Ich komme ja wieder! - Hans Schneiderhans - E-Book

Ich komme ja wieder! E-Book

Hans Schneiderhans

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Beschreibung

Mit seiner Schulfreundin Mara macht sich Till nach dem Abitur auf, um die Welt zu erkunden und zum ersten Mal die ganz große Freiheit zu kosten. Doch dann kommt alles anders: Bei einem Busunglück in Argentinien kommen Mara und Till ums Leben. Die Familien sind geschockt, es herrscht Ausnahmezustand. »Wie soll man mit dem Tod des eigenen Kindes umgehen?«, fragen sich die Eltern. Tills Vater Hans wählt hierzu einen ungewöhnlichen Weg: Aus Tills Sicht schildert er die Ereignisse, die sich an den tragischen Unfall anschließen. In Form eines bewegenden Zwiegespräches zwischen Vater und Sohn erzählt das Buch von dem emotionalen Weg, den die Eltern nun gehen müssen und der sie bis nach Argentinien führt. »Ich komme ja wieder!« ist die Geschichte eines unfassbaren Verlustes, aber auch eine leuchtende Hommage an das Leben – Tills Leben und die unvergesslichen Erinnerungen, die dieser junge Mensch in unserer Welt hinterlassen hat.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hans Schneiderhans

»Ich komme ja wieder!«

Vom Leben und Tod eines Sohnes.

Ein Vater nimmt Abschied.

Inhalt

Die Nachricht

Der überschlagene Winter

Die Verletzung I

Die Verletzung II

Das Versagen

Die Auflehnung

Der Freundeskreis: eine kurze Einführung

Die Eltern: ein Vorstellungsgespräch

Das Geschenk

Mara

Der argentinische Mond

Der Film

Offene Rechnungen

Das Bestattungsunternehmen I

Der Tango Argentino

Die fortgesetzte Reise

Das ungeschriebene Buch

La onda negra

Die Blaulichteskorte

Die Schuldspirale I

Die Schuldspirale II

Der Staatsanwalt

Der Aufschrei

Das Recht auf den Aufschrei

Das Lächeln

Die Unterschriften I

Die Konversation

Die geklaute Kamera

Der Unfall

Die eigene Geschichte

Die gefalteten Hände

Das beschissen absurde Leben

No Couple, Just Friends

Helden

Das Bestattungsunternehmen II

Die Unterschriften II

Das Telefongespräch

Ein Wort zu Herrn W.

Warten

Rührung

Ein Zeichen

Der Dornrosenschlaf

Das Gespräch der Väter

Die Seele I

Fortsetzung des Gesprächs der Väter I

Die Stelle

Fortsetzung des Gesprächs der Väter II

Consejos / Ratschläge

Fortsetzung des Gesprächs der Väter III

Für die Unfallopfer

Die Seele II

Die Trosterzählungen I

Die Trosterzählungen II

Das nächste Kapitel

Alle zusammen

Die Hazienda

Die Zeremonie I

Noch eine Abschweifung

Die Zeremonie II

Die Zeremonie III

Die Frischhaltedose

Neuigkeiten

Das Siegel

Das Passfoto

T-Shirts

Würfelpoker

Ende der Reise

Finale

Dank

Impressum

Der alternde Mensch ... sollte einen Mythus vom Tode haben, denn die »Vernunft« zeigt ihm nichts als die dunkle Grube, in die er fährt. Der Mythus aber könnte ihm andere Bilder vor Augen führen, hilfreiche und bereichernde Bilder des Lebens im Totenland. Glaubt er an diese oder gibt er ihnen auch nur einigen Kredit, so hat er damit ebenso sehr recht und unrecht, wie einer, der nicht an sie glaubt. Während aber der Leugnende dem Nichts entgegengeht, folgt der dem Archetypus Verpflichtete den Spuren des Lebens bis zum Tode. Beide sind zwar im Ungewissen, der eine aber gegen seinen Instinkt, der andere mit ihm.

Carl Gustav Jung

Für Tilda und Titus

Die Nachricht

Am Ostersonntagmorgen um halb acht klingelte es.

Meine Eltern saßen mit dünnen Decken um die Schultern auf ihrer Bettmatratze. Sie ließen sich gern Zeit nach dem Meditieren. Doch bei diesem Schrillen der Türglocke sprang mein Vater wie gestochen auf, stürzte die schmale Holztreppe hinunter in die Diele und lief zum Erker im Wohnzimmer. Von dem vorstehenden Fenster im ersten Stock aus konnte man unbemerkt auf die Straße hinuntersehen.

Zwei Streifenpolizisten in voller Montur standen vor der Haustür.

Scheiße, dachte mein Vater und drückte auf den Türöffner neben dem Fenster. Das Haus mit den hohen Zimmerdecken war in einer Zeit gebaut worden, als es noch keine Gegensprechanlagen gab.

Zwei Tische waren zu einer langen Tafel zusammengestellt. Es war eingedeckt für das Osterfrühstück mit meiner Oma, den Tanten, Onkeln, Cousinen.

Auf der Treppe hinunter ins Erdgeschoss zog mein Vater die weite Baumwollhose hoch.

Mit ernsten Mienen standen die Polizisten dann vor meinem unrasierten Vater.

»Guten Morgen«, sagte er und erwartete, dass der Beamte mit den abstehenden Ohren eine Frage stellen würde wie: »Wissen Sie, wem das Auto vor Toreinfahrt XY gehört?«

»Können wir hereinkommen?«, fragte der Beamte.

Einen Polizisten einfach in die Wohnung lassen? Könnte ja jeder kommen. Nur mit Hausdurchsuchungsbefehl.

»Worum geht es?«, fragte mein Vater.

»Das möchten wir nicht im Hausflur besprechen«, antwortete der Beamte.

Inzwischen stand auch meine Mutter auf dem Treppenabsatz hinter meinem Vater.

»Es ist Ostersonntagmorgen«, sagte sie. »Was wollen Sie?«

Der Beamte starrte auf seinen Zettel.

»Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Sohn gesprochen?«, fragte er.

»Mit welchem?«, fragte mein Vater.

»Mit Till«, sagte der Beamte.

Mein Vater schaute hinauf zu meiner Mutter. Er spürte, dass die Sache ernst war, überlegte, was es sein könnte, und dachte, ich sei in Südamerika beim Kiffen erwischt worden. Typisch mein Vater.

»Wir haben am Donnerstag mit ihm telefoniert«, sagte meine Mutter.

Meine Eltern schauten sich an.

»Okay«, sagte mein Vater und führte die Polizisten ins Wohnzimmer.

Mein Vater und ich erzählen Geschichten nicht schnurgerade, wir erzählen in Bögen. Ein Fluss fließt in Windungen dahin, sogar ein Lichtstrahl, das Muster an Geradlinigkeit, biegt sich entlang der Gravitationslinien. Wenn man genauer hinschaut, dann umspielt der Lichtstrahl in seiner Wellenstruktur die Linie. Schaut man noch genauer hin, dann springen permanent Lichtquanten aus einer Potenzialität in eine Realität und umgekehrt – aber an dieser Stelle unterbreche ich meinen Vater. Er weiß nicht genau, wovon er da spricht.

Jedenfalls schreiben wir die Geschichte nicht nur auf, um Fakten mitzuteilen. Mein Vater möchte baden in ihr. Am liebsten würde er den Fluss der Zeit einfach anhalten.

Am Ende der langen Ostertafel saßen auf der einen Seite die beiden Polizisten und sagten erst mal nichts.

Auf der anderen Seite saßen meine Eltern und waren ebenfalls still. Mein Vater duckte sich, als würden gleich Steine fliegen.

Was der Polizist dann sagte, war das Schlimmste, was ein Polizist sagen kann.

Er sagte: »Till ist verstorben.«

Der zweite Polizist sah meinen Vater mit gespanntem Gesichtsausdruck an. Er schien jeden Augenblick damit zu rechnen, dass mein Vater aufspringen, ein Beil packen und den Tisch mit allen Osterhasen in Stücke hauen würde.

Meinen Vater erinnerte dieser Blick des Polizisten an eine andere Situation in diesem Wohnzimmer. Mein Bruder Lukas hatte eine Familienkonferenz einberufen und sagte: »Ich will mein Studium abbrechen.«

Meine Blicke hätten ihn angesprungen wie Tiger, erzählte mir hinterher mein Vater.

Genau wie die Blicke des zweiten Polizisten jetzt.

»Wehe, du greifst an!«, sagten die Blicke.

»Es klingt irreal«, war das Erste, was mein Vater sagte, nachdem die Polizisten berichtet hatten, was geschehen war.

Er hätte auch sagen können: »Ich glaub euch kein Wort!« Meine Mutter saß versteinert.

»Wie sicher ist die Information?«, fragte mein Vater nach einer Weile.

Der Polizist antwortete, dass die Information von der deutschen Botschaft in Buenos Aires stamme. Er gehe davon aus, dass die Botschaft das geprüft habe.

»Ist Mara auch tot?«, fragte mein Vater.

Ja. Und meine Eltern sollten bitte nicht anrufen, denn gleich im Anschluss würden sie zu Maras Familie fahren.

»Wenn Mara und Till aufgrund der Passagierliste des Busses identifiziert wurden«, sagte mein Vater, »dann sind sie vielleicht verwechselt worden.«

Er suchte nach dem Ausweg, den alle übersehen hatten. Er stellte sich vor, wie er seinen Freunden erzählte, was für ein Hammer diese Nachricht gewesen sei – und dass sie mich dann trotzdem lebend in einem argentinischen Krankenhaus gefunden hätten.

Das innere Erzählen meines Vaters nahm in diesen Stunden seinen Anfang. Es war seine Art, mit der Sache umzugehen. In den erbärmlichsten Situationen seines Lebens, als er während seines Wehrdienstes durch den Schlamm robbte, hatte mein Vater diese Überlebenstechnik entwickelt.

Noch in der Situation sah er sich mit Freunden bei der Feuerzangenbowle sitzend und sie lachten über den Widersinn, den er erlebte. Stellt euch vor, Till und Mara waren verwechselt worden!

Die Polizisten überreichten ihre Visitenkarten und eine Liste mit Namen und Telefonnummern der zuständigen Leute in der Botschaft. Man könne jederzeit nachfragen, in Buenos Aires sei es allerdings jetzt drei Uhr nachts und nur der Bereitschaftsdienst zu erreichen.

Mein Vater begleitete die Polizisten hinunter zur Haustür.

Als er wieder hinaufkam, war meine Mutter verschwunden.

Er setzte sich an seinen Laptop und hatte das Gefühl, es sei unpassend, sich als Erstes an den Laptop zu setzen.

Ich muss dazu sagen, dass mein Vater Datenbanken programmierte und oft am Computer saß, eigentlich andauernd.

Er hatte andererseits das Gefühl, die Nachricht unbedingt als Erstes überprüfen zu müssen, und tippte »Busunglück G...« in die Suchmaschine ein.

Ein schwerer Busunfall hat am Freitagnachmittag in der argentinischen Provinz G. mindestens zwölf Menschen das Leben gekostet, sechzig Passagiere wurden mit zum Teil lebensgefährlichen Verletzungen in mehrere Krankenhäuser eingeliefert. Nach Angaben der Behörden befinden sich unter den Todesopfern zwei deutsche und drei bolivianische Touristen.

(...)

Laut der lokalen Polizei starben sieben Menschen an der Unfallstelle, fünf auf dem Transport in ein Krankenhaus. Die meisten der Passagiere stammten aus Bolivien, zwei aus Deutschland, Kanada (1), Spanien (1), Frankreich (3), England (1), Peru (3) und Argentinien (5). Die Verletzten wurden in die Krankenhäuser T. G., S. M. und »Dr. P. L.« (alle in G.) eingeliefert.

Zwei Passagiere aus Deutschland.

Die Meldung der Nachrichtenagentur zerstörte die Verwechslungstheorie meines Vaters.

Er war so stolz zwischen seinen beiden Söhnen auf der Straße gegangen. Er war so leidenschaftlich Vater gewesen. Er hatte sich als Kind schon vorgestellt, mit weißem Rauschebart zwischen Enkeln zu sitzen. Das Ziel seines Lebens war gewesen, ein weiser Großvater zu werden.

Mein Vater saß vor dem Laptop und hörte das gewaltige Krachen, mit dem seine Gedankengebäude einstürzten.

Er griff zum Telefonhörer und tippte die Nummer der deutschen Botschaft in Argentinien ein.

Die Dame des Bereitschaftsdienstes meldete sich.

»Erst einmal mein herzliches Beileid, Herr Schneiderhans«, sagte sie. »Ich kann die Informationen bestätigen. Es ist extra jemand hinausgefahren, um die beiden zu identifizieren.«

Was er jetzt tun solle, fragte mein Vater.

»Hier ist es drei Uhr nachts. Ich habe die Unterlagen nicht vollständig vorliegen. Der zuständige Mitarbeiter kommt Montagfrüh in die Botschaft, gegen neun Uhr. Könnten Sie morgen noch einmal anrufen?«

Die Nachricht war zweimal bestätigt worden.

Mein Vater musste davon ausgehen, dass sie stimmte.

Es gab eine leise Stimme, die ihm sagte, dass die Nachricht tatsächlich stimmte.

Es gab eine lautere Stimme, die sagte, dass es einfach nicht stimmen konnte.

Der überschlagene Winter

An dieser Stelle springt mein Vater zurück in die Zeit, als er mit mir telefonieren konnte.

Die Zeit anhalten zu wollen, dem Augenblick zu gebieten: »Verweile doch!«, ist allerdings ein faustischer Wahnsinn.

Doch mein Vater kennt ein Mittel: die Kunst, zum Beispiel die Literatur. Eine erzählte Geschichte hält die Zeit zwar nicht wirklich an, für Leute wie meinen Vater aber irgendwie doch.

Denn für die Dauer des Erzählens oder Lesens bewegt man sich in einer anderen Zeit. Selbst wenn die Geschichte zu Ende ist, kann man sie wieder hören oder wieder lesen und alle ihre Figuren in der anderen Zeit wiederbeleben.

Jetzt muss ich meinen faustischen Vater erneut unterbrechen. Meiner Meinung nach kann es in diesem Kapitel lediglich um die Frage gehen, wie ich nach Argentinien in den Bus gekommen war, der 32 Stunden lang von Bolivien nach Buenos Aires fuhr.

Die Antwort ist einfach: Nach der Schulzeit wollte ich für einige Zeit ins Ausland und Abstand gewinnen.

Mein Vater unterstützte die Idee unter anderem, weil ich in all den Jahren auf der Schule keinen einzigen Schüleraustausch mitgemacht hatte.

Erst einmal jobbte ich also drei Monate lang, denn meine Eltern sollten nicht die ganze Reise bezahlen. Ich arbeitete abwechselnd eine Woche lang in der Spätschicht, dann in der Frühschicht. Dass ich die Spätschicht durchhielt, wunderte meine Eltern nicht, wohl aber, dass ich so konsequent für die Frühschicht aufstand.

Meine Schulfreundin Mara zog es ebenso wie mich nach Südamerika.

Also planten wir die Reise zusammen. Unterwegs wollten wir ein paar Leute treffen, die auch alle nach dem Abi verreisten. Allerdings flogen die meisten nach Thailand oder Bali oder Australien. Unser Kompromiss bestand darin, alle Ziele miteinander zu verbinden. Mara und ich kauften ein sogenanntes ›Around the World Ticket‹.

Meine Eltern fühlten sich überrascht bis überrumpelt, als sie erfuhren, dass wir in insgesamt acht Monaten einmal um die Welt fliegen wollten. Letzten Endes aber gefiel die Idee meinem Vater: »In acht Monaten um die Welt« erinnerte ihn an Jules Vernes’ Klassiker In achtzig Tagen um die Welt.

So sah der Plan aus:

15.10. Start in Frankfurt

16.10. Ankunft in Bangkok, Thailand

16.12. Ankunft in Denpasar auf Bali, Indonesien

16.1. Ankunft in Sydney, Australien

15.2. Ankunft in Auckland, Neuseeland

15.3. Ankunft in Santiago de Chile

15.6. Abflug in Buenos Aires, Argentinien

16.6. Rückkehr nach Frankfurt

Mein Vater nannte es den »überschlagenen Winter«, weil wir Deutschland im Herbst verließen und nach Thailand, in die tropische Sonne, flogen. Von dort aus ging es weiter durch den Sommer auf der Südhalbkugel bis zur Rückkehr in den nächsten deutschen Sommer.

Zu Beginn waren wir zwei: Mara und ich.

Maras Freundin Leonie schloss sich uns für den ersten Teil der Reise an. Sie flog ein paar Stunden vor uns in einem anderen Flieger nach Bangkok. Da waren wir drei.

In Bangkok stießen Bert, genannt Robbe, und Gereon aus unserer Jahrgangsstufe zur Gruppe. Sie waren schon einige Zeit in Asien unterwegs. Da waren wir fünf.

Von Bangkok aus ging es über Chiang Mai nach Pai im Norden Thailands. Dort lernten wir jede Menge neue Leute kennen. Es bildete sich das Spicy Team, dem außer uns Fünfen ein weiterer Deutscher angehörte, dann ein Paar aus Israel, zwei Franzosen, zwei Engländer, ein Holländer, ein Australier namens Mick und schließlich Liam, der Amerikaner mit dem Brustkorb eines Quarterbacks. Da waren wir zeitweise 15.

Auf der Reise durch Laos und Vietnam trennten sich manchmal die Wege, manchmal traf man sich wieder.

Weihnachten feierten wir auf Bali. Das Spicy Team hatte sich zu diesem Zeitpunkt aufgelöst. Stattdessen trafen wir uns mit einigen Schulfreunden, die eine Villa gemietet hatten. Maras Freundinnen besuchten uns ebenfalls dort, und als besondere Überraschung für Mara tauchte Lenny auf, ihre große Liebe.

In Sydney waren wir nur noch drei. Mara, Leonie und ich verabredeten uns mit einigen Jungs aus unserer Stufe, die sich ebenfalls gerade in Australien aufhielten. Außerdem stießen wir wieder auf den Amerikaner Liam, den wir in Thailand kennengelernt hatten. Mit ihm und einer weiteren Freundin verabredeten wir uns für eine Tour im Campervan durch Neuseeland.

Danach waren wir wieder zwei: Mara und ich.

Wir erholten uns eine Weile bei Maras Gasteltern aus ihrem ehemaligen Schüleraustausch in Auckland.

Von da aus ging es weiter mit dem Flug nach Santiago de Chile. Wir starteten nachmittags um 16.10 Uhr, flogen viele Stunden über den Pazifik und landeten am selben Tag vormittags um 11.40 Uhr in Santiago. Es war anscheinend doch möglich, die Zeit zurückzudrehen.

Von Santiago aus fuhren wir nach Valparaíso ans Meer. Die letzte Mail, die mein Vater erhalten hatte, stammte vom 19.3. und bestand aus wenigen Sätzen: »Bin eben heil in Valparaíso angekommen und im Hostel gestrandet. Melde mich, wenn’s weitergeht.«

Es ging dann weiter in die Hochebene Boliviens nach Uyuni, dem Gebiet der gigantischen Salzwüste. Ich fotografierte die farbigen Seen und Kolonien von rosa Flamingos. Ich schrieb Notizen in mein Reisetagebuch, aber keine E-Mails mehr. Vielleicht, so spekulierte mein Vater, machte sich nach sechs Monaten Unterwegssein ein leises Heimweh bemerkbar.

Als Nächstes hatten wir uns mit Maras Bruder Janosch und seiner Freundin Sarah in Buenos Aires verabredet. Deshalb saßen wir in diesem Bus.

Mein Vater wollte die Vorgeschichte aber nicht mit seinen Worten erzählen. Ich selbst sollte sie erzählen, mit meinen Worten. Auch wenn ich nicht dazu kommen sollte, das Ende der Reise zu erzählen, dann doch auf jeden Fall den Beginn.

Es gab vier etwas ausführlichere Mails, die ich in den ersten Wochen der Reise nach Deutschland geschickt hatte. Für meinen Vater waren das keine ›einfachen‹ Mails mehr. Es waren ›Dokumente‹.

Sie waren in flüchtigen Situationen geschrieben worden, mit dem Laptop auf den Knien, oftmals am Rande des Einschlafens. Aber genau die Unvollkommenheiten machten sie für meinen Vater so authentisch.

Rundmail vom 22. Oktober

Ein kräftiges Sawasdee Krap an alle Deutschländer!

Ich wollte mich mal wieder melden, da wir uns jetzt von Bangkok erst mal verabschiedet haben und weiter in den Norden gereist sind. Unser Ziel, das wir auch seit zwei Stunden erreicht haben, ist Chiang Mai relativ weit im Norden von Thailand.

Hingekommen sind wir mit dem Reisemittel Nummer eins hier: dem Bus.

Eigentlich sollte die Fahrt ACHT Stunden dauern, da wir aber voll in den Stau geraten sind – ich glaube, das liegt daran, dass hier Entwarnung wegen der Flut gegeben wurde und die Leute alle nach Hause wollten – UND weil unserem Bus der Keilriemen gerissen ist UND wir – das ist auch wieder geraten – Umwege wegen der dann doch teilweise überfluteten Straßen fahren mussten, hat die ganze Schose uns lockere sechzehn Stunden gekostet.

Alle anderen sind neben mir schon am Schlafen, und ich werde mich ihnen gleich mal anschließen.

Ein sehr interessantes Erlebnis war unser Trip zum Tigertempel. (So wird der nur von Touris genannt; eigentlich heißt der Wat Blablabla.) Da haben wir mal ein paar Tiger hautnah zu Gesicht und auch zu fassen bekommen. Der Tempel an sich hat ein riesiges Gelände. Damit hängt auch zusammen, dass der Tempel sich so entwickelt hat, wie er heute ist. Denn eher durch Zufall sind die Mönche dort in das »Geschäft« reingerutscht, als sie damals ein paar Tiger aufnahmen, mit denen man nicht wusste, wohin, und die sonst eingeschläfert worden wären.

Hat man den Ruf erst mal weg, dauert es nicht lange, bis die nächsten folgen.

So bekamen wir nicht nur locker zwanzig Tiger von einem Monat bis ins hohe Alter zu Gesicht, sondern auch Pferde, Wildschweine, Antilopen, Pfauen, Wasserbüffel, die sich auf dem Gelände frei bewegen konnten. Auch eine kleine Familie asiatischer Schwarzbären wurde da beherbergt, jedoch in einem viel zu kleinen Käfig, wie ich jedenfalls fand.

Die Tiger haben da etwas mehr, aber auch nicht sooo viel Platz, wie das sein sollte. Aber zum Glück wissen das auch die Mönche und Hilfskräfte. Die haben nämlich schon einen Masterplan (so ähnlich, wie das damals mit dem Elefantengehege im Kölner Zoo war).

Natürlich fehlt das nötige Kleingeld.

Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass man dort ein Heidengeld lassen kann, wenn man mit Baby-Tigern kuscheln oder sie füttern will oder ein besonders individuelles Foto mit den Tigern ins Auge gefasst hat.

Naja das war schon ein spannendes Ereignis für uns, besonders weil wir dem Stadtalltag mal für einen Tag entfliehen konnten, denn der Tempel liegt drei Autostunden von Bangkok entfernt.

So das war‘s für heute, liebe Kinder.

Beim nächsten Mal hört ihr die Geschichte von der Stadt Chiang Mai. Vielleicht kann ich dann auch schon ein, zwei Geschichten über das ferne Land Laos berichten – wer weiß?

Also auf morgen, bis Wiedersehn.

PS: Es freut mich, dass es allen gutgeht und ihr noch nicht erfroren seid :D

Weiter so!

Rundmail vom 3. November

Hallo, alle miteinander,

lang her, dass ich mich gemeldet habe.

Daher gibt es umso mehr zu erzählen.

Die Geschichte von Chiang Mai

ging einfach viel zu schnell vorbei.

Essen, schlafen, trinken, feiern,

im Tempel und am Markt rumeiern.

Doch gab’s dort nicht viel mehr zu sehn,

drum wollten schnell nach Pai wir gehn.

Also ab nach Pai. Wir fuhren eine fünfstündige Tour im Minibus und schlappe siebenhundertzweiundsechzig Kurven, bis wir endlich im kleinen Dörfchen Pai ankamen.

In Chiang Mai haben wir Bekanntschaft mit der sogenannten Spicy Society gemacht, einer Gruppe von Hostels in und um Thailand, die immer gut mit vielen netten Leuten besucht ist und in denen man definitiv immer Spaß hat.

Zufällig gab es auch eine Niederlassung in Pai, wo wir dann auch gebucht hatten.

Das Dorf im bergigen Norden von Thailand ist – wie der Name schon sagt – nicht groß, dafür umso idyllischer. Das Hostel besteht aus mehreren Holzhütten, die zu jeweils zwei Seiten offen sind, mit Bananenblättern als Dachschindeln – mitten in Reisfeldern.

Entspannung pur, denkt der Laie, aber weit gefehlt.

Die Besetzung des Hostels ist mindestens genauso partyfreundlich wie in Köln. Und das hat sich in mehreren Katern und einer etwas größeren Bierrechnung bemerkbar gemacht.

Das wussten wir direkt nach der ersten Nacht, in der wir die standardisierte Tour durch die drei guten Bars des Dorfes kennengelernt haben. Am nächsten Tag haben wir uns Mopeds gemietet, natürlich typisch deutsch mit Versicherung. Es scheint wirklich niemanden zu interessieren, ob oder was du für einen Führerschein hast. Naja, in diesem Dorf war auch der Linksverkehr kein Problem, da praktisch auf den Landstraßen kein Verkehr vorhanden war.

Damit konnten wir mehrere der zahlreichen Touren mitmachen, die der Hostel-Manager Ken uns angeboten hat.

Die ERSTE Station unserer ERSTEN Tour war ein kleiner Tempel, in dem wir für eine halbe Stunde von Ken in das Geheimnis der Walking Meditation eingeweiht wurden, einer Art der Meditation, die als Mantra die verschiedenen Bewegungsabläufe während des Gehens benutzt. Sehr interessant und für Einsteiger im Meditationsbereich relativ einfach zu erlernen und durchzuführen.

Dann fuhren wir weiter zum lokalen Canyon, der zwar bei weitem nicht so groß ist wie der Grand Canyon, aber für mich sehr eindrucksvoll und auch recht groß war.

Es gab einen schmalen Weg einmal im Kreis auf dem Canyon, nicht gefährlich, aber ungefährlich auch nicht. Mit Jungle-Ambiente ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Am Schluss ging es zum Wasserfall für eine kleine Abkühlung via Sprung ins kalte Nass.

Der Abend lief wie immer standardisiert ab, siehe oben :D

Am nächsten Tag sind wir mal wieder auf die Mopeds gestiegen und haben einen einstündigen Trip über die Berge dort in die größte Höhle Thailands gewagt. Ein sehr faszinierendes Erlebnis, wenn man auf einem Bambusfloß in eine komplett dunkle Höhle reinfährt und nach dem Übersetzen, lediglich von zwei Petroleumlaternen erleuchtet, den einen der drei »Räume« erkunden kann. Die anderen zwei sind nicht erreichbar, da überflutet.

Nach nächtlichem Programm war der nächste Tag zum Ausruhen. Wir konnten uns gänzlich der Idylle dieses kleinen und stillen Örtchens und dem kleinen bis großen Pochen im Kopf hingeben.

Während dieser Erholungsphase hat uns Ken für den nächsten Tag geködert, zwei Löcher von einem Meter Durchmesser und anderthalb Meter Tiefe zu buddeln, indem er uns freie alkoholhaltige Getränke als Sold anbot.

Darin bestand dann der nächste Nachmittag, gefolgt von einem riesigen Geburtstags-Barbecue, gewidmet einem Aussie (Australier) namens Mick, der übrigens jetzt immer noch mit uns in Laos unterwegs ist.

Wenn das nicht die perfekte Überleitung war zur kleinen großen Legende von Laos ...

Es fing mit dem schweren Abschied von Ken und dem Spicy Staff an, der umso schlimmer wurde, da sich gleich zwölf Leute gleichzeitig auf den Weg nach Laos machten. Das war ganz lustig, da wir, das Spicy Team, zusammen einen Minivan besetzt hatten und um acht Uhr abends die Tour zur Grenze von Laos antraten.

Die Fahrt hat ganze sechs Stunden gedauert. Was erst mal lang erscheint, bedenkt man aber die wirklich wahnwitzigen Rallyefahrer-Qualitäten des Busfahrers, wirkte die Fahrt für uns erstens wie ein Horrorszenario und zweitens extrem kurz.

Um das Ganze zu verdeutlichen:

Unsere Hinfahrt von Chiang Mai nach Pai dauerte vier Stunden bei »normaler« Geschwindigkeit, bedenkt man die siebenhundertzweiundsechzig Kurven auf dieser Strecke von hundertfünfzig Kilometern.

Zurück dauerte es mit diesem Fahrer gerade mal die Hälfte der Zeit.

Also kamen wir um halb drei nachts am Hostel an der Grenze an, wo uns ein Thai singend unsere Zimmer zeigte und uns um sieben Uhr mit dem Klassiker Happy Birthday aufweckte.

Falls euch noch nicht aufgefallen ist, dass ich bis jetzt überhaupt keine zeitlichen Daten genannt habe: Es liegt daran, dass die Zeit hier total verschwimmt, bis auf einige Fixdaten.

So ein Datum war zum Beispiel der 30.10.: unser Grenzübertritt um 10.00 Ortszeit.

Von dort aus ging es fünf Stunden lang über den Mekong ins Innere von Laos via »Slow Boat«. Wir hielten an in einem kleinen Ort, der wahrscheinlich nur für den Zwischenstopp der Boote entstanden ist.

Der darauffolgende Tag gestaltete sich ähnlich wie der vorige: Diesmal sieben Stunden Fahrt über den Mekong, bis wir am Ziel waren:

Luang Prabang.

Sehr viel haben wir nicht in den drei Tagen unseres Aufenthalts dort gemacht.

Wir haben uns den wunderschönen Sonnenuntergang von einem Tempel auf einem Hügel aus angeschaut.

Am nächsten Morgen sind wir um fünf Uhr aufgestanden, um live mitzuerleben, wie den Mönchen ihr täglich Brot von den Bewohnern der Stadt überreicht wurde. Das ist auch in Thailand üblich. Soweit ich weiß, ernähren sich die Mönche nur von den Gaben der Einheimischen.

Am selben Tag ging es dann auf zum großen Wasserfall der Stadt, der de facto eine Stunde außerhalb liegt.

Das war landschaftstechnisch eines der schönsten Erlebnisse, das ich bis jetzt neben der Fahrt über den Mekong und unserer Tour nach Vang Vieng hatte. Da kann ich auch nicht viel zu sagen: Das muss man einfach selbst gesehen haben. Ein riesiges Gelände im »Jungle«, das durchzogen ist von kleinen und großen Wasserströmen und -fällen.

Genährt werden diese von einem großen Wasserfall, der sich über zwei Ebenen im Berg hinzieht. Schwer zu beschreiben, mit all den Schmetterlingen und Libellen in Farben, die man bei solchen Tieren nie vermutet hätte, uralten Bäumen und natürlich zahlreichen Schwimmgelegenheiten.

Da wartet ihr am besten auf die Bilder, die in den nächsten Tagen auf dem Onlinekonto eintrudeln und in Umlauf gebracht werden.

So, nun komm ich fast zum Ende dieser Text-Odyssee. Was noch bleibt, ist die zwar extrem holprige Busfahrt an meinen jetzigen Aufenthaltsort, wo ich auch erst vor drei Stunden angekommen bin: Vang Vieng.

Was es hier für uns zu tun gibt, könnt ihr ganz einfach herausfinden, indem ihr »Vang Vieng« und »Tubing« bei Google eingebt und euch vielleicht mal eins der Videos anschaut.

Wir bleiben hier voraussichtlich zwei bis drei Tage, bevor es schon wieder weitergeht in Richtung der sagenumwobenen Ha Long Bay in Vietnam.

Bis dahin ein großes »Kop Chai Lai Lai« (vielen, vielen Dank auf Laotisch) fürs Lesen und bis zum nächsten Mal, live aus einem der berüchtigten Tunnel der Vietkong.

Euer Till

Rundmail vom 19. November

Viva Vietnam!

Nachdem wir unser fünfundfünfzig US-Dollar schweres Visum in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, organisiert hatten, machten wir uns am nächsten Tag via Sleepingbus auf die Reise Richtung Vietnam.

Der Bus ist schon für sich ein kleines Erlebnis, sind die »Betten« doch eigentlich nur komplett runtergeklappte Autositze, jeweils drei nebeneinander. Und so saßen/lagen wir die nächsten vierundzwanzig Stunden vom nächsten Passagier eingeengt, nur von ein paar Stopps und dem Grenzübergang unterbrochen.

Um zwei Uhr nachts kamen wir am Grenzposten an, der aber erst um sieben aufmachte. So »mussten« wir die Zeit mit Schlafen überbrücken, bevor der ganze Ausreise-Einreise-Quatsch losging.

Komischerweise mussten wir, nachdem wir unseren Ausreisestempel in Empfang genommen hatten, so circa einen Kilometer laufen, um vom laotischen zum vietnamesischen Grenzposten zu kommen. Dort wurden wir freundlich von einer Kalaschnikow im Fenster begrüßt, an der Handschellen herunterhingen.

Aber insgesamt war der Übergang nicht besonders schwierig oder stressig im Vergleich zum Grenzübergang Thailand-Laos.

An der ersten Raststätte in Vietnam fiel uns schon auf, welch ein großer Unterschied zwischen Thailand und Laos besteht: Praktisch jeder, der an uns vorbeifuhr, winkte uns zu und rief uns mit einem Lächeln »Hello« zu, was uns schon ein bisschen komisch vorkam.

Naja, das hat sich in Hanoi wieder komplett geändert, denn die Hauptstadt hat wirklich Einiges zu bieten und ich persönlich bin total in Hanoi verliebt.

Mein erster Eindruck war jedoch ein anderer, als wir abends um sieben erschöpft von der Fahrt ankamen: Der Verkehr rast an dir vorbei, tausende Roller (vier Millionen in der ganzen Stadt, um exakt zu sein) schlängeln sich hupend kreuz und quer durch den Straßendschungel der Stadt. Mit anderen Worten: laut, dreckig, hektisch.

Alle wollen dir etwas verkaufen und sind dabei mit dir nicht besonders zimperlich.

Am schlimmsten ist, dass du hier noch stärker aufpassen musst, denn du wirst an jeder Ecke gnadenlos abgezockt, weißt du dich nicht händlerisch zu verteidigen.

Naja, neuer Tag, neues Glück.

Als wir uns nach dem Frühstück zu Fuß durch die Altstadt haben treiben lassen, rückten ganz neue Eindrücke ins Licht: Die verwinkelten Straßen und Gassen sind zwar höchst verwirrend, weisen jedoch einen unverkennbaren Charme auf, mit tropischen Bäumen überall auf den Bürgersteigen der etwas größeren Straßen.

Wenn man nicht so gestresst ist, wirken die Hupen gar nicht mehr so laut und der Verkehr ist als Fußgänger eigentlich sehr leicht: Man geht einfach über die Straße und die Roller weichen einem nach dem Fischschwarmprinzip aus.

An jeder Ecke gibt es einzigartige Läden, Straßenrestaurants und andere Kuriositäten zu sehen. Und eigentlich macht das Feilschen ziemlichen Spaß, wenn man einmal das Prinzip verstanden hat.

Wir buchten dann eine dreitägige Tour zur Ha Long Bay, um die sich viele Sagen ranken. Unser Tour Guide erzählte uns von einem riesigen Drachen, der in der Bucht Schutz vor Feinden und Wetter suchte, um sein Baby zu bekommen.

Daher kommt der Name: ha=sinkender, long=Drache.

Die Busfahrt war schon wieder ein Erlebnis für sich, denn obwohl versichert wurde, den besten Busfahrer von ganz Thailand zu haben, rauschte dieser eine halbe Stunde später in ein Moped mit zwei jungen Frauen darauf.