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Das vorliegende Buch "Ich und du – Schule zu und digital im Nu" wirft einen humorvollen und zugleich kritischen Blick auf 24 Monate des Umgangs mit der Corona Pandemie an einer Schule in Berlin-Neukölln. Klappte die versprochene Digitalisierung der Schule oder klappte sie nicht, waren die Schülerinnen und Schüler für einen solchen Unterricht motiviert oder waren sie es nicht, lief der Online Unterricht gut oder mehr schlecht als recht? Wer wissen will, wie alles war, nimmt sich dies Buch und liest dann mal.
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Seitenzahl: 553
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ada M. Hipp
Ich und du – Schule zu und digital im Nu
Blick ins Tagebuch einer Geplagten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Vorwort
November / Dezember 2019 – Irgendwas ist immer
Januar 2020
Februar 2020
März 2020 – Bildungsfern in den Lockdown?!
April 2020
Mai 2020
Juni 2020
Juli 2020
August 2020
September 2020
Oktober 2020
November 2020
Dezember 2020
Neujahr / Januar 2021
Februar 2021
März 2021
April 2021
Mai 2021
Juni 2021
Pandemie macht Unterricht. Rückblick mit Ausblick
Ein Nachwort
März 2022 – Es ist noch nicht vorbei
Impressum neobooks
Ada M. Hipp
Ich und du – Schule zu und digital im Nu
Blick ins Tagebuch einer Geplagten
Im März vorvergangenen Jahres (2020) hieß es auch bei uns im Land: Schluss, aus, vorbei, Schule zu. Wir haben frei? Von einem Tag auf den anderen kein Stress mehr im morgendlichen Straßenverkehr, keine schlechtgelaunten Mitmenschen in Bus und Bahn und vor allem: keine bereits am frühen Morgen gelangweilten und angeödeten, vom Wochenende noch müden Schülerinnen und Schüler mehr!
Was ist passiert, Ankunft im Paradies, schon jetzt? Nein, heißt es pikiert, CORONA, Corona ist passiert.
Die Gefahr einer Ansteckung, sie sei zu groß, die Gefahr, sich zu infizieren, sie sei nun täglich da und niemand könne garantieren, dass sich nicht jeder mit den Viren infizieren würde und dann wäre es mit dem Leben eine ziemliche Hürde. Man könne schwer erkranken oder daran sterben gar und deshalb, deshalb wurden alle Schulen geschlossen. Es ist, es ist Corona da. Und leider, leider hat es sich bestätigt, dass viele Menschen nicht nur an Corona erkrankt, sondern auch daran verstorben sind. Die Zahlen derer seien hier genannt, um nicht zu vergessen wie sehr das Virus grassiert ist im ganzen Land. Und der Herr Lauterbach, der hat gewarnt, noch und nöcher hat der gewarnt und auch gemahnt, dass die Leute sollen Masken tragen, Abstand halten und bewahren, sich impfen lassen, um geschützt zu sein gegen die Gefahren. Einmal, zweimal, dreimal sollten wir uns impfen lassen, damit wir nicht noch mehr vom Leben verpassen.
Also, alle Schulen zu und digital geht’s ab im Nu? Und nun? Wie soll es weitergehen, wie die Schülerinnen und Schüler erreichen, etwa per Telefon vom Privat Phone? Oft stimmen schon die angegebenen Telefonnummern nicht, und E-Mail-Adressen, die gibt’s auch nicht bei allen. Zudem haben sie doch bestimmt ihre ganzen Schulmaterialien nicht zuhause, die wohnen doch in der Schule, die Schulmaterialien, schließlich heißen sie ja Schulmaterialien und nicht Zuhause-Materialien. Die Jungen tragen auf dem Schulweg mitunter nicht mal mehr eine Schultasche und die Mädchen? Die Mädchen kommen häufig nur mit Handtäschchen, in denen lediglich das obligatorische Handy gerade noch so Platz hat sowie ein Lipgloss. Bei Glück hat eine Freundin die Schulmappe dabei, in der die Hälfte der Mädchen einer Klasse ihre Hefter dann verstaut, von Schulbüchern gar nicht erst die Rede. Die kann man ja nicht mal einrollen, die seien ja so sperrig und schwer und in der Wohnung liegen die eh nur rum und sind im Weg.
Wie also soll es werden, was ist zu tun, was kann man überhaupt tun, wie die Schülerinnen und Schüler von den eigenen vier Wänden heraus motivieren, was schon vor Ort, in der Schule, nicht immer leicht ist? Wir sind hier im Brennpunkt, wir sind hier mitten in Berlin, wir sind hier in NN, wir sind hier in Neukölln-Nord. Warum das Brennpunkt heißt, keine Ahnung, seit knapp 20 Jahren arbeite ich hier, aber gebrannt, gebrannt hat es hier noch nie, solange ich hier bin, jedenfalls nicht, ich schwöre.
Wie läuft so eine Schulschließung eigentlich ab, wie soll man sich das vorstellen, dass die Eltern jetzt unseren Job mal eben so übernehmen? Zuzutrauen wäre es ihnen ja, ist der Lehrerberuf doch eigentlich der einzige Beruf, bei dem jeder meint, mitreden zu können, man kenne sich schließlich aus, man war ja selbst in der Schule, manche länger, manche kürzer, aber da drin, da drin waren sie alle, rin und wieder raus, vor allem wohl ganz schnell raus aus dem Schulhaus. Somit wisse jede und jeder, wie das geht mit der Schule und großgeworden, großgeworden sei man auch. Das bisschen Bildung und Erziehung, das wird schon irgendwie, kann ja kein Problem sein. Lehrer kann doch jeder, Lehrer will nur nicht jeder. Und verbeamtet, verbeamtet sind die doch eh alle, in Berlin jedoch, bei Glück, nur die ab 55 plus. Veränderung ist da in Sicht, für alle allerdings gilt das nicht.
Aber egal, trotzdem sicherer Job, und das dicke Geld verdienen die, die Lehrer, fahren sie sogar mit Porsche, SUV oder goldenem Fahrrad bis hin vor die Schultür. Auch sonst geht es ihnen prächtig, wohnen sie doch in Palästen, die sie zwar notgedrungen für die Bildung des Pöbels auch mal verlassen müssen, aber immerhin, nachmittags um drei sind die ja auch spätestens wieder zurück und dann beginnt ihr eigentliches Leben, ihr goldenes Leben im Palast. Bildung ist doch für die nur Broterwerb auf Kosten der Gemeinschaft, teures Brot allerdings, von der Pandemie sind die finanziell bestimmt nicht negativ betroffen. Nun können die, nun sollen die mal zeigen, ob sich das viele Geld auch rentiert und unsere Kinder gebildet dem Ganzen entkommen, aber gerne doch. Gerne, jetzt, wo wir nicht mal mehr unsere Paläste verlassen müssen, sondern von hier, vom goldenen Computer aus, Unterricht machen können. Den Computer, den haben wir schnell noch vom Senat zugesandt bekommen, genau wie das Diensthandy, heißt es. Schließlich soll ja nichts vom privaten Gerät aus, denn, da sei irgendwas mit Datenschutz, so wurde erzählt, so habe man zumindest gehört und vernommen.
Nun, man wird sehen, wie das mit dem Online Unterricht, dem Homeschooling und dem saLzH, dem schulisch angeleiteten Lernen zu Hause so läuft.
Mal war die Schule zu, dann wieder auf, dann wieder zu und wieder auf – ein hin und her als gäb‘s keinen Morgen und mittenmang der Maskenzwang. Maske hier, Maske da, erst aus Stoff, dann FFP 2, manchmal auch die FFP 3. Erst gab es sie nicht, dann gab es sie doch, erst halfen sie nicht, dann halfen sie doch. Und immer noch, immer noch tragen wir sie, immer noch sagen wir der Schülerschaft, dass das Maskentragen Abhilfe schafft. Abhilfe vor Ansteckung, Abhilfe vor Infizierung, Abhilfe, Abhilfe, Abhilfe, für die Schülerschaft oft mehr Ab als Hilfe.
Und irgendwann da reicht es einem und man neigt dazu, zu reimen. Vielleicht kann man ja durch Reimen den Keimen den Garaus … und sie vernichten, wenn man anfängt ein wenig zu dichten. Wir sollten darauf spekulieren, dass die Viren uns dann nicht mehr infizieren oder aber: bei Wind und Wetter Fenster auf und wir erkälten uns zuhauf – besser frieren als sich mit Viren infizieren.
Wer wissen will, wie alles war, nimmt sich dies Buch und liest dann mal.
Es gab da mal eine Zeit, in der die Menschen erkennbar waren, durch Straßen und Alleen flanierten, in Parks umherwandelten und das Leben einfach so genossen als gäbe es kein Morgen. Eine Zeit vor CORONA, eine Zeit ohne Maske, ohne Abstand, ohne ständige Desinfizierung, also, eine Zeit ohne AHA-L, obwohl, gelüftet wurde schon doch auch mal. Diese Zeit, gar nicht so lange her, hieß LEBEN. Wir schrieben das Jahr 2019.
„Im kalten Monat November war’s, die Tage wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, da ward…“ (Aus: Heinrich Heine – Deutschland, ein Wintermärchen, Caputh 1) mein Gefährt (mal wieder) hinüber, irgendwas ist immer.
Es begab sich an einem eben dieser Tage, es kann auch bereits Dezember gewesen sein, dass ich beschwingt und frohen Sinnes mit einer Freundin nach einer kleinen Feierlichkeit in der Innenstadt, umgeben von vorweihnachtlichem Glanze und selbigen Düften, mein geliebtes Gefährt bestieg, um nach Hause zu eilen. Zuvor noch ein schnelles Huschen über den romantisch gestalteten Weihnachtsmarkt, die Leute lachten vergnügt und standen dicht aneinander gedrängt unter Heizpilzen an warmen Imbissbuden und Glühweinständen. Ohne Maske, niemand nahm Anstoß daran oder holte gar das Ordnungsamt und schlug Alarm. Da saßen wir dann dort drinnen im Gefährt, noch berauscht von Erlebtem und Erlabtem, die Gespräche beseelt und vergnügt, als da plötzlich aus dem Nichts wir eines Geräusches bewusstwurden, welches so gar nicht unserer weihnachtlich angehauchten Fröhlichkeit entsprach und sich vernahm, als wären wir auf dem Felde hoch oben auf dem Traktor unterwegs. Irgendwas ist immer.
Zudem blinkte im Cockpit die gelbe Motorlampe auf, die es partout nicht lassen wollte und sich von ihrem Leuchten und Blinken einfach nicht abbringen ließ, bis sie dann friedvoll und entspannt in dauerhaftes Leuchten überging. Die Gespräche, nun nicht mehr allzu fröhlich, zunehmend gar verstummend, versiegten nun ganz. Wir lauschten ängstlich dem ach so geliebten Gefährt und hofften dennoch pochenden Herzens, uns dahingehend vielleicht geirrt und im Grunde doch weder was gehört noch bemerkt zu haben. Sowas soll’s ja geben, gerade zur Weihnachtszeit bildet man sich schon mal so manches ein, auch, dass man gerade das Christkind oder Knecht Ruprecht gesehen habe. Jede rote Ampel wurde nun zum Martyrium, hieß es doch, dass im Stand der Motor erst so richtig tuckerte. Laut, unaufhörlich und uns Insassen derartig durchschüttelnd, als wären wir auf bereits erwähntem Traktor. Von Angst getrieben, rasenden Herzens und von Schweißausbrüchen geplagt, die Freundin vor deren Türe abgegeben, zuckelte ich, nunmehr allein nach Hause in der Hoffnung, das Geräusch würde dahin verschwinden, wo es herkam, ins Nichts. Ich würde es vor dem Hause abstellen und über Nacht löse sich das Problem von selbst, aus dem Nichts gekommen, ins Nichts verschwunden. Erstmal eine Nacht drüber schlafen und dann ist alles wieder gut, sagt man doch so und warum soll das nicht auch für einen guten Freund gelten, mein Auto.
Die Nacht gut überstanden, nicht mehr an die Widrigkeiten des Vorabends denkend, bestieg ich frohen Mutes und neuer Energie mein geliebtes Gefährt, schaltete den Motor an und fuhr los. Siehe da, kein Tuckern mehr, keine gelb-blinkende Motorleuchte, alles GUT! Der Wagen fährt – 20m … 40m … 60m … 100m – und da war sie wieder, die Motorleuchte! Gelb! Frech blinkte sie mir ins Gesicht, grüßte mich aufgeregt und mit geradezu unverschämt anmutender Fröhlichkeit. Bis sie dann, dem Vorabend gleich, entspannt und mit sich selbst zufrieden, nonstop leuchtete, der Motor wieder Traktor spielte, es war doch gestern so schön. Irgendwas ist immer.
Also entschied ich mich denn schweren Herzens, das Autohaus aufzusuchen und mein immer noch geliebtes Gefährt ebendort einzustellen. Man werde es sich ansehen, sagte man mir, die Motorgeräusche identifizieren und ich solle mich gedulden, denn wir, mein Auto und ich, wären ja nun nicht die einzigen. So galt es aber auch, den diversen Anverwandten, Bekannten, Freunden und Kollegen nunmehr einzugestehen, dass man sie nun doch nicht mehr, wie vorher großartig angekündigt und versprochen, irgendwohin mitnähme, hinbrächte oder abholte. Am nächsten Arbeitstag wurde ich von meinem lieben Ehegatten zur Schule chauffiert und nach getaner Arbeit von einer netten Kollegin zu einer Bushaltestelle mitgenommen, von der ich dann tatsächlich die öffentlichen Verkehrsmittel nutzend, entspannt und froh gesinnt nach einer Stunde zwar, aber immerhin, zu Hause ankam. So brauchte ich insgesamt nur an Stelle von 45 Minuten einundeinhalb Stunden von Haustür zu Haustür. Im Dunkeln gegangen, im Dunkeln gekommen. Irgendwas ist immer.
Für den nächsten Tag ein Taxi zur Arbeit bestellt, denn es galt in jedem Falle, pünktlich und wie immer entspannt ebendort anzukommen. Es war schließlich Tag 1 der Schulinspektion, Lehrerschaft, Schülerschaft, Elternschaft, sie alle werden beobachtet, begutachtet und anderweitig geachtet und an einem solchen Tage möchte man weder abgehetzt noch gestresst oder gar verspätet zum Dienst erscheinen. Die entspannte Anreise erwies sich bereits unmittelbar nach Betreten des Taxis als pure Illusion, da dieser Fahrer ein wohl sehr einsamer Mitbürger zu sein schien und sogleich, kaum dass ich saß, damit begann, mir seine gesamte Lebensgeschichte darzulegen, einschließlich seiner Meinung über die Verkehrslage im Bezirk, den Bürgermeister in eben diesem, zukünftig geplante Bauvorhaben des Bezirks bis hin zur STASI. Eigentlich freute ich mich auf mein Buch, das ich extra mit mir führte, und wollte lesen. Irgendwas ist immer.
Nun, die Arbeit ward verrichtet, ging es wieder mit den Öffentlichen zurück ins traute Heim, welches ich dann auch nach zweieinhalb Stunden durchgefroren, aber heil und glücklich, erreichte. Gegen Abend bestellte ich mir wiederholt ein Taxi für den nächsten Morgen in der Gewissheit, dass nicht alle Berliner Taxifahrer einsam seien und ich diesmal wohl tatsächlich entspannt und erquickt in der Schule ankäme. Die Nacht verlief ruhig und ohne Zwischenfälle, nicht mal die Wildschweine bei uns draußen verloren sich und rumorten in unseren Mülltonnen. Ich schlief seelenruhig, bis der Wecker mich mit seinem unsäglich lauten Klingeln aus dem Schlaf riss. Nach Erwachen und den diversen morgendlichen Riten, noch unter der Dusche stehend, das wohlig warme Wasser an mir herabprasselnd, traf mich der Schlag. Du hast doch deine Tasche extra in der Schule gelassen, damit du das schwere Ding nicht in den Öffentlichen auch noch nach Hause schleppen musst! Lediglich die doofe Brille und eine müde Fahrkarte für den Weg nach Hause hatte ich mir eingepackt! ALLES andere war in der Schule geblieben, einschließlich Bargeld und ec-Karte! Das darf doch nicht wahr sein und der Ehegatte wieder mal über Nacht unterwegs und nicht als Chauffeur verfügbar. Irgendwas ist immer.
Naja, erstmal nachsehen, ob das überhaupt stimmt, man weiß ja nie. Also raus aus der doch eben noch so angenehm warmen Dusche, tropfend nass ran an die Handtasche und nachgeschaut. Doch eigentlich bereits vorher schon irgendwie geahnt: wirklich kein Geld, keine ec-Karte, nicht mal ein Euro; nichts. Was bleibt, Krankmeldung, beim Nachbarn klingeln? Vielleicht doch mit dem Taxi zur Schule und auf dem Hinweg zum Geldautomaten …? Ach Mist, keine ec-Karte! Mit dem Taxi erst zur Schule, dann hoch in die 2. Etage ins Lehrerzimmer rennen und dann bezahlen? Äh, keine Lust, zu anstrengend, außerdem trifft man dann womöglich irgendwelche Figuren in Form von Kollegen oder gar Schülerinnen und Schülern oder den Hausmeister und der fragt dann auch noch, was denn sei und warum man bereits am frühen Morgen schon so abgehetzt und völlig unentspannt wirke, nee. Wohnt denn echt nicht ein einziger von denen in meiner Nähe? Ach ja, das wäre doch die Lösung. Äh, geht nicht, kann man um diese Zeit nicht machen, ist schließlich erst kurz nach fünf Uhr und sowas macht man einfach nicht so früh am Morgen. Eine WhatsApp schreiben? Wird vielleicht nicht gelesen oder zu spät, kann man sich also auch nicht drauf verlassen und dann hast du gar nichts! Etwa doch mit den Öffentlichen, auch hinwärts?!
Aber ganz ENTSPANNT, ist ja noch so viel ZEIT! Ist erst fünf Uhr früh! Taxi abgesagt, Täschchen gepackt, einschließlich der einen noch vorhandenen zerknitterter müden Fahrkarte – Gott sei Dank, wenigstens das – selbst für eine neue hätte ich kein Geld gehabt. Es sei denn, ich würde vorher noch schnell mal zu REWE Flaschen wegbringen wie früher als Kind, wenn man sein Taschengeld aufgebraucht, aber unbedingt Lust auf diese eine Tafel Schokolade hatte. Ach nee, das kann dann knapp werden und dann hetzt man doch und kommt völlig durchgeschwitzt in der Schule an. Noch habe ich ja Zeit, also gemütlich um 06.15 Uhr los – man, das ist aber wirklich verdammt früh – das schaffst du dicke und kannst dann sogar nochmal schnell runter zum Kopierer.
Zunächst wäre da die Tram, die fährt ja alle 10 Minuten, da bin ich ganz ENTSPANNT, sind ja nur noch 20 Meter bis zur Haltestelle. Ich glaub, die steht schon da. Mist, die fährt doch jetzt, wo ich schon fast da bin, nicht etwa los?! Doch, VERPASST!!! So ein Mist, 10 Minuten verschenkt, aber zum Glück bin ich ja frühzeitigst los, ich hab Zeit. Ah, da kommt ja schon die nächste, hoffentlich macht der die Türen schon auf und lässt mich rein, die haben sich ja da manchmal so, sonst erfriere ich noch. Ich bin schließlich Autofahrerin und die ziehen sich ja immer zu dünn an. Und tatsächlich, der Fahrer ist nett, lässt mich und andere arme Teufel rein und step by step füllt sich das Bähnle. Man, sind das aber viele Leute um diese Zeit! Soeben an der zu erreichenden Bushaltestelle ausgestiegen, kam auch schon der Anschlussbus. Also das mit den Öffentlichen, das klappt! Ich rein, sogar einen Sitzplatz bekommen, nicht wie beim letzten Mal, als ich Bus fuhr, und mir von allen nur erdenklichen Seiten diverse Rucksäcke, Kleinkinder oder Kinderwagen ins Kreuz gedrückt wurden. Nein, ich saß diesmal richtig, beinahe gemütlich auf meinem Platz mit Blick auf den am Bus vorbeiziehenden Verkehr – ist ja auch wahnsinnig früh – ach, ist das schön! Wie war das gleich nochmal … ah, da ist ja eine Map. Da und da aussteigen, dann den oder den Bus nehmen, alles klar. Ach, das ist ja interessant, an der nächsten Haltestelle der also auch, das passt, da steig ich aus und nehm den, ist doch viel bequemer.
Also ausgestiegen und gewartet. Kann ja nicht ewig dauern, ist schließlich mitten im Berufsverkehr und da kommen die ja mindestens alle zehn Minuten, das ist wie mit der Tram. Da stand ich nun und wartete und sah mich um. Ich sah mich um, wartete, lief ein wenig hin und her, es ist schließlich fast Winter und eiskalt und ich als Autofahrerin viel zu dünn bekleidet. Ich also, ich ließ meinen Blick schweifen, mal hierhin und mal dorthin, über Bäume, Sträucher und Mitwartende. Wie mein Blick da also so schweifte, streifte er irgendwann auch mal den Fahrplan, der vorbildlich an der Haltestelle befestigt war. Der Blick schweifte weiter umher und blieb aber immer wieder am Fahrplan haften. Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass der Fahrplan Lücken aufwies. Müsste der nicht viel voller aussehen? Wenn der alle zehn Minuten fährt, müsste das doch zu erkennen sein. Nicht, dass der nur alle 20 Minuten kommt. Nee, das glaube ich nicht, ist doch ein ganz normaler Wochentag und Ferien sind auch nicht. Der fährt doch da nicht nur alle 20 Minuten. Vielleicht nehme ich doch mal die Brille raus? Ach nee, ist mir zu kalt, wird schon alles seine Richtigkeit haben. Vielleicht sollte ich mal auf die Armbanduhr schauen, es wird langsam heller, wer weiß, wie spät es schon ist. Ach ja, sowas trägst du ja gar nicht mehr, seitdem du weißt, dass das Handy auch eine Uhr hat, die man zudem noch besser lesen kann und die genauer ist. Das jetzt rauskramen? Nee, ist mir zu kalt, irgendwann wird der Bus schon kommen, ist schließlich normaler Wochentag und kein Wochenende oder Ferien. Da kommt er ja schon, ach nee, ist der, bei dem ich noch mal umsteigen müsste und laufen und das wollte ich ja vermeiden und bin deshalb ja extra hier ausgestiegen. Ich stehe mir doch hier nicht ewig in der Kälte die Beine in den Bauch, um dann doch nochmal umzusteigen und alles so zu machen, wie ich es ja eigentlich auch ursprünglich plante. Nee, ich warte einfach auf den, den ich mir ausgesucht habe und fahre damit dann bequem und ENTSPANNT bis vor die Schule. Wozu gibt es denn genau da eine Haltestelle, besser geht’s nicht. Aber da, da ist er jetzt, das muss er sein. Ach, kein Bus, ein Laster, komisch, sah aus wie ein Bus. Aber jetzt, da ist er endlich, ach nee, Reisebus. Aber jetzt, jaaa, der Bus ist daaa, der Richtige! Nun aber reingesetzt und ab! 07.55 Uhr – angekommen – entnervt und weniger ENTSPANNT, aber PÜNKTLICH! (irgendwie)
Ein ganz normaler Arbeitstag eben. Mit den Öffentlichen zu Corona-Zeiten? Keine Chance, für mich undenkbar. AHA Regeln im Bus??? ABSTAND – von allen Seiten drücken Schulranzen, Kinderwagen mit quengelnden Kindern drin, oder das Handy eines Co-Passagiers und auf dem Heimweg kommen noch Einkaufstaschen, Beutel oder gar Fernseher in sperrigen Kartons dazu? Gut, die halten dich wenigstens auf Abstand. HYGIENE, wo??? Mir ist noch nie von einem Bus der BVG berichtet worden, der mit Desinfizierungsständern ausgestattet gewesen wäre, vielleicht die S-Bahn?? Keine Ahnung. ATEMSCHUTZMASKE, bei den meisten Mitreisenden schaut die Nase raus, macht Sinn, man will schließlich im vollen Bus in Corona-Zeiten nicht noch ersticken, eine Gefahr reicht. Setz die doch mal richtig auf, ist doch kein Maulkorb, sondern ein Mund-Nasenschutz! Naja, es gibt natürlich auch Vorteile eines solchen: Man muss nicht mehr alle Visagen der Mitreisenden ertragen, die sahen ja zum Teil echt schrecklich aus. Nachts möchte man denen nicht begegnen, die Knoblauchausdünstungen des Vorabends halten sich in Grenzen und die Popel bleiben da, wo sie sind.
Überhaupt, die Atemschutzmasken, erst gab es keine, war ja auch lange Zeit Unsinn, die zu tragen, helfen ja nicht, hieß es. Nun gibt es sie wie Sand am Meer und in allen möglichen Variationen: das weitaufgerissene Maul eines brüllenden Löwen, der klaffende Mund eines menschlichen Schädels mit Reißverschluss, je nach Bedarf zu öffnen oder zu schließen oder mittlerweile auch als Werbefläche, entdeckt von den diversen Markenherstellern. Mein Gott, ohne Maske bist du ein Nichts, du darfst nirgendwo mehr rein, wenn du sie nicht hast. Wasss, Maske vergessen, Bus bleibt ZU!
Du darfst nirgendwo mehr hin, wenn du sie nicht hast, außer in den Wald, eventuell. Doch auch da ward das Ordnungsamt schon gesehen, hat kontrolliert, wer mit wem und wenn ja, mit wie vielen und ob nicht mit zu vielen und falls ja, warum, denn das darf eigentlich nicht sein, das verstößt gegen die geltenden Regeln, das verstößt gegen die erlassenen Bestimmungen. Und man denkt sich in seinem offensichtlich naiven Leichtsinn, was machen die denn für ein Trara, hier im Wald, da kann man doch auf Abstand achten. Aber, es sei jetzt so und so, und dabei bleibt’s, wo käme man denn da hin, wenn hier jeder anfängt, selbst zu regeln, zu tun, zu machen und zu denken. Nein, denken ist hier nun wirklich nicht angebracht und nachdenken schon erst recht nicht. Würde solches zugelassen, gäbe es ja zig Meinungen und Überzeugungen und jeder würde anders und verschieden, nein, einheitlich muss es schon sein. Selbst am Strand von Pesaro, in Italien war Maskenpflicht angesagt und wehe, du hast dir gedacht, ach was, am Strand .... Schon wurdest du ermahnt, kann ja sein, dass der Wind Corona an einen ran weht. Naja, die Italiener hat’s ja auch hart getroffen, wollen wir es dann doch schon so machen, wie sie es wollen.
Am 31. Dezember wurde die WHO von den chinesischen Behörden über eine neue Form von Lungenentzündungen unbekannter Ursache informiert.
Das neue Jahr wird begrüßt – in Deutschland immer mit großem Lärm verbunden – man wünscht einander alles Gute, viel Glück und wie üblich auch Gesundheit. In der Schule der übliche Neujahres-Stress, die letzten Klassenarbeiten, Leistungskontrollen und Tests müssen geschrieben, die Projektwoche vorbereitet, die Schülerpraktika durchgeführt und die Halbjahresnoten erstellt werden. Da hat man genug zu tun, da braucht man die Arbeit nicht zu suchen, die findet einen schon von selbst, so aus sich heraus, dessen kann man sich sicher sein, darüber muss man sich nicht sorgen.
Schülerinnen und Schüler, plötzlich äußerst interessiert an ihren Noten, fragen nach, wie man in dem und dem Fach stünde, würden sie nun gerne wissen wollen, man hätte doch gut gearbeitet gestern und vorhin und überhaupt in letzter Zeit, könne man denn da nicht noch was machen, könne man sich denn nicht hier und da noch verbessern, durch einen Vortrag zum Beispiel, ein Referat oder Plakat, gäbe es da nicht noch eine Chance, eine letzte Chance zur Verbesserung? Man würde auch im zweiten Halbjahr ganz wirklich und in echt gleich zu Beginn und dann das ganze zweite Halbjahr hindurch ackern, schuften und lernen, was das Zeug hält. Man schwöre, versprochen. Chancen gäbe es überall und jederzeit, das gesamte vergangene Halbjahr schon habe es sie gegeben, die Chancen, erwidert man geduldig, jedoch genutzt, genutzt hätte man sie nie. Ja, okay, das stimme, man habe ja Recht, irgendwie, aber jetzt, jetzt würde man sie gern nutzen wollen, die Chancen, das Halbjahr wäre ja noch nicht vorbei, bitte, bitte, noch eine Chance für ein Referat oder Plakat, man würde es auch schnell zur nächsten Woche. Haha, nächste Woche, nächste Woche gäbe es die Stunde nicht mehr, sagt man herrlich entspannt, nächste Woche finden die Konferenzen statt, die Notenkonferenzen, morgen, morgen müsse das Plakat samt Referat .... Was, morgen schon, das gehe nicht, das könne man nicht, das schaffe man nicht, unfair und gemein sei das, jammert es dann. Nun, dann eben nicht, lautet es geradezu relaxed, dann träume weiter deinen Traum von was weiß ich wovon. Für unsereins ist da keine Zeit für Träumereien von guter technischer Ausstattung der Schulen zum Beispiel oder einer jederzeit fleißigen Schülerschaft, für unsereins ist da keine Zeit für Müßiggang, für Müßiggang, für den noch nie. Treppauf, treppab flitzt man durch die Gänge, hoch und runter flitzt man da, ab-geflitzt wird da der Speck, der sich über die Feiertage festgesetzt hat an Bauch, Beine, Po.
Die Tage also, sie nehmen ihren gewohnten Lauf, man geht zur Arbeit, zum Einkauf und nach Hause und dort sitzt man dann des Abends auch mal vor dem Fernseher und besieht sich die Geschehnisse in der weiten Welt, und man sieht auch China, eine Grippe sei da wohl ausgebrochen. Aber das ist bei den Chinesen ja nichts Neues, alle Jahre wieder dasselbe Spiel. Kamen von da schließlich schon Vogelgrippe, Schweinegrippe und sonstige und direkt betroffen hat es einen eigentlich auch nie. Dass nun auch Menschen wohl erkrankt seien, nimmt man genervt zur Kenntnis, aber was soll’s, ist ja weit weg und bei denen. Ausgebrochen sein soll sie sowieso in Wuhan, einem Ort, den man noch nie gehört hat, auf einem dieser typischen Märkte, die es in unseren Breiten eh nicht gibt, da verboten, weil die auf denen ja allerlei Getier haben. Mehr braucht man nicht zu wissen, mehr will man auch nicht wissen. Hierher, zu uns kommt das Zeugs auf keinen Fall. Im ZDF heute journal erfährt man, dass das neuartige Virus nicht nur von Tier auf den Menschen übertragen werden könne, sondern, dass auch die Möglichkeit bestünde, dass sich die Menschen gegenseitig ansteckten. Oje, das klingt ja gar nicht gut, aber egal, weil weit weg. Und Herr Lauterbach warnt vor einer Pandemie, ein Virus würde sich weltweit ausbreiten und man müsse dies im Auge behalten. Herr Lauterbach ist Gesundheitsexperte der SPD sowie Arzt und Epidemiologe. Ähnlichkeiten zu einem Herrn Lauter B. im Folgenden sind rein zufällig.
Wie jetzt, was jetzt, also doch, auch hierher, auch hierher zu uns, niemals, der übertreibt. Das ist ein chinesischer Virus, in und aus China, der betrifft uns nicht, was macht der denn hier für Panik. Am 27. Januar wird das Virus erstmalig in Deutschland festgestellt. Am 30. Januar erklärt die WHO die Coronavirus-Pandemie zur gesundheitlichen Notlage internationaler Tragweite. Bitte, wie bitte, ich habe mich wohl verhört, was denn für eine gesundheitliche Notlage? Das ist doch wieder nur so ein Virus aus China wie die Vogelgrippe, das kennt man doch, die machen viel Lärm, viel Lärm um nichts, die wirbeln nur wieder mal was auf, die Medien, die haben wohl nichts Besseres zu tun. Naja, wir werden ja sehen. Ich jedenfalls gehe brav in meine Schule, da ist meine Community, da habe ich genug zu tun, da muss ich die Zeugnisse erstellen, mich wieder stundenlang rumquälen mit dem Computer und hoffen, dass der nicht mittendrin abstürzt, wäre nicht das erste Mal. Und dann muss ich wieder fluchen und darauf habe keiner Lust, weder die anderen noch ich, darauf, dass ich fluche, ich sei da wohl unerträglich, meinen die, die Anderen. Ich kann das nicht einschätzen, so schlimm kann es doch nicht sein, ich glaube, die mögen mich nicht, die können mich nicht leiden, huhu. Oder, die Verbindung zwischen PC und Drucker haut nicht hin oder der Drucker streikt. Dafür ist der nämlich bekannt, der Drucker, dafür, dass er einfach streikt, weil Hinz und Kunz und auch Kollegen ihm nicht etwa ihren Segen, sondern ihn auf ihren Wegen mit Druckaufträgen quälen. Dafür sei er schließlich nicht gemacht, dass er Druckaufträge bis in die Nacht erledigt. Alle und jede(r) wollen die Zeugnisse drucken, ununterbrochen wollen sie die drucken, drucken ohne Unterlass, mein Gott, wie er das hasst.
Herr Lauter B. meint u.a., dass Deutschland gut vorbereitet auf die Pandemie sei, dass es im Moment nicht viele Fälle gäbe und die Krankheitsverläufe nicht schwer wären.
In der ersten Woche des Monats genossen wir unsere wohlverdienten Ferien, beschäftigten uns mit allerlei Unwichtigem und Bildungsfernem, der Kopf hat mal Pause und das Denken auch, ein wenig zumindest, Lehrkraft allein im Haus. Für eine Reise hatte ich keine Lust, die Familie, sie muss arbeiten, die Familie, sie hat keinen Urlaub. Man beschäftigt sich mit Trivialem wie Hausputz, Ausmisten, Deko kaufen, auspacken, anordnen, drapieren und zurechtrücken an dem dafür im Vorfeld bereits vor Wochen auserkorenen Platz und freut sich dann, das vollendete Werk vom bequemen Sessel aus betrachten zu können. Dazu ein Tässchen Tee und leichtes, möglichst laktosefreies Gebäck genießend, um ebenda für ein, zwei Stündchen, sich dem neuen Anblick hingebend, zu verweilen. Ach, kann das Leben schön sein.
Ich glaub, der große Kerzenständer da links passt vielleicht doch besser in die Mitte und der kleine außen sollte besser danebenstehen, dann wirkt das irgendwie harmonischer, vielleicht sollte das alles überhaupt auf die andere Seite des Zimmers, man müsste dann nur den Tisch weiter nach rechts und die Couch etwas vorrücken? Ach, was soll’s, das Beste ist, ich dekoriere nochmal um. Aber erst nach dem Tee, jetzt entspanne ich, war ja anstrengend genug mit der Deko und so ist, die läuft dir schon nicht davon, ach, was ist das Ferienleben schön. Oder, mach ich’s doch lieber gleich, Lust hab ich zwar keine, aber was man weghat, hat man weg und ruhig sitzen bleiben kannst du ja eh nicht, dazu hast du sowieso keine Ruhe, und es stört dich doch sowieso so lange, bis du es erledigt hast. Also los, raff dich auf, nun mach schon, überwinde deine Trägheit, ist ja auch zu deinem und des Wohnzimmers Besten und dann nimmst du dir noch gleich das Buch aus dem Regal, das du vom Weihnachtsmann bekommen hast und lesen wolltest oder eher solltest. Sonst gibt’s nämlich nächste Weihnachten nichts mehr, diese Drohung steht im Raum, und das wäre doch schade und spannend soll es ja auch sein, das Buch. So vergingen die schönen Tage, freien Stunden und Sekunden, bis der Dienst einen wieder rief.
In der darauffolgenden Schulwoche begegneten einem auf dem Schulflur Gestalten mit Masken, leicht chinesisch anmutend, was das soll, weiß kein Mensch. Da wir eine öffentliche Einrichtung sind, ist bei uns Vermummung verboten und somit hatte keine Schülergestalt mit Maske Zutritt in unser Heiligtum. China ist woanders und somit nicht hier, damit wollen wir gar nicht erst anfangen, hieß es lapidar von der schulhäuslichen Obrigkeit. Doch das änderte sich allerdings. Zunehmend merkte man, dass China immer näher rückte, es fielen Ländernamen, die gar nicht mehr so chinesisch klangen, Namen wie Italien, Österreich, Deutschland, Westdeutschland, und das ist doch eigentlich auch noch weit weg von Berlin. In den Nachrichten schlug eine Horrormeldung die andere, man hörte von überfüllten Krankhäusern bis hin zu Toten. In Bergamo, Italien, da seien die Krankenhäuser überfüllt, einen Ausbruch in Ischgl soll es auch gegeben haben. Ischgl, wo liegt das überhaupt, fragten die Schülerinnen und Schüler. Und, sie fragten auch, zaghaft zwar, aber immerhin, nach Schulschließung, sowas gäbe es woanders schon, hätten sie gesehen und gehört. Wie kommt ihr denn darauf, hier werden doch die Schulen nicht geschlossen, soweit kommt’s noch, hättet ihr wohl gern und woanders ist sowieso weit weg. Zunehmend jedoch ertappt man sich dabei, hüstelnde Personen im Schulgebäude und außerhalb scheel zu beäugen, schließlich weiß man mittlerweile um die Symptome von CORONA.
Schnell noch die Premiere von Rainald Grebe in der Philharmonie genossen und das Max-Raabe-Konzert im Admiralspalast mitgenommen, bevor sowas nicht mehr stattfände. Aber so ein Quatsch, warum sollte sowas nicht mehr stattfinden, davon hat noch keiner was gehört. Wir wollen doch jetzt hier nicht den Teufel an die Wand malen, wir wollen mal nicht übertreiben, das könne man nicht machen, das werde man auch nicht machen, das würde ja ganze Existenzen vernichten. Jeder wisse schließlich, wie viele Menschen in Kunst und drum rum tätig seien, das würde ja auch heißen, die Alten hätten Recht mit ihrem ewigen Spruch, mit ihrer ewigen Litanei. Lern du erst mal was Vernünftiges und bleib auch dabei, bevor du so ganz in der Kunst versinkst und dich ihr hingibst, damit du gerüstet bist, für wenn mal schlechte Zeiten kommen. Bei Raini Grebe hat man sich dann doch schon mal vorsichtig umgesehen zu den in der Nähe Sitzenden und darauf geachtet, dass die hinter einem sich ja nicht zu weit vorlehnten und hoffentlich auf Abstand sind. Ganz schlimm sind ja die, die dabei auch noch komische Geräusche von sich geben, schnaufen, röcheln, hüsteln, schmatzen, schniefen, stöhnen, aber das will man ja sonst auch nicht, ist irgendwie unangenehm, schon immer. Die Philharmonie ist ja zum Glück groß und Abstände können gewahrt werden. Hygiene erwartet man einfach und setzt sie voraus und Alltagsmasken, die tragen die nur in Japan oder China und beides ist weit weg.
Doch dann plötzlich die Meldung, das Virus sei nun auch in Deutschland angekommen, also in Westdeutschland, sei es angekommen, aber immer noch egal, denn auch das ist immer noch weit weg, zumindest für uns Berliner. Außerdem betrifft es dort wohl nur eine Familie in irgendeinem kleinen Nest, von dem ich nicht mal weiß, wo im großen Westdeutschland sich dieses überhaupt befindet, irgendwo am Rand von Deutschland, irgendwo an der Grenze zu den Niederlanden. Gehört habe ich von dem Nest auch noch nie, kann mich also demzufolge gar nicht betreffen. Wie auch, ich bin aus der Großstadt, mit kleinen Nestern hab ich nichts zu tun. Es müsste schließlich auch erst mal über die Grenze, das Virus, die innerdeutsche Grenze müsste es auch erstmal überwinden. Ach, die gibt es ja gar nicht mehr, nur noch manchmal, gedanklich, steckt sie noch in meinem Kopf, aber auch nur dann, wenn was von West nach Ost …, das hab ich so gelernt, das kenn ich noch von früher und Schluss.
Hmm, nun wird’s mir aber doch langsam unheimlich, man bekommt es ja zunehmend mit der Angst zu tun, das Virus scheint ja irgendwie anders, gefährlicher zu sein als all die bisher gehörten und selbst erlebten. Mir geht’s auf einmal gar nicht mehr gut, ich glaube, mir wird schlecht. Kopf hoch, so schlimm wird‘s schon nicht werden, nach Berlin schafft’s das Virus auf keinen Fall. Wie sollte es das auch schaffen, die betroffenen Menschen in Westdeutschland sind bekannt und in Quarantäne und alle, die sie hätten anstecken können, ebenso. Die haben da alles unter Kontrolle, darauf kann man sich verlassen, heißt es in den diversen Interviews, die eilig von Bürgermeister, Rettungsstelle, THW und anderen Organen gegeben werden. Man hört allerdings auch, dass die infizierte Familie von anderen Nestbewohnern beschimpft und angefeindet wird, Steine sollen sogar geflogen sein und Demos unzufriedener Mitbürger vor der Haustür gab es wohl auch. Das ist für jemanden aus der Großstadt das allerletzte, und deshalb wohnt der Großstädter auch in keinem Nest, wo einen jeder kennt, jeder weiß, was man so macht und wo man wohnt und derartiges auch alles von den anderen unbedingt wissen will. Einem Großstädter kann sowas eher nicht passieren, einem Großstädter geht sowas ab, ein Großstädter ist mit sich genug beschäftigt, der hat ein eigenes Leben, der braucht nicht noch das der anderen um ihn herum. Wahrscheinlich lebt der auch ruhiger und ist somit entspannter, ich bin es zumindest, meistens. Denn auch hierher haben sich schon einstige Nestbewohner verirrt und eingeschlichen und versuchen, ihre Nester zu bauen und einzurichten, samt der Neugier, die für Nestlinge ja so typisch ist. Nachwuchssorgen muss also demzufolge bei solcher Nachbarschaft kein Geheimdienst der Welt je haben, einfach mal rin in den Kiez und raus mit Agent 008, der hat schon mal die Nacht mit auf Obacht verbracht.
Die Anzahl der Corona bedingten Todesfälle dieses Monats in Deutschland beläuft sich auf 0. (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1100739/umfrage/entwicklung-der-taeglichen-fallzahl-des-coronavirus-in-deutschland/ (Quelle: Robert-Koch-Institut)
Herr Lauter B. sagt, dass bisher in Deutschland keine Fehler gemacht wurden, die Isolierung der evakuierten Personen sei richtig gewesen. Das Virus verlaufe nicht so tödlich, wie es hätte sein können. Es sei gefährlicher als die Grippe. Es sei insofern gefährlicher, als dass die Wahrscheinlichkeit, daran zu versterben oder schwer zu erkranken, größer sei als bei der Grippe.
Am Freitag, 20. März, wird der Lockdown für Deutschland ab darauffolgendem Montag beschlossen. Alles, was Spaß macht ist, zu: Kinos, Theater, Fitnessstudios, Bars und Diskotheken, einfach alles eben. Außer Baumärkte, die dürfen geöffnet bleiben, warum, bleibt mir ein Rätsel, aber vielleicht hatte man einfach Angst, uns das letzte bisschen Freude zu nehmen. Was ist schließlich der Deutsche an sich ohne seinen Baumarkt, wahrscheinlich ein Häufchen Elend. Auch die Betriebe werden in ihrer Aktivität gebremst, wer nicht anders kann, schickt die Mitarbeiter auf Kurzarbeit. Nur die systemrelevanten Bereiche des öffentlichen Lebens dürfen noch geregelter Arbeit nachgehen, die dürfen raus, die dürfen in ihre Betriebe, Büros und auf die Dienstklos. Fahrkräfte, Verkaufskräfte, Pflegekräfte, Reinigungskräfte, Rettungskräfte, Lehrkräfte … huch, das bin ja ich, ich bin ja eine Lehrkraft, ich bin systemrelevant. Juhu, ich darf mitspielen, ich darf raus, raus aus dem heimischen Käfig, gemütlich zwar, aber Käfig eben, ich darf mich dem Virus entgegenstellen, ich darf dem Feind ins Auge sehen. Wo hat der das eigentlich, das Auge, keiner hat bisher davon berichtet, ich darf mich in Gefahr begeben, für andere, damit die ihre Kinder … Ich bin auserwählt, mich hält man für würdig. Endlich, wie lange hat es gedauert, dass das mal festgestellt wurde, sogar öffentlich. Bildung scheint auf einmal wichtig. ABER JETZT NOCH NICHT, ERST AB MAI, ab Mai gewinnt unsereins an Bedeutung, wir wollen jedoch nicht vorgreifen, alles zu seiner Zeit. Waren wir doch bisher in den Augen der Nation doch bloß die ollen Pauker, die für anderes zu dumm, zu faul oder zu fantasielos waren. Lehrer kann doch jeder, Lehrer will nur nicht jeder oder war es Leerer?
Oberschulen schließen am Montag, 24. März, alle anderen Schulformen folgen am Dienstag, 25. März. So, das war’s, Schule zu, Schülerinnen und Schüler weg, aus und vorbei und Schluss. Jede Lehrkraft hat schnell noch an Material aus den diversen Schulschränken geholt, was getragen werden konnte und die Schülerinnen und Schüler? Die machen das hoffentlich auch und stehen nicht etwa ohne Arbeitsmaterial zu Hause da, wir werden ja sehen. Das Wort bildungsfern begegnete mir wohl erstmalig bewusst vor etwa 20 Jahren. Ich nahm es wahr, registrierte es und dachte: AHA, FERN VON BILDUNG und FERN VON MIR, solche Schülerinnen und Schüler habe ich nicht, kenne ich nicht, hat mit mir nichts zu tun. Es legte sich ab, irgendwo in meinem Gedächtnis und verschwand dann dorten. Nun, vor ca. zehn Jahren kroch dieses Wort hin und wieder, immer öfter aus den Tiefen meines Gedächtnisses hervor, bis es dann dauerhaft als tägliche Mahnung sozusagen an der Oberfläche haften blieb. Es setzte sich fest, sich stetig weigernd, den soeben unter Mühen eroberten Platz aufzugeben oder gar zu räumen, es blieb einfach da. Hier bitte, da bin ich, da hast du es, nun mach was draus. Im Duden wird der Begriff bildungsfern mit „nicht auf Bildung ausgerichtet, nicht an Bildung interessiert“ beschrieben.
Es wird viel über sogenannte bildungsferne Elternhäuser geschrieben. Uns als den so Gebildeten ist die Bezeichnung an sich klar, einleuchtend und verständlich. Doch was heißt es nun konkret für Kinder, die aus solchen Elternhäusern kommen und von jetzt auf gleich in den Lockdown geschickt werden? Schule geschlossen hieß für sie zunächst tatsächlich auch Schule ZU, nichts läuft mehr, nichts muss ich mehr, ich habe frei und kann chillen, und vorgezogene (Oster-) Ferien, die habe ich auch.
Was waren sie doch erstaunt, als dann eines Tages, nämlich genau am Nachmittag von Tag 1 des Lockdowns, sprich: schon am nächsten Morgen, das Telefon klingelte und sich am anderen Ende der Leitung die Lehrerin meldete, um sich zu erkundigen, wie es ihnen denn erginge, was man so mache und wie viele Aufgaben von der Homepage bereits erledigt seien. Gefolgt von Totenstille auf Schülerseite, gefolgt von entsetztem Fragen, wie man denn darauf käme, nach Aufgaben und dergleichen zu fragen, die Schule sei doch ZU. Die Totenstille allerdings nur von diesem einen eigenen sich am Telefon befindenden Schüler. Im Hintergrund lief laut plärrend ein Fernseher oder die Spielekonsole und gefühlt zehn Kinder tobten und schrien als wäre Halloween. Und das alles abhängig von Glück und noch mehr Glück.
Gab es da doch eine Reihe Eltern, die ihre Handynummer wechseln wie der Durchschnittsbürger seine Unterwäsche, so in etwa 3x die Woche, hoffentlich. Es kommt den Eltern auch nicht in den Sinn, die neuen Nummern und Kontaktdaten der Schule mitzuteilen, haben sie doch privat genug Stress, all ihren Bekannten, Freunden, Familienmitgliedern von ihren neuen Nummern zu erzählen, da kann man nicht auch noch die Schule darüber informieren. Für uns sind die Familien samt ihrer Kinderschar wie verschollen und vom Erdboden verschluckt, obwohl sie vielleicht gleich um die Ecke wohnen. Dann gibt man das an die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit weiter, die sich auf den Weg machen und denen einen Besuch abstatten. Nach dem ersten großen Schreck werden sie in der Regel dort freundlich empfangen, man bittet sie herein, bietet ihnen Kaffee, Torte und Baklava vom Vortag an und freut sich, sie im Hause zu haben, wie schön das doch sei, ein Schwätzchen am Morgen, so völlig unkompliziert. Schöner wäre es jedoch, wenn das alles nicht im Hausflur und auf Abstand, aber es sei ja Pandemie und somit verboten, leider. Den eigentlichen Grund des eher überraschenden Besuchs gar nicht richtig verinnerlichend, man verstehe ja so schlecht und könne die Sprache nicht richtig, man lebe schließlich erst so etwa 20 Jahre hier, verspricht man letztlich übers Kind Besserung, gibt noch die neue Nummer an und freut sich über die tollen Mitarbeiter der Schule. Mein Kind hat’s doch wirklich gut getroffen, alle sind so nett.
Zwei Tage später bei genau diesen Eltern einen Probeanruf getätigt, man will ja sichergehen, bekommt man auch schon von einer freundlichen Stimme mitgeteilt, dass die Nummer nicht vergeben sei. Dann gibt man das wieder an die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit, die sich auf den Weg machen und denen erneut einen Besuch abstatten. Nach dem ersten, nun nur noch kleinen Schreck, bietet man ihnen wieder Kaffee, Torte, Baklava vom Vortag an und freut sich über den so schnellen erneuten Besuch, ohne sich auch nur annähernd darüber zu wundern, warum, wieso, weshalb die Schule wieder zu Besuch kommt.
Online Unterricht begann vorsichtig damit, den Schülerinnen und Schülern sowie Eltern telefonisch zu erklären, dass man zunächst einmal ihre E-Mail-Adressen bräuchte. Natürlich alles vom privaten Anschluss aus, habe noch nie von irgendeinem Kollegen gehört, der von der Schulleitung ein Handy für solche Zwecke bekommen hätte. Vielleicht verwechsele ich da aber auch die Zuständigkeiten und das Ding muss man sich bei der wichtigsten Person einer Schule überhaupt abholen, dem Hausmeister. Ich frag dann mal nach. Zudem sollten die Schülerinnen und Schüler regelmäßig auf die Homepage der Schule schauen und sich von dort Arbeitsaufträge herunterladen bzw. sich über eventuelle Neuigkeiten informieren. Kein Problem, denke ich, schließlich hatten sie ja schon ein wenig Informatikunterricht (oder etwa nicht?), und außerdem zappeln die so viel am Handy oder auf Computern herum, dass das garantiert super klappt. Mit Technik kennen die sich aus. In der Schule wissen die auch immer sofort, wo die Powertaste oder das Loch für den Lautsprecherstecker ist, die haben mir immer bei all dem geholfen.
Nach und nach trudelten die ersten E-Mail-Adressen ein, bei denen man u.a. [email protected], [email protected], oder [email protected] konnte bzw. musste. Spätestens hier dachte ich mir, dass da irgendwas schiefläuft und die Dinge nicht ganz so vorangingen, wie ich es mir so zurecht gedacht habe. Also schrieb ich ihnen an eben diese Adressen, dass sie nunmehr neue bräuchten, an denen man zumindest annähernd erkennen könne, um wen es sich handele, schließlich wären sie ja nun nicht die einzigen, die man auf diesem Wege zu beschulen hätte. Kaum getan, kam ein regelrechter Protestschwung, warum man das jetzt umstellen und neu machen müsse, wissen sie eigentlich, wie viel Arbeit das war und wie viel Zeit das gekostet hätte, man habe eine ganze halbe Stunde damit zugebracht. Aha, und was hast du den Rest des Tages für die Schule getan? Wieso, reicht das nicht? Andere machten es sich einfach und nahmen die E-Mail-Adressen ihrer Eltern bzw. älteren Geschwister. Nein, das geht nicht, ich möchte bitte mit dir, meinem Schüler kommunizieren. Bei den meisten Schülerinnen und Schüler allerdings klappte alles hervorragend, hier bekam man gut verwendbare E-Mail-Adressen zeitnah und zuverlässig. Nur für diese eine Sache saß ich an mehreren Tagen jeweils 7 (?!) Zeitstunden an meinem (privaten) Laptop, bis ich dann eines Tages tatsächlich, bis auf die üblichen Ausnahmen, die E-Mail-Adressen der Schülerinnen und Schüler meiner Klasse beisammenhatte. Natürlich wartete ich auch noch auf die Adressen der Schülerinnen und Schüler anderer Klassen, aber die hatten eigene Klassenleitungen, sollten die sich damit herumquälen.
Endlich konnte der Online Unterricht beginnen, wobei noch zu klären war, was darunter überhaupt zu verstehen ist. Über E-Mails oder Homepage-Aufgaben verteilen, diese dann als Foto über E-Mail oder WhatsApp einsammeln, weil es für viele Schülerinnen und Schüler gar nicht anders geht? Da habe ich immer Beispiele von italienischen Kolleginnen und Kollegen vor Augen, die da wochenlang von zu Hause aus kleine Lehrvideos drehten, Videokonferenzen aus Wohnzimmer oder Küche heraus hielten zwischen Pastatopf und Pizzablech. Im Hintergrund eine Tür, bestückt mit Plakaten, auf denen sie Tafelbilder entwickelten – flexibel sein ist alles, auch, wenn dir deine Schüler in den Kochtopf gucken. Was, so? Nee, kann ich nicht, mach ich nicht, weigere ich mich, muss auch anders gehen.
Also frohen Mutes und mit neuer Energie blätterte ich in Schulbüchern, Arbeitsheften und derlei, nicht ahnend, dass viele unserer Schülerinnen und Schüler die Schulmaterialien grundsätzlich in der Schule belassen, denn das erschließe sich doch wohl allein schon dem Worte nach, wie man mir später auf Nachfrage von Schülerseite verständnislos erklärte. Ich stellte Aufgabenformate zusammen und sendete sie den Schülerinnen und Schüler per E-Mail zu, lernte PDF-Dateien zu erstellen und ließ sie auf die Homepage der Schule laden, auch, damit alle Welt sah, wie fleißig wir seien und uns um unsere Schülerinnen und Schüler kümmerten. Niemand möchte schließlich als homeoffice-faul gelten. Ein jeder Arbeitstag von 07.15 Uhr bis 17.30 Uhr muss doch machbar sein, schließlich wären wir ja schon daheim, was man denn wolle. Mich an mich und meine Schulzeit erinnernd, nahm ich selbstverständlich an, die Schülerinnen und Schüler würden gespannt und erwartungsfroh an ihren Endgeräten sitzen und nur auf ein Lebenszeichen von mir warten, wären wir doch der einzige nennenswerte Kontakt zu Außenwelt und Schule. Einige von ihnen machten das tatsächlich und schnell kamen die von ihnen erledigten Aufgaben zurück, doch die Mehrheit tat so, als gäbe es sie nicht mehr und wären vom Erdball verschwunden, null Kontakt gab es zu ihnen. Bei denen rief man dann an, Mutter, Vater, Geschwister, Oma versprachen Abhilfe und Unterstützung und sowas käme nie mehr vor. Eine Schülerin war sogar irgendwo im Bundesgebiet unter Obhut einer entfernten Tante, da die Mutter zur Corona-Zeit im Ausland weilte. Sie besuchte dort Verwandte und ward somit bis zu den Sommerferien weder gehört noch gesehen, da half auch der Rest der Großfamilie nicht mehr.
Ein Lichtblick:
Der Cornelsen Verlag bot an, seine E-Books kostenfrei für die Schülerinnen und Schüler zur Verfügung zu stellen. Was war ich begeistert. Da viele von ihnen ihre Schulbücher nun, wie bereits aus besagten Gründen eingangs erwähnt, in der Schule beließen, machte ich mich sofort ans Werk, mir und uns den weiteren Unterricht dahingehend zu erschließen. Ich erstellte Tabellen, konzipierte Aufgabenformate, notierte Codes und machte Screenshots. Wie das geht, erklärte mir schrittweise ein Computer affiner Schüler per Telefon. Selbst durch den Hörer war ihm anzumerken, was er von der zweifelhaften Kompetenz seiner Lehrerin diesbezüglich hielt. Aber er blieb freundlich bis zum Schluss. Alles klappte zu meiner größten Zufriedenheit und besagter Schüler bekam gedanklich eine Eins und in echt ein Plus für Teamfähigkeit und Hilfsbereitschaft.
Ich begann die E-Mails an die Schülerinnen und Schüler vorzubereiten, in denen ich ihnen nun auch Aufgaben aus dem Buch geben konnte, tippte brav und merkte langsam, Schweißausbrüchen schon sehr nahe: Mist, die haben ja überhaupt nicht alle einen Computer oder Laptop zu Hause. Und E-Book mit Handy geht gar nicht! Von den ca. 40 plus Schülerinnen und Schülern, die ich online zu beschulen hatte, konnten lediglich zehn auf einen eigenen Computer oder Laptop zurückgreifen, nochmal etwa zehn hatten Zugang zu dem einen Familiencomputer. Wieder andere teilten mir mit, dass das Internet bei ihnen häufig zu instabil sei, um sich Aufgaben in Gänze erstmal auch nur anzusehen.
Damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, wenn sie ihre Computerspiele spielten, würden sie das auch am Computer tun, macht doch Sinn bei dem Wort. Ich rechnete auch nicht damit, dass nicht alle von ihnen ein Handy besaßen, schließlich sieht man sie doch vermeintlich ständig damit herumhantieren, herum wedeln oder Selfies machen. Tja, wohl doch nicht so eine gute Beobachterin, der nichts entgeht. Bei einer Schülerin kamen, wenn überhaupt, die Arbeitsergebnisse ca. eine bis zwei Wochen verzögert, da es in der gesamten 10köpfigen Familie nur ein Handy gab und das hatte der Vater. Somit konnte sie dieses eine Handy nur dann nutzen, wenn der Vater abends nach Hause kam und er es gerade mal nicht benötigte. Also war die tolle Idee, mit den E-Books zu arbeiten, passé, und so suchte ich denn nach diversen anderen, möglichst nicht langweiligen Alternativen, die Schülerinnen und Schüler sinnvoll und lehrreich zu beschäftigen. Ich ließ sie verschiedene Bildungs-APPs herunterladen, nutzte kürzere Filme, die sie sich im Internet, wenn es denn gerade mal funktionierte, ansehen sollten, und konzipierte passende, kleinschrittige Aufgabenformate. Der Großteil von ihnen kam damit gut zurande und die Ergebnisse wurden weitestgehend termingerecht und zeitnah an mich via E-Mail oder Screenshot zurückgesandt. Trotz häufig fehlender häuslicher Unterstützung mühten sich die meisten von ihnen redlich und man hatte den Eindruck, dass sie dankbar dafür waren, etwas zu tun zu bekommen und sinnvoll beschäftigt wurden.
Auch andere Firmen haben sich um die Bildung der Schülerinnen und Schüler bemüht, speziell Firmen, die sich auf Online Bildung spezialisiert hatten. Uns wurden allerlei Lernplattformen offeriert und über unseren IT-Kollegen an der Schule bekamen wir diverse Zugänge und Codes, mit deren Hilfe wir uns und sie anmelden konnten. So sollte es uns möglich sein, in einen tatsächlichen Online Unterricht zu kommen, denn das Bisherige meiner Versuche konnte man als einen solchen wohl kaum bezeichnen. Über solche neuen avisierten Lernportale wären wir in der Lage, zum Beispiel Videokonferenzen oder classroom tasks durchzuführen wie die Kollegen in Italien. Welch schöne Idee. Leider wurde nichts daraus. Es scheiterte an der fehlenden digitalen, aber auch analogen Kompetenz vieler Schülerinnen und Schüler. Schon allein die Anmeldung auf den Portalen erwies sich für die meisten als zu schwierig und kompliziert. Sie lasen die Anweisungen nicht genau (ein Mangel, der sich bis zu den schriftlichen Prüfungen in Klasse 10 und weiterzieht), schauten nicht richtig auf die selbsterklärenden Screenshots und tauschten zu guter Letzt die einmalig zu verwendenden Codes untereinander aus, sodass jedweder Versuch, sich auf dem entsprechenden Portal anzumelden, fehlschlug. Das Gejammere und der Schrei nach Hilfe waren dann groß. Die Zahl derer, denen es gelang, war so verschwindend gering, dass auch diese Form des Unterrichtens dahin war. Freuen tat ich mich aber trotzdem über die, die es schafften.
Nicht alle Schülerinnen und Schüler waren motiviert und konnten sich für das Online Lernen erwärmen. Auch diejenigen, die im Unterricht in der Schule durch gute mündliche Mitarbeit auffielen, leisteten von zuhause aus wenig bis gar nichts. Sie sind im häuslichen Alltag ihrer Familien angekommen. Schule spielt hier oft eher eine untergeordnete Rolle. Kaum jemand fragt nach Schulaufgaben, setzt regelmäßige Zeiten für deren Bearbeitung fest oder achtet auf die Einhaltung der Schulpflicht. Nur wenige von ihnen saßen am Morgen oder Vormittag am Schreibtisch, den im Übrigen die wenigsten haben. Die meisten sitzen am Küchentisch, oft der einzige Tisch, an dem es sich überhaupt arbeiten lässt, um erteilte Aufgaben zu erledigen. Viele Ergebnisse bekam ich am späten Nachmittag oder gar erst vor, manchmal sogar noch nach Mitternacht.
Nachdem ich verstanden hatte, wie die Schülerschaft so tickt und wie es bei ihr läuft, nutzte ich von nun an den Vormittag für die Korrektur der Arbeitsergebnisse und den Nachmittag zur Konzipierung neuer Aufgabenformate, für Telefonate mit Schülerinnen und Schülern oder deren Eltern sowie für Telefonkonferenzen mit Kolleginnen und Kollegen. Für Videokonferenzen fehlte uns damals noch das Knowhow. In der gesamten Zeit der Schulschließung gab es eine Reihe von Schülerinnen und Schülern, die einfach nicht erreichbar waren. Hier wusste man nicht, wie es ihnen zuhause erging. Über ihre E-Mail-Adressen erkundigte man sich, soweit möglich, nach ihrem Wohlbefinden und zeigte ihnen Wege und Möglichkeiten auf, wohin sie sich bei einer evtl. auftretenden familiären Krise wenden könnten. Hoffentlich kommt es nicht dazu und der Hinweis ist eigentlich gar nicht notwendig, aber man weiß ja nie.
Immer wieder plagt einen das schlechte Gewissen, ob man denn auch wirklich viel genug arbeite, schließlich sei man ja den ganzen Tag daheim und die neue, gewonnene Zeit könne man doch nutzen. Schon allein ein Päuschen für einen Kaffee kommt einem gewagt vor und man denkt, muss das jetzt wirklich sein, solltest du nicht weitermachen, du musst dir dein Geld verdienen. Sind alle Schülerinnen und Schüler mit genügend Aufgaben versorgt oder nicht, lieber doch noch eine dazugeben, wäre nicht da noch eine E-Mail zu schreiben oder hier ein Telefonat zu tätigen oder sollte man nicht die Arbeitsanweisung anders stellen?
Homeoffice für mich jedenfalls bedeutet zunehmend: „I see double, I see square“ und irgendwann „I see gar nichts mehr“. Alles verschwimmt vor den Augen, die Schrift, das Bild, der Bildschirm, ich sehe nichts mehr, und wenn, dann im Viereck oder doppelt. Okay, das kann ja auch seine Vorteile haben, bin ich eben mit zwei Männern verheiratet, sehe ich eben doppelt fern, pro Auge ein Gerät, esse ich eben zwei Stück Torte, obwohl die mir verdächtig wenig nach nur einem Stück schmecken, was für ein Luxus, wer hat das schon.
Apropos Torte, Homeoffice macht dick, Homeschooling macht fett, zum Glück haben wir noch keinen Video Unterricht. Sowas soll es ja woanders, also anderswo in anderen Ländern schon geben. Das wäre mir aber dann doch irgendwie peinlich, man stelle sich vor, die lieben Lern- und Wissbegierigen könnten mich nur noch halb sehen, weil, in der Zwischenzeit derartig in die Breite gewachsen, ich nicht mehr vollständig von der Kamera erfasst werden könnte. Fehlende Digitalisierung unserer Schulen kann demnach auch ihre Vorteile haben, man muss nicht alles schlecht reden oder ins Negative ziehen. Fitness und Sport fallen aus, da Mangel an Möglichkeiten, und mit dem Joggen, mit dem Joggen fange ich doch jetzt nicht an, ich bin kein Joggingtyp, und ich werde auch kein Joggingtyp, bloß, weil die Fitnessstudios geschlossen haben. Homeschooling ist anstrengend genug und wenn ich schon leiden muss, kann das mein Körper auch, wird er halt kugelrund, dick, fett und weich.
Notiere dir doch mal über eine gewisse Zeit, was du so pro Tag machst, wenigstens bis zu den Ferien. Mal sehen, was da so zusammenkommt, schaden kann’s nie. Vielleicht kriegt der Körper dann einen solch großen Schreck, wenn er die viele Arbeit sieht, dass er sogleich vor Stress wieder abnimmt, was er sich aufgeladen hat, zu wünschen wär’s ihm.
Lockdown Diary / 24.03. – 03.04.2020
Tag 1 – Dienstag, 24.03.
Einrichten von E-Mail-Adressen der SuS via WhatsAPP eingefordert– Rückläufe an die SuS gemailt (nicht alle SuS der Klasse erreicht) – PC-Arbeit 08.00 – 11.00 Uhr
Tag 2 – Mittwoch, 25.03.
Absenden des ersten Aufgabenblocks Englisch, Set 1 – PDF dazu an die SL für die Homepage der Schule – weiteres Bemühen um Kontakt mit SuS – wiederholte Einforderung des Einrichtens eigener E-Mail-Adressen seitens der SuS – erneutes Bemühen um Kontaktaufnahme mit allen SuS der eigenen Klasse sowie der SuS anderer von mir unterrichteten Klassen – Mail an alle SuS mit gültiger E-Mail-Adresse mit Informationen und Hinweisen zum Online Unterricht – PC-Arbeit 08.00 – 13.00 Uhr
Tag 3 – Donnerstag, 26.03.
Checken der Rückläufe zu Aufgabenset 1 – Bearbeiten und Lesen diverser Mails aus dem Kollegium bzw. der SuS – weiteres Bemühen um Kontakt mit noch nicht erreichten SuS – Erarbeiten des nächsten Aufgabenblocks Set 2 – PDF an SL für die Homepage – Einsammeln weiterer oder geänderter E-Mail-Kontakte der SuS – Kontaktaufnahme zu SuS des wpU-Kurses + Aufgabenerteilung via E-Mail – PC-Arbeit 08.00 – 15.00 Uhr
Tag 4 – Freitag, 27.03.
TelKo mit Jahrgangsteam – Checken der Rückläufe zu Aufgabenset 1 – Feedback dazu an die SuS via Mail – Telefonate und Elterngespräche mit bisher noch nicht erreichten Familien sowie erneutes Einfordern eigener E-Mail-Adressen für die SuS – Rückläufe seitens der SuS sehr sporadisch – SuS verstehen die Aufgabenstellungen oft nicht, da sie die E-Mails nicht genau lesen – Versenden der Zugangscodes für eine Lernplattform – Anlegen von Tabellen pro Klasse für Schülerleistungen, Rückläufen sowie Stand der Kontaktaufnahme – PC-Arbeit 08.00 – 17.00 Uhr
Tag 5 – Montag, 30.03.
Checken der Rückläufe sowie Feedback an die SuS – Versenden von Aufgabenset 2 – auftretende Fragen seitens der SuS dazu beantworten (via E-Mail) – SuS haben untereinander die einmalig zu verwendenden Zugangscodes für die Lernplattform getauscht, d.h. 90 Prozent der SuS waren nicht in der Lage, sich auf der Plattform anzumelden – Kontaktaufnahme zu einem Schulbuchverlag bzgl. kostenfreie Zugänge zum E-Learning – Aber: ca. 70 Prozent der SuS besitzen keinen eigenen Computer, somit ist die Nutzung dieser Variante nicht möglich – fehlende Kontakte zu den SuS der Klasse bekommen und nun Kontakt zu allen SuS möglich, aber: wieder wurden die E-Mail-Adressen seitens einiger SuS verändert, sodass sie wiederholt nicht erreichbar sind – Erarbeiten von Aufgabensets Klasse 10 (I+II) sowie methodische Hinweise zur Aufgabenbearbeitung – Eingabe VERA 8 Ergebnisse Klassen 8a,b – PC-Arbeit 08.00 – 16.00 Uhr
Tag 6 – Dienstag, 31.03.
Checken der Rückläufe von SuS sowie Kollegium – Feedback an die SuS bzgl. Aufgabenset 2 – Viele SuS zeigten sich nicht in Lage, die gestellten Aufgaben zu erfüllen, da sie keine Zugänge zur angebotenen Online Plattform bekamen. – Auch hier haben sie die mehrfach versandten Hinweise einschließlich Step-by-Step-Fotos dazu nicht richtig gelesen. – Eingabe VERA 8 Ergebnisse 8c, d – Erarbeiten Aufgabenset 3 – PC-Arbeit 10.00 – 17.00 Uhr
Tag 7 – Mittwoch, 01.04.
Checken der Rückläufe bzw. erhaltenen E-Mails – Versenden von Aufgabenset 3 – PDF an die SL für die Homepage – wiederholt mehrfache Hinweise an die SuS zu Aufgabenset 3 und noch vorherigen Aufgaben via E-Mail – PC-Arbeit 08.00 – 14.00 Uhr
Tag 8 – Donnerstag, 02.04.
Checken von Rückläufen und E-Mails – Feedback zu Ergebnissen – Telefonate mit Eltern sowie SuS zu Arbeitsergebnissen – Erarbeiten Aufgabenset 4 – Ideensammlung und Erarbeiten zukünftiger Aufgabensets unter Nutzung des Internets für Klassenstufen 8,9,10 – PC-Arbeit 09.00 – 17.00 Uhr
Tag 9 – Freitag, 03.04.
TelKo mit Kollegium Jahrgang 8 – Versenden von Aufgabenset 4 – Einfordern von Rückläufen zu Aufgabensets 1 bis 3 via E-Mail + WhatsAPP – Beantworten von Fragen seitens der SuS bzgl. erteilter Aufgaben – Ergänzen der angefertigten Tabellen zu Schülerleistungen sowie Rückmeldungen – PC-Arbeit 08.00 – 15.00 Uhr
Schulspezifische Abkürzungen
Telefonkonferenz (TelKo), Schülerinnen und Schüler (SuS), Schulleitung (SL), Wahlpflichtunterricht (wpU)
Der Arbeitstag begann in der Regel um 08.00 Uhr, zumindest beim Homeschooling. Es soll ja böse Zungen geben, die da behaupten, unsereins würde die Zeit zunächst einmal zum Ausschlafen nutzen, dann langes Frühstück mit Zeitungsschau und sich irgendwann, so gegen 11.00 Uhr, langsam Richtung Arbeitszimmer bewegen. Nun, dem ist nicht so. Pünktlich 07.00 Uhr stand ich bei unserem REWE um die Ecke, bloß nicht zu weite Wege. Bestückt mit Maske, Einweghandschuhen und diversen Beuteln, Netzen, Einkaufstaschen und -körben, wer weiß, was es heute überhaupt zu kaufen gibt, man will vorbereitet sein, begab ich mich schleunigst hinein ins Vergnügen. Vergnügen deshalb, da es um diese frühe Stunde lediglich die Putzkraft, fünf VerkäuferInnen, mich und zwei andere Hartgesottene im Geschäft gab. Zudem denkt man, wer zuerst kommt…, hat man doch von Hamsterkäufen o.ä. gehört. Stimmt ja auch! War man unterwegs in der Stadt überall das gleiche Bild: Menschen mit Küchenrollenpaketen und anderen Rollenpaketen, deren Namen wir hier nicht explizit nennen wollen, Eingeweihte wissen Bescheid, hey, wo gibt’s die? Leider war man aber auch oft viel zu früh und viel zu schnell mit dem Einkauf fertig und die Taschen, die Taschen waren halbleer. Es gab wochenlang nicht eine müde Küchen- oder andere hier nicht explizit benamste Rolle zu kaufen, selbst Fischbüchsen waren rar.
