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Kaum jemand kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, mit einem Mal nichts mehr zu hören. Dr. Veronika Wolter schon. Bereits im Kindesalter begann sie, verursacht durch eine Hirnhautentzündung, ihr Gehör zu verlieren. Doch während die Welt um sie herum immer leiser und schließlich still wurde, war sie nicht bereit, dieses Schicksal zu akzeptieren. Hier erzählt sie davon, wie sie ihre vermeintliche Schwäche in ihre größte Stärke verwandelte und ihren Wunsch, HNO-Ärztin zu werden, trotz aller Hindernisse und Schicksalsschläge nicht aus den Augen verlor. Heute hat sie es sich zur Bestimmung gemacht, anderen Menschen zu einem bestmöglichen Hören und raus aus dieser Stille zu helfen. Und sie zeigt eindrücklich, dass es sich wahrlich lohnt, niemals aufzugeben.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2023
DR. VERONIKA WOLTER
mit Mario Weidemann
DR. VERONIKA WOLTER
mit Mario Weidemann
Wie ich als ertaubte Ohrenärztin Hörgeschädigten und Gehörlosen wieder zum Hören verhelfe
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Originalausgabe
2. Auflage 2023
© 2023 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
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Redaktion: Dr. Frauke Bayer
Umschlaggestaltung: Karina Braun
Umschlagabbildung: Jan Roeder
Satz: Daniel Förster
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-2305-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-2103-6
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2102-9
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Für meine Kinder
Prolog
Kapitel 1 Wieder hören
Kapitel 2 Aussortiert
Kapitel 3 Medizinstudium mit Handicap
Kapitel 4 Kein Weg zurück
Kapitel 5 Nachtschicht? Nicht mit dir
Kapitel 6 Mami macht die Ohren aus
Kapitel 7 Du bist nicht allein
Epilog
Die ersten Zeilen eines Buches verfassen zu dürfen, ist eine besondere Ehre. Als Mentor einen Menschen in dessen Karriere und Streben zu prägen, ebenso. Mir wurde durch Dr. Veronika Wolter beides zuteil. Sie schenkte mir ihr Vertrauen, ich ihr meine Expertise.
Das erste Mal saß mir Frau Dr. Wolter anlässlich eines Vorstellungsgespräches in meinem Büro gegenüber. Sie hatte sich für eine Stelle in unserem Martha-Maria-Krankenhaus beworben, um ihre Facharztausbildung in der HNO fortzusetzen. Sie war eloquent, freundlich, aufgeschlossen, hatte ausgezeichnete Referenzen und kam von einer großen Universitätsklinik. Dementsprechend eine ideale Kandidatin für die Assistenzstelle in unserer kleinen Klinik. Ich wusste, dass sie beidseitig ein Cochlea-Implantat trägt. Ich wusste um ihre Schwächen, glaubte jedoch an ihre Stärken. Ich wollte ihr eine Chance geben und ich sollte diese Entscheidung keinesfalls bereuen.
Zwei Jahre zuvor hatte ich ebenfalls eine Universitätsklinik verlassen. Mein wissenschaftlicher Schwerpunkt waren Untersuchungen und klinische Studien zur Schwerhörigkeit. Mein Ziel war es, an der von mir gegründeten Klinik schwerhörige Patienten mit Cochlea-Implantaten zu behandeln. Ein Eingriff, der damals fast ausschließlich an den großen Häusern durchgeführt wurde. Eine sehr motivierte Cochlea-Implantat-Audiologin und eine spezialisierte Logopädin waren bereits Teil meines Teams und Frau Dr. Wolter bewies sich als die ideale Ergänzung. Keiner von uns hatte zuvor mit einer Cochlea-Implantat-Trägerin zusammengearbeitet. Keiner von uns hatte damit gerechnet, wie produktiv und innovativ dieses Teamwork werden würde. Jeder profitierte von den Fähigkeiten des anderen. Insbesondere unsere Patienten.
Frau Dr. Wolter gehört zum sogenannten 100-Prozent-Club, das bedeutet, dass diese Patienten bei optimalen Messbedingungen in schallisolierten Kabinen genauso gut hören wie Normalhörige. Aber Hören und Verstehen sind zweierlei Dinge. Vor allem im (Klinik-)Alltag. Ich selbst beispielsweise hatte die Angewohnheit, die Details der Visiten auf dem Weg durch das Treppenhaus zur Kaffeemaschine zu besprechen. Dass der Hall im Treppenhaus für sie eine akustische Herausforderung darstellte, hatte ich lange nicht bemerkt. Sie erklärte es mir. Dass unser Untersuchungsraum eine neue Wohlfühlakustik bekam, war ebenfalls das Verdienst von Frau Dr. Wolter. Bis heute ein Segen für jeden unserer schwerhörigen Patienten. Für den Operationssaal mit seinen mannigfaltigen Geräuschen und den zahlreichen Stimmen von Personen, die einen Mundschutz tragen, fand Frau Dr. Wolter ebenfalls eine Lösung, die dieser denkbar ungünstigen Hörumgebung gerecht wird. Bei Lehrassistenzen trug ich ein Mikrofon, dessen Signal direkt auf ihr Implantat übertragen wurde. Kein anderer Assistent konnte sich deswegen so auf meine Anweisungen konzentrieren wie sie.
Überhaupt sind ihre Energie, ihre Ausdauer und ihr Ehrgeiz bewundernswert und der Schlüssel für diesen Erfolg. Körperliche Fitness ist ein guter Weg, um auch geistig während eines langen Tages leistungsfähig zu bleiben. Besonders gefreut hat mich, dass Frau Dr. Wolter genau wie ich mit dem Rennrad in die Klinik kam. Ich bin überzeugt, dass dies nicht ausschließlich auf ihre Höreinschränkung zurückzuführen, sondern völlig unabhängig Teil ihrer starken Persönlichkeit ist.
Es macht mich stolz, dass Frau Dr. Wolter nicht nur ihren Facharzt bei uns abgeschlossen hat, sondern Oberärztin an unserer Klinik wurde. Sie bedankte sich mehr als einmal bei mir für den Rückhalt, den wir ihr im Martha-Maria gaben. Sie nannte mich ihren Mentor, ihren Lehrer. Ich dagegen wurde mit einer Schülerin und deren tiefgreifendem Verständnis für Schwerhörige belohnt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit für Ärzte, die schwerhörige Patienten behandeln, sondern ein Privileg, das unsere Aufgabe um ein Vielfaches verbessert. Inzwischen ist Frau Dr. Wolter die erste gehörlose Chefärztin. Soweit mir bekannt, ist dies nicht nur einzigartig in Deutschland, sondern wahrscheinlich weltweit. Ich wünsche ihr von Herzen einen weiteren erfolgreichen Weg, auch zum Wohl ihrer (noch) schwerhörigen Patienten.
Voller Hochachtung,
Prof. Dr. med. Markus Suckfüll, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und Chefarzt der Martha-Maria-Klinik München
Der Schüler fragte den Meister: »Was tue ich, wenn ich geheilt bin und den Berg erklommen habe ... Wie geht es dann weiter?«
Der Meister antwortete: »Dann gehst du wieder hinunter und hilfst anderen hinauf!«
– aus dem Buddhismus –
Zurück im Leben
Das Erste, was ich wahrnahm, war ein Klicken. Ein mechanisches Klickgeräusch mitten in meinem Kopf. »Zzzzzrrrrrrrrt!« So als würde ich den alten Kassettenrekorder aus meiner Kindheit einschalten. Dann folgte Stille. Eine lange, schier unerträgliche Stille. In Wahrheit müssen es nur Bruchteile von Sekunden gewesen sein, doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich saß in einem der Behandlungszimmer des Deutschen Hörzentrums Hannover und versuchte angestrengt, in diesem erdrückenden Schweigen irgendeinen Laut zu erhaschen. Intuitiv griff ich mit meiner linken Hand an mein Ohr. Tut sich da was? Nichts. Oder doch ...? Nein. Nichts. Die weißen Wände und der schwarze Teppich kamen mir in diesem Moment noch viel trostloser vor. Endlich hörte ich etwas. Ein leises, gleichmäßiges Rauschen, das ich anfangs nicht zuordnen konnte. Als mir bewusst wurde, was dies für ein Geräusch war, konnte ich es kaum glauben – das war mein Atem. Mein eigener Atem. Ich spürte nicht nur, wie sich meine Lunge mit Luft füllte, wie das Zwerchfell sich beim Einatmen zusammenzog und gemeinsam mit den Rippenmuskeln den Brustkorb auf und ab sinken ließ. Nein, ich hörte es auch. Ich konnte hören, wie ich atme. Ich hörte mir selbst zu. Das erste Mal seit 20 Jahren. Mein Puls schoss augenblicklich in die Höhe, mein Herz begann wie wild zu pochen. Sofort hatte ich die Bilder aus meiner Kindheit vor Augen. Damals, als mir von meinem behandelnden Arzt mit wenigen kühlen Worten erklärt wurde, dass ich so gut wie taub sei und keine Operation der Welt mir jemals helfen würde, wieder zu hören. Mir kamen all die Momente in den Sinn, in denen ich mir meine Ohren mit einem Kugelschreiber blutig kratzte, weil die Hörgeräte so sehr im Gehörgang juckten, dass ich wahnsinnig wurde. All die Momente, in denen ich weinend in meinem Zimmer saß, allein und isoliert, weil ich nun mal anders war als die anderen und niemand den Menschen in mir sah, der ich war, sondern nur die, die nie etwas verstand. Das Nächste, was ich realisierte, war das Klopfen meiner Finger. Wie so oft lagen meine Hände auch jetzt auf den Oberschenkeln und trommelten nervös auf den Beinen herum. Mir war nicht mehr bewusst gewesen, dass die Fingerkuppen dabei einen dumpfen Ton von sich geben.
Erst jetzt sah ich in das Gesicht des Audiologen, der mir gegenüber vor einem Bildschirm saß, blickte nach links zur anwesenden Logopädin. Beide starrten mich an, warteten fieberhaft auf irgendeine Reaktion. Ich wusste, dass mein Cochlea-Implantat aktiv war, dass mein neues linkes Ohr funktionierte, noch bevor einer von beiden auch nur ein einziges Wort zu mir sagte. Meine Augen füllten sich mit Tränen.
Ich hatte im April 2009, fast ein Jahr zuvor, eine der begehrten Stellen in der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des Deutschen Hörzentrums Hannover als Assistenzärztin ergattert – trotz meiner Schwerhörigkeit. Ich war 26, hatte meinen Doktortitel in der Tasche und war hier, um zu lernen. Und um Menschen wie mir zu helfen. Jetzt war ich die Patientin. Ich hatte seit Beginn meines Dienstes ehrlich gesagt unterschätzt, wie schlecht ich mittlerweile hörte. Gab es keine gute Akustik im Raum und obendrein zu viele Nebengeräusche, konnte ich einem normalen Gespräch kaum noch folgen. Selbst mit meinen neuen Hinter-dem-Ohr-Geräten (HdO) stieß ich an meine Grenzen. Ängstlich und aufgeregt zugleich saß ich darum in dem dreigeschossigen EtCetera-Gebäude, dem Hörzentrum der Medizinischen Hochschule Hannover mit der schneeweißen Kunststoffpaneelfassade, und starrte aus diesen trapezförmigen Fenstern, die sich nicht öffnen ließen. Vier Wochen zuvor war ich vom Chefarzt der Klinik selbst operiert worden, gemeinsam mit dem leitenden Oberarzt. Allerdings erst einmal nur am linken Ohr. Ich kann mich noch genau an dessen Worte erinnern: »Sie müssen damit rechnen, bei diesem Eingriff auch noch das letzte bisschen an Restgehör zu verlieren.« Ein Hörgerät, das die Hörleistung unterstützt, ist eine Sache. Ein Cochlea-Implantat, kurz CI, eine völlig andere. Nach diesem Eingriff ist normales Hören schlicht nicht mehr möglich, weil dabei die Hörschnecke durch das Implantieren einer Elektrode irreparabel zerstört werden könnte. Kurz gesagt: Du bist taub! Aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt längst keine andere Wahl mehr. Mit gängigen Hörgeräten war ein normales Leben nicht mehr möglich, geschweige denn eine Karriere als Ärztin. Ob der Eingriff gelungen war, sollte ich allerdings erst an diesem Montag erfahren. Endlich würde ich selbst erleben, was ich monatelang bei meinen eigenen Patienten gesehen, gelesen und beobachtet hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich vom Audiologen den Chip mit dem daran hängenden Kabel in die Hand bekam.
Die Hörprothese besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Audioprozessor und dem Implantat. Der Audioprozessor wird extern getragen. Er nimmt die Schallinformationen auf und sendet sie an das Implantat. Dieses sitzt hinter dem Ohr unter der Haut und verarbeitet die Informationen. Das Implantat enthält einen Elektrodenträger, der in die Hörschnecke (Cochlea) eingesetzt wird, daher der Name. Wir mussten ein wenig suchen, bis wir den Magneten des Implantates in meinem Kopf fanden. Er war deutlich weiter hinten als normal platziert. Der Chefarzt hatte diese Position wählen müssen, weil durch vorige Operationen der ursprüngliche Platz sozusagen nicht mehr verwendbar war. Es war eben auch schon erstaunlich viel Knochen weggebohrt worden. Endlich hatten wir den Kontakt zu diesem Wunderwerk der Technik. Der Audiologe schaltete das Implantat an. Es war ein Alles-oder-nichts-Moment. Entweder es funktionierte oder ich blieb für immer taub. Es machte wie gesagt »Zzzzzrrrrrrrrt!« und es war an. ES WAR AN!
Ich hatte im Vorfeld versucht, mir durch die Gespräche mit anderen Patienten vorzustellen, wie sich mein Umfeld mit dem Cochlea-Implantat anhören würde. Wie mein Gegenüber klingt, wie ich klinge. Ich dachte, dass ich bestens vorbereitet wäre, und dennoch hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete. Als die Logopädin im Raum mich das erste Mal ansprach, sah ich zwar, dass sie ihren Mund bewegte, aber das konnte unmöglich ihre Stimme sein. Sie klang wie Micky Maus, die einen Heliumballon eingeatmet hatte. Hoch, schrill, verzerrt und so lustig. Sie hörte sich wirklich an wie eine Comicfigur aus einem Trickfilm. »Veronika, hörst du mich? Sag doch was!« Das war zu viel. Diese hochseriöse Expertin und dazu diese Quiekstimme: Ich fing an zu lachen. Zuerst versuchte ich noch, das Kichern zu unterdrücken, aber dann brach es aus mir heraus. Ich lachte so laut und herzlich wie schon lange nicht mehr. Meine vorigen Freudentränen hatten sich längst in Lachtränen verwandelt. Und je mehr sie sprach, desto weniger konnte ich an mich halten. Die Erleichterung darüber, dass ich nicht nur meinen Atem, sondern auch mein Gegenüber hören konnte, tat ein Übriges. Die Anspannung der letzten Wochen, die Ängste, der Kummer. Es war eine Achterbahn der Gefühle. Mich selbst sprechen und lachen zu hören, entschärfte die Situation nicht gerade. Ich klang wie sie. Zwei Micky Mäuse auf Helium. Es war zum Brüllen komisch.
Als ich mich von diesem Lachkrampf schließlich erholt hatte, begann die Logopädin zügig mit der ersten gemeinsamen Hörtrainingssitzung. Sie war ausgezeichnet in ihrem Job. Auch wenn die Stimmen noch verzerrt waren, die Geräusche um mich herum klangen fast normal. Sie begann als Erstes damit, mit ihrer Hand sanft über die Tischplatte zu streichen, hin und her. Es war ein hochfrequentes, leises Geräusch. Ich konnte mich nicht erinnern, so ein Geräusch überhaupt jemals gehört zu haben. Dann erst begriff ich, was man alles hören kann. Und welche Klangvielfalt ich seit meiner Kindheit verpasst hatte. Ich bekam eine Gänsehaut. Wir testeten anschließend den Klang von Instrumenten. Eine Rassel, eine Trommel. Sie spielte diese Instrumente hinter meinem Rücken. Zwar klangen die Töne irgendwie fremd, aber eben auch vertraut. Ich versuchte mich dabei an meine Kindheit zu erinnern, noch bevor mich die Hirnhautentzündung in die Stille verbannen sollte. Wie müsste eine Trommel klingen? Wie eine Rassel? Jeder Klang hat einen Wiedererkennungswert. Ich kenne diese Klänge, ich konnte ja mal hören. Ich musste mich nur wieder daran erinnern, wie das geht. Ich begann die Töne zu vergleichen und merkte, wie mein Gehirn sich Stück für Stück neu sortierte. Es klappte besser als erwartet. Ich erriet die meisten Instrumente auf Anhieb richtig. Danach holte die Logopädin aus der Schublade eine Art Holzring, der mit einem löchrigen Stoff überzogen war. Dieser Stoff dämpfte zwar nicht ihre Helium-Micky-Maus-Sprache, verdeckte allerdings das Mundbild, damit ich nicht durch Lippenlesen kombinieren konnte, was sie sagte. Wir testeten die unterschiedlichsten Laute und Vokale. S-Laute. Zischlaute. Ich musste Sätze wie »Baat Beet Biit Boot Buut« erkennen und nachsprechen. Ich bekam zum Schluss noch eine CD mit Übungen für zu Hause. Das war’s vorerst. Ich durfte gehen.
Als ich die Klinik verließ und durch die Glastür hinaus in diese neue klangvolle Welt trat, nahm ich voller Vorfreude mein Hörgerät aus dem rechten Ohr. Das Cochlea-Implantat wurde zunächst ja nur auf dem linken Ohr implantiert, rechts war ich weiterhin auf mein HdO-Gerät angewiesen. Obwohl das HdO längst nichts mehr brachte und sich dadurch alles dumpf und leer anhörte, war es bis dato nun mal meine einzige akustische Kommunikationsmöglichkeit gewesen.
Ich stand im Park vor der Klinik und saugte mit meinem neuen Ohr jeden noch so kleinen Ton in mich auf. Ich werde nie vergessen, wie es plötzlich zu regnen anfing, ich im Auto saß und hörte, wie die Tropfen auf die Scheiben prasselten. Es war wie Musik. Auch war mir nie bewusst gewesen, dass ein fahrendes Auto im Regen nicht nur Motorgeräusche machte. Jede Pfütze, die auf der Straße zwischen den rollenden Reifen hervorspritzte, erzeugte hier einen »Platsch« oder dort ein »Zischen«. Es war, als würde ich in diesem Moment die Welt neu entdecken.
Zu Hause angekommen, ging ich überwältigt und zugegebenermaßen auch erschöpft von dieser Hörerfahrung unter die Dusche und genoss neben der Wärme vor allem das monotone Prasseln der Brause an der Duschwand. Ich stand nur da, hörte zu und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Die Neugierde aber trieb mich alsbald aus der Dusche raus. Meine Hörreise für heute war noch lange nicht beendet. Ich trocknete mich ab, cremte mich ein und war beeindruckt, wie exakt ich bereits die verschiedenen Töne meiner Umwelt zuordnen konnte. Doch nun hörte ich etwas Neues. Eine Art mir gänzlich unbekanntes Streichgeräusch, wie ein Wischen. Ich hielt mein neues Ohr verdutzt an den Wasserhahn, an die Leitungen der Heizung sowie an die Waschmaschine, aber das Geräusch war verschwunden. Ich ging in den Flur und in die Küche, aber sobald ich das Badezimmer verließ, war es still. Zurück im Bad schnappte ich mir erneut die Cremetube. Da war es wieder, dieses Streichgeräusch. Ich hielt inne. Stille. Cremte weiter, das Geräusch kehrte zurück. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich realisierte, was ich da hörte: nämlich meine Hand, die über meine Haut fuhr. Ich hatte im Laufe der Jahre tatsächlich vergessen, dass Berührungen Geräusche hinterlassen. Diese schmerzliche Erkenntnis zog mir regelrecht die Knie weg. Wie kann das Schicksal so grausam sein, dass mir sogar so etwas Essenzielles wie Berühren und menschliche Nähe in seiner Gesamtheit verwehrt wurde? Was hatte ich bisher noch verpasst? Ich fühlte mich plötzlich um so viele intensive und intime Momente beraubt. Ich saß auf dem kalten Badezimmerboden und ließ meinen Tränen abermals freien Lauf. Gleichzeitig überwältigte mich eine Dankbarkeit, dass diese stille Zeit nun endlich vorbei war. Nach diesem Erlebnis war ich nicht mehr zu halten. Kein Geräusch sollte mir jemals wieder entgehen. Ich klappte die Kühlschranktür auf und zu, klopfte gegen das Fenster und ließ Wasser aus dem Hahn laufen. Ich raschelte mit den Kissen und lauschte dem Klang der Geschirrspülmaschine. Ich lachte, weinte, schrie, flüsterte. Es war einfach irre. Alles klang so anders und so neu. Je öfter ich bestimmte Töne wiederholte, desto harmonischer wirkten sie. Jede neue tonale Entdeckung schenkte mir neue Kraft.
Noch am selben Abend legte ich die Übungs-CD der Logopädin in meinen alten CD-Player. Sie hatte darauf verschiedene Übungssätze eingesprochen, die ich nachsprechen sollte. Im Gegensatz zu den Umweltgeräuschen klang ihre Stimme noch immer viel zu hoch und zu schrill. Doch die Heliumstimme war bereits weg. Mein Gehirn hatte die erste Lernkurve mit Bravour gemeistert. Eigentlich schade. Ich hatte Micky Maus gemocht.
Am nächsten Morgen saß ich pünktlich beim Audiologen in der Klinik zur ersten Nachjustierung meines Cochlea-Implantats. Dazu spielte er mir nacheinander unterschiedliche Töne ins Ohr und fragte, was ich wie hören konnte, wie ich es hörte und welche Lautstärke ich als angenehm empfand. Wo es dumpf klang und wo zu hoch. Mehrere Töne nacheinander wurden verglichen. Ich machte ihm dabei so präzise Angaben wie nur möglich. Dieses »Herumspielen« und Ausprobieren fand ich super. Auf diese Weise konnte ich begreifen, was ich vorher alles über die Anpassung, Einstellung und die technischen Hintergründe der Elektroden und ihrer Funktion gelesen hatte. Die ganze Technik wurde plötzlich erlebbar, sie fand ja direkt in meinem Gehör und Gehirn statt. Im Gegensatz zu einem konventionellen Hörgerät, das lediglich mein Restgehör verstärken konnte, hatte ich mit meinem CI ein komplett neues Ohr bekommen. Und dieses neue Ohr ließ sich ganz nach meinem persönlichen Gusto individuell einstellen. Ich hörte vollkommen neu und anders, ohne Einschränkungen. Endlich lernte ich, neu zu laufen, nachdem man all die Jahre versucht hatte, meine kaputten Latschen immer und immer wieder nur zu flicken. So jedenfalls hörte und fühlte sich alles an. Und das Beste: Mein Gehörgang war frei! Das Gerät für das Implantat trägt man nämlich hinter dem Ohr. Der Ohrhaken endet vor der Ohrmuschel. Es braucht damit keine Otoplastik, also kein Ohrpassstück, mehr. Es sei denn, das Gerät hat nicht genügend Halt. Zum Glück brauchte ich das nicht. Mein Gerät saß perfekt hinter meiner kleinen Ohrmuschel.
Auf mich und mein neu eingestelltes Ohr wartete bereits die Logopädin mit weiteren Übungen. Es war verblüffend, wie viel besser ich seit gestern hörte. Die Lautstärke war beeindruckend, nur ihre Stimmfarbe empfand ich nach wie vor als deutlich zu hoch, was meiner Motivation allerdings keinen Abbruch tat. Voller Eifer setzte ich mich ab da an zu Hause hin, übte und übte und übte. Ich fand es unglaublich faszinierend, durch Fleiß und Disziplin das Gehör selbst verbessern zu können. In jeder freien Sekunde saß ich vor den Lautsprechern meines CD-Players und wiederholte unermüdlich jede Lerneinheit. Ich wollte wissen, was diese Elektrode in meiner Ohrschnecke wirklich konnte und wie sich mein Hörerlebnis verbessern ließ. Ich war nicht mehr nur Patientin, hier kam auch die Ärztin in mir durch. Ich hatte alles dazu in entsprechenden Büchern und Papers nachgelesen. Aber nun wurden diese ganzen »trockenen« Informationen Realität. Was im Buch beschrieben war, konnte ich direkt in meinem Ohr erlebbar machen. Auch der nächste Tag brachte mich wieder ein ganzes Stück nach vorn. Wir widmeten uns bereits Wörtern und ganzen Sätzen. Schließlich nahmen wir uns das Telefon vor. Meine Logopädin gab mir ein Thema vor, ich ging in ein anderes Zimmer und nahm den Hörer ab. In diesem Moment stoppte mein Höhenflug. Ich konnte kaum ein Wort verstehen. Alles klang sehr weit weg, dazu künstlich. Irgendwie so, als würde ich mit einer Computerstimme auf große Distanz sprechen. Eines vorneweg: So gut mein Gehör von da an funktionierte, das Telefonieren blieb lange Zeit eine Herkulesaufgabe. Heute kann ich sogar während des Autofahrens via Freisprechanlage problemlos telefonieren. Aber dazu später mehr. Noch war nach meiner ersten CI-Aktivierung nicht mal eine Woche vergangen. Dennoch erlebte ich beim Hörtest eine absolute Sensation. Ich hatte den gleichen Test bereits im Rahmen der Diagnostik vor der Operation durchgeführt. Damals natürlich mit beiden Hörgeräten und bestmöglicher Einstellung. Jetzt testeten wir das Implantat erneut mit einsilbigen Wörtern. Ich kam auf 50 Prozent Hörleistung! Ich hörte nach wenigen Tagen mit meinem neuen Ohr bereits besser als die Jahre zuvor mit Hörgeräten und dem wenigen »echten« Resthören, das mir noch geblieben war. Wo würde ich wohl in einem Jahr stehen?
Nach dieser ersten Woche verbesserte sich mein Gehör täglich. Ich bemerkte zwar nicht jede einzelne positive Nuance, dennoch, dass ich sicherer wurde im Gespräch mit anderen. Dass ich selbstbewusster auftrat. Dass ich immer mehr Tage lächelnd begann. Eines Morgens, es müsste rund drei Monate nach der CI-Aktivierung gewesen sein, fiel mir im Auto die erste Übungs-CD meiner Logopädin in die Hände. Ich hatte sie schon fast vergessen, weil wir längst über die ersten Schritte hinaus waren. Ich weiß nicht mal genau, warum ich es tat, aber ich legte die CD in den Player des Wagens und drückte auf Start. Ich erinnerte mich genau an die Micky-Maus-Stimme der Anfangszeit und erwartete auch, zumindest noch eine leicht schrille Version davon zu hören. Doch obwohl seit dem zweiten Tag nichts mehr an meinem Implantat nachjustiert worden war, war jegliches Quieken weg. Was aus den Lautsprechern meines Autos kam, war eine weiche, wohlklingende Frauenstimme. An diesem Tag wurde mir noch einmal bewusst, dass das CI keine Ohrprothese ist, sondern eine Gehirnprothese. Und dass allein mein Gehirn diese Töne zusammenbaut oder eben nicht. Da ist kein fremdes Gerät mehr in meinem Kopf. Es ist ein neues Sinnesorgan. Ich bin diejenige, die hören kann. Die hören lernt. Der Klang wird in meinem Kopf zusammengesetzt, das Implantat ist nur der Überträger dieser Töne. Dieses neue Hörerlebnis hatte mir vorher kein Arzt erklären können. Auch keiner der Professoren aus Hannover, dem weltweit größten Hörzentrum. Woher auch? Sie wussten es ja nur aus der Theorie. Ich bin Ärztin. Ich bin taub. Und ich trage ein Cochlea-Implantat. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und dieses Wissen wollte ich seit diesem Moment mit meinen Patienten teilen. Es ist wie Magie. Wie eine Sucht. Ich musste zurück in den Dienst.
Der 4. Januar 2010 war schließlich der erste Arbeitstag mit meinem neuen Ohr. Ich trug nach wie vor zusätzlich das rechte Hörgerät. Zu Hause hatte ich es zur Erholung aus dem Ohr gelassen, aber jetzt war ich wieder darauf angewiesen. Nach den ersten sechs Monaten auf der Tumorstation der HNO-Klinik war ich für dieses Halbjahr direkt im Deutschen Hörzentrum eingeteilt. Damals hieß es noch HZH, Hörzentrum Hannover. Es war mein Traum, hier zu arbeiten. Hier, wo sich alles ums Hören drehte. Nur das Telefonieren bereitete mir nach wie vor immense Schwierigkeiten. Wurde ich angefunkt, brach mir der Schweiß aus. Ich versuchte es mit dem Lautsprecher des Telefons, aber damit klang alles viel schlimmer. Mehr Lautstärke schien mir grundsätzlich nicht mehr zu helfen. Damit hörte ich eben alles lauter, aber nicht deutlicher. Immerhin konnte ich telefonieren, ohne dass mein Hörgerät zu pfeifen begann, so wie es früher der Fall gewesen war. Ich drückte mein Ohr daher so fest ich wollteauf den Hörer. Mit der Zeit fand ich heraus, in welcher Position ich welchen Hörer halten musste, damit ich meinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung bestmöglich verstand. Trotz aller Anstrengung: Die Tatsache, dass jedes und alles, was ich hörte, gleichzeitig ein Hörtraining war und zu einer weiteren Verbesserung führte, spornte mich weiter an und ließ mich alle Mühen recht schnell vergessen. Mehr noch: Durch die Arbeit im HZH bekam ich dazu neue Einblicke in die Indikationsstellung, Behandlung und die Rehabilitation von hörgeschädigten Menschen. Jeden Tag wurde ich von Patienten und deren Angehörigen mit Fragen gelöchert, die sich um schlechtes Hören, gar nicht hören und das neue implantierte Hören drehten. Die Indikationsstellungen der Cochlea-Implantate verstand ich mit jedem Mal besser. Ich kannte schließlich nicht nur die Ergebnisse aus den Hörtests mit den Patienten, ich war ebenso im Bilde darüber, wie sie sich anfühlten. So wusste ich beispielsweise, dass man mit einem 23-prozentigen Satzverstehen im Störgeräusch ein Restaurant nicht mehr betreten sollte. Es sei denn, man war alleine, wollte kein Gespräch führen und zeigte mit dem Finger auf der Karte auf das Gericht, das man bestellen mochte.
Besonders spannend fand ich, dass ich meine eigenen Hörerfahrungen mit denen der Patienten abgleichen konnte. Ich hatte damals die Akten aller Patienten ausführlich studiert. Ich quetschte jeden von ihnen regelrecht aus. Wie hörte er? Was störte ihn? Was vermisste er? Was wollte er? Wie beschrieben sie ihre Beschwerden im Alltag, gemessen an den Werten, die ich in der Akte sah? Ich lauschte zusätzlich den Worten meiner Oberärztin, wenn sie mit den Patienten letztlich das finale Vorgehen besprach. Ich versuchte, alle ihre Worte und Indikationen nachzuvollziehen. Was musste passieren, damit bestmögliches Hören erreicht wurde? Welches Restgehör bestand vor der Operation, wie viel verloren sie? Ertaubten alle so wie ich? Was dachten die Patienten darüber? Wie beschrieben sie selbst ein 50-prozentiges Einsilberverstehen? Ich wollte wissen, wie sich das Hören wann und in welcher Geschwindigkeit steigern ließ. Meinen Patienten zuliebe. Mir zuliebe. Ungleich faszinierender war es, den Verlauf der Hörverbesserung zu verinnerlichen. Zu welchem Zeitpunkt konnte man bei einer bestimmten Anamnese und vor allem mit einem bestimmten Implantat und einer definierten Elektrode ein bestimmtes Gehör vorhersagen? Ich versuchte, mir all die Fragen, die sich mir im Vorfeld der Operation gestellt hatten und auch immer noch stellten, selbst zu beantworten. Viele meiner Kollegen fanden dieses Detektivspiel langweilig. Sie standen lieber mit dem Skalpell im Operationssaal. Für mich dagegen war es, als bekäme ich mit jeder Akte einen neuen John-Grisham-Thriller in die Hand.
13 Wochen nach der ersten Aktivierung meines Implantats saß ich wieder vor meiner Logopädin und ihrem besagten Lautsprecher. Auf dem Plan stand ein sogenannter Hochmair-Schulz-Moser-Satztest im Störgeräusch, dazu die bisherige Einsilbermessung. Bei diesem HSM-Test ertönen in regelmäßigen Abständen kurze Sätze mit etwa vier bis fünf Wörtern. Diese Sätze sind mit einem monotonen Rauschen in fast der gleichen Lautstärke hinterlegt. Vor der Operation hatte ich mich durch diese 20 Sätze gequält und kaum ein Wort verstanden. Ich erzielte einen Wert von knapp über 20 Prozent, trotz einer digitalen Störgeräuschunterdrückung, wohlgemerkt, und obwohl ich zwei Hörgeräte trug. Jetzt, nur mit dem Cochlea-Implantat und ohne mein rechtes Hörgerät, starrte ich die Logopädin ungläubig an. »Das kann unmöglich der gleiche Test sein«, platzte es aus mir heraus. Ich verstand jedes Wort. Trotz Rauschen drangen die Sätze kristallklar und deutlich in mein Gehirn. Ich wiederholte alles, was ich verstand. Trefferquote: 98 Prozent! Und das mit nur einem Ohr. Ich konnte mich vor Freude kaum auf dem Stuhl halten. Ich umarmte meine Logopädin, lachte und tanzte in diesem Behandlungszimmer umher wie ein Teenager. Seit dem Hörschaden in meiner Kindheit sehnte ich mich danach, eines Tages wieder normal hören zu können. Mit 98 Prozent schien sich dieser Wunsch endlich zu erfüllen. Als wir den Test zusätzlich mit dem rechten Hörgerät im Ohr wiederholten, kam ich jedoch nur noch auf 80 Prozent. Die Zeit des rechten Hörgerätes war hiermit für mich beendet. Ich wollte eine zweite Operation, ein zweites Cochlea-Implantat. Ich wollte die 100 Prozent!
Wie sehr dieses Cochlea-Implantat mein Leben verändern sollte, wurde mir kurz darauf bewusst, als ich meine Schwester in Mainz besuchte. Meine ganze Familie war es seit jeher gewohnt, in meiner Gegenwart laut, deutlich und langsam zu sprechen. Stets mit dem Gesicht in meine Richtung blickend, sodass ich das Gesagte zusätzlich vom Mund ablesen konnte. Wir waren in der Stadt unterwegs, meine Mutter war mit dabei, als wir hungrig in einer Brasserie im zweiten Stock landeten. Es war ein typisches Lokal. Laut und voll. Das Stimmengewirr der Gäste vermischte sich mit dem Geschirrgeklapper und der Musik im Hintergrund. Was Normalhörende als gemütliche Atmosphäre empfinden, ist für einen Schwerhörigen schlicht die Hölle. Denn jedes dieser Hintergrundgeräusche überdeckt die Sprache derer, die mit an deinem Tisch sitzen. Aus besagten Gründen kam es darum so gut wie nie vor, dass ich freiwillig ein Lokal betrat. Einfach weil ich nichts verstand. Und das ewige Nachfragen nicht nur für mein Gegenüber anstrengend war, sondern auch mir selbst am meisten Kraft raubte. Auch dieses Mal tat ich es nur meiner Familie zuliebe. Wir saßen am Tisch und unterhielten uns. Mein Hörgerät auf der rechten Seite trug ich seit dem letzten Test nicht mehr, daher setzte ich mich ganz rechts an den Tisch und platzierte den Rest der Sippe zu meiner linken Seite, quasi im Einzugsfeld meines neuen Ohres. Wir unterhielten uns so wie immer. Meiner Mutter fiel es als Erster auf. Selig lächelnd schaute sie mich an. »Es ist erstaunlich, wie gut du jetzt hören kannst!« Es stimmte. Zum allerersten Mal in meinem Erwachsenenleben konnte ich in einem Lokal ein Gespräch führen. Ich hatte tatsächlich verstanden, worüber gesprochen wurde. Es gab keinerlei Rückkopplungen, nichts war dumpf oder undeutlich. Die Sprache kam ganz klar durch, mit all den S- und Zischlauten. Obwohl ich nur das eine Ohr hatte, musste ich kaum noch nachfragen. In den Augen meiner Mutter konnte ich neben all ihrer Liebe noch etwas anderes entdecken: pure Erleichterung. Meine Mutter war immer diejenige gewesen, die seit der Hirnhautentzündung mit mir gelitten hatte. Seit meiner Kindheit. Seit meinem neunten Geburtstag. Sie wusste, wie schlecht ich hörte, wusste, dass ich sukzessive von meinem Umfeld ausgeschlossen worden war. Sie hörte es, wenn über mich gelacht wurde. Ich hörte es nicht. Was es für sie allerdings nicht leichter machte.
Ich bin einmal gefragt worden, was heute in mir vorgeht, wenn ich an diesen Moment zurückdenke, als ich mein neues Ohr bekam. Ich muss gestehen, dass ich noch immer eine tiefe Traurigkeit darüber empfinde, wenn ich darüber nachdenke, wie viel weniger qualvoll mein Leben hätte verlaufen können, wenn ich als Kind rechtzeitig und vor allem richtig behandelt worden wäre. Dennoch überwiegt die Dankbarkeit. Ich bin jeden Morgen dankbar, wenn ich meine Implantate aktiviere. Ich knipse damit nicht nur meine Ohren an, sondern auch mein Gehirn – und damit mein Ich. Mit meinem neuen Ohr kann ich wieder am Leben teilnehmen. Es bringt mich zu meinen Liebsten zurück.
Es ist ein Gefühl, als würde ich endlich wieder dazugehören.
Wie eine Hirnhautentzündung meine heile Welt zerstörte
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als völlig normal hörendes kleines Mädchen war. Unbefangen, offen, optimistisch, immer am Lachen. Ich wuchs in dem Glauben auf, dass alle Menschen grundsätzlich gut sind. Zumindest war ich davon die ersten neun Jahre meines Daseins fest überzeugt. Der Bauernhof meiner Familie lag südlich von Marburg, einer kleinen Universitätsstadt ziemlich genau in der Mitte Deutschlands. Eigentlich bot sich mit meinem Zuhause das perfekte Idyll dafür, Kinder großzuziehen. Mit einem Vater, der als Landwirt zeitlich flexibel und oft zu Hause war, und einer liebevollen Mutter, deren Lebensmittelpunkt ihre vier Kinder darstellten. Auch meine Oma wohnte bei uns. Die Familie meines Vaters bewirtschaftete diesen Hof bereits seit über 300 Jahren. Jeder im Dorf kannte uns. Gefühlt täglich hatten wir Besuch. Das gesellig-geschäftige Treiben wurde untermalt vom tiefen Brummen der landwirtschaftlichen Maschinen. Kurzum: Es war bei uns eigentlich durchgehend laut. Dennoch war die Tatsache, unter Menschen zu sein, ihren Gesprächen zu folgen, für mich niemals negativ behaftet. Diese umarmende Lärmkulisse gehörte zu uns, zu meiner Kindheit einfach dazu. Ich habe zwei ältere Geschwister und eine jüngere Schwester. Ein Sandwichkind, das gewohnt war, sich durchzuboxen und nie die volle Aufmerksamkeit zu erhalten. Es sei denn, ich fiel durch Fleiß auf. Also war ich fleißig. Bereits bei der Einschulung beherrschte ich das Einmaleins sowie das Alphabet. Mein kleines Gehirn war damals schon ziemlich wissbegierig, alles Neue optisch und akustisch aufzunehmen und abzuspeichern. Hausaufgaben? Nichts Schöneres! Sollten wir eine Seite über ein Haustier schreiben, wurden bei mir zehn Seiten daraus. Im Handumdrehen war ich Klassenbeste. Und ich hatte Freunde, tolle Freunde. Meinen neunten Geburtstag feierten wir im nasskalten deutschen November zu Hause auf unserem Bauernhof mit 15 meiner Mitschüler. Ich werde es nie vergessen, wie ich inmitten dieser Geburtstagsgruppe stand und mit den anderen gemeinsam albern lachte, weil sich gerade jemand einen Witz erlaubt hatte. Ich war neun Jahre alt. Ich war glücklich. Doch es sollte nicht so bleiben.
