Ich habe Rücken - Klaus Nahlenz - E-Book

Ich habe Rücken E-Book

Klaus Nahlenz

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Beschreibung

Ein Unternehmer — geschäftlich und privat engagiert, eher unsportlich aber dafür mit einem 16-Stunden-Tag gesegnet — reißt rund 90.000 Kilometer im Jahr auf der Straße ab, eilt von Termin zu Termin. Dann, von heute auf morgen, kann er sich plötzlich nur noch unter großen Schmerzen aus dem Bett quälen. Drei Tage später ist er so gut wie querschnittgelähmt. Es folgt eine Notoperation am gleichen Tag, eine Woche später die zweite OP. Es folgen zwei Monate totale Auszeit mit Krankenhausaufenthalt und anschließender stationärer Reha. Ein Klischee, ein Schicksal, das jeden treffen kann? Von hundert auf null. Dieses Buch schildert das persönliche Erleben von Krankheit und Handlungsunfähigkeit im Krankenhausalltag und der Rehaklinik. Es ist eine Abrechnung mit dem System, aber auch eine packende Erzählung besonderer Lebensumstände aus ganz persönlicher Sicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Klaus Nahlenz

Ich habe Rücken

Copyright: © 2017: Klaus Nahlenz

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Coverbild: © animgoberlin (fotolia.com)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

20 Minuten vor acht Uhr morgens. Freitag. Ich bin im ersten Stockwerk meines Einfamilienhauses aus den Fünfzigerjahren, das ich 2005 für mich und meine Familie erworben habe. Abgesehen von den üblichen, immer wieder notwendig werdenden Renovierungen und Reparaturen, habe ich seitdem einiges investiert. Die Terrasse wurde vollständig umgestaltet. Eine fast fünf Meter hohe Sandsteinmauer begrenzt Terrasse und Rasenfläche und schirmt so die Einfahrt ab. Eine große zweiflügelige Holztüre ermöglicht es, den Garten zu nutzen. Dieser Zugang ist für Transporte über die Terrasse ideal und es hat so manchem Gast schon mal ein wenig den Heimweg verkürzt. Vor Kurzem wurde in einem anderen Teil des etwa 3000 Quadratmeter großen Grundstücks eine Sauna und ein Hot Tube fertiggestellt und eingeweiht.

Wir haben jetzt Ende Januar und noch vor sechs Wochen habe ich glücklich und zufrieden dieses kleine Wellnessparadies genutzt. Körper und Seele baumeln lassen und entspannt. Jetzt schleppe ich mich mit dem Mut der Verzweiflung die Treppe vom Schlafzimmer ins Erdgeschoss hinunter. Trotz aller Schmerzen bin ich froh, dass die Nacht zu Ende ist. Mein Hausarzt bietet noch an, zu mir hoch in den ersten Stock zu kommen. Ich bin überzeugt, dass es auch so geht, und halte mich am Geländer nach unten fest. Der Arzt wurde von meiner Frau vor der Praxis, die mitten in unserem Ort und gegenüber unseres Bürohauses, liegt abgefangen.

»Wo tut es denn weh«, fragt er, »aha im Rücken, mehr um den Lendenbereich, Bandscheibe, okay, seit gestern, sehr bedenklich.« Möglicherweise ein Bandscheibenvorfall, der in einer Klinik unverzüglich genauer untersucht werden muss. Mein Arzt telefoniert mit der Orthopädie des Krankenhauses, so etwa 20 Kilometer entfernt. Dieses hat, was solche Krankheitsbilder und deren Behandlung angeht, einen guten Ruf. Dort ist man bereit mich aufzunehmen.

Ein Krankentransport wird gleich geordert und im Anschluss gibt mein Arzt die Einweisung aus. Dann bekomme ich noch ein Schmerzmittel direkt in die Gegend gespritzt, wo es so arg wehtut. Jetzt muss ich erst mal eine halbe Stunde warten, bis die Sanitäter mich abholen. In der Zwischenzeit heißt es, das Nötige für den kurzen Krankenhausaufenthalt einzupacken. Meine Frau hilft dabei, will viele dringend notwendige Sachen wie mehrere Trainingsanzüge (habe nur einen), Handtücher, Waschlappen und so weiter einpacken. Nur mit Mühe kann ich meine Wünsche – ein Buch, iPad, Smartphone, E-Book-Reader, Rasierwasser, Rasierer (elektrisch und trocken) durchsetzen. Den Jogginganzug kann ich ja gleich anziehen.

Ich wuchte mich also Schritt für Schritt beziehungsweise Stufe für Stufe wieder in den ersten Stock. Ohne den Handlauf rechts, an dem ich mich hochziehen kann, wäre die Treppe ein unüberwindliches Hindernis für mich. Ganz in Gelb, denn das gute bequeme Teil besteht aus einer gelben weichen Hose und einem etwas dunkleren flauschigen Jackenteil mit Kapuze, bin ich dann zur Abfahrt bereit. Die beiden sportlichen Kleidungsstücke stammen noch von einer Einkaufstour, die ich mir am Rande einer vierwöchigen Harleytour im Outletcenter im original amerikanischen Stil vor Jahren mal gegönnt habe. Genauer: vor fünf Jahren, kurz vor meinem 50. Geburtstag. Ich schnappe mir noch Block und Kugelschreiber und es geht wieder abwärts ins Erdgeschoss.

Eigentlich kann ich weder schmerzfrei stehen noch sitzen. Es tut wirklich höllisch weh.

Dann kommen die freundlichen Helfer vom Roten Kreuz. Laufen geht schon gar nicht mehr gut. Außerdem liegt noch Schnee und wir müssen vom Haus aus gesehen erst wieder ein paar Stufen und dann die 50 Meter eine Einfahrt, die zur Straße hin ansteigt, überwinden. Also holen die Sanitäter erst mal, nachdem wir die ersten zehn Meter mehr schlecht als recht geschafft haben, einen Rollstuhl. In dem sitzt es sich ganz angenehm, nachdem die Schmerzspritze jetzt auch ihre Wirkung voll entfaltet hat. Über eine Art Laderampe werde ich sitzend mitsamt dem Rollstuhl in den Krankentransporter verfrachtet.

Die Fahrt ins Krankenhaus dauert etwas mehr als 20 Minuten. Einer der beiden fährt, während die Zweite bei mir sitzt, also im Laderaum, um mir in diesen Minuten beizustehen. Ich bin zum ersten Mal im Leben (es wird noch öfter so sein) in dieser merkwürdigen, misslichen Situation. Es ist ein reiner Krankentransport, wie ich erfahre. Da gibt es nämlich Unterschiede: Es wird nur transportiert, nicht gerettet. Dafür sind weder der Bully, ein großer Transporter Menschentransportausstattung, ausgerüstet noch die Sanitäter ausgebildet. Dazu gehören umfangreiche Vorrichtungen, in die mein Rollstuhl fest eingerastet und im Anschluss mit Gurten festgemacht werden kann. Wenn sie mehr machen wolle, als mich nur rein und raus zu wuchten, müsse sie eine Weiterbildungen zur Rettungssanitäterin machen. Dazu hat sie aber keine Zeit, weil sie und ihr Freund eine gemeinsame Wohnung haben. Daraus ergeben sich Aufgaben wie Kochen, Waschen, Putzen, auf Schicht gehen, miteinander reden, Sport machen, Fernsehen, Freunde haben und betreuen, nicht vorhandenes Geld verplanen, mit dem Vermieter streiten und den getrennt lebenden Eltern notwendige Informationen übermitteln. Im Ergebnis muss die Weiterbildung warten. Na gut, so habe ich wenigstens diese interessante Geschichte zu hören bekommen. Ich habe einen ersten Anflug einer Ahnung erhalten, was für mich alles neu ist. Das hätte ich echt nicht gedacht.

So lebt dann wohl auch mein Sohn mit seiner Freundin, die er jetzt fast genau in acht Monate heiraten will. Seit über einem Jahr wird dieses Ereignis geplant. Mit dämmert jetzt, wieso diese lange Zeit nötig ist. Dann müssen die beiden sich auch noch über ganz wesentliche Details dieser Festveranstaltung verständigen, mit dem Ziel einer einvernehmlichen Regelung. So zum Beispiel sind Blumen out oder in oder wie gestalten wir eine progressive, alternative, coole Hochzeitsfeier mit weißem Kleid, Schleier und dunklem Anzug? Locker, easy und mal ganz anders wie die anderen?

Bevor wir an der Laderampe beziehungsweise dem Garagendock der Klinik ankommen, frage ich meine Sanitäterin, ob sie denn auch mal den Transporter fahren darf? Sie meint, da gebe es regelmäßige Wechsel. Sehr beruhigend, denke ich, nicht nur für den Fall, dass der Fahrer ausfällt, sondern dass hier überhaupt gesellschaftliche Unterschiede oder Vorurteile wie Frau am Steuer Gott sei Dank nicht zählen.

Ich werde abgeschnallt und die beiden bringen mich in eine Aufnahmestation zum Einchecken und zur Vornahme erster Untersuchungen. Meine Frau kommt auch gerade an, mit allem, was wir so als Mitnehmsel vereinbart haben. Sie kennt sofort ein, zwei von den Mädels am Empfang, weil die ja auch bei ihr in der Schule waren. Ob das was bringt, kann ich noch nicht beurteilen. Immerhin sind sie freundlich und nehmen meine Personalien auf. Ich gewinne den Eindruck, dass alles in Ordnung ist. Das ist ja wichtig. Gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich bin registriert. Es gibt Formulare, auf denen bin ich erfasst. Jetzt kann nichts mehr passieren.

Vor allem die Frage der Kostenübernahme kann jetzt schon mal geklärt werden. Meine Krankenversicherung kann ich aufsagen. Die Nummer hat meine Frau. Gott sei Dank. Wie peinlich, wenn wir jetzt wieder heim müssten. Der Ablauf wäre gestört. Der Vorgang müsste von der nächsten Schicht bearbeitet werden und es würde zumindest die Möglichkeit einer gewissen Verärgerung aufseiten der Krankenpflegerinnen bestehen. Nein, das will ich nicht.

Sofort komme ich zur Untersuchung. Es ist halb elf. Ein richtiger Arzt spielt mit mir erst mal das Fragebogenformular-Frage-Antwort-Spiel: »Ja wo fehlt es denn bei Ihnen?« Ein Blick in den Einlieferungszettel bringt ihn weiter. »Können Sie laufen?«

Ich denke mir:Ja klar, der Rollstuhl soll nur mehr Mitleid zu erregen.

Also schiebt er nach, bis zur Krankenliege natürlich. Klar.

Ich wie immer: »Das geht schon.«

Ich stehe also, stütze mich mit beiden Händen ab. Er schiebt meine Jacke und mein T-Shirt hoch, tastet ab und stellt fest: »Wahrscheinlich Bandscheibenvorfall.«

Ich schätze, der Mann weiß, wovon er spricht. Dass seine Diagnose mit meiner höchst persönlichen Einschätzung übereinstimmt und er dann auch meinen Hausarzt bestätigt, ist erfreulich, so herrscht hundertprozentige Übereinstimmung. Wir sind uns einig. Es entsteht ein Gefühl der gegenseitigen Akzeptanz, ja fast schon männlicher Freundschaft.

»Seit wann haben Sie das denn schon?«

»Eigentlich schon seit Jahren, aber so schlimm war es noch nie.«

Mit 19 Jahren, zu der Zeit, zu der ich meine berufliche Laufbahn als Auszubildender, damals Lehrling eines Bankhauses, heute Heuschrecken, begann, sind zum ersten Mal größere Schmerzen aufgetreten. Auf der rechten Seite hinten, also im Rücken in Höhe des Schulterblattes kam es zu Verspannungen, die damals durch die gerade sehr in Mode gekommene Unterwassermassage bearbeitet wurden. Eine Heilung konnte ich nicht erfahren, wohl aber eine deutliche Verbesserung nach der Abarbeitung der verordneten zehn Anwendungen. Das war der Start meiner Rückenkarriere, was ich allerdings im Wesentlichen verschwieg, nach wie vor davon überzeugt, dass diese Einlassungen auf früher die weitere Verfahrensweise nicht wesentlich beeinflussen würden.

»Wie ist es denn passiert? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das diese Beschwerden so massiv ausgelöst hat?«, lauteten die nächsten ausforschenden Fragen.

Nun, ich hatte Vertrauen gefasst, das Gefühl des gegenseitigen Verstehens schwängerte den Raum und so setzte ich an, die Wahrheit in ihrer ganzen ungeschönten Form, diesem fremden Menschen (der etwa mein Alter hatte, jedoch deutlich zehn Kilo weniger wog) offen zu legen, alles zu erzählen, so wie es eben war:

Also, es war Montag, der 26. Januar 2015. Ich war gut gelaunt, hatte eine nicht besonders schwierige Verhandlungswoche vor mir und konnte nach einem schönen Wochenende noch nicht erledigte Arbeiten in legerer Kleidung in meinem Home Office erledigen. Am frühen Nachmittag war ich dann bereits rund 100 Kilometer weiter in einem der von mir zu betreuenden Büros. Das ging an diesem Montag alles sehr flott.

Ich hatte geschäftliche Vorgänge zu bearbeiten und mich mit der Prokuristin und Geschäftsstellenleiterin zu unterhalten, eben die ganz normalen Probleme des Tagesgeschäftes zu besprechen und ein, zwei außergewöhnliche Fälle zu erörtern. In diesem Büro führe ich auch meine Vorlagen: Das sind geschäftliche Sachverhalte, zu denen es mehr oder weniger schriftliche Unterlagen gibt und die nicht sofort erledigt werden. Oft ist der Sachverhalt nicht ganz klar, es muss Rücksprache bei Kunden und Auftragnehmern gehalten werden. In vielen Fällen brauche ich auch noch die Meinung eines Rechtsanwalts, Steuerberaters oder die Auskunft unseres Berufsverbandes. Dort bin ich ehrenamtlich tätig. Seit Jahren bin ich als Bundesvorstand zur Unterstützung unserer Landesbeauftragten in zwei, drei Bundesländern zuständig. Diese Kollegen bemühen sich um den Zusammenhalt der Verbandsmitglieder in den unterschiedlichen Regionen Deutschlands und werden von mir und weiteren vier Bundesvorständen nach Kräften unterstützt. Alles ehrenamtlich und zusätzlich zum eigentlichen Hauptberuf, versteht sich. Diese Unterlagen werden also von mir, soweit noch ein Zeitablauf absehbar ist, in der Regel entweder auf einige Monate oder aber zehn Kalendertage in die Zukunft verlegt. Dafür gibt es einen Monatsordner und ein 31 Tage fortlaufendes Regalsystem. Einen Tag vor der nächsten Fälligkeit hole ich mir die Unterlagen, den aktuellen Status und entscheide, ob Aktivitäten entwickelt oder eine weitere Vorlage nach zwei Tagen erfolgen muss. Die Fähigkeiten der nächsten Tage werden diesmal kontrolliert, ich werde den Rest der Woche mindestens bis einschließlich Freitag auf Geschäftsreise sein.

Nach 15.00 Uhr fahre ich also mit meinem Firmenwagen, einer sehr gut ausgestatteten Reiselimousine, los, Richtung Berlin. Ich bin rund 90.000 Kilometer pro Jahr geschäftlich und privat unterwegs. Das verbindet einen mit seinem Wagen. Man versteht, wie er sich so fühlt, ob er gut oder schlecht zieht, ein Zehntel mehr oder weniger Diesel schluckt und weiß, wo man tanken muss, rasten, pinkeln gehen, Kaffee, Bier Kuchen, heiße Wurst … Alt Vertrautes jede Woche neu, Du und Dein Wagen, ein vertrautes, sicheres Team eben, das sich versteht. Es ist eine für mich bekannte Strecke, gut 500 Kilometer, die sich an so einem Tag gut durchfahren lässt.

So gegen 18.00 Uhr halte ich kurz an einem Süßigkeiten-Outlet in der Nähe von Jena. Dort kaufe ich viele Kilo Drachenfutter für meine Mitarbeiter in den einzelnen Geschäftsstellen, zur späteren Verteilung. Man muss sich ja Freunde machen. Außerdem helfen diese Gaben den Kollegen, wenn mal wieder ein Gesprächstermin ansteht, der Kaffee und das Wasser gerade noch reichen, aber keiner daran gedacht hat, noch was zum Knabbern einzukaufen. Wie wichtig für den positiven Verlauf einer jeden Besprechung solche Hirnnahrung ist, weiß jeder, der schon einmal dabei war.

Da ich mich auskenne, bin ich eine Viertelstunde später wieder weg. Rauf auf die Autobahn, am nächsten Kreuz einmal links und dann nach Berlin rein.

Alles läuft besser als gedacht und ich bin kurz vor 21.00 Uhr – nach Parken, Einchecken und Koffer abstellen – gut gelaunt in der Hotellobby. Jetzt überlege ich mir, ob ich im Hotel oder esse oder außerhalb etwas suche. Ich entscheide mich schließlich für die zweite Variante. Also raus ein paar Schritte laufen. Ich habe die Wahl zwischen Indisch, Koreanisch, Kebab, Israelisch und noch zweimal Indisch gemischt und Spanisch. Da bin ich aber froh, denn ein Currytyp bin ich nun mal nicht.

Eine kleine feine Tappas-Bude erwartet mich. Der Hauswein ist akzeptabel. Ich bestelle sechsmal Tapas, was allerdings einfach zu viel ist. Die Augen waren größer als der Magen. Aber gut geht es mir. Saugut, trotz insgesamt rund 600 gefahrener Kilometer an diesem Tag. Ich habe so gut wie keine Rückenschmerzen, weder beim Laufen noch beim Essen, kann gut sitzen, bin froh und gut gelaunt, weil unter anderem echt schmerzfrei.

Das hatte ich vor allem in den letzten Wochen seit Weihnachten nicht oft. Ausgerechnet einen Tag nach Heilig Abend hatte es mich nämlich erwischt. Es gab auch kein Ereignis, sondern nur einen ganz normalen Tagesablauf mit Weihnachtsbaumschmücken und Zusammentragen der Geschenke für meine Lieben aus den verschiedenen Verstecken. So verlief der 24. Dezember 2014.

Einen Tag später, am 25. Dezember, sollte dann ein gemeinsames Abendessen mit meiner Frau Ulrike, meiner Tochter Rajka und meinem Sohn Peter sowie dessen Demnächst-Ehefrau Nina stattfinden. Früher ging nicht, da Nina Heilig Abend bei ihrer Mutter verbrachte, die zumindest mir völlig unbekannt war. Es gab Spaghetti aus den Eiern von Straußen, die in der Nähe auf einer Farm gehalten wurden. Dazu eine selbst gemachte Pesto und Trüffelscheiben – also einfach und doch sehr exklusiv. Dazu Champagner, einen schönen Riesling aus Rheinhessen und zum Nachtisch einen selbst gebrannten Apfel-Schnaps aus dem Jahr 2013. Da gab es gute Äpfel mit einer sehr hohen und geschmacklich intensiven Ausbeute.

Beim Abräumen der Tafel bewege ich mich sehr vorsichtig, da ich nur unter Schmerzen sitzen, gehen order irgendetwas anderes tun kann. Ins Bett will ich aber auch nicht und rumliegen und zusehen ist auch nicht meine Sache. Also Kühlschrank auf und Reste rein. Warum auch immer, öffne ich die Gefrierklappe, ein Pfund hart gefrorenes Fleisch, für die Lauch-Käse-Suppe am nächsten Tag gedacht, fällt heraus, schräg auf die zweite Glasablagefläche im Kühlschrank, diese kippt auf die dritte und danach trifft der Klumpen meinen vierten Zeh des linken Fußes. Zu dem atemberaubenden Schmerz – der Zeh war natürlich gebrochen, wie sich später herausstellte – ergoss sich der Inhalt des Kühlschrankes, als die beiden Glasplatten nachgaben, auf meine Füße und den Boden.

Meine beiden Kinder – jung, sportlich geschickt und besorgt – springen mir sofort zur Seite. Ich versuche, mich aus der Umklammerung der Umstände zu befreien, mache eine halbe Drehung nach links, fliehe einen Schritt, rutsche in dem ganzen Schlamassel aus, stürze aber nicht, sondern fange mich sozusagen in der Luft, spüre einen höllischen Schmerz in meinem Rücken und stehe – schwer atmend aber lebend, festgekrallt an der Küchenarbeitsplatte. Nach wenigen Minuten gebe ich mich als persönliches Opfer insoweit geschlagen, als ich mich auf die Wohnzimmercouch legen lasse, um im Gegenzug andere alle weiteren Diskussionen zu beenden.

Also bin ich an diesem Abend in Berlin wohlgelaunt. Zurück im Hotel nehme ich noch einen Absacker an der Bar, denn Traditionen sollten gepflegt werden, sonst geraten sie in Vergessenheit. Ein schönes Zimmer mit Blick auf die Spree erwartet mich. Ich bin gern in diesem Hotel.

Morgens wache ich so gegen sieben Uhr auf, frisch und munter, nur etwas kreuzlahm. Nun ja, nichts Außergewöhnliches, denke ich, das wird im Laufe des Tages vergehen. Das Bett ist sehr weich, stelle ich nach einer Druckprüfung mit der Hand fest. Na ja, es ist, wie es ist. Ich ziehe mich förmlich an, mit Anzug und Krawatte, und mache mich nach dem Frühstück auf den Weg zum ersten Termin an diesem Tag.

In meiner Eigenschaft als Kundenbeirat eines Unternehmens, das vor wenigen Tagen den Börsenstart erfolgreich abgewickelt hat, nehme ich ab zehn Uhr an einer Sitzung teil. Diese Sitzungen sind etwa dreimal im Jahr. Es bleibt an diesem Tag weniger Zeit als sonst, da alle noch andere Verpflichtungen haben. Einige der Teilnehmer treffe ich dann am Abend wieder. Es geht ohnehin ausschließlich um die nachträgliche, dafür ausführliche Informationen über den wirtschaftlichen Hintergrund des Börsengangs. Vor dem Wechsel der Geschäftsleitung wäre das sicher umgekehrt gewesen! Also zuerst Information und dann Einbindung der Mitglieder des Kundenbeirates und dann Börsengang, zumal das ja alles kein Geheimmaterial ist, sondern Informationen sind, die, wie man uns sagte, alle bekommen hätten.

Dazu gäbe es viel zu sagen, es geht ja aber im Wesentlichen um meinen Rücken und der tut immer noch weh.

Um 13.30 Uhr ist dann Business-Lunch in einem alten Fahrzeugmuseum. Ein sehr schönes Ambiente, ein Glas Wein, etwas Warmes und schon muss ich weg. Da schon einige Telefonanrufe auf meinem Handy aufgelaufen sind und ich dringend in die Berliner Hauptgeschäftsstelle unserer Firmengruppe muss, gibt es eine schnelle Verabschiedung, so kurz und knapp, wie der Lunch es auch war. Ab ins Auto und eine halbe Stunde später ins Parkhaus, wo wir über reservierte Plätze verfügen.

Die als dringend eingestufte Besprechung mit zwei meiner wichtigsten Führungskräfte zieht sich bis nach 18.00 Uhr. Es geht um dringende Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Also kein Spaß, sondern echter Stress. Ich kann am Ende nicht mehr sitzen, verbringe die Restzeit im Stehen und dann verabschiede ich mich, dankbar dafür, dass wir fast alles entschieden haben und meine beiden Damen zufrieden scheinen – für heute. Die helfen mir dann beim Verladen der schriftlichen Unterlagen in mein Auto, da es für einen Gang zu viel ist und ich weitere Belastungen für diesen Tag vermeiden will. Dabei kann ich dann gleich zwei große Pakete der gekauften Süßigkeiten loswerden. Die Mitarbeiterinnen werden diese an die beiden Geschäftsstellen in Berlin verteilen.

Danach wieder ins Auto und eine halbe Stunde später bin ich zurück im Hotel. Die Tiefgarage des Hotels ist sehr speziell. Überall ist es extrem eng und gibt nur wenige Zentimeter Spielraum. Nach der Einfahrt knapp zehn Meter links geht es in einen Lastenaufzug. Mein Wagen hat etwa 4,30 Meter Länge, passt gerade so, wie in einen Schuh, dann geht es zwei Etagen abwärts ins Parkdeck. Jetzt muss ich mir wieder einen Parkplatz suchen, da der reservierte besetzt ist. Die Wirklichkeit hat die Planung mal wieder überholt. Die Garage tief im Keller besteht übrigens noch aus sogenannten Hebeanlagen, also Doppelparkern, die übereinandergestapelt werden. Ich finde das ziemlich lästig, allerdings sind die Hebeanlagen wohl nicht in Betrieb.

Ich kurve also herum, um einen Platz zu finden. Das ist mir dann bald zu blöd. Rückenschmerzen und Zeitnot – um 19.30 Uhr habe ich den nächsten Termin … Ich bin unleidlich. Also stelle ich meinen Wagen einfach auf den nächsten Platz neben dem Zugang zum Hotel-Fahrstuhl. Ich fahre mit dem Aufzug bis zu meinem Zimmer im fünften Stock, wobei ich in der Garage und in meinem Stockwerk noch ein paar Treppen gehen muss. Das Hotel ist eine unbebaute ehemalige Fabrik mit für meine Begriffe sehr angenehmem Flair, aber mit ein paar Hürden und Verwinkelungen. Im Zimmer angekommen nehme ich eine Schmerztablette. Ich muss betonen, dass ich das selten mache. Die letzte Tablette nahm ich vielleicht vor zwei oder drei Jahren. Ich habe aber einfach keinen Bock, mich mit Schmerzen in den Abend hineinzuquälen. So hoffe ich auf eine baldige Wirkung.

Ich ziehe den Mantel an und gehe zur Rezeption. Dort orderte ich eine Taxe. Eine Abendveranstaltung und anschließendes Autofahren tue ich mir, mal abgesehen von dieser beschwerlichen Tiefgarage, nicht an.

Ein paar Minuten später kommt der Fahrer. Ich bin immer noch unleidlich, nenne ihm das Ziel und er fährt los. Leider stellt sich, nachdem er mich abgesetzt hat, heraus, dass er keine Ahnung hatte, wohin er fahren sollte. Eine halbe Stunde brauche ich, bis ich mithilfe der Navigation meines Smartphones meinen Zielort gefunden habe. Er regnet leicht aber stetig, der Wind pfeift, ich habe weder Hut noch Schirm aber immer noch Rückenschmerzen. Das Laufen tut weh, nicht übermäßig aber dauerhaft. Bedenklich fand ich vorhin schon, dass ich mich über den Haltegriff des Daches und Innenraum des Wagens auf den Beifahrersitz des Mercedes wuchten musste – und das tat weh! Ich konnte auch nicht richtig sitzen, sondern musste mich mit den Armen oben festhalten, um die Sitzposition zu entlasten.

Endlich komme ich zerzaust und verfroren an, gebe meinen an Mantel an der Garderobe ab und nehme mein Namensschild entgegen. Ich mische mich möglichst unauffällig unter die Anwesenden.

Pech gehabt: Die offiziellen Ansprachen sind vorbei. Glück gehabt: Es gibt kaltes und warmes Buffet und obwohl eine Stunde zu spät, bin für diesen Programmpunkt genau richtig. Dieser Event findet einmal im Jahr jeweils in der ersten Sitzungswoche des Bundestages im Januar statt. Veranstalter ist die Spitzenorganisation aller Immobilienverbände in Deutschland. Es geht um sehen und gesehen werden, aber auch schon mit dem Anspruch, das neue Jahr einzuläuten sowie Forderungen und Empfehlungen an die Regierungsvertreter vorzutragen. Diese sind, wie heute auch, in der Regel zahlreich vertreten, zumal der jeweils zuständige Minister für unsere Branche meist persönlich anwesend ist. Da will keiner fehlen. Ich auch nicht, so treffe ich denn ab 20.30 Uhr Präsidenten und Vizepräsidenten, Geschäftsführer, Politiker, Vorstände von Wirtschaftsunternehmen aus dem Umfeld unserer Branche, viele alte Bekannte und Geschäftsfreunde..

Das Essen ich ist wirklich gut und ich verplaudere mich von einem Bekannten zum anderen, immer ein Glas Weißwein in der Hand. Gleichzeitig halte ich mich an Stehtischen etwas fest, wegen meines Rückens.

Gegen 24 Uhr wird es mit meinen Schmerzen dann endlich erträglich. Die Tabletten und der Alkohol entfalten ihre Wirkung. Da aber mittlerweile der Großteil der Gäste gegangen ist, trinke ich noch ein, zwei Glas und mache mich dann auf den Heimweg. Der Präsident unseres Verbandes und die neue Geschäftsführerin sind schon lange weg. Still und heimlich einfach so – auch nicht das erste Mal.

Draußen regnet es schlimmer, aber ein Taxi ist sofort da. Ich steige ein, bin froh, denn es geht wieder besser, schmerzfreier, und nenne mein Hotel. Diesmal geht alles gut und um 0.30 Uhr bin ich im Zimmer, allerdings ohne Absacker an der Bar. Mir reicht es für heute. Ausziehen, noch ein paar Minuten setzen auf die Spree schauen. Die zweite Schmerzpille, für alle Fälle, und dann ins Bett.

Ich schlafe wie ein Baby, habe den Wecker auf halb sieben gestellt. Der macht dann auch seinem Job und ich werde wach. Ich will aufstehen, zur Toilette. Das gelingt mir fast nicht. Alles tut schrecklich weh. Der Toilettengang ist sozusagen für die Katz, weil fast nichts kommt, dafür aber wirklich brennt und wehtut. Ich schwanke dann sofort wieder ins Bett. Eigentlich habe ich Zeit, weil ich erst um 8.30 Uhr den ersten Telefontermin habe. Ich hoffe, es wird bis dahin besser.

Wird es aber in keinster Weise. Mein Gesprächspartner rät mir dann, mich flach auf die Erde zu legen. Ehrlich, ich versuche das. Zwischen Stuhl und Boden hänge ich dann fest. Kein Vorwärts und kein Zurück, dazu wahnsinnige Schmerzen. Ich gebe auf.

Jetzt schleppe ich mich ins Bad. Rasieren und Zähneputzen sind gerade noch drin. Zu mehr reicht es beim besten Willen nicht. Wie ich die nächsten beiden Stunden überstehe und warum ich tue, was ich tue, kann ich rückwirkend betrachtet nicht mehr sagen.