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Eine Frau um die vierzig gerät beruflich und privat in eine schwere Krise. Sie kann weder lieben noch arbeiten. Sie traut sich kaum noch aus dem Haus. Ängste und Panikattacken werden ihre ständigen Begleiter. Auf der Suche nach Ursachen und Gründen beginnt sie, sich mit ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen und enthüllt die traumatischen Erlebnisse ihrer Mutter und Großmutter in den Wirren von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Aufdeckung und Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse lässt sie den Zusammenhang zu ihren eigenen Lebensschwierigkeiten erkennen. Der mühevolle Erkenntnisprozess führt in winzigen Schritten zur Heilung ihrer Ängste und wirkt sich schließlich positiv auf all ihre Beziehungen, vor allem auf die zu ihrer Tochter aus. "Ein bekanntes Sprichwort lautet: Ohne Wurzeln keine Flügel. Es drückt das Schicksalsmuster unserer Generation aus. Wir, die wir der mittleren Generation in Deutschland angehören, sind buchstäblich in den Sedimenten von Krieg und Gewalterfahrung groß geworden. Aber alle Autoritäten, unsere Eltern, unsere Lehrer und die Politik, haben in unserer Jugend die kaum überwucherten echten und die ebenso präsenten geistigen Ruinen zu etwas Normalem, Gewöhnlichem erklärt. Zu etwas, das ist, was es ist, und das nicht weiter befragt werden muss. Wer nicht in die Geschichte zurückblicken kann, wird auch seine Zukunft nicht tragfähig gestalten können. Er kennt sich selbst nicht. Wer aber seine Wurzeln nicht kennt, wird auch keine tragfähigen Entscheidungen treffen können, weder persönlich noch im Beruf. Um zu guter Letzt doch noch heil und ganz zu werden, müssen wir uns dem Nebel stellen, der auf unserer Geschichte und unseren Familien liegt." Joachim Süss, Nebelkinder
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Eine Frau um die vierzig gerät beruflich und privat in eine schwere Krise. Sie kann weder lieben noch arbeiten. Sie traut sich kaum noch aus dem Haus. Ängste und Panikattacken werden ihre ständigen Begleiter. Auf der Suche nach Ursachen und Gründen beginnt sie, sich mit ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen und enthüllt die traumatischen Erlebnisse ihrer Mutter und Großmutter in den Wirren von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Aufdeckung und Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse lässt sie den Zusammenhang zu ihren eigenen Lebensschwierigkeiten erkennen. Der mühevolle Erkenntnisprozess führt – in winzigen Schritten – zur Heilung ihrer Ängste und wirkt sich schließlich positiv auf all ihre Beziehungen, vor allem auf die zu ihrer Tochter aus.
Angela Baumgart, geboren 1963 in Eisenach als Tochter eines ostpreußischen Vaters und einer schlesischen Mutter.
Sie arbeitet heute als Bühnen- und Kostümbildnerin am weltberühmten und vielfach preisgekrönten Puppentheater Halle.
In der Anthologie Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, Europa Verlag, Berlin, München, Wien 2015 erschien ihr Beitrag: Schlag drein; dass noch ihre Enkel und Urenkel zittern!
Was ich in meinem Leben alles mitmachen musste
Vielleicht gibt es ein dunkles Geheimnis
Es ist meine Mutter gewesen, meine Leiche
Es ist ihr passiert
Wir wollten die Toten mit an den Tisch holen
Ich konnte ihr nichts Gutes tun
Die Erzählungen beginnen immer mit der Flucht
Niemand war vom Schicksal ausgeschlossen
Ich weiß nicht, wie ich einen einzigen Tag aushalten soll
Auf dem Treck war jeder für sich selbst verantwortlich
Verreisen war für meine Mutter zeitlebens eine Qual
In allem war der Vorwurf, ihr habt das nicht erlebt
Die Kinder der Vertriebenen suchen etwas, das ihnen fehlt
Ich bin Expertin der Geschichte meiner Mutter
Die Luzia, die hat so viel mitgemacht
Mit Essen wurde alles zugestopft in unserer Familie
Als werde ich zur Zwangsarbeit verurteilt
Es war immer eine geheime Angst in der Familie
Genau hier fuhren sie
Sie waren der Container, in den das hineingetan wurde
Sie hat mich nicht geliebt, weil sie ihre Seele verloren hat
Nachtrag
„Was ich in meinem Leben alles mitmachen musste und immer noch mitmachen muss“, sagt meine Mutter, noch ehe ich die Eingangstür zu ihrer Wohnung richtig geschlossen habe. Sie erzählt mir wortreich vom Enkelkind von Tante Christa. Der Kleine ist drei Monate alt, er kam mehrere Wochen zu früh zur Welt und ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben. Nun wurde ein Loch im Kopf festgestellt, die Fontanelle hat sich nicht geschlossen. Letzte Woche musste er operiert werden, in einer Spezialklinik. Gaby, die Mutter, wohnt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf und musste für diese komplizierte Operation extra nach Zwickau kommen. Meine Mutter ist überzeugt, wenn das Baby in eine Spezialklinik eingeliefert wird, ist es besonders schlimm, und sie hat sich die ganze Zeit um Gaby und das Baby gekümmert und so viele Sorgen damit gehabt. All das erzählt sie mir, während ich vollauf mit meinen eigenen Problemen beschäftigt bin. Sie sei fix und fertig von dieser Woche, sagt sie.
Genau genommen sind wir mit Tante Christa gar nicht verwandt. Sie war nur bei allen Familienfeiern dabei, ich glaube, weil sie aus dem gleichen Dorf stammte wie meine Mutter. Ich bin eifersüchtig, dass sie sich um andere so kümmert. Um mich hat sie sich nie so gekümmert.
Seit einiger Zeit habe ich düstere Stimmungen. Es ist wie ein Fallen in ein tiefes Loch und ich habe Angst, nicht mehr klar denken zu können. Ende Januar hat sich Manuel von mir getrennt und ich bin mit Anna in eine neue Wohnung gezogen. Ich habe alles renoviert und den Umzug ohne fremde Hilfe bewältigt. Nun steht alles wieder an seinem Platz, aber ich komme nicht zur Ruhe. Meine Arbeit fällt mir zusehends schwer, ich habe jegliche Leichtigkeit verloren. Kurz vor Ostern habe ich Richard kennengelernt und mich neu verliebt.
Am Sonntag hat er mich zu sich nach Elmershausen eingeladen. Ich habe mich gefreut, aber die Vorstellung, allein in meinem Auto auf der Autobahn zu fahren und womöglich in einem engen Baustellenabschnitt ohne Standstreifen eine Panikattacke zu bekommen, hat mich schon Tage vorher geängstigt. Ich habe meine Freundin Laura gebeten, mich zu begleiten. Sie war einverstanden, am späten Abend allein mit dem Zug zurückzufahren. Ich wollte bei Richard übernachten. Er hatte ein wunderbares Essen vorbereitet, Thüringer Klöße, Schweinebraten und Rotkohl. Ich habe nichts herunterbekommen. Ich kann seit einiger Zeit kaum etwas essen. Ich wiege nur noch neunundvierzig Kilo. Die ganze Zeit habe ich so getan, als ob ich esse, aber jeder Bissen fiel mir schwer, mit jeder Minute wurde es mir unangenehmer, dass mein Teller noch voll war. Ich versuchte, heimlich Laura etwas zu geben und lächelte angestrengt. Mir war, als bin ich gezwungen, alles aufzuessen. Ich traute mich nicht zu sagen, dass ich keinen Appetit habe.
Am nächsten Morgen fährt Richard sehr früh zur Arbeit. Als ich etwas verspätet aufwache, bin ich allein in seiner Wohnung. Ich gehe unter die Dusche. Ich muss mich langsam beeilen und zurück nach Zwickau fahren, denn zehn Uhr habe ich eine Besprechung mit unserem Spartenleiter am Theater.
Ich gehe in die Duschkabine, nehme das Duschbad in die Hand und stelle das Wasser an. Plötzlich bekomme ich keine Luft mehr. Mein Herz beginnt zu rasen, der Hals ist wie zugeschnürt und mir wird schwarz vor Augen. Fluchtartig verlasse ich die Duschkabine und setze mich auf den Bettrand im Schlafzimmer. Das Herzrasen hört nicht auf, ich muss den Notdienst anrufen, denke ich, sonst sterbe ich und niemand findet mich hier. Aber es ist peinlich, den Notdienst zu rufen oder überhaupt jemanden anzurufen. Das muss doch wieder weggehen oder aufhören, aber es hört nicht auf. Ich sitze da, noch halb nass und horche, wie mein Herz klopft und ob es überhaupt noch klopft. Ich versuche, mich auf meinen Atem zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht. Das Einatmen funktioniert nicht mehr richtig. Ich muss mich weiter anziehen, aber beim Aufstehen wird mir schwindlig und das Herzklopfen wird schlimmer. Ich will hier weg, denke ich, schnellstens, muss heraus aus dieser Wohnung an die frische Luft. Ich schaffe es irgendwie mich fertig anzuziehen, packe notdürftig meine Sachen zusammen und hoffe draußen wird es besser. Schließlich stehe ich auf der Straße und will in mein Auto steigen, aber schlagartig wird mir klar, ich kann nicht mehr Auto fahren. Resigniert mache ich die Autotür wieder zu. Ich werde mit dem Zug fahren müssen. Aber was wird Richard denken, wenn er heute Abend heimkommt, mein Auto steht noch da und ich bin weg? Das ist doch eindeutig krank oder verrückt. Seit meinem Aufwachen ist zu viel Zeit verstrichen. Ich rufe meinen Chef an und sage ihm, dass ich zu spät komme zu unserem Termin. Auf dem Weg zum Bahnhof wird mir klar, dass ich überhaupt nicht hingehen kann. Ich muss also noch mal anrufen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Besprechung abgesagt, was sage ich denn überhaupt, warum ich plötzlich nicht kommen kann? Ich zögere. Vielleicht geht „das“, was ich habe, in der nächsten Stunde weg und ich kann am Theater sein, nur etwas später als verabredet. Im Zug zurück nach Zwickau begreife ich, „das“ geht nicht mehr weg. Ich muss jetzt aus dem Zug steigen, muss die Besprechung absagen und zu meiner Ärztin gehen.
„Was habe ich für eine Krankheit?“, frage ich sie, als ich endlich drankomme. Ich deute an, dass vor ein paar Monaten meine letzte Beziehung zu Ende gegangen ist und füge schnell hinzu, dass es für mich nicht weiter schlimm war. Aber ich fange auf einmal an zu heulen. Das erste Mal seit vielen Jahren. „Sie hängen noch sehr an Ihrem Freund, der Sie verlassen hat“, sagt sie. „Sie haben ihn sehr geliebt und haben die Trennung noch nicht verkraftet.“ Ich denke, nein, das kann nicht sein, ich habe doch längst einen Neuen und bin wieder verliebt.
Sie verschreibt mir ein Antidepressivum und sagt: „Sie brauchen eine Therapie!“ Beim Schreiben des Rezeptes sage ich zu ihr, dass ich das nicht nehmen will. Sie gibt mir etwas Pflanzliches und sagt: „Dann versuchen Sie es mit diesem Präparat.“ Mal sehen, denke ich, ob ich das überhaupt nehme. Ich will von nichts und niemandem abhängig sein.
Nun bin ich krankgeschrieben. Ich sitze zu Hause und fühle mich von Tag zu Tag schlechter. Inzwischen habe ich einen Termin bei einer Fachärztin für Psychiatrie und befürchte, in eine Klinik gehen zu müssen. Ich will etwas tun gegen diese Krise und dabei muss mir jemand helfen, denke ich. Andererseits will ich es allein schaffen, ohne Medikamente und ohne fremde Hilfe.
Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich hätte lieber Krebs als dieses Elend. Ich bin gelähmt, kann nicht mehr arbeiten. Ich will unbedingt das nächste Bühnenbild machen, das ist meine Chance, endlich auf der Großen Bühne arbeiten zu können. Die Premiere ist im Herbst, bis dahin ist noch etwas Zeit, aber jetzt müssen die Entwürfe abgegeben werden und mir fällt der Zeichenstift aus der Hand. Ich will das Modell bauen, aber ich starre nur in den schwarzen Bühnenkasten. Ich will ein Kostüm zeichnen, aber es geht einfach nicht. Ich bekomme Angst, meiner Arbeit nicht mehr gewachsen zu sein. Alles wird zusammenbrechen.
Nach einer Woche zu Hause gehe ich in den Wald. Laufen ist bestimmt gut. Zehn Jahre lang bin ich nicht mehr allein spazieren gegangen, stelle ich währenddessen fest. Ich habe nur für meine Arbeit gelebt, wollte alles richtig machen, indem ich mehr als nötig tue und immer anwesend bin. Für meine Tochter Anna blieb nicht viel an Zeit übrig und für meine Partner auch nicht. Deshalb musste es so kommen, wie es gekommen ist, auch dass Manuel sich von mir getrennt hat.
Es ist Nacht. Ich halte die Einsamkeit nicht aus. Ich umschleiche das Telefon und überlege, ob ich eine Klinik anrufe.
Dann holt mich der Notdienst ab mit einem Arzt und eine Schwester legt mich in ein schönes weißes Bett und ich werde gefragt, wie es mir geht. Ich stelle mir vor, dass sie mir das Essen bringen und sich um mich kümmern. Vor allem wäre ich nicht mehr allein und wenn die Angst wiederkommt, könnte ich jemanden rufen. Jemand würde sich an mein Bett setzen und mich trösten, ich könnte endlich ruhig schlafen. Das wäre schön.
Die Nacht vergeht und ich rufe nirgendwo an. In eine Klinik zu gehen wäre für mich das Eingeständnis meiner Ohnmacht. Diese Krise ist wie der Beginn einer Reise, aber ich weiß nicht, wohin sie führt. Am Telefon spiele ich allen Kollegen, mit denen ich etwas besprechen muss, die organisch Kranke vor, die von zu Hause aus alle Arbeitsprozesse im Griff hat. Aber währenddessen habe ich das Gefühl, überhaupt nichts mehr bewirken zu können.
Die Zeit ist ein großer grauer Klumpen. Sie vergeht nicht. Bloß nicht noch eine Woche nutzlos verbringen, aber es gibt kein Vor und kein Zurück in meinem Zustand. Ich bin zermürbt. Ich will so schnell wie möglich gesund werden und meine Arbeit wieder machen. Wenn ich jetzt noch eine Woche länger krankgeschrieben bin, werden sie am Theater sagen, sie sollte das Weihnachtsmärchen auf der Großen Bühne ausstatten und nun versagt sie. Am Wochenende wollte ich mit Anna nach Berlin fahren zur Love-Parade, eine Woche später eine Dachterrassenparty zu meinem fünfunddreißigsten Geburtstag veranstalten, danach mit Richard nach Bregenz zu den Seefestspielen und nach Hannover zur Expo 2000 fahren. All das fällt für mich aus und meine Urlaubsreise kann ich auch vergessen. Ich hasse mich, ich hasse diesen Zustand. Ich habe Wut auf diese Krankheit.
Die Tragik meiner letzten kaputten Liebesbeziehung stürzt auf mich ein. Es war wie ein Sog, auf den Zusammenbruch hinzuarbeiten. Ich habe mich nach der Trennung von Manuel nicht geschont, habe gearbeitet wie eine Maschine und nichts mehr gegessen. Ich habe fünf Inszenierungen ausgestattet in nur drei Monaten und habe mir alles abverlangt.
Ich gehe zu meiner Mutter und frage sie hilflos, was ich machen soll, wenn ich nie mehr arbeiten kann. Sie sagt zu mir: „Vielleicht lebe ich noch ein bisschen, dann sorge ich für dich, der Vater und ich haben eine gute Rente.“
Auf einmal will sie für mich sorgen. Als Kind habe ich kaum Liebe bekommen, da zählte nur meine Leistung. Und überdies wollte meine Mutter mich gar nicht haben. „Um Gottes willen, nicht noch ein Kind in dieser schwierigen Situation mit der Oma“, sagte sie und meinte damit ihre Schwiegermutter. „Dein Vater wollte immer Geschlechtsverkehr und da ist es passiert. Dein Vater ist schuld.“
Sie haben in ihrem Leben eine offene Rechnung, sagt meine Therapeutin Frau Klatt in der ersten Stunde, und die muss mit ihrer Mutter zu tun haben. Ich war das freundliche Kind, das leistungsfähige Kind. Das hochbegabte Kind, das schon im Kindergarten lesen, rechnen und schreiben konnte und welches die erste Klasse überspringen sollte. Ich habe mich immer angestrengt, es allen recht zu machen.
Nach der ersten Stunde mit Frau Klatt träume ich einen merkwürdigen Traum. Ich bringe frisches Obst und Gemüse in einen Keller und soll dort etwas kochen. Meine eingekauften Lebensmittel trage ich in einen dunklen Raum. Dort stehen eine alte Badewanne und Utensilien, die an einen Kreißsaal erinnern, ein Gynäkologenstuhl, eine Babybadewanne und eine Waage. Ich frage den Mann, der dort sitzt, ob das früher einmal eine Geburtsklinik war. Er sagt, nur so etwas Ähnliches, er habe hier früher Kinderleichen verbrannt. Die Leichen der Babys, die gleich nach der Geburt gestorben sind. Er lacht dabei merkwürdig. Alle Gegenstände in diesem Raum, die Badewanne, das Waschbecken, ein Wasserkrug und eine Porzellanschüssel, sind dunkel angelaufen aber blitzsauber. Sie sehen aus, als wären sie mit einer dicken schwarzen Rußschicht überzogen. Über dieser Rußschicht ist ein glänzender Lack aufgetragen, der den Gegenständen eine abwaschbare, blanke Oberfläche verleiht.
Ich liege zu Hause auf meinem Sofa und grübele niedergeschlagen über mein bisheriges Leben nach. Ich habe oft Selbstmordgedanken gehabt. Viele Jahre lang bewahrte ich eine Ampulle mit Insulin und eine passende Kanüle dazu in meiner Schreibtischschublade auf. Beides hatte ich mir zugelegt in der Zeit, als ich nach dem Abitur im Krankenhaus gearbeitet und mir ausgedacht habe, welche Methode wohl am besten ist, um schnell und relativ schmerzlos zu sterben. Diese konkreten Gedanken verschwanden mit der Zeit, aber bis heute denke ich, wenn ich eines Tages Krebs bekomme und sterbe, ist wenigstens dieser Lebenskampf zu Ende.
In der nächsten Therapiestunde erzähle ich Frau Klatt, dass mein Vater aus Ostpreußen stammt und meine Mutter aus Schlesien. Sie sind beide Flüchtlinge und am Ende des Zweiten Weltkrieges dazu gezwungen worden, ihre Heimat zu verlassen. Frau Klatt sagt daraufhin: „Das, worunter Sie leiden, gibt es oft in der zweiten Generation dieser Familien.“
Wenn meine Mutter mich anruft, erzählt sie mir gruselige Geschichten. Die erste ist, dass ein entflohener Mehrfachmörder in Thüringen gesehen worden sein soll. Thema Nummer zwei ist das fünfzehnjährige Mädchen, das in Zwickau verschwunden und wahrscheinlich vergewaltigt worden ist. Es gibt keine Katastrophe in Deutschland oder der Welt, die an meiner Mutter spurlos vorübergeht. Keine schreckliche Nachricht, die nicht ausgebreitet und ausführlich beredet wird. Wie es mir geht, das fragt sie auch nach stundenlangen Gesprächen nicht.
Kommen von ihr all meine Ängste vor Einbrechern und Mördern? Wenn ich als Kind abends allein war, habe ich alle Zimmertüren um mich herum abgeschlossen, alle Lampen angeschaltet, mir aus der Küche das größte Messer geholt und es auf meinen Nachtschrank gelegt. Ich habe mich zitternd ins Bett gelegt, auf jedes Geräusch gelauscht und konnte erst einschlafen, wenn meine Eltern wieder da waren. Sie sind immer gemeinsam ausgegangen, haben überhaupt alles gemeinsam gemacht, aber sich dabei ununterbrochen gestritten, wobei der Streit vorrangig von meiner Mutter ausging. Alles, was mein Vater tat, war in ihren Augen unzulänglich. Ständiger Streit und lautes Schimpfen und Brüllen gehörte zur Tagesordnung und lange Zeit in meinem Leben habe ich gedacht, dass es in allen Familien so zugeht. Manchmal, wenn es besonders heftig wurde, hat meine Mutter mit Selbstmord gedroht. Die Schuld wurde auch auf uns Kinder geschoben und sie hat gesagt: „Ich gehe jetzt in den Wald und hänge mich auf, dann müsst ihr sehen, wie ihr allein klarkommt. Ihr werdet euch alle umgucken, wenn ich nicht mehr da bin.“
Als Barbara und ich älter waren und abends ausgingen, hat sie uns gewarnt: „Ihr müsst euch immer von Freunden nach Hause bringen lassen. Ihr dürft auf keinen Fall allein die dunklen Straßen entlanggehen, es kann Schreckliches passieren.“ Sie konnte erst zu Bett gehen, wenn wir wieder heil zu Hause angekommen waren, mit zunehmendem Alter fehlten ihr wegen mir viele Stunden Schlaf.
Sie war oft inkonsequent, hilflos und hat viel durchgehen lassen, aber in einem Bereich war sie äußerst streng. Ich war hübsch und frühreif, deshalb wurden jegliche anfangs völlig harmlose Kontakte mit Jungen in meinem Alter peinlich überwacht und wenn möglich verhindert. Als ich mit dreizehn Jahren mit einem Schulfreund im Schwimmbad war, gab es hinterher heftige Ohrfeigen. Also habe ich alles heimlich gemacht, bin zum Beispiel in Schlabberhose und Wollpullover aus der Wohnung gegangen und habe mir im Keller den Minirock für die Disko angezogen. Ich konnte vieles verbergen, aber wenn sie etwas herausbekam oder ich zu spät zu Hause erschien, wurde sie zur Furie und hat mich furchtbar beschimpft. Sie hat am ganzen Körper gezittert, mich wegen harmloser Treffen mit Freunden als Nutte beschimpft und Ausgehverbot erteilt. Ich habe trotzdem, so gut es ging, gemacht, was ich wollte und es genossen. In dieser Hinsicht habe ich mich losgesagt von ihr, aber ihre Ängste, die habe ich übernommen. Nach dem Abitur wohnte ich während meiner Ausbildung für ein Jahr in Berlin in einem Wohnheim in Grünau, am Waldrand. Ich hatte ein Zimmer im Parterre. Eines Nachts polterte es an meinem Fenster, ich schreckte auf und sah in das Gesicht eines NVA-Soldaten, der dabei war, in mein Zimmer einzusteigen. Erstarrt, wie ich war, konnte ich nicht einmal schreien. Er bemerkte seinen Irrtum und sagte entschuldigend, er habe sich im Fenster geirrt und wolle zu einem anderen Mädchen. Noch lange danach bin ich vor Angst, dass er mir etwas antut, fast gestorben.
Seit ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich eine Gesprächstherapie mache, ist unser Verhältnis noch schwieriger geworden. Ich sage zu Frau Klatt: „Ich habe Angst, die Liebe meiner Mutter zu verlieren.“ „Warum haben Sie Angst, etwas zu verlieren, was Sie gar nicht besitzen?“, fragt sie. Sie hat recht. Funktioniere ich nicht so, wie meine Mutter es sich vorstellt, verfolgt sie mich mit ihrem Hass. Zu meinem Geburtstag habe ich eine Karte bekommen von meinen Eltern. Auf dieser Karte steht wie immer:
Zum Geburtstag die besten Wünsche übermitteln dir deine Eltern
Voller Wut stelle ich sie diesmal zur Rede. „Diese Redewendung ist dermaßen förmlich, das klingt wie der offizielle Schriftverkehr in einer Bankfiliale“, sage ich zu ihnen. „So schreibt ihr an euer eigenes Kind!“
Meine Mutter rechtfertigt sich und freut sich schon auf ihren Seitenhieb, den sie gleich austeilen wird: „Diese Karte hat der Vater geschrieben.“
Ich sage: „Wenn der Vater so eine förmliche Karte schreibt, hättest du doch noch eine eigene gefühlvolle schreiben können.“ Darauf schreit sie mich an: „Warum hätte ich dir überhaupt eine Geburtstagskarte schreiben sollen, nun, wo ich an allem schuld sein soll? Jetzt, wo du zu einer Frau gehst und ihr lauter Lügengeschichten über mich erzählst.“
Ich schreie zurück: „Weißt du, was Siegmund Freud gesagt hat? Der größte Egoist ist der, der noch niemals in seinem Leben daran gedacht hat, dass er ein Egoist sein könnte.“
So ist es oft. Wenn ich meine Mutter besuche, sagt sie schon an der Tür zynisch zu mir: „Das ist ja schön, dass du dich auch mal wieder blicken lässt.“ Da möchte ich am liebsten wieder umdrehen. Bei fast jeder Familienfeier gibt es Zoff. Manchmal läuft es glimpflich ab, dann denke ich, diesmal war alles in Ordnung, und nach ein paar Tagen treffe ich sie in der Stadt und sie fängt aus heiterem Himmel an, mich zu beschimpfen. Dass ich mich das letzte Mal wieder unmöglich benommen hätte vor anderen Leuten und sie bedauert sich, da keine Mutter eine so furchtbare Tochter hat wie sie. Zeit ihres Lebens sei sie gestraft mit mir, vor allem, weil sie sich mit mir nur blamiert.
Soll sie doch endlich tot sein, denke ich, dann hört das auf.
Dann kann sie mich nicht mehr verletzen.
Mit der Flugangst fing alles an, am Beginn meiner Beziehung mit Manuel. Ich hatte eine Urlaubsreise nach Malta gebucht, mit Anna und meinen Eltern.
Kurz zuvor hatte ich mich von Victor getrennt. Manuel, mein neuer Freund, hat kurzerhand die gleiche Reise gebucht. Wir landen in der Hauptstadt La Valetta und plötzlich wird mein Name auf dem Flughafen ausgerufen. In gebrochenem Deutsch wird gesagt, ich solle mich unverzüglich an einem der Schalter melden. Mir wird ein Telegramm ausgehändigt von Victor. Er hat herausgefunden, dass Manuel mit uns gefahren ist und droht, mir unverzüglich hinterher zu reisen. Jeden Tag und jede Nacht bekomme ich mehrere Anrufe von ihm auf meinem Hotelzimmer. Mal beschließt er, alle meine Möbel zu einer Spedition zu bringen und ein neues Schloss in unserer noch gemeinsamen Wohnung zu installieren. Dann wiederum bettelt er, dass ich zu ihm zurückkommen soll. Wieder ein anderes Mal kündigt er an, sofort ins nächste Flugzeug zu steigen und unsere Idylle zu zerstören.
Beim Frühstück und beim Abendessen schaue ich die ganze Zeit, wahrscheinlich genauso oft wie meine Mutter, auf die Eingangstür des Hotels. Jeden Moment befürchte ich, dass er hereinkommt mit einem Revolver in der Hand und mich aus Wut erschießt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon meine Mutter hilflos vor ihrem erschossenen Kind stehen. Ich habe Angst und versuche, sie vor ihr zu verbergen. Auch sie hat Angst und verbirgt sie vor mir. Der gesamte Urlaub ist für mich eine Qual, ich komme nicht zur Ruhe und fürchte mich immer mehr vor der Rückreise. Auf dem Flug gibt es Turbulenzen und meine Angst beginnt sich zu steigern. Ich bin überzeugt, wenn Victor nicht nach Malta gekommen ist, steht er bestimmt in Frankfurt auf dem Flughafen und wird mich dort in der Ankunftshalle erschießen. Im Flugzeug sitzen Leute neben uns, die mehrmals im Jahr nach Malta fliegen. Sie lesen entspannt in ihren Zeitungen. Aber als die Turbulenzen heftiger werden, schlagen auch sie die Zeitungen zusammen und fächeln sich damit Luft zu. Nun bin ich gänzlich erstarrt und überzeugt, dass wir jeden Moment abstürzen.
Wir sind nicht abgestürzt und ich bin auch nicht erschossen worden, aber seitdem bin ich nie wieder in ein Flugzeug gestiegen. Mit dieser Flugangst hatte es angefangen und andere Ängste sind dazugekommen.
In den nächsten Theaterferien habe ich eine Busreise nach Kroatien gebucht. Fliegen kann ich ja nicht mehr. Ich fahre allein mit Anna. Sie ist jetzt dreizehn Jahre alt, entwickelt ihren eigenen Willen und beginnt sich von mir abzunabeln. Nur mit Mühe konnte ich sie zu gemeinsamen Unternehmungen während der zwei Wochen überreden. Die übrige Zeit traf sie sich mit älteren Jungen aus unserem Hotel und ich war häufig allein unterwegs. Auf einem Schiffsausflug beobachte ich ein kleines Mädchen. Sie ist etwa fünf Jahre alt und sieht hübsch aus mit ihren zwei Zöpfen und ihrer hohen Stirn. So ähnlich habe ich auch ausgesehen auf meinen Kinderfotos, ich, ein niedliches, kleines Mädchen. Das Mädchen auf dem Schiff läuft hierhin und dorthin, guckt interessiert aufs Meer und stellt lauter neugierige Fragen. Zum Ausruhen lehnt es zwischendurch den Kopf an seine Mama und die streichelt es sanft übers Gesicht. Eine kurze Szene voller Harmonie. Warum konnte mich meine Mutter nicht so lieben, frage ich mich. Ich war doch genauso niedlich, mit neugierigen Fragen und meinem Bedürfnis, den Kopf in ihren Schoß zu legen. Aber das konnte ich nie tun. Das war ihr zu viel. Ich war ihr zu viel.
In meiner Kindheit, an jedem Sonnabend, wenn die große Hausarbeit begann, sagte sie zu mir und meiner Schwester: „Wenn ich euch nicht hätte, könnte ich mich auch, so wie die Nachbarin, den ganzen Nachmittag auf den Balkon in die Sonne legen. Aber ich habe euch und deswegen den großen Haushalt und muss mich tot schuften jeden Tag.“
„Diese Verletzungen aus der Kindheit werden Sie noch eine Weile beschäftigen“, sagt Frau Klatt. „Ich werde versuchen, auch Ihre Flugangst zu therapieren, aber selbst, wenn es uns in der gemeinsamen Arbeit gelingt, glaube ich, Sie werden nie mehr gerne fliegen.“ Ich bin enttäuscht. Ich bin davon ausgegangen, sie wird alles schnell „reparieren“. Ich rechne mit ein paar Wochen, aber dann sollen gefälligst alle Ängste weg sein. Nun aber ist noch eine neue Angst ist hinzugekommen, ich muss umziehen. Im nächsten Jahr gibt es eine Spartenschließung am Theater in Zwickau und mein Vertrag läuft aus. Ich habe ein Angebot für Leipzig bekommen, aber schon jetzt fürchte ich mich vor dem Umzug in eine fremde Stadt.
Wie soll ich das schaffen, denke ich im Herbst bei einer Premierenfeier in Leipzig. Hier, wo ich bald arbeiten werde, sind alle große Künstler und alle sind viel besser als ich.
Teresa, die Assistentin des Intendanten, stellt mir ihre Familie vor, ihren attraktiven Mann und die hübsche Tochter, die in Annas Alter ist. Bei anderen ist alles in Ordnung, denke ich, die haben eine stabile Familie und ihre sichere Arbeit. Ich habe nichts von alledem. Anna ist in Zwickau geblieben, treibt sich mit Freunden herum, ich weiß nicht einmal genau wo und mit wem. Nach Leipzig zur Premiere wäre sie niemals mitgekommen. Und Richard ist an diesem Wochenende bei seinem Sohn. Ich fühle mich verloren und noch bevor ich hier angefangen habe zu arbeiten, fürchte ich mich vor den Anforderungen, die auf mich zukommen. Bisher war ich an einem einfachen Stadttheater tätig und habe das Gefühl, dass alles nichts wert ist, was ich bislang gemacht habe.
In Zwickau am Theater fühle ich mich inzwischen sicher und anerkannt, in Leipzig muss ich mich neu beweisen. Für diese neue Anerkennung muss ich mich noch heftiger anstrengen. Ich habe mich immer angestrengt, vor allem, um es meiner Mutter recht zu machen. Ich habe schon aus dem Kinderwagen heraus alle angelächelt, hat sie mir gesagt. Ich wollte und will liebenswert sein für andere, aber mich selbst kann ich nicht besonders gut leiden.
Reflexionen über meine Kindheit kreisen unaufhörlich in meinem Kopf. Am liebsten würde ich meiner Mutter mal einen Brief schreiben. Aber ich schaffe es nicht. Ich schreibe einen ersten Satz, der lautet:
Schon lange wollte ich Dir etwas sagen...
Aber weiter komme ich nicht. Ich scheitere schon bei der Anrede: Liebe Mutti! Da sträubt sich alles in mir. Tagelang, nächtelang, wochenlang denke ich über das nach, was ich schreiben will, aber ich komme zu keinem Ergebnis.
Kürzlich habe ich einen Film gesehen. Eine vierzigjährige Frau lebt mit ihrer Mutter zusammen in einer Wohnung. Die Frau ist beruflich äußerst erfolgreich, aber emotional völlig abhängig von ihrer Mutter. Sie kann sich nicht lösen, versucht es auch gar nicht, sie hat keinen Partner und kein eigenes Leben. Beide verbindet eine furchtbare Hassliebe. Es gibt wenig Berührungspunkte, ein paar Rituale wie ein gemeinsames Essen, ansonsten ertragen sie sich nicht. Sie sprechen entweder überhaupt nicht miteinander oder schreien sich an. Ein düsteres Schicksal scheint sie zu verbinden, sie sind verkettet. Die Tochter will eigentlich weg, sie will ausziehen, aber sie traut sich nicht, die Mutter zu verlassen. Niemand von beiden schafft es, unabhängig zu leben.
Ich bin mit zwanzig Jahren weggezogen von meiner Mutter, zu Georg nach Leipzig. Nach zwei Jahren kam Anna zur Welt. Ein paar Monate danach ging unsere Beziehung in die Brüche und als ich Georg verließ, war ich dreiundzwanzig Jahre alt, alleinstehend mit Kind und mitten in der Ausbildung. Da bin ich wieder zu meiner Mutter zurück. Ich habe gedacht, andernfalls mein Studium nicht beenden zu können. Und sie hat zu mir gesagt: „Ich werde dein Kind betreuen, also kommst du wieder nach Elmershausen.“ So bin ich zurück in mein altes Kinderzimmer. Allein mit Anna zu leben hätte ich nicht vermocht. Und jetzt habe ich Angst, nach Leipzig zu ziehen, ohne Mann und mit einem Kind, das gerade in der Pubertät ist und zu mir sagt: „Wenn wir umziehen, komme ich nicht mit. Da gehe ich lieber in eine Wohngruppe für Minderjährige.“
Früher war meine stets gut gelaunte, immer bis zur Selbstaufgabe arbeitsbereite äußere Seite auch verinnerlicht. Ich habe an meine Fassade geglaubt. Mir war gar nicht klar, dass ich eine hatte. Nun zerfalle ich in zwei Hälften. Die eine Seite von mir kann sehr gut arbeiten, verbreitet überall gute Laune und wirkt selbstsicher. Die andere Seite ist unsicher, von Ängsten und Zweifeln geplagt, müde und lustlos. Diese Seite will ich verstecken. Ich bin überzeugt, dass ich mir meinen Erfolg nur durch übergroßen Einsatz erarbeitet habe. Damit habe ich mich eingeschlichen in Kreise, zu denen ich nicht gehöre, und ich habe mit meinem Arbeitseifer zugedeckt, dass ich eigentlich gar nichts kann. Ich befürchte eines Tages werden das alle merken, wenn sie es nicht schon längst gemerkt haben.
Von Richard habe ich mich etwas entfernt. Ich bin verletzt, wenn er sich nicht um mich kümmert und ich ihn mit seinen Kindern und seinen Freunden teilen muss. Nach zwei Jahren Beziehung bin ich wieder einmal desillusioniert und es stellt sich die Frage, was uns verbindet außer meiner Abhängigkeit. Einen großen Teil meines Lebens habe ich mich emotional von Männern abhängig gemacht. Wenn ich mich, wie so oft, gleich bei der ersten Begegnung verliebt habe, habe ich mir vorgestellt, wie mich dieser Mann von meiner quälenden Gegenwart erlösen wird. Nun wird mir klar, dass ich nach der Verliebtheit, die ich alle paar Jahre bei neuen Partnern gesucht habe, immer wieder in der Realität ankomme. Vielleicht führt diese Erkenntnis dazu, mit der quälenden Sehnsucht nach Verschmelzung, die es auch mit Richard nicht geben kann, besser umzugehen. Ich brauche tausendmal mehr, als mir ein Partner geben kann, und halte es doch bei keinem aus.
Neulich hatte ich ein langes Gespräch mit Alexander. Er, der mein zukünftiger Chef sein wird, sagt in schonungsloser Offenheit zu mir: „Du hast es nicht leicht in deinem Leben und mit deinen Mitmenschen. Du kannst keine wirklichen Freunde haben. Die Männer, von denen du denkst, sie sind mit dir befreundet, sind alle in dich verliebt und wollen dich besitzen. Und die Frauen, die mit dir zusammen sind, wollen teilhaben an deinem aufregenden Leben und sind insgeheim neidisch auf dich. Da hast du es ganz schön schwer“, sagt er und es klingt wie Mitleid.
Das will ich nicht wahrhaben. Es ist furchtbar, durchschaut zu werden. Aber allmählich durchschaue ich mich selbst.
Das Problem ist, dass ich zu viel in mein Leben hineingepackt habe. Ich habe zu viele Männer gehabt, zu viele Veränderungen, zu viel Arbeit und zu viele Wohnungen. Ich muss Langsamkeit üben. Ich wünsche mir eine Liebe, die anhält, eine Arbeit, die bestehen bleibt. Und eine Wohnung, aus der ich nicht nach ein oder zwei Jahren wieder ausziehe. Aber diese letzte Lektion kann ich jetzt nicht angehen, ich muss ja umziehen nach Leipzig, eine neue Arbeit beginnen und lauter neue Menschen kennenlernen.
Ich sitze den letzten Abend in Zwickau in meiner Wohnung, die ich sehr geliebt habe. Alles ist gepackt, morgen früh kommt der Möbelwagen. Abschiedsschmerz steigt auf. Ich denke an Frau Klatt und daran, wie sehr sie mir geholfen hat. Zum Glück kommt Laura zu mir und lenkt mich von meinen trüben Gedanken ab. Sie wird sich morgen um das Essen für die Umzugshelfer kümmern. Einer von Richards Freunden ist inzwischen da und es wird ein lustiger Abend. Wir trinken alle Wodka und ich trinke viel davon. Die traurigen Gefühle sind verschwunden. Es ist halb vier, als wir ins Bett gehen und nur drei Stunden später sind meine Umzugshelfer vom Theater da. Niemand von uns hat gefrühstückt, das Packen und Heruntertragen beginnt hektisch und mir geht es schlecht. Nach dem Tragen einiger Umzugskartons bekomme ich heftige Angstzustände. Während alle weiterarbeiten, muss ich mich ins Schlafzimmer auf mein noch verbliebenes Bett legen. Mir ist schwindlig. Nach ein paar Minuten Ruhe wird der Gedanke unerträglich für mich, dass alle meinetwegen wild herumwirbeln und ich mich zurückziehe. Also quäle ich mich wieder hoch und arbeite weiter mit. Erst spät am Nachmittag auf der Autobahn nach Leipzig verschwindet meine Unruhe.
Es ist September, ich sitze in der neuen Wohnung in Leipzig. Ich warte auf Anna, dass sie von der Schule nach Hause kommt. Das Zusammenleben mit Richard fehlt mir. Annas Ratte hat sich in die Matratze ihres Bettes gefressen, sich dort häuslich eingerichtet und kommt nicht mehr heraus. Unsere Katze ist seit Tagen spurlos verschwunden und ich bin schuld. Sie hat sich am ersten Abend nach dem Umzug im Treppenhaus versteckt und ich habe gedacht, sie sei in der Wohnung. Ich habe die Eingangstür verschlossen und die Katze hat die ganze Nacht davorgesessen, gemaunzt und in ihrer Verzweiflung die Tür zerkratzt. Am nächsten Morgen war sie weg und ich konnte sie nirgends finden. Nachmittags habe ich alle Nachbarn gefragt. Ein Hausbewohner, der gegen fünf Uhr zur Arbeit ging, hat sie gefunden. Sie klemmte im angekippten Fenster und weil er sie retten wollte und nicht wissen konnte, dass die Katze mir gehört, hat er sie nach draußen gesetzt. Die arme kleine, verletzte Katze, die nur unsere Wohnung kannte, irrt jetzt draußen ängstlich umher. Mehrere Nächte habe ich auf dem Hof im Auto gesessen und auf sie gewartet in der Hoffnung, dass sie nachts zurückkommt. Aber umsonst, sie blieb verschwunden.
Nun muss ich weiter Kisten auspacken, die Fenster putzen, aufräumen, Annas Schreibtisch aufstellen, Mittag kochen, vorher abwaschen und für alles fehlt mir die Kraft.
Mein Arbeitsvertrag beginnt erst im Oktober. Ich freue mich, wieder regelmäßig arbeiten gehen zu können, das lenkt mich von den traurigen Gedanken ab. Andererseits wird mir die neue ungewohnte Arbeit auch wieder Angstzustände verursachen. Ich brauche meine Arbeit, sie ist wichtig für mein Selbstwertgefühl. Wenn ich gut bin, kann ich mir wenigstens sagen, ich werde gebraucht. Gleichzeitig zweifle ich aber daran, ob es gut war, wegen der Arbeit in Leipzig das Zusammenleben mit Richard aufgegeben zu haben.
Ich tue mich schwer mit Märchen. Ich muss ein Bühnenbild entwerfen für „Schneewittchen“, meine erste Ausstattung in Leipzig, für Kinder. Ich habe keine Ahnung, wie ich das machen könnte. Mir fehlt ein emotionaler Bezug zu meiner Kindheit. Auch wenn ich lange darüber nachdenke, fällt mir nicht ein, wie ich als Kind dachte oder fühlte. Erik, mein Regisseur sagt zu mir: „Du kannst in deiner Kunst immer nur von dir ausgehen.“ Ich weiß aber nichts oder nur wenig von mir.
Um mich vorzubereiten, lese ich Bruno Bettelheims „Kinder brauchen Märchen“. Aus seiner jahrelangen therapeutischen Praxis hat der Autor geschlussfolgert, dass sich nahezu jedes Kind mit irgendeiner Märchenfigur identifiziert. Mir waren vor allem die artigen, angepassten Kinder nahe. Rotkäppchen, wie es ganz allein und mutig durch den dunklen Wald zur Großmutter geht, weil es eine Aufgabe bekommen hat, die es erfüllen will. Oder Schneeweißchen und Rosenrot, die immer fleißig und furchtlos sind. Ich wollte ein fröhliches und braves Kind sein. Meine Aufgabe in meiner Familie war: ICH MACHE EUCH ALLE GLÜCKLICH MIT MEINEM DASEIN. Trotzdem gab es die ablehnenden Reaktionen, vor allem die meiner Mutter mit ihren tausend Vorwürfen. Und ich hatte das Gefühl, ich erfülle die Aufgabe nicht, ich bin schlecht.
Meine Eltern hatten zu Beginn meiner Gesprächstherapie in Zwickau ein Schreiben verfasst. Ich sollte es Frau Klatt geben. Es hatte die Überschrift:
Familiäre Verhältnisse zur Zeit der Geburt bis zum 6. Lebensjahr unseres Kindes Gabriela
Sie hatten offenbar Angst, verantwortlich gemacht zu werden für meine Schwierigkeiten. Das Schreiben wurde auf Geheiß meiner Mutter von meinem Vater verfasst. Es begann mit biographischen Angaben wie in einem Lebenslauf:
Vater: 46 Jahre alt, evangelisch, Hauptbuchhalter im VEB Elektrotechnik
Mutter: 36 Jahre alt, katholisch, Fachgebietsleiterin bei der Staatsbank Elmershausen eine Schwester: besuchte ab der Geburt des zweiten Kindes halbe Tage den christlichen Kindergarten
Großmutter väterlicherseits: Mitglied der Familie, dadurch waren beide Kinder im elterlichen Schlafzimmer untergebracht
Die ersten drei Lebensjahre war die Mutter Hausfrau ohne jegliche Erwerbstätigkeit, danach besuchte Gabriela halbtags den Evangelischen Kindergarten.
Durch das Zusammenleben auf engem Raum gab es öfter Auseinandersetzungen und Streitereien.
1968 im Frühjahr fuhr der Vater zur Kur. Danach gab es Diskussionen über seinen Kurschatten und eine eventuelle Scheidung, welche vonseiten der Mutter und auch des Vaters niemals zur Debatte stand. Der Mutter und auch dem Vater ist es demzufolge unerklärlich, warum Gabriela und Barbara zu diesem Zeitpunkt über eine eventuelle Scheidung der Eltern gesprochen haben.
Da Gabriela von ihrer Geburt an ein fröhliches, aufgeschlossenes Kind war und Barbara eine stille und zurückgezogene Natur hatte, gab es eher bei Barbara Anzeichen einer Zurücksetzung anlässlich der Geburt von Gabriela. Gabriela war auch immer der Liebling der Oma väterlicherseits.
Am Ende dieses Schreibens steht:
Im Kindergarten wurde Gabriela wegen ihrer Fröhlichkeit sehr gelobt, jedoch wegen ihrer ungezügelten Art auch öfter getadelt.
Dieses Schreiben habe ich natürlich nicht abgegeben.
Ende Oktober fahren Richard, seine Tochter Mariella und ich in die Lüneburger Heide. Es ist das erste längere Zusammensein, seit ich in Leipzig wohne. Am ersten Abend beachtet er mich kaum und kümmert sich ausschließlich um seine Tochter. Am nächsten Tag fahren wir in den Heidepark Soltau. Ausgelöst durch die gedrückte Stimmung zwischen Richard und mir fange ich plötzlich an zu weinen. Ich gehe von den sich drehenden Karussells weg und laufe durch den angrenzenden Wald. Mein Weinen wird schlimmer, ich kann plötzlich die Verachtung meiner Mutter und ihre Ablehnung körperlich spüren. Mir laufen die Tränen, aber ich fühle auch Erleichterung. Ich laufe allein im Wald herum und es tut gut.
Die Stimmung mit Richard ändert sich auch in den nächsten Tagen nicht. Ich bin verletzt und beleidigt, weil er sich nicht bemüht, dass es auch für uns beide ein schöner Urlaub wird.
Ich rede kaum noch mit ihm. Am Ende des Urlaubs bekomme ich einen richtigen Weinkrampf, mir laufen die Tränen, wie ich es nicht kannte seit mindestens fünfzehn Jahren. Ich weine über meine Kindheit, aber nun kommt hinzu, dass ich begreife, was ich meiner Tochter Anna alles angetan habe. Ich habe sie genauso lieblos behandelt, wie meine Mutter mich. Darüber habe ich zwar oft mit Frau Klatt gesprochen, aber ohne Emotionen. Sie hat zu mir gesagt: „Erst, wenn Sie beim Daran-Denken keine Luft mehr bekommen, wenn es Ihnen oben in der Kehle sitzt, dann sind Sie dran am Gefühl. Und deshalb will auch Ihre Mutter nicht wahrhaben, dass sie oft so hart zu Ihnen war, weil es ihr sonst die Kehle zuschnüren würde, wenn ihr bewusst wird, was sie Ihnen alles angetan hat.“ Sie sagt, ich soll diesen Schmerz in mein Leben integrieren und trotzdem weiterleben. Keine Ahnung, wie das gehen soll.
Ich bin von meiner Mutter so sehr verletzt und verachtet worden. Aber auf einmal kann ich zu mir sagen kann: „Dann geh wenigstens jetzt behutsam mit dir um.“ Damit könnte ich den Teufelskreis von Verletzungen in der Kindheit und meinem Hang zur Selbstzerstörung in der Gegenwart endlich durchbrechen.
Trotz einiger Erkenntnisse bekomme ich keine Stabilität in mein Leben. Ich fühle mich immer noch zerrissen, bodenlos und unsicher. Immerzu muss ich andere fragen, was ich tun soll. Deren Rat hilft kurzzeitig, aber beim nächsten Problem stehe ich wieder hilflos da.
Anna ist am Wochenende nach Zwickau gefahren zu ihrem Freund, obwohl ich es ihr verboten hatte. Sie hat ihre Tasche geschnappt und ist verschwunden. Nun sitze ich allein in Leipzig und überlege krampfhaft, wie ich sie wieder einfangen könnte. Aber ihre pubertäre Abnabelung lässt sich wohl nicht aufhalten, also muss ich mir überlegen, was ich stattdessen mit mir anfange. Ich könnte mir etwas Gutes tun, aber ich weiß nicht, wie das geht. Ruhig dasitzen und Tee trinken oder in die Sauna gehen, das wäre es, aber wenn ich nichts zu tun habe, beobachte ich nur krankhaft meine Ängste.
Es ist Winter. Ich arbeite gerade mit einem berühmten englischen Regisseur. Ich mache viele Bühnenbildentwürfe, aber ich finde, dass alles, was ich bisher entworfen habe, nicht gut genug ist. Es geht mir wieder schlechter und ich versuche, mich mit langen Spaziergängen von den anstrengenden Arbeitswochen zu erholen. Meine Unruhezustände verschwinden einfach nicht. Sie beginnen immer mit dem gleichen Muster. Ich lese zufällig einen Satz in einer Zeitschrift, zum Beispiel: Herzinfarkt beginnt meist mit unauffälligen Schmerzen in der Herzgegend und innerer Unruhe. Und sofort denke ich, dass ich diese Anzeichen habe. Immer häufiger spüre ich einen eisernen Panzer um meine Brust oder kleine Stiche im Herzen. Ich beobachte mich und bilde mir ein, dass sich die Symptome gerade verschlimmern. Mein Herz wird einfach stehen bleiben und keiner ist da, der mich zurückholen kann. Am liebsten wäre mir, ein Arzt kommt, schließt mich an ein EKG-Gerät an und ich kann selbst überprüfen, dass der Tod nicht im Anzug ist. Dann hätte ich wieder eine Weile Ruhe.
Meine Mutter ruft an. Sie sagt, sie könne mich nächstes Wochenende nicht besuchen. Es wäre ihr zu kalt und sie hat seltsame Herzattacken. Sie sagt, dass sie schon dachte, sie macht ihr Letztes. Dabei ist sie, wie ich weiß, kerngesund.
Sie will nicht kommen. Sie sagt: „Die Leute fragen mich schon alle, wie es denn bei meiner Tochter in Leipzig sei.“ Und sie antwortet ihnen, sie wäre neulich bei mir gewesen. So erzählt sie es ihren Bekannten, damit diese nicht denken, sie wäre eine gleichgültige Mutter. Nun wohne ich schon acht Monate in Leipzig und sie hat mich nicht ein einziges Mal besucht. Ich bin beleidigt und sage zu ihr: „Dann kommst du eben nicht, ist auch in Ordnung.“ Ich sage immerhin noch: „Schone dich ein bisschen“, und lege auf. Ich weiß, sie kommt nicht, weil sie sauer ist, dass ich weggegangen bin aus Zwickau. Vor ein paar Jahren ist sie mit meinem Vater extra dorthin gezogen, um für mich und Anna da zu sein. Wir haben nah beieinander gewohnt, zwischen unseren Häusern lag nur eine Straße. Der Mann meiner Freundin Beate, ein Psychologe, hat gesagt, dass man sich bei mir fragen müsse, was dahintersteckt, wenn ich als erwachsene Frau so lange neben meinen Eltern gewohnt habe.
Das Wochenende, an dem meine Mutter kommen wollte, habe ich in schlechter Stimmung verbracht. Richard ruft nicht an und kümmert sich ausschließlich um seine Kinder. Meine Mutter besucht mich nicht und droht mit ihrem Tod.
Ich will ihr Kind sein, aber sie kümmert sich nicht um mich.
Nach einigen Wochen geht es mir immer noch schlecht, ich muss irgendetwas tun. Ich muss wohl wieder einen Psychologen konsultieren. Es geht einfach nicht mehr so weiter mit mir.
Frau Klatt hat am Ende der Gesprächstherapie zu mir gesagt, sie kann mir nicht mehr helfen, ich solle es noch mit einer anderen Richtung versuchen. Wenn ich meine vielen gescheiterten Männerbeziehungen aufarbeiten will, könne ich das nur bei einem männlichen Therapeuten machen.
Am letzten Sonntag, an dem meine Unruhezustände wieder einmal stundenlang anhielten, habe ich mit Beate telefoniert. Ich hatte plötzlich eine unendlich große Angst vor der Nacht allein. Ich hätte sie bitten können, bei ihr schlafen zu dürfen, das wäre kein Problem für sie gewesen, da sie selbst solche Zustände kennt. Ich habe aber nicht gefragt. Wieder wollte ich mir meine Hilflosigkeit nicht eingestehen. Sie hat mir geraten, eine Psychoanalyse zu machen. Ich bin skeptisch, aber in der darauffolgenden Woche habe ich mir einen Termin geholt bei dem Psychologen, den sie mir empfohlen hat. Ich soll vorerst zu fünf Vorbereitungsstunden kommen. Danach muss ich bis zum Herbst warten, ehe ein Platz für eine Psychoanalyse frei wird.
Es ist Frühling. Inzwischen habe ich mich in Leipzig eingelebt. Letztes Wochenende war Richard wieder mit Freunden unterwegs, aber diesmal ist es mir gelungen, das Wochenende gut ohne ihn zu verbringen. Ich habe einen Ausflug gemacht mit Anna. Wir waren mit dem Fahrrad im Muldetal. Ich bin mit ihr an den Ort gefahren, an welchem ich mit ihrem Vater oft war. Zu DDR-Zeiten war hier ein großes russisches Militärübungsgelände und man durfte das Gebiet nicht betreten. Die Landschaft war zerklüftet und zerstört durch die Panzer. Es gab Krater und Erdlöcher, plattgewalzte Sträucher, abgeholzte Bäume und Spuren von Kriegsübungen, die hier regelmäßig stattfanden. Wir haben Patronenhülsen gefunden und verrostete Konservenbüchsen mit „atomsicherem“ Vollkornbrot.
Die Spuren dieser militärischen Übungen waren inzwischen weitestgehend verschwunden. Ich habe mit Anna Kräuter gesammelt und ihr von ihrem Vater erzählt.
Herr Gruber, der neue Therapeut, sagt in der ersten Vorbereitungsstunde zu mir: „Sie sind also nach Leipzig zurückgekommen.“ Erst konnte ich nichts damit anfangen, dann aber dämmerte es. Hier habe ich meine erste eigene Wohnung bezogen, hier habe ich Georg kennen gelernt, meine große Liebe, und habe mit ihm meine erste Ehe geschlossen, die nach drei Jahren traurig scheiterte. Und hier ist Anna geboren. Bis dahin habe ich gedacht, es hat mich zufällig wieder nach Leipzig verschlagen.
Und es stimmt, seit ich hier wohne, kehre ich oft an die alten Orte zurück. Ich besuche das inzwischen abgebrannte, aber noch als Skelett dastehende Haus, in dem ich mit Georg gewohnt habe. Ich fahre häufig mit dem Fahrrad ins Muldetal oder laufe über das Gelände der Moritzbastei, wo der „Turm“ steht, der alte Studentenklub. Dort waren wir oft mit Freunden tanzen und trinken. Eines Abends war Georg sehr betrunken und wurde, wie so oft in diesen Zuständen, aggressiv. Er schlug so wild um sich, dass selbst unser Freund Hans, der ein kräftiger Mann war, sich weigerte, ihn in seinem Auto nach Hause zu bringen. Hans fuhr mit seiner Frau weg und ich musste mich allein um Georg kümmern. Die Ordner hatten ihn aus dem Klub geworfen, weil er die Band, die dort spielte, unaufhörlich provoziert hat. Das hatte ihn noch aggressiver gemacht. Als ich draußen vorsichtig auf ihn zuging, um ihn zu beruhigen und ihn zu überreden, mit nach Hause zu kommen, hob er einen großen Stein auf und machte Anstalten, diesen Stein auf mich zu werfen. Ich rannte weg und er rannte mit dem großen Stein hinter mir her. Ich hatte Todesangst und rannte um mein Leben. Und war im vierten Monat schwanger. Am nächsten Morgen wusste Georg von alledem nichts mehr und ich wusch die Blutflecke aus seinem Trenchcoat, welche die Schlägerei mit den Ordnern hinterlassen hatte.
Ich habe ein Buch entdeckt: Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten. In einer Zeitung war es als eine Flüchtlingsgeschichte angekündigt. Ich bin zu meiner Buchhändlerin gegangen und habe dieses Buch bestellt. Zwei Tage später war es da und ich konnte es kaum erwarten, es am Abend aufzuschlagen und zu lesen. Der Autor beschreibt das Leben seiner Mutter, seiner Tante und sein eigenes Leben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der DDR. Sie sind Sudetendeutsche, geflohen und vertrieben aus dem heutigen Gebiet Tschechiens. Was er schreibt, kommt mir bekannt vor. All diese verzweifelten Versuche seiner Mutter und seiner Tante, sich anzupassen und besser zu sein als die Anderen. Er beschreibt ihre Scham darüber, anders zu sein als die Einheimischen und ihre immerwährende Angst, etwas falsch zu machen und dadurch aufzufallen. Und vor allem dieses Am-liebsten-nicht-darüber-reden. Beim Lesen werde ich wie durch einen Sog in meine eigene Familiengeschichte hineingezogen und am Ende ist mir klar, ich muss hier selbst etwas forschen. Ich setze mich an den Schreibtisch und trage ein paar Daten zusammen.
Für mich fängt die Geschichte meiner Familie 1899 an, in diesem Jahr ist meine Oma Klara geboren. Sie hatte drei Kinder, meinen Onkel Alois, Jahrgang 1924, meine Mutter Luzia, Jahrgang 1927 und Lenchen. Aber wann ist Lenchen geboren? Hier stocke ich. Ich rufe meine Mutter an und frage sie. Sie sagt 1937. Während des Telefonats schreibe ich mir diese Zahl auf die letzte Seite meines Jahreskalenders. Vorerst denke ich nicht weiter darüber nach.
Die fünf Vorbereitungsstunden bei Herrn Gruber, dem in Leipzig anerkannten Psychoanalytiker, sind um. Er hat zu mir gesagt: „Sie sind ein Nachkriegskind.“ Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll.
Nach dem Sommer beginnt die eigentliche Therapie und ich freue mich darauf wie auf ein spannendes Abenteuer.
Mir wird allmählich klar, wonach ich mich in meinen Angstzuständen sehne. Mir fehlt jemand, der mich festhält und an dem ich mich festhalten kann. Ich sehne mich danach, mich einmal anlehnen zu können. Ich habe keinerlei Erinnerung an solche Momente mit meiner Mutter oder meinem Vater.
Wir fahren für zwei Wochen nach Schweden in den Sommerurlaub, Richard und ich, mit Mariella und Anna. Ich muss in dieser Zeit für mich klären, was aus unserer Beziehung und der bevorstehenden Hochzeit wird. Auf der langen Autofahrt bin ich wie versteinert, rede die ganze Fahrt über kein Wort mit Richard und schweige vor mich hin.
In Schweden angekommen habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Vor dem Urlaub hatte ich nochmal einen Gesprächsversuch mit meinen Eltern gestartet. Es ging um eine weitere Geburtstagskarte, die ich kurz zuvor von ihnen bekommen habe. Diesmal schrieb mein Vater:
Unsere herzlichsten Glückwünsche zu deinem 40. Geburtstag übermitteln wir Dir, verbunden mit den besten Wünschen für Gesundheit und Wohlergehen! Deine Eltern.
Das ist wieder so förmlich, ich werfe ihnen Gefühlskälte vor und sage: „Da ist doch nicht der geringste Ansatz von Wärme zu spüren.“ Da hakt meine Mutter plötzlich ein und sagt: „Ja, du hast recht. Wärme hat es in unserer Familie nie gegeben.“
Ein überraschendes, klitzekleines Eingeständnis, welches ich aufsauge wie ein trockener Schwamm. Ein kurzes Aufblitzen von Harmonie, ein Ansatz von Endlich-darüber-reden-können.
Im Urlaub habe ich wieder Albträume. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist, dass ich einen Berg von Arbeit vor mir habe, aber zu müde bin, um irgendetwas zu tun. Ich träume, dass ich endlos die Treppen zum Theater im Mühlweg hinaufsteige. Es sind viele Stockwerke. Die letzten Stufen vor der Ankunft schaffe ich nicht mehr. Ich bin außer Atem und muss stehen bleiben. Obwohl ich mich ungeheuer anstrenge, gelingt es mir nicht, ganz oben anzukommen. Meine Beine gehen einfach nicht weiter. Und ich bekomme meine Augen nicht auf. Ich habe das schreckliche Gefühl, zu schlafen und nie dort anzukommen, wo ich hinmuss, obwohl ich doch so viel zu tun habe. Aber am meisten befürchte ich, meine Kollegen könnten all das bemerken.
Die Hälfte des Urlaubs ist um. Am Anfang hatte ich die Erkenntnis, dass vieles an der Beziehung zu Richard Flucht vor mir selbst und letztlich Illusion ist und ich mich eigentlich trennen müsste. Aber inzwischen überwiegt wieder das Bitteverlass-mich-nicht-Gefühl.
Alle Entscheidungen die nächste Zukunft betreffend fallen mir schwer. Soll ich in der kommenden Spielzeit eine Inszenierung zusätzlich in Kassel ausstatten oder nicht so viel arbeiten und lieber meine Zeit für Freunde und Erholung nutzen? Soll ich mich vollständig auf die Therapie konzentrieren oder mich lieber an meiner Arbeit festhalten?
Unaufhörlich denke ich im Urlaub weiter über die Beziehung zu Richard nach und was aus unserer beabsichtigten Heirat wird. Dann denke ich an meinen Alltag, wie ich die Arbeit in Leipzig und meine Partnerschaft in Zwickau organisiert bekomme. Vor allem aber denke ich darüber nach, wer ich eigentlich bin.
Nach drei Wochen Schweden weiß ich, dass die Hochzeit mit Richard nicht stattfinden kann. Aber wie ich ihm das beibringen soll, weiß ich nicht.
Nach über einem Jahr besucht mich endlich meine Mutter in Leipzig. Aber sie kommt nicht wegen mir. Sie ruft an und sagt, dass sie zum fünfundachtzigsten Geburtstag meines Vaters mit ihm kommen will. Sie sagt, sie wolle an diesem Tag nicht zu Hause sein, denn da kommen Leute zum Gratulieren, ein Abgeordneter von der Stadtverwaltung und der evangelische Pfarrer, zu dem mein Vater sonst nie geht, und da will sie nicht anwesend sein. Ich habe keine Ahnung, wovor sie sich fürchtet und kann sie auch nicht trösten. Jedenfalls legt sie fest, dass dieser Geburtstag in Leipzig gefeiert wird. Ich freue mich trotzdem, ihr nun mein neues Zuhause zeigen zu können. Ich habe gründlich aufgeräumt, habe Getränke, Kaffee und Plätzchen eingekauft und zwei Kuchen gebacken. Aber sie bringt natürlich alles selber mit, den Kuchen, Kirschsaft für die Kinder und vor allem Sekt. Barbara kommt auch mit ihrem Mann und den Kindern. Undenkbar, dass sie oder ich an einem Geburtstag unserer Eltern nicht bei ihnen wären. Wir essen ein spätes Frühstück draußen im Innenhof des Hauses, es ist ein schöner sonniger Spätsommertag. Meine Mutter will, dass jetzt der Sekt getrunken wird, den sie mitgebracht hat. Ich sage zu ihr: „Niemand möchte jetzt Sekt trinken, es ist gerade einmal elf Uhr am Vormittag.“ Doch sie besteht darauf. Trotz nochmaliger Aufforderung hole ich die Gläser nicht und sage noch einmal: „Ich will jetzt keinen Sekt und die anderen wollen auch nicht.“
Da entbrennt wieder der schlimmste Streit. Sie schreit mich an und sagt, sie wäre extra zu mir gekommen, obwohl es so beschwerlich für sie war. Ich sage: „Das kann alles sein, aber wenn jetzt niemand Sekt will, dann wird der Sekt auch nicht aufgemacht. Und dein Extraherkommen hat sowieso nichts mit mir zu tun.“ Meine Schwester und mein Vater sagen nichts. Sie lassen meine Mutter und mich wie üblich aufeinander losgehen.
Nun ist ihre Stimmung verdorben und meine Mutter reagiert wie immer bei solchen Eskalationen. Sie bekommt ein verkniffenes, wütendes Gesicht und zetert die nächsten Stunden unaufhörlich weiter. Alle seien gemein zu ihr, beschimpft sie uns. Nur mit ihr können wir so etwas machen. Auf sie nimmt niemals jemand Rücksicht. Sie wird nicht mehr lange leben und wir werden uns alle noch umgucken, wenn sie nicht mehr da ist. Mittags auf dem Weg zum Restaurant geht sie entweder zehn Schritte hinter uns oder holt uns ein und schimpft weiter darüber, wie wir ihr den Geburtstag verdorben haben. Dann geht sie zu Anna und sagt ihr, wie furchtbar ihre Mutter doch sei. In dieser Stimmung vergehen der Mittag, der Nachmittag und der Abend und als wir uns verabschieden, sieht sie an mir vorbei. Ich bin Luft für sie. Da weiß ich, nun ist wieder Funkstille zwischen uns. Wir werden uns mehrere Wochen lang nicht anrufen.
Es ist Ende September, meine Therapie hat angefangen und zweimal in der Woche liege ich bei Herrn Gruber auf einer dunkelroten Couch. Zuerst soll ich eine harmonische Familienszene aus meinem Leben beschreiben. Ich denke nach, mir fällt keine ein. „Denken Sie ruhig länger nach“, sagt er. Ich überlege und sage: „Manchmal, abends im Winter, wenn mein Vater wie üblich die Woche über auswärts arbeiten war, haben meine Schwester und ich zusammen mit meiner Mutter ferngesehen, die Meisterschaften im Eiskunstlauf zum Beispiel. Wir haben Abendbrot gegessen, während der Fernseher lief, das war am Wochenende verboten. Meine Mutter hatte es im Wohnzimmer schön warm gemacht, denn mein Vater, der aus Sparsamkeit immer die Heizung herunterdrehte, war ja nicht da. Da haben wir beieinandergesessen und die Ergebnisse der einzelnen Läufer kommentiert, meine Mutter, meine Schwester und ich. Wie bei Schneeweißchen und Rosenrot. Zu dieser Zeit war ich so zehn, elf Jahre alt.“ Ich soll weiter nachdenken, über die Zeit, als ich ein kleines Kind war. Doch da finde ich auch nach längerem Überlegen nichts.
Nach einer quälenden Pause fragt er nach meinen Großeltern, Onkeln und Tanten. Ich erzähle, dass mein Vater eine Schwester hatte. „Es gab noch zwei jüngere Geschwister, die wohl im Säuglingsalter gestorben sind. Meine Mutter hatte neben ihrem älteren Bruder, meinem Onkel Alois, noch eine kleine Schwester“, sage ich, „aber von der war nie die Rede. Beide Schwestern sind tot. Sie sind lange vor meiner Geburt gestorben. Ich habe sie nicht gekannt und darüber wurde auch nie gesprochen.“ Herr Gruber sagt: „Falls Sie Ihre Eltern dazu fragen können, versuchen Sie herauszufinden, woran deren Geschwister gestorben sind. Vielleicht gibt es ein dunkles Geheimnis. Vielleicht sind sie im Krieg umgekommen oder haben sich umgebracht.“
Ich gehe die Treppe der Praxis hinunter und mir fällt mein Jahreskalender ein, in den ich das Geburtsjahr der Schwester meiner Mutter eingetragen habe. Und da steht es: 1937. Es trifft mich wie ein Schlag. Lenchen war zehn Jahre jünger als meine Mutter, also muss sie noch im Kindesalter gestorben sein. Ich erinnere mich, dass ich als kleines Kind oft mit auf den Friedhof gehen musste, da standen wir an Lenchens Grab. Auf dem Grab befand sich nur ein einfaches Holzkreuz ohne Daten, nur mit dem Namen. Ich hatte keinerlei Vorstellung von diesem Lenchen. Meine Oma hatte eine Bekannte in ihrem Alter, sie hieß Lenchen Kramm. Lenchen war für mich ein altmodischer Name, den ich in meiner Vorstellung nur mit einer alten Frau verband.
Ich bin aufgewühlt. Es ist Freitagnachmittag. In zwei Stunden fahre ich nach Zwickau zu Richard. Wenn ich angekommen bin, werde ich sofort zu meinen Eltern gehen und sie fragen. Ich will ihnen Zeit geben. Deshalb rufe ich sie an bevor ich losfahre und sage: „Ich komme in zwei Stunden zu
