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Prag, 1968: Der Warschauer Pakt, allen voran die Sowjetunion, bereitete dem 'Prager Frühling', die Reformbewegung des 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz', ein schnelles und grausames Ende. Tausende Tschechoslowaken fliehen aus ihrer Heimat in die umliegenden Länder Europas. Auch die Schweiz öffnete damals grosszügig ihre Grenzen. Fünfzig Jahre später macht sich Michelle Lebeda, ein achtzehn-jähriges Mädchen mit tschechischen Wurzeln auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Dabei erfährt sie nicht nur Unglaubliches zu den damaligen politischen Umständen, sondern bringt auch mehr und mehr über ihre eigene Familiengeschichte in Erfahrung. Vor allem die Lebensgeschichte ihrer Oma fasziniert und berührt Michelle zutiefst. Mit ihrer Hilfe beginnt das Mädchen Fragen zu stellen und vertieft nach Antworten zu suchen, die sie schlussendlich bis in die tschechische Hauptstadt führen. 'Historisch, wahr und emotional'
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Eine kleine Einleitung zum Buch:
Dies ist die wahre Geschichte einer jungen Frau, die sich in Form einer Maturaarbeit vertieft mit seinem Vaterland, seiner Kultur und Politik und der Frage, warum seine Familie aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen ist, auseinandersetzte.
In dieser Geschichte sind zudem originale Auszüge der aufgeschriebenen Lebensgeschichte ihrer Grossmutter vorhanden, die durch Anführungs- und Schlusszeichen sowie kursiver Schrift differenzierbar gemacht wurden. Die Zitate sind nicht verändert und können somit einige grammatikalische Fehler aufweisen.
Zu diesem Text existiert ein historischer Begleittext, ebenfalls von Michelle Lebeda verfasst, der die damalige politische Situation der Tschechoslowakei, das Ende des Prager Frühlings und die Reaktion der Schweiz auf die Ereignisse aufzeigt.
Teil I : Das literarische Schreiben
Lebeda
Gelegenheit macht Diebe
Das war mein Leben
Buchty
50 Jahre Prager Frühling
Fotoalben
Prag
Epilog
Für Oma
„Und wie lautet ihr Name?“
„Lebeda“
„Wie?“
„Lebeda. L-e-b-e-d-a“. Ich verdrehe meine Augen und bin im selben Moment froh, dass die reizend klingende Dame nicht in der Lage ist, durch das Telefon zu schauen.
„Ah“, klingt es erstaunt durch den Hörer, „dies ist ja ganz leicht“, antwortet die Stimme entzückt.
„Ja, genau“, erwidere ich, „Ganz leicht. Wie „Ich lebe da“, nur halt ohne das Ich.“
Sie lacht.
„Gut, Frau Lebeda“, es scheint, als wolle sie meinen Namen noch einmal richtig auskosten, so betont langsam, wie sie ihn in die Sprechmuschel hinein spricht, „Nun brauche ich nur noch Ihre Adresse.“...
Ich bin es gewohnt, meinen Namen repetieren und buchstabieren zu müssen und habe aufgehört mich darüber aufzuregen. Viel mehr erfüllt es mich mit stolz, keinen todlangweiligen und häufigen Namen wie Müller oder Meier zu haben. Ich bin stets bereit, meinen Namen noch einmal zu wiederholen, sobald jemand danach fragt. Bei falschem Aussprechen auch gerne ein zweites oder drittes Mal.
Der Name Lebeda erweckt in Vielen eine Neugier und sie fragen, woher der Name stammt, da sie ihn noch nie gehört haben. In der ganzen Schweiz kann man die Familien Lebeda an einer Hand abzählen und ein grosser Teil der „Lebedas“ gehört denn auch zur Familie meines Vaters.
Mit viel Geduld erkläre ich den fragenden Gesichtern jeweils, dass dies ein tschechischer Name sei, und dass die väterliche Seite meiner Familie aus Tschechien stammt. Nach meinen Erklärungen sehen die Gesichter dann nicht mehr fragend, sondern befriedigt und zufrieden aus, und ich bin froh, jemandem eine Frage in seinem Kopf beantwortet haben zu können. Weitere Fragen kommen meistens nicht mehr und auch ich habe mir selber nie weitere Fragen gestellt.
Bis jetzt.
Jeder und jede durchlebt einmal die eher wilderen Jahre der Adoleszenz und somit eine der wichtigsten Entwicklungsphasen des menschlichen Wesens. Ich muss sagen, dass ich noch mittendrin stecke mit meinen achtzehn Jahren und sehe so schnell auch noch kein Ende dieser Entwicklungsphase, obwohl ich die Anfangsjahre schon hinter mir habe.
In dieser Zeit sind ja bekanntlich die Gedanken überall, nur nicht dort, wo sie sein sollten und zwar in der Schule oder am Arbeitsplatz.
Als junger Teenager beginnt man, sich über sich selbst Gedanken zu machen, Fragen zu stellen, seinen Platz auf dieser Welt zu suchen, und während einige ihn ziemlich rasch und ohne Probleme finden, irren andere noch ihr ganzes Leben umher, auf der Suche nach ihrem eigenen Sinn des Lebens.
Dazu kommt diese verflixte Liebe mit ihren doofen Schmetterlingen und gebrochenen Herzen, das erste „Verliebtsein“, das Interesse am anderen Geschlecht und somit sind alle Gedanken, Gefühle und Emotionen sowieso komplett überfordert.
Ja, auch da stecke ich noch mitten drin, aber um das geht es im Moment eigentlich gar nicht, merke ich gerade. Über dieses Liebesding könnte ich auch noch ganz viel schreiben, aber das wäre definitiv eine andere Geschichte.
Wie schon gesagt, befasst man sich als junge, erwachsen werdende Person immer mehr mit der Frage, woher man eigentlich kommt, was man im Leben erreichen möchte, welche Ziele man sich setzen will und wo sein Platz in der Gesellschaft am Ende ist.
Nebst all dem anderen wirren Zeug, welches im Moment in meinem Kopf herumschwirrt, habe auch ich mich immer mehr gefragt, woher ich überhaupt stamme. Woher kommen meine Eltern, wie sind sie wohl früher gewesen und was genau haben sie mir auf meinen eigenen Lebensweg mitgegeben? Was hat mich durch sie geprägt? Waren sie auch manchmal so mühsam wie ich in dieser Zeit? Wie sah ihre erste Liebesbeziehung aus? Waren sie gut in der Schule? Waren sie im Allgemeinen artige Kinder?
Natürlich ist es bei solchen Fragen unvermeidlich, sich Gedanken zur eigenen Familiengeschichte zu machen und sich mit seinen Wurzeln auseinanderzusetzen. Unsere Familie hat da eine, ich finde man kann dies schon so sagen, speziellere Vergangenheit, denn mein Vater stammt nicht aus der Schweiz, sondern aus Tschechien.
Ich war immer sehr stolz darauf, zu fünfzig Prozent Tschechin zu sein. Ich fand, dass es mich aufregender machte. Jedoch war alles, was ich lange Zeit wusste, dass meine Familie nicht als normale Auswanderer, die ein neues Abenteuer in ihrem Leben suchten, sondern als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen ist. Genaueres erfuhr ich erst, als ich anfing, Fragen zu stellen. In erster Linie waren es Fragen zur Flucht. Ich meine, es ist schon aufregend, wenn der eigene Vater ein Flüchtlingskind ist, und darüber wollte ich mehr erfahren. Von ihm selbst jedoch war nie viel herauszubekommen. Er war damals noch ziemlich klein und erinnert sich nicht mehr so gut an all die Ereignisse vor und während der Flucht. Vielleicht mochte er sich auch einfach nicht genau erinnern, oder er wollte es mir nicht erzählen. Dies war mir jedoch egal, denn ich hatte ja meine Oma, die ich fragen konnte und die sich kein zweites Mal darum bitten liess, Geschichten zu erzählen. Ich liebte es, ihr dabei zuzuhören und konnte nicht genug kriegen, wenn sie von ihren Abenteuern erzählte.
Dass die Ganze Sache viel tiefer ging und mich viel mehr berührte als am Anfang geglaubt, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
***
Mit der Zeit machte ich mir mehr und mehr Gedanken zu meiner Familie, auch, als ich von anderen Schicksalen von Freunden erfuhr, die auch nur zur Hälfte Schweizer oder Schweizerin sind. Wenn meine Freunde bei mir anfingen genauer nachzuhaken und sich nicht einfach nur mit der Standartandwort auf ihre Fragen zu meiner Vergangenheit zufrieden gaben, merkte ich, dass ich mit meinem Wissen bald an den Anschlag kam. So viel wusste ich gar nicht über meine Familie.
Immer mehr kam in mir daher der Wunsch auf, weiter zu forschen, tiefer zu graben und mehr heraus zu finden, und mich nicht mit dem zufrieden zu geben, was ich bereits wusste.
Ich begann, im Internet zu recherchieren, bei Berichten und Nachrichten über die tschechische Republik besonders genau hinzuhören, spitzte meine Ohren bei Gesprächen meiner Familie über frühere Zeiten und saugte alles in mir auf, was ich an Informationen bekommen konnte.
Ich hätte nie gedacht, dass mich all das so sehr auch selbst berühren und mitreissen würde, denn je mehr ich erfuhr, desto näher gingen mir die Geschichten und umso mehr fühlte ich mich mit meiner Oma und ihrem Schicksal auch verbunden.
Oft konnte ich all die Ereignisse gar nicht einordnen, weil es sich einfach so unglaublich anhörte, als wäre alles nur erfunden und als Roman niedergeschrieben worden. Doch dies ist bei weitem nicht so und ich bin wahnsinnig stolz und froh, ein Teil dieser Geschichte zu sein und noch viel froher bin ich, dass ich mich auf die Suche nach dieser Geschichte, nach dieser Vergangenheit und meinen Wurzeln begeben habe und somit mein Leben um ganz viele Erinnerungen, Gefühle, Emotionen und Erfahrungen bereichert habe.
Dies ist nun die Geschichte einer jungen Frau, welche sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit gemacht hat und dabei auf viel mehr gestossen ist, als sie zu Beginn je geahnt hätte.
Es war Ostern. Das ganze Wochenende wechselten sich Regen, Sturmwind und die Sonne im gegenseitigen Kampf ab und bescherten uns so richtiges Oster- und Aprilwetter. Wie konnte es anders sein. An Ostern regnete es doch eigentlich immer.
Für Ostermontag hat meine Mutter unsere Grosseltern, also ihre Eltern, und Tante und Onkel eingeladen. Tante Zora ist Papas Schwester, die zwei Jahre älter ist als ihr jüngerer Bruder. Meine Grosseltern verstehen sich prächtig mit Zora und Alex und es braucht nie viel Aufwand, das Gespräch am Laufen zu halten, denn sie selbst haben sich stets unglaublich viel zu erzählen.
Meine Mutter wollte einen Brunch für unsere Gäste organisieren. Dabei sollten meine jüngere Schwester Janine und ich helfen, damit es ein grosses Angebot an leckerem Essen für alle gibt. Ich liebe es, wenn wir etwas „Grosses“ auf die Beine stellen, denn meine Mama ist eine fabelhafte Bäckerin und Köchin und so wurde sie natürlich noch zusätzlich gepusht von mir. Natürlich nur ein wenig, versteht sich.
So ähnlich läuft dies auch jedes Jahr mit unseren Weihnachtsplätzchen ab. Ich kenne das Backpotential meiner Mutter nur zu gut und weiss, was alles in ihren kreativen Händen steckt. Es ist egal, ob die Kekse zum Schluss auch alle gegessen werden oder nicht, es müssen einfach ganz viele, in verschiedenen Sorten sein.
Dieses Jahr erstellten wir eine Liste, welche Sorten wir gerne gebacken haben wollten und kamen dabei auf dreizehn Stück. Mama erwähnte, dass es ziemlich unmöglich sein wird, alle Sorten zu backen, da sie auch noch viel arbeiten und Sonstiges erledigen musste. Wir waren damit einverstanden, dass wir mit den Favoriten beginnen würden und dann sähen, wie weit wir kämen.
Ich erinnere mich, dass sie mir an einem Abend eine Nachricht schrieb, sie hätte an diesem Donnerstag die ersten drei Sorten gebacken. Am Freitag waren es bereits sechs Sorten und man kann sich ja denken, wie es weiterging. Am Ende hatten wir dreizehn Sorten Kekse zu Hause, die alle fein säuberlich in Keksdosen verpackt im Keller standen und darauf warteten, in die Wohnung geholt zu werden. Es war herrlich! Die Auswahl ging von „Mailänderli“ über „Spitzbuben“, „Kaffeekeksen“, „Kokosmakronen“, „Chocolate Cookies“ zu „Vanillekipferln“, Orangenschnitten und weiteren. Ich weiss ja nicht, womit andere Leute so prahlen, aber ich genoss den Ruhm, mit dreizehn Kekssorten angeben zu können. Natürlich wurden viele verschenkt, da wir es sonst nie geschafft hätten, alle zu essen. Ausser Paps sind wir nämlich gar nicht so grosse Keksesser. Nur er ist in der Lage, eine ganze Dose vor dem Fernseher zu leeren. Jaja, die Masche des Fernsehers kennen wir alle... und plötzlich war die grosse Chips Packung leer.
Ich bin abgeschweift.
Genau, es war Ostermontag und wir, also vor allem ich, wollten zeigen, was Familie Lebeda essenstechnisch so alles drauf hat.
Mama und meine Schwester werkten in der Küche. Ich war für die Dekoration auf dem Tisch, das Anrichten der Essensplatten und die Ordnung in der Wohnung zuständig. Es sah wunderbar aus. Auf dem Esstisch waren acht Gedecke mit passenden Tischsets und Servietten angerichtet. Jedes Gedeck wurde mit einem kleinen Schokohasen als Geschenk für den Gast „abgerundet“. In der Mitte des Tisches waren zwei Osternester mit selbst gefärbten, gekochten Eiern platziert. Darum herum standen die Konfitüren und Honiggläser, jedes mit einem Teelöffel versehen.
Auf einem kleineren Tischchen war das restliche Essen angerichtet. Eine prallgefüllte Fleischplatte war am Kopf des Tisches zu finden. Daneben sorgte die Käseplatte für starke Konkurrenz. Am anderen Ende zog ein selbstgemachtes Müsli den Blick auf sich und in der Mitte glänzten ein frisch gebackener Zopf, kleine Brötchen und Croissants.
Zwischen den Platten mischten kleine Teller mit frischen Früchten die Tafel auf und natürlich gab es überall reichlich Schokolade und später zum Kaffee einen selbstgemachten Früchtekuchen.
Ich war unglaublich stolz auf unser Werk und auch Mama gefiel das Resultat unseres Tuns. Dies war ein gutes Zeichen, denn so konnte man sie mühelos für ein weiteres Mal motivieren.
Auch unseren Gästen gefiel, was sie beim Eintreffen zu Gesicht bekamen.
Als wir uns alle gegenseitig begrüsst hatten und Tisch und Anrichte bewundert worden sind, setzten sich alle an ihren Platz und begannen reichlich zu essen, zu trinken und zu schwatzen.
Ich beteiligte mich abwechslungsweise an diesem und jenem Gespräch. Die beiden Männer, Paps war an diesem Tag leider nicht anwesend, also waren es nur Onkel und Grossvater, die die Männerseite vertraten, diskutierten zu Beginn natürlich vor allem über Traktoren und deren Motoren, während die Frauen ihren typischen Frauengesprächen folgten.
Ich beteiligte mich mal hier, mal dort, holte zwischendurch eine weitere Portion zu essen, manchmal schweiften meine Gedanken auch ganz woanders hin ab.
Plötzlich wurde ich jedoch hellhörig, da das Tischgespräch eine bestimmte Richtung eingeschlagen hatte. Mein Grossvater war gerade dabei über die Reise nach Tschechien zu erzählen, die er und Grossmutter früher einmal unternommen hatten.
Das Thema Tschechien war der Grund, warum ich auf einmal wie gebannt da sass und zuhören musste. Mein Körper richtete sich automatisch auf und ich versuchte angestrengt, mir alle eben gehörten Informationen zu merken.
Seit geraumer Zeit lassen mich Fragen, die meine ausländischen Wurzeln betreffen und nun vermehrt aufgetaucht sind, einfach nicht mehr los. Was war damals alles geschehen? Wie kamen sie hierher und warum genau kamen sie überhaupt?
Ich möchte Antworten finden, mich mit meiner Familiengeschichte befassen und die auftauchenden Fragen nicht mehr einfach unbeantwortet lassen. Schliesslich geht es dabei um die Vergangenheit meiner Familie und somit auch um mich. Vielleicht erfuhr ich hier nun einige Dinge, die mir ein paar der Fragen beantworten könnten.
Während Grossvater erzählte, gestikulierte er mit seinen Händen, schaute uns abwechselnd in die Augen und ich konnte in seinem Blick ein Funkeln von Abenteuerlust und Aufregung erkennen.
Mein Blick schweifte weiter zu Tante Zora. Ihre Augen hingegen wirkten betrübt und keineswegs so aufgeweckt wie die von Grossvater. Immer wieder nickte sie mit dem Kopf, anscheinend wusste sie genau, wovon er sprach.
Grossvater erzählte von Erlebnissen mit Einheimischen, von ihrem damaligen Wohlstand und wie gross der Unterschied zu ihnen, den Touristen aus der Schweiz damals war.
„Als wir in einer Herberge übernachten wollten und unser Auto draussen parkten, wurde uns geraten, es zu verstecken, da es nicht garantiert war, dass man es am nächsten Tag wieder antreffen würde. Also versteckten wir unser Auto stets im Hinterhof, damit wir am nächsten Tag auch weiterfahren konnten.“
Grossmutter stimmte Grossvaters Worten mit einem Nicken zu. Sie mochte sich noch ganz genau an die Reise erinnern. Auch Zora nickte mit ihrem Kopf und alle am Tisch machten den Eindruck als würden sie vollkommen nachvollziehen können, warum das Auto nun versteckt werden musste.
Ich hatte es jedoch nicht wirklich begriffen und es brauchte nur eine Millisekunde, bis ich mich dazu entschied, meinen Stolz, falls man dies überhaupt so nennen kann, abzulegen und wie die Dumme in die Runde zu fragen:
„Aber warum musste man denn die Autos verstecken? Also...“
„Sie waren ein teures und edles Gut, das die Tschechen damals einfach nicht besassen“, antwortete mir Tante Zora.
„Sie hatten damals nichts, einfach gar nichts und jeder Tourist war ein reicher Mann, der Geld besass, das man ihm leicht abnehmen konnte.“ Ich nickte erstaunt. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass man damals in Tschechien als Tourist sich so um sein Hab und Gut fürchten musste.
„Als wir erwachsen und schon lange in der Schweiz waren, entschieden Richard und ich uns, für einmal als richtige Touristen in unser Vaterland zu fahren“, begann Zora wieder und meine Aufmerksamkeit galt sofort wieder nur ihr, da nun zusätzlich mein Vater ins Spiel kam .
„Wir wollten für einmal weder Familie noch Bekannte sehen, sondern uns nur auf die Schönheit des Landes fokussieren. So sassen wir eines Mittags in einem Restaurant, warteten auf den Kellner und plauderten ein wenig miteinander. Wir sprachen tschechisch, da es toll war, wieder einmal die Muttersprache zu gebrauchen. Der Kellner kam und wir wollten bestellen, als er uns mitteilte, dass dies kein Restaurant für Einheimische sei und sie ausschliesslich ausländische Gäste bedienten. Richard und ich trauten unseren Ohren kaum und beschlossen nun auf schweizerdeutsch, dass wir ihn eiskalt stehen lassen würden und was für eine Frechheit es war, dem eigenen Volk die Tür einfach vor der Nase zuzuschlagen. Der Kellner entschuldigte sich natürlich sofort für sein unfreundliches Verhalten, als er merkte, dass wir gar keine Einheimischen waren und sprach nun mit wärmster Stimme davon, die Schweizer Gäste natürlich sofort zu bedienen. Für uns war der Zug jedoch bereits längst abgefahren. Wir verliessen das Restaurant und waren fest entschlossen, unser gutes Schweizer Geld nur in einem gesellschaftsfreundlichen Gasthof auszugeben.“
Unfassbar. Wie konnte die Lage im eigenen Land nur so prekär sein, dass man sich so abweisend gegenüber seinen Landesbrüdern und - schwestern benehmen konnte, um einigermassen über die Runden zu kommen? War die Lage in der Tschechei wirklich so anders als bei uns? Wer hatte für so etwas überhaupt gesorgt und warum tat man nichts dagegen? Weitere Fragen, welche sich nun in meinem Kopf ansammelten und mich in eine beinahe hoffnungslose und auch ein wenig betrübte Stimmung versetzten.
Ich war froh, dass Grossvater gleich wieder zu reden begann und das Gespräch in eine andere Richtung abdriftete. Er sprach davon, wie gross die landwirtschaftlichen Flächen in Tschechien waren und sofort stimmte Alex mit ein und gemeinsam schwärmten sie von Äckern und Wäldern, soweit das Auge reichte.
Ich war mit meinen Gedanken immer noch bei Zoras Geschichte.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich selbst aus einem Restaurant in der Schweiz ausgewiesen werden würde, nur weil ich aus demselben Land stammte, die gleiche Sprache sprach und somit die gleichen finanziellen Probleme hatte. Dieser Gedanke war total pervers und beschäftigte mich auch noch Tage danach.
An diesem Ostermontag liessen wir das Thema Tschechien dann jedoch bleiben und sprachen noch über viele weitere Dinge, genossen Kaffee und Dessert, bevor sich unsere Gäste dann, angesichts der bereits fortgeschrittenen Zeit, langsam auf den Heimweg machten.
Es war ein wirklich toller Tag und ich hatte es sehr genossen, wieder einmal einen Teil meiner Verwandtschaft zu sehen.
An einem Abend packte ich die Gelegenheit jedoch beim Schopf und sprach Papa auf die Geschichte, die Zora am Brunch erzählt hatte, an.
Sie liess mich einfach nicht los und ich musste einfach noch mehr darüber erfahren. Sein Blick ging in die Ferne, als er sich an damals erinnerte:
„Bevor ich die Reise mit Zora unternahm, war ich schon einige Male wieder in der Tschechei, jedoch immer bei Verwandten zu Besuch, da meine Schwester den Schweizer Pass noch nicht besass.“
„Den Schweizer Pass?“, unterbrach ich ihn, „durfte sie somit noch nicht wieder nach Tschechien reisen?“
„Ja, genau, ihr war es noch nicht erlaubt, zurückzukehren. Auf jeden Fall wurden bei mir auch immer die Wagen versteckt.“
Dies war die Gelegenheit, noch einmal genauer wegen der Geschichte mit den Diebstählen nachzufragen, denn ich konnte mir noch immer nicht vorstellen, dass die Tschechen so ein diebisches Volk waren.
Daher hakte ich nach:
„Warum genau wurden denn die Autos versteckt? Es war, weil sie geklaut wurden, nicht wahr?“
„Ja, es wurde geklaut“, Papa nickte, „das tschechische Volk ist nicht diebisch, überhaupt nicht, aber zu dieser Zeit waren so viele Dinge einfach nicht erhältlich. Ein Mann, der unbedingt einen neuen Scheibenwischer brauchte und ihn einfach nicht kriegen konnte, sah in einem Touristenauto die Gelegenheit, sich den Wischer zu besorgen.“
Ich sah ihn mit grossen Augen an, nickte und hoffte inständig, dass nun noch weitere Details folgen würden. Dies war alles so unglaublich spannend.
Er selbst zuckte die Achseln: „Gelegenheit macht Diebe.“
Damit beendete er das Gespräch, drehte sich um und widmete sich wieder seiner angefangenen Arbeit.
An diesem Abend bekam ich keine weiteren Informationen mehr. Dies machte mir jedoch keineswegs etwas aus, da ich zusätzlich angespornt war, mich nun aktiv auf Quellensuche zu begeben und möglichst Vieles und mir noch Unbekanntes zu damals in Erfahrung zu bringen.
Mein Gehör spezialisierte ich regelrecht darauf, bei Gesprächen über die damalige Tschechoslowakei hellhörig zu werden, und ich traute mich mehr und mehr Fragen zu stellen und bei Verständnisproblemen nachzuhaken.
Natürlich war meine erste Anlaufstelle bezüglich der Informationsbeschaffung meine Oma. Sie konnte ich alles fragen, denn sie wusste zum einen noch alles von damals und zum anderen bereitete es ihr grosse Freude, dass sich ihre Enkelin für ihre Vergangenheit interessierte. Sie erzählte mir gerne ihre Geschichten. Schon als ich noch jung war, hatte sie Janine und mir viele Geschichten von früheren Zeiten erzählt. Für uns waren es jedoch einfach Geschichten, die sich lustig und aufregend anhörten, uns jedoch keines Falls wirklich berührten. Wir waren damals auch einfach noch zu jung, um das alles wirklich zu begreifen.
Auch zu Beginn meiner aktiven Suche nach Informationen bezüglich meinen Wurzeln war ich noch nicht in der Lage, den Ernst der Situation wirklich zu realisieren und die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag, als ich registrierte, wie die einst als banal und oberflächlich begonnene Recherchearbeit in etwas viel Tieferes hineinging.
Doch erst einmal der Reihe nach.
Das Ganze ins Rollen gebracht hatte ein Word Dokument, das ich eines Abends auf dem Schreibtisch meines Laptops öffnete. Mein Vater hatte mir den Tipp gegeben, ich sollte Oma nach ihrer Art Tagebuch fragen, das sie einst geschrieben hatte, denn dort würde einiges zur Flucht drinstehen, für die ich mich doch so sehr interessierte.
Gesagt, getan. Oma schickte mir das Dokument per Mail und ich stellte mich auf einige spannende Tagebucheinträge ihrer Flucht in die Schweiz ein.
Von einem einfachen Tagebuch zur Flucht konnte jedoch ganz und gar nicht die Rede sein, als ich die Geschichte mit dem Titel „Das war mein Leben“ zu lesen begann.
Schluchzend und mit tränenverschmiertem Gesicht tastete ich nach frischen Taschentüchern auf meinem Nachttischchen, das bereits mit gebrauchten Tüchern und anderem Krimskrams zugemüllt war. Ich zog ein frisches Tuch aus der bunten Verpackung und tupfte damit mein Gesicht ab, bevor ich mein Naseninneres darin entleerte.
Ein weiterer Schluchzer durchschüttelte mich und forderte ein neues Taschentuch.
