Ich schau' den weißen Wolken nach... - Birgit Bohrer - E-Book

Ich schau' den weißen Wolken nach... E-Book

Birgit Bohrer

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Beschreibung

Kleine alltägliche Geschichten, erzählt aus dem Erinnerungsfundus eines Kindes, zu einer Zeit, als die Zukunft noch keine wirkliche Bedeutung hatte, die Welt voller Abenteuer, grenzenlos und unbeschreiblich schön war; wie ein geheimnisvolles Buch mit sieben Siegeln. Untermalt mit Gedichten, Bildern und Rezepten "unn e bisselsche Gebabbel uff pälzisch".

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Birgit Bohrer

Ich schau´ den weißen Wolken nach …

Birgit Bohrer

Ich schau´ den weißen Wolken nach…

Kindheitserzählungen

© 2020 Birgit Bohrer

Umschlaggestaltung, Illustration: Birgit Bohrer

Lektorat, Korrektorat: Tredition Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Hardcover: 978-3-7469-5842-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Dieses Buch widme ich von Herzen meiner Mutter, die durch meine gesamte Kindheit immer und in jeder Situation auf und an meiner Seite war und auch meinen Großeltern, die stets als Vorbild für Fleiß und Zielstrebigkeit standen.

Das Schreiben dieser Zeilen hat mir viel Freude

bereitet, allerdings das mit dem „Pälzisch Gebabbel“

eine Menge Nerven gekostet….

Seid also bitte nachsichtig mit mir.

Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht…

Am Firmament zieh‟n duftig-weiße Wolken,

ich lieg im Gras, kann ihnen folgen.

Es weht ein Sommerlüftchen über Wald und Flur,

um mich herum das Leben pur.

Lass den Gefühlen freien Lauf

und schau zum blauen Himmel auf.

Die Protagonistin

Es war einmal vor sehr, sehr langer Zeit …

so müsste eigentlich die Geschichte beginnen, da all die Dinge, die mich heute als Mensch ausmachen und geprägt haben, tief in mir, wie in einem Märchen schlummernd verborgen sind und sich bereits vor vielen Monden zugetragen haben. Wohl verwahrt haben diese Erinnerungen dort eine sichere Bleibe gefunden und werden vor dem Vergessen geschützt aufgehoben. Jetzt allerdings, warten sie sehnsüchtig darauf, dass man sie wieder hervorholt, um einen kleinen Teil meiner Kindheit in all ihrer Farbig- und Lebendigkeit noch einmal zum Leben zu erwecken. Manchmal ist es nur ein kaum spürbarer Hauch eines Duftes, der überraschend kitzelnd meine Nase findet und dadurch einen bunten Bilderreigen in meinem Kopf auslöst, um mich mit kosmischer Schnelligkeit an Plätze zu führen, an denen ich schon sehr lange nicht mehr war, ich mich aber trotzdem sicher bewege, genau wie zu der Zeit als ich noch real dort lebte. Oder eine bekannte Melodie, die im Alltag rein zufällig an mein Ohr dringt und mich direkt in längst vergangene Zeiten entführt, lassen für einen ganz kleinen Augenblick eine Wehmut aufkommen, die erahnen lässt, wie sehr mich diese Empfindungen berühren und in ihren Bann ziehen. Es ist ein Gefühl von unbeschreiblicher Intensität, das blitzartig wieder das Kind zum Vorschein bringt, das ich vielleicht einmal war.

In diesen kostbaren Momenten, taucht eine versunkene Welt aus dem Nichts auf, die eigentlich nur Kinderaugen und Kinderseelen zugänglich ist. Diese wundervollen Geschenke, wo sie auch immer herkommen mögen, wer sie mir auch immer sendet, zählen zu meinen tiefsten, innigsten Empfindungen. Das überwältigende Gefühl von „Mir gehört die Welt“, aus längst vergangenen Kindertagen, ist auch der Anlass, noch einmal das Wagnis einzugehen, in die Vergangenheit zu reisen, um in dem schier endlos gefüllten Hochregallager meines Lebens zu stöbern. Tagträume, die mich entfliehen lassen, aus einem Erwachsenen-Alltag, der weit entfernt ist von kindlicher Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Ich bin der Wächter eines wertvollen Schatzes, den ich erneut, wenn auch nur in Bruchstücken, ans Licht holen kann. Ich habe nicht damit gerechnet, was hier, bei genauerem Hinsehen alles auf mich wartet. Aber ich lasse mich mit einer Selbstverständlichkeit auf dieses Abenteuer ein, wie ich es täglich als Kind ohne groß zu überlegen getan und eine grenzenlose Freude dabei empfunden habe. Damals wusste ich auch nicht, wie eine Sache, die ich begonnen hatte, letztendlich ausgehen wird. Heute nun, bin ich 67 Jahre alt und die Zeit ist wie in einem Zeitraffer an mir vorübergezogen. Tage, Monate, Jahre, Jahrzehnte reißen mich gedankenlos in ihrem Sog mit. Unaufhaltsam geht es vorwärts, es bleibt kaum Zeit zum Atemholen. Auf großen Schwingen treibe ich unruhig durch die Zeit und in meinem Lebensrucksack sind immer noch Wünsche und Träume verstaut, die nur darauf warten, endlich ausgepackt zu werden. Immer schneller, immer ruheloser, als gäbe es kein Morgen, laufe ich den fernen, vermeintlich wichtigen Zielen entgegen. Renne durch die grellen, lauten Lebensstraßen und die Jahre begleiten mich stumm, um plötzlich unbemerkt Stück für Stück hinter einem dichten Schleier, des Vergessens zu verschwinden. Das Leben ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Einzelereignissen, die nur im Rückblick noch einmal bewertet werden können. Vielleicht hängt es mit dem stetig steigenden Alter zusammen, dass ich immer mehr von einer Sehnsucht heimgesucht werde, die mir allzu gerne längst verschüttete Dinge zeigen möchte und ich habe mir vorgenommen, mich nicht dagegen zu wehren.

Jetzt mit 67 Jahren, bin ich alt genug, um die Dinge im richtigen Licht zu sehen und immer noch jung und frisch, bevor die eine oder andere Gedächtnislücke, das Unterfangen Sie in meine Kindheit mitzunehmen, ins Wanken gerät. Ich muss ehrlich gestehen, ein bisschen erschrocken bin ich schon vor dieser gewaltigen Zahl, ich fühle mich nämlich in meinem Innern, noch um ein Vielfaches davon entfernt. Die Zeit, die jetzt anbricht, ist sicherlich ein guter Anlass, mich noch einmal auf den langen Weg in eine Welt aufzumachen, die bereits von Dunkelheit umhüllt und nur in einer weit entlegenen, fremden Galaxy zu existieren scheint.

Aus der Sicht eines Kindes, erzähle ich meine kleinen, einfachen, alltäglichen Geschichten, untermalt mit Bildern, Gedichten, Rezepten „unn e bisselsche Gebabbel uff Pälzisch“, wie ich sie damals erlebt und empfunden habe, als die Welt für mich noch voller Abenteuer, grenzenlos und unbeschreiblich schön, wie ein geheimnisvolles Buch mit sieben Siegeln war.

Wir leben nur im Hier und Jetzt,

wir haben Wünsche, wollen träumen.

Es gibt ein ehernes Gesetz,

wir sollten nicht die Zeit versäumen,

die uns geschenkt und zur Verfügung steht;

Vielleicht ist’s morgen schon zu spät.

In all den langen Nächten, Tagen,

wenn wir eine Menge Sorgen mit uns tragen,

zerrinnt die Zeit wie Sand in unsren Händen,

es gibt kein Mittel dieses abzuwenden.

Es ist als ob ein steter Tropfen fällt,

auf uns, die Zeit und auf die Welt.

Ein Schritt folgt zügig einem andern,

so müssen wir auf Erden wandern.

Wir laufen, rennen und wir eilen,

wo es doch schön wär’ zu verweilen.

Wir finden keine Rast noch Ruh’

und wandern fleißig immerzu.

War das schon immer so in unserem Leben,

kennen wir nur dieses eine Streben?

Oder gab’s mal eine andre Zeit,

sie scheint so fern, so endlos weit.

Doch manchmal bringt uns, welch ein Glück,

die Erinnerung ein Stück davon zurück.

Am Firmament zieh‘n duftig-weiße Wolken,

ich lieg im Gras, kann ihnen folgen.

Es weht ein Sommerlüftchen über Wald und Flur,

um mich herum das Leben pur.

Lass den Gefühlen freien Lauf

und schau zum blauen Himmel auf.

Die Blumen rings um mich herum,

sie biegen sich im Wind ganz krumm.

Ich liege nur zufrieden da,

nehm’ warme Sonnenstrahlen wahr.

Hab’ keine Sorgen, keinen Frust,

nur eine nie gekannte Lust.

Ich träume einfach in den Tag,

hab Freude dran, auf das was kommen mag.

Ein Zirpen, Brummen, Summen, Sirren,

die Luft um mich herum fängt an zu flirren.

Ein Vogel kreist am Himmelszelt,

wie wunderschön ist doch die Welt.

Mein Herz ist jung und ohne Kummer,

da fliegt ein richtig dicker Brummer,

direkt mir auf die kleine Hand,

ich leg ihn sacht ab in den Sand,

schau glücklich seinem Treiben zu

und find in mir die selig‘ Ruh.

Auch in der Nacht, wenn Sterne leuchten ohne Zahl,

wenn Mond und großer Wagen, ziehen majestätisch

ihre Bahn,

wenn ich dem Schauspiel schenke meinen

traumverwobenen Blick,

schickt mir der Himmel freudig einen Gruß zurück.

Er kommt aus weiter Ferne, aus den Tiefen unserer Zeit,

empfängt auch gerne meinen und trägt ihn

in die Ewigkeit.

Ich möchte‘, dass das Gefühl für immer bleibt,

dass niemals Trübsal meine Seele reibt.

Dass ich den Blick auch nicht verlier,

zum Mensch, zur Zeit und auch zu mir.

Jetzt kommen mir die Bilder wieder in den Sinn,

es zieht mich magisch die Erinnerung dorthin.

Ich reise in der Zeit zurück,

wo ich umfangen war von unbegrenztem Glück.

Zu jenem wunderschönen Tag,

als ich in dieser Wiese lag

und Pläne für das Leben mir hab‘ ausgedacht,

mein Herz war froh und hat gelacht.

Genau an diesen Punkt will ich noch einmal kommen,

will taumeln und vom Glück benommen,

möcht’ nochmal frei und ungezwungen,

Lieder singen, die schon lang verklungen.

Möcht’ mit den Wolken um die Wette reisen,

will alle Töne um mich hören, die lauten und die leisen.

Will niemals mehr vergessen, was da einst mein Plan

und denk jetzt immerzu daran.

Wie schnell die Jahre doch vergehen,

die Zeit sie hält nicht an, sie bleibt nicht stehen.

Aus diesem doch so wichtigen Grund,

schließ’ mit dem Schicksal ich den Bund

und hol‘ auf meinem letzten Lebensstück,

das Glücksgefühl für mich,

soweit dies geht, nochmal zurück.

Heute ist es endlich soweit !!!

Die Nachbarin von der Tankstelle gegenüber

Der Tag meines Geburtstermins, ist da. Daran kann ich mich zwar beim besten Willen nicht mehr erinnern, aber die Nachbarin, die gegenüber dem Hause meiner Großeltern eine Tankstelle besaß, berichtete, dass der Bäckermeister an diesem besonderen Tag, wie auf der Flucht vor etwas Gefährlichem, unzählige Male das Haus im Laufe des Tages umrundet hat und ständig zur einen Türe hinein um gleich darauf wieder zu einer anderen herauszukommen. Meinem zukünftigen Vater, erging es da nicht wesentlich besser. Er hatte eigentlich bei meiner Geburt dabei sein wollen, was für damalige Zeiten, ziemlich revolutionär gewesen wäre, die Hebamme den armen Kerl allerdings ins Treppenhaus auf die Stufen verbannte, da er viel zu nervös und aufgeregt war, um wirklich eine Hilfe für meine Mutter in diesen Stunden zu sein. Die beiden Männer, die einen Krieg überlebt hatten, waren angeblich, nicht in der Lage, ihre Unruhe vor diesem Ereignis abzulegen. Vor Freude, oder aus Angst, dass, hoffentlich alles gut geht. Dabei sollte doch nur ich auf die Welt gebracht werden. Was für ein Aufhebens um so ein kleines Menschlein.

In den Abendstunden dieses kalten Wintertages, am 10. Dezembers 1952, habe ich dann im Hause meiner Großeltern, nach einer langen, schmerzlichen Geburt, allerdings nur für meine Mutter, endlich das Licht der Welt erblickt. Besser gesagt: Ich habe in den kalten, klaren Sternenhimmel geschaut und sofort begriffen, dass so ein Geborenwerden, etwas ganz Besonderes sein muss. Mein Dank gilt hier meiner Mutter, die mir erst dadurch die Möglichkeit eröffnet hat, all die berauschenden Dinge, die so ein Leben bietet, herausfinden zu können. Natürlich danke ich auch meinem Vater, der ebenso seinen Teil, wenn auch nur einzigen möglichen, zu meiner Entstehung beitragen konnte, diesen aber sicherlich mit Freude geleistet hat. Unser Hausarzt, der mich, gemeinsam mit der Hebamme in dieser frostigen Nacht im Dezember auf die Welt brachte, war angeblich von meiner Erscheinung so angetan, dass er mich als einen Teil der sieben Schönheiten bezeichnete. Allerdings glaube ich, dass diese Äußerung nur durch die Schwere der Geburt zustande kam und nicht nur meine Mutter, sondern auch den Herrn Doktor, an seine Belastungsgrenze brachte. Also, lassen wir diese Aussage einfach unkommentiert so im Raume stehen. Meine ersten drei Nächte als neuer Mitbewohner der Familie verbrachte ich schlummernd und der Welt noch weit entrückt, im Obergeschoß des Hauses, in dem ich auch noch viele schöne Augenblicke meiner Kindheit verleben sollte, zwischen meinen seligen Großeltern, Erna und Otto, die im unteren Teil einen kleinen Bäckerladen und eine Backstube betrieben. Ich war ihr erstes Enkelkind und heute erst kann ich nachempfinden, welches Glücksgefühl in jenen Nächten, in dieser kleinen Schlafstube zugegen war. Auch wenn danach noch einige Kinder in die Familie geboren wurden, so war und blieb ich doch der Liebling meines Großvaters. Dass meinen Großeltern dieses besondere, nicht alltägliche Geschenk zuteilwurde, dass ich die ersten drei Nächte zwischen ihnen im Bett verbrachte, war auch dem Umstand geschuldet, dass das Zusammenleben zu jener Zeit räumlich wesentlich enger war als heute und meine Mutter sich in ihrem Elternhaus, nach den Geburtsanstrengungen erholen musste. Über meiner ersten Schlafstätte hing ein großes Bild mit einem aufwendigen goldenen Holzrahmen. Darauf war ein Engel abgebildet, der schützend die Hand über zwei kleine Kinder hielt, die gerade einen Holzsteg überqueren wollten, welcher über einen reißenden Bach führte. Wenn ich später bei meinen Großeltern übernachtet habe, hat dieser geheimnisvolle und wunderschöne Engel, immer sorgsam über meinen Schlaf und meine Träume gewacht.

Mein Schutzengel, der über dem Bett im „Schloofzimmer“ meiner Großeltern hing

In einer der Schubladen, im Kleiderschrank in jenem Schlafzimmer, lagen bereits die für mich in mühevoller Kleinarbeit, angefertigten Babysachen, die während der Wartezeit gehäkelt, gestrickt oder genäht worden waren. Heute würde man sicherlich über diese kunstvollen Ergüsse schmunzeln oder ungläubige Gesichter machen. Als mein Leben begann, befanden wir uns in der späten Nachkriegszeit und das Wort Emanzipation gab es noch nicht, aber ich glaube es wurde direkt für mich erfunden.

Geburtszimmer Speicher Baggschdubb Gruselkabinett unn unser Bonk

Ich wusste ziemlich schnell, was ich wollte, - was aber noch viel toller war, ich wusste sofort, was ich nicht wollte.

Trotz dieser, schon recht modernen Erkenntnis, verlief meine Kindheit und Schulzeit fast störungsfrei, was allerdings auch der Großzügigkeit und Toleranz meiner Eltern, in punkto freie Entfaltung für den neuen Erdenbürger zu verdanken war. Über die ersten Jahre meiner Kindheit, kann ich nur anhand von Schilderungen berichten, die mir immer wieder in meinem späteren Leben zugetragen wurden. Schwarz-Weiß-Fotographien halfen dabei, die Fehlzeiten zu ergänzen und meine Existenz plastischer darzustellen. Auch wenn ich heute noch mancher Erzählung meiner Mutter lausche, in denen sie mit leuchtenden Augen von meiner Kindheit berichtet, hier war sie noch eine ganz junge Frau, viel jünger als ich jetzt selbst bin, so ist das für mich, als höre ich eine Geschichte von einem Kind, dem ich leider niemals wirklich begegnen durfte. Meine Eltern müssen mich sehr geliebt haben, und konnten es deshalb wohl kaum erwarten mich in ihren Armen zu halten, denn bei ihrer Hochzeit im August 1952 war ich auch schon dabei. Allerdings hat das keiner von den Hochzeitsgästen bemerkt und gewusst, oder dezent überspielt, so die Überlieferung meiner Mutter. Auf den Hochzeitsfotos, die ich mir danach noch oft angeschaut habe, war wirklich nichts zu sehen. Die Schneiderin hatte also laut Aussage meiner Mutter, ganze Arbeit geleistet. Als ich dann auf die Welt kam, war ich einfach ein Fünfmonatskind. Zu dieser Zeit gab es erstaunlich viele dieser außergewöhnlichen Frühgeburten. Heute, lacht man über eine solche Sache, aber damals war das eine sehr ernste Angelegenheit. Der Humor musste wahrscheinlich erst noch erfunden werden.

Hochzeit meiner Eltern

Zu „Dritt“ ist man weniger allein

Klein und Kess und Spucke am Kinn

Meine stolze Großmutter und eine Nachbarin

Die Baggschdubb

Meinem Großvater, der später zu meinem „Bäggeroba“ wurde und dem ich mich von Anfang an sehr verbunden fühlte, war ein sehr liebevoller Großvater. Als Baby trug er mich schon singend und pfeifend durch seine Backstube und hat mir all die Dinge und Maschinen, die dort standen und die man benötigte, um die vielen köstlichen Backwaren herzustellen, ausgiebig erklärt, so als hätte er es mit einem Erwachsenen zu tun. Vielleicht liebe ich deshalb heute noch, gutes, handwerklich hergestelltes Brot über alles und der Duft zählt zu meinen schönsten, innigsten Heimatgefühlen. Während meiner Kindheit, haben mein Großvater und ich wunderschöne Stunden miteinander verbracht. Es gab nie ein böses Wort zwischen uns, wie das bei Seelenverwandten nun mal selbstverständlich ist.

Ein Teil der alten Baggschdubb

Der Hosenschisser ist überhaupt nicht kamerascheu

Das Glück hat einen Namen

Die ersten Jahre meines Lebens, habe ich mit meinen Eltern in der Bahnhofstraße, in einer eigenen Wohnung, was zu jener Zeit gar nicht so selbstverständlich war, im zweiten Stock des Hauses von Bekannten verbracht. Ganz in der Nähe meiner Patentante Lore, die mich auch über das Taufbecken gehalten hat. Weitere Paten waren, Max, der Bruder meines Vaters, der extra für die Taufe aus Köln angereist war, was damals fast einer Weltreise gleichkam, sowie die Cousine meiner Mutter, die Gertrud und auch noch ihr Cousin, der Bertel. In unserer kleinen Kirche, mit den bunten Fenstern, auf denen Heilige und auch Martin Luther abgebildet waren, ging ich auch zur Konfirmation und hatte an den vielen Sonntagen vor diesem Fest, wenn ich mit meinen Schulkameraden in einer Bank saß, genügend Zeit und Gelegenheit, mir alle Details der Kirchenfenster genauestens anzusehen. Dabei, sind mir die seltsamsten Gedanken durch den Kopf gegangen. Wie sich das und ob sich überhaupt alles wirklich so zugetragen hat, wie es in der Bibel geschrieben steht und unser Herr Pfarrer Hutterer es jeden Sonntag von der Kanzel predigte. Mein Glaube wurde von manchem Zweifel auf die Probe gestellt. 1974 habe ich dann auch in dieser mir so vertrauten Kirche geheiratet. Vielleicht wäre es ein schöner Gedanke, wenn die Zeit bei mir einmal gekommen ist, von diesem für mich besonderen Ort, meine letzte Reise anzutreten.

Innenraum unserer „Kärsch“

Meine kleine Heimat

Das kleine Dorf, irgendwo in der Pfalz, nicht weit von der französischen Grenze entfernt, indem ich das Licht der Welt erblickte und sich dort zu jener Zeit, noch Fuchs und Hase gute Nacht sagten, war ab jetzt meine kleine Heimat, meine Welt. Ein Bachlauf wand sich, genau wie ihn die Natur vorgesehen hat, verträumt durch das Wiesental. Die Bäume, deren Äste tief ins Wasser hingen, waren schon zu meiner Kindheit uralt und könnten sicherlich einiges mehr von der Vergangenheit erzählen als ich. Die bis dato errichteten Häuser im Dorf, waren überschaubar. Es gab eine Tankstelle, zwei Wirtshäuser, eines davon hatte auch einen Tanzsaal, in dem die großen und kleinen Feste abgehalten wurden, eine Gärtnerei, eine Schreinerei, zwei kleine Metzgereifilialen, eine Friseurstube, eine Bäckerei mit kleinem Lebensmittelverkauf, die meinen Großeltern gehörte und einen weiteren Bäcker auf der anderen Straßenseite, der allerdings nur eine Backstube betrieb und seine Brote und Brötchen, direkt von dort aus über die Straße verkaufte. Er war natürlich keine wirkliche Konkurrenz. Der Wahlspruch, meines Großvaters war aber schon immer:

Läwe unn läwe losse!

Einen kleinen Bahnhof mit einer Schranke, die noch per Handkurbel von einem Dorfbewohner mit Uniform und Mütze bedient werden musste, wie das früher so üblich war, gab es auch. Schwarze Ungetüme, die einen riesigen Qualm in die Luft bliesen, schnaubten mit lautem Getöse durch die Landschaft, nachdem die Pfeife und die Kelle freie Fahrt gaben. Der Zugverkehr, war zu jener Zeit allerdings noch sehr überschaubar. Wenn ich jetzt ein wenig aus meinem Leben erzähle, dann muss ich der Richtigkeit halber auch sagen, dass es eigentlich zwei kleine Dörfer waren, die aber letztendlich zusammengehörten und aus diesem Grund, auch ein gemeinsames Bürgermeisteramt hatten, das mit in dem alten Schulgebäude untergebracht war. Den Bürgermeister haben wir uns deshalb ebenfalls geteilt. Dafür waren zwei Gesangsvereine am Start, die an den Sängerfesten, immer, ehrgeizig miteinander wetteiferten.

Mein erstes Sängerfest mit der Familie

Die jährliche Kerwe feierte dann jedes Dorf separat für sich. Verstehe einer die Erwachsenen. Wenn ich ehrlich bin, war mir das aber ziemlich egal, denn ich bekam zweimal Kerwegeld, von meinen Eltern und Großeltern, was auf keinen Fall einen Nachteil für mich darstellte. Kleinere und größere Streitigkeiten oder Unstimmigkeiten, der beiden Dorfteile, wie sie bestimmt überall vorkommen, waren allerdings schnell wieder bereinigt, wenn man die ersten Gläschen Wein oder Bier bei Festlichkeiten miteinander getrunken hatte. Plötzlich fand eine innige Verbrüderung statt, die allerdings nur solange die Wein- und Bierseligkeit anhielt, wirklich Bestand hatte.

Zu der kleinen evangelischen Dorfkirche, die den Mittelpunkt für beide Dörfchen markierte, gelangte man über eine breite, steile Treppe mit Sandsteinstufen und einem alten schmiedeeisernen Geländer. Diesen Weg sind wir als Kinder oft gelaufen, unter anderem zum Ende und Neubeginn eines jeden Schuljahres. Zur Kirche gehörte auch ein intakter Glockenturm, der nicht nur eine Uhr hatte, sondern zusätzlich die Zeit in Glockenschlägen kund tat. So wussten wir Kinder, als wir zur Schule gingen, immer genau, wie viel Uhr es im wahrsten Sinne des Wortes geschlagen hat. Auch die Bauern auf den Feldern, kamen rechtzeitig zur Mittagszeit nach Hause, bevor das Essen in den Tellern kalt wurde. Eine Armbanduhr für uns Kinder, war zu dieser Zeit noch nicht Gang und Gäbe und daher ein reiner Luxus. Und ich kann mich an kein Handgelenk meiner Mitschüler erinnern, das über einen solchen Schatz im ersten Schuljahr verfügte. Die meisten Bewohner des Dorfes waren Bauern und bewirtschafteten die Äcker, die sich schon seit mehreren Generationen in ihrem Besitz befanden. Sie hatten eine Menge Kühe im Stall und sorgten so, immer für frische Milch im Ort. Nicht im Kühlregal und Tetra Pak, sondern in Alu-Milchkannen konnte sie direkt und fast noch warm, in dem kleinen Milchhäuschen abgeholt werden. Dampfende Misthaufen vor den Bauernhäusern gehörten ebenso zum Dorfbild, wie der Geruch, der einem mal mehr oder weniger streng in die Nase stieg. Pferde- und Ochsengespanne mit vollbeladenen Heuwagen im Schlepptau, rumpelten laut über das holprige Kopfsteinpflaster, das den ganzen Ort durchzog. Und wenn man Glück hatte, dann durfte man hin und wieder, oben im duftenden Heu mitfahren. Die Ställe und Scheunen waren bevorzugte Nistplätze der Schwalben, die sich laut in großen Scharen, sirrend an heißen Sommertagen von dort in die Lüfte erhoben. Es war eine beschauliche Zeit, die noch Raum zum einfachen Glücklich sein ließ. Vor fast jedem Haus stand eine Bank, die nach getaner Arbeit am Abend der Treffpunkt der ganzen Familie war. Hier saß man zusammen und tauschte Geschichten aus, die einem tagsüber zugetragen wurden und genoss die Stille und Ruhe nach vollendetem Tagewerk. Die Arbeit war meist hart und mühsam, und wurde nicht wie heute von einer Menge elektrischer Gerätschaften erleichtert. Trotzdem nahmen sich die Menschen Zeit zum Innehalten. Jeder kannte jeden, daher wusste auch jeder etwas über oder von jedem. Wie das in einem Dorf nun mal so zugeht. Aber wenn wirklich Hilfe von Nöten war, dann konnte man auch sicher sein, dass sie einem gewährt wurde. Das war die gute Seite des Dorflebens.

„Isses nedd goldisch“ In jeder Lage… ein Blick wie einstudiert

Die Tochter von Wewerbäggersch Lonni

Durch die Bekanntheit meiner Mutter, die mit ihrem Bruder zusammen von Kindesbeinen an, bei Wind und Wetter mit einem Leiterwagen Brot in den umliegenden Ortschaften ausgefahren hat, war auch ich schnell in der ganzen Straße bekannt, wenn ich mit meinem feuerroten Dreiradmoped, das ohrenbetäubend Knattergeräusche von sich gab und Funken aus dem Auspuff sprühen konnte, unterwegs war. Das ist die Tochter von Wewerbäggersch Lonni