Ich steig aus und mach 'ne eigene Show - Eveline Hall - E-Book

Ich steig aus und mach 'ne eigene Show E-Book

Eveline Hall

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Beschreibung

Eveline Hall ist ein Medienphänomen. Man kennt sie aus Modezeitschriften, Talkshows, von dem Laufsteg. Sie war Mitte 60, als sie ihre Modelkarriere startete. Kaum bekannt aber ist, dass sie sich genau das zur Lebensaufgabe gemacht hat: immer wieder aufzustehen, neu anzufangen, im Beruf, in der Liebe, in der Familie. Gerade eingeschult, entdeckt Eveline Hall ihre Liebe zum Ballett, der sie die nächsten 18 Jahre ehrgeizig nachgeht. Sie tanzt erfolgreich als Solotänzerin an der Hamburger Staatsoper, erfährt aber auch die Missgunst anderer. Mit Anfang 20 kehrt sie dem Ballett den Rücken und geht als Showgirl nach Las Vegas. Später arbeitet sie als Schauspielerin auf verschiedenen Bühnen. Nach einem schweren Schicksalsschlag kehrt Eveline Hall zurück nach Hamburg, wo sie heute gemeinsam mit ihrer Mutter lebt. Eveline Hall ist der Prototyp der modernen Frau, ihr Mut und ihr Ehrgeiz halfen ihr die Chancen, die sich hinter den Brüchen in ihrem Leben verbargen, für sich zu nutzen.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2013

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EVELINE HALL

ICH STEIG AUS UND MACH 'NE EIGENE SHOW

Inhalt

Vorwort

Das Zille Kind

Du bist es

Ick koof die Parkallee

Sauberer Schweiß

Spießrutenlauf

Das süße Leben

Bildteil 1

Klopsch again!

Die Gipsys

Dunkle Seiten

Girls, Girls, Girls

Der rote Teppich

Acht Jahre auf dem Sprung

Ich steig aus

Bildteil 2

Pas de problème

Drei Abschiede

Zurück auf null

Anders als die anderen

Missionen

Arrivé

Kein Ende

Bildnachweise

Impressum

Eden Books auf Facebook

Vorwort

»Tut eure Pflicht so lange, bis sie eure Freude ist.«

George Balanchine, Choreograf und Gründer des New York City Ballet

Es war ein bitterkalter Märztag, im Frühjahr 2013, als es einfach nicht warm werden wollte. Ich hatte mich in meinen alten Pelz gehüllt, viele Schichten übereinandergezogen und saß im Zug nach Berlin. Im Koffer lagen meine schönsten Kleider – ausgewählt für das Shooting zum Titelfoto meines Buches. Noch feilten wir an den Kapiteln und wählten die passenden Bilder aus. Es waren bewegende Wochen für mich. Viele Erinnerungen wurden wach und trieben mich um, viele alte Gefühle drängten nach oben, gerade in Momenten der Ruhe. Dann zog ich mein Notizheft hervor und schrieb meine Gedanken auf. Erstaunlich, wie sich nach Jahren der Blick auf Ereignisse wandelt, wie sich in den Wendepunkten eines Lebens Muster finden lassen.

Berlin, meine alte Heimat, empfing mich mit eisigem Wind. Ich zog meinen Schal fest um mich und stieg in ein Taxi zum Studio. Dort erwartete mich mein Fotograf Straulino, und kaum war ich eingetreten, umgaben mich Wärme und Herzlichkeit. Ich wollte mich aus meinem Mantel schälen, doch er rief: »Nein! Bleib so! Du siehst aus wie eine Zarin.« Und schon machte er das erste Bild.

Straulino sieht mich und hat gleich eine Idee für eine Inszenierung. Er kennt mich und spielt mit all meinen Facetten. Weil ich diese Erfahrung schon einmal gemacht hatte, sollte er das Titelbild schießen. Er hat mein Vertrauen nicht enttäuscht. Es war ein wunderbarer Tag, nicht nur weil die Arbeit großen Spaß machte. Dieser Tag führte mir vor Augen, was ich in den vergangenen zehn Jahren erreicht habe, was ich mir mein Leben lang erarbeitet habe und wovon ich in diesem Buch erzähle. Vom Tanz, der Show, dem Theater und dem Modeln. Wo immer ich auftrete, lege ich meine ganze Erfahrung, mein ganzes Können in die Aufgabe. Das harte Training, das meine Muskeln gestrafft hat, den Mut zur Pose, den mich die Bühne lehrte, und den Witz und die Selbstironie der Revue.

Wenn ich das Bild heute betrachte, sehe ich mich und gleichzeitig meine ganze Geschichte. Ich sehe all die Phasen und Brüche meines Lebens. Ich denke an die Eltern, Freunde und Kollegen, die mich gefördert und geprägt haben. Die an mich glaubten. Mit diesem Buch möchte ich ihnen danken.

Und ich möchte meinen Lesern etwas geben, was heute immer wichtiger wird. Biografien sind nicht mehr so geradlinig wie früher. Wer jetzt jung ist, muss wieder und wieder aufstehen und von vorn anfangen, im Beruf, in der Liebe und in der Familie. Er muss lernen, Niederlagen anzunehmen und hinter sich zu lassen. Ich hätte all die Energie für meine Neuanfänge niemals aufgebracht, wenn ich nicht über Tiefschläge hinweggehen könnte. Selbst aus schlechten Erfahrungen nehme ich etwas Gutes mit. Selbst aus dem Scheitern gehe ich optimistisch hervor.

Was ich erlebt habe, mag ungewöhnlich sein für meine Generation, doch die, die nach mir kommen, teilen mein Schicksal. Sie müssen sich noch im Alter immer wieder neu erfinden. Ihnen möchte ich sagen: Habt keine Angst! Vor euch liegt ein Abenteuer, das es auszukosten gilt. Ihr braucht nur den Mut, immer neue Herausforderungen anzunehmen, den Instinkt, die richtigen Gelegenheiten zu ergreifen, und die Bereitschaft, mit Fleiß und Leidenschaft an die Arbeit zu gehen. Es lohnt sich.

— BALLETT —

Das Zille-Kind

Ich war ein Zille-Kind, von Anfang an. Schon in meinen ersten Erinnerungen nannte mein Vater mich so: »Püppi, du bist n richtijes Zille-Kind.« Was er damit meinte, trifft im Kern noch heute auf mich zu. Denn ich war schon ganz früh allein unterwegs in unserem Berliner »Milljöh«, wie die Kinder auf den Zeichnungen von Heinrich Zille, die schmuddeligen Gören auf den Straßen, die überall dabei sind, wo etwas los ist. So ein Gör war ich. Ich trieb mich rum, spielte gern im Dreck, war ständig auf der Suche nach Neuem und hatte keine Angst. Ich war ein Abenteuerkind, kaum dass ich laufen konnte. Und dieser Abenteuergeist prägt mich bis heute. In all den Jahren meines Lebens hat er mich angetrieben.

Meine Eltern stammen beide aus Berlin, mein Vater Kurt aus einer wohlhabenden Familie mit eigenem Restaurant,Zur Kaiserburg, meine Mutter Gisela aus Arbeiterverhältnissen. Sie lernten sich dort kennen, wo sich ihr Leben abspielte: im Theater. Meine Mutter hatte die renommierte Ballettschule von Victor und Tatjana Gsovsky besucht und war als Tänzerin engagiert worden. Mein Vater war als junger Schauspieler nach Trier gegangen und hatte später Verträge in Berlin bekommen. Zuerst im Theater am Nollendorfplatz, später im Admiralspalast, wo meine Mutter in Operetten mitwirkte. Da mein Vater im Zweiten Weltkrieg nicht eingezogen wurde, konnten sie sich nach ihrer Hochzeit 1942 zusammen eine Wohnung nehmen. Ein Jahr später wurde Schiepchen geboren, mein Bruder Michael. Und als meine Mutter 1945 mit mir schwanger war und sie ausgebombt wurden, zogen meine Eltern zu Freunden nach Greifswald. Dort kam ich am 25. Oktober 1945 zur Welt. Dank seiner Kontakte zu den russischen Besatzern hatte mein Vater dort einen guten Posten als Intendanzvertreter am Theater. Er leitete das Ensemble, spielte selbst und führte Regie. Auch später in Berlin hielt er mit seinem Charme und seinem Riecher für gute Geschäfte auf dem Schwarzmarkt unsere Familie in dieser Zeit nach dem Krieg über Wasser.

Dennoch zog es meine Eltern 1947 nach Berlin zurück. Ich war zwei Jahre alt, und weil es kaum Wohnungen gab, kamen wir bei meiner Oma Grete in Pankow unter. Wir schliefen zu fünft in ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung. Aber die Enge machte keinem etwas aus, im Gegenteil: Wir krochen in der großen Wohnküche zusammen und wärmten uns aneinander, besonders im ersten Winter, der entsetzlich hart war. Die kaputten Fenster waren nur mit Pappe abgedichtet, es zog und wurde eisig kalt in der Nacht. Meine Eltern schleppten die Kohlen aus dem Keller und heizten den Ofen an. Alle drängten sich um dieses einzige warme Plätzchen. Hier wurde gespielt, gegessen und erzählt. Hier stand die große Schüssel, wenn mein Bruder und ich gewaschen wurden. Oma nähte aus Stoffresten und allem, was zur Hand war, Kleider für uns. Mami legte die Brennschere auf den Herd, machte mir Locken und eine Schleife ins Haar. Ich fühlte mich geborgen in meiner kleinen Welt. Als es wärmer wurde, ging ich zum Spielen nach draußen. Es gab viele Hinterhöfe, und ich liebte es, diese verborgenen Winkel zu erkunden. Kleine Gärten, wo man Äpfel stibitzen konnte, Gerümpel und Drecklöcher. Am liebsten spielte ich im Dreck. Wie eine kleine Ratte, eine Ratte mit Schleife im Haar.

1949, als ich vier Jahre alt wurde, zogen wir nach Schöneberg in die Hohenstaufenstraße. Meine Eltern hielten jeden Tag einen Nachmittagsschlaf. Das war ihr Ritual, seit ich denken kann, und wir Kinder mussten uns diesem Rhythmus anpassen. Ich tat es, ohne zu quengeln, und ging allein runter auf die Straße. Dort lag viel in Trümmern. Die Häuser waren noch nicht wieder aufgebaut, zwischen den paar stehen gebliebenen klafften riesige Lücken, vieles war provisorisch. Für mich war es ein großer Abenteuerspielplatz. Überall gab es etwas zu entdecken, ständig veränderte sich unser Kiez. Ich lief herum und schnüffelte, steckte meine Nase in alles hinein. Oft fand ich etwas, das mich faszinierte und das ich dann wie einen Schatz nach Hause trug. Ein Stück Metall, ein altes Rohr, einen Ring. Meistens etwas aus Metall, etwas Glitzerndes, das mir besonders und wichtig vorkam. Etwas Elementares. Wenn ich es stolz meinen Eltern zeigte, sagten sie: »Nee, Püppilein, det kann gleich innen Ascheimer.« Aber ich dachte jedes Mal wieder: Jetzt kommt etwas ganz Tolles, jetzt werden sie Augen machen! Es waren immer alte Sachen, oft kaputt, aber mir bedeuteten sie viel, weil ich sie gerade erst entdeckt hatte. Schon damals steckte diese Unverdrossenheit in mir, die so typisch für mich ist: Heute beeindrucke ich euch vielleicht nicht, aber morgen sollt ihr mal sehen, womit ich euch überrasche!

Unserem Haus gegenüber lag eine Kohlenhandlung im Keller. Dort stieg ich die Treppen hinunter und mischte mich unter die Leute. Ich saß auf den Kohlenkisten und fand es großartig, wenn ich ganz schwarz wurde. Ein richtiges Schmuddelkind. So war ich bald bei allen im Quartier gut bekannt, und noch dreißig Jahre später, als ich zurückkam, um zu sehen, was aus meiner Straße geworden war, erkannte mich der Kohlenmann wieder – mittlerweile der Enkel des alten Händlers: »Du bist doch die kleine Püppi!«

Am liebsten stahl ich mich in Häuser, die ich nicht kannte. Unbekanntes Terrain erobern! Da die Türen nicht abgeschlossen waren, drückte ich einfach die Klinke herunter und schob mich hinein. Dann stieg ich die Treppen bis ganz nach oben, schaute, ob irgendwo eine Tür offen stand und ich einen Blick in eine Wohnung erhaschen konnte. Ich wollte wissen, wie die anderen lebten, was sie besaßen, wie es dort roch. Einmal entdeckte ich in einem Nachbarhaus eine Badewanne, die wohl alle Hausbewohner benutzten. Ich war ganz gebannt von dem Anblick, denn ich selbst wurde ja nur in einer Schüssel gewaschen. Eine Badewanne – das war etwas ganz Besonderes zu diesen Zeiten, der pure Luxus, die musste man sich leisten können. Diese Entdeckung beeindruckte mich so tief, dass ich noch heute einen Wannentick habe. Nichts geht über ein schönes heißes Bad. Und wenn ich ausgestreckt im Wasser liege, denke ich an meine Ausflüge ins Nachbarhaus zurück.

Langweilig wurde mir nie auf meinen Erkundungstouren. Die Neugier trieb mich an und ich genügte mir selbst vollkommen. Spielsachen interessierten mich nicht. Und auch wenn ich welche hatte, konnte ich damit nichts anfangen. Einmal schenkten meine Eltern mir unter großen Opfern eine Puppe, und mein Bruder und ich rissen so lange daran, bis sie kaputt war. Ich war in dieser Hinsicht ein altes Kind: Ich wollte mich mit nichts anfreunden, ich brauchte niemanden. Ich konnte allein sein, vom ersten Tag an. Meine Mutter erzählt noch immer, dass sie mich als Baby in Greifswald bei schönem Wetter zum Schlafen auf den Balkon stellte und dass ich nie schrie. Wenn sie nach mir schaute, strahlte ich sie mit großen blauen Augen an. Ich war schon damals ein Kind, das nichts brauchte. Ich war ein einsames, glückliches Kind.

Dass ich trotz der schweren Nachkriegsjahre so aufwachsen konnte, verdanke ich meinen Eltern. Sie schafften es, dass ich mich behütet und versorgt fühlte, obwohl mein Vater zu dieser Zeit kein festes Einkommen hatte. Aber Papa war ein Macher. Er trieb alles auf, was wir brauchten, beschaffte auch Geld, keiner wusste wie. »Er schneidet das Geld aus den Wänden«, sagte ein alter Freund meiner Eltern einmal – ein Satz, der zum geflügelten Wort in unserer Familie wurde. Mit seinem besonderen Wesen passte mein Vater perfekt ins Theatermilieu. Alle dort fühlten sich instinktiv miteinander verbunden und halfen sich gegenseitig, wo immer sie konnten: Der eine hatte Zigaretten zu bieten, dafür bekam er etwas zu essen. Ein anderer tauschte Theaterkarten gegen Brot. Das war genau das Richtige für Papa. Er wusste immer genau, wen er am besten einschalten musste. So lebten meine Eltern in und von der Theaterwelt. Schon im Krieg, als die Bomben auf Berlin fielen, war das Theater am Nollendorfplatz ihr Zufluchtsort. Die gepackten Koffer standen immer griffbereit, und wenn die Sirenen heulten, liefen sie mit Schiepchen auf dem Arm hinüber und flüchteten mit den anderen in den Keller. Dort gab es alles, was sie brauchten. Michael, der noch ein Baby war, bekam sofort seine Milch. Alle sorgten füreinander.

Der gute Riecher meines Vaters hatte meinen Eltern schon vorher genützt: Nach ihrer Hochzeit fuhren sie 1942 nach Italien, mitten im Krieg, als niemand eine solche Reise unternahm. Mein Vater gehörte damals zu einem Künstlerklub, der von den Nazis geduldet wurde. Er selbst war kein Nazi und nie in der Partei, aber er wusste immer, wo er sich blicken lassen musste, was er sagen durfte und was er sich besser verkniff. Er konnte gut manövrieren in diesen Zeiten, in denen das überlebenswichtig war. Und so nutzte er seine Beziehungen, um eine Hochzeitsreise einzufädeln: nach Malcesine am Gardasee. Noch gab es dort keine Touristen und meine Eltern erlebten Italien ganz ursprünglich. Auf den alten Fotos strahlen sie vor lauter Glück wie Kinder. Papa ließ sich einen Anzug schneidern, sie kauften Stoffe und eine Riesensalami. Doch auf der Rückreise an der Grenze nahm der Zoll ihnen alles wieder ab. Nur die schönen Erinnerungen an diese drei Wochen, die durften sie behalten.

Auch zu den Festtagen schaffte mein Vater es jedes Mal, Dinge aufzutreiben, für die wir eigentlich kein Geld hatten. Obwohl er nichts verdiente, zauberte er irgendwo Geschenke her. Keiner wusste, wie er das machte. Einmal bekam ich einen Puppenwagen zu Weihnachten, einen gebrauchten, den Papa irgendwo organisiert hatte. Ich spielte zwar nicht mit Puppen, aber von diesem Ding war ich begeistert. Damit konnte ich etwas anfangen. Es hatte ja Räder und ließ sich durch die Gegend schieben, die Straße runter bis zur alten Apotheke an der Ecke und wieder zurück. Es war mir auch völlig egal, ob was darin lag. Ich gurkte mit dem Wagen durchs ganze Viertel und war in meinem Element.

Erst als ich älter wurde, begriff ich, dass meine Eltern damals für uns Kinder aus nichts ganz viel geschaffen hatten. Wir besaßen wenig, aber das war mit so viel Liebe gemacht, dass wir es wunderbar fanden. Aus wenig ganz viel machen – das trieb meinen Vater an und diesen Geist habe ich übernommen. Für Papa gab es keine Barrieren. »Det kriejen wa hin!« Und er hat es hingekriegt. Er sah überall nur Möglichkeiten. Mit dieser Haltung schickte er mich auf meinen Weg durchs Leben. Ohne sie wäre ich heute nicht, was ich bin.

Ende der Vierzigerjahre wurde es beruflich schwierig für meinen Vater in Berlin. Er fand keine Arbeit mehr, auch nicht für einzelne Stücke. Und so entschied er kurzerhand: »Wir ziehn nach Hamburg.« Er fuhr allein vor, knüpfte Kontakte und suchte eine Unterkunft. Die ersten Engagements fand er beim Hörspiel, das damals boomte – und für das Hamburg mit dem Nordwestdeutschen Rundfunk, wie er damals noch hieß, ein wichtiger Ort war. Als mein Bruder eingeschult wurde, zogen er und meine Mutter unserem Vater hinterher. Ich blieb allein in Berlin bei Tante Tuto, der Schwester meines Vaters, weil in Hamburg noch kein Platz war für uns alle.

Bei der Abfahrt stand ich mit Tante Tuto am Bahnsteig. Noch immer sehe ich vor mir, wie Mami sich aus dem Fenster beugte und ihre Arme nach mir ausstreckte, als der Zug sich in Bewegung setzte. Ich schrie verzweifelt, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Mein neues Zuhause lag in der Klopstockstraße, direkt am Tiergarten. Tante Tuto und Onkel Bruno bekamen für meine Kost und Logis monatlich Geld von meinen Eltern. Sie hatten selbst keine Kinder und zumindest die Tante konnte nicht viel mit mir anfangen. Sie war eine affektierte Person, bei der immer alles leuchten musste. Sie liebte grelle Hüte, knalliges Rot auf den Lippen – krasses Jugendrot nannte man das – und bunten Schmuck. In ihrer Schatulle lag ein Paar Kirschohrringe, das sie mir schenkte und an das ich später denken musste, wenn ich mir im Sommer beim Spielen Kirschen über die Ohren hängte. Mit ihrem schrillen Zeug fand ich Tante Tuto einfach affig. Ich mochte lieber Onkel Bruno, der mit mir Scherze trieb und mich immer Sputnik nannte. Denn dass ich mich am liebsten rumtrieb, das änderte sich auch hier nicht, zumal ich die Wohnung nicht mochte. Alle Zimmer gingen vom großen Flur ab und ich musste ständig durch die kalte Halle mit dem grasgrünen, ramponierten Igelitboden. Nur das Wohnzimmer mit dem Erker war gemütlich. Hier stand der Esstisch, der immer ein bisschen wackelte, wenn die Bahn direkt hinter dem Haus vorbeirumpelte. Trotzdem saß ich nie lange am Tisch. Ich wollte schnell wieder runter, um die Gegend zu erkunden. Wupp – weg war ich. Und wenn ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich Onkel Bruno rufen: »Sputnik, wo biste denn? – Isse schon wieder weg?«

Das Haus war ein wunderschöner alter, roter Bau mit weißen Giebeln und Erkern, direkt am Bahndamm mit den Backsteinarkaden. Damals gab es schon die ersten Händler, die ihre Buden unter den Bögen aufschlugen, darunter auch einen Stand mit Süßigkeiten. Hin und wieder gab mir Tante Tuto einen Sechser von den paar Puseratzen, die mein Vater schickte, oder Oma steckte mir einen Groschen zu. Dann kaufte ich mir Zuckerstangen oder meine Lieblingsbonbons, die kleinen zuckrigen Zitronenscheiben. Auch gegenüber im Tiergarten gab es immer etwas zu sehen. Und ein paar Schritte weiter stand eine alte Kirche. Sie war meine neueste Entdeckung und bald mein ganz besonderer Tick: Jeden Sonntag um elf Uhr ging ich zum Gottesdienst. Ich schnappte mir, obwohl ich noch nicht lesen konnte, ganz selbstverständlich das Gesangbuch mit dem goldenen Kreuz und tat, als würde ich vom Blatt singen, und zwar aus voller Kehle: »Wach auf, mein Herz, und singe dem Schöpfer aller Dinge …« Ich fand es wundervoll. Allein der Geruch nach altem Gemäuer und Kerzen, dieses Weihnachtliche, wonach es in Kirchen immer riecht, das zog mich unglaublich an.

So richtete ich mich schnell ein, war auch hier allein unterwegs, entdeckte das Viertel. Mehr brauchte ich nicht. Wenn Post aus Hamburg kam, sehnte ich mich zwar nach Mami, aber ich nahm es hin, dass ich warten musste. Ich trocknete meine Tränen und lief wieder raus zum Spielen. An manchen Tagen holte Oma mich ab, dann ging ich mit zu ihr nach Pankow. »Oma kommt!« – das war jedes Mal ein großes Ereignis, obwohl es feste Tage dafür gab. Wir marschierten zu Fuß den ganzen langen Weg von West nach Ost, den sie schon vorher allein gegangen war, um das Geld für die Bahn zu sparen. Stunden dauerte das, also blieb ich über Nacht bei ihr. Es war wie Nachhausekommen. Morgens lief ich über die Straße zum Bäcker, kaufte Schrippen, die frisch vom Ofenblech in die Holzkiste fielen, und dann frühstückten wir in der Wohnküche, die ich so gern mochte. Oma lebte von der Hand in den Mund. Sie arbeitete als Schreibkraft in einem Büro und putzte nebenbei, um noch etwas dazuzuverdienen. Es reichte gerade zum Überleben und doch fehlte uns nichts. Mit Geld hatte das nie etwas zu tun. Geld hatten wir nie. Wir waren reich an Gefühlen.

Oma nähte noch immer alle Kleider für mich, und das mit so viel Liebe. Sie zeigte mir, wie sie mit Nadel und Faden die tollsten Dinge zauberte, und ich schaute ganz genau zu. Alles, was sie genäht hatte, war mir ganz besonders wichtig. Ich hatte immer Angst, dass es mir jemand kaputt machen oder wegnehmen könnte. Und ich war stolz, wenn ich in meinem schönen Mantel vor die Tür trat und dachte: »Den hat Oma für mich gemacht.«

Ich fühlte mich mit ihr besonders verbunden. Schon äußerlich, denn sie ist die Einzige in der Familie, der ich ähnlich sehe. Und Oma hätte sich das Herz herausgerissen, um mir etwas Gutes zu tun. Tief in mir wusste ich, dass ich jederzeit zu ihr hätte gehen können. Zur Not wäre ich den langen Weg mit meinen fünf Jahren allein gelaufen. Das traute ich mir durchaus zu.

Du bist es

1951 kam meine Mutter nach Berlin, um mich zur Einschulung nach Hamburg zu holen. Zusammen verbrachten wir die letzte Woche bei Oma im Retzbacher Weg. Ich freute mich zwar, Mami endlich wiederzuhaben, aber ich wollte in Berlin bleiben. Ich konnte mir gar nichts anderes vorstellen als mein Zille-Kind-Leben. Oma nähte mir in diesen Tagen ein feines Kleid für die Schule, doch es machte mir überhaupt keine Lust auf das, was vor mir lag.

Und dann betrat ich mein neues Zuhause: Hamburg-Eppendorf, Beim Andreasbrunnen 8. Meine Eltern waren mit meinem Bruder bei Familie Boesche untergekommen. Die war, wie viele nach dem Krieg, dazu verpflichtet worden, ausgebombte Menschen aufzunehmen. In Boesches großer Wohnung hatten wir anderthalb Zimmer. Das war zu dritt schon eng gewesen und nun kam noch ich dazu. Es war so ärmlich! Meine Eltern hatten vieles von Freunden bekommen, denn Geld besaßen sie damals keins. Und so gab es auch keine richtigen Möbel. Ich sehe noch heute alles vor mir: das Metallbett auf Blöcken aus Stein, den geliehenen Teppich, den Vorhang, hinter dem wir uns in einer Waschschüssel wuschen. Und den Balkon, auf dem meine Mutter in der kalten Jahreszeit die Lebensmittel lagerte.

So mussten wir uns arrangieren. Auch im Zusammenwohnen mit Boesches. Mein Vater fand sich leicht in neue Umstände hinein, doch meine Mutter tat sich schwer. Sie hatte ständig Angst anzuecken, wollte nicht auffallen. Auch wir mussten immer leise sein und als Kinder verstanden wir natürlich gar nicht warum. Dahinter steckten die »Eppendorfer Bestimmungen«. Das waren Regeln, die vorschrieben, wie viel Zeit man in der Küche verbringen durfte, wann Ruhe zu herrschen hatte, wann geputzt werden musste – bis zum Türklinkenpolieren war alles haarklein aufgelistet. Und Mami hielt sich ganz genau daran. Sie wartete ab, bis gerade niemand in der Küche war, erledigte dann alles blitzschnell und war genauso fix wieder hinter unserer Zimmertür verschwunden. Frau Boesche wunderte sich wohl, dass sie von uns überhaupt nichts mitbekam, und fragte eines Tages: »Haben Sie Heinzelmännchen?« Da war das Eis gebrochen und nun wurde gemeinsam in der Küche gewerkelt. In ihrer Zurückhaltung hatte Mami auch nichts von mir erzählt, und als meine Einschulung näher rückte, sagte sie zu Frau Boesche: »Ich muss noch mal nach Berlin. Ich habe noch ein zweites Kind.« – »Sie haben was?« Frau Boesche fiel aus allen Wolken. Jetzt sollten die paar Quadratmeter für vier Leute reichen! Später, als meine Eltern sich mit Boesches angefreundet hatten, wurde das zum Witz zwischen ihnen. Als meine Mutter irgendwann sagte: »Ich wollt noch mal nach Berlin«, fragte Frau Boesche: »Holen Sie Ihr drittes Kind?«

Weil es bei uns so eng war, fühlte ich mich mit meinem Freiheitsdrang in den anderthalb Zimmern eingesperrt. Schiepchen war anders. Er war sensibel und hockte viel mit Mami zusammen. Aber ich, ich war kämpferisch. Ich wollte mich austoben. Sobald meine Eltern sich zum Nachmittagsschlaf zurückzogen, lief ich runter auf die Straße und erkundete die Nachbarschaft auf eigene Faust.

Noch immer ist Eppendorf die Gegend von Hamburg, wo ich mich am meisten zu Hause fühle, auch wenn ich längst nicht mehr dort wohne. Der Krieg hat fast nichts zerstört, die schönen Fassaden sind verziert wie vor über hundert Jahren. Es ist noch alles wie früher. Ich suche oft nach einem Anlass, um hinzufahren und durch die Straßen zu laufen. Und dann kommen meine Erinnerungen wieder. Hinter den neuen Geschäften sehe ich die alten Läden. Den Milchmann und direkt daneben den Gemüseladen Rörup, wo ich einkaufen ging – und das tat ich oft. Wenn unser Geld nicht reichte und meine Mutter sich zu sehr schämte, schickte sie mich, damit ich anschreiben ließ. Mir machte das nicht so viel aus. Die Kartoffeln lagen im Souterrain in großen Stiegen und wurden mit Schaufeln abgefüllt. Es roch nach Gemüse und Keller, irgendwie gesund. Ich mochte das sehr und zog tief die Luft ein. An der Ecke Eppendorfer Landstraße und Loogestieg, wo heute die Apotheke ist, war damals die Reinigung Wulf. Dorthin brachten wir die Wäsche, die meine Mutter nicht in der Schüssel waschen konnte: Bettwäsche und Handtücher vor allem, die stopften wir in große pappeartige Säcke, dann wurde nach Stückzahl abgerechnet.

Und wenn ich schließlich vor unserem alten Haus stehe, ist alles wieder da. Hier habe ich die schönsten Jahre meiner Kindheit verbracht. Schon das Reinkommen liebte ich. Ich ging durch den Eingang mit den gemusterten Kacheln. An beiden Seiten gab es große Spiegel, darin konnte ich mich bis ins Unendliche sehen – faszinierend war das! Wenn ich mich von meinem Anblick losgerissen hatte, stieg ich in den niedlichen hölzernen Fahrstuhl, setzte mich auf den Klappsitz und ließ mich ruckelnd in den vierten Stock fahren. Links wohnten Karps, rechts Boesches.

Schließlich war der erste Schultag da. Mein Weg führte am U-Bahn-Damm entlang, durch den kleinen Kellinghusens Park, vorbei am Schwimmbad und dann rechts in die Knauerstraße. Ich mochte den roten Backsteinbau und den Schulhof dahinter, wo wir in den Pausen spielten. Aber das Lernen interessierte mich überhaupt nicht. Nachdem ich in Berlin so sehr mein Leben gelebt hatte, war es schlimm für mich, plötzlich etwas zu sollen. Ichsolltemeine Rechenaufgaben machen, ichsollteGedichte auswendig lernen, ichsolltelesen und schreiben. Nicht dass ich nichts hätte lernen wollen. Im Gegenteil: Ich war ein neugieriges Kind. Aber für das, was sie von mir wollten, interessierte ich mich nicht. Dieses verordnete Lernen passte nicht zu meinem zappeligen Wesen. Und je deutlicher ich das spürte, desto weniger wollte ich tun, was die Lehrer von mir verlangten. Kaum war ich zu Hause, schmiss ich die Schultasche in die Ecke, schnappte mir den Schlitten – in meiner Erinnerung ist immer Winter – und ging rodeln. Im Eppendorfer Park am Universitätskrankenhaus gab es einen kleinen Hügel. Von dem sausten wir hinunter, das war ein großer Spaß. Eingemummelt in Schalmütze und dicke Jacke, die Handschuhe hingen an Strippen aus den Ärmeln – so bin ich dort jedes Jahr gerodelt, von mittags bis abends. Oder wir fuhren Schlittschuh auf dem kleinen Teich im Kellinghusens Park. Es war für mich das Schönste überhaupt, dass ich so spielen konnte. Es war die schönste Zeit meines Kinderlebens, die fünf Jahre Beim Andreasbrunnen. Wir trafen uns auf der Straße, wo noch kaum ein Auto fuhr und wir ungestört spielen konnten. Neben Schiepchen und mir gehörten zehn bis fünfzehn Kinder aus den umliegenden Häusern zu unserer Bande, darunter auch unser Nachbar Egon Karp. Er hatte rote Haare und ich verliebte mich gleich in ihn. Ich war nun sechs, und die Kinder, die ich hier kennenlernte, merkten sofort, was ich für eine Spiellust hatte. Darum wurde ich schnell die Anführerin und gemeinsam machten wir das Viertel unsicher. Wir spielten Murmeln auf dem Bürgersteig, der damals einfach ein Sandstreifen war. Dafür hatte ich mir aus Leder extra einen Finger gemacht. Alle standen um mich herum, und ich versuchte, die Murmel ins Loch zu stupsen. Beim Völkerball nutzen wir die Abschnitte im Straßenteer als Spielfelder. Und Kippel-Kappel! Ich hatte mir den Kippel selbst geschnitzt, ein Kantholz mit spitzen Enden, das wir mit einem Stock quer über die Straße schleuderten. Die Gegner mussten es fangen. Oder wir trieben uns einfach nur herum. Wir liefen zum Kellinghusens Park, wo ich meinen ersten Kuss bekam – mit sieben Jahren, von Egon Karp. Und wir spielten auf dem Bahndamm im Loehrsweg, obwohl das natürlich verboten war. Wir waren richtige Rabauken.

Hintenrum in der Haynstraße lag der Zugang zur alten Straßenfegerei, wo die Müllabfuhr ein Depot für ihre Wagen hatte: einen großen Hinterhof mit Bäumen und Büschen in unserem Straßenblock. Von hier aus konnte ich unseren Balkon sehen, auf dem die Lebensmittel standen und wo Mutter das Geschirr und die Wäsche – und im Sommer auch uns – in der Schüssel wusch. Dieser verwilderte Hof mit seinen vielen Ecken und Verstecken war unser Paradies. Hier spielten wir Räuber und Gendarm und vergaßen die Zeit, vollkommen in unsere Abenteuer versunken. Die Straßenfegerei – das war das Größte überhaupt.

Neben den vielen Kindern, mit denen ich auf der Straße spielte, wünschte ich mir eine Freundin, eine enge Freundin, mit der ich alles machen und zu der ich mit raufgehen konnte. Denn bei uns in der Wohnung gab es dafür keinen Platz und keine Spielsachen. Tatsächlich fand ich so ein Mädchen in der Nachbarschaft. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und waren richtig eng. Trotzdem erinnere ich mich nicht an ihren Namen. Für mich ist sie heute die »Freundin ohne Namen« und sie ist ganz wichtig in meinem Leben.

Wir hatten ein Lieblingsspiel, das hieß Geschichtenball. Ein Spiel, das wir selbst erfunden hatten, als mein großer Wunsch – ein Pilzball – endlich in Erfüllung ging. Dazu stellten wir uns vor einen Betonpfeiler in unserer Straße, der etwa so groß war wie wir selbst. Ich warf den roten Ball mit den weißen Punkten dagegen und fing ihn wieder auf, immer wieder. Dabei erzählte ich eine Geschichte, die ich mir gerade ausdachte: »Es war einmal eine Familie. Die hatten eine Tochter, die hieß Gertrude, und einen Wagen, mit dem sie immer aufs Land fuhren …« Wenn mir der Ball herunterfiel, war meine Freundin dran und erzählte ihre Geschichte. Und wenn ich wieder an der Reihe war, ging es mit meiner weiter: »Also die fuhren aufs Land und da kam der Knecht …« Ich konnte erzählen ohne Ende.

Heute denke ich, dass alles, was ich bin, auf dieses Spiel zurückgeht, auf Geschichtenball: die unendliche Fantasie, das Immer-wieder-neu-Anfangen, das Sich-ganz-Einlassen auf eine Sache, und alles aus dem Stegreif.

Eines Tages fragte meine Freundin, ob ich nicht Lust hätte, mal mit ihr raufzugehen. Ich selbst hätte mich nie getraut, sie einfach mit nach Hause zu bringen. Ich schämte mich so, dass wir nur anderthalb Zimmer hatten und eine Waschschüssel, auch wenn immer alles schön aufgeräumt und sauber war. Die Kluft zwischen uns und den Nachbarn war zu groß, wir wohnten arm in einer exquisiten Gegend. Aber meine Freundin nahm mich mit in ihre riesige schöne Wohnung. Sie hatte ein eigenes Zimmer, und während ich noch dastand und staunte, holte sie etwas hervor, etwas Glänzendes, Seidiges– ihre Spitzenschuhe.Daswars. Das war der Augenblick. Es waren rosa Schuhe mit langen, schimmernden Bändern. Ich sah zu, wie meine Freundin sich Watte um die Zehen wickelte und hineinschlüpfte, und war hingerissen. Es dauerte keine Minute, da nahm ich ihr die Schuhe weg und zog sie selbst an. Mir war, als würde mich eine Fee mit ihrem Zauberstab berühren und sagen: »Bing – du bist es!« Wie ein Leuchten war das, ein großes Wettleuchten. Ich rannte nach Hause und rief: »Mami, ich will in die Ballettschule!«

Meine Eltern sagten zuerst gar nichts, sondern guckten sich nur bedeutungsvoll an. Ich wusste nicht, was los war. Warum schauten sie so ernst? Dann setzten wir uns hin und meine Mutter erzählte mir, was ich bis dahin gar nicht wusste: dass sie selbst getanzt habe und was für ein schwerer und entbehrungsreicher Beruf das sei. »Wenn du als Tänzerin nicht alles aufgibst, gehst du unter«, sagte sie. Ich spürte deutlich ihre Angst, verstand aber nicht, wovor sie mich beschützen wollte. Ich sah gar keine Gefahr. Ich wollte doch nur tanzen. Und das wollte ich so sehr, dass meine zähe Art auch hier durchkam. Tagelang sprach ich von nichts anderem, bettelte immer nur, ich wolle zum Ballett. Ich traktierte und zwiebelte meine Eltern förmlich. Mein Vater gab als Erster nach: »Nu lasse det doch ers’ ma probiern. Aufhörn kann se ja immer noch.« Meine Mutter war zögerlicher, aber nach ein paar Tagen sagte auch sie: »Na ja, gut, versuchen wirs.«

Ich entschied mich für die Schule von Anneliese Sauer, meine Eltern kauften mir ein weißes Ballettröckchen und nun ging ich jeden Dienstag und Donnerstag zum Unterricht. War das ein Glücksgefühl! Ich dachte an gar nichts anderes mehr und lebte nur noch für diese Tage, von Dienstag zu Donnerstag und von Donnerstag zu Dienstag. Ich war ganz in meine Ballettwelt versunken und suchte mir überall Orte, an denen ich üben konnte, selbst im Hauseingang vor den großen Spiegeln. Hier sah ich mich wie im Ballettsaal. Und die Spiegelbilder hörten gar nicht auf: Ich sah meinePliésvon allen Seiten, in unendlichen Reihen. Dabei vergaß ich alles um mich herum – ich war ganz bei mir.

Und dann passierte etwas, was mich für mein Leben prägte: Ich entdeckte einen Film, der im Kino bei uns um die Ecke lief, in den Harvestehuder Lichtspielen. Normalerweise gab es dort morgens nur Western, aber eines Tages war ein Filmplakat angeschlagen, an dem mein Blick sofort hängenblieb:Die roten Schuhe– ein Ballettfilm! Ich fragte meine Eltern nach Geld und lief los, um die Matinee am Sonntag um elf Uhr anzuschauen. Schon der Kinosaal verschlug mir den Atem. Ein großer Raum, wie ein Filmpalast, mit rotem Plüsch und Samt und richtigen Logen wie für Könige und einem langen roten Vorhang, der die Spannung auf das, was gleich kommen würde, noch steigerte. Und es roch nach Kino: alt, ein bisschen modrig, aber gut, nach Plüsch und antikem Holz. – Dann ging der Vorhang auf, der Film begann.Die roten Schuhevon 1948, benannt nach dem Märchen von Hans Christian Andersen. Ich war vom ersten Moment an gebannt, vor allem von der Hauptfigur, der jungen Tänzerin Victoria Page, der Vicky mit ihren roten Haaren. Auf einem Fest lernt sie den Ballettleiter Boris Lermontov kennen. Er holt sie in sein Ensemble und nimmt sie mit nach Paris und Monte Carlo, wo sie die Hauptrolle tanzt in seinem neuen Stück,Die roten Schuhe. Das Mädchen, das diese roten Schuhe trägt, muss immer und immer weitertanzen, bis es vor Erschöpfung umfällt. Am Ende tanzt es sich zu Tode. Das Stück wird im Film zum Erfolg, und Vicky verliebt sich während der Proben in den jungen Komponisten Julian Craster, derfür die musikalische Umsetzung engagiert ist. Aber Lermontov duldet diese Liebe nicht und will, dass Vicky sich ganz dem Tanzen verschreibt. Die zwei Verliebten verlassen daraufhin das Ballett und heiraten. Einige Zeit später bietet Lermontov Vicky noch einmal an, das Stück in Monte Carlo wieder aufzuführen – mit ihr als Primaballerina. Sie willigt ein. Doch kurz vor der Aufführung kommt Julian und fordert eine Entscheidung von ihr. Zerrissen zwischen ihrer Liebe zu Julian und dem Tanz springt Vicky in den Tod.

Ich war wie berauscht von der Wucht, mit der der Film auf mich wirkte: die leuchtenden Farben, der leidenschaftliche Tanz, die Musik, die Kostüme, das Bühnenbild und vor allem die roten Schuhe, diese glänzenden roten Schuhe, die selbst zu leben schienen. Ein Bild habe ich bis heute ganz deutlich vor Augen: wie Vicky in den roten Schuhen die Wendeltreppe hinuntertanzt – oder vielmehr wie die Schuhe tanzen, wie sie Vicky hinunterziehen. Man sieht nur ihre Beine und Füße in diesen roten Schuhen, die immer weitertanzen müssen, nach vorn gleiten, weiter und weiter.

Die Dramatik der Geschichte selbst drang damals gar nicht zu mir durch. Ich verstand nicht, warum Vicky zwischen Liebe und Tanz so zerrissen war. Warum sollte sie einer Sache entsagen? Wieso wollten die beiden Männer sie ganz für sich haben? Warum nahm sie sich das Leben? Sie hätte doch weitertanzen können. Tun, was sie wollte. Ich wollte diesen Fragen auf den Grund gehen. Ich wollte es verstehen. Und ich wollte Vicky tanzen sehen. Von nun an ging ich jeden Sonntagvormittag ins Kino. Es wurde mein Sonntagsritual: Meine Eltern bereiteten das Mittagessen vor und ich ging um elf Uhr inDie roten Schuhe.

Weihnachten rückte näher. Noch mehr als wir Kinder freute mein Vater sich darauf, zumal er am 24. Dezember Geburtstag hatte. In der Adventszeit wurde er selbst wieder zum Kind und zelebrierte mit Feuereifer all die Dinge, die für uns dazugehörten. Er setzte alles daran, etwas ganz Besonderes aus dem Fest zu machen, obwohl wir gar kein Geld dafür hatten. Papa war wie besessen von dem Wunsch, dass alles strahlte. Selbst in unserem kleinen Zimmer bei Boesches reichte unser Weihnachtsbaum bis an die Decke. Wäre er noch höher gewesen, hätten wir ein Loch in den Putz schlagen müssen. Nichts ging für meinen Vater über einen großen Tannenbaum.

Weihnachtspäckchen schnürten wir gemeinsam, nicht einfach nebenbei, sondern mit Ruhe und viel Liebe. Es gab Tee, und eine Kerze brannte. Dazu hörten wir klassische Musik aus dem Radio. Mein Vater liebte Wagner und Liszt. Er suchte nach einem passenden Karton und wir wickelten die Geschenke ein für Oma in Pankow und für Tante Tuto und Onkel Bruno: Kaffee und Kölnisch Wasser, 4711. Ich erinnere mich noch genau an das Etikett in Gold und Türkis, das ich wunderschön fand. Dann wurden die Päckchen gut verschnürt und zur Post getragen. Auf dem Rückweg gingen wir zur Konditorei Lindtner. Das war die große Ausnahme, denn die feinen Pralinen, Bonbons und Kekse konnten wir uns gar nicht leisten. Das ganze Jahr über schlichen wir draußen an den Auslagen entlang, drückten uns die Nasen platt am Fenster, während uns das Wasser im Mund zusammenlief. Nur zu Weihnachten durften wir durch die schöne Drehtür aus Holz gehen und uns an dem großen Tresen etwas aussuchen. Das gehörte dazu, auch wenn es das Budget nicht hergab. Ebenso wie ein Besuch auf dem Hamburger Dom mit seinem romantischen Weihnachtsmarkt zu Beginn der Adventszeit.

Auch mein erster Auftritt in der Ballettschule fiel in die Weihnachtszeit. Um unseren Eltern etwas vorzutanzen, hatten wirDie Schneekönigineinstudiert. Ich war eine der Schneeflocken und wahnsinnig stolz auf der Bühne. Nun begriffen meine Eltern allmählich, dass es mir ernst war mit dem Tanzen. Keiner von beiden versuchte mehr, mich davon abzubringen. Meine Mutter holte mich oft vom Unterricht ab und sah, wie viel Spaß es mir machte, und dann schlenderten wir beide beschwingt nach Hause. Irgendwie müssen sie gespürt haben, dass Talent in mir steckte. Jedenfalls ergriff mein Vater die Initiative für den nächsten Schritt. Eines Abends saß er nach einer Theateraufführung mit Kollegen zusammen. Darunter war an diesem Tag auch Otti Tenzel, damals Primaballerina an der Hamburgischen Staatsoper. Natürlich nutzte er die Gelegenheit und fragte ganz direkt: »Verzeihen Sie, ich habe eine, wie ich glaube, doch sehr begabte Tochter. Aber es ist nur eine kleine Ballettschule, an der sie tanzt. Und sie würde so gerne weiterkommen. Was würden Sie empfehlen?« Otti Tenzel verwies ihn direkt an die Ballettschule der Staatsoper: »Berufen Sie sich auf mich. Die Leiterin des Kinderballetts ist eine Russin, Isabella Vernici. Da klopfen Sie an, und dann wird man schauen, was Ihre Tochter kann und ob man sie aufnimmt.«

Zum Glück war mein Vater so, wie er war! Er packte jede Gelegenheit beim Schopf. Ich war hin und weg von der Vorstellung, in der Staatsoper zum Ballettunterricht zu gehen, obwohl ich gar nicht ahnte, welche Tür sich da für mich öffnete. Es war unbeschreiblich aufregend. Was sollte ich anziehen? Ich hatte nur mein kleines weißes Röckchen, aber kein richtiges Balletttrikot. Am Ende nahm ich meinen Badeanzug, damit musste es irgendwie gehen. Aber als ich in den Ballettsaal trat, wurden meine Knie ganz weich. Da standen all die anderen Mädchen in ihren Trikots und hübschen Schläppchen. Mager, wie ich war, stellte ich mich zu ihnen an die Stange, in meinem Gummibadeanzug aus geriffeltem Kreppstoff und den Gymnastikschuhen mit überkreuzten Gummibändern. Ich fühlte mich so armselig. Aber ich warf mich hinein mit allem, was ich zu geben hatte. Isabella Vernici wollte, dass ich mehrmals am Unterricht teilnahm, damit sie mich eine Weile beobachten konnte. Auch meine Mutter schaute zu. Sie wollte mich noch immer davor bewahren, das Tanzen zum Beruf zu machen, und hoffte daher, es würde nichts werden mit meinem Einstieg ins Kinderballett. Nach dem dritten oder vierten Mal wollte sie das Ganze beenden. »Sie sehen ja wohl, das hat gar keinen Sinn. Das ist reine Geldverschwendung«, sagte sie zur Vernici. Sie aber war anderer Ansicht: »Wenn Sie das vor einem Monat gesagt hätten, hätte ich Ihnen vielleicht recht gegeben. Jetzt aber nicht mehr.«