Ich hatte einen Bruder - Anna Seydenfalter - E-Book

Ich hatte einen Bruder E-Book

Anna Seydenfalter

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Beschreibung

Dass auch Anna zur Generation der Kriegsenkel gehört, wird ihr erst 2018 klar, als sie ein Buch zum Thema in die Hände bekommt. Mehr und mehr erkennt sie, wie sehr die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg auch Jahrzehnte später das Familienleben prägten. Eine zunächst scheinbar 'normale‘ Kindheit – doch die ‚heile Welt‘ bekommt sukzessive Risse. Dramatische Ereignisse im Leben ihres Bruders veranlassen Anna zurückzublicken. Dazu interviewt sie 2019 ihre Eltern zu deren Kindheit in den 30er- und 40er-Jahren und trägt ihre eigenen Erinnerungen und die ihres Bruders aus seinen letzten E-Mails und Telefonaten zusammen. Im ersten Teil des Buches wird die Familienbiografie über drei Generationen erzählt. Im zweiten Teil reflektiert Anna als junge Erwachsene mehr und mehr die Familiensituation und ihre eigene Rolle im Leben. Sie erkennt, dass auch in ihrer Familie Traumata transgenerational weitergegeben wurden. Im dritten Teil geht es um ein tieferes Verständnis und um Heilung. Die fachliche Perspektive und Bewältigungsmöglichkeiten bekommen mehr Raum. Ein erzählendes Sachbuch – authentisch aus der Perspektive einer Kriegsenkelin und Diplom-Psychologin geschildert.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dass auch sie zur Generation der Kriegsenkel gehört, begreift Anna erst, als sie ein Buch zum Thema in die Hände bekommt. Mehr und mehr erkennt sie, wie sehr die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg auch Jahrzehnte später das Familienleben prägten. Eine zunächst scheinbar ‚normale‘ Kindheit – doch die ‚heile Welt‘ bekommt sukzessive Risse. Dramatische Ereignisse im Leben ihres Bruders veranlassen Anna zurückzublicken. Ein intensiver Prozess der Bewusstwerdung und Heilung – authentisch geschildert.

Für meinen Bruder (1962 – 2018) in liebevoller Erinnerung. Möge sein Schicksal mit allem Respekt betrachtet werden.

Für Inge, die Mutter des Mannes, den ich in diesem Buch Robin nenne. Inge, war während meiner Partnerschaft mit ihrem Sohn für mich wie eine Mutter. Sie hat schon vor Jahrzehnten ihre eigene Familienbiografie zu ihren Erlebnissen als Kriegskind und Flüchtling veröffentlicht. Damit war sie ihrer Zeit weit voraus.

Für meinen langjährigen Partner, den ich in diesem Buch Duncan nenne. Er war in einer der schwersten Phasen meines Lebens an meiner Seite und hat meine Last mitgetragen.

Anna Seydenfalter

Ich hatte einen Bruder

Kriegsenkelbiografien:

Warum es sich lohnt, hinzuschauen

Erzählendes Sachbuch

© 2022 Anna Seydenfalter

ISBN Softcover:

978-3-347-76735-5

ISBN Hardcover:

978-3-347-76736-2

ISBN E-Book:

978-3-347-76737-9

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I: ‚NORMALITÄT‘ – Unbewusste Lebensphase

1. Frühe Kindheit auf einem ehemaligen Bauernhof

2. Der Vater meines Vaters

3. 1933 bis 1945

4. Nachkriegsjahre

5. Weitere Kindheitsjahre in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre

6. Krieg und Flucht

7. Rückkehr an den Niederrhein

8. Ein neues Haus

9. Noch mal ein neues Haus

10. Die Mutter meiner Mutter

Teil II: ERWACHEN – Lebensphase der Reflektion

11. Leben als junge Erwachsene

12. Unerfüllte Sehnsüchte und gelebte Träume

13. Distanzen schaffen – Distanzen überwinden

14. Abschied

Teil III: VERSTEHEN und HEILEN – Lebensphase der Erkenntnis, Verarbeitung und Integration

15. Aufarbeitung

16. Fazit 2020

17. Zwei Jahre später

Kommentierte Bibliografie

Einleitung

Ganz herzlichen Dank an meine Eltern und meinen Bruder, die ihre Erinnerungen mit mir geteilt haben. Nur so konnte dieses Buch entstehen. Viele Erlebnisse und Erfahrungen haben sie über Jahrzehnte in ihrem Inneren verschlossen. Manchmal brachten existenzielle Erlebnisse die Erinnerungen wieder an die Oberfläche und erhöhten die Bereitschaft, über lange Vergangenes zu sprechen. Von vielen Vorkommnissen habe ich erstmalig 2019 erfahren, als ich mich zur Aufarbeitung unserer Familienbiografie entschloss und meine Eltern zu ihren Kriegserlebnissen interviewte. Ich achte es sehr, dass sie bereit waren zu erzählen. Sie taten es mir zu liebe und nicht, um Belastendes endlich aussprechen zu können. Auch wenn ich vieles kritisch sehe, möchte ich meine Familie gegen keine andere tauschen. Wohl wünschte ich, wir hätten Ursachen und Wirkungen früher erkannt, um anders handeln zu können. Stattdessen kam es zu tragischen Entwicklungen.

Mein Anliegen ist es aufzuzeigen, auf welche Weise die Kriegserlebnisse meiner Eltern und Großeltern – neben vielen anderen Einflussfaktoren – auf mein Leben und das Leben meines Bruders eingewirkt haben. Mit meinen Schilderungen möchte ich Menschen, die vor der Entscheidung stehen, Kriegstraumata in ihrer eigenen Familie entweder ruhen zu lassen oder sich damit aktiv auseinanderzusetzen, einen Beitrag zu einem bewussteren Umgang mit ihrer Familiengeschichte und ihrem ‚immateriellen Erbe‘ – mit dem Ziel eines erfüllteren Lebens – zur Verfügung stellen. Außerdem möchte ich Menschen in helfenden oder therapeutischen Berufen, die Kriegskinder, Kriegsenkel oder Kriegsflüchtlinge begleiten, mit meinem Erfahrungsschatz bereichern.

Zum Schutz noch lebender Personen sind alle Namen verändert und einige Orte umschrieben, nicht benannt. Aus denselben Gründen habe ich teilweise Ereignisse nur umrissen. Was meine eigenen frühen Erinnerungen betrifft, so versetze ich mich – auch vom Schreibstil – in meine Perspektive als Kind und Jugendliche hinein. Bei den Schilderungen zu den Kriegserlebnissen meiner Eltern orientiere ich mich vom Stil und der Wortwahl her an deren Ausdrucksweise. Wörtliche Zitate kennzeichne ich durch Anführungszeichen.

Teil I:

‚NORMALITÄT‘ – Unbewusste Lebensphase

 

1. Frühe Kindheit auf einem ehemaligen Bauernhof

Ich, Anna, werde 1964 in einem bäuerlichen Vorort einer Großstadt am Niederrhein geboren. Eigentlich heiße ich Anna Magdalene. Den zweiten Vornamen haben meine Eltern mir meiner Oma zuliebe gegeben, die auch meine Taufpatin ist. Mir gefällt der zweite Name nicht besonders und so erwähne ich ihn meistens einfach nicht. Auch meine Eltern finden ihn nicht wirklich schön. Aber ein Desaster wie eineinhalb Jahre zuvor bei der Geburt meines Bruders wollen sie nicht noch einmal erleben. Als unser Opa erfährt, dass sein Enkelsohn nicht wie er Theodor heißen wird, erzählt er im ganzen Dorf, dass unsere Eltern ihn noch nicht mal bei der Taufe haben wollten. Und ausgerechnet Markus soll der kleine Junge heißen. So hat auch sein jüngerer Bruder, mit dem er verstritten ist, seinen Sohn genannt.

Unser Zuhause ist ein umgebautes ehemaliges Bauernhaus aus rotem Backstein. Das Haus gehört seit vielen Generationen der Familie meines Vaters. Es besteht aus zwei Wohneinheiten und einem zuvor als Kuhstall genutzten Lagerraum, in dem nun allerlei Schätze aus vergangenen Tagen aufbewahrt werden und außerdem eine Werkstatt eingerichtet wurde. In einem Teil des Hauses lebe ich zusammen mit meinen Eltern und meinem Bruder Markus. Wir haben ein Wohnzimmer, eine Wohnküche und ein unbeheiztes Speicherzimmer, das von uns als Schlafzimmer genutzt wird. Ein Bad gibt es nicht, nur ein Plumpsklo im Hof. Von der Küche aus können wir auf die Terrasse gehen und von dort über fünf Stufen in den Hof und den Gemüsegarten gelangen. Die Terrasse wurde kurz nach dem Einzug meiner Eltern angebaut. Sie ist überdacht und wird von einem Jägerzaun mit Törchen begrenzt. Sie wird von der gesamten Familie viel genutzt. Seitlich der Treppe zur Terrasse ist ein schönes Schrägbeet angelegt, in dem ab Frühjahr viele verschiedene Blumen blühen. Unsere Hündin Ushka, ein Riesenschnauzer, darf nur selten ins Haus. Sie ist eine ganz Wilde und nicht besonders gut erzogen. Für sie gibt es im Hof einen Zwinger, d. h. einen Freiraum von ca. zweieinhalb mal vier Metern, etwas vom Haus entfernt gleich neben dem Sandkasten. Ushka beschützt uns.

Umgekehrt gelingt es uns nicht immer, sie zu schützen. Die Kinder der Nachbarn ärgern und reizen unsere Hündin immer wieder, wenn sie im Zwinger ist und sich nicht wehren oder ausweichen kann. Beispielsweise schießen sie mit Bällen gegen die Gitterstäbe. Ushka rennt dann mit lautem Bellen in ihrem Käfig hin und her. Wenn sie rausgelassen wird, beißt sie immer mal wieder einen Ball kaputt. Alle anderen Kinder außer meinem Bruder und mir hätte sie angefallen. Aufgrund dessen ist es nicht möglich, sie alleine ohne Aufsicht meines Vaters auf dem Hof laufen zu lassen. Meine Mutter kann sie nur mit Würgeband unter Kontrolle halten. Es ist nötig, ihr dieses schon im Zwinger anzulegen.

Als ich geboren werde, verbringt mein Bruder einige Tage bei unserer Oma Katharina und unserem Opa Friedrich, den Eltern meiner Mutter. Als er wieder zurück in unsere Familie soll, schreit und tobt er und wehrt sich mit Händen und Füßen. Aber es hilft alles nichts. Schließlich lebt er wieder bei uns im alten Bauernhaus, nun auch mit mir, seiner kleinen Schwester, als neuem Familienmitglied. Nicht nur für Markus ist meine Anwesenheit ungewohnt. Auch Ushka bemerkt, dass da nun noch jemand ist. Während mein Vater im Hof Ushka streichelt, steht meine Mutter mit mir auf dem Arm auf der Terrasse. Ushka lernt schnell und akzeptiert mich als Teil der Familie.

Markus ist eineinhalb Jahre älter als ich. Anfangs schaut er zwar hier und da mal interessiert, was ich mache, kann aber noch nicht allzu viel mit mir anfangen. Aber das ändert sich im Laufe der Zeit. Aufregend ist es, wenn wir samstags baden dürfen. Dazu wird erst für uns Kinder eine kleine und dann für die Erwachsenen eine große Zinkwanne in die Küche geschleppt. Auf dem Ofen erhitzt meine Mutter im Kessel Wasser und schüttet es Kessel für Kessel in die Wanne. Wir plantschen im Wasser, bespritzen uns gegenseitig und genießen es einfach, im warmen Wasser zu sein. Nach einer Weile, wenn unsere Haut schon ganz schrumpelig ist und wir durch die Wärme langsam müde werden, verlassen wir die Wanne, schlüpfen in kuschelige Frotteemäntel und machen es uns auf dem Sofa gemütlich. Währenddessen kümmern sich die Erwachsenen darum, das Badewasser eimerweise zu entleeren. So wohlig aufgewärmt, macht es uns dann auch im Winter kaum etwas aus, dass das Speicherzimmer in der Etage über unserer Wohnung, in dem wir schlafen, nicht beheizt ist.

Tagsüber verbringen wir – besonders im Winter – viel Zeit in der Küche, wo meine Mutter mit Näharbeiten oder dem Haushalt beschäftigt ist. Damit sie ungestört arbeiten kann, werde ich in den Laufstall gesperrt. Ich finde das nicht so toll, denn ich liebe es, durch den Raum zu krabbeln und alles zu erkunden. Aber wenn ich mich mit interessantem Spielzeug wie meiner Lieblingspuppe Monika beschäftige, vergesse ich ganz schnell, wo ich bin. Wenn ich mal außerhalb des Laufstalls sein darf, erklärt mein Bruder diesen schnell zu seinem zeitweiligen Lieblingsort. Denn dann ist das der einzige Platz in der Küche, an dem er ungestört spielen kann. Vorzugsweise baut er Autoschlangen auf dem oberen Rand des Laufstalls. Ich möchte auch solche Autos haben. Nachdem ich lange genug gedrängelt habe, bekomme ich endlich einen wunderschönen und sportlichen roten Karmann Ghia in Miniaturausführung. Ansonsten schenken meine Eltern mir als Mädchen eher Puppen, einen Kaufladen oder Legosteine, aber keine technischen Spielzeuge.

Sonntags unternehmen wir kleine Ausflüge. Häufig gehen wir im nahen Wald spazieren. Im Sommer ist der Wald angenehm kühl. Im Winter liegt meist viel Schnee und der See ist viele Wochen lang zugefroren. An einem Sonntag im Winter gehen wir mit der ganzen Familie auf dem Eis spazieren. Uschka ist auch dabei. Ich liege warm ‚eingemümmelt‘ im Kinderwagen und genieße es, draußen in der frischen Winterluft zu sein. Für ein Foto lassen meine Eltern meinen Kinderwagen alleine auf dem Eis stehen. Aber das lässt Ushka nicht zu. Sie bewacht mich und ist durch kein Rufen dazu zu bewegen, auch nur einen Meter von mir zu weichen. Auf sie ist Verlass. Weniger verlassen können wir uns auf sie, wenn sie mal kurz alleine in der Küche ist, weil meine Mutter nebenan im Wohnzimmer etwas holt. Zurück in der Küche wundert meine Mutter sich, wo die Wurst nun ist, die sie doch soeben auf das Brot, das mein Vater zur Arbeit mitnehmen wollte, gelegt hatte.

Markus fühlt sich sehr zu Ushka hingezogen. Jeden Abend ist er dabei, wenn sie Auslauf bekommt: Während mein Vater Fahrrad fährt, sitzt Markus im Fahrradkörbchen und Ushka läuft nebenher. Jeden Morgen freut Markus sich darauf, zum Zwinger zu gehen und Ushka zu begrüßen. Auch später am Morgen ist er dabei, wenn die Hündin Auslauf bekommt.

Außer uns wohnen im Haus Herr und Frau Keller mit ihren zwei Töchtern, die etwas älter als Markus und ich sind. Sie leben in der Wohnung direkt neben uns. Während unsere Familie Gebäude und Land besitzt und hier seit Generationen verwurzelt ist, sind Kellers erst vor ein paar Jahren als Mieter eingezogen. Ab und zu spielen die beiden Töchter mit Markus und mir. Sie bringen uns Abwandlungen bekannter Lieder bei: „Frère Jacques – Hühnerkacke. Dormez-vous? – Blöde Kuh! Sonnez les matines – alte Waschmaschine. Ding, ding, dong – Scheiß Bon Bon.“ Die ältere der beiden hat Verbrennungen an vielen Stellen ihres Körpers, da ihr einmal kochendes Wasser über die Haut gelaufen ist. Im Hof befindet sich ein Plumpsklo, das wir zwei Familien uns teilen. Für die Erwachsenen ist das sicherlich recht mühsam und wenig komfortabel, für mich in den ersten Lebensjahren kein Thema. Von meinem Vater weiß ich, dass es gar nicht so einfach ist, Mitbewohner zu finden, die bereit sind, sich mit diesen Bedingungen zu arrangieren.

Neben unserem alten Bauernhaus steht eine Scheune, die von meinen Großeltern zum Wohnhaus umgebaut wurde. In diesem Haus wohnen Tante Ursula, die ältere Schwester meines Vaters, ihr Mann und deren beiden Söhne sowie Oma Magdalene und Opa Theodor, die Eltern meines Vaters. Meine Großeltern haben die Landwirtschaft schon vor einer Weile aufgegeben, da ein so kleiner Hof wie der ihre nicht genug zum Leben abwirft. Geblieben ist ein riesiger Gemüse- und Obstgarten, den Opa neben seiner Arbeit als Landschaftsgärtner bewirtschaftet. Unsere Cousins sind viele Jahre älter als Markus und ich. Obwohl sie direkt neben uns wohnen, kann ich mich nicht erinnern, jemals mit ihnen gespielt zu haben. Einmal als ich Elisabeth, eine meiner Puppen, im Hof habe liegen lassen, nimmt Jakob, der jüngere Sohn von Tante Ursula, die Puppe und schlägt mit einem Hammer und einem Nagel viele Löcher in deren Bauch. Glücklicherweise entdecke nicht ich, sondern einer der Erwachsenen die misshandelte Elisabeth. Tante Ursula kauft mir umgehend eine neue Puppe, um mich über den Verlust hinweg zu trösten. Meine Mutter erklärt mir, Jakob sei anscheinend eifersüchtig auf mich, denn als ich auf die Welt kam, freute Tante Ursula sich sehr, dass endlich ein Mädchen in der Familie geboren wurde. Sie selber hatte ‚nur‘ zwei Jungs bekommen. Jahrzehnte später kommentiert mein Vater das Verhalten meines Cousins als „Handeln aus reiner Boshaftigkeit“.

Als ich ein Jahr und drei Monate alt bin, werden alle Familienmitglieder in das Zimmer meiner Oma gerufen. Sie liegt im Bett. Alle stehen um das Bett herum. Wir Kinder spüren, dass das ein besonderer Moment ist, verstehen aber noch nicht so recht, was passiert. Markus als fast Dreijähriger nimmt wahr, dass von Oma eine unglaubliche Wärme ausgeht. Gleichzeitig nimmt er einen „Kältepol“ wahr: unsere Mutter. Bei ihr vermissen Markus und später auch ich nicht nur an diesem Tag, sondern in vielen anderen Situationen unseres Lebens Warmherzigkeit und Empathie1. Mutter trägt „ein Bündel“ auf ihrem Arm, das bin ich. Wenig später stirbt Oma Magdalene und wird auf dem nahe gelegenen Waldfriedhof beigesetzt. Jahre später erfahre ich, Oma hatte Krebs. Zum Schluss wissen alle in der Familie, wie es um sie steht, nur mit ihr selber sprechen weder der Arzt noch wir Angehörigen darüber. Bis kurz vor ihrem Tod ‚weckt‘ meine Großmutter Obst und Gemüse ‚ein‘ mit den Worten: „Damit wir im Winter genug zu essen haben“. Den Winter erlebt sie nicht mehr.

Kurz danach ist unser Vater nicht mehr zu Hause. Unsere Mutter sagt, er liege im Krankenhaus. Er wusste schon eine Weile vor dem Tod seiner Mutter von seiner Erkrankung. Um jene in ihren letzten Wochen vor unnötigen Sorgen zu schützen, zögert Vater zunächst die Untersuchungen hinaus. Als meine Eltern die Diagnose erfahren, beruhigt unsere Mutter uns, wir sollen uns keine Sorgen machen, seine Erkrankung sei zwar ernst, aber nicht lebensbedrohlich. Dann erwähnt sie noch irgendwas von chronisch, aber das verstehe ich nicht. Sehr viel später lässt sie uns wissen, dass unser Vater voraussichtlich nicht sehr alt werden wird. Sie erwähnt dabei auch den Namen der Krankheit und schärft Markus und mir ein, dass wir zum Schutz aller mit niemandem außerhalb unserer Kleinfamilie darüber sprechen dürfen2. Besonders Markus leidet unter der Abwesenheit unseres Vaters. Ganz besonders vermisst er die abendliche Fahrradrunde mit Hündin Ushka, zu der unser Vater ihn jedes Mal mitgenommen hat.

Während unser Vater noch im Krankenhaus liegt, bekommt Markus Schmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Sein Gesundheitszustand verändert sich dramatisch. Auch er muss ins Krankenhaus. Die Ärzte stellen eine Nierenentzündung fest. Es geht um Leben oder Tod. Während unser Vater eigentlich sein Krankenhausbett nach den Untersuchungen nicht verlassen darf, steht er auf, um in einem anderen Teil des Krankenhauses nach seinem Sohn zu schauen.

Nach ein paar Tagen beginne ich, damals anderthalb Jahre alt, ungewöhnlich anhaltend zu quengeln. Ich lasse mich nur schwer beruhigen. Meine Mutter sorgt sich nun auch um mich. Um eine Erkrankung auszuschließen, radelt sie mit mir ins Dorf zum Doktor und lässt mich untersuchen. Es tut fürchterlich weh, da der Arzt Instrumente verwendet, die eigentlich für Erwachsene, nicht aber für kleine Kinder gedacht sind. Ich werde von meiner Mutter festgehalten. Ich weine, ich schreie, ich wehre mich. Doch es nützt alles nichts. Endlich ist es vorbei. Meine Mutter beobachtet, dass ich von nun an einen weiten Bogen um alle Menschen mit einem weißen Kittel, wie der Arzt einen anhatte, mache. Das wundert meine Mutter, denn sie denkt, Kinder fühlen doch noch nicht so wie Erwachsene und vergessen auch schnell wieder3. Das Ergebnis der Untersuchung: Ich bin völlig gesund. Beim Aufschreiben frage ich mich, woran meine Mutter festgemacht hat, dass ihre Beobachtung auf die Untersuchung und nicht auf meine generell ausgeprägte Schüchternheit4 zurückzuführen ist. Aufgrund letztgenannter vermied ich auch vorher schon den Kontakt zu Fremden. Selbst in Gegenwart meiner Tanten und Onkels spreche ich kaum ein Wort. Meine Schüchternheit, besonders in Gegenwart Erwachsener oder Menschen, die mich bewerten, hält bis ins frühe Erwachsenenalter an.

Insgesamt ist mein Vater drei Jahre lang nicht arbeitsfähig, wohnt aber wieder zu Hause. Die Familie lebt vom Krankengeld und dem, was meine Mutter mit Heimarbeit als Damenschneiderin dazu verdient. Während sie früher vor allem maßgeschneiderte Kleidung nähte, übernimmt sie jetzt weniger interessante Änderungsarbeiten. Eine große Hilfe ist der riesige Gemüse- und Obstgarten meines Opas Theo, aus dem zwei Familien, die Familie meiner Eltern und die meiner Tante Ursula einen großen Teil ihrer Lebensmittel bekommen. Mittlerweile steht fest, dass mein Vater nicht mehr in seinem bisherigen Beruf als Werkzeugmacher arbeiten kann. Ende der Sechzigerjahre beginnt er mit einer Umschulung. Mein Vater darf wählen zwischen zwei technischen Berufen mit unterschiedlichem Qualifizierungslevel. Er entscheidet sich für den etwas weniger qualifizierenden Ausbildungsgang. Er möchte ‚auf Nummer sicher gehen‘ und ist überzeugt, die gewählte, einfachere Umschulung zu schaffen und in seinem neuen Beruf eine Stelle zu finden, mit der er die Existenz unserer Familie sichern kann. Später bereut er seine Entscheidung viele Male, da er Arbeiten, die der höherwertigen Qualifizierung entsprechen, ausführt, aber gemäß seinem formalen, niedrigeren Abschluss vergütet wird. Für die Umschulung verbringt mein Vater eineinhalb Jahre lang fünf Tage pro Woche in einer anderen Stadt, die etwa 80 km von unserem Zuhause entfernt liegt. Ich vermisse ihn, Markus auch.

Ushka, unserer Familienhündin, geht es zu der Zeit nicht besonders gut. Sie verliert viele Haare. Der Tierarzt empfiehlt, sie von nun an mit besonders gutem, frischem Fleisch zu füttern. Das können wir uns aber nicht leisten. Hinzu kommt, dass mein Vater aufgrund seiner Umschulung unter der Woche nicht zu Hause ist. Er ist der Einzige in der Familie, der Ushka wirklich bändigen kann. Und so entscheiden wir uns schweren Herzens, sie „in gute Hände“ an ein Ehepaar ohne Kinder abzugeben. Am meisten trauert mein Vater beim Abschied. Auch Markus vermisst Ushka sehr. Meine Mutter sieht es mit Erleichterung. Sie fühlte sich unserer Hündin nie so ganz gewachsen und ist auch keine wirkliche Tierliebhaberin. Vater besucht Ushka nach ihrem Verkauf kein einziges Mal. Er geht davon aus, dass ihr dadurch die Eingewöhnung in ihrem neuen Zuhause leichter fallen wird.

Am Wochenende sind wir von nun an zu viert – ohne Ushka. Oft hocken wir in der Küche zusammen. Wir besitzen einen kleinen Tisch mit einer Schublade, in der mein Vater sein Schreibzeug und einen Zollstock aufbewahrt. Um den Tisch stehen drei Stühle für meinen Vater, meinen Bruder und mich sowie ein Dreibeinhocker für meine Mutter. So kann sie schnell aufstehen, wenn sie zum Herd geht, um nach dem Essen zu schauen und für Nachschub zu sorgen. Manchmal kippt dieser dumme Dreibeinhocker einfach um und meine Mutter muss aufpassen, dass sie nicht versehentlich auf dem Boden landet.

Im Sommer verbringen wir viel Zeit auf der Terrasse und auf dem Hof. Wir Kinder sind begeistert, wenn die Zinkwanne, die sonst als Badewanne genutzt wird, zum Planschbecken umfunktioniert wird. Dann ist sie mit kaltem Wasser gefüllt. Ich quietsche, wenn mein Bruder mich mit dem Wasserschlauch nassspritzt. Doof finde ich, dass ich seine alten Badehosen auftragen muss. Schließlich bin ich ein Mädel. Ansonsten habe ich sehr schöne Sachen zum Anziehen. Die näht meine Mutter immer selber, meistens aus Stoffen alter Kleidungsstücke, aber das stört mich nicht. Auch meine Puppen kleidet sie wunderschön ein.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt Frau Beuron – von uns Kindern wie zu der Zeit in unserer Gegend üblich „Tante Beuron“ genannt – mit ihrem Hund Randy. Sie lebt als Witwe in einem einfachen Haus. Man kann das Haus von der Straße aus nicht sehen, weil es am Ende eines großen Grundstücks liegt und von einem alten Baumbestand umgeben ist. Wenn Frau Beuron Wasser zum Kochen oder Waschen braucht, geht sie zur Handpumpe vor dem Haus und schöpft ihr Wasser aus dem eigenen Brunnen. Es gibt auf ihrem Grundstück noch keinen Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung. Unsere Nachbarin ist politisch sehr interessiert. Als Kommunistin und ehemaligem Mitglied der KPD, später der DKP5, reist sie gerne in die sogenannten Ostblockländer. Sie kann wunderbar erzählen. Auch wenn sie in ärmlichen Verhältnissen lebt, strahlt sie etwas von einer gebildeten, vielleicht sogar intellektuellen Dame aus. Für Markus und mich ist sie einfach eine freundliche Nachbarin, die wir ab und zu mal besuchen und die uns Kinder mag. Erst Jahre später erfahre ich: Besonders meinem Vater ist ihre politische Gesinnung suspekt. Wie für viele Menschen mit bäuerlichen Wurzeln gibt es für ihn und auch für meine Mutter nur eine wählbare Partei: Das ist die CDU.

2. Der Vater meines Vaters

Theodor wird 1898 als drittes von insgesamt vier Kindern geboren. Als sein Vater 1923 im Alter von 62 Jahren stirbt, übernimmt Theo als ältester Sohn – damals 24 Jahre alt – den elterlichen Bauernhof. Mitte der Zwanzigerjahre heiratet er seine Frau Magdalene, die zu ihm auf den Hof zieht. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Karl erwartet von Theo, dass jener ihm sein Studium bezahlt. Doch so ein kleiner Hof wirft kaum genug ab, damit eine Familie über die Runden kommen kann. Als Theodors Bruder aus dem Bauernhaus auszieht, räumt er einfach – ohne Absprache mit den anderen Familienmitgliedern – einen Teil der Möbel aus, nimmt Theo und Magdalene „den letzten Stuhl“. Ein anderes Mal geht er bei einem Besuch einfach in den Vorratskeller und bedient sich bei den frisch ‚eingeweckten‘ Obstgläsern. Die Empörung über diese Vorkommnisse ist meinem Vater beim Interview noch anzumerken. Solange ich ihn kenne, nehme ich bei ihm eine wiederkehrende ‚Habachtstellung‘6 war. Damit meine ich eine Grundanspannung aus der Befürchtung heraus, ihn könne jemand – so wie es seinem Vater geschehen ist – ‚über den Tisch ziehen‘ und zwar so unerwartet, dass er sich davor nicht schützen kann. Etwas von dieser Sorge nehme ich bis in mein frühes Erwachsenenalter auch bei mir wahr7, wenn auch in abgeschwächter Form.

Aus der Ehe meiner Großeltern gehen drei Kinder hervor, 1926 ein Mädchen, zwei Jahre später ein Junge und weitere sieben Jahre später noch ein ‚Nachzügler‘, wieder ein Junge. Für Theodor und Magdalene steht fest, dass ihre Tochter keine Ausbildung benötigt, während die beiden Söhne jeweils einen handwerklichen Beruf erlernen dürfen.

Nachdem Oma Magdalene 1965 gestorben ist, lebt Opa Theodor weiter in seiner bisherigen Wohnung im selben Haus wie seine Tochter Ursula und ihre Familie. Opa trägt meist weite, robuste Cord-Hosen mit Hosenträgern. In seiner rechten Hosentasche bewahrt er eine silberne Taschenuhr mit wunderschönen, filigranen Verzierungen auf. Die Uhr ist mit einer ebenfalls silbernen Kette am Hosenbund befestigt. An den Füßen hat Opa ‚Holzklumpen‘, wie man die am Niederrhein und auch in Holland zu der Zeit vorkommenden Holzschuhe nennt, und darin Sockets an, damit seine Füße warm und trocken bleiben. Sein Rücken ist von der jahrelangen schweren Arbeit gebeugt. Früher hat er das Feld mit Pferd und Handpflug umgepflügt. Heute sehe ich ihn oft mit der Sense das hohe Gras mähen oder mit dem Spaten die Beete umgraben. Meistens riecht Opa nach Zigarren. Von diesen nimmt er einige Züge, drückt dann die Glut aus und steckt den Rest der Zigarre bis zum nächsten Rauchen in die Hosentasche. Seine Hände und Fingernägel sind fast immer von der Feldarbeit dreckig. Seine Kleidung riecht nicht nur nach Zigarren, sondern auch nach Schweiß.

Nur wenn Opa Theo wie jeden Sonntag in die katholische Kirche geht, riecht er frisch und trägt saubere Kleidung. Wenn in der Gemeinde um Spenden gebeten wird, ist er stolz, auch mal 100 DM in den Klingelbeutel oder den Spendenumschlag bei Adveniat zu werfen. Auch uns Enkelkindern gegenüber zeigt er sich meistens großzügig. Jedes Jahr zu Weihnachten erhalten wir einen Geldbetrag. Jedoch kommt es manchmal auch vor, dass er uns etwas verspricht und es dann nicht einhält. Beispielsweise stellt er Markus und mir in Aussicht, uns – genau wie seinen beiden anderen Enkelkindern – ein Zelt zu schenken. Dieses Zelt bekommen wir nie. Unsere Mutter überlegt, ob Opa es einfach vergessen hat, oder ob es daran liegt, dass er sich seiner Tochter und deren Familie gegenüber verbundener fühlt. Schließlich leben sie zusammen in einem Haus und Tante Ursula kümmert sich um seine Wäsche und vermutlich auch um seine Wohnung. Ein klärendes Gespräch findet nie statt, denn nach einem Geschenk kann man schlecht fragen.

Opa engagiert sich in unserem kleinen Dorf in mehreren Vereinen. Erst 2019 erfahre ich, dass er dort teilweise nicht willkommen war. Er wurde häufig nicht eingeladen. Über den Grund kann ich nur spekulieren. So bleibt offen, ob Opa schon immer ‚eigen‘ war oder, ob lange zurückliegende Ereignisse, möglicherweise Theodors Rolle oder Erfahrungen während der Kriegsjahre oder sein aktuelles Verhalten und seine Persönlichkeit, die sich laut meinem Vater in Folge der Kriegserlebnisse verändert haben, für andere der Anlass war, auf Distanz zu gehen.

Opa trinkt gerne mal einen guten Schnaps oder andere Spirituosen. An einem Abend irgendwann Mitte der Sechzigerjahre hat er ziemlich viel getrunken und tritt auf den Balkon im ersten Stock hinaus. Da die Holzverkleidung gerade abmontiert worden war, um sie zu streichen, gibt es nur einen metallenen Rahmen als Begrenzung. Opa tritt zu nah an die Brüstung, verliert das Gleichgewicht und fällt vom Balkon herunter auf die Erde. Er hat riesiges Glück, trägt keine Knochenbrüche, sondern nur ein paar Prellungen davon.

Wenn Opa Gäste zu einem Drink einlädt, tauscht er manchmal den Inhalt einer hochwertigen Flasche gegen einen billigen Fusel aus und amüsiert sich dann königlich, wenn die Gäste loben, man merke, dass es sich beispielsweise um einen Asbach Uralt handle. Das geschieht nicht aus Geiz. Opa hat einfach Spaß daran und findet es witzig, wenn er Menschen ‚auf den Arm nehmen‘ kann. Meinem Vater ist das peinlich. Franz erlebt immer wieder Situationen, in denen er versucht, seinen Vater davor zu schützen, dass dieser irgendetwas tut, das ‚man einfach nicht machen kann‘8.Er schämt sich für das Verhalten seines Vaters. Die geschilderte Situation ist eine der harmloseren Episoden. Ich weiß, dass mein Vater weitere Ereignisse schildern könnte, aber er schweigt.

Lange Zeit kocht Tante Ursula jeden Abend für Opa Theodor mit. Das wird ihr auf Dauer zu viel. So kommt Opa von da ab jeden Montag-, Mittwoch- und Freitagabend zu uns zum Essen. An diesen Tagen bereitet meine Mutter etwas Warmes zu. Das ist beispielsweise Gemüse der Saison mit Kartoffeln, beides frisch aus dem Garten geerntet, dazu an manchen Tagen Fleisch oder freitags Fisch. An den beiden anderen Tagen unter der Woche gibt es nichts Gekochtes zum Abendessen, stattdessen wird Brot, Käse und Wurst aufgetragen. Eine familieninterne Regel besagt, dass an den Tagen mit warmem Essen, also den Tagen, an denen Opa dabei ist, vor dem Essen gemeinsam ein Tischgebet gesprochen wird.

Jedes Mal, wenn Opa zu uns zum Essen kommt, bringt er Schokolade für uns Kinder mit, meist eine Tafel Vollmilchschokolade, die mein Bruder und ich uns teilen sollen. Manchmal gibt er nur Markus eine Tafel, sagt, für mich hätte er nichts dabei. Er findet es lustig, sich auf meine Kosten einen Spaß zu erlauben. Ich finde es nervig, traue mich aber nicht, etwas zu sagen. Mein Vater und mein Bruder schauen einfach zu. Meine Mutter unterstützt mich, indem sie meint: „Lass dich von Opa nicht ärgern.“ Nach dem Essen dann zieht mein Großvater auch für mich eine Tafel Schokolade aus der Hosentasche. Die ist bis dahin ziemlich deformiert, da er während des gesamten Essens darauf gesessen hat. Opas Gebiss sitzt schlecht. Deshalb schmatzt er beim Essen. Ich finde das widerlich, darf aber nichts sagen, er ist unser Gast.

Opa spricht nur den regionalen Dialekt, der Ähnlichkeit mit dem Plattdeutschen aufweist. Ich spreche nur Hochdeutsch, so wie ich es von meinen Eltern und in der Schule gelernt habe. Wenn ich in den Garten geschickt werde, um irgendein Gemüse, Kartoffeln oder Obst für das Abendessen zu holen, kommt es durch die unterschiedliche Sprache zwischen Opa und mir häufig zu Verständigungsproblemen. Doch letztendlich erhalte ich immer das, um das ich ihn gebeten habe.

Mein Großvater arbeitet mehr als zehn Jahre über das normale Rentenalter hinaus als Landschaftsgärtner in einer vollen Stelle. Zu runden Geburtstagen lädt er seinen Chef ein. Dieser lobt meinen Opa vor der Familie und den weiteren Gästen. Er sei zwar nicht mehr ganz so kräftig wie ein junger Mann, gleiche das aber aus, indem er im Gegensatz zu den jüngeren Kollegen nicht ständig mit einer Zigarette rumstehe und Pausen mache, sondern mit Ausdauer und Routine seiner Arbeit nachgehe.

Etwa ab seinem 79. Lebensjahr lassen Opas Gesundheit und Kraft nach. Im Alter von 81 Jahren kommt er ins Krankenhaus und verstirbt kurz darauf, nur wenige Tage vor Heilig Abend. Zuvor hat er meinen Eltern Weihnachtsgeschenke für unsere Familie in Form von Geld gegeben. In diesem Jahr erleben wir Weihnachten als ein trauriges Fest. Noch heute spüre ich kurz vor Weihnachten eine innere Unruhe, es könne bis zum Fest noch etwas passieren. Opa wird auf dem katholischen Waldfriedhof im Dorf beigesetzt. Schon vor Jahrzehnten hat er eine Familiengruft gekauft, in der bisher sein ältester Sohn und seine Frau begraben liegen. Im Verlauf des anschließenden Beerdigungskaffees gehen die Bauern des Dorfes an die Theke im Nebenraum und singen: „So ein Tag so wunderschön wie heute“. Mein Vater ist pikiert und fragt sich, ob es am Alkohol liegt, dass die Bauern ein solches Lied singen.

Alles, was Opa zum Zeitpunkt seines Todes an Geld und Gegenständen besitzt, bekommt seine Tochter. Sein Sohn geht leer aus. Jedoch hat Franz 1971 bereits einen Teil des Grundbesitzes überschrieben bekommen. Dazu mussten sie dreimal zum Notar gehen, weil keiner genau wusste, was alles an Bau-, Ackerland und Wiesen da war. Die Unterlagen wurden von der Schwester meines Vaters aufbewahrt. Diese rückte sie nicht heraus. Meine Mutter äußert sich eine Weile nach Opas Beisetzung Markus und mir gegenüber: „Ich wünschte, euer Vater hätte die silberne Taschenuhr als Erinnerungsstück an seinen Vater bekommen. Die Uhr hat Tante Ursula jedoch eurem älteren Cousin gegeben.“ Wir spüren, wie sehr das Mutters Gerechtigkeitsempfinden widerstrebt. Bis heute wissen wir nicht, ob es Opas letztem Willen entsprach, oder ob Tante Ursula das entschieden hat. Soweit ich weiß, wurde die Enttäuschung nie gegenüber der Schwester und dem Neffen meines Vaters geäußert. Anstand und Respekt vor dem Willen des Verstorbenen verbieten es, über so etwas zu reden. Oder liegt es vielmehr an der Beziehung zwischen meinem Vater und seiner Schwester?

3. 1933 bis 1945

In unserem Dorf gibt es sowohl Anhänger und Mitläufer als auch Kritiker des Hitler-Regimes. Theodor und Magdalene zählen zu den Kritikern. Die meisten Bauern dürfen auf ihren Höfen bleiben, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Etwa zwei Jahre vor Kriegsende wird Theodor eingezogen, er ist damals Mitte vierzig. Jemand aus dem Dorf hat dafür gesorgt, dass er in den Krieg nach Italien ziehen muss. Er hatte zuvor eine führende Person des Reichsnährstandes verbal angegriffen. „Es gab eine Versammlung, bei der die beiden zusammenkamen.“ Einige der Bauern, „meist Atheisten“, sind „pro Hitler“ eingestellt und arbeiten mit den Nazis zusammen.

Jeder, der in den Krieg nach Italien muss, weiß: „Da kommt man nicht mehr raus. Die italienischen Partisanen waren am gefürchtetsten.“ Mein Vater Franz, damals acht Jahre alt, erlebt riesige Angst um seinen Vater. Theodor nimmt sich vor, sollte er je lebend zurückkehren, wird er denjenigen umbringen, der seinen Einzug nach Italien veranlasst hat. Seinen Entschluss teilt er der Familie mit.

Während seines Einsatzes in Italien verbringt Theodor einmal Urlaub zu Hause. Er erzählt nicht viel, zumindest nicht gegenüber seinem jüngsten Sohn. Die Familie bekommt aber mit, dass die Partisanen in Italien „furchtbar waren“. Theodor rechnet damit, dass bald seine letzte Stunde schlagen und er von den Partisanen umgebracht werden wird. Stattdessen kommt er unverletzt aus Italien zurück. Theo wird anschließend in Norddeutschland an der sogenannten Heimatfront an einer Fliegerabwehrkanone, Flak genannt, eingesetzt. Franz erfährt nicht, warum sein Vater nach Norddeutschland versetzt wird. Das bespricht Theodor nur mit seiner Frau. Magdalene fällt es sehr schwer, mit der Situation und den Problemen umzugehen. Franz möchte ihr gerne helfen und empfiehlt seiner Mutter, Abführmittel gegen die Probleme zu nehmen. Mein Vater war schon immer für seine praktischen Tipps bekannt. Bei unserem Interview lacht er über sich selber, wie er als Kind auf eine solche Idee kommen konnte.

Norddeutschland ist Theodors letzte Station. Er wird dort bis Ende des Krieges eingesetzt. Von hier aus schreibt er schwermütige Briefe an die Familie. Anschließend wird er in ein Gefangenenlager am Niederrhein gebracht. Dieser Ort liegt innerhalb der britischen Besatzungszone. Die Briten sorgen dafür, dass die deutschen Soldaten, die den Krieg überlebt haben, wieder in ihre Heimatorte kommen. Theos Vorhaben, sich an demjenigen zu rächen, der für seinen Einzug nach Italien verantwortlich ist, setzt er unter anderem dank des Einflusses seiner Frau nicht in die Tat um. Ich frage mich beim Schreiben, was Opa mit all der Wut und Ohnmacht, die er erlebt haben muss, gemacht hat.

Auch wenn der Vater zu Hause so gut wie nichts über seine Erfahrungen im Krieg erzählt, spürt die Familie, wie sehr er sich verändert hat. Franz erkennt seinen eigenen Vater kaum wieder. Es muss irgendetwas oder vieles passiert sein. Andeutungsweise gab es eine Kriegswitwe, die einfach nackt vor ihm gestanden habe. „Was sollte er da machen?“ Irritierend für die Familie ist, dass der Vater von seiner letzten Station im Krieg in Norddeutschland gut erholt zurückkommt und wie das blühende Leben aussieht. Gleichzeitig hat sich seine Persönlichkeit durch die Kriegs- und sonstigen Erlebnisse verändert. Die Ehe von Magdalene und Theodor läuft anschließend nicht mehr gut. Franz spürt, seine Mutter mag seinen Vater nicht mehr. In mancherlei Hinsicht entwickelt Theo sich nach dem Krieg „wie zu einem Tier“. Auch schlimme Essgewohnheiten, wie extrem lautes Schmatzen, gewöhnt er sich an. Mein Vater schämt sich für seinen eigenen Vater. Er hätte noch so viel über Opa Theodor zu erzählen, doch aus Loyalität und, um das Andenken an seinen Vater nicht zu beschädigen, möchte er das nicht9.

Während der beiden Kriegsjahre, in denen Theo sich in Italien und Norddeutschland aufhält, versorgt Magdalene zusammen mit ihrer Tochter Ursula den Hof. Eines Tages spricht ein Hitler-Getreuer aus dem Dorf sie auf ihre kritischen Äußerungen an. Er sagt: „Wenn du ein Mann wärst, müsste ich dich dafür erschießen.“ Magdalene kommt noch einmal mit dem Schrecken davon. Für die ganze Familie ist es ein unglaublicher Schock.