einen Stempel. Dann ging es weiter durch einen schattigen Wald, wo es bei der Hitze richtig angenehm zu laufen war.

Doch vor einer viertel Stunde habe ich mich auf einen Pfad abseits des Hauptwegs begeben, und mich zum Pipi machen in die Büsche geschlagen. Danach bin ich einfach mitten auf dem Pfad geblieben, habe meine Klamotten komplett ausgezogen und den Bikini an. Es war alles so pitschnass, dass ich auf meiner Isomatte, mitten im Gebüsch und hohem Gras ein Sonnenbad genommen hab. Gut eingecremt natürlich! Jetzt genieße ich die Stille, nur die Vögel sind zu hören und ein paar Hummeln und Bienen. Ein Käfer ist mir gerade über den Arm gelaufen. Egal. Wenn meine Sachen in der Sonne getrocknet sind laufe ich weiter.

17.00 Uhr: Nachdem ich eine herrlich entspannende Pause gemacht habe, musste ich mich wohl oder übel wieder anziehen und weiterlaufen. Doch so ausgeruht hatte ich schnell ein schönes Areal erreicht, wo an einem Schild ein paar Kinderwagen geparkt waren. Wie ich später erfuhr war es natürlich kein Parkplatzschild für Kinderwagen, sondern der Hinweis, dass ich auf der Passhöhe von Erro angekommen war. Doch unwissend wie ich war, lief ich einfach weiter, einen steilen und ganz schön steinigen Weg hinab, bis zur Brücke von Zubiri. Wie auf einer großen Tafel neben der Brücke stand, führt sie über den Fluss Arga und ein Stadtplan mit den Herbergen, Pensionen und verschiedenen Lokalen und Läden war auch abgebildet. Gleich am Ende der Brücke war die erste Herberge aufgezeichnet, bei der ich gleich mal versuchen wollte, ein Bett zu bekommen.

Die Herberge „Rio Arga Ibaia“ sah eigentlich aus, wie ein ganz normales Wohnhaus. Als ich klingelte war ich mir gar nicht mehr sicher, am richtigen Gebäude zu sein. Auch als mir ein bärtiger junger Mann in Jeans und T-Shirt die Tür öffnete, fragte was ich wolle, dachte ich noch immer, dass ich verkehrt bin. Dennoch fragte ich tapfer nach “ una cama“, ob ein Bett für mich frei sei. „Peregrino?“ fragte er, und mit „si si“ bat er mich herein. Das Treppenhaus bestätigte meinen ersten Eindruck von einem ganz normalen Wohnhaus. Oben im Flur stand ein kleiner Tisch, wo ich meinen Stempel bekam, einen Haustürschlüssel und, nachdem ich gleich meine 15 Euro bezahlt hatte (was ich, soweit ich verstanden habe, auch am nächsten Tag hätte machen können), mir meine Unterkunft gezeigt wurde. Das 4-Bett Zimmer ist sehr sauber, und ich durfte mir sogar ein Bett aussuchen. Hab halt wieder das obere in der Nähe vom Badezimmer genommen.

Überdies präsentierte er mir die Küche mit einem großen Esstisch und einem Kühlschrank, den ich doch unbedingt benutzen sollte. - Für was denn eigentlich? Eine Waschschüssel mit Waschpulver könne ich auch nehmen und Kochen wäre auch kein Problem. Da ich schon Frühstück bezahlt hatte, erkundigte ich mich um wieviel Uhr ich zum Kaffee kommen kann. „Egal,“ war die Antwort. Ich könne kommen, wann immer ich wolle. Da war mir nicht so ganz klar, ob ich alles richtig verstanden habe. Schließlich muss das Frühstück doch vorbereitet werden, und Kaffee kochen muss man doch auch irgendwann. Naja, muss ich mich halt mal überraschen lassen, wie das morgen wird.

So ging ich erst mal Duschen und zog mir was Anderes an. Das Badezimmer ist klein, aber mit einer Toilette, Waschtisch und einer modernen Dusche ausgestattet, die oben an der Decke ein Fenster hatte. Im Zimmer war inzwischen noch eine Pilgerin untergekommen, die aber nicht vorhatte am nächsten Tag weiterzugehen.

Meine Wäsche wollte ich auch gleich waschen und hatte die Schüssel dafür schon geschnappt, aber wo war mir noch nicht klar. Bei der Küchenbesichtigung wurde ich nämlich darauf hingewiesen, dass die Spüle nur, und zwar ausschließlich nur, für das Geschirr zu benutzen ist. Der junge Mann war grade nicht da, aber ein älterer Spanier saß am Tisch. Der Papa, oder wer auch immer, hat mir dann extra im Untergeschoss die „Waschküche“ gezeigt. Eigentlich war es nur eine Gerümpel-Abstellkammer im Keller, wo ein größeres Waschbecken war, aber auch eine Waschmaschine stand an der Wand. Nachdem er noch schnell ein paar Kisten und Kabel auf die Seite geräumt hatte, ließ er mich allein. Waschmittel war vorhanden und so konnte ich die Wäsche anschließend auf dem Balkon auf den Wäscheständer hängen. Wäscheklammern waren auch zu genüge da. Heute war die ganze Zeit ein super Wetter, und die letzten Sonnenstrahlen sollten zum Trockenwerden reichen.

Meine Herberge direkt an der Brücke

Jetzt sitze ich in einer Bar und habe gerade eine leckere Tortilla gegessen. Dazu ein Cola, was will man mehr? Leider konnte ich nicht alles auf Spanisch bestellen, und musste teilweise auf Englisch ausweichen. Mit der Sprache komme ich einfach noch nicht zurecht. Ich muss unbedingt mehr lernen. Doch der Barmann hat mich einigermaßen verstanden, und als ich vorhin in einem Laden ein brotähnliches Etwas und eine Art Fanta gekauft habe, konnte ich wenigstens den Preis auf Spanisch wiederholen: 4.75 Euro.

Die drei Koreaner, die ich schon einige Male überholt habe, sitzen auch hier und haben das Pilgermenü bestellt. Gleich auf Englisch, ohne ein Brocken Spanisch, oder wenigstens „Hola“, oder „Gracias“. Das möchte ich mir und den Einheimischen auf keinen Fall antun. Ich will versuchen in Spanisch zurecht zu kommen- ich will einfach! Nachdem ich 5 Euro, einschließlich Trinkgeld, bezahlt habe, werde ich die englischsprechenden Koreaner ihrem Schicksal überlassen und gehen.

18.00 Uhr: