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David Frankfurter richtete die Waffe zu einem Zeitpunkt gegen den Nationalsozialismus, als dieser von den Regierungen vieler Länder weder als Kriegsgefahr noch als genozidale Gewaltherrschaft betrachtet wurde. Am 4. Februar 1936 erschoss er in Davos den NSDAP-Landesgruppenleiter der Schweiz, Wilhelm Gustloff. Damit war Frankfurter einer der ersten Juden, die sich dem nationalsozialistischen Unrechtsregime mit der Waffe entgegenstellten. Unmittelbar nach seiner Entlassung aus der Haft hielt er 1946 gemeinsam mit dem deutsch-jüdischen Dichter, Journalisten und Religionsphilosophen Schalom Ben-Chorin seine Lebensgeschichte fest. Zwei Jahre später erschienen seine Memoiren in hebräischer Sprache unter dem Titel Nakam, dem biblischen Wort für »Rache«. Mit dem vorliegenden Buch wird Frankfurters Selbstzeugnis erstmals ungekürzt in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Memoiren werden in kommentierter Lesefassung von Sabina Bossert und Janis Lutz herausgegeben und mit einem Nachwort von Micha Brumlik kommentiert.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Copyright © 1946, David Frankfurter (z'l) (estate).
All rights reserved.
David Frankfurter
Erzählt und bearbeitetvon Schalom Ben-Chorin
Herausgegeben vonSabina Bossert und Janis Lutzmit einem Nachwort von Micha Brumlik
Vorwort|Janis Lutz
Entstehungsgeschichte|Sabina Bossert
Ich tötete einen Nazi
Memoiren David Frankfurter
Jugend und Krankheit
Studentenjahre in Deutschland
Die Tat reift
Schüsse in Davos
Ich stelle mich selbst der Polizei
Der Prozess
Hinter Zuchthausmauern
Orbe
Wieder in Chur
Begnadigung
Freiheit
Aliyah
Nachwort|Schalom Ben-Chorin
Nachwort|Micha Brumlik
Anmerkungen
Glossar
Vom 17. März bis zum 3. Oktober 2022 ist im Jüdischen Museum Frankfurt die Ausstellung »Rache: Geschichte und Fantasie« zu sehen. Es handelt sich um die erste kulturhistorische Schau, die sich mit dem Topos der Rache in der jüdischen Kulturgeschichte befasst. Sie spannt den Bogen von biblischen Geschichten über rabbinische Schriften, jüdische Legenden und judenfeindliche Mythen bis hin zu jüdischen Outlaws. Der Ausstellungsrundgang mündet in einen Raum mit dem Titel »Nakam: Rache an Nationalsozialisten«. Dieser Ausstellungsteil vereint die Zeugnisse einer Vielzahl von Jüdinnen und Juden, die sich in literarischen Zeugnissen, Briefen, Testamenten oder mit aktiven Taten gegen die Nationalsozialisten zur Wehr setzten. Bei den Recherchen begegnete den Kuratorinnen und Kuratoren der Ausstellung immer wieder explizit das Wort Rache, das in den Dokumenten als treibende Motivation angesichts des unfassbaren Ausmaßes der Vernichtung durch die Nationalsozialisten zu Tage tritt.1 Eben dies gilt auch für David Frankfurter, der kurz nach der Schoa Zeugnis über sein gelungenes Attentat ablegte. Frankfurters Memoiren erschienen 1948 erstmals in hebräischer Sprache. Als Vorlage diente ein deutsches Manuskript, das in diversen Archiven seither darauf wartete, verlegt zu werden. Gemeinsam mit Sabina Bossert hat das Jüdische Museum Frankfurt dieses Vorhaben nun zum Abschluss seiner Ausstellung »Rache: Geschichte und Fantasie« in die Tat umgesetzt: Mit dem vorliegenden Buch wird Frankfurters Zeugnis erstmals ungekürzt in deutscher Sprache veröffentlicht. Mit David Frankfurter kommt in diesem Buch eine Persönlichkeit zu Wort, der gegen den Nationalsozialismus die Waffe richtete, als dieser von den Regierungen vieler Länder weder als Kriegsgefahr noch als genozidale Gewaltherrschaft betrachtet wurde.
»11. Februar, Dienstag«, notiert Victor Klemperer in seinem Tagebuch, »Nach frühlingshaft milden Wetter plötzlich, seit zwei Tagen, strenge Kälte, morgens 10 Grad. Die Lage immer dunkler. In Davos hat ein jüdischer Student den deutschen Parteiagenten der NSDAP erschossen. Im Augenblick, da hier das Olympiaspiel stattfindet, wird alles totgeschwiegen.«2
Wir befinden uns also im Februar 1936, als die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen im Deutschen Reich stattfinden. Ein jüdischer Student – David Frankfurter – erschießt den NSDAP-Landesgruppenleiter der Schweiz – Wilhelm Gustloff – in Davos. Oder, wie Frankfurter seine Tat im deutschen Manuskript seiner Memoiren nüchtern betitelte: »Ich tötete einen Nazi«. Damit war er der erste Jude, der sich mit der Waffe dem "Todfeind" entgegenstellte. Aus dem eher deskriptiven Titel der deutschen Manuskriptvorlage geht nicht hervor, warum Frankfurter sich in der Zusammenarbeit mit Schalom Ben-Chorin an der hebräischen Erstveröffentlichung seiner Memoiren für den Titel »Nakam«, dem biblischen Wort für Rache, entschied. Aufgrund eben dieses Titels firmiert er in der Ausstellung »Rache: Geschichte und Fantasie« als der erste jüdische Rächer an den Nationalsozialisten. Seine Tat wurde seinerzeit auch von Jüdinnen und Juden weithin beachtet; ihr folgten weitere. In den letzten Jahren ist das Thema der Rache an Nationalsozialisten zunehmend publizistisch, dokumentarisch und popkulturell verhandelt worden. Zuletzt insbesondere von Dina Porat3, Achim Doerfer4 und den Brüdern Paz5. Im deutschsprachigen Raum haben Jim G. Tobias und Peter Zinke mit ihren Forschungen dieses Thema ebenfalls bekannter gemacht.6
Die wohl breiteste Bekanntheit genießt eine Gruppe junger jüdischer Rächerinnen und Rächer um den Partisanen, Dichter und Widerstandskämpfer Abba Kovner, der kurz nach der Schoa rund 50 Überlebende um sich schloss, um Rache an sechs Millionen Deutschen zu verüben. Die Gruppe firmierte unter dem Akronym DIN, hebräisch für »Gericht«, wobei die einzelnen Buchstaben für »Dam Israel Notar« stehen: »Das Blut Israels erinnert sich.« Bekannt wurde die Gruppe schließlich unter dem Namen »Nakam«. Für Schalom Ben-Chorin, von dem ein Nachwort in der deutschen Fassung der Memoiren zu finden ist, reiht sich David Frankfurter nicht nur in die Genealogie von jüdischen Rächern und Widerstandskämpfern rund um Abba Kovner ein. Er sieht ihn in einer Linie mit der Jüdischen Brigade7 in der Britischen Armee und den Widerstandskämpfern der Ghettos:
»Grünspan in Paris, die Helden des Warschauer Ghettos, die jüdischen Partisanen in allen Ländern der Naziokkupation, die jüdischen Soldaten in den Armeen der Alliierten und unsere Kämpfer von der Jüdischen Brigade und den anderen jüdischen Truppen aus Erez Israel.«8
Im Unterschied zu den Genannten beging Frankfurter seine Tat noch vor der »Entfesselung der Endlösung«9. Denn er tötete Wilhelm Gustloff am 4. Februar 1936 – kurz bevor, wie Klemperer schreibt, die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Patenkirchen begonnen. Als Frankfurter sich entschied, den NSDAP-Landesgruppenleiter zu erschießen, ahnte er noch nicht, dass die systematische Entrechtung von Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich im Massenmord münden würde. Entsprechend schlussfolgert Ben-Chorin:
»Aber David Frankfurter war der Erste. Er hat gehandelt und gelitten und damit ist er – ohne es zu wissen und es zu wollen – ein Vorbild für uns geworden.«10
Von der Schoa erfuhr David Frankfurter während seiner Haftzeit. Ein Teil seiner Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Unter diesem Eindruck hielt er 1946 unmittelbar nach seiner Entlassung gemeinsam mit Ben-Chorin seine Lebensgeschichte fest. Seine Aufzeichnungen bringen zum Ausdruck, dass ihm zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß des Massenmords bekannt war: Frankfurter widmete seine Memoiren den sechs Millionen ermordeten europäischen Jüdinnen und Juden. Das Verfassen dieses Zeugnisses stellte einen emotionalen Kraftakt dar, den Frankfurter mit der hebräischen Namensgebung der Erstveröffentlichung besiegelte. Mit dem Titel »Nakam« unterstrich er nicht nur den Akt, den er vollzogen hatte, sondern auch dessen Bedeutung. Denn, so schreibt Laura Jokusch in dem Begleitband zur Ausstellung, »für viele Jüdinnen und Juden war Rache ein dehnbarer, schwer fassbarer Begriff, und etwas zutiefst Persönliches«.11 Mit der Wahl des Titels unternahm Frankfurter in der Reflexion über seinen Akt eine zweite Handlung, einen Akt der Selbstermächtigung über dessen Deutung. Er griff damit aktiv in die Geschichtsschreibung über den Kampf von Jüdinnen und Juden gegen den Nationalsozialismus ein. Sein Selbstbild als erster Kämpfer wurde jedoch lange Zeit nicht öffentlich wahrgenommen. Das mag an der nationalsozialistisch-propagandistischen Begleitung des Prozesses gelegen haben. Seitens der Nationalsozialisten wurde Wolfgang Diewerge mit der publizistischen Begleitung des Falls beauftragt, woraus gleich zwei antisemitische Pamphlete entstanden. Juristisch begleitete Friedrich Grimm Frankfurters Prozess. Beide Figuren sollten zwei Jahre später wieder im Fall von Herschel Grynszpan in Erscheinung treten.
Micha Brumlik hat für die vorliegende Ausgabe ein Nachwort zur literarischen Rezeptionsgeschichte der Tat verfasst. Es weist nach, wie die Tradierung nationalsozialistischer Quellen bis heute die Wahrnehmung von Personen wie Frankfurter oder Grynszpan in Deutschland prägen. Während nach Wilhelm Gustloff ein Kreuzfahrtschiff benannt wurde, das aufgrund seines Untergangs während des Zweiten Weltkriegs bis heute in Erinnerung geblieben ist, findet sich in Deutschland – im Unterschied zu Israel – weder eine Straße noch ein Park, die nach Frankfurter benannt sind. Günther Grass‘ Novelle »Im Krebsgang« tat ihr Übriges, um in erster Linie die Person Wilhelm Gustloff im kulturellen Gedächtnis zu bewahren.
Mit der Herausgabe dieses kurz nach der Schoa entstandenen Zeugnisses möchten wir David Frankfurter nun den Platz in der deutschen Geschichtsschreibung verschaffen, der ihm gebührt. Der 1909 in Österreich-Ungarn geborene Frankfurter stellte sich der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft schon früh entgegen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Welt passiv nach dem Deutschen Reich und den stattfindenden Olympischen Spielen schaute. Er beharrt in seinen Ausführungen darauf, dass seine Tat bereits 1936 notwendig war:
»Ich stimmte ihm zu, aber tief innen wusste ich, dass ich nicht mehr zurückfinden konnte in diese Bahn der Alltäglichkeit. Es bohrte in mir. Die Tat, die vergeltende, die aufrüttelnde, die unabwendbare Tat – sie musste vollzogen werden. Ein Jude musste den Mut aufbringen, die Waffe gegen Hitler als das Haupt der tausendköpfigen Hydra zu richten. Ein Jude – war nicht ich es?«12
In den 1980er Jahren, kurz nach dem Tod Frankfurters, wurden seine Memoiren in Israel in einer neuen hebräischen Ausgabe veröffentlicht – dieses Mal unter dem Titel »Der erste Kämpfer gegen die Nazis.« Zwar verschwindet der Begriff der Rache aus dem Titel, und seine Tat wird damit als eine widerständige eingeordnet, dennoch wurde das deutsche Manuskript nicht verlegt. Ob Sie, liebe Lesende, David Frankfurter als einen Rächer oder als Widerstandskämpfer verstehen, möchten wir Ihnen selbst überlassen. Die Herausgabe der Memoiren von David Frankfurter und Schalom Ben-Chorin unter dem Titel »Nakam« war eine selbstbestimmte Entscheidung. Früh verstanden sie sich als wehrhafte jüdische Personen im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Ein Selbstbild, das in den folgenden Jahrzehnten keinen Platz im kulturellen Gedächtnis der beiden deutschen Staaten und deren Geschichtsschreibung fand.
Die vorliegende Publikation ist nicht als Einzelwerk zu verstehen, sondern als Ergänzung zu der umfangreichen Dissertation von Sabina Bossert, die 2019 unter dem Titel »David Frankfurter (1909–1982). Das Selbstbild des Gustloff-Attentäters«13 erschien. Das Buch widmet sich erstmalig umfangreich der Person Frankfurters, seiner Tat, dem Prozess und seinen Memoiren. Es hat damit die wissenschaftlichen Voraussetzungen für diese Publikation geschaffen. Die hier vorliegenden Memoiren sind eine kommentierte Lesefassung des deutschen Manuskripts von David Frankfurter, die Sabina Bossert und ich gemeinsam vorgenommen haben. Wir haben nicht in den Inhalt eingegriffen, sondern lediglich weiche Korrekturen vorgenommen, die bspw. Interpunktionen oder Rechtschreibfehler betreffen. Unterstreichungen, mit denen Frankfurter bspw. Namen oder Orte hervorhob, wurden als solche belassen, wie die Schreibweise hebräischer Begriffe, auch wenn deren Transliteration von einer korrekten Schreibweise abweichen. Um diese Begriffe zu erklären, wurde ein Glossar angelegt. Alle biblischen Zitate in der Kommentierung wurden aus Leopold Zunz‘ »Die vier und zwanzig Bücher der Heiligen Schrift« (Frankfurt am Main 1838) entnommen. In die Geschichte und Kontextualisierung der Memoiren wie auch die Biographie Frankfurters leitet Sabina Bossert in diesem Buch ein. Auf die kommentierte Lesefassung von »Ich tötete einen Nazi« folgt ein Nachwort von Micha Brumlik, das die literarische Rezeptionsgeschichte von Frankfurters Tat behandelt.
Wie bei jedem Projekt ist auch die Herausgabe dieses Buches nur gemeinschaftlich möglich gewesen. An erster Stelle möchte ich den Freunden und Förderern des Jüdischen Museums Frankfurt, insbesondere dem Vorstandsvorsitzenden Werner d‘Inka danken, der nicht nur mit einer finanziellen Förderung die Herausgabe des Buches möglich gemacht, sondern dieses Projekt aktiv mitinitiiert hat. Die Idee, die Memoiren Frankfurters der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist im Rahmen der Ausstellung »Rache: Geschichte und Fantasie« im Jüdischen Museum Frankfurt entstanden. Daher gilt mein Dank dem kuratorischen Team rund um Max Czollek, Erik Riedel und Mirjam Wenzel. Letztlich hat uns das gemeinsame Nachdenken und Diskutieren über die Geschichten, die wir in unserer Ausstellung erzählen wollten, zu David Frankfurter geführt. Aus diesem Team gilt ein besonderer Dank Mirjam Wenzel, die sich mir im Rahmen ihres begleitenden Seminars zur Ausstellung an der Goethe-Universität eher en passant zuwandte und anmerkte, dass man sich doch überlegen könne, Frankfurters Bericht zu publizieren, und die sich für eine Herausgabe besonders engagierte. Sabina Bossert danke ich für die Bereitschaft, das Projekt in kurzer Zeit anzugehen und umzusetzen, und natürlich für ihre herausragende Arbeit rund um David Frankfurter. Moshe Frankfurter, Miriam Gepner und Lothar Wekel, ihrem Engagement wie auch ihrer Bereitschaft, das Manuskript zu veröffentlichen, gilt ebenso Dank. Ein letzter Dank geht an meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Jüdischen Museum Frankfurt: Sara Soussan, Heike Drummer und Michael Lenarz. Während Sara Soussan mich nie abwies, wenn ich zu ihr herüberschaute und sie fragte, ob denn meine Erläuterungen im Glossar so in Ordnung seien, waren Heike Drummer und Michael Lenarz immer ansprechbar, wenn es um die Frankfurter Zeitgeschichte ging, die in den Memoiren wichtigen Kontext schafft.
David Frankfurter, Privatarchiv von Moshe Frankfurter, Jerusalem
Schalom Ben-Chorin in Kiryat Anavim, Februar 1949, Stadtarchiv München, DE-1992-JUD-F-011-01
Janis Lutz, Frankfurt am Main im Juli 2022
Schon kurz nach seiner Auswanderung nach Palästina im September 1945 setzten sich palästinensische, amerikanische und europäische Verlage mit David Frankfurter in Verbindung, da seine Lebensgeschichte ihr Interesse geweckt hatte. Frankfurter entschied sich für den sozialistisch-zionistisch ausgerichteten Buchverlag Am Oved2. Unter dem Eindruck der vergangenen Erlebnisse und des Verlustes vieler seiner Familienangehörigen in der Schoa fühlte Frankfurter sich nicht in der Lage, seine Lebensgeschichte ohne Hilfe niederzuschreiben. Auf Empfehlung des Verlags wandte er sich an den deutschsprachigen Schriftsteller Max Brod, der wie Frankfurter in Tel Aviv lebte. Brod war zu diesem Zeitpunkt zu beschäftigt, um diese Aufgabe zu übernehmen, und verwies Frankfurter weiter an Schalom Ben-Chorin, den ebenfalls deutschsprachigen Journalisten und Religionswissenschaftler, der zustimmte, Frankfurter beim Verfassen seiner Memoiren zu helfen.
Aus dem Nachlass von Schalom Ben-Chorin lassen sich die Details der Zusammenarbeit zwischen Frankfurter und ihm rekonstruieren. Die unregelmäßigen Treffen begannen im März 1946. Zum Abfassen der Memoiren wurde ein Vertrag zwischen den beiden Parteien aufgesetzt, der Bestimmungen zu Ben-Chorins Honorar umfasste und ihn beauftragte, »die Lebensgeschichte David Frankfurter […] nach dessen Angaben in Form einer Autobiographie zu verfassen«.3 Frankfurter verpflichtete sich im Gegenzug, diese Arbeit keinem anderen zu übertragen. Die Erträge aus dem Verkauf des Buches sollten zu 25 Prozent an Ben-Chorin und zu 75 Prozent an Frankfurter gehen – ebenso wurden die zu erwartenden Kosten aufgeteilt, wobei die 25 Prozent, die Ben-Chorin zu übernehmen hatte, von dessen Honorar abgezogen wurden. In einem Nachtrag zu diesem Vertrag wurde Schalom Ben-Chorin durch eine Einmalzahlung abgegolten. Sämtliche Rechte verblieben somit bei David Frankfurter.
Schalom Ben-Chorin schildert das erste Zusammentreffen mit Frankfurter in der Publikation Begegnungen, Porträts bekannter und verkannter Zeitgenossen: »Da erschien nun eines Tages im Frühling 1946 in meiner Wohnung in Jerusalem-Romema, ein überaus liebenswürdiger, etwas gehemmter Mann, dem man die mutige Gewalttat kaum zuzutrauen vermochte.«4 Zudem äußerte er sich dazu, wie die geradezu symbiotische Zusammenarbeit an den Memoiren – die Gespräche fanden jeweils in der gemeinsamen Muttersprache Deutsch statt – abgelaufen ist:
»Unsere Methode war folgende Prozedur: morgens gegen neun Uhr erschien Frankfurter bei mir, las, was ich am Nachmittag geschrieben hatte, und erzählte mir dann etwa zwei Stunden weiter aus seinem Leben. Bei der Durchsicht meines Manuskriptes verfiel Frankfurter oft ins Staunen, denn ich hatte Dinge geschrieben, die er nicht gesagt, aber gedacht hatte. Gleichsam telepathisch übertrugen sich auf mich seine Gedanken und Gefühle, die er nicht zu artikulieren vermochte.«5
Ben-Chorin beschrieb Frankfurter als »immer wieder von den Gefühlen überwältigt, die ihn zehn Jahre vorher zu seiner Tat getrieben hatten«6, deswegen hätte er oft stockend erzählt oder den Faden verloren. Trotzdem fiel es Ben-Chorin nicht schwer, Frankfurters Lebensgeschichte niederzuschreiben: Es gab kaum Stellen, die Frankfurter im Nachhinein gestrichen habe. Ben-Chorin führte dies auf den gemeinsamen Hintergrund zurück, den »ähnlichen Kulturkreis«, dem beide entstammten, »sowohl in jüdischer wie in allgemeiner Hinsicht«.7 Über die Gespräche hinaus standen ihnen weitere Unterlagen zur Verfügung: Bücher und Zeitungsartikel, die Anklage und das gegen Frankfurter gesprochene Urteil, nicht aber die weiteren Gerichtsunterlagen, die Ben-Chorin und Frankfurter vergeblich aus der Schweiz angefordert hatten. Darauf führte Ben-Chorin eine mögliche »Ungenauigkeit und Subjektivität« bei der Darstellung zurück, hielt aber zugleich fest, dass er die Geschichte »getreu [Frankfurters] Bericht aufgezeichnet« habe, und er unterstrich: »Die in diesem Buch vertretenen Ansichten sind daher die Frankfurters; nur Formulierung und Stilisierung waren mein Werk.«8
Seite des von David Frankfurter korrigierten Manuskripts, Jerusalem 1946, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Nachlass Schalom Ben-Chorin
Die Zusammenarbeit verlief in Phasen, die sich bis Ende Juli des Jahres 1946 hinzogen, zu denen Frankfurter sich jeweils bei Ben-Chorin in Jerusalem einfand. Frankfurter erhielt von Ben-Chorin schließlich ein getipptes Manuskript zur Korrektur, das noch einige Lücken enthielt, im Großen und Ganzen jedoch abgeschlossen war.9 Das Resultat aus diesen Sitzungen waren die Memoiren Frankfurters, im Originalmanuskript mit der simplen Tatsache »Ich toetete einen Nazi …« betitelt.
In verschiedenen Archiven in der Schweiz, in Deutschland und in Israel sind Versionen dieses Originalmanuskripts zu finden. Die ursprünglichste Version befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach im Nachlass von Schalom Ben-Chorin. Es handelt sich dabei um eine Vorversion, ein getipptes Manuskript, das Frankfurter mit handschriftlichen Korrekturen, Anmerkungen und Streichungen ergänzt hatte. In Marbach befindet sich zudem das Handexemplar von Schalom Ben-Chorin der zur Übersetzung und zum Druck gedachten Version. Eine Version unbekannter Herkunft liegt im Jabotinsky-Archiv in Tel Aviv; sie entspricht dem erwähnten Handexemplar. Zwei Abschriften des Handexemplars von Schalom Ben-Chorin, die durch Professor Thomas Willi veranlasst wurden, sind im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich und im Deutschen Literaturarchiv Marbach zu finden.10 Für die vorliegende Publikation wurde mit dem Handexemplar von Ben-Chorin gearbeitet. Verschiedene Versionen enthalten ein Nachwort von Ben-Chorin (so auch hier), das in der Publikation der hebräischen Memoiren als Vorwort vorangestellt wurde.
Erste Seite des von David Frankfurter korrigierten Manuskripts, versehen mit Exlibris Frankfurters, Jerusalem 1946, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Nachlass Schalom Ben-Chorin
Frankfurter und Ben-Chorin haben nicht nur den Memoiren selbst, sondern auch den einzelnen Kapiteln jeweils sinngebende Zitate vorangestellt, die eine deutende Perspektive beabsichtigen. Auf der Titelseite des Manuskripts sind dies zwei biblische Zitate und ein literarisches: »Du sollst das Böse ausrotten aus deiner Mitte …« aus Deuteronomium 13:6 und »Gedenke, was dir Amalek11 angetan hat …« aus Deuteronomium 25:17 sowie »Wer niemals um seiner Rasse willen gehasst wurde, kann das nicht begreifen …« aus Die vierzig Tage des Musa Dagh des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel aus dem Jahr 1933, das sich mit dem Genozid an den Armeniern beschäftigt.12 Die Zitate, die sowohl verständniserweckend, selbstbestimmt als auch rechtfertigend in Bezug auf das Attentat auf Wilhelm Gustloff wirken, widerspiegeln Frankfurters Selbstbild und -verständnis. Dabei wird deutlich, dass sich Frankfurters Buch in erster Linie an eine jüdische Leserschaft richtete, die diese Hinweise sicherlich einordnen und verstehen konnte. Diesen Zitaten folgt eine Widmung: »Dem Andenken meines Vaters Rabbi Dr. Mosche Frankfurter, seligen Andenkens, der mit den sechs Millionen Opfern meines Volkes fiel.«13 Diese Widmung verdeutlicht, unter welchen Gegebenheiten Frankfurter seine Memoiren verfasste: Bis auf seine Geschwister war beinahe seine gesamte Familie ermordet worden.
Die Memoiren sind in einem literarischen Stil verfasst, der auf den Germanisten und Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin zurückzuführen ist. Sie enthalten sowohl religiöse Verweise als auch Zitate aus der Literatur, teilweise programmatisch zu verstehende Werke, in denen es um Tyrannenmord, Gerechtigkeit, Recht und Unrecht geht, wie Schillers Wilhelm Tell oder Kleists Michael Kohlhaas.
Die Memoiren erschienen im Februar 1948 im Verlag Am Oved unter dem Titel »Nakam«, hebräisch für Vergeltung oder Rache. In der Palestine Post vom 16. April 1948 wurde das Buch unter dem Titel David and Goliath besprochen. Der Verfasser Dov Vardi schrieb in seiner Rezension, dass die Perspektive Frankfurters »extremely sincere« und Frankfurter mehr ein »Dostoievskian hero, suffering and tormented« sei, als ein »unhesitating arm of vengeance«. Er hob besonders Frankfurters moralische Zweifel hervor, die ihn bezüglich des begangenen Mordes gequält hätten, und dass er durch den Mord anstelle des Gebots »Du sollst nicht morden« ein neues, höheres Gebot geschaffen habe: »Thou Shalt Live«.14
Bei der Lektüre der Memoiren ist zu beachten, dass es sich nicht um ein Tagebuch handelt, das Frankfurter parallel zu seinem Leben verfasst hatte, sondern um eine rückblickende Einordnung und Sinngebung nach Kriegsende mit dem Wissen um das Geschehen nach dem Attentat auf Gustloff im Februar 1936. Frankfurter hatte durch den Lauf der Geschichte Recht erhalten und erzählte seine Geschichte aus dieser Perspektive. Dies zeigt sich beispielsweise daran, wenn er immer wieder versucht, sein Leben mit Ereignissen der Zeitgeschichte in Verbindung zu bringen, so beispielsweise seine Verlegung vom Gefängnis in Chur nach Orbe und zurück, die er auf den Tag der Kapitulation Belgiens bzw. den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion legt. Entsprechend sind Frankfurters Memoiren ein subjektives Stück Geschichte, sein eigener Blick auf sein Leben.
Die Struktur der unpublizierten deutschsprachigen Memoiren wurde für die hebräischen Publikationen nur teilweise übernommen, weshalb hier kurz darauf eingegangen werden soll. Frankfurters Lebenserinnerungen wurden bisher nur auf Hebräisch in ihrer Ganzheit veröffentlicht; in anderen Sprachen lediglich in Ausschnitten. Frühe Bemühungen unmittelbar nach Frankfurters Auswanderung, die Memoiren auf Deutsch im Zürcher Carl Posen Verlag oder auf Jiddisch in der amerikanischen Zeitung Der Tog zu veröffentlichen, verliefen im Sande.
Bereits erwähnt wurde die erste Veröffentlichung der Memoiren aus dem Jahr 1948, die den Titel Nakam trug.15 Der Untertitel Paraschat haHitnakschut beSochen-haNazim Gustloff lässt sich mit »Die Affäre um das Attentat auf den Naziagenten Gustloff« übersetzen. Das Buch umfasst 217 Seiten, aufgeteilt in zwölf Kapitel, versehen mit insgesamt drei Bildern (David Frankfurter, sein Vater Rabbiner Moritz Frankfurter und ein Bild von Frankfurter während des Prozesses in Chur) sowie einem Vorwort von Schalom Ben-Chorin. Das Buch erschien in der Reihe Schacharut, die sich primär an Jugendliche richtete und eine sozialistisch-zionistische erzieherische Absicht hatte.
Eine Neuveröffentlichung des hebräischen Manuskripts erfolgte nach Frankfurters Tod im Jahr 1984 unter dem Titel Rischon haLochamim baNazim (»Der erste Kämpfer gegen die Nazis«) im Verlag Reschafim.16 Diese Ausgabe wurde mit weiteren Texten ergänzt; so mit einem ausführlichen Vorwort des Geschichtsprofessors Joseph Nedava der Universität Tel Aviv und mit dem Vorwort von Schalom Ben-Chorin, das bereits in der Ausgabe von 1948 abgedruckt war. Im Anhang folgen weitere Dokumente: ein Epilog aus Emil Ludwigs David und Goliath17, zwei Briefe von Bekannten aus der Schweiz (des Theologieprofessors Thomas Willi und von Rachel Anliker) an Frankfurters Frau Bruria sowie ein Nachruf von Jonathan Arnon über David Frankfurter: »An meinen Freund, der von uns gegangen ist«. Das Buch umfasst 188 Seiten und mehrere Bilder.
Umschlag der zweiten hebräischen Veröffentlichung von Frankfurters Memoiren, 1984, Foto: Sabina Bossert
Interessant ist die Betitelung der beiden Bücher. Die erste Ausgabe, die noch viel direkter unter dem Eindruck der Schoa stand, wurde Nakam, Vergeltung/Rache, genannt. Dies unterstreicht die Einordnung des Attentats auf Wilhelm Gustloff als Reaktion Frankfurters auf die Anfänge der nationalsozialistischen antijüdischen Politik in Deutschland. Ob es einen Zusammenhang bei der Auswahl des Buchtitels und der Gruppe »Nakam« um Abba Kovner gab, ist unklar. 1945 schloss sich eine Gruppe von rund 50 jungen Überlebenden der Schoa zusammen und fasste den Plan, sich an sechs Millionen Deutschen zu rächen. Die Gruppe firmierte unter dem Akronym »DIN«, hebräisch für »Gericht«, wobei die einzelnen Buchstaben für Dam Israel Notar stehen: »Das Blut Israels erinnert sich«. Gemeinhin wurde die Gruppe jedoch unter »Nakam« bekannt.18 Der Titel der Neuauflage nach Frankfurters Tod hingegen, Der erste Kämpfer gegen die Nazis, verortete seine Tat viel deutlicher in der Geschichte des jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, indem sie als Anfangspunkt einer Reihe von Widerstandsaktionen platziert wurde.
Tatwaffe von David Frankfurter, 1930er Jahre, Pistole Kaliber 6.35, Kantonspolizei Graubünden
In weiteren Sprachen wurden Frankfurters Lebenserinnerungen bisher nur in Ausschnitten veröffentlicht. Die US-amerikanische Monatszeitschrift Commentary veröffentlichte 1950 eine auszugsweise Übersetzung ins Englische unter dem Titel I kill a Nazi Gauleiter. Memoir of a Jewish Assasin.19Commentary ist eine 1945 vom American Jewish Committee gegründete Zeitschrift, die sich mit Meinungen und zeitgeschichtlichen Themen befasste. Für Commentary wurde der deutsche Originaltext in Ausschnitten – der gesamte Artikel ist knapp acht Seiten lang – von Ralph Manheim übersetzt. Der Text beginnt mit dem Kauf des Revolvers in Bern und endet mit der Festnahme Frankfurters und seiner ersten Nacht in Untersuchungshaft. Den wenigen Publikationen20, die zumindest am Rande die Sicht Frankfurters miteinbezogen, diente diese Version als Grundlage. Frankfurter bezeichnete die Übersetzung als »unzulänglich«.21
Eine Übersetzung von Ausschnitten aus den Memoiren in der Semana Israelita, Buenos Aires, wurde ohne Erlaubnis der Rechteinhaber Frankfurter und Ben-Chorin publiziert. Ben-Chorin bevollmächtige in dieser Sache seine Schwester Jeanne Bachmann, die bereits 1933 nach Argentinien ausgewandert war, damit, die Rechte gegenüber der Semana Israelita wahrzunehmen und gegen die Zeitschrift wegen des unautorisierten Abdrucks und der »unzulängliche[n] Rückübersetzung aus der amerikanischen Zeitschrift ‚Commentary‘«22 vorzugehen. Über Bachmann verlangten Frankfurter und Ben-Chorin von dem Magazin eine Entschädigung, boten aber gleichzeitig an, auf die Entschädigung zu verzichten, wenn der Verlag bereit wäre, das Buch in seiner Gesamtheit zu drucken. Aus den Quellen ist nicht ersichtlich, wie sich die Angelegenheit weiterentwickelt hat.
Auf Deutsch bestehen zwei Publikationen, in denen Auszüge aus dem deutschsprachigen Originalmanuskript veröffentlicht wurden. In der Zeitung Jediot Chadaschot23, die sich an Einwandererinnen und Einwanderer aus dem deutschen Sprachraum richtete, wurde am 25. September 1946, also noch vor der Publikation von Nakam, unter dem Titel Landung am Rosch Haschanah jener kurze Teil der Memoiren vorabgedruckt, der sich mit der Ankunft Frankfurters in Palästina beschäftigte.24 Neueren Datums, ausführlicher und kommentiert ist der Artikel Widerstand: David Frankfurter. Die deutsche Urfassung seines Selbstzeugnisses zum Attentat auf Wilhelm Gustloff von Thomas Willi.25 Er widmet den gesamten zweiten Teil seines Textes den Memoiren und zitiert aus verschiedenen Kapiteln. Willi geht ausführlich auf die bisherige Forschung zu Frankfurter und insbesondere deren Versäumnisse ein.
Aus den Memoiren David Frankfurters lässt sich seine Biographie bis zur Auswanderung ins damalige Palästina unter britischem Mandat nachzeichnen. Frankfurter kam am 9. Juli 1909 in Daruvar im damaligen Österreich-Ungarn (heute Kroatien) zur Welt. Seine Eltern, Rabbiner Moritz Frankfurter und Rebekka Frankfurter, geborene Pagel, hatten bereits zwei ältere Kinder: Alfons (geboren 1906) und Ruth (geboren 1908). Die Frankfurters waren deutschsprachig und zogen oft innerhalb des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs um – abhängig von den Anstellungen des Vaters. Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte David Frankfurter in Vinkovci (heute Kroatien), wohin die Familie 1914 zog. Neben seiner Muttersprache Deutsch sprach er bald fließend Kroatisch und besuchte die Grundschule.
Die von ihm beschriebene Idylle seiner Kindheit wurde jäh gebrochen durch verschiedene Krankheiten, die Krankenhausaufenthalte in Budapest und Wien und eine längerfristig angeschlagene Gesundheit mit sich brachten. Dennoch schloss Frankfurter das Gymnasium ab und begann 1929 sein Studium der Zahnmedizin in Leipzig. Später wechselte er zu seinem Wunschfach Humanmedizin nach Frankfurt am Main. Nach dem unerwarteten Tod seiner Mutter wollte Frankfurter nicht nach Deutschland zurückkehren, wo er Zeuge des Aufstiegs der Nationalsozialisten geworden war. Stattdessen setzte er seine Studien in Bern fort, gequält von körperlichen Symptomen seiner alten Krankheiten, von einer reaktiven Depression und von den Vorgängen in Deutschland. Von diesen erfuhr er nicht nur aus den Zeitungen, sondern erlebte sie selbst bei seinen Besuchen in Deutschland in den 1930er Jahren. Insbesondere ein Ereignis hatte ihn nachhaltig schockiert: Als er seinen Onkel Salomon in Berlin besuchte, erzählte dieser bei einer Verabredung im Kaufhaus Tietz, dass ein Hitlerjunge ihn »angepöbelt und an seinem dunkeln, langen Bart gezerrt«26 habe. Frankfurter hatte Suizidgedanken und Attentatsphantasien, zuerst gegen Hitler und andere Nazigrößen gerichtet, die er schließlich im Plan, Wilhelm Gustloff, den Leiter der NSDAP-Landesgruppe Schweiz, in Davos zu erschießen und danach Selbstmord zu begehen, zusammenfügte. Er begründete seine Tat mit einem Dreiklang von Motiven:
»Zu den beiden treibenden Motiven, die geschändete jüdische Ehre wieder zu retten und der Welt ein Fanal zu geben, gesellte sich nun noch ein drittes: Ich wollte die freie Schweiz, die mir Gastrecht gewährte und in der ich wahrhaft demokratische Menschen kennengelernt hatte, vor dem Schicksal der Nazifizierung und endlichen Einverleibung ins Nazi-Höllen-Reich bewahren.«27
David Frankfurter (links) mit seinen Geschwistern und Eltern, undatiert, Privatarchiv von Miriam Gepner, Salit
Nach dem Attentat auf Gustloff am 4. Februar 1936 stellte sich Frankfurter der Polizei. Im Churer Mordprozess wurde er zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt, die er im Sennhof in Chur sowie zwischenzeitlich im waadtländischen Orbe absaß. Dorthin wurde er verlegt, als während der »Blitzkriege« in Nordeuropa und den Beneluxstaaten in der Schweiz ernsthafte Befürchtungen vor einem deutschen Überfall bestanden. Als durch die Besetzung Frankreichs auch die Westschweiz keine erhöhte Sicherheit mehr bot, kam Frankfurter zurück nach Chur. Während seiner Haftzeit erhielt er verschiedentlich Zuschriften von ihm bekannten und unbekannten Personen, die sich mit ihm solidarisierten, so eine anonyme Postkarte aus London, adressiert an »David Frankfurter, the hero for God and man, the blessed of all Jews, […] the loyal brave unselfish avenger.«28
Anonymer Brief an David Frankfurter während seiner Haftzeit, in dem er als avenger bezeichnet wird, 7. Februar 1936, Staatsarchiv Graubünden, Chur, III23d2 Frankfurter
Im Mai 1945 wurde Frankfurter gnadenhalber aus dem Gefängnis entlassen. Die Begnadigung entsprach nicht Frankfurters Vorstellungen von Gerechtigkeit. Da er der Überzeugung war, dass ihm mit der Verurteilung im Jahr 1936 Unrecht geschehen war, beabsichtigte er, durch eine Revision des Prozesses einen Freispruch zu erlangen. Er musste jedoch einsehen, dass dieses Unterfangen zeitraubend und aussichtslos war, weshalb er gemeinsam mit den Anwälten Georges Brunschvig und Veit Wyler, unterstützt von Vormund Paul Schmid-Ammann und Rabbiner Eugen Messinger, ein Gesuch beim Kleinen Rat des Kantons Graubünden zuhanden des Großen Rats einreichte. Wenige Wochen nach Kriegsende wurde die Begnadigung mit 78 zu 12 Stimmen ausgesprochen. Begründet wurde diese nicht nur mit rechtlichen Aspekten (eine zwischenzeitliche Revision des Strafrechts hatte dazu geführt, dass eine veränderte Rechtsgrundlage bestand, die in einer milderen Strafe resultiert hätte), sondern auch mit einem gewissen Verständnis für Frankfurter. So führte der Kleine Rat in seiner Botschaft an den Großen Rat aus:
»Es verdient dies um so [sic] mehr Beachtung angesichts der furchtbaren Verfolgungen, welche den Angehörigen seiner engeren Gemeinschaft durch die Träger jener Organisation bereitet wurden, gegen welche sich David Frankfurter schon vor Jahren in auswegeloser Verzweiflung aufgebäumt hatte. Das Ausmaß seiner wirklichen Leiden hat sich damit für ihn außerordentlich vergrössert, und es scheint uns daher, es könne die von ihm bereits erduldete Sühne als dermaßen schwer empfunden werden, dass ihm der Rest der Strafzeit in Gnaden erlassen werden dürfte.«29
Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis emigrierte er gemeinsam mit seinem Bruder Alfons, der den Zweiten Weltkrieg und deutsche Kriegsgefangenschaft überlebt hatte, nach Palästina. In seinen Memoiren beschrieb er noch seine Ankunft und seine ersten beruflichen Tätigkeiten. Er fand einen Kibbuz, der bereit war, ihn aufzunehmen: Kibbuz Givat Brenner, in der Nähe der zentralisraelischen Stadt Rechovot, der 1928 von jungen Pionierinnen und Pionieren aus Russland und Polen gegründet wurde. Obwohl es Frankfurter nach der Freilassung aus dem Gefängnis physisch und psychisch besser ging, ließen sich sein gesundheitlicher Zustand und die daraus resultierenden Beeinträchtigungen nicht mit der körperlichen Arbeit in der Landwirtschaft vereinbaren.
Eine neue – und zumindest vorübergehende – Erfüllung fand er als Erzieher in einem Heim für Flüchtlingskinder in Jerusalem. Gleichsam als Motto schloss Frankfurter seine Lebenserinnerungen mit einem Zitat aus der talmudischen Tradition, die er zionistisch umdeutete: »Rav Schalom Banajich: Al tikra Banajih – ella Bonajihi! Friede Deinen Söhnen! Lies nicht: Deinen Söhnen – sondern Deinen Erbauern.«30 Dieses Zitat, das Teil des Morgengebets am Schabbat ist – samt seiner zionistischen Umdeutung –, verwendete Frankfurter als Sinnstiftung für seine neue Aufgabe, nachdem ihm die Mitarbeit am Aufbau des Landes verwehrt geblieben war: Er sah die Kinder im Heim, wahrscheinlich zumeist Waisenkinder und Holocaustüberlebende, als zukünftige Erbauer des Landes Israel; vielleicht auch in Stellvertretung von Frankfurter selbst.
Alle diese Informationen lassen sich in Frankfurters Memoiren nachlesen. Doch was geschah mit ihm nach seiner Ankunft in Palästina? Worüber die Memoiren keine Auskunft geben, sind die vielen Jahre von Frankfurters Leben nach seiner Alija: die Zeitspanne also von seinem 37. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Jahr 1982.
David Frankfurter und Georges Brunschvig am Bahnhof in Bern vor der Reise Frankfurters nach Palästina, 1945, Archiv für Zeitgeschichte, Zürich
Das erste große Ereignis in Frankfurters Biographie, das nach dem Ende der Verschriftlichung seiner Lebenserinnerungen stattfand, war das Wiedersehen mit seiner Schwester Ruth. Aus seinen Memoiren sowie weiteren Quellen lassen sich die verzweifelten Bemühungen Frankfurters, aus dem Gefängnis Informationen zum Verbleib seiner Familie zu erhalten, rekonstruieren. Nachdem bis Anfang 1942 noch Briefe und Karten von Ruth Löwy eingetroffen waren, brach danach der Kontakt unmittelbar ab. Rabbiner Moritz Frankfurter wurde zusammen mit dem Chasan31 der jüdischen Gemeinde von Vinkovci und dessen sechs oder sieben Kindern nach Jasenovac, dem kroatischen Konzentrationslager der Ustasha deportiert, wo er vermutlich 1942 ermordet wurde.32 Ruth Löwy war – im Gegensatz zu ihrem Mann und den zwei Kindern Neomi und Reuven, die nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden – beim Einmarsch der Roten Armee aus einem Gefängnis in Budapest befreit worden. Zurück in Jugoslawien suchte sie nach ihrer Familie, »[l]eider ohne irgend jemanden am Leben angetroffen zu haben (weder Mann noch Kinder).«33 In der Annahme, ihren Bruder David in der Schweiz zu finden, sei sie dorthin gereist, nur um herauszufinden, dass er das Land verlassen hatte. Sie informierte Verwandte in Tel Aviv über ihr Überleben und verschickte eine Postkarte, angeblich lediglich adressiert mit »David Frankfurter, Palästina«, und die Karte kam tatsächlich an.34 Die Geschwister David, Alfons und Ruth trafen sich schließlich in Palästina wieder.
David Frankfurter blieb nicht lange in Jerusalem. Die Arbeit im Kinderheim sagte ihm trotz anfänglicher Begeisterung längerfristig nicht zu. Schon bald lernte er Bruria Heller kennen, eine Krankenschwester polnischer Herkunft. Bruria Heller war gemeinsam mit ihrer Familie bereits im Februar 1939 nach Palästina gekommen. Bruria und David heirateten am 22. Juli 1948. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder: Miriam und Moshe. Die Familie lebte in Ramat Gan, einem Vorort von Tel Aviv. Im Verlaufe seines weiteren Lebens arbeitete Frankfurter an verschiedenen Orten, mehrheitlich für die Regierung oder für Organisationen, die der Regierung nahestanden, zeitweise für die Sochnut (Jewish Agency) und für das israelische Verteidigungsministerium.
Frankfurters Kinder, die ich wiederholt in Israel getroffen habe, beschrieben ihren Vater als hingebungsvoll. Durch die Arbeit der Mutter, die als Krankenschwester im Schichtbetrieb auch abends und am Wochenende arbeiten musste, verbrachte er viel Zeit mit ihnen, erfand für sie Geschichten mit ihnen in der Hauptrolle. In diesen Geschichten reisten sie, die drei Musketiere, nach Afrika oder in die Antarktis, erlebten Abenteuer und suchten nach den verlorenen Stämmen des Volkes Israel.
Mit seinen Kindern sprach er kaum über seine Tat, insbesondere seine Zeit im Gefängnis sei ihm unangenehm gewesen. Dieses Unbehagen bezog sich nicht nur auf die Familie, sondern auch auf seine Umwelt. Obwohl er und sein Attentat auf Gustloff durchaus bekannt waren, gab er nur wenige Interviews. Auch sei er nie politisch tätig gewesen, obwohl gerade von rechtsgerichteten Parteien Versuche unternommen wurden, ihn politisch für ihre Zwecke zu gewinnen. Trotzdem habe er ein scharfes Auge auf die Weltpolitik gehabt und sich mit den in seinen Augen Schwächeren solidarisiert.
Mit der Freilassung aus dem Gefängnis im Jahr 1945 wurde die eigentliche Strafe nicht aufgehoben, sodass Frankfurter durch die 1936 ausgesprochene Landesverweisung daran gehindert war, in die Schweiz zu reisen. Da er sich aber der Schweiz weiterhin verbunden fühlte und auch in Kontakt mit Bekannten geblieben war, wollte er eine Europareise mit einem Besuch in der Schweiz verbinden. Mit Hilfe von Paul Schmid-Ammann und Georges Brunschvig wurde am 1. Oktober 1969 durch den Kleinen und den Grossen Rat des Kantons Graubünden die Landesverweisung aufgehoben. Frankfurter war zu diesem Zeitpunkt gerade in Italien und nutzte die Gelegenheit für einen kurzen Abstecher. Sein erster Besuch galt ausgerechnet seinem ehemaligen Gefängnisverwalter Tuena und dessen Frau, die im Kanton Tessin lebten. Danach besuchte er Bekannte in Bern und Zürich und reiste über Genua per Schiff zurück nach Israel.
Bei späteren Besuchen in der Schweiz wurde das öffentliche Interesse an Frankfurter und seiner Tat offenbar: Im Jahr 1974 erschien der Film »Konfrontation« von Rolf Lyssy, der den Mord an Gustloff erneut in den Fokus rückte. Daraufhin wurde Frankfurter von verschiedenen Seiten angefragt, sich in Podiumsgesprächen zu äußern. Organisiert wurden diese von jüdischen Gemeinden, so in Basel, Bern und Zürich. Frankfurter selbst verfasste für die Bündner Zeitung einen Artikel, in dem er seine Tat rückblickend einordnete und Kritik am passiven Verhalten der Welt angesichts des Aufstiegs der Nationalsozialisten formulierte. Positiver liest sich sein Blick auf die Schweiz:
»1975 war ich mit meiner Frau in der Schweiz. Ich besuchte Orte, die mir in der Vergangenheit viel bedeuteten, Bern, Chur, Davos und viele andere Plätze. Ich traf viele alte, liebe und treue Freunde, Freunde, die mir in den schwersten Zeiten und auch bis heute, Treue und Liebe bewahrten.«35
David Frankfurter verstarb am 19. Juli 1982 im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv. Kurze Zeit später wurde in Ramat Gan, nur wenige Gehminuten vom Wohnhaus der Familie Frankfurter an der Rechov Tar’ad entfernt, ein kleiner Park nach ihm benannt; die Feierlichkeiten fanden im Beisein seiner Familie statt. Bereits seit Frankfurters Freilassung aus dem Gefängnis gibt es in Petach Tikwa eine Straße in seinem Namen – eine der wenigen Straßen in Israel, die nach einer noch lebenden Person benannt wurde. In einem Telegramm wurde Frankfurter darüber informiert: »Israels avenger david frankfuter free[,] national jews happy[,] petachtikva [sic] called street his name[,] please remit congratulations[,] inviting immigrate [to] erez jisroel«.36 Sein Sohn Moshe erzählte im Interview, dass sein Vater sich einen Spaß daraus gemacht habe, an der nach ihm benannten Straße zu stehen und vorübergehende Menschen zu fragen, wer denn dieser David Frankfurter gewesen sei. Die Vermutungen reichten jeweils von einem berühmten Zionisten bis zu einem Rabbiner.37
Abschrift eines an David Frankfurter gerichteten Telegramms aus Tel Aviv, das ihn als avenger bezeichnet und ihn über die Benennung einer Straße nach ihm in Kenntnis setzt, 29. Juni 1945, Archiv für Zeitgeschichte, Zürich
Gan David Frankfurter in Ramat Gan, Beschriftung: David-Frankfurter-Park, in Erinnerung an den Attentäter eines Nazi-Diplomaten, 1909–1982, Foto: Sabina Bossert
Sabina Bossert
Straßenschild der Rechov David Frankfurter in Petach Tikwa, Foto: Sabina Bossert
»Du sollst das Böse ausrotten aus deiner Mitte…«
Deuteronomium 13,6
»Gedenke, was dir Amalek angetan hat…«
Deuteronomium 25,17
»Wer niemals um seiner Rasse willen gehasst wurde, kann das nicht begreifen…«
Franz Werfel, Die vierzig Tage des Mussa Dagh
»I posti più caldi all'Inferno sono riservati a coloro che nei momenti di grande crisi morale mantengono la loro neutralità.«
»Die heißesten Orte in der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.«
Dante Alighieri
Dem Andenken meines Vaters
RABBI Dr. MOSCHE FRANKFURTERז"ל
der mit den
Sechs Millionen Opfern meines Volkes
fiel.
Im Andenken an Naomi (11 Jahre) und Reuven (9 Jahre)
Löwy, die Kinder meiner Schwester Ruth Z"L,
umgekommen in Auschwitz.
D.F.
Die erste Frühlingssonne liegt über den Hügeln von Jeruschalajim und die kahlen Hänge beginnen sich zu begrünen mit jenem zarten, lichten Flor, der nur wenige Wochen auf dem kargen Erdreich haftet, ehe die sengende Sonne des Orients ihn gelb und trocken macht.
Die Mandelbäume stehen in voller Blüte, das Land atmet auf nach den Regenfällen des Februars. Ich sitze am Rande der Heiligen Stadt auf einer Bank und schließe die Augen, um besser sehen zu können: in mich hinein und zurück in die Tage meiner Kindheit. Es ist mir, als fühlte ich mich von einer großen unsichtbaren Hand ergriffen, die mich merkwürdige und gewundene Pfade führte – hierher in das Land unserer Väter, das Land der Söhne und Enkel. Ich habe es geliebt, dieses Land, und mit der Seele gesucht, solange ich mich zurückerinnern kann. Es war mein Vater Mosche Frankfurter, dessen glühende Zionsliebe mir, seinem Sohne, ins Blut gelegt wurde.
Überwältigt vom Leid meines Volkes hatte ich als 27-Jähriger mit allen anderen Zielen und Sehnsüchten meines Lebens auch diese eine und größte, heimzukehren nach Erez Jisrael, aufgegeben und doch wurde mir das Leben, das ich von mir geworfen, wiedergeschenkt, und neugeboren durfte ich heimkehren in das Land meiner Liebe.
Als ich am 9. Juli 1909 zur Welt kam, war mein Vater Rabbiner der kleinen jüdischen Gemeinde in Daruvar1 in Jugoslawien, das damals noch zur alten österreichischungarischen Donaumonarchie gehörte. Daruvar ist ein, zwischen niedrigen Hügeln gelegener, Kurort, in dem vor allem Frauen in den Eisenquellen der Umgebung Heilung suchen. Ich war das dritte und jüngste Kind meiner Eltern, nach meinem älteren Bruder Alfons und meiner Schwester Ruth.
Mein Vater war der Spross einer alten Rabbinerfamilie aus der Slowakei: Zu seinen Vorfahren gehörte der berühmte Marhascheschach2. Mein Vater verwirklichte in seinem Leben das Ideal von Tora im Derech Erez, die Synthese von jüdischer und europäischer Bildung. Schon als kleiner Knabe hatte er den Cheder besucht und war dann schließlich Bachur der bekannten Jeschiwa in Pressburg3 geworden, die er mit dem Hatarath Hora’a–Diplom verließ, um in Berlin am orthodoxen Hildesheimerschen Rabbinerseminar seine jüdischen Studien auch auf historischem und religionsphilosophischem Gebiet zu vertiefen.
Endlich promovierte er an der Universität Bern zum Doktor der Philosophie mit einer Dissertation über die Mischne Tora des Maimonides4.
Ich sehe sie noch vor mir, die große patriarchalische Gestalt meines Vaters, dessen gütiges kluges Antlitz ein langer dunkler Bart umrahmt. Schon in der dämmernden Morgenfrühe sitzt er über die riesigen Talmudfolianten geneigt, den kräftigen Körper im Rhythmus der Lehre über den Seiten wiegend. Und ich, ein kleiner Junge, stehe verstohlen in die bücherschwere Studierstube blickend, im Rahmen der Tür, den Atem anhaltend, um den geliebten und verehrten Vater nicht zu stören. Er hat in mich die Liebe zum Judentum und zum jüdischen Volk gepflanzt, und zum Land Israel, denn der Rabbiner von Daruvar war ein bewusster Zionist, der viele Jahre an der Spitze der zionistischen Bewegung in seiner Gemeinde stand. Nicht mit Worten hat mein Vater meine Geschwister und mich zu brennenden Juden erzogen, sondern durch das gelebte Beispiel seiner Persönlichkeit, die schlicht und wahr, kompromisslos und gerade den jüdischen Weg ging.
War mein Vater für uns Kinder (aber darüber hinaus auch für seine Gemeinde und nicht minder für die christlichen Bürger des Ortes) eine fraglose Autorität, der wir uns willig fügten, so war meine Mutter, die aus Kempen5 in der Provinz Posen stammte, das liebend-gütige Element, die zärtlich-weiche Komponente in unserem stillen, glücklichen Heim. Nächtelang wachte sie an meinem Krankenbett und pflegte mich mit der grenzenlosen Hingabe, deren nur eine Mutter fähig ist. Aber ich greife vor. In Daruvar war ich noch ein kleiner stämmiger Bub, pausbäckig und dick, der mit unbändiger Lust sich über die mütterlichen Kochtöpfe hermachte, ohne von der Krankheit gezeichnet zu sein, die meine spätere Jugend überschattete und mich zur Einsamkeit des Kranken verdammte.
Ich spielte fröhlich mit den Kindern der Nachbarn, auch der christlichen, die mich, den kleinen Sohn des Rabbiners, einmal zu der furchtbaren Sünde verleiten wollten, von den knusprigen Schweinegrieben zu naschen, die die Bahnwärtersfrau in unserem Hause briet. Schon streckte ich das Händchen nach der verbotenen Speise aus, ein kleiner Adam, der vom untersagten Baume kosten will, da stürzte mein Bruder Alfons herein und rief: »David, der Papa kommt!«, und eilends zog ich die aufrührerische Hand zurück, und es war mir als sei ich im letzten Augenblick vor Furchtbarem bewahrt geblieben. So groß ist die Macht eines Vaters, an den sein Kind glaubt.
Ich liebte die Tiere und spielte gerne mit ihnen, ja um ein kleines Kätzchen zu retten, kletterte ich mit meinen drei Jahren hoch hinauf auf die Feuerleiter des Hauses, um die miauende Kreatur vom Dachfirst herunter zu holen. Die Welt war voller Geheimnisse für mich, die ich ergründen wollte. Die Regentonne vor dem Hause war wunderbar genug, um so tief hinein zu schauen, dass ich kopfüber ins Fass fiel und an den Beinen herausgezogen werden musste. Die dampfenden Kirschknödel im brodelnden Topf zogen das kleine Leckermaul so magisch an, dass ich mich tüchtig verbrannte, wovon mir noch heute eine Narbe unterm Kinn verblieb. Von solchen kleinen Zwischenfällen abgesehen (welches Kind hätte sie nicht erlebt!) verliefen die ersten Jahre meiner Kindheit in ungetrübtem Glück. Mich umschloss die heimelige Atmosphäre eines friedlichen Elternhauses, das mit unpathetischer Selbstverständlichkeit auf die festen Fundamente von Gottesfurcht und Liebe gegründet war.
Zuhause wurde deutsch gesprochen, aber frühzeitig lernte ich auch die kroatische Sprache meiner Umgebung sprechen und verstehen und dazu kam die heilige, die allergeliebteste Sprache, Hebräisch, in die uns der Vater frühzeitig einführte anhand des ältesten und besten aller Lehrbücher: der Bibel. Das Leben in der Rabbinerfamilie hatte zwei Pole: unser bescheidenes, ruhiges Heim und die Synagoge, in der ich meinen Vater voll scheuer Ehrfurcht bewunderte, wenn er vor der Gemeinde predigte, oder in der heiligsten Stunde des Jahres, zu Neila am Versöhnungstage am Omed vorbetete. Es war mein höchstes Glück am Freitagabend, von der Mutter sorgfältig gewaschen und gekleidet, dem Vater den Tallit-Beutel und die Bücher in die Synagoge tragen zu dürfen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde mein Vater in die etwas größere Gemeinde Vinkovci6 berufen, wo er lehrend und leitend seines Amtes waltete, bis auch ihn die furchtbare braune Sintflut der Nazipest verschlang. An einem Wintertag des Jahres 1941 überführten sie ihn, den Rabbiner von Vinkovci, meinen Vater, als einen der Ersten der Gemeinde in das KZ Lager Jasenovar7, um ihn zu erschießen. Er war einer von sechs Millionen.
Damals ahnte aber noch niemand etwas von dem Ausbruch dieser unvergleichlichen Bestialität. Juden und Christen lebten friedlich und einträchtig in der kleinen Stadt mitten in der weizenreichen, nur von Wäldern belebten, jugoslawischen Tiefebene dahin. Der blutige Hass, der meine Altersgenossen in Polen verfolgte und (in versteckterer Form) auch in dem »fortgeschrittenen« Deutschland, blieb meiner Kindheit fern. Die Christen hassten uns nicht und wir nicht sie, höchstens, dass ich sie in kindlichem Stolz zuweilen bedauerte, weil sie all die Herrlichkeiten des jüdischen Jahres nicht kannten, nicht den unvergleichlichen Glanz der Seder-Nacht, nicht die traulichen Schatten der Laubhütte, nicht die stille Weihe des Freitagabends. Dafür bedauerten wohl meine christlichen Kameraden mich, dass ich weder Weihnachtsbaum, noch Ostereier hatte – und so, ein jeder sich im Besitze eines köstlichen Schatzes wähnend, kamen wir aufs Beste miteinander aus.
Kam der römisch-katholische Bischof in die Stadt, um seine Diözese zu inspizieren, so war mein Vater natürlich unter den Ehrengästen beim Empfang für Seine Eminenz und repräsentierte frei und würdig die ansässige Judenheit, und der protestantische Pastor der kleinen schwäbischen Gemeinde rief allmorgendlich, wenn ihn der Weg zum Postamt am Rabbinerhaus vorbeiführte munter herauf: »Kommen Sie mit, Kollega!«, und Pastor und Rabbiner machten einträchtig ihren Morgenspaziergang, sich über die Dinge der Zeit und Ewigkeit unterhaltend.
Ich kann es mir heute nur schwer erklären, wie in diese behütete und friedliche Kindheit sich doch frühzeitig eine merkwürdige Ahnung in meine Seele stahl: das Gefühl naher Todesgefahr, das mich oft schreckte. Es war, als werfe die böse Krankheit, die mich bald heimsuchen sollte, ihre Schatten voraus. Den Ausbruch des Weltkrieges habe ich noch nicht mit wachem Bewusstsein für das Furchtbare des Geschehens erlebt. Im Gegenteil: Ich war stolz und froh, meinen Vater so herrlich erhoben und verwandelt in die Uniform eines österreichischen Hauptmanns, die goldenen Streifen des Feldgeistlichen am Arm, bewundern zu dürfen, denn mein Vater war als Armee-Rabbiner bald an die Ostfront gegangen und später an die rumänische.
Mein Onkel, der Bruder meines Vaters, ebenfalls Rabbiner, war der Leiter der k. und k. Seelsorge8 für jüdische Soldaten in der Armee des alten Kaisers Franz Joseph. 1915 kam ich zur Schule. Es war eine allgemeine, kroatische Volksschule, denn unsere Gemeinde war zu klein, um eine eigene jüdische Schule zu unterhalten. Aber es war mir nur ein Jahr lang vergönnt, gemeinsam mit den anderen Jungen meines Jahrgangs zu lernen. Im Herbst 1916 erkrankte ich und diese Krankheit – eine Furunkulose – die bald in Blutvergiftung und endlich in eitrige Knochenentzündung überging, sollte meiner Jugend die entscheidende Wendung geben. Mein rechtes Bein schwoll furchtbar und schmerzhaft an, mit über 40 Fieber lag ich im Delirium zuhause und der Arzt hatte mich bereits so gut wie aufgegeben. Mein Vater war nicht mehr bei uns, sondern weit draußen an der Front. So musste meine gute Mutter allein diese Tage furchtbarer Aufregung durchstehen. Später erzählte sie mir, dass ich aus meinen Fieberträumen auffahrend auf ihre Bitte, ein Butterbrot und Milch zu mir zu nehmen, geantwortet habe: »Schick es den armen jüdischen Frauen nach Galizien.«
Aus dem Fieber sprach ich so als Kind, mir selbst noch unbewusst dem Gefühl der Verbundenheit Ausdruck gebend, mit den verfolgten Brüdern, von denen so oft in unserem Hause die Rede war. Ja, ich hatte auch manchmal die armselig abgerissenen Gestalten der wandernden Juden gesehen, die aus Polen und Galizien in unser freies Land kamen und deren erster Weg sie in das Haus des Rabbiners führte.
Die Verhältnisse in unserem kleinen Ort gestatteten nicht länger dort mein Verweilen. Meine Mutter brachte mich in das jüdische Kinderspital nach Budapest, wo ich zweimal am Bein operiert werden musste. Damals wohl schon begann ich die Ärzte zu bewundern, denen es gegeben ist, mit der scharfen Sonde das Kranke und Faule aus dem gestörten Organismus zu entfernen, und mein späterer Wunsch, Medizin zu studieren, hat wohl seine Wurzeln in diesem harten Jugenderlebnis. Mein Vater kam von der Front, um mich zu besuchen, und ich wurde sozusagen – ohne mein Wissen und Handeln – zum Retter seines Lebens. Denn während er am Bett seines kranken Kindes saß, traf eine feindliche Bombe das Lazarett, in welchem er gemeinsam mit einem katholischen Priester und einem evangelischen Pfarrer als Seelsorger tätig war. Diese beiden Freunde meines Vaters kamen dort um, während er gerettet wurde.
Als ich nach Vinkovci zurückkehrte, war ich ein krankes Kind, das nicht mehr daran denken konnte, gemeinsam mit anderen Kindern zur Schule zu gehen und zu spielen. Mühselig musste ich, unterstützt von meiner Mutter und den Geschwistern, bisweilen auch ein wenig von einem jungen jüdischen Lehrer unterwiesen, nachholen und mitlernen, was sich meine Altersgenossen im täglichen Gang zur Schule aneigneten.
