Ich war der Hitler von Köln - Axel Reitz - E-Book

Ich war der Hitler von Köln E-Book

Axel Reitz

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Beschreibung

Er war seit seinem 13. Lebensjahr einer der berüchtigtsten Rechtsextremisten der Bundesrepublik: 15 Jahre dominierte der von den Medien als »Hitler von Köln« bezeichnete Axel Reitz als Organisator, Netzwerker und Propagandaredner das öffentliche Bild der deutschen Neonaziszene. Sein Weg in den Rechtsextremismus begann in der Schule. In einer Projektwoche stellte er alle Parteien vor, die zur Bundestagswahl antraten. Doch die rechtsradikalen Parteien wurden zensiert. Eine Begründung? Gab es nicht. Das trieb ihn erst recht in die Hände rechtsextremer Bauernfänger und so schloss er sich erst der NPD und dann den Freien Kameradschaften an. Reitz verließ die Schule, widmete sich ganz seiner Karriere als Neonazikader. Doch dieses Leben führte ihn an einen Abgrund. 2012 erfolgte der Ausstieg und mithilfe eines staatlichen Programms begann eine intensive Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Heute stellt er sich seiner Verantwortung und klärt über antidemokratische Ideen, Radikalisierung und die zerstörerischen Auswirkungen von Hass und Hetze auf. In diesem Buch erzählt er nicht nur seine eigene Geschichte, er zeigt auch auf, wie sich die von ihm erlebten und gelebten rechtsextremen Weltbilder, Strategien und Narrative in ähnlicher Form bei AfD, Identitären, Reichsbürgern und Querdenkern wiederfinden. Ein aufrüttelnder Bericht von einem Mann, der eine komplette weltanschauliche Kehrtwende geschafft hat.

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Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Axel Reitz

ICH WAR DER HITLER VON KÖLN

Mein Weg aus der Neonaziszene und wie Extremismus effektiv bekämpft werden kann – Ein Aussteigerbericht

Axel Reitz

ICH WAR DER HITLER VON KÖLN

Mein Weg aus der Neonaziszene und wie Extremismus effektiv bekämpft werden kann – Ein Aussteigerbericht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Originalausgabe, 1. Auflage 2023

© 2023 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Dennis Sand, Anne Horsten

Korrektorat: Dr. Manuela Kahle

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildungen: Johannes Booz, Köln; Klappe hinten: privat

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-665-8

ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-279-5

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-280-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

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Inhalt

Vorwort von Philip Schlaffer

Prolog

1. Der Einstieg

2. Radikalisierung

3. Straßenaktivismus

4. Der Einpeitscher

5. Autonome Nationalisten

6. Die Haft

7. Partei und Medien

8. Der Ausstieg

Nachwort von Andrew Schäfer

Danksagung

Extremismus –Wie unsere Demokratie reagieren sollte

Und ganz zum Schluss ...

Für meine Mama Edeltraut Reitz – in Liebe und Dankbarkeit

Vorwort

von Philip Schlaffer, Neonazi-Aussteiger, YouTuber und Gründer von Extremislos, einem Verein zur Gewalt- und Radikalisierungsprävention

Es gibt Momente, die man nicht so schnell vergisst. Meine erste Begegnung mit Axel Reitz war so ein Moment. Das war Anfang 2020. Irgendwann im Winter. Ich erinnere mich noch gut daran, dass es verdammt kalt war. Axel hatte zwar schon vor einigen Jahren bekannt gegeben, dass er aus der Neonazi-Szene ausgestiegen war, doch nun saß er regelmäßig in Interviews und machte diesen Ausstieg wirklich komplett öffentlich. Das schlug hohe Wellen. Immerhin war Axel Reitz nicht irgendwer. Axel Reitz war ein hochrangiger Kader. Tief vernetzt in den rechtsextremen Strukturen des Landes, einer der wichtigsten und bekanntesten Schrittmacher der Szene. Ich wollte ihn damals unbedingt treffen und mit ihm ein Video für meinen YouTube-Kanal drehen. Das war genau mein Thema. Ich war schließlich selbst ein Aussteiger. Auch wenn Axel und ich uns während unserer aktiven Zeit nie begegnet sind, so habe ich ihn doch wahrgenommen. Er war ein gefährlicher, brauner Paradiesvogel, der so etwas wie einen »modernen Rechtsextremismus« vertreten hat. Klingt absurd, ich weiß. Ich trat in meiner Skinhead-Zeit vielleicht noch einmal eine Ecke stumpfer auf als er. Doch im Kern waren unsere Botschaften die gleichen.

Als ich meiner Frau also erzählte, dass wir nach Pulheim fahren, um dort einen Typen zu treffen, der früher einmal unter dem Namen »Der Hitler von Köln« bekannt war, da war sie schon ziemlich skeptisch – freundlich ausgedrückt. Meine Frau ist recht unbedarft, was die rechte Szene und ihre Protagonisten angeht, und sie hatte sich schon bildlich vorgestellt, wie wir den gesamten Nachmittag mit einem Adolf Hitler-Abziehbild zusammensitzen würden. Aber sie hatte mir damals eine Änderung zugestanden. Und so war sie auch bereit, den sogenannten ehemaligen »Hitler von Köln« einmal kennenzulernen.

Ich hatte mir zur Vorbereitung ein paar alte Reden von Axel angeschaut und er war schon ein ziemlich heftiger Rhetoriker. Was er da vom Stapel ließ, war purer Hass. Pure Hetze. Reiner Rassismus.

Doch als wir am vereinbarten Treffpunkt auf ihn warteten und Axel irgendwann um die Ecke kam, da war mir sofort klar, dass ich die alten Bilder, die ich da im Kopf hatte, aber sowas von vergessen konnte. Axel trug einen knallbunten Anzug, eine ebenso bunte Krawatte und eine Männerhandtasche. Was für eine Erscheinung! Vom Hitler-Abziehbild war da nun wirklich nichts mehr übrig. Ich hatte selten einen Menschen gesehen, der so eine unglaubliche Lebensfreude und Leichtigkeit ausstrahlte. Vielleicht tat er das, weil er den Ballast seines alten Lebens endlich abgelegen konnte und mit sich selbst vollkommen im Reinen war.

Nein, dieser Axel Reitz passte überhaupt nicht mehr mit dem Axel Reitz zusammen, der in meinem Kopf herumspukte. So einem Kerl, dachte ich, dem muss man einfach zuhören.

Und das tat ich.

Es sollte sich lohnen.

Denn Axel hatte wirklich eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die einen nicht nur ganz tief in die rechtsextreme Szene, sondern auch in menschliche Abgründe führte. Kein Zweifel: Er hatte vieles gesehen. Mit 13 Jahren hatte er sich bereits radikalisiert, wurde Mitglied bei der NPD, tummelte sich in der Freien Kameradschaftsszene, war Taktgeber für die Autonomen Nationalen, entwarf früh eine Medienstrategie, die noch heute von Bedeutung ist, und hatte mit so ziemlich jeder Szene-Größe irgendeinen Berührungspunkt. Dieser Mann war einen verdammt langen Weg gegangen. Aber allein sein Ausstieg ist eine Geschichte für sich. Wobei, das sind die meisten Ausstiege. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass man sich von heute auf morgen entscheidet, einer Szene den Rücken zu kehren. Aber so ist es nicht. So ist es nie. Ein Ausstieg ist nicht einfach etwas, das passiert. Ein Ausstieg ist ein Prozess. Ein Marathon. Jemand, der sich aus einer radikalen Szene löst, der lässt ja nicht bloß eine Ideologie hinter sich. Er verabschiedet sich von seinem gesamten bisherigen Leben, von seinem Umfeld, seinen Freunden, seinen sozialen Kontakten. Diese Dinge hinter sich zu lassen, das geht nicht von heute auf morgen. Ich weiß, wovon ich spreche. Aber Axel ist diesen Weg gegangen.

Heute ist er ein Liberaler, jemand, der keinen Zweifel daran lässt, auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stehen. Und sie konsequent, aus vollster Überzeugung zu verteidigen. Vielleicht ist Axel heute genauso entschlossen und konsequent darin, sich für eine liberale Demokratie einzusetzen, wie er damals für seinen Fanatismus eingetreten ist. Er engagiert sich online wie offline. Axel opfert große Teile seiner Freizeit, weil er der tiefen Überzeugung dafür ist, dass er wieder etwas gut zu machen hat. Dass er all dem Gift, dass er über Jahre versprüht hatte, nun etwas entgegensetzen muss. Und verdammt, ich weiß, dass das alles andere als einfach ist. Dass man dafür echt so einiges aushalten muss.

Da sind nicht nur die alten Weggefährten aus der Neonazi-Szene, die einen verspotten, einen bedrohen und beleidigen. Das ist nicht nur dieser schmerzhafte Prozess, sich permanent seinen alten Dämonen aus der Vergangenheit stellen zu müssen, sich immer wieder mit der Scheiße zu konfrontieren, die man zu verantworten hat. Da sind dann auch noch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die einen einfach nicht ernst nehmen und einem nicht abkaufen wollen, wirklich aus der Szene ausgestiegen zu sein, nur weil man nicht zu einem glühenden Linksradikalen geworden ist. Einmal Nazi, immer Nazi, heißt es dann. So ein Bullshit!

Ich bin mittlerweile seit drei Jahren mit Axel unterwegs. Aus unserer ersten Begegnung wurde eine Freundschaft. Aber ich sehe Axel nicht nur als einen Freund. Ich sehe ihn auch als einen Menschen, der wirklich in der Lage ist, anderen Menschen zu helfen. Ihnen einen Weg aus dem Extremismus zu zeigen. Nicht, weil Axel im Besitz der ultimativen Wahrheit ist. Nicht, weil er den einzig wahren Weg kennt, die Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzuführen. Sondern weil seine Lebensgeschichte für etwas steht. Dafür, dass es möglich ist, sich zu verändern. Das ist die ganz große Botschaft. Veränderung ist möglich. Egal, wie aussichtslos alles erscheinen mag.

Er hat es geschafft, sich aus einer Szene zu lösen, in der er einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Er hat es geschafft, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Und ein Leben zu führen, in dem er endlich sein Glück gefunden hat. Ein Leben, das frei ist von Hass und Hetze und Gewalt. Und das sollte man würdigen!

Ich liebe es heute noch genauso Axel zuzuhören, wie bei unserer ersten Begegnung. Gerade auch, weil wir so ganz unterschiedliche Charaktere sind. Wir haben beide eine ähnliche Erfahrung gemacht, aber doch einen komplett anderen Blick auf die Welt. Axel ist sehr belesen, sehr wissenschaftlich und rational. Ich bin eher der Pragmatiker, der die Dinge sieht, wie sie sind. Aber gerade das macht es ja so spannend. Gemeinsam mit ihm die Welt aus unterschiedlichen Augen zu betrachten. Was uns aber eint, das ist die Schärfe und die Bissigkeit, mit der wir uns unseren ehemaligen Weggefährten entgegenstellen. Ganz egal ob online oder offline. Ja, verdammt, man sollte diesem Kerl mit den bunten Anzügen zuhören.

Oder zumindest sein Buch lesen. Man erfährt so viel mehr über Extremismus, über unsere Gesellschaft und über den Menschen und wozu er fähig ist, als man das erwarten würde. Man erfährt Dinge über dieses Land und seine Abgründe, die man nicht so schnell vergessen wird.

Prolog

Der Tag, der mein Leben endgültig verändern sollte, begann mit einem unerwarteten Besuch. Es war noch früh am Morgen, und ich hatte eine lange Nacht hinter mir, als mich ein lautes, schrilles Geräusch aufschreckte. Ich riss die Augen auf. Was war das? Hatte es da gerade geklingelt? Oder träumte ich nur? Noch im Halbschlaf schaute ich auf meinen Wecker. Es war gerade einmal 4.47 Uhr. Ich legte mich wieder hin, zog mir ein Kissen über den Kopf und drehte mich zur Seite. Da machte bestimmt nur irgendein betrunkener Idiot Terror draußen auf der Straße.

Doch es dauerte nur ein paar Sekunden, da schrillte es erneut. Dieses Mal noch länger. Gleichzeitig fing jemand an, wie wild an meine Tür zu klopfen. »Herr Reitz!«, hörte ich eine Stimme. »Machen Sie die Türe auf! Wir wissen, dass Sie zu Hause sind!« Jetzt war ich hellwach. Das war direkt vor meiner Haustür. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sprang aus meinem Bett. Ich ging alle Optionen in meinem Kopf durch. Waren das irgendwelche Leute, die mich aufmischen wollten? Die Gefahr bestand. Ich bekam immer mal wieder Morddrohungen. Nach einem Jahrzehnt in der Naziszene hatte ich mehr als genug politische Gegner, die mir den Schädel einschlagen wollten. Noch immer etwas überfordert, taumelte ich in Richtung Flur, und als ich kurz vor meiner Haustür stand, hörte ich plötzlich ein Bohrgeräusch. Wollte man mir da gerade tatsächlich die Tür aufbohren? Ohne nachzudenken, riss ich sie instinktiv auf und erschreckte mich beinahe zu Tode, als ich plötzlich ein Dutzend uniformierter Männer vor mir stehen sah.

»Guten Morgen«, begrüßte mich ein massiver, beinahe zwei Meter großer Beamter und hielt mir seinen Ausweis vor die Nase. »Polizei. Es liegen ein Durchsuchungsbeschluss und ein Haftbefehl gegen Sie vor.« Noch bevor ich verstand, was der Mann da sagte, drängten sich schon die restlichen Beamten an mir vorbei in meine Wohnung und begannen systematisch, alles auf den Kopf zu stellen. Die Polizisten rissen die Schubladen aus den Schränken und schütteten alles auf den Boden. Ein paar behandschuhte Männer begannen, meine elektronischen Geräte zu konfiszieren. Einer stöpselte meinen Computer aus und trug ihn nach draußen. Es passierte alles so schnell, dass ich gar nicht richtig realisierte, was da vor sich ging. »Was ist denn eigentlich hier los?«, fragte ich den Beamten, der neben mir stand. »Herr Reitz, das ist eine Hausdurchsuchung.« Er ließ eine kurze Pause. »Und gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor.« »Ein Haftbefehl?« Ich fasste mir an den Kopf und dachte nach. Was hatte ich denn angestellt? Ich dachte fieberhaft nach. Nein, da war nichts. Ich war mir keiner Schuld bewusst. »Unterstützung einer kriminellen Vereinigung«, schob der Polizist nach, doch bevor ich darüber nachdenken konnte, was das bedeutete, knurrte er mich erneut an: »Ziehen Sie sich was an, Herr Reitz.«

Ich schaute an mir herunter. Ich trug noch immer bloß meinen Morgenmantel. »Sie wollen mich jetzt wirklich verhaften?«, fragte ich noch einmal nach und ärgerte mich über mich selbst. Was für eine blöde Frage, die hätte ich mir auch sparen können. »Was für eine blöde Frage«, entgegnete mir der Polizist. »Denken Sie, wir sind vorbeigekommen, um Ihnen Ihr Frühstück zu bringen? Und jetzt ziehen Sie sich endlich etwas an.« Ich biss mir auf die Lippen und ging in mein Schlafzimmer, wo ich ein weißes Hugo-Boss-Hemd aus dem Schrank zog. »Das nicht«, raunzte mich der schlecht gelaunte Polizist an. »Wie, das nicht?« Ich drehte mich um und schaute den Zwei-Meter-Mann verdutzt an. »Die weißen Hemden kassieren wir ein. Die gelten als Uniform.« Ich überlegte kurz, ob ich etwas dazu sagen sollte, sparte mir aber den Kommentar.

»Na los, Reitz! Ziehen Sie sich halt etwas anderes an.«

Ich zuckte mit den Schultern und griff mir irgendein kariertes Hemd aus dem Schrank. Während ich es mir überstreifte, sah ich, wie ein Mann im Anzug Kreise in meinem Wohnzimmer drehte und aufgeregt etwas in sein Telefon brüllte: »Ja, den Reitz haben wir schon einmal erwischt!« Wahrscheinlich ein Staatsanwalt, dachte ich mir. Als ich wieder in das Wohnzimmer ging, sah ich wie einer der Polizisten meine eingerahmte Hitler-Fotografie von der Wand nahm. »Interessanter Einrichtungsgeschmack«, brummte er. »Hören Sie«, sagte ich zu dem Zwei-Meter-Polizisten, der die ganze Zeit wie ein Wachhund neben mir hertrottete. »Ich will einen Anwalt, und zwar jetzt!« Das hier war nicht mein erster Kontakt mit der Polizei. Ich kannte meine Rechte.

»Kriegen Sie auf der Wache.«

»Aber ich habe jetzt einen Anspruch.«

»Einen Scheiß haben Sie ...«

»Okay«, dachte ich, »scheinbar ist das hier wirklich eine ernste Nummer. Diese Jungs scheinen nun wirklich überhaupt keinen Spaß zu verstehen.« Doch noch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, drückte mich der Kerl bereits gegen die Wand und legte mir Handschellen an. »Ist das Ihr Ernst?«, fluchte ich. »Glauben Sie denn ernsthaft, ich laufe Ihnen hier weg, oder was?« Doch es hatte keinen Sinn. Man packte die harten Bandagen gegen mich aus.

Ich wurde abgeführt, und als ich meine Wohnung verließ, zuckte ich für einen kurzen Moment zusammen. Ein helles Scheinwerferlicht blendete mich. Ich blinzelte. »... und hier kann die Polizei einen ersten Ermittlungserfolg vorweisen«, hörte ich eine Frauenstimme. »Der Mann, der hier abgeführt wird, ist Axel Reitz, der sogenannte Hitler von Köln. Der Staatsanwaltschaft ist ein großer Schlag gegen die deutsche Neonaziszene geglückt.« Das war ein Fernsehteam. Jetzt verstand ich auch, warum man mir die Handschellen angelegt hatte. Das war besser für die Show, die sie veranstalten wollten. Nachdem man mich genügend vorgeführt hatte, wurde ich auf den Rücksitz eines Polizeiwagens gesetzt. Als man die Tür hinter mir schloss, sank ich tief in den Ledersitz ein und atmete durch. Mir war, als würde sich meine Kehle zuschnüren.

Es war nicht das erste Mal, dass ich in Handschellen abgeführt wurde. Aber dieses Mal war etwas anders. Bei all den Festnahmen zuvor war ich stets der Ansicht, mir geschehe eine ungeheure Ungerechtigkeit. Da war ich wütend und kämpferisch. Ich wehrte mich so gut, wie ich konnte. Doch dieses Mal lagen die Dinge anders. Ich war nicht mehr wütend, sondern einfach nur müde und erschöpft. Mein Akku war leer. Und ich hatte keine Lust mehr zu kämpfen, weder für mich noch für die Szene. Eine Szene, der ich beinahe mein gesamtes Leben geopfert hatte. Dabei glaubte ich doch schon längst nicht mehr an sie. Ich zuckte zusammen. Es war das erste Mal, dass ich diesen Gedanken zuließ. Ich hegte ihn schon die letzten Monate instinktiv, aber hatte mich nie getraut, ihn auszuformulieren.

Aber ja: Ich glaubte nicht mehr an diese Szene. Und ich wollte auch gar nichts mehr mit ihr zu tun haben. Mein Magen zog sich zusammen. Es bereitete mir körperliche Schmerzen, diesen Gedanken einmal konsequent zu Ende zu denken. Ich war mein ganzes Leben einer Ideologie hinterhergelaufen, doch mein unerschütterlicher Glaube hatte tiefe Risse bekommen.

Aber was, fragte ich mich, was würde noch von mir übrigbleiben, wenn ich meinen Glauben aufgäbe? Der Mensch Axel Reitz und der Nazi Axel Reitz waren doch identisch. Mein ganzes Leben war ein politischer Kampf. Und dieser beherrschte mein Dasein. Dabei hatte ich die Wahrheit längst erkannt, auch wenn ich es mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht eingestanden hatte. Ich hatte einen Fehler gemacht, denn ich hatte mich irgendwann und irgendwo fürchterlich verlaufen.

Ein Polizist öffnete die Fahrertür und nahm vorne Platz. Er schmiss den Motor an. Ich hatte keine Ahnung, was genau man mir vorwarf. Ich hatte keine Ahnung, was als Nächstes passieren würde. Aber vielleicht, dachte ich, vielleicht war dieser Tag eine Art Weckruf. Vielleicht war das der letzte Weckruf, den ich noch bekommen würde. So konnte es einfach nicht mehr weitergehen. Ich schaute aus dem Fenster. Es begann zu regnen. Ich sah die Polizisten, die meine halbe Wohnung ausräumten. Sie trugen mein ganzes Leben in ihren Händen. Wie war es nur so weit gekommen? Wie hatte ich mich nur so sehr verlaufen können? Und wo hatte das Ganze begonnen? Ich schloss meine Augen und versuchte, die vielen Bilder in meinem Kopf zu sortieren.

1. Der Einstieg

Die Geschichte meines jungen Lebens war viele Jahre die Geschichte einer Radikalisierung, die Geschichte eines schrecklichen Irrwegs. Mit 13 Jahren bin ich eine Reise angetreten, auf der ich mich fürchterlich verirrt habe. Ich bin einen Weg gegangen, auf den ich rückblickend nicht stolz bin. Einen Weg, auf dem ich viele Menschen verletzt und gedemütigt habe.

Ich hätte auf diesem Kurs unzählige Abzweigungen nehmen können, um doch noch einmal umzukehren, aber ich habe sie alle verpasst. Bis ich irgendwann an einem Abgrund stand, von dem aus ich endlich klar sehen konnte, was ich aus meinem Leben gemacht hatte. Ich blickte herab auf eine Welt, die auf Hass, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit basierte. Das war der Moment, an dem ich mich entschloss, nie wieder in dieses Leben zurückzukehren.

Ich habe mich oft gefragt, wo diese Geschichte eigentlich anfängt. Und ich habe die unterschiedlichsten Antworten darauf gefunden. Vielleicht beginnt meine Geschichte am 10. Januar 1983 in Fliesteden. Fliesteden ist eine kleine, beschauliche Gemeinde im Rhein-Erft-Kreis. Es gibt dort 2000 Einwohner, einen Bäcker, einen Metzger und einen Tante-Emma-Laden. In Fliesteden kennt jeder jeden. Alles ist beschaulich und geordnet, alltägliche Kriminalität ist dort ein Fremdwort. Als ich das Licht der Welt erblickte, war ich ein Nachzügler. Meine Mutter hatte bereits aus erster Ehe eine Tochter, die schon nicht mehr bei uns im Haus wohnte. Mein größerer Bruder war 15 Jahre älter als ich. Und mein ältester Bruder lebte nur noch als Erinnerung bei uns. Er verstarb, noch bevor ich geboren wurde. Mein Vater war leitender Außendienstmitarbeiter bei Bayer und verdiente sehr gut. Meine Mutter war Hausfrau, und ich war der Mittelpunkt ihrer Welt. Diese Bindung dürfte sich noch einmal verstärkt haben, als ich schon als Kind an Diabetes Typ I erkrankte. Von diesem Moment an stand ich noch mehr im Mittelpunkt und wurde behütet und umsorgt. Meine Mutter achtete permanent darauf, dass es mir gut ging und ich meine Insulinspritzen regelmäßig bekam. Vielleicht entwickelte ich damals unbewusst das Bedürfnis, im Zentrum des Interesses zu sein. Zumindest zog sich dieser Drang wie ein roter Faden durch meine Kindheit. Ich wurde zu einem kleinen Exzentriker. Ich hörte als kleiner Junge gerne klassische Musik und lief ständig mit einem geschnitzten Holzstab und einem Magierhut, den ich von einem Karnevalskostüm zweckentfremdet hatte, durch die Nachbarschaft und spielte Dirigent.

Vielleicht beginnt meine Geschichte aber auch an einem Samstagabend, als ich gerade elf Jahre alt war und mit meinen Eltern vor dem Fernseher saß. Es war Winter, draußen war es ziemlich kalt, die Heizung war hoch aufgedreht, und wir saßen zu viert auf der Couch. Mein Vater zappte durch das Programm und blieb bei einer Volksmusiksendung der ARD hängen. »Ach toll«, freute er sich, als Marianne und Michael auf der Bühne standen und irgendein kitschiges Lied schmetterten. Mein Bruder und ich warfen uns vielsagende Blicke zu, was mein Vater sofort mitbekam. »Ja, ja«, fing er gleich an zu motzen, »ich weiß schon, ihr mögt das nicht. Aber da kann ich ja nichts dafür, dass ihr keinen richtigen Geschmack habt.«

Das war typisch für meinen Vater. Sein Film- und Musikgeschmack ging ihm über alles. Was uns anderen gefiel, lehnte er kategorisch ab. Er fand unsere Vorlieben immer »Mist« oder »etwas für Dumme«. Meine Mutter gab ihm nie groß Paroli, und auch ich hatte es bis zu diesem Samstagabend einfach so hingenommen.

»Wisst ihr«, setzte mein Vater noch einmal nach, »Volksmusik ist mit großem Abstand die erfolgreichste Musik in Deutschland. Das sagt doch alles.«

»Das stimmt nicht«, widersprach ich ihm.

Für einen kurzen Moment herrschte Stille im Zimmer. Es war das erste Mal, dass ich meinem Vater so deutlich widersprach.

»Doch, es stimmt natürlich«, bekräftigte er noch einmal.

»Papa«, blieb ich bei meiner Meinung. »Das ist doch völliger Quatsch. Nimm doch alleine einen Weltstar wie Michael Jackson. Der verkauft sehr viel mehr CDs und Schallplatten als deine Volksmusiker-Dödel.«

»Tut er nicht«, beharrte mein Vater stur.

»Und warum steht er dann ständig auf dem ersten Platz in den Hitparaden?«

Mein Vater bekam einen roten Kopf, schaltete den Fernseher ab und stand von der Couch auf. »Du hast doch überhaupt keine Ahnung von der Welt, Junge!«, brüllte er und verzog sich. Auch das war typisch für meinen Vater. Er konnte ein Querulant sein. Seine Meinungen zu allen möglichen Themen waren unumstößlich. Es war einfach nicht möglich, ihn in irgendeinem Fall vom Gegenteil zu überzeugen. Egal, wie gut meine Argumente waren, er blieb stur bei seinem Punkt. Wäre er der Ansicht gewesen, die Welt sei ein Quadrat, dann hätte selbst die NASA ihm nicht die Wahrheit klarmachen können. Allerdings bezog sich die Sturheit meines Vaters nicht auf politische Inhalte, sondern mehr auf alltägliche Dinge. Es störte mich, dass er bestimmte Sachverhalte nicht hinterfragte. Einmal rief die Mutter eines Klassenkameraden bei ihm an. Wir hatten uns auf dem Schulhof ein bisschen in die Wolle gekriegt, weil er mich permanent geärgert und ich mich irgendwann zur Wehr gesetzt hatte. Aber meinen Vater interessierte meine Version der Geschichte gar nicht. Er gab der Mutter meines Mitschülers uneingeschränkt recht, dass ich Mist gebaut hätte. In dieser Zeit entwickelte ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich reagierte empfindlich, wenn man mir Unrecht tat.

Aber im Grunde beginnt meine Geschichte an einem völlig unspektakulären Schultag in der siebten Klasse, an dem mein Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, und mein übersteigerter Gerechtigkeitssinn herausgefordert wurden und mich auf einen Weg führten, der mein gesamtes weiteres Leben für immer verändern sollte.

* * *

Frau Dr. Söhnke-Wittlau legte das Buch auf dem Lehrerpult ab und blickte in die Klasse. »Und dann«, sagte sie, »dann habe ich mir noch etwas ganz Besonderes für unsere Projektwoche überlegt.«

Die Projektwoche, ein kollektives Stöhnen ging durch das Klassenzimmer. Die Projektwoche war eines dieser Themen, für das sich die Begeisterung meiner Mitschüler in doch sehr engen Grenzen hielt. Bei mir war das anders. Ich richtete mich ein wenig auf und hörte zu. Ehrlich gesagt: Ich freute mich auf die Projektwoche. Wir sollten eine Art Einführung in die deutsche Politik erhalten. Von der Geschichte der Bundesrepublik über die Funktionsweise des deutschen Parlamentarismus. Was für meine Mitschüler fürchterlich langweilig war, empfand ich als spannend.

Ich war 13 Jahre alt, auf der Realschule und aufgrund meiner Faulheit nicht immer der beste Schüler gewesen. In Mathe und Physik hatte ich noch immer schlechte Noten und so konzentrierte ich mich auf die Fächer, die mich interessierten. Das waren meistens die klassischen Laber-Fächer, wie Deutsch oder Politik, da konnte ich punkten.

»Damit das alles nicht ganz so trocken und bloß Theorie ist«, fuhr Frau Söhnke-Wittlau fort, »werdet ihr ein Jugendparlament gründen.«

Fragende Blicke im Klassenzimmer. Ein Jungendparlament?

»Ihr gründet kleine Parteien«, erklärte unsere Sozialkundelehrerin. »Und mit diesen Parteien setzt ihr euch für die Belange hier in der Schule ein.« Sie führte aus, was sie damit meinte: »Ihr könnt euch etwa für den Naturschutz einsetzen. Dass der Schulteich künftig besser gepflegt wird. Oder für mehr Recht und Ordnung, in dem ihr etwa fordert, dass die Raucherecke besser kontrolliert wird.« Frau Söhnke-Wittlau schaute in die Klasse und fuhr fort: »Ihr könnt kreativ sein. Und damit ihr eine ungefähre Vorstellung davon entwickelt, was ihr in euer Parteiprogramm schreiben könnt, möchte ich, dass einer von euch als Projektarbeit die Wahlprogramme der echten Parteien vorstellt.«

Und damit es ein bisschen mehr Abwechslung gab, sollten das eben nicht nur die Programme der im Bundestag vertretenen Parteien sein, sondern auch solche der Kleinstparteien. »Meldet sich irgendjemand freiwillig?«, fragte meine Lehrerin. Ich schaute mich in der Klasse um. Wie zu erwarten war, meldete sich niemand. »Ach«, dachte ich, »was soll’s?« Ich fand diese Aufgabe irgendwie spannend und hob meinen Finger. Frau Söhnke-Wittlau lächelte und nickte. »Sehr gut, Axel«, sagte sie. »Dann übernimmst du das.«

Meine Sozialkundelehrerin mochte mich, und ich mochte sie. Frau Söhnke-Wittlau war keine klassische Lehrerin. Sie war eine promovierte Theologin, eine ältere, durchaus resolute Dame, die immer mit Herzblut bei der Sache war. Sie war beseelt davon, für die richtigen Werte einzutreten. So gehörten zu ihrem Unterricht oft lange Exkurse über den deutschen Nationalsozialismus und die Urschuld der Deutschen. Irgendwie war das ihr Thema: die bösen Nazis und die Gefahr, die von ihnen ausging. Ich hatte mich daran nie gestört. Im Gegenteil, ich hatte sogar einmal Schindlers Liste in den Unterricht mitgebracht und vorgeschlagen, den Film im Unterricht zu schauen. Das stieß bei Frau Söhnke-Wittlau natürlich auf offene Ohren. Ich hatte den Streifen vorher gesehen und war erschreckt über die Verbrechen der Nazis. Ganz klar, dass das die Bösen waren. Und ganz klar, dass Frau Söhnke-Wittlau hier klare Kante zeigte.

Ich ging nach Hause und widmete mich noch am selben Nachmittag meiner Aufgabe. Irgendwie musste ich an sämtliche Parteiprogramme herankommen. Zunächst aber galt es herauszufinden, welche Parteien es überhaupt gab. Das war gar nicht so einfach, denn wir befanden uns in der Prä-Internet-Ära, eine einfache Google-Suche war entsprechend nicht drin. Ich schrieb also den Bundeswahlleiter in Bonn an. Der ließ mir nach ein paar Tagen eine Liste mit allen zur Wahl zugelassenen Parteien zukommen. Von vielen hatte ich noch nie etwas gehört: die Anarchistische Pogo Partei Deutschlands, die Bayernpartei, die Grauen. Knapp 40 Parteien standen auf der Liste. Ich formulierte einen Standardbrief, kopierte ihn 40-mal und schickte ihn an die Adressen der jeweiligen Parteizentralen. Dann hieß es abwarten. Einige Parteien antworteten gar nicht. Einige existierten vielleicht auch schon gar nicht mehr. Aber viele Parteien schrieben mir tatsächlich und schickten mir ihre Wahlprogramme.

Nach ein paar Tagen erreichten mich die ersten Antworten. Große Umschläge, die vollgestopft waren mit jeder Menge Wahlkampfmaterialien. Broschüren, Flyer, Kugelschreiber und Sticker waren dabei. Ich fischte das jeweilige Wahlprogramm heraus und stopfte die restlichen Unterlagen in meinen Schrank. Dann blätterte ich die Programme durch und klebte sie unsortiert auf eine große Pappe. Nach einer Woche hatte ich genug Material zusammen. Ich beschloss, dass meine Arbeit nun fertig war und nahm sie mit zur Schule, um sie meiner Lehrerin zu präsentieren.

* * *

Als am nächsten Tag der Sozialkundeunterricht zu Ende war, wartete ich ab, bis die anderen Schüler den Klassenraum verlassen hatten und in die Pause gegangen waren. »Frau Söhnke-Wittlau«, sagte ich dann und ging auf sie zu. »Ich bin fertig mit den Wahlprogrammen.« Ich legte meine Collage auf das Lehrerpult. Ich hatte alle Programme nebeneinander angeordnet, sodass man sie aufklappen und durchlesen konnte. Ehrlich gesagt, machte ich mir keine allzu großen Illusionen, dass die anderen Schüler sich wirklich mit meinem Material auseinandersetzen würden, aber das war schon okay. Es war eine leichte Aufgabe gewesen, eine sichere gute Note.

Frau Söhnke-Wittlau betrachtete das Plakat und nickte. »Sehr schön«, sagte sie. »Sehr, sehr schön. Das hast du wirklich gut gemacht.« Ich freute mich über das Lob und merkte meiner Lehrerin an, wie viel Freude sie an dem Plakat hatte.

Nach und nach entdeckte sie viele der unbekannten Parteien und blätterte ein wenig in den Prospekten. »Dafür gebe ich dir eine 1, Axel«, sagte sie. »Nur eine Sache geht nicht. Die hier …«, sagte sie und riss drei Programme von dem Plakat herunter, »die hier können wir nicht zeigen.« Ich stutzte. Was war denn jetzt los? Hatte meine Lehrerin gerade wirklich drei Programme von meiner Collage heruntergerissen? Ich schaute sie fragend an. »Diese Parteien«, sagte meine Lehrerin, »stellen wir hier nicht aus. Denen geben wir kein Forum.« Ich verstand nicht, was sie meinte, und schaute mir die Programme an. Es waren die von der NPD, der DVU und den Republikanern.

»Was soll das bedeuten?«

»Das sind radikale Parteien«, sagte sie. »Die stellen wir in unserer Schule nicht aus.«

»Moment mal«, dachte ich. Was sollte das denn? Die Aufgabe war es doch, alle wählbaren Parteien auszustellen. Da konnte meine Lehrerin doch nicht einfach drei Programme wegnehmen. Ich fragte noch einmal nach. »Die sind radikal, die wollen wir hier nicht«, sagte sie nur.

»Aber das sind ganz normale Parteien, die man ganz normal wählen kann. Wenn sie so schlimm wären, dann wären sie doch verboten.«

Ich erklärte ihr, dass sie auf der Liste waren, die mir der Bundeswahlleiter geschickt hatte. Aber Frau Söhnke-Wittlau schaute mich nur an, zerriss die Wahlprogramme demonstrativ vor meinen Augen und schmiss sie dann in den Mülleimer. Diskussion beendet. Ich blieb zurück und verstand die Welt nicht mehr.

Die Art, wie sie mit mir sprach, erinnerte mich an die Diskussionskultur von meinem Vater. Der sagte auch einfach immer, dass das Gespräch beendet war, statt meine Einwände irgendwie ernst zu nehmen. Alleine das triggerte mich schon ungeheuer. Sie stellte dann die Reste meines Materials aus. Die anderen Schüler schauten einmal drüber und schrieben sich ein paar Sätze heraus, die sie für ihre Schülerparteien nutzten. Die Schülerpartei, die sich um den blöden Teich kümmern wollte, griff eine Naturschutzparole heraus. Niemanden interessierte es, dass drei Programme fehlten. Nur ich ärgerte mich.

Abends lag ich in meinem Bett und dachte noch einmal über alles nach. Mir ging die Sache nicht mehr aus dem Kopf. Eigentlich mochte ich Frau Söhnke-Wittlau. Aber ihr merkwürdiges Verhalten konnte ich einfach nicht begreifen. Wenn sie es mir wenigstens erklärt hätte. Ich schaltete mein Nachtlicht an und setzte mich auf die Kante meines Bettes. Lag es vielleicht doch an mir? Hatte ich irgendwas übersehen? Ich stand auf und ging zu meinem Schreibtisch, wo ich noch einmal alle Unterlagen durchging, die man mir geschickt hatte.

Tatsächlich hatte ich noch die Umschläge von den drei Parteien, die sie für das ultimative Böse erklärt hatte. Die Republikaner, die NPD und die DVU. Ich schaute mir die Flyer und die Programme noch einmal etwas genauer an. Die NPD warb mit der Parole »Sicherheit durch Recht und Ordnung«. Ich zuckte mit den Schultern. Was war daran so verkehrt? Was konnte man gegen Sicherheit haben? Oder gegen Recht? Oder gegen Ordnung? Und selbst wenn man nicht der Law-&-Order-Typ sein mochte, dann waren diese Forderungen doch kein großes Problem, oder? Zumindest rechtfertigte das meiner Meinung nach nicht die Zensur durch Frau Söhnke-Wittlau.

Die Sticker der DVU waren die knalligsten. »Ich bin stolz ein Deutscher zu sein«, stand da drauf. Oder »Deutschland, Deutschland über alles«. Das fand ich schon ziemlich platt. Aber auch hier sah ich keinen Grund, dass man diese Parteien so verteufelte wie meine Lehrerin. Wie konnte es sein, dass sie sich so sehr über die paar Sprüche aufregte? Ich begriff es einfach nicht. Zumal die Programme von den linksextremen Parteien kleben bleiben durften. Daran störte sich meine Lehrerin offenbar nicht. Dabei hatten sie meine Meinung nach viel schärfere Positionen. Sie warben ganz offen mit der »Revolution«. Und die PDS schrieb ganz klar »Wir sind nicht sozial. Wir sind Sozialisten.« Ich entschied mich, die Parteien noch einmal anzuschreiben und zu erläutern, was mir passiert war. Ich wollte ihre Inhalte verstehen.

Wieder verging einige Zeit. Von der DVU und den Republikanern bekam ich keine Antwort mehr, aber von der NPD. Sie schickten mir weitere Materialien zu: unter anderem die Parteizeitung Deutsche Stimme und jede Menge Unterlagen, ergänzt durch einen Brief des Vorsitzenden der NPD Köln, Peter Lingnau. Er lud mich ein, einfach mal bei einem Treffen vorbeizukommen. Ich legte die Einladung beiseite und blätterte die NPD-Broschüren durch. Ich las mich ein wenig ein. Die Themen erschienen mir noch immer nicht verkehrt zu sein. Schutz der Familie. Schutz der Jugend vor Rauschgift. Das fand ich jetzt alles nicht sonderlich schlimm. Warum durfte das nicht gezeigt werden?

Und dann las ich in der Parteizeitschrift noch etwas, das mich stutzig machte. Dort stand, dass manche Menschen im Gefängnis saßen, nur weil sie ihre Meinung gesagt hatten. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Seit wann kam man denn ins Gefängnis, nur weil man seine Meinung vertrat? Ich meinte, wenn man jemanden körperlich angriff, na klar, das war eine Straftat. Aber, wie ich fand, konnte man doch jede Ansicht der Welt äußern, egal, wie doof sie war. Wir lebten ja schließlich in Deutschland, einem Rechtsstaat, einer freien Demokratie. Also beschloss ich, das Thema Meinungsfreiheit im nächsten Sozialkundeunterricht anzusprechen.

* * *

Ich hatte mich vorbereitet. Die Deutsche Stimme und ein paar der zugeschickten Broschüren hatte ich gelesen. Aber das sollte reichen, da war ich mir sicher. Ich hatte gute Argumente an der Hand, um Frau Söhnke-Wittlau entgegenzutreten. Immerhin hatten wir einiges zu besprechen. Ich spürte, wie ich langsam aufgeregter wurde, als sie das Klassenzimmer betrat. Für mich war das so etwas wie ein kleiner Showdown. Und ich hatte mir dafür auch genau den richtigen Tag ausgesucht. Denn heute sollte es im Unterricht darum gehen, die Projektwoche auszuwerten. Was war gut gelaufen, was schlecht, und was hatten wir aus der Woche gelernt?

Ich wartete auf die erstbeste Gelegenheit, dann meldete ich mich. Frau Söhnke-Wittlau atmete schwer aus. Seit ich im Unterricht immer wieder Fragen stellte, die ich aus der NPD-Broschüre aufgeschnappt hatte, waren meine Sympathiewerte bei ihr in den tiefsten Keller gesunken. Von ihrem Lieblingsschüler war ich zu einer beinahe unerwünschten Person geworden. Zumindest kam es mir so vor. »Ich habe gelernt«, begann ich mit geschwellter Brust, »dass es um die Meinungsfreiheit in diesem Land nicht sonderlich gut bestellt ist.« Zack. Das hatte gesessen. Ich lehnte mich zurück und beobachtete ihre Reaktion. Nach und nach verfärbte sich ihr Gesicht in ein immer dunkleres Rot.

»Was redest du denn da für einen Unsinn, Axel?«, begann sie gegenzuhalten. »Das Recht auf eine freie Meinung endet dort, wo die Rechte anderer Menschen gefährdet werden.«

»Aha«, sagte ich. »Und darum wurden die Wahlprogramme von ihnen zensiert? Wahlprogramme von Parteien, die offiziell in diesem Land legal sind und gewählt werden können? Und darum sitzen Leute sogar im Gefängnis, weil sie eine eigene Meinung vertreten?«

»Nur Menschen, die gefährlich für andere Menschen sind, sitzen im Gefängnis.«

»Wie kann denn eine Meinung bitteschön eine Gefahr sein?«, hielt ich dagegen. »Wie kann man jemanden einsperren, der niemandem etwas getan hat? Der einfach nur eine andere politische Ansicht hat?«

»Manche Meinungen«, beharrte Frau Söhnke-Wittlau, »fügen unserer Gesellschaft einen Schaden zu.«

»Wenn es meine Meinung ist, dass es statt einem Gott ein fliegendes Spaghetti-Monster gibt, dann ist das meine Meinung. Vielleicht ein bisschen irre, aber dafür darf man mich doch nicht einsperren! Leben wir hier in einer Diktatur oder was?«

Und wieder ein Treffer. Damit hatte ich nicht nur das politische, sondern auch das religiöse Empfinden meiner Lehrerin so stark bombardiert, dass sie sich einer Diskussion nun komplett entzog.

»Menschen, die bestimmte Meinungen vertreten, gehören in Haft. Was die sagen, ist verbrecherisch. Und damit ist das Thema beendet!«, würgte sie das Gespräch nun endgültig ab, was mich nur noch wütender machte. Doch bevor ich noch widersprechen konnte, klingelte bereits die Schulglocke. Ich packte mir meinen Rucksack und ging aus der Klasse. Ich hatte eine ungeheure Wut im Bauch. Ich fühlte mich wieder an meine Kindheit erinnert. An die Diskussionen mit meinem Vater. Es war einfach ungerecht, dachte ich. Sie versuchte ja nicht einmal, mit Argumenten gegen mich anzukommen, sondern sie würgte jede Diskussion ab. Wie konnte das nur sein?

Dabei ging es mir gar nicht darum, die rechtsextremen Parteien grundsätzlich zu verteidigen. Ich hatte überhaupt keine Sympathien für sie oder ihre politische Gesinnung. Es ging mir nur um diesen einen Punkt. Es ging mir um die Meinungsfreiheit. Dass sie doch das Recht haben müssten, ihre Meinung zu äußern, so, wie alle anderen auch. Um nichts anderes.

»Hey Axel«, hörte ich die Stimme von einem Klassenkameraden. »Warte mal.« Ich blieb stehen und sah, wie eine Gruppe Jungs auf mich zukam. Sie strahlten mich an und klopften mir auf die Schulter. »Super gemacht, Axel«, sagten sie.

»Wirklich?«, fragte ich nach. Ich spürte, wie die Wut ein wenig verflog. Scheinbar war ich für meine Klassenkameraden ein Held. Das beruhigte mich. Sie hatten offensichtlich erkannt, worum es mir ging. Sie hatten verstanden, irgendetwas stimmte nicht und dass ich mich stark für die Meinungsfreiheit in diesem Land machte und die Dinge hinterfragte, statt sie einfach nur hinzunehmen und …

»Ja, das war spitzenmäßig! Es ist gar nicht aufgefallen, dass ich meine Hausaufgaben nicht dabei hatte. Du musst das jetzt unbedingt öfter machen.«

»Was denn machen?«, fragte ich etwas naiv.

»Na, die Lehrer in solche Diskussionen verwickeln. Dann prüfen die die Hausaufgaben nicht …«

»Aber … findet ihr denn nicht, dass ich recht habe? Ich meine, es wird ständig von Meinungsfreiheit gesprochen und …«

Sie zuckten mit den Schultern. »Ach, ist uns doch egal«, sagten sie. Okay, vielleicht hatte ich mich doch ein wenig zu früh gefreut. Echte Verbündete hatte ich noch nicht gefunden.

Es geht bei Radikalisierungsprozessen meistens nicht primär um die Ideologie. Oft geht es um unerfüllte Bedürfnisse. Wenn zur richtigen Zeit, die falschen Leute auf einen zukommen, besteht die große Gefahr von ihnen abgefischt zu werden. Egal ob Kommunist, Salafist, oder Rechtextremist. Darum ist es zentral, den Menschen zuzuhören. Ihre Bedürfnisse und Sorgen ernst zu nehmen. Auf einer zunächst einmal ganz unpolitischen Art.

* * *

Als ich abends nach Hause kam, erzählte ich meinen Eltern von dem, was an diesem Tag in der Schule passiert war. Meine Mutter verteilte die Spaghetti, die sie gekocht hatte, auf unseren Tellern. »Wie kann es denn sein, dass sie einfach bestimmte Meinungen nicht zu Wort kommen lässt?«, fragte ich in den Raum hinein. Meine Mutter hörte gar nicht richtig zu. Mein Vater schaute mich grimmig an. »Um welche Parteien ging es denn da?«, fragte er mich.

»Um die NPD und die …«

»Ach«, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Junge, hör doch auf! Die braucht kein Mensch. Das sind Nazis!« Ich schüttelte den Kopf. »Aber Papa, es geht hier doch ums Prinzip.«

»Prinzip, Prinzip – im Prinzip sind das einfach Nazis. Die können weg. Die reden nur Murks.«

»Es geht ja nicht darum, dass ich teile, was sie sagen. Es geht nur darum, dass sie doch ein Recht haben sollten, es überhaupt zu sagen, wir leben hier schließlich in Deutschland und nicht in einer Diktatur.«

»Junge, wenn du Politik machen willst, dann solltest du zur Jungen Union gehen«, sagte mein Vater. »Die sind in Ordnung. Mit denen kannst du über so was diskutieren. Aber nicht mit diesen Quatsch-Parteien.« Die Junge Union? Hm, dachte ich. Warum eigentlich nicht. Einen Versuch war es wert. ich schrieb die Jugendorganisation der CDU an und traf mich mit ihnen. Sie hatten einen Stammtisch in der Region. Doch so wirklich wurde ich nicht mit ihnen warm. Ich hatte das Gefühl, dass es den Leuten hier nicht so wirklich darum ging, etwas zu verändern. Sondern darum, irgendwo in der großen Politik mitzuspielen und sich einen Posten zu sichern.

Ich wollte mit ihnen unbedingt über das Thema sprechen, was mich so sehr beschäftigte. Die Meinungsfreiheit. Ich erzählte ihnen, was ich in der Projektwoche erlebt hatte, doch es war den Leuten, die hier saßen, völlig egal. Sie schauten mich nur an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, winkten ab und beerdigten das Thema. Sie nahmen mich einfach nicht ernst. Sie behandelten mich genauso, wie mein Vater und meine Lehrerin mich behandelt hatten. Und das machte mich einfach nur wütend.

Nein, ich konnte mit der Jungen Union wirklich nichts anfangen. Also versuchte ich es doch bei der NPD.

Selbst gut gemeinte Ratschläge können manchmal einfach nur als Schläge empfunden werden. Auf diese Weise werden extremistische Narrative von einer »fehlenden Diskussionskultur« gefüttert.

Gerade zu Beginn einer Radikalisierung ist es wichtig, sachlich auf die Probleme der Menschen einzugehen, statt eine Diskussion einfach abzuwürgen. Es geht darum, sein Gegenüber ernst zu nehmen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen – und somit eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit Feindbilder gar nicht erst entstehen können.

* * *

Ich stieg aus der Bahn und schaute mich um. Melatenfriedhof, Köln-Lindenthal, es war 19 Uhr. Mittlerweile war es schon dunkel. Ich war zum ersten Mal in dieser Ecke der Stadt. Es war nicht sonderlich viel los. Ein paar Autos fuhren vorbei. Es war kaum noch jemand unterwegs. Ich schaute mich um. Die Straßenlaternen tauchten die Haltestelle in ein orangenes Licht, eine ältere Frau wartete auf die nächste Bahn.

Dann sah ich am anderen Ende der Straße ein paar Menschen stehen. Vorsichtig näherte ich mich ihnen. Noch bevor ich etwas sagen konnte, kam einer von ihnen auf mich zu. »Du musst Axel sein?«, sprach er mich an. »Wir hatten miteinander geschrieben«, begrüßte er mich in kölschem Singsang. Das war Peter Lingnau, Vorsitzender der NPD Köln. Eine wirkliche Erscheinung. Peter war ein großer, bärtiger Mann, dem an beiden Händen zahlreiche Finger fehlten. Er hatte als Jugendlicher einmal versucht, eine Bombe zu bauen. Nun, das hatte offensichtlich nicht so richtig funktioniert.

»Schön, dass du gekommen bist«, sagte er herzlich und legte seine Hand auf meine Schulter. »Komm, wir gehen rüber.« Ich schloss mich der Gruppe an, und wir marschierten im Gänsemarsch über die große Hauptstraße zu einem Wirtshaus. »Wirtshaus Stass« stand auf dem großen Eingangsschild. Als wir die Tür öffneten, schlug mir eine angenehme Wärme entgegen. Wir wurden gleich von dem Wirt begrüßt, einem dickbäuchigen Holländer mit einem Zwirbelbart. Er führte uns an unseren Platz in einem kleinen Saal, den der Holländer mit einer Schiebetür vom Rest der Gaststube separierte.

Ich schaute mich um. Es hatten sich gut 20 Leute eingefunden, ein durchmischtes Publikum. Die meisten wirkten recht bürgerlich. Da saßen sogar honorige Leute: Rechtsanwälte, Postangestellte, aber auch ein paar Rentner, die gerne in Erinnerungen schwelgten und von einem besseren Deutschland träumten. Und das sollten die bösen Nazis sein, vor denen ich gewarnt wurde? Das konnte ich gar nicht glauben. Diese Leute wirkten doch völlig harmlos.

Dann eröffnete Peter die Runde. Er sprach ein wenig von den anstehenden Wahlkampfveranstaltungen und von der allgemeinen politischen Lage innerhalb der Partei. Es war ein bisschen langweilig. Aber Peter schaffte es, selbst die trockensten Pflichtpunkte der Tagesordnung mit ein wenig Selbstironie und seinem rheinischen Charme sympathisch herüberzubringen.

Nach einer guten Stunde Pflichtprogramm ging der Abend in den geselligen Teil über. Es wurde noch eine Runde Bier bestellt und ganz plötzlich rückte ich in den Mittelpunkt der Veranstaltung.

Lingenau stellte mich vor. »Wir haben hier einen ganz besonderen Gast«, sagte er. »Einen jungen Mann, der schon sehr früh erkannt hat, was hier in diesem System falsch läuft«, führte er mich ein.

»Was macht denn ein so junger Kerl wie du bei uns?«, fragte mich ein älterer Mann. Ich überlegte kurz, was ich ihm sagen sollte, dann entschied ich mich, ihm meine Geschichte zu erzählen. Ich berichtete also von Frau Söhnke-Wittlau, erzählte ihm von der Projektwoche und von den Wahlprogrammen, die meine Lehrerin einfach weggeworfen hatte.