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Valérie de Montmollin stammt aus einer Schweizer Adelsfamilie in Neuchâtel, doch ihr Schicksal ist nicht das einer Prinzessin. Mit entwaffnender Offenheit spricht sie über Tabus: Den Missbrauch und Inzest, den sie in ihrer Kindheit erleben musste. Die emotionale und physische Gewalt durch ihren späteren Partner. Den Scherbenhaufen, vor dem sie oft stand und den sie jedes Mal beseitigen musste und konnte. Dank Freunden, dank der Musik und dank ihres enormen Mutes gelang es ihr immer wieder, Ordnung in ihr Leben zu bringen. Valérie bricht ein gesellschaftliches Schweigen mit nur drei Worten: ICH MACHE EINFACH.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Valérie de Montmollin
Ich Mache Einfach
Zwischen Adel, Leid und dem Willen, einfach durchzuziehen!
Autobiografie
1. Auflage 2026
© Münster Verlag, Zürich
Verlag: Münster Verlag, CH-Zürich und D-Singen
Lektorat: Sibylle Kappel
Fotografie: Oliver Malicdem, Valérie de Montmollin
Makeup und Haare: Stephanie Jeg
Schmuck: Jürg und Alex Frech
Grafiken: www.shutterstock.com
Satz: Sibel Demircan
Klappentext: Sibylle Kappel
ISBN: 978-3-907301-85-2
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buchs darf ohne schriftliche Genehmigung
des Verlags reproduziert werden.
Verlagsanschrift:
Münster Verlag Deutschland
Auf der Höhe 6, D-78224 Singen
Tel: +49 (0)7731-8380
www.muensterverlag.ch
Impressum
Inhalt
Playlist
Vorwort
1. Stummer Unterbauch
2. Verlogen
3. Erste Liebe
4. Aufbruchstimmung
5. Belästigungen
6. Durchbruch
7. Hochverrat
8. Frische Luft
9. Stille Grooves
10. Gemeinsamkeiten
11. Walzer
12. Grosse Liebe
13. Häusliche Gewalt
14. Familiengeheimnis geluftet
15. Masterclasse
16. Weiblichkeit
17. Errungenschaft
18. Nadelohr
19. Eigenverantwortung
20. Über diese Biographie
21. Fazit
Hilfe in herausfordernden Lebenslagen
Kompetente Kontakte
Nachwort
Danksagung
Dieses Buch ist meiner ermordeten Herzensfreundin Fabienne, deren unverschämt lautes Lachen bis heute die Welt erheitert, gewidmet.
Die klassische Oper hat mich schon immer fasziniert. In letzter Zeit, durch den intensiveren Kontakt mit Menschen aus der Opernwelt, kam mir ein Gedanke: Was wäre, wenn eine Popstimme sich das große deutsche Repertoire aneignen würde?
Diese EP, die zeitgleich mit diesem Buch erscheint, ist das Ergebnis dieser Überlegung. Sie umrahmt ein zentrales Lied über häusliche Gewalt – getragen von der Tiefe und Kraft klassischer Musik.
Mit großer Demut habe ich mich diesem anspruchsvollen Repertoire gewidmet. Es hat mich als Sängerin wachsen lassen und ist eine Hommage an eine musikalische Tradition, die mir sehr am Herzen liegt.
Es ist eine neue Art, diese Musik weiterleben zu lassen – durch meinen Weg, meine Stimme, meine Geschichte.
1. Nie wieder – Valérie de Montmollin
2. Der Erlkonig (Schubert) – Valérie de Montmollin
3. Das Lied der Trennung (Mozart) – Valérie de Montmollin
4. Du hast den Farbfilm vergessen (Nina Hagen) – Valérie de Montmollin
5. Plus jamais – Valérie de Montmollin
Originalverfassung in Französisch im Nachwort
So sitze ich also hinter meinem treuen, schwarz lackierten Klavier, und Valéries Blick durchbohrt mich, stellt stumme Fragen, wartet auf eine Antwort. Sie weiß genau, wie sehr ich der Stimme diene, die sie mir anvertraut.
Beunruhigt fragt sie sich, ob das Aufgewühlte, die Gezeiten und Stürme die Klarheit ihres Blickes getrübt haben und ob das Leid, das sie erfahren hat, dem Wasser ihrer Augen seine unveränderliche Transparenz genommen hat. Nein, Valérie.
Der Zorn der Elemente macht das Herz reiner und die Seele tapferer – für jene, die es wagen, dem Horizont fest ins Auge zu blicken, ohne zu erzittern vor dem, was sie intensiv erlebt haben.
Die Hand, durch die sich eine ungezügelte Gewalt in alles, was du bist, eingeschlichen hat – durch Schläge, die das Schicksal dir erbarmungslos versetzt hat – hat dennoch nicht die unerschütterliche Freude zerstört, die tief in dir wohnt. Die Hand dessen, der dich glauben machen wollte, dass nur ein Kind denken könne, es sei nie etwas geschehen. Oder die Hand dessen, der dich glauben lassen wollte, dass die Liebe sich alles herausnehmen darf – bis zum Tod. Nur nicht gegenüber jenen, die wie du oder ich es geschafft haben, mit kämpferischem Schritt durch das Tor in die Freiheit zu treten.
Deine Großzügigkeit schwingt in deiner Stimme – auf der Bühne, in deinem Schreiben, im Einsatz für die, die du liebst. Valérie, du, die du deine Stimme erhoben hast, um deine Ruhe zu bewaffnen – und mir geholfen hast, jene zurückzudrängen, die – wie es kürzlich die berühmte frankophone Schriftstellerin Amélie Nothomb ausdrückte – „mir die Finsternis auf die Stirn legen wollten“.
Du rufst laut und deutlich in die Welt, dass man weitermachen muss, egal was der Höchste uns zu leben auferlegt – und dass das Unglück nicht das Recht hat, die Freude zu verzehren. Denn nur sie bleibt, wenn wir gegangen sind.
Darum, Valérie: Lass deine Worte nun in diesem Werk hinausfliegen – um anderen den Weg zu eröffnen.
Adeline Toniutti
Autorin, Sängerin, Fernsehfrau, öffentliche Persönlichkeit
14:00 Uhr, ich betrete das Studio Luna Rossa in Paris. Heute treffe ich Adeline Toniutti, DIE Vocal Coach aus Frankreich. Ich warte seit einem Jahr auf diesen Termin. Adeline war Vocal Coach bei der Sendung «Star Academy» in Frankreich und ist entsprechend sehr gefragt und gebucht. Ihre Direktheit und ihr Humor haben mich sofort angesprochen. Heute möchte ich ihren Rat zur Verbesserung meiner Gesangstechnik und ihre Einschätzung für mein Weiterkommen im Musicbusiness einholen. Sie empfängt mich herzlich und willkommen heissend, hat keine Star-Allüren. Als ich ihr eines meiner Chansons vorsinge, spricht sie mich sanft auf meinen Unterbauch an, er sei blockiert, sagt sie. Das kann gut sein, denke ich elektrisiert, bei all dem, was dieser über sich ergehen lassen musste, kein Wunder – aber ich mache dennoch keinen Mucks. Adeline gibt nicht auf, hakt nochmals nach, vorsichtig und trotzdem bestimmt: Dein Unterbauch reagiert nicht beim Singen, er stellt sich tot. Ich lasse mir nichts anmerken, spreche von der Kaiserschnitt-Geburt meiner Tochter. Ich bin auf Alarmstufe rot. Diese Wendung hatte ich nicht erwartet. Ich sträube mich innerlich, mich jetzt offen meinen Missbrauchs-geschichten zu stellen. Bei uns, den de Montmollins, beisst man sich durch, jammert nicht, hält die Fassade blank und schön und lächelt dabei. Was auch immer geschieht.
Das erste Mal, dass ich meinen Vater enttäuscht habe, war bei meiner Geburt. Er hätte lieber einen Jungen gehabt. Um den Namen und die Familientraditionen fortzuführen. Hoppala – das ging wohl gründlich daneben. Und das war nur der Anfang einer langen Reihe von Hindernissen zwischen uns.
Meine Mutter, die dachte, sie hätte den Jackpot geknackt, indem sie einen Mann aus einer bürgerlichen Familie mit Adelswappen heiratete, musste sich der ernüchternden Realität stellen.
Hallo, was ist nun mit mir? Mir war offenbar schon im warmen Mutterleib klar, dass sich hier draussen nicht alle auf mich freuen würden. So verweigerte ich meine Geburt und tat so, als wäre der Zeitpunkt einfach noch gar nicht da. Die Ärzte liessen sich nicht täuschen und setzten meine Mutter und mich schliesslich unter Drogen, um mich herauszulocken. An welchem Tag sollte das denn sein, Monsieur de Montmollin? Für meinen Vater eine klare Sache, es würde der 26. Juli 1973 werden, genau der Tag a) der Hochzeit seiner Eltern, also meiner Grosseltern und b) am Tag der Geburt seiner grossen Schwester, also meiner Tante. Kurz vor meiner Geburt stirbt eine seiner beliebtesten Grosstanten, Antoinette. Ahnst Du schon, welcher 2. Vorname mir aufgebürdet wird? Genau. Antoinette. Ich bin entzückt. Heute noch. Meine Mutter interessieren all diese Geschichten offenbar nicht, auf jeden Fall hat sie mit keinem Wort widersprochen.
Ich habe eine ältere Schwester, die einen anderen Vater hat als ich. Und einen jüngeren Bruder. Ein Junge, juppi, die Familientraditionen sind gerettet. Mein Vater als ältester Sohn seiner Brut hat nun endlich einen Thronfolger erschaffen, so kann der Familienschmuck auch weitergegeben werden. Was hätte man sonst damit gemacht? Der Tochter weitergegeben? Nein, um Himmelsherrgottswillen, unmöglich. Welch grauenvolle Vorstellung. Nein, ein Sohn musste her und dieser war nun endlich da. So kam auch mein Vater auf seine Kosten. Welche Kosten denn?
Meine Mutter schlug folgenden Deal vor: Sohn gegen Haus. Papa kauft Haus, Mama macht Sohn. Ist die Liebe nicht wunderschön? Welch kuschelige Familie habe ich mir da ausgesucht. Der Deal kam zustande. Meine Mutter wohnte im eigenen Haus und gebar einen Sohn – nein, weit mehr, einen Erben für Papi. Mami muss auch sehr erleichtert gewesen sein. Was wäre denn passiert, wenn sie nochmals ein Mädchen geboren hätte?
Der frischgeborene Junge erfüllte dann leider doch nicht die Erwartungen. Etwas stimmte nämlich nicht mit ihm, das sah man ihm an. Viel zu klein war er geschlüpft und seine Reaktionen auf Geräusche schienen auch sonderbar. Nevermind, meine Schwester und ich hätten sowieso lieber ein Schwesterchen gehabt, aber was solls, wir nehmen auch den Bruder. Niedlich war er allemal und überaus reizend. Doch das reichte nicht für das Familienoberhaupt. Ein Junge soll stark sein, geschäftlich erfolgreich und seine Familie gut ernähren können. Und vor allem soll er im Militär aufsteigen, darin Karriere machen, das ist die Grundlage zur Männlichkeit. Ein absolutes Muss, sonst ist man ein halber Mann.
Und nach diesem Schema bemessen ist mein Bruder natürlich ein Nicht-ganz-Mann. Er leidet am Silver-Syndrom, einem seltenen Gendefekt. Die Armee wird ihn nicht aufnehmen, das weiss mein Vater. Er selbst hat darin Karriere gemacht, er kennt die Regeln. Die brutale Desillusion war für ihn fatal und schwächte seine Ehe noch mehr. Jeder suchte die Schuld beim Anderen. Meine Mutter beschuldigte meinen Vater laut und stark, dass er und seine Adelsfamilie, vielleicht sogar durch frühere Inzucht, für den Gendefekt verantwortlich seien. Mein Vater war meistens still. Klar war für ihn, dass der Defekt im Mutterleib stattgefunden hat und in seiner Familie keine solchen Anomalien anzutreffen sind. Ab und zu äusserte er sich ganz unbeteiligt darüber – er habe damit ja eigentlich nichts zu tun.
Mein Vater war sozusagen nie zu Hause. Frühmorgens ging er aus dem Haus und spät abends kam er von der Arbeit zurück. Am Wochenende zog er sich in sein Büro im ausgebauten Dachstock zurück und liess sich nur für die Mahlzeiten blicken. Diese waren entsprechend angespannt. Nicht selten kam es zum Eklat, weil ich zu langsam ass oder meine Schwester die Ellbogen beim Essen nicht hob. Oder gleich beides. Wenn mich das Fleischfett grauste und ich es nicht essen wollte, schnitt er mir sein Fleischfett ab und schmiss es mir auf meinen Teller. Ich solle es aufessen, so würde ich lernen, nicht so undankbar zu sein. In Afrika und Asien gebe es Kinder, die nichts zu essen haben. Er drohte dann, mir wenn nötig das Essen durch einen Trichter in den Hals zu stopfen. Oft wurde ich – gottseidank – stattdessen in die Toilette gesperrt, bis ich fertig gegessen hatte. Ganz unerwartet packte er manchmal den Unterarm meiner Schwester und schlug ihn mit einem harten Schlag an die Tischkante, so dass sie aufschrie. So würde sie es lernen, die Ellbogen beim Essen zu heben.
Die einzigen Essen, die mit guter Laune stattfanden, waren jene, wenn wir Besuch aus der Familie bekamen. Fürs Familienfoto konnte man meinem Vater und auch meiner Mutter das schönste Lächeln entlocken. Mit dem Besuch verabschiedete sich auch die gute Laune. Während der Woche, als sich mein Vater kaum blicken liess, war die Stimmung insgesamt friedlicher.
In die Ferien verreisten wir eigentlich nie. Dafür waren wir ab und an gezwungen, als gesamte Familie einen Sonntagsspaziergang im Dorf vorzuführen. Das war ganz schlimm. Mein Vater marschierte im Stechschritt weit voraus, dann kamen meine frustrierte Mutter, mein Bruder und ich, und weit hinten dann meine Schwester, die sich auf keinen Fall vor ihren Freunden blicken lassen wollte.
Rückblickend war meine Mutter eine erfolgreiche Geschäftsfrau, auch wenn sie nicht arbeitete und ausschliesslich für uns und ihren Frust da war. Den einen Deal, Haus gegen Sohn, habe ich bereits erläutert. Davor war ein weiteres Abkommen zustande gekommen, nämlich mit dem Vater meiner Schwester. Dieser war gerade 19, als meine Schwester zur Welt kam – meine Mutter war 21. Der guten Ordnung halber mussten sie heiraten, doch es kam nicht gut heraus. Sie liessen sich nach wenigen Jahren scheiden und meine Schwester hatte wenig Vater im Alltag. Dieser hatte auch ganz andere Dinge im Kopf als das Vatersein. Als meine Mutter wieder unter der Haube war, fiel ihr folgender Trick ein, um die lästige Vergangenheit auszuradieren. Sie unterbreitete ihm das folgende Abkommen: Er soll seine Tochter zur Adoption an ihren neuen Ehemann, meinen Vater, freigeben, als Gegenleistung müsste er finanziell nicht mehr für seine Tochter aufkommen. Der leibliche Vater meiner Schwester ging darauf ein, was tiefgreifende Verletzungen bei meiner Schwester hinterliess.
In dieser miesen Atmosphäre fühlte ich mich unwohl. So machte ich mich schon früh auf die Suche nach einer anderen Familie, einer Familie, in welcher man mich mögen und schätzen würde.
Schon als Kleinkind wollte ich die Ferien fern von zu Hause verbringen. So verbrachte ich Zeit bei meinen Grosseltern mütterlicherseits. Sie waren nett zu mir, aber alt und somit zu stark auf sich, die Sauberkeit im Haus, den Verdauungsspaziergang, den Mittagsschlaf etc. fokussiert. Emotional ging da wenig und sie wussten nicht genau, was sie mit mir anfangen sollten, ausser dass sie mich den Nachbarn immer wieder vorführten und wir den Esel weiter oben am Hang besuchen gingen.
Ich verbrachte Ferien, wo auch immer man mich empfing. Bei einem der Brüder meiner Mutter glaubte ich wahrhaftig eine neue Familie gefunden zu haben. Er war warmherzig, witzig, scherzte oft und vor allem schien er mich zu mögen. Er war jung, Ende Zwanzig, erfolgreich, grosszügig und sehr extrovertiert. Er gab mir Aufmerksamkeit. Bei ihm hatte ich das Gefühl, jemand zu sein. Als er mir eröffnete, dass ich immer bei ihnen willkommen sei, war ich ganz aus dem Häuschen. Bei jeder Gelegenheit verbrachte ich Zeit bei ihm und seiner künftigen Frau. In ihrem wunderschönen, lichtdurchfluteten, luxuriösen Appartement in Neuchâtel. Der Preis dafür war, wie sich rasch herausstellte, sehr hoch. Mein Onkel war sexuell unersättlich und dass ich noch ein Kind war, störte ihn offenbar überhaupt nicht. So gehörte oft zum Abendritual, dass er pornographische Filme mit mir und seiner Frau sehen wollte. Keine von uns hätte ihm widersprechen können, denn mein Onkel besass die Fähigkeit, sich im Nu vom lustigen, warmherzigen Charmeur zum gewalttätigen, gefährlichen Zeitgenossen zu verwandeln. Zudem besass er Waffen und so war mit ihm nicht zu witzeln, wenn er etwas wollte. Es geschah ab und zu, dass er jeden Gegenstand in seiner Nähe zerschlug. So sind unzählige Stühle, Lampen, Teller, Gläser und Dekorationsobjekte zerbrochen. In ganz schlimmen Momenten zückte er seinen Revolver, hielt ihn sich an die Schläfe und drohte, sich damit umzubringen. Dann verschwand er mit seinem schnellen Auto und quietschenden Reifen in die dunkle Nacht. Als er sich einen Teaser beschaffte, testete er diesen an mir aus und hörte erst dann damit auf, als ich gelähmt am Boden lag. Sein lautes Gelächter klingt mir heute noch in den Ohren.
Wenn er sich auf das Abendritual freute, war er lustig und extravagant. Auch später auf dem Sofa war er in bester Laune. Seine Frau lag jeweils auf einer Couch, mein Onkel und ich auf der anderen unter einer grossen Decke. Mit dem Film kamen dann seine Finger an meinen Körper und in meine Unterhose, da kitzelt es, meinte er, siehst du? Meine Tante lachte mit und starrte dann aber wieder in den Fernseher. Dann nahm er meine Hand und rieb sich damit den Penis. Es war glitschig und ziemlich eklig, aber es gefiel ihm. Erwachsene verbringen offenbar so ihre Abende und ich darf auch dabei sein, weil ich dazugehöre, dachte ich mir.
Dann aber schlich er sich auch nachts in mein Zimmer. Es war stockdunkel. Er war ernst, fast schlechter Laune, sagte kein Wort. Und ich hatte Angst. Grosse Angst. Mein Körper war starr. Mein Atem stockte. Ich war wie gelähmt. Seine Bewegungen waren hastig, unsanft, mechanisch, getrieben. Seine Hände bestimmten über meinen Körper, als wäre ich eine leblose Puppe. Ich sah nichts. Konnte nur sein unterdrücktes, röchelndes Stöhnen hören. Seinen starken Geruch riechen. Eine Mischung aus Schweiss, Rauch, Alkohol und Sperma. Es war ekelhaft, mir war schlecht. Es ging schnell vonstatten. Ich verhielt mich ruhig. Stellte mir vor, ich sei gar nicht da. Spürte wenig vom Schmerz. Dann war er fertig. Schnell richtete er sich auf und verschwand wortlos. Meine stillen Tränen erlösten mich ein wenig von der grossen Anspannung. Ich fühlte mich hundeelend und ganz allein auf dieser Welt. Dann schlief ich endlich ein.
Am nächsten Morgen waren alle sehr guter Laune und empfingen mich herzlich zum Frühstück. Es wurde gewitzelt und gelacht, bis ich mich auch zum Lachen überwinden liess. Als hätte nichts stattgefunden. Mir war es auch lieber, dass nichts passiert wäre. Und so gewöhnte ich mich daran, mir erfolgreich einzubilden, dass mit meinem Onkel nichts passiert sei, egal was tatsächlich stattfand. 10 Jahre lang. Auch als ich schon lange von zu Hause ausgezogen war. Als ich schon längst in einer eigenen Wohnung wohnte. Immer wieder stand mein Onkel unerwartet vor meiner Tür. Ich leistete keinen Widerstand, liess ihn in meine Wohnung, emotionslos, wie vorprogrammiert. Dann schaltete ich mich innerlich aus, bis er weg war. Pornofilme hatte er immer mit dabei. Er kam, bediente sich an meinem leeren Körper, erledigte sein Geschäft und ging dann wieder. Als meine Haustüre hinter ihm wieder geschlossen war, führte ich einfach meinen ganz normalen Alltag fort. Und blendete seinen Besuch aus.
Seine Besuche fanden statt, bis ich 18 war. Dann hörte es plötzlich auf. Das ist mir erst viel später aufgefallen. Seine Handlungen, der Inzest, existierte in meiner «wachen» Realität nicht mal ansatzweise. Sobald mein Onkel auftauchte, verschwand ich innerlich. Wenn er ging, kam ich wieder zu mir. Dazwischen schien es so, als hätte mein Gedächtnis nichts registriert. Ein schwarzes Loch. Es kam sogar so weit, dass ich mit Überzeugung lautstark äusserte, dass ich aus meiner Kindheit und Jugend keinerlei familienrelevanten Erinnerungen besitzen würde. An einzelne Ereignisse, an Schule und Freizeit erinnerte ich mich schon, aber an nichts aus dem Familienumfeld. Selbst unter Hypnose kam ich diesem blinden Fleck nicht auf die Schliche. Mein Bewusstsein liess nicht zu, weiter in mein Inneres vorzudringen.
Viel später erfuhr ich, dass dies ein bekannter Schutzmechanismus des Gehirns sei, bestimmte Erinnerungen vorübergehend zu blockieren, weil sie so unüberwindbar sind. Wenn der Geist bereit ist, sich der Realität zu stellen, wird der Schutzmechanismus aufgehoben und die Erinnerungen werden oft in Form von Flashbacks ins Bewusstsein zurückgerufen. Auch hier ein wunderbares Beispiel dafür, dass der Mensch immer ausgestattet ist mit dem, was er braucht, um die Herausforderungen seines Lebens zu meistern. Alles zu seiner Zeit. Meine Flashbacks kamen 10 Jahre später, kurz vor der Verjährung der Inzest-Taten. Ich war 28.
Auch wenn die Inzest-Erfahrung lebenslang tiefe Spuren hinterlässt, ist ein erfülltes und genussvolles Leben möglich. Die Gefahr wie auch die Hilfe kommen nicht immer von dort, wo man sie erwartet. Ich bin davon überzeugt, dass alles, was einem zustösst, seine Bestimmung hat und im Leben nichts zufällig geschieht. Alles, was wir erleben, prägt, formt und stärkt uns, macht uns offener und mitfühlender für andere Schicksale. Mir hat das Leben immer geholfen. Genau dieses Gefühl, dieses Grundvertrauen, versuche ich anhand meiner Geschichte zu vermitteln.
Mit 10 oder 11 setzte mir dieses Doppelleben zu. Immer öfter zweifelte ich an meiner eigenen Existenz. Mich überkam das Gefühl, dass ich mein Leben gar nicht lebte, sondern einfach nur träumte. So begann ich mich am Unterarm zu kneifen. Wenn ich Schmerz verspürte, war ich sicher, dass ich lebe. Es ging nicht lange, bis ich wieder daran zweifelte und auch den Schmerz anfing in Frage zu stellen. Vielleicht bilde ich mir den Schmerz auch nur ein? So fragte ich abends meine Mutter. Sie antwortete kurz und bündig: „Hör auf mit diesem Unsinn, natürlich lebst du. Gute Nacht.» Dann löschte sie das Licht in meinem Zimmer und schloss die Tür unsanft hinter sich. Es war dunkel. Ich war verzweifelt. Ich fühlte mich verloren und leer. Und sehr alleine.
Mit 12 küsste mich der erste Junge aus der Schule. Ein Zungenkuss. Ich hatte keine Ahnung, wie das ging. So drehte ich die Zunge einfach wie er. 2-3 Mal nach rechts und hopp, 2-3 Mal nach links. Seltsam, dachte ich mir und machte einfach mit. Ich kannte den Jungen nicht gut. Er war ein Mädchenschwarm, das wusste ich. Ich fühlte mich entsprechend geehrt. Ich war ihm aufgefallen. Er hatte mich auserwählt, wow. Als ich daheim mit einem überdimensionalen Grinsen ankam und mir meine Schwester und meine Mutter begegneten, lachten sie mich heftig aus: «Schau mal, sicher hat sie heute geküsst, schau sie mal an», spotteten sie und machten sich über mich lustig. Dass mich ihr Gespött offensichtlich verletzt hatte, störte sie nicht. Verstummt und mit hochrotem Kopf verschwand ich in meinem Zimmer und konnte den nächsten Schultag kaum erwarten. Dann war es endlich soweit. Ich hielt Ausschau nach dem Jungen. Er hingegen ignorierte mich komplett. Es schien, als würde er mich gar nicht sehen. Nach der letzten Schulstunde rannte ich nach Hause und konnte meine Tränen knapp bis zur Haustüre zurückhalten, dann platzten sie heraus und ich versank in eine bodenlose Trauer. Meine Mutter empfing mich, sah die Tränen und meinte einfach: «Un de perdu, dix de retrouvés», was soviel bedeutet wie: ein Verlorener, zehn Wiedergefundene. Das war nicht gerade heilsam für mein weinendes Herz.
Meine Eltern hatten für mich entschieden, dass ich nach der Bezirksschule die Kantonsschule besuchen müsste, um anschliessend zu studieren. Meine Noten liessen es zwar zu, doch ich wollte Arztgehilfin werden. Inzwischen hatte ich bereits Erfahrung gesammelt, indem ich mittwochs beim Dorfarzt aushalf. Yvonne, die Arztgehilfin, zeigte mir liebevoll, wie was zu tun war – ich hatte sie unheimlich lieb und die Arbeit mit den Menschen gefiel mir sehr. Doch meine Eltern hatten sich eine ganz andere Karriere für mich ausgedacht: Valérie würde entweder Anwältin oder Ärztin werden, danach dann hoffentlich Bundesrätin. Was? Arztgehilfin? Nein, auf gar keinen Fall.
Da ich hauptsächlich die Kleider meiner Schwester oder Cousinen nachtragen musste, oder mir meine Mutter Klamotten kaufte oder selber nähte, die ich nicht mochte, wollte ich sie mir lieber selber kaufen. Dafür erhielt ich aber von meinen Eltern kein Geld. So arbeitete ich samstags bei der Dorfschreinerei. Dort putzte ich das Treppenhaus, die Büros, die Wohnungen der beiden Söhne, den Schiesskeller und die Aufenthaltsräume der Schreiner inklusive deren WCs. Die Söhne hatten Berge von Pornoheftchen unter ihren Betten – mir war manchmal etwas unwohl, in ihrer Gegenwart ihr Zuhause zu reinigen. Und mittwochs in aller Früh verteilte ich Zeitungen in einem Dorfteil. So konnte ich mir coole Klamotten kaufen. Ich war happy.
Die Stimmung zu Hause war, wie schon so lange, mies. Ich war auch schon mehrmals einfach in die dunkle Nacht weggerannt. Doch wo sollte ich hin? Also kam ich immer wieder zurück. Diese schwere Atmosphäre störte mich immer weniger. Ich begann mich damit zu arrangieren, mich daran zu gewöhnen. Die Pubertät hatte eingesetzt und so kaufte ich mir die ersten Zigaretten. Die Packung war wunderschön, Silk hiessen sie. Leider waren es aber keine Zigaretten, sondern Zigarillos. Mir war schlecht. Trotzdem rauchte ich sie.
Da meine Mutter die Eltern meiner Schulfreunde fast systematisch warnte, dass ich ein schlechter Umgang für ihre Kinder sei, wurde ich immer öfter ausgeladen und nicht mehr bei Schulfreunden willkommen geheissen. So musste ich mir neue Freunde suchen. Freunde, deren Eltern für meine Mutter nicht erreichbar waren. Diese lernte ich in der Bar des Nachbardorfes am Billardtisch kennen. Ich war knapp 14, meine neuen Freunde waren 18. Alles Jungs. Die meisten hatten gar keine Eltern. Einige waren in Jugendheimen aufgewachsen und waren jetzt bei Tanten oder Grosseltern untergebracht. Sie nahmen mich in ihrer Gruppe auf, waren lieb mit mir, fanden mich lustig und schützten mich wie ihre kleine Schwester. Endlich, endlich hatte ich Anschluss gefunden.
Zu Hause hielt ich mich an nichts und das Geschrei meiner Mutter und die Drohungen meines Vaters waren mir völlig egal geworden. Sie sperrten mich in den Keller. Sie bestraften mich mit Ausgehverbot. Sie schrien mich an und fuchtelten wild mit ihren Händen. Manchmal erhielt ich eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht, sodass der Diamant im Solitärring meiner Mutter einen klaren Abdruck auf meiner Wange hinterliess. Nichts zähmte mich. Ich wollte hinaus in die weite Welt, mit meinen neuen Freunden. Und das tat ich. Auch wenn ich dafür nachts aus dem Fenster klettern musste.
Mein Vater, der sonst eher unbeteiligt war, schrieb mir sogar Briefe, die er am Sonntag vor dem Mittagessen vor versammelter Familie laut vorlas. Einer begann so: «Au petit démon Valérie», was soviel bedeutet wie: «an den kleinen Teufel Valérie». Er war sehr ernst und hatte die böse Miene aufgesetzt. Als ich diese ersten Worte hörte, musste ich laut auflachen. Der Brief war so herabsetzend, ich war empört, musste aber ob der Komik der Situation Tränen lachen. Es war vorbei, meine Eltern hatten mich bereits endgültig verloren.
