Ich Hau Ab! - Eckhard Kowalke - E-Book

Ich Hau Ab! E-Book

Eckhard Kowalke

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Beschreibung

"Ich Hau Ab!" ist die autobiografische Erzählung des Künstlers Eckhard Kowalke. Sein Leben schreibt ein wichtiges Kapitel über die deutsche Nachkriegsgeschichte und zieht den Leser vom ersten Kapitel an in seinen Bann. Lebendig, authentisch und atmosphärisch dicht lässt er den Leser teilhaben an seinen dramatischen, ungewöhnlichen und teilweise unglaublichen Erlebnissen. Aus einem Heimkind, dass gebrochen werden soll, wird ein Künstler, der Bomben malt statt sie zu werfen. Aus einem kriminellen RAF Sympathisanten wird ein Mensch, der sich sozial engagiert und denen eine Stütze ist, die seinen Leidensweg geteilt haben. Das Buch Ich hau ab ist ein bittersüßes Zeugnis der deutschen Vergangenheit, so wie es wirklich war.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Meine autobiografischen Erzählungen widme ich allen Menschen, die an wahren Ereignissen interessiert sind.

Inhaltsverzeichnis

„Gib Gas!“

Freistatt

Im Moor

Massenausbruch

„Das fängt ja gut an!“

„Haare ab!“

„Ich hau ab!“

„Wo is‘ was los?“

Flüchtlingspack

Festnahme

Selbstmord

Panzerknacker

Bomben malen

Kaschuben?

Neue Heimat

In die Vergangenheit

Göttliches Licht

Wünschelrute

Gänsemord

Reif für die Insel

Panzerknacker

Meine erste große Liebe

Flucht mit Marita

Kalte Muschi

Die dicke Lulu

Landleben

Sturzflug

Aufbruch

In der neuen Welt

Nachwort

„Gib Gas!“

Nachts, ungefähr gegen zwölf Uhr kletterten wir aus dem Fenster. Wir brachen aus dem Leiner Stift aus. Das Leiner Stift befindet sich in Mittelgroßefehn, Ostfriesland. Ich floh mit meinem Freund Kalle, und noch jemandem, dessen Name mir immer wieder entfällt. Kunzepeter hieß er, glaube ich. Wir hatten unseren Ausbruch schon am Tage vorbereitet. Wir lebten in einem Haus, welches ein wenig abseits stand. Davor standen vier große Birken. Die waren aber so dicht an das Haus herangewachsen, dass man mit einem kleinen Sprung die Äste der Bäume erreichen und sich daran hinunterlassen konnte , wenn man oben ein Erkerfenster öffnete und sich auf das Dach begab. So hatten wir das auch geplant. Wir warteten, bis die Erzieherin, die genau unter uns schlief, zu Bett gegangen war. So gegen zwölf Uhr war ordentlich Wind und die Bäume machten Geräusche. Das war für uns das Signal: jetzt können wir unbemerkt hier abhauen. Als wir die Fenster öffneten, stiegen wir auf das Dach. Das waren rote Dachziegel und wir hatten Angst, dass wir abrutschen würden. Wir traten einzeln auf das Dach, hielten uns rückseitig am offen stehenden Fenster fest und gingen in die Knie, um genug Absprungkraft zu haben und den Baum und dessen Äste zu erreichen, der ca. zwei Meter entfernt stand. Dadurch, dass wir nach unten sprangen, kamen wir etwas weiter und erreichten somit die ersten Äste, an denen wir uns festhielten. Aufgrund unseres Gewichtes neigte sich der Ast und wir konnten uns zu Boden lassen. Als der Ast danach hochschnellte, machte er natürlich ein lautes Geräusch, doch dieses Rascheln ging unter, da draußen ein sehr heftiger Wind wehte und die Bäume deshalb von sich aus ständig intensive Blättergeräusche machten. Als ich dann dran war, in den Baum sprang, glücklicherweise auch den Ast erreichte und mich auf den Boden sinken ließ, empfing mich frischer Wind.

Es war eine herrliche Luft draußen. Die Sterne funkelten. Der klare Sternenhimmel war dennoch verhältnismäßig dunkel, da kein Mond zu sehen war. In der Ferne waren am Eingangsbereich des Leiner Stiftes Laternen zu sehen, die leuchteten und ein ganz mildes Licht abgaben. Überall spürten wir Feuchtigkeit, da es schon spät in der Nacht war. Aber es war schön, im Freien zu sein. Die Luft roch herrlich, im Gegensatz zu dem Mief in den Räumlichkeiten, in denen wir uns oben aufhielten und die ständig nach frischem Bohnerwachs rochen und nach Medikamenten oder nach der frischen Bettwäsche, die in irgendwelchen Desinfektionsmitteln gewaschen wurden. Deren Geruch habe ich manchmal heute noch in der Nase, wenn ich daran denke. Es war einfach toll, draußen zu stehen und die frische Luft zu atmen. Das gab uns ein Gefühl von Freiheit. Aber wir waren auch mit Angst erfüllt, entdeckt zu werden. Jetzt standen wir auf der Straße und nahmen unsere Freiheit wahr. In Wirklichkeit waren wir ja nicht frei. So schlichen wir uns vom Leiner Stift fort in Richtung Hesepe bzw. Richtung Leer, über mehrere Dörfer. Irgendwann kamen wir an eine Tankstelle. Mein Freund Kalle war der von uns, der schon ein Auto fahren konnte. Er sagte: „Wir müssen uns ein Auto klauen, sonst kommen wir hier nicht rechtzeitig weg. Die fahren die Bundesstraßen ab und greifen uns irgendwo wieder auf. Ich habe keine Lust, wieder in das beschissene Heim zurückzukehren.“ Ich wusste aus seinen Erzählungen, dass er schon mehrfach aus Heimen abgehauen war. Wir schlichen uns alle drei an diese Tankstelle heran und ich sagte:“Kalle, geh leise.“ Als wir die Bundesstraße verließen machten unsere Schritte Knirschgeräusche auf dem dortigen Kiesweg. Das ließ sich aber nicht ganz vermeiden. Wir mussten zur Garage einer Werkstatt und nahmen alles in Augenschein. Kalle entdeckte dann, dass ein Oberfenster schräg offen stand. Dieses war aber sehr hoch und allein kamen wir so nicht daran. Kalle pfiff mich zu sich: „Eh, Eckardt, komm, mach mal Räuberleiter.“ Ich kniete mich leicht hin, faltete meine Hände zusammen zu einem Steigbügel, so dass Kalle mit einem Fuß einsteigen konnte. Nach einer Drehung stand Kalle dann auf meiner Schulter und ich musste mich an der Wand abstützen, damit ich das Gleichgewicht halten konnte. Er reckte sich hoch zum halb offenstehenden Kippfenster, zog sich hoch und zwängte sich durch diesen engen Fensterschlitz in das Innere der Werkstatt. Ich konnte dann hören, wie Kalle sich innen hinunterließ und mit einem leichten Plumps in der Werkstatt landete. Wir anderen brachten uns draußen in Sicherheit, d.h. wir entfernten uns vom Gebäude und versteckten uns hinter zum Verkauf stehenden Wagen, die draußen standen. Dann ging mit einem Mal die Tür von innen auf und Kalle kam mit einer Hand voll Schlüsseln heraus, die er in der Werkstatt aufgetrieben hatte. Er sagte: „Eh, Eckhardt, schau mal, ich habe hier lauter Autoschlüssel, die müssen für die Autos sein, die hier draußen stehen.“ Er suchte dann einen VW-Schlüssel heraus und hatte auch gleich beim ersten Versuch Glück. Es stand dort ein VW, bei dem der Schlüssel passte. Die anderen Schlüssel, das erkannte Kalle an den Schlüsselformen, gehörten zu Autos, die dort gar nicht standen. Vielleicht Kundenschlüssel von Autos, die dort untergebracht waren. Wir öffneten den Wagen ganz vorsichtig. Kalle setzte sich hinein, probierte den Schlüssel, der passte, und er schloss das Lenkrad frei und stieg wieder aus. Mit offener Tür schoben wir den Wagen dann von Hand, um keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Einen VW zu starten, blubberte damals schon ganz gut. Wir schoben den Wagen zu dritt von der Werkstatt weg bis zur nächsten Straßeneinfahrt. Kalle setzte sich ins Auto. Ich saß hinten auf der Rückbank und Kunzepeter auf dem Beifahrersitz. Kalle startete den Wagen, Tür zu und ab ging die Post, auf der Bundesstraße Richtung Oldenburg. Vor der Abfahrt hatten wir festgestellt, dass der VW keine Nummernschilder hatte. Das störte uns nicht weiter. Hauptsache, wir hatten ein fahrbaren Untersatz und kamen aus der Gegend weg. Wir mussten uns so weit wie möglich in dieser Nacht vom Leiner Stift entfernen, um der Suche nach uns zu entgehen, die vermutlich sofort nach der Entdeckung unseres Verschwindens starten würde. So war uns das scheißegal. Wir fuhren mit diesem Wagen ohne Nummernschild Richtung Oldenburg. Als wir in die nächstgrößere Ortschaft hineinfuhren, ich meine, das war Hesepe, kam uns ein Fahrzeug entgegen. In meiner Unwissenheit sagte ich: „Kalle, mach das Fernlicht an, dann können die von vorne nicht sehen, dass wir kein Nummernschild haben.“ Das war wohl der größte Fehler, den ich Kalle empfehlen konnte, weil es genau das Gegenteil bewirkte, nämlich, dass man auf uns aufmerksam wurde, weil wir mit Fernlicht in den Ort hineinfuhren. Aber Kalle hatte keinen Führerschein und wir hatten überhaupt noch keine Ahnung vom Autofahren. Wir waren ja gerade erst zwölf Jahre alt und ich hatte noch nie selbst einen Wagen gefahren. Kunzepeter ging es, glaube ich, nicht anders. Also Kalle war der einzige, der in der Lage war, ein Fahrzeug zu führen, aber eben ohne Führerschein. Sein Vater hatte einen Schrotthandel. Dort durfte er auf dem Privatgelände ab und zu mal ein Fahrzeug fahren. So hatte er das Fahren gelernt, aber nicht auf der Straße. Er kannte erst recht keine Straßenverkehrsordnung. Jedenfalls fuhren wir Richtung Oldenburg und es kam uns plötzlich besagtes Fahrzeug entgegen, blendete auf, weil wir ja Fernlicht anhatten. Als es an uns vorbeifuhr, erkannten wir, dass es sich um ein Polizeifahrzeug handelte. Uns fuhr der Schreck in die Glieder und ich sagte zu Kalle: „Gib Gas! Das sind die Bullen.“ Ich drehte mich um und beobachtete, dass das Polizeifahrzeug stoppte, wendete und mit Blaulicht hinter uns herkam. Kalle fasste den Entschluss: „Eckhardt, wir halten nicht an. Wir geben Gas und lassen uns nicht noch einmal in dieses Heim zurückbringen.“ Der Polizeiwagen kam näher und setzte zum Überholen an. Da ich hinten saß, konnte ich Kalle rechtzeitig warnen, indem ich ihm zurief, von welcher Seite aus der Polizeiwagen versuchte, uns zu überholen. Er fuhr immer auf die entsprechende Seite und drängelte den Polizeiwagen ab. Das ging eine ganze Zeit so. Kalle war wie besessen, wegzukommen. Wir waren so besessen davon, uns nicht mehr kriegen zu lassen und nicht mehr in das Heim zurückzukehren, dass wir alles auf eine Karte setzten. Kalle fuhr so gut, wie er konnte. Ich gab weiter Anweisungen, so dass er die Bullen immer wieder abdrängen konnte. Als ich mich wieder nach hinten umdrehte, dachte ich, was war das? Das Zündfeuer einer Polizeipistole hatte aufgeblitzt! Der Beifahrer des Streifenwagens hängte sich aus dem Seitenfenster heraus und eröffnete das Feuer mit seiner Dienstwaffe auf uns. Ich sah mehrere Blitze hintereinander und hörte auch Einschläge ins Auto. Es klatschte immer so: „Batsch, Batsch!“ Ich rief Kalle zu: „Die Bullen ballern auf uns! Gib Gas!“ Kalle beteuerte nochmals: „Ich werde nicht anhalten! Ich geh nicht wieder zurück!“ Ich drehte mich mit dem Oberkörper nach hinten, um besser aus dem Rückfenster sehen zu können. In diesem Moment staubte es aus dem Polster, genau unter meinem Arm hindurch. Ich wusste, dass dies eine Kugel war. Was hätte sonst da herauskommen können? Diese Kugel schlug genau in der Rückenlehne von Kalles Sitz ein. Der machte einen Satz nach vorn auf das Lenkrad und jaulte einmal tierisch auf:

„Scheiße, ich bin getroffen!“

Kalle musste tierische Schmerzen gehabt haben. Gott sei dank stellte sich später heraus, dass die Kugel genau in seiner Rücklehne stecken geblieben war und trotzdem dabei soviel Wucht hatte, dass sie ihm einen großen Bluterguss verursachte, den er noch wochenlang behielt. Ich wollte das alles nicht wahrhaben. Es war eine fürchterliche Situation, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich saß hinten auf dem Rücksitz und war dem Kugelhagel ausgesetzt, der durch die Rücklehne in den Innenraum hereinkam. Ich hatte Todesangst, dass mich die nächste Kugel treffen würde. Diese Todesangst nahm ich massiv körperlich wahr. Sie ist mit keinem anderen menschlichen Gefühl zu vergleichen! Kalle gab trotzdem Gas und hielt nicht an. Eine Zeit später fing der Wagen an zu stottern. Alle Lampen leuchteten rot auf und der Wagen blieb mitten auf einer Kreuzung stehen. Später erfuhren wir, dass dieses Stehenbleiben des Wagens daran lag, dass eine Kugel den Keilriemen des Wagens durchschlagen und zerrissen hatte. Da der VW luftgekühlt war und der Propeller nicht mehr angetrieben wurde, der normalerweise den Motor gekühlt hätte, war der Motor praktisch heißgelaufen. Er hatte einen Kolbenfresser bekommen und war einfach blockiert stehengeblieben. Dies dann mitten auf einer Kreuzung. Wir standen dort höchstens ein paar Sekunden. Danach waren wir von Streifenwagen umzingelt. Der Wagen, der uns verfolgt hatte, stand hinter uns mit geöffneten Türen, hinter denen sich die Polizisten mit angelegter Waffe verschanzten und auf uns zielten. Sie forderten uns laut auf, mit erhobenen Händen das Auto zu verlassen. Es blieb uns wohl nichts weiter übrig. Wir hatten keine Fluchtmöglichkeit mehr. Kalle sagte nur: „Ich steige nicht aus, scheißegal.“ Er hatte das kaum ausgesprochen, da stand der Polizist, der uns verfolgt und das Feuer auf uns eröffnet hatte, mit gezogener Waffe neben dem Wagen und forderte Kalle auf, herauszukommen. Dieser Polizist hatte uns vorher gesehen, er hatte versucht, uns zu überholen und dabei in den Wagen hineingesehen. Er hatte gesehen, dass wir keine Erwachsenen waren. Er muss also ganz bewusst auf uns geschossen haben, mit dem Wissen, dass er auf Kinder schießt. Das hat mir später viel zu denken gegeben, wie die Polizei damals noch drauf war, zumindest dieser Polizist. Da Kalle das Auto nicht verließ, kam der Polizist mit der Waffe auf ihn zu und riss die Tür auf. Als er erkannte, dass wir alle Kinder bzw. Jugendliche waren, steckte er seine Waffe weg, packte Kalle und zerrte ihn aus dem Auto und fing an, auf Kalle herum zu prügeln. Mir ging im wahrsten Sinne des Wortes der Arsch auf Grundeis. Ich kauerte mich auf der Rückbank zusammen und dachte, scheiße, gleich bis du der nächste. Andere Polizisten kamen dann aber dazu, zerrten den prügelnden Kollegen beiseite und sagten: „Jetzt lass es mal gut sein.“ Das war für mich eine große Erleichterung. Ich dachte, ach, Gott sei Dank, jetzt bekomme ich keine Prügel mehr.

Wir wurden nochmals aufgefordert, aus dem Wagen herauszukommen. Als ich dann ausstieg, stand ein weiterer Polizist aus einem anderen Streifenwagen vor mir, holte aus, und gab mir eine schallende Ohrfeige und schrie: „Du hättest mein Sohn sein können!“ Ich war mir dessen gar nicht bewusst, was das für diesen Mann bedeutet haben muss. Es war wohl für alle eine schockierende Erkenntnis, dass Kinder in einem Wagen saßen, auf den ein Kollege mehrere Magazine leergeschossen hatte. Als wir später in die Polizeiwache überführt wurden, das muss irgendwo in der Nähe von Oldenburg gewesen sein, stand unser Wagen schon bereits auf dem Hof. Er war von irgendeinem Abschleppdienst dorthin gefahren worden, als Beweismittel. Sie hatten um jeden Einschuss einen weißen Kringel gemalt, um auf einem Foto die Einschüsse sichtbar zu machen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen, das Auto sah von hinten aus wie eine Tapete mit weißen Kringeln. Auch von der Seite waren weiße Kringel, also Einschüsse zu sehen.

Wir hatten großes Glück gehabt, dass wir ohne von einer Kugel getroffen worden zu sein, lebend aus dem Auto herausgekommen waren. Es war auch nur Glücksache, dass die Kugel, die Kalle getroffen hatte, genau diesen Streifen aus dünnem Federstahl in der Lehne erwischt hatte, so dass das Geschoss aufgehalten worden war und ihn nicht schlimmer verletzt hatte. Dessen wurden wir uns allerdings erst viel später bewusst, dass wir nicht Pech hatten, sondern dass wir Glück hatten, dort lebend aus dem Auto herausgekommen zu sein. Im Polizeirevier wurden wir dann getrennt. Wir wurden alle drei in Zellen untergebracht. In einer Zelle waren nur eine Pritsche und ein Plastiktopf für die Notdurft. Nach ein paar Stunden hörte ich, dass meine Freunde aus der Zelle herausgeholt wurden zum Verhör.

Irgendwann war ich dran und saß an einem Tisch mit mehreren Polizisten, auch Zivilbeamte der Kripo waren dabei. Die erste Frage war dann: „Wieso habt ihr nicht angehalten?“ Als ich überhaupt nichts sagte, versuchte ein älterer Polizist es auf die väterliche Tour: „Nun erzähl doch mal. Warum habt ihr denn nicht angehalten? Unser Kollege hätte euch fast erschossen.“ Ich dachte, ok, jetzt erzähle ich mal, warum ich aus dem Leiner Stift abgehauen bin. Erst ging es darum, meine Identität festzustellen, woher ich komme. Ich nannte meinen Namen: „Eckhardt Kowalke, komme aus Stuhr, bin aber jetzt aus dem Leiner Stift abgehauen.“ - „Ein entflohener Zögling“, hörte ich aus dem Hintergrund. Da dachte ich, Scheiße, hier wirst du genauso abgestempelt. Ich traute mich gar nicht, denen zu erzählen, was unser eigentliches Motiv für den Ausbruch war. Ich hatte schon Bedenken, als ich hörte: „Ach, Fürsorgezögling.“ Ich wollte gerade loslegen und erzählen, was für eine Scheiße da abläuft in diesem Heim, da sagte der andere Bulle: „Der wird uns auch wieder so Schauermärchen erzählen, wie furchtbar das dort ist und dass es dort nur Prügel gibt und wenig zu essen.“ Da dachte ich, hier muss ich nicht darüber reden, was im Leiner Stift wirklich abgelaufen ist. Ich wurde nach dieser kleinen Vernehmung, bei der ich mich ja nicht weiter geäußert hatte, wieder in eine der Arrestzellen in den Keller gebracht. Es dauerte ungefähr noch einmal zwei Stunden, dann wurden wir wieder aus dieser Zelle herausgeholt, nach oben zu den Büros. Dort sah ich den Heimvater, Herrn Saufner, Herrn Meyers und noch einen weiteren Erzieher. Sie waren mit zwei Fahrzeugen da, um uns abzuholen. Sie führten uns zu ihren Autos. Es wurde kein einziges Wort gesprochen. Wir mussten auf der Rückbank Platz nehmen, Kalle und ich in Saufners Wagen, Kunzepeter im Fahrzeug des anderen Erziehers. So fuhren wir resigniert schweigend zum Leiner Stift. Ich wusste genau, was Kalle passieren würde. Wenn sie uns wieder in den Fängen haben und wir uns nicht wehren können, werden sie uns unserem Schicksal überlassen. Mir grauste bereits Fürchterliches. Ich wusste aus Kalles Erzählungen, was ihm als erstes im Leiner Stift passiert war. Er musste sich im Nebenraum des Büros bis auf die Unterhose freimachen. Herr Saufner ging zu einem alten Bauernschrank hin, auf dem er jede Menge Schlagstöcke liegen hatte. Saufner schlug einfach wahllos auf die Kinder ein. Wenn die Stöcke zu Bruch gingen, lag immer noch ein guter Ersatz oben auf dem Schrank. Wenn es ganz böse kam, haben mir andere berichtet, wurden sie danach noch vergewaltigt. Es soll mehrfach geschehen sein, dass Saufner sich an den verprügelten Kindern verging. Er muss ein richtig perverses Arschloch gewesen sein. Mir blieb das Gott sei Dank erspart, das habe ich im Nachhinein erfahren, weil ich ja gerade erst angekommen war. Neulinge werden irgendwann dem Fürsorgerichter vorgeführt, der entscheidet, ob man länger im Heim bleiben muss. Man wird bei diesen Terminen gefragt, ob man lieber zu Hause ist. Das hätte man sich auch sparen können. Natürlich wollte ich nach Hause. Im Heim ging es mir scheiße. Das Gericht war in Aurich.

Das war irgendwie ein eingespieltes Ding, das da ablief. Man kam rein und es wurden kurz zwei Fragen gestellt. Ich glaube aber, dass die Antworten überhaupt keine Berücksichtigung bei der Beurteilung fanden, so dass man dann endgültige Fürsorgeerziehung am Hals hatte. Man wurde behandelt wie Eigentum. Wir wurden also wieder zurückgefahren. Auf dem Weg in das Leiner Stift herrschte absolute Stille im Auto. Es wurde nicht einmal gefragt, wie wir denn dazu gekommen seien wegzulaufen. Es gab auch keine Vorwürfe. Meine Befürchtungen bestätigten sich.

Als wir im Leiner Stift ankamen, hielten wir vor dem Haupthaus. Dass war dort, wo Herr Saufner sein Büro hatte. Wir gingen in dieses Gebäude. Es war ein sehr altes Haus, mit Efeu bewachsen. Es sah aus wie ein altes Herrenhaus. Ich werde das Gefühl, in dieses Haus gehen zu müssen, nie in meinem Leben vergessen. Das erste Mal, als ich dieses Gebäude betrat, sah ich, dass im Eingangsbereich sehr dicke alte Bohlen lagen, die mit einem rötlichen Bohnerwachs, vollgeschmiert waren. Es roch alles nach diesem Bohnerwachs. Am Ende des Flures wienerten zwei Kinder mit Schrubbern ohne Stiel auf Knien diese gewachsten Dielen, damit sie wie Speckschwarten glänzten. Das war der erste Eindruck, den ich hatte, als ich im Leiner Stift ankam. Rechts war die Tür zum Büro von Herrn Saufner. Das war die Schreckenskammer. Zuerst kam man in sein Büro. Dort saß meistens auch noch die Sekretärin. Vom Büro aus führte eine Tür nach links in Herrn Saufners „Privatbüro“, in dem auch der Schrank mit den Knüppeln stand. Da hineingebeten zu werden, das wusste jeder, war erschreckend. Dort bekam man eine tierische Tracht Prügel oder wurde sogar vergewaltigt. Das musste man hinnehmen, man hatte keine andere Wahl. Man war zu schwach, zu klein sich zu wehren. Solidarität gab es in Heimen nicht. Hier ging es einfach nur darum, zu überleben. Dass ein anderer sich für einen eingesetzt oder ihn in Schutz genommen hätte, wäre undenkbar gewesen. Wir kamen dann der Reihe nach dort an. Ich musste mich auch bis auf die Unterhose ausziehen. Das war im Büro von Herrn Saufner. Ich hatte ja noch meine Privatkleidung an. Ich musste mich dann über einen Stuhl legen und bekam von Herrn Saufner eine Tracht Prügel mit einem Stock, dessen Striemen Monate später noch zu sehen waren. Die Schläge verursachten richtige Narben, denn die Haut war davon aufgeplatzt. Ich weiß heute noch nicht, wie ich das jedesmal ausgehalten bzw. überstanden habe. Es war nicht nur der Schmerz, sondern auch die Demütigung und die Ohnmacht, diesen Menschen einfach ausgeliefert zu sein und nicht die Möglichkeit zu haben, sich an irgendeine Menschenseele wenden zu können. Deswegen blieb einem nur die Flucht übrig, um sich diesen perversen Arschlöchern, die über uns frei verfügen konnten, zu entziehen. Später, als ich älter und noch sehr hasserfüllt war, kam mir in den Sinn, zum Leiner Stift zu fahren und diejenigen zu erschießen, die uns das angetan haben. Nachdem wir unsere Tracht Prügel bezogen hatten, bekamen wir die Heimkleidung. Das waren eigentlich Lumpen. Ich bekam so eine gelbe Latzhose, die mir bestimmt zehn Nummern zu groß war. Ich musste sie umkrempeln, nach dem Motto, damit jeder erkennt, dass du aus dem Leiner Stift kommst. Wir wurden danach wieder in das Haus unserer Wohngruppe zurückgeführt. Dieses Haus befand sich sehr abgelegen am Ende der Straße, auf der linken Seite, wenn man vom Leiner Stift aus hineinfährt. Davor standen die beschriebenen drei Birken. Von der Straßenseite her gab es einen ganz normalen Eingang. Rechts davon war der Raum, in dem unsere Erzieherin wohnte. Wir mussten aber immer hinten reingehen. Wenn man dort hereinkam, waren auf der linken Seite durch eine Mauer verschiedene Fächer abgetrennt. Da müssen früher Stallungen gewesen sein. In einem Fach wurde Kohle gelagert, in einem anderen Holz und am Ende dieses Raumes war dann links eine Nische mit Ölfarbe braun angestrichen, in der man stehen konnte. Da war auch ein Abfluss. Dies war vermutlich früher der Abfluss, durch den die Jauche der Tiere ablief, die dort gehalten worden waren. Man hatte dies zu einer Ecke umfunktioniert, in der man duschen konnte.

In einem Kabuff davor stand ein Boiler, der regelmäßig angeheizt werden musste. Ich schätze, dass der Boiler so ca. fünfzig Liter Wasser enthielt. Also wenn geduscht werden sollte, musste dieser Boiler vorher angeheizt werden. Wir konnten dann der Reihe nach duschen, so lange warmes Wasser vorhanden war. Man musste also sehr sparsam damit umgehen. Es dauerte ja immer wieder eine Weile, eh man das neue Wasser aufgeheizt hatte. Von da aus ging eine Tür in das Innenhaus. Unten waren Räume, die wir Tagesräume nannten. Es waren wahrscheinlich früher Stuben der Leute, die dort einmal gewohnt hatten. Rechts führte eine Treppe hoch, die einen Knick machte. Im obersten Bereich waren dann unsere Schlafräume. Es handelte sich um sehr kleine Zimmer, in denen jeweils drei bis vier Betten standen. Auf dem Flur stand, direkt am Schornstein angeschlossen, ein kleiner Kohleofen, den wir beheizen mussten. Die Zimmertüren wurden aufgemacht, damit die Wärme auch in die Räume hineinziehen konnte. Aber richtig warm wurden sie nie. Dieser kleine Ofen langte nie aus, um die ganze oberste Etage zu erwärmen. Die Betten waren daher immer ziemlich feucht. Wir waren also nicht sehr luxuriös oder komfortabel untergebracht, zumal die Wände oben alle schräg waren. An den geraden Innenwänden standen immer zwei Doppelbetten und zur Dachseite bzw. Schräge standen immer jeweils zwei Betten, so dass sechs Betten in diesen kleinen Räumen standen, mit einem Bereich in der Mitte, auf dem man dann laufen konnte. Zum Essen mussten wir in den Tagesraum nach unten gehen.

Dieses Essen mussten wir vom Haupthaus holen, dort, wo Herr Saufner sein Büro hatte. Das Essen wurde in Kübeln getragen. Im Winter war das Essen dann meistens abgekühlt. Wir hatten Plastikgeschirr, also alles vom Billigsten. Auch das Essen, was dort angeboten wurde, war entsprechend. Ich habe in der ersten Zeit mein Essen fast verweigert. Ich bekam es nicht hinunter. Für mich war das einfach nur Fraß, zumal ich von Zuhause essensmäßig verwöhnt war. Bei meinen Eltern gab es sehr leckere, nahrhafte und bodenständige ostpreußische Küche. Jeder hat wohl früher Zuhause gern bei Muttern gegessen. Wir waren in diesem Haus ungefähr bis zu zehn Kinder. Das hat öfters gewechselt in den kleinen Kabuffs oben. Morgens hieß es frühstücken. Dort stand dann Muckefuck und Marmeladenbrot. Danach hieß es antreten und wir mussten im Gleichschritt zur Schule gehen. Wir versammelten uns dann vor dem Haupthaus. Herr Saufner schaute immer aus dem Fenster, das ja höher lag. Wir standen auf der Straße, die zum Leiner Stift führte und er zählte uns durch. Danach durften wir über eine Apfelbaum-Allee zur Schule gehen, die sich genau gegenüber vom Haupthauseingang befand. Die Schule bestand nur aus einem einzigen Raum. Alle Altersgruppen von sechs bis dreizehn Jahren waren in einer Klasse untergebracht. Die Schule hatte nur eine Lehrerin, die alle Kinder unterrichtete. Diese Schule hatte mehr Alibifunktion, als dass es sich um eine tatsächliche Schule handelte. Die Lehrerin hatte keinerlei Möglichkeit, sich den einzelnen Kindern zu widmen und uns etwas beizubringen. Das lief dann so ab, dass irgendwelche Leute ein Lesebuch abschreiben mussten oder auswendig lernen sollten. Aber es wurde nicht abgehört. Sie hatte gar nicht die Zeit dazu. Es waren teilweise bis zu vierzig Kinder in diesem Klassenraum. Es war einfach nur chaotisch. In der sogenannten Pause gab es auf dem Schulhof eine Hierarchie. Die Älteren und die Stärkeren durften die Jüngeren auch zusammenschlagen. Ich wurde auch einmal zusammengeschlagen und hatte fast ein gebrochenes Nasenbein. Ich ging weinend zu dieser Lehrerin, die nur sagte: „Selbst schuld, wehr dich.“ Man war sich selbst überlassen. Ich war bereits das dritte Mal aus diesem Heim geflohen. Ich hatte aber keine Chance, dort wegzukommen. Nach dem letzten Fluchtversuch mit Kalle und Kunzepeter, brachte man mich bei den Burschen unter.

Jedenfalls war diese Schule keine richtige Schule. Sie hatte wirklich nur eine Alibifunktion. Oberhalb dieser Schule waren Erker, hinter denen die s.g. Burschenschaft untergebracht war. Nachdem ich dann dort abgehauen war, hatte man mich aus der Schule herausgenommen, ausgeschult nach dem Motto: „Der ist zu doof, um etwas zu lernen.“ Das war immer ein Argument, für die Heimleitung, die Kinder in der Landwirtschaft, die dort ansässig war und zum Heim gehörte, arbeiten zu lassen. Sie wurden einfach ausgeschult, um sie dort zur Arbeit schicken zu können. So hatte man billige Arbeitskräfte, die nichts kosteten. Links neben dem Eingang der Schule befand sich eine Wäscherei. Dort arbeiteten auch Kinder. Angestellte gab es nicht. Alles, was im Heim gebraucht wurde, von der Wäsche bis Küchenarbeit, mussten die Kinder selbst erarbeiten, so dass man kein Personal brauchte oder nur ganz wenig. In der Küche kochte immer nur eine Frau aus dem Dorf. Aber die ganzen Zuarbeiten, Gemüse putzen etc., Küche sauber halten, schrubben, das wurde alles von den Kindern geleistet. Auch unser Haus mussten wir immer selbst sauber halten und wienern. Man könnte sagen, dass es sich um pädagogische Maßnahmen handelte, aber Tatsache ist, dass wir dadurch keinerlei Freizeit hatten. Wir wurden ständig beschäftigt, zu irgendwelchen Arbeiten herangezogen, die zum Unterhalt des Heimes erforderlich waren. Wir waren also nie unbeobachtet. Kind sein war dort nicht möglich, keine Zeit zum Spielen oder zu Sonstigem. Das war sehr bedrückend, zumal Schläge angedroht oder auch sofort ohne Vorwarnung erteilt wurden. Auch unsere Erzieherin, die für unser Haus zuständig war, langte hin. Sie hatte immer einen Kleiderbügel in der Hand. Wer nicht parierte, auf den schlug sie sofort ein. Meistens auf die Finger. Immer nach dem Motto: „Ihr habt zu gehorchen.“ Von Pädagogik kann man also nicht sprechen. Es war nur eine Tyrannei, die wir über uns ergehen lassen mussten. Mit der hielten sie uns in Schach, damit wir funktionierten. Eine andere Aufgabe hatten die Leute nicht. Es handelte sich praktisch um Bewacher.

Ich bin dort mehrmals ausgebrochen. Diese Ausbrüche verliefen fast immer ähnlich. Ich stieg nachts aus dem Fenster, denn das Haus war nicht vergittert. Wir hatten die Möglichkeit, wegzulaufen. Es hieß aber auch immer: „Wenn ihr das versucht, kommt ihr nach Freistatt.“ Das war die Drohung. Man wusste wohl, dass das die Hölle auf Erden war. Aber ich hatte mir gesagt: „Was kann dort schlimmer sein als das, was mir hier täglich passiert? Schlimmer kann es doch eigentlich nicht kommen. Rings um das Heim lagen nur Wiesen. Wenn ich dann nachts, so gegen ein oder zwei Uhr, aus dem Fenster abgehauen oder die Dachrinne hinunter geklettert war, schlich ich mich einen Feldweg entlang und jedesmal, wenn ein Fahrzeug kam, man sah ja die Scheinwerfer von weitem, warf ich mich in die Böschung oder den Seitengraben und versuchte, mich zu verstecken. Man musste ja damit rechnen, dass jedes Auto, welchem man nachts begegnete, ein Fahrzeug des Leiner Stiftes sein konnte, da meine Flucht ja auch schon entdeckt worden sein könnte. Die Umgebung wurde abgesucht und auch die Bauern wurden benachrichtigt. Die bekamen sogar eine Prämie, wenn die uns aufgriffen. Die Bauern machten sich auch einen Spaß daraus, uns erst einmal den Hintern zu versohlen. Ich glaube, sie bekamen fünfzig Mark, wenn sie uns wieder ablieferten. Durch das Verstecken in der Böschung oder im Seitengraben sah man hinterher entsprechend aus. Es war nachts immer alles nass bzw. feucht. Man erschrak auch bei jedem Geräusch. Ich war einmal erschöpft und konnte nicht mehr, setzte mich irgendwo am Straßenrand in den Graben und hörte metallische Geräusche. Mein Herz rutschte in die Hose und ich drehte mich um. Es waren aber nur Kühe, die irgendwelches Geschirr anhatten, das diese Geräusche machte. Ich war immer sehr erleichtert, dass es sich nur um Kühe handelte und mich keiner ergreifen wollte.

Es gab dabei auch schöne Momente. Ich erlebte wunderschöne Sonnenaufgänge, wenn mit den ersten Sonnenstrahlen die Tautropfen, die sich in Spinnweben verfangen hatten, wie Millionen von Diamanten glitzerten. Diese Vorfälle wiederholten sich sehr oft und prägten sich bei mir ein. Ich fühlte mich immer wie Richard Kimble auf der Flucht. Ich habe es ein paarmal geschafft, bis nach Hause in Stuhr zu kommen. Ich glaube, ich bin diese Strecke von Mitte-Großefehn, Ostfriesland bis nach Bremen-Stuhr vier oder fünfmal zu Fuß gelaufen. Daher die Story mit Kalle und Kunzepeter, als wir uns entschlossen hatten, alles auf eine Karte zu setzen und den VW zu stehlen, um wegzukommen. Da kann man sich vorstellen, dass wir auch bereit waren, unser Leben zu riskieren, um nicht mehr in dieses Leiner Stift zurückzukommen. Das war der Anfang meiner Odyssee, die mich bis zum Jugendknast Vechta brachte. Irgendwann hieß es: „So, Kowalke, Sachen packen!“ Ich hatte gar keine Sachen. Ich hatte nur eine Einkaufstasche bzw. einen Plastikbeutel, mit einem Schreibblock und ein paar Buntstiften von der Schule. Ich konnte ja auch noch nicht richtig schreiben, so dass ich meine Eltern nicht benachrichtigen konnte. Ich erfuhr erst später, dass mir Briefe, die meine Eltern geschrieben hatten, nicht ausgehändigt wurden. Das hat mir später mein Anwalt nach Akteneinsicht erzählt. Bei einer Flucht gelang es mir tatsächlich, bis nach Bremen-Stuhr zu laufen. Ich hatte mir ein Herz gefasst und mit meinen Eltern darüber gesprochen und ihnen geschildert, was im Heim abläuft. Aber mein Vater war sehr obrigkeitshörig und meldete bei der Polizei, dass ich zuhause aufgetaucht war. Für mich war das ein Verrat durch meinen Vater. Das habe ich ihm immer vorgehalten. Jedenfalls musste ich dann zur Polizeiwache. Ich wurde dorthin abgeholt. Ich musste in der Polizeizelle in Bremen-Stuhr übernachten. Morgens kamen meine Eltern mit dem Frühstück und fuhren mit mir zusammen zum Leiner Stift. Meine Mutter hatte sehr darauf gedrängt, dass mein Vater doch einmal nachhaken sollte, warum ich denn von dort immer weglaufe und was im Heim los sei. Die tatsächlichen Geschehnisse, habe ich aus Scham meinen Eltern nicht erzählen können. Ich habe nur schildern können, dass es dort schlimm sei, wir dort Prügel bekämen, keine richtige Schule stattfände und dass wir nur zur Arbeit herangezogen würden und es richtig Scheiße sei, also für mich die Hölle auf Erden. Ich hatte auch Angst, dass meine Eltern mir nicht glauben würden. Über intime Angelegenheiten wurde in meiner Familie damals nicht gesprochen. Da war eine Scham. Ich wurde sexuell nie aufgeklärt. Das war früher kein Thema, über das man mit einem Kind sprach. Mein Vater fuhr mit mir zurück zum Leiner Stift. Meine Mutter und mein Bruder waren dabei. Nach der Ankunft parkten wir direkt vor dem Haupthaus, wo Herr Saufner sein Büro hatte. Ich saß draußen im Auto bei meiner Mutter. Mein Vater ging hinein, um mit Herrn Saufner zu reden. Danach sollte ich hereinkommen. Das erste, was Herr Saufner sagte, war: „ Sie wissen ja wohl, dass sie sich strafbar machen, wenn sie ihren Sohn jetzt mitnehmen oder ihm zur Flucht verhelfen wollen. Wir haben hier die endgültige Fürsorgeerziehung. Sie sind überhaupt nicht mehr berechtigt. Mein Vater wurde also sofort zusammengestaucht. Er bat meinen Vater in sein Büro, in dem er uns immer verprügelte und auch vergewaltigte, ich musste draußen warten. Ich stand vor dem Wagen. Meine Mutter war auch ausgestiegen, weil sie sich die Beine vertreten wollte. Nach einer halben Stunde kam mein Vater mit Herrn Saufner wieder heraus. Sie pafften beide eine dicke fette Zigarre. Mein Vater genoss diese Zigarre von Herrn Saufner. Da wusste ich, dass ich von meinem Vater verraten worden war und ich nichts Gutes mehr zu erwarten hatte. Das war ein Moment bitterster Erfahrung. Ich hatte niemanden mehr auf der Welt, zu dem ich gehen konnte. Mein Vater sagte zu meiner Mutter, er habe alles geregelt und zu mir: „Tschüss mein Junge!“, klopfte mir auf die Schulter und ließ mich mit Herrn Saufner stehen. Meine Eltern fuhren nach Hause. Ich wäre am liebsten im Boden versunken oder gestorben oder hätte mich gern in Luft aufgelöst. Meine Eltern haben mich diesem Tyrannen einfach wieder ausgeliefert. Ich stand dort und wusste nicht, wie mir geschah. Das war für mich die Motivation, hier auf alle Fälle abzuhauen. Am gleichen Abend besprach ich mich mit Kalle und Kunzepeter. Wir beschlossen zu dritt die geschilderte Flucht. Das Ergebnis war die erneute Rückführung in das Leiner Stift. Als ich von der letzten Flucht mit Schießerei in das Leiner Stift zurückkam, war das extrem deprimierend. Irgendwie konnte man diesem System nicht entkommen. Entweder hatte ich die Polizei am Arsch, die mich zusammen mit den anderen wieder aufgriff und zurückbrachte oder irgendwelche Leute aus der Umgebung oder eben sogar meine eigenen Eltern, die mir nicht glaubten. Ich weiß ja auch nicht, was Herr Saufner ihm erzählte. Mein Vater hatte mit mir wegen der Schule in Bremen-Stuhr, in der ich vorher gewesen war, Probleme gehabt. Das war auch kein Zuckerschlecken. Ein oder zwei Tage nach dieser Flucht kam Herr Saufner in unser Gruppenhaus und sagte: „Kowalke, Sachen packen! Du kommst jetzt nach Freistatt!“ Ich muss aber erst noch erzählen, dass ich vorher bei den Burschen landete. Als ich ausgeschult worden war, kam ich in eine ganz andere Welt. Dort waren ältere Kinder bzw. Jugendliche, so sechzehn bis zwanzig Jahre alt und körperlich alle bedeutend größer als ich. Die hatte man alle gleich in die Landwirtschaft gesteckt. Weil ich überhaupt nicht angepasst war und ständig abgehauen bin, hatte man mich zu den Burschen gesteckt, nach dem Motto, jetzt kann er Mist schaufeln. Unser Tag fing bei der Burschenschaft damit an, dass wir morgens um fünf Uhr aufstanden und im Gleichschritt zu den Kuhstallungen und Schweinestallungen marschieren mussten, die auf dem Gelände des Leiner Stiftes zu einer Landwirtschaft gehörten. Da musste ich morgens den Kuhstall ausmisten. Im Winter empfand ich das als ganz angenehm. Es stank natürlich nach den Kühen und Mist. Man kam aber in einen warmen Stall. Die Tiere waren ruhig. Ab und zu hörte man nur eine Kette rasseln. Sie freuten sich, wenn man zu ihnen kam. Im Stall herrschte eine positive Atmosphäre, die Tiere strahlten eine Ruhe aus, die ich im Heim nicht erlebt hatte. Die Arbeit, die mir dort aufgezwungen wurde, morgens den Mist hinter den Kühen zusammenzukratzen und mit einer großen hölzernen Schubkarre raus zu karren auf einen großen Misthaufen, machte mir nichts aus. Das war eben so, die haben da hingeschissen und die Scheiße musste dort weg. Dazu war ich mir nicht zu schade. Das empfand ich auch nicht als Bestrafung. In dem Bewusstsein, dass ich Prügel bekäme, wenn ich es nicht täte, habe ich es eben getan. Aber ich habe dieser Situation auch etwas Positives abgewonnen.

Ich war ein paar Momente für mich mit den Tieren allein, solange ich dort meine Arbeit machte. Es war zwar immer ein Erzieher in der Nähe, der uns dort beaufsichtigte, damit keiner abhauen konnte, aber im Großen und Ganzen war ich einige Momente unbeobachtet. Bei diesen Tieren fühlte ich mich wohler als bei den Menschen, mit denen ich dort in einer Zwangsgemeinschaft leben musste. In der Burschenschaft war ich ein paar Wochen. Dann kam der Moment, als Herr Saufner