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Im Februar 2007 wurde Eunice Spry vom Staatsgericht Bristol zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Sie wurde schuldig gesprochen, drei ihrer Pflegekinder über den Zeitraum von zwei Jahrzehnten hinweg auf entsetzliche Weise körperlich und seelisch misshandelt zu haben. Der Richter sagte, es sei der schlimmste Fall von Kindesmisshandlung, dem er in seiner langen beruflichen Laufbahn jemals begegnet sei. Was Sie hier lesen werden, ist der Bericht eines dieser Kinder. Ein Bericht darüber, wie es ist, in ständiger Angst zu leben. All diese grausamen Vorfälle ereigneten sich nicht in einem Kriegsgebiet und auch nicht in einer längst vergangenen Zeit, in der die Menschen es nicht anders kannten. Diese Verbrechen geschahen im englischen Gloucestershire, unweit der malerischen Cotswolds, des "Herzens Englands". Selbst an den friedlichsten und scheinbar normalsten Orten kann das Böse zu Hause sein.
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2018
Im April 2007 wurde Eunice Spry zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Sie wurde schuldig gesprochen, drei ihrer Pflegekinder über viele Jahre hinweg auf entsetzliche Weise körperlich und seelisch misshandelt zu haben. Der Richter sagte, es sei der schlimmste Fall von Kindesmissbrauch, dem er in seiner langen beruflichen Laufbahn jemals begegnet sei. Was Sie hier lesen werden, ist der Bericht eines dieser Kinder. Ein Bericht darüber, wie es ist, in ständiger Angst zu leben. Das Haus im englischen Gloucestershire, unweit der malerischen Cotswolds, hätte eine Zuflucht sein sollen. Doch selbst an den friedlichsten und scheinbar normalsten Orten kann das Böse zu Hause sein.
Christopher Spry ist heute achtundzwanzig Jahre alt. Obwohl er wegen der Verletzungen, die ihm Eunice Spry zugefügt hat, unter chronischen Schmerzen leidet, baut er sich voller Mut ein neues Leben auf. Er blickt optimistisch in die Zukunft und ist stolz darauf, die vergangenen Jahre überstanden zu haben.
CHRISTOPHER SPRY
ICH WAR
KIND C
Ein hilfloser Junge in der Gewalt einer sadistischen Mutter
Aus dem Englischen von Susanne Greiner
Dieses Buch widme ich meiner Mum und meinem Dad.
Ihr habt die Hoffnung, dass wir es schaffen werden, nie aufgegeben, selbst als andere es längst getan hatten.
Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber ihr wart immer für uns da. Ihr habt uns bedingungslos unterstützt und geliebt.
Danke.
Weiterhin widme ich dieses Buch zwei Freunden unserer Familie, Chris und Kayleigh, und ihrem neugeborenen Sohn Blake.
»›Erspar dem Knaben die Züchtigung nicht!‹«, schrie Mutter, indem sie eine Bibelstelle zitierte. »›Wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben.‹«
Mit dem Gesicht zur Wand stand ich da und kniff die Augen zusammen. Ich hörte das teuflische Sirren des Rohrstocks und wusste, was nun kommen würde. Ich brüllte vor Schmerzen, als er mir erneut die Haut aufriss. Wieder das Sirren, wieder die wahnsinnigen Schmerzen quer über meinen ganzen Rücken. Ich stand in dem düsteren Wohnzimmer und empfing meine Strafe. Ein Fensterladen war offen. Der Boden war mit Müll übersät: Plastiktüten voller Kleider, die auf den Teppich quollen, vergilbte Schachteln mit nicht mehr gebrauchtem Spielzeug, alte Decken, ausrangierte Küchengeräte, die nur noch für den Müll taugten …
»Wer sein Kind nie schlägt, der liebt es nicht!«, schrie sie. »Wer sein Kind liebt, der bestraft es beizeiten.«
Der Rohrstock brannte sich in meinen Rücken. Wieder brüllte ich vor Schmerzen, schrie: »Nein, bitte nicht!«, und versuchte, mich wegzudrehen. Ich spürte, wie sie nach mir griff und mich gegen die Wand drückte. Noch ein Schlag auf meinen Rücken und noch einer. Ich presste meine Hände gegen die Wand und krallte die Fingernägel in die Tapete. Sirr. Sirr.
»Es tut mir leid, Mutter«, brüllte ich. »Es tut mir leid!«
Es tat mir leid, dass ich ein totes Huhn im Hof hatte liegen lassen. Es war meine Aufgabe, die toten Hühner wegzuräumen, das wusste ich. Wenn eine Henne stirbt, muss man sie schnell wegräumen, denn sonst kommen die Ratten. Und wir hatten weiß Gott schon genug Ratten. Es war meine Schuld. Ganz allein meine Schuld, dass ich ausgepeitscht wurde.
»Teufelsbalg!«, schrie sie und schlug immer weiter auf mich ein.
»Es tut mir leid!«, brüllte ich.
Manchmal während dieser Züchtigungen blieb sie vollkommen stumm und teilte die Schläge in einer ruhigen, nahezu gelassenen Stimmung aus. Oft aber schrie sie, so wie jetzt. Sie sagte, sie müsse den Teufel in mir austreiben, um mich für die Apokalypse vorzubereiten, und zitierte Bibelstellen. Das tat sie ständig. Und ich hörte immer wieder die gleichen Zitate.
»›Erspar dem Knaben die Züchtigung nicht‹«, sagte sie, als wollte sie mir die Bibelstelle einbläuen. »›Wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben.‹«
Ich spürte etwas Warmes, Nasses unter den Bund meiner Jeans laufen. Ob Blut oder Schweiß, ich war mir nicht sicher. Ich sank auf die Knie. Mein T-Shirt hing mir in Fetzen vom Rücken. Ich konnte den Schmerz nicht länger ertragen.
Die Prügel gingen noch eine Weile weiter, bis sie schließlich vor lauter Anstrengung schwer atmend aufhörte, den Stock fallen ließ und aus dem Zimmer ging. Tränen rannen mir übers Gesicht. Unter Schmerzen blieb ich in dem düsteren, schmutzigen Wohnzimmer zurück, noch immer auf den Knien. Ich sollte meine ganze Kindheit auf Knien verbringen.
Hier ist die Geschichte, wie ich wieder auf die Beine kam.
Liste mit fünf Vorteilen, in deren Genuss ich dank der Erziehung durch meine böse Pflegemutter Eunice Spry gekommen bin:
Ich bin gut erzogen und höflich.Ich fluche nicht.Ich spucke auch nicht.Ich weiß, wie man sich in einem Restaurant benimmt.Ich kann unterschiedliche Spülmittelmarken allein am Geschmack voneinander unterscheiden.Liste mit fünf Nachteilen, die mir aufgrund der Erziehung meiner bösen Pflegemutter Eunice Spry erwuchsen:
Ich kann unterschiedliche Spülmittelmarken allein am Geschmack voneinander unterscheiden.Ich schlafe kaum, und wenn, habe ich Albträume.Ich habe chronische Schmerzen von einer Verletzung am Knie, wo sie mich mit einem Kricketschläger diszipliniert hat.Ich finde nicht leicht Freunde.Ich kann niemals eigene Kinder haben.Eunice war meine Mutter, und ich nannte sie bis zur Gerichtsverhandlung auch so: Mutter. Erst vor Kurzem habe ich damit aufgehört. Manchmal ertappe ich mich noch dabei, dass ich an sie als Mutter denke. Das geschieht zurzeit aber eher selten.
Ich hasste die Gerichtsverhandlung. Natürlich hasste ich die Verhandlung, wie jeder in meiner Lage sie gehasst hätte. Aber ich hasste sie so sehr, dass ich auf die Brücke über der Straße durch das Golden Valley ging — eine zweispurige Schnellstraße, die Gloucester und Cheltenham verbindet — und mir an der Brüstung mehr als einmal überlegte, den einen entscheidenden Schritt zu machen, worauf ich auf die darunterliegende Straße gestürzt wäre.
Auch dachte ich daran, mich vor ein Auto zu werfen, aber diese Methode erschien mir zu unsicher. Man könnte überleben — was völlig nutzlos ist, wenn man sich umbringen will –, denn die Methode wäre nur sicher, wenn das Auto genau 117,48 Stundenkilometer fahren würde. Fährt es schneller, riskiert man, von der Motorhaube abzuprallen. Fährt es langsamer, kann es einen einfach die Straße entlang mitziehen. Und glauben Sie mir, diese Schmerzen will ich auf keinen Fall haben.
Obwohl, ich weiß nicht — zu dieser Zeit erschien mir alles besser als das, was kommen würde: das Schuldbewusstsein, weil ich gegen Eunice aussagen musste, der Horror, ihr bei Gericht ins Gesicht sehen zu müssen.
Bei der Verhandlung saß ich hinter einem Vorhang, wir waren also voneinander abgeschirmt. Dennoch trafen sich unsere Blicke, als sie hinausgeführt wurde. Nur eine winzige Sekunde lang, als wir unsere Köpfe gleichzeitig drehten und uns quer durch den Gerichtssaal ansahen. Ihre Augen waren vollkommen leer. Aber eigentlich waren sie das schon immer.
Sie plädierte auf nicht schuldig. Sie sagte aus, dass die härteste Bestrafung, die sie uns angedeihen habe lassen, ein Klaps auf den Hintern gewesen sei. Letztendlich glaubte das Gericht uns: den Kindern A, B und C, wie wir in der Verhandlung und schließlich auch in den darauffolgenden Berichten der Medien genannt wurden.
Kind C bin ich.
Kind A ist meine Pflegeschwester Karen, die Eunice ungefähr ein Jahr vor mir als Pflegetochter aufnahm.
Kind B ist Lulu, meine andere Pflegeschwester. Sie ist vier Jahre älter als ich und kam zur gleichen Zeit wie ich zu Eunice. Von uns dreien wusste sie von Anfang an, dass irgendetwas nicht stimmte. Lulu wusste es. Sie ist eben etwas älter als Karen und ich, und ich nehme an, dass sie im Gegensatz zu uns ein Leben ohne Eunice kannte. Lulu war diejenige, die versuchte, den Nachbarn alles zu erzählen, diejenige, die versuchte wegzulaufen. Wir waren immer sehr zornig auf sie, ermahnten sie, sie solle sich zusammenreißen und durchhalten.
Aber Lulu wusste es.
Über die Jahre hinweg vermerkten wir auf einer Strichliste, wie oft wir weinten. Weinen wegen körperlicher Schmerzen zählte dabei nicht; es ging nur um seelische Schmerzen. Lulu hatte einunddreißig Striche. Karen hatte etwas mehr als zwanzig. Ich hatte drei. Ich habe die wenigsten Striche – ich bin der Beste.
Wir drei waren nicht die einzigen Kinder, die Eunice in Pflege genommen hatte. Es gab noch ein weiteres Mädchen, Charlotte. Sie war die Älteste und kam schon kurz nach ihrer Geburt zu Eunice. Und dann war da noch mein jüngerer Bruder Bradley — mein leiblicher Bruder. Eunice nahm ihn, ebenso wie Charlotte, von Geburt an auf. Und ebenso wie Charlotte hat sie ihn niemals angerührt. Nun ja, Charlotte und Bradley wurden natürlich berührt, aber in dem Sinne, dass sie verhätschelt, umarmt und geküsst wurden. Eunice liebte sie. Und so wurden sie niemals mit dem Rohrstock geschlagen. Sie wurden nicht ausgehungert oder gezwungen, Spülmittel zu trinken, weil sie Essen gestohlen hatten. Eunice hatte ihnen etwas anderes angetan: Sie hatte sie daran gehindert, erwachsen zu werden. Sie verharrten in einem sehr frühen Kindheitsstadium. Als Charlotte starb, sah ihr Schlafzimmer wie eine rosafarbene Märchenhöhle aus, ein Paradies für ein kleines Mädchen. Aber als Charlotte starb, war sie kein kleines Mädchen. Sie war siebzehn.
Bei Bradley war es genau das Gleiche. Sie hinderte ihn daran, erwachsen zu werden, und behandelte ihn wie ein Baby. Der Dachboden des Bauernhauses war Bradleys Spielzimmer, und man konnte sich dort vor all den Spielsachen, die sie ihm gekauft hatte, nicht mehr bewegen. Er lebte in diesem Zimmer wie ein kleiner, verwöhnter Prinz und herrschte über ein Königreich zahlloser Spielzeuge, die geradewegs aus Thomas die kleine Lokomotive entsprungen schienen, und ferngesteuerter Spielzeugautos — Wurfgeschosse, die er nach uns schleuderte, wenn wir ihn ärgerten.
Unter diesem Spielzimmer befand sich das Zimmer, in dem Karen und ich eingeschlossen wurden, als Eunice uns einer Hungerstrafe unterzog. Wir verbrachten dort einen Monat. Über uns der kleine, verwöhnte Prinz in seinem Spielzimmer und die Prinzessin in ihrer rosa Prinzessinnenhöhle.
Aber das hört sich so verbittert an, und das bin ich nicht. Zumindest nicht wegen Charlotte, denn über die Toten soll man nicht schlecht reden, und außerdem war sie ja ein Kind, ebenso wie wir. Und auch nicht wegen Bradley, weil … er Bradley ist, mein kleiner Bruder Bradley. Ich habe ihm alles beigebracht, was er über Autos weiß, und ich weiß eine Menge. Sicherlich, manchmal ist er ein Mistkerl, aber … er ist eben Bradley.
Eunice hatte noch zwei weitere Töchter, leibliche Kinder aus ihrer zweiten Ehe. Sie waren schon erwachsen. Die eine hieß Judith; ich rede ungern schlecht über die Toten, aber sie half bei den Misshandlungen — gelegentlich sogar als eine Art Folterknecht. Die andere hieß Rebekah. Auch wenn sie uns nicht unmittelbar half, bemerkte sie Dinge, die sie alarmierten. Sie erwog sogar, das Jugendamt zu informieren, tat es aber nie. Vielleicht weil Eunice ihre Mutter war. Aber Rebekah sagte bei der Verhandlung als Zeugin aus. Wir alle haben dazu beigetragen, dass unsere Mutter ins Gefängnis kam.
Und im Gefängnis ist sie auch jetzt noch. Sie wurde in sechsundzwanzig Anklagepunkten schuldig gesprochen, darunter seelische Grausamkeit gegenüber Kindern, Gewalttätigkeit, widerrechtliche Verletzungen und Irreführung des Gerichts, und zu vierzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der Richter sagte, es sei der schlimmste Fall von Kindesmisshandlung, der ihm jemals untergekommen sei. Aber das Schlimmste, so sagte er, sei Eunice’ Auftritt vor Gericht gewesen: Während des gesamten Verfahrens blieb ihr Gesicht regungslos, wie aus Stein. Wie ich schon gesagt habe, vollkommen leer.
Ich war Gast in der Fernsehsendung This Morning. Falls Sie die Sendung gesehen haben: Ich war derjenige mit dem Rücken zu Ihnen. Kaum fing ich zu sprechen an, vibrierte mein Handy, da mich verschiedene Leute anrufen wollten. Zum Glück hatte ich daran gedacht, das Handy auf Vibrationsalarm umzustellen. Bei Sky News war ich ebenfalls zu Gast. Häufig spreche ich auch mit Zeitungsreportern. Und jeder will wissen, was ich heute von ihr denke. »Hassen Sie sie?« »Nein«, sage ich, »sie war meine Mutter.« Sie wollen wissen, ob ich jemals versucht habe, mich zu wehren. Natürlich nicht. Sie war meine Mutter. Warum ich dageblieben sei, fragen sie mich. Warum ich mich über zehn Jahre lang dieser Qual und diesen Misshandlungen ausgesetzt hätte?
Weil Eunice meine Mutter war.
Ich wurde 1988 in Cheltenham geboren. Um genau zu sein, am 20. Dezember, aber ich feierte meine Geburtstage nie, weil Eunice Zeugin Jehovas war, und in dieser Glaubensgemeinschaft werden Geburtstage und Weihnachten nicht begangen. Erst an meinem achtzehnten Geburtstag ging ich abends aus, aber das hatte weniger mit meinem Geburtstag zu tun als mit der Tatsache, zu diesem Zeitpunkt noch am Leben zu sein. Auch an meinem dritten und vierten Geburtstag gab es eine Feier. Es sind meine frühesten Erinnerungen. Das waren auch die wenigen Male in meiner Kindheit, dass ich meine leiblichen Eltern sah.
Ich habe nur eine sehr blasse Erinnerung an das Zusammensein mit ihnen. Es ist nicht mal eine konkrete Erinnerung, sondern eher ein Gefühl. Ich erinnere mich an Stufen in ihrem Haus und dass ich diese Stufen hinaufgeklettert bin.
Meine nächste Erinnerung ist an das Leben mit Eunice im George Dowty Drive in Tewkesbury. Das Haus dort ist nicht besonders auffällig, zumindest nicht von außen. Ebenso wenig ist die Straße selbst sehenswert; sie ist eine Sackgasse, gehört zur Northway-Siedlung und ist nach Sir George Herbert Dowty benannt, der in Cheltenham lebte und das Federbein für Flugzeuge erfand, unter anderem für die Gloster Gladiator — ein großartiges Flugzeug!
Sir George Dowty starb 1975. Ungefähr zu dieser Zeit entstanden die Northway-Siedlung und der George Dowty Drive. Eunice Spry hatte das Haus mit der Nummer 24 gemietet, eine Sozialwohnung, die sie später kaufte. Sie hatte zwei erwachsene Töchter und nahm Pflegekinder in ihrer nicht gerade geräumigen Fünfzimmer-Doppelhaushälfte auf. Unter anderem mich.
Das Haus hatte eine riesige Küche, der Ort meiner zweiten konkreten Erinnerung: Ich sitze abends in der Küche auf einem hohen Stuhl. Die Tür ist offen, also ist es wahrscheinlich Sommer, und ich kann draußen einen Hund bellen hören. Es war wohl unser Hund, vielleicht Meg oder auch Jet. Wir hatten über die Jahre hinweg viele Hunde. Und eine Menge Haustiere. Eunice war von ihnen besessen. Gewöhnlich widmete sie sich eine Zeit lang ganz einem Tier, bevor sie das Interesse verlor und sich ein neues zulegte. Unsere Menagerie wuchs daher ständig. Im Garten hatten wir eine Gans und eine Ente namens Queenie, deren Küken Eunice gern im Auto spazieren fuhr. Auch hatten wir Kaninchen — eine Menge Kaninchen — und natürlich Katzen; des weiteren Hamster, Rennmäuse und eine Schlange namens Sequin. Wie ich bereits sagte, befand sich das Haus in einer Sackgasse eines Wohngebiets. Die Nachbarn müssen uns gehasst haben, mit all diesen Tieren im Garten.
Die Nachbarn auf der einen Seite waren ein walisisches Pärchen, auf der anderen Seite wohnte eine Familie. Was das walisische Pärchen wohl von uns dachte? Ich habe keine Ahnung. Ich glaube, wir Kinder machten sie wütend, wegen der Art, wie wir mit ihnen sprachen. Eunice war von allem Möglichen besessen, so auch von guten Manieren. Wir mussten jeden mit Nachnamen ansprechen. »Hallo, Mr und Mrs Smith«, und so weiter. Aus irgendeinem Grund erinnere ich mich daran, dass dieses penetrante Grüßen das walisische Pärchen auf die Palme brachte. Vielleicht dachten sie, wir wollten sie veräppeln.
Das Paar lebte in der anderen Hälfte unseres Doppelhauses, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu uns. Aber soweit ich weiß, bekamen sie nie etwas von den Misshandlungen mit. Auffällig an dem Haus war, dass es in der Mitte Platz für eine Garage gab, diese aber nie gebaut wurde. Die Wohnungen stießen also nur an der gemeinsamen Mauer zweier angrenzender Zimmer aneinander. Was ich damit sagen will: Es ist durchaus wahrscheinlich, dass sie nie etwas hörten. Der Ehemann, Brett Young, sagte später im Fernsehsender Sky, er habe keine Anzeichen dafür gesehen, dass wir misshandelt wurden. Wir seien immer gut angezogen, sauber und ordentlich gewesen, und damit hatte er recht. Wir waren immer sauber und ordentlich. Wir waren immer höflich und zeigten uns von unserer besten Seite. Wir waren gut erzogene Kinder.
In dem Gebäude neben unserem Doppelhaus wohnte eine Familie. Es gab ein paar Reibereien mit ihnen, aber wir bekamen sie kaum zu Gesicht. Unsere Grundstücke waren durch einen Zaun getrennt, und der brannte irgendwann einmal nieder. Jemand hatte die Idee, ihn mit Teer zu übergießen und ihn dann anzuzünden. Ich glaube, es sollte ein Scherz sein. Plötzlich fing der Hund an zu bellen. Wir sahen aus dem Fenster und bemerkten, dass der Zaun in Flammen stand. Irgendjemand, ich glaube, es war Charlotte, wählte die 999, und die Feuerwehr samt Polizei kam. Eunice wollte sie nicht hereinlassen, denn das Haus war dreckig und Lulu hatte eine schlimme Verletzung am Arm. Sie stammte von Eunice, die Lulu mit einem Stock geschlagen hatte, in dem ein Nagel steckte. Lulu hatte versucht auszuweichen, und der Nagel riss ihr den ganzen Arm auf. Natürlich wollte Eunice nicht, dass jemand das sah. Deshalb sprach sie im Wagen der Polizisten mit ihnen und schickte sie danach wieder weg.
Aber ich greife vor. Denn bevor all das geschah — vor dem Leben im George Dowty Drive, dem niederbrennenden Zaun und den Schlägen —, will ich noch erzählen, wie Eunice mich und meinen jüngeren Bruder meinen leiblichen Eltern wegnahm.
Das Leben meiner leiblichen Eltern war nicht gerade mit Glück gesegnet. Es scheint fast so, als ob Eunice das ahnte, denn sie nutzte das Unglück meiner Eltern aus, um Bradley und mich unseren Eltern wegzunehmen.
Das geschah, als ich noch sehr klein war — zu klein, um mich wirklich daran zu erinnern. Um herauszufinden, wie und warum ich als Pflegekind zu Eunice kam, muss ich meine leiblichen Eltern fragen. Aber das ist kein Problem, zurzeit sehe ich sie sehr oft. Denn immerhin müssen wir fast fünfzehn Jahre verlorene Zeit nachholen.
Meine Eltern heißen Pete und Elaina. Pete ist in Gloucester geboren und aufgewachsen. Elainas Eltern kommen ursprünglich aus Malta. Pete und Elaina sind kaum zu übersehen, wenn man sie auf der Straße sieht: ein sehr auffälliges Paar. Früher gingen sie zum Glastonbury-Musikfestival, das damals, in der Hippiezeit, noch keinen Eintritt kostete. Wenn man meinen Dad und meine Mum sieht, denkt man: »Genauso habe ich mir die Leute bei diesem Festival immer vorgestellt.« Mit ihren wallenden Kleidern und ihren Fingernägeln, die sie immer in recht sonderbaren Farben lackiert, sieht meine Mum wie eine Wahrsagerin aus. Und mein Dad mit seinen langen Haaren — zurzeit sind sie pechschwarz. Es sind zwei Menschen, die mit Idealen aufwuchsen und dabei zusehen mussten, wie diese langsam zerbrachen. Doch noch immer versuchen sie, sich von den anderen abzuheben, anders zu sein.
Die beiden haben viel durchgemacht: Ihr Leben wurde von Krankheiten und dem Kummer über Bradleys und mein Schicksal bestimmt. Aber sie bewahren nach wie vor Haltung, haben noch immer ihren Stolz. Und auch ihre Lebenslust haben sie bewahrt. Vor allem Dad hat niemals seinen Sinn für Humor verloren.
Doch wenn die Sprache auf Eunice kommt, wird er sehr ernst. Mum auch. Wenn ich sie frage, was damals passiert ist, senkt sie den Blick und zupft mit ihren lackierten Fingernägeln an den Kleidern rum. Sie rollt sich mit zitternden Händen eine Zigarette. Wenn sie dann spricht, hat sie den versonnenen, südwestenglischen Akzent aus der Gegend von Cheltenham. Ihre Stimme ist weich und beruhigend — genau die Art von Stimme, von der man sich wünscht, dass sie einen abends in den Schlaf wiegt. In solchen Momenten ergreift Dad ihre Hand. Und Mum beginnt zu erzählen.
Sie wurde als Kind missbraucht, zur Prostitution gezwungen. Als sie neun Jahre alt war, verkaufte ihre Mutter sie an Männer. Später wurde sie zum Pflegekind. Sie hatte sechzehn verschiedene Pflegemütter. Als ich 1988 geboren wurde, war ein Leben als Pflegekind sicherlich das Letzte, was sie sich für ihren Sohn wünschte. Doch das Schicksal macht selbst die größten Wünsche zunichte. Mum wurde krank.
Sie kam wegen einer Gallensteinoperation ins Krankenhaus und hatte keine Möglichkeit, in dieser Zeit für mich zu sorgen. Mein Dad konnte ihr damals auch nicht helfen. Ihre Mutter konnte sie erst recht nicht um Hilfe bitten. Also rief sie das Jugendamt an. Und das wählte Eunice Spry als Pflegemutter aus.
Beim Jugendamt war sie damals schon bekannt. Sie bewarb sich bereits 1979 als Tagesmutter, wurde aber aufgrund »unspezifizierter Bedenken« seitens der Gesundheitsbehörde abgelehnt — so steht es zumindest im Abschlussbericht des Gerichts. Sie können diesen Bericht im Internet nachlesen. Welcher Art diese »unspezifizierten Bedenken« auch immer gewesen sein mögen, sie wurden später aufgehoben, und Eunice bekam grünes Licht für ihre Tätigkeit als Tagesmutter. Danach bewarb sie sich als Pflegemutter und wurde wiederum vorerst abgelehnt, weil ihr Lebensstil für eine Tätigkeit als Pflegemutter »nicht förderlich« gewesen sei. Doch auch diese Einwände wurden irgendwann fallen gelassen, und man erklärte sie zu einer versierten Pflegemutter, die verzweifelten Müttern in der Stunde der Not beistehen konnte.
Oder wie in unserem Fall, in den vielen Monaten der Not, die Mums Krankenhausaufenthalt dauerte.
Beim ersten Mal, als ihr ein Gallenstein entfernt wurde, wurde Mum bald wieder entlassen, und unser Familienleben begann von Neuem. Doch dann erkrankte Mum an Meningitis. Alles änderte sich. Alles. Zunächst einmal kam Mum wieder in die Klinik, und dieses Mal ging es nicht nur um einen kurzen Aufenthalt, dieses Mal sollte es länger dauern. Sie lag auf der Intensivstation, da ihr Gesundheitszustand sehr kritisch war. Meinem Vater sagte man, dass sie es nicht schaffen würde, er solle sich erst gar keine Hoffnungen machen. Dad schlug sein Lager in der Klinik auf, um vierundzwanzig Stunden am Tag an Mums Seite zu sein. Nachts schlief er neben ihrem Krankenbett und hielt ihre Hand.
Dann gab es Komplikationen. Die Ärzte wollten eine Lumbalpunktion durchführen, ein Eingriff, bei dem eine Nadel in die Wirbelsäule eingeführt wird, um Rückenmarksflüssigkeit zu entnehmen — ein bei Verdacht auf Meningitis absolut üblicher Eingriff. Da meine Mutter recht füllig ist, hatten die Ärzte beim Einführen der Nadel Probleme. Mehrere Einstichversuche waren notwendig, und beim achten Mal brach die Nadel ab. Bei der Operation, die nötig war, um den abgebrochenen Teil der Nadel zu entfernen, wurden mehrere Nerven im Rückgrat durchtrennt. Meine Mum musste sich auf ein Leben im Rollstuhl einstellen, da sie nur noch kurze Strecken gehen konnte. Letztendlich sollte sie achtzehn Monate im Krankenhaus verbringen.
Ich war damals noch sehr klein, konnte gerade mal gehen. Zudem war ich ein stürmischer kleiner Junge, wie meine Eltern mir auch heute noch voller Stolz erzählen. Als ich während Mums Krankenhausaufenthalt in eine Pflegefamilie kam, war ich offensichtlich so stürmisch, dass ich ihrem Hund ein Bein brach, als ich versuchte, auf seinem Rücken zu reiten. Wer immer diese Familie war und wo sie jetzt lebt, sie soll wissen, dass es mir sehr, sehr leidtut.
Doch dann traf die Mutter meiner Mum in der Stadt zufällig Eunice’ Tochter Judith. Meine Großmutter kannte Eunice aus der Zeit, als sie während Mums Gallensteinoperation ausgeholfen hatte. Auch Mum selbst hatte schon an Eunice gedacht, da es mit meiner Betreuung nicht so recht klappte — und die Sache mit dem Hund war bei Weitem nicht das Schlimmste. Irgendwie kamen meine jeweiligen Pflegeeltern nie mit mir zurecht.
Und so kam es, dass meine Großmutter an diesem Tag Judith fragte, ob Eunice noch als Pflegemutter arbeite.
»Ja«, sagte Judith, »Mum arbeitet noch als Pflegemutter. Warum?«
Kurze Zeit später bekam meine Mum im Krankenhaus Besuch. Eunice Spry, damals Mitte vierzig, war bereits zwei Mal verheiratet gewesen. Aus ihrer ersten Ehe mit Frank Phillips stammten ihre zwei Töchter Judith und Rebekah. Ihr zweiter Ehemann war Jack Spry gewesen.
Als Eunice Mum im Krankenhaus aufsuchte, hatte sie bereits Charlotte seit deren Geburt 1984 als Pflegekind aufgenommen. Zwei Jahre später kam Karen zu Eunice, und erst kürzlich hatte sie noch Lulu dazugenommen. Zudem kannten Mum und Dad sie ja bereits. Also vertrauten sie ihr.
Mein Bruder Bradley war gerade erst zur Welt gekommen. Im fünften Monat der Schwangerschaft erkrankte Mum an Meningitis. Bradley wurde also geboren, als sich Mum noch von der Krankheit erholen musste. Sie wurde vier Mal umsonst in den Entbindungssaal gebracht — jedes Mal falscher Alarm. Erst beim fünften Mal wurde Bradley entbunden. Die Probleme mit der Schwangerschaft, ihre Krankheit und ihre Sorgen um die Kinder, all das brachte sie an den Rand der Verzweiflung.
Und dann kommt aus heiterem Himmel diese Dame, eine Vollzeit-Pflegemutter. Sie bringt Geschenke mit, macht ein großes Tamtam um Mum, spricht ein, zwei Worte mit den Krankenschwestern und erklärt, dass sie selbst Krankenschwester war — sie ist voll guter Ratschläge und sanftmütigem Tadel, und sie übernimmt die Regie. Für meine Mum war Eunice genau die Person, die sie mehr als alles andere in ihrem Leben brauchte. Jemand, der sich um sie kümmerte, jemand, der ihr sagte, dass alles gut werden würde — kurzum, eine Mutterfigur. Eunice kam genau zur richtigen Zeit, wie ein Geschenk des Himmels. Sie bot an, auf uns Kinder aufzupassen und für uns zu sorgen, bis es Mum gut genug gehe, um uns wieder zu sich zu nehmen.
Mum sagte zu, und meine von Eunice nahezu belagerten Eltern stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich ihnen zum Abschied zuwinkte und nach Tewkesbury verschwand.
Aufgrund dieses privat geschlossenen Pflegeabkommens zwischen meinen Eltern und Eunice Spry lebten Bradley und ich ab 1993 bei Eunice im George Dowty Drive, zusammen mit Charlotte, Lulu und Karen. Eunice’ zwei leibliche Töchter waren damals schon ausgezogen. Über die kommenden Jahre hinweg sollten sie öfter zu Besuch kommen und auch teilweise bei uns wohnen, aber im Großen und Ganzen glänzten sie durch Abwesenheit. Die meiste Zeit waren wir — dieser seltsame Mix aus unterschiedlichsten Persönlichkeiten — unter uns. Sicherlich kämpften wir Kinder unbewusst um die Zuneigung unserer neuen Mutter. Alle Kinder machen das. Doch dieses Wetteifern sollte uns in den kommenden Jahren das Leben zur Hölle machen: Die Gewinner wurden verwöhnt und die Verlierer bestraft.
Das Leben meiner leiblichen Eltern war auch weiterhin nicht gerade einfach. Meine Mum sollte noch Jahre im Krankenhaus verbringen, davon die meiste Zeit im Rollstuhl. Sie litt unter einem Rückfall der Meningitis, unter Abszessen, Diabetes und unweigerlich auch unter Depressionen.
Zu alldem kamen noch die schrecklichen Schuldgefühle. Denn während sie im Krankenhaus lag, gediehen ihre Kinder unter der Fürsorge einer anderen Frau. Ich hatte angefangen zu reiten. Ich begeisterte mich neuerdings für Holzschuhtanz. Zudem plante ich ein ganz besonderes Geschenk für Mum: ein Fotoalbum, für das Eunice alle Bilder und seltsamerweise auch die Videofilme meiner Mum einkassierte. Es sollte eine Überraschung werden, und deshalb erwähnte ich bei unseren Wochenendbesuchen Mum gegenüber nie etwas von dem Fotoalbum.
Anfangs fanden diese Besuche noch regelmäßig statt. Wir feierten sogar gemeinsam Feste, unter anderem jene zwei Kindergeburtstage. Der Konflikt zwischen Eunice’ Glauben und dem meiner Eltern, oder besser gesagt, dem fehlenden Glauben meiner Eltern, trat wohl erst später zutage.
Das erste Fest fand im Haus meiner Eltern statt. Es war ein schöner, nahezu perfekter Tag. Ich erinnere mich daran, dass Lichterketten aufgehängt waren. Wir aßen Teegebäck, und Dad hatte einen Homecomputer mit Videospielen. Das war meine Erfüllung: Den Rest des Tages saß ich vor diesem Gerät. Anscheinend wollten meine Eltern Geburtstagsfotos machen, aber niemand konnte mich von dem Computer wegzerren. Ich hatte mich schlichtweg in das Ding verliebt.
An meinem vierten Geburtstag gab es ebenfalls ein Fest. Es fand auf dem Krankenhausgelände statt, da meine Mutter sich noch in der Genesungsphase befand. Meine Eltern hatten für mich eine Fahrt in einem Heißluftballon arrangiert, aber es stellte sich heraus, dass ich dafür leider noch viel zu klein war. Aber sie machten das Beste aus der Situation: Anstatt zu fliegen, durfte ich in den aufgeblasenen Ballon hineinrennen. Ich erinnere mich, wie er sich um mich herum wie eine Wolke aufbauschte. Ich fühlte mich unter seinem riesigen, warmen Baldachin ganz klein, aber absolut sicher. Es war Dezember und das Wetter dementsprechend schlecht, aber in meiner Erinnerung scheint die Sonne.
Das ist meine letzte ungetrübte Kindheitserinnerung. Denn dann fingen die Misshandlungen an. Nach diesem Fest gab es keine weiteren Geburtstagsfeiern mehr. Eunice begann, Macht über meine Eltern auszuüben.
Welche Worte man auch immer benutzen mag, um die Eigenschaften meiner Pflegemutter zu beschreiben, Ungeduld gehört sicher nicht dazu. Denn um in meiner Familie die Rolle zu übernehmen, die Eunice haben wollte, die Rolle des Tonangebenden, reichten ein paar Wochen oder Monate nicht aus. Eunice verfolgte dieses Ziel beharrlich über mehrere Jahre hinweg und war letztendlich auch erfolgreich. Sie wusste, wie sie meine Eltern zu nehmen hatte. Eunice nutzte die Gefühle der Unzulänglichkeit und die Ängste meiner Mum für ihre Zwecke, indem sie Mums Fähigkeit als Mutter ständig in Zweifel zog:
»Wollen Sie wirklich diese Windeln benutzen? Die sind schlecht für die Haut des Kindes, müssen Sie wissen. Sie sollten Baumwollwindeln verwenden.«
»Baden Sie Ihre Kinder lieber nicht so.«
Tun Sie dies nicht, tun Sie jenes nicht. »Lassen Sie mich das machen, meine Liebe.«
Eunice setzte Schuld so präzise wie ein Chirurg das Skalpell ein und übte so ihre Macht aus.
Die Geburtstagsfeiern hörten deshalb auf, weil es laut Eunice unfair gegenüber den anderen Kindern gewesen wäre, den Geburtstag nur eines Kindes zu feiern. Stattdessen sollten wir doch lieber »Festtage« einführen. Und tatsächlich gab es davon auch ein oder zwei, aber auf die Dauer verliefen sie im Sand, da es ja kein festes Datum für diese Festtage gab. Der Hauptgrund jedoch war, dass Eunice danach trachtete, uns unseren Eltern nach und nach, langsam und sehr behutsam, wegzunehmen. Deshalb wurden die Tage, an denen wir uns alle gemeinsam trafen, auf ein Minimum reduziert.
Auch die Wochenendbesuche wurden weniger, weil, so Eunice, das doch die einzigen Tage seien, an denen ich mich meinen Freizeitaktivitäten widmen könne. Wobei von Freizeitaktivitäten kaum die Rede sein konnte. Auch das Fotoalbum, das ganz spezielle Geschenk für meine Mum, hatte sich in Nichts aufgelöst. Eunice hatte die Fotos und Filme nur deshalb eingesammelt, weil sie meine Mum aus meinem Leben herausschneiden wollte — wie ein faules Stück Fleisch. Ich frage mich heute noch, wo das alles geblieben ist.
Meine Mum und mein Dad hätten uns gern besucht, aber natürlich vermied es Eunice, ihnen den miserablen Zustand, in dem sich unser Haus am George Dowty Drive befand, vor Augen zu führen. Meine Eltern versuchten auch mehrmals, ein Picknick nur mit uns Jungen zu arrangieren. Sie riefen an, erreichten aber immer nur den Anrufbeantworter. Die Besuche, die tatsächlich zustande kamen, fanden entweder auf neutralem Gebiet oder in Eunice’ Elternhaus statt.
Bei diesen Besuchen bemerkten meine Eltern, dass ich mich veränderte. Früher war ich liebevoll und anhänglich gewesen. Zum Beispiel hatte ich gern Dads Gesicht ganz fest zwischen meine kleinen Hände genommen, ihm in die Augen gestarrt und gleichzeitig seine Backen zusammengeknautscht. Aber nach und nach entzog ich mich ihnen. Es gab kein Auf-Dads-Schoß-Sitzen und kein Backenknautschen mehr. Sie bemerkten, dass ich Dad mied und bei Eunice Zuflucht suchte.
Etwas, was ich nur deshalb tat, weil sie mir gesagt hatte, mein Vater sei böse.
Oder besser gesagt, mein biologischer Vater. Denn Eunice hatte mir eingebläut, meine Mum und meinen Dad nur noch »meine biologischen Eltern« zu nennen. Ich hatte jetzt eine neue Mutter: Eunice. Und sie sagte mir, dass meine richtigen Eltern böse und drogensüchtig seien — mehr noch, sie seien Drogendealer. Sie erzählte mir, dass wir von unseren richtigen Eltern weggenommen worden seien, weil sie uns unrein erzogen hätten. Einmal bot Eunice an, ein schwarzes Bustier meiner Mutter zu flicken. Aber das war nicht ihre wahre Absicht. Stattdessen schwenkte sie das Bustier vor meinen Augen und schrie: »Da siehst du, was für eine Hure sie ist! Schau genau hin. Nur eine Hure würde so etwas tragen!«
Eunice änderte auch meinen Namen. Meine Eltern hatten mich Damon genannt. Aber Eunice änderte meinen Vornamen in Christopher. Das Gleiche tat sie bei Lulu: Aus Lulu wurde Mary-Beth.
Jedes Mal, wenn meine Eltern uns sehen durften, sorgte Eunice dafür, neben mir zu sitzen. Ich sagte Mum und Dad, wie glücklich ich sei und welche Fortschritte ich in meinen Sprachkursen machte, und gab dann ein paar Brocken Chinesisch von mir. Eunice behauptete nämlich, dass ich sieben Sprachen lernte. Ach, wie glücklich ich war! Ich erzählte von dem Urlaub, den wir machen würden, was ich alles lernte und wie nett doch Eunice sei.
Natürlich saß sie nur so nah neben mir, um sicherzugehen, dass ich Mum und Dad nichts Falsches erzählte. Denn während unserer Gespräche umklammerte sie ständig meinen Arm, besser gesagt, sie verdrehte ihn buchstäblich.
Aber auch diese Besuche wurden immer weniger. Zeitweise sahen Mum und Dad uns nur einmal im Monat. Eunice wandte bei meinen Eltern die gleichen Methoden an, die sie später auch bei uns einsetzen sollte: Sie erzeugte Schuldgefühle, nutzte Unzulänglichkeiten aus und missbrauchte ihre Macht, die sie aufgrund ihrer, so stand es später in einem Bericht, »dominanten Persönlichkeit« ausübte.
Mum und Dad gingen oft in der Hoffnung zum George Dowty Drive, uns eventuell in Eunice’ Abwesenheit dort anzutreffen. Aber zu der Zeit hielten wir uns nicht mehr häufig in der Doppelhaushälfte auf. Denn Eunice hatte sich damals mit George Parker, dem Besitzer eines Bauernhauses, angefreundet, und da er bereits sehr krank war und, wie sich später herausstellte, nur noch ein paar Monate zu leben hatte, waren wir oft bei ihm, damit sich Eunice um ihn kümmern konnte.
Als er starb, vermachte er das Bauernhaus Charlotte, meiner Pflegeschwester, zu der er eine tiefe Bindung aufgebaut hatte. Zumindest sollte das Haus laut seinem Testament Charlotte gehören, aber in Wirklichkeit nahm es Charlottes Vormund, also Eunice, in Besitz. Die ihren Umzug in das Bauernhaus geschickt geheim hielt: Meine Eltern erfuhren erst viele Jahre später davon, erst als wir wieder zusammen waren.
Doch damit nicht genug. Eunice beantragte zudem das Aufenthaltsbestimmungsrecht, das sie auch vor dem Gesetz zu unserer Erziehungsberechtigten machen würde. Denn der Aufenthaltsbestimmungsberechtigte, bei dem das Kind lebt, darf alle Angelegenheiten des täglichen Lebens allein entscheiden. Das Jugendamt hat weder das privat arrangierte Pflegeabkommen zwischen meinen Eltern und Eunice beanstandet, noch hatte es irgendwelche Einwände gegen den Beschluss, Eunice zu unserer Aufenthaltsbestimmungsberechtigten zu machen. Und das, obwohl es Bedenken gegen »eine langzeitige Pflegeaufnahme der Kinder bei Mrs Spry« hatte, »vor allem wegen ihrer strengen Gesinnung und ihrer eigenwilligen Haltung in Bezug auf Kinderbetreuung«.
»Eigenwillige Haltung in Bezug auf Kinderbetreuung« — was für eine Formulierung!
Und so unterschrieb meine Mum den Aufenthaltsbeschluss.
Wann immer Mum auf diesen Teil der Geschichte zu sprechen kommt, zittern ihre Hände. Dann ergreift Dad ihre Hände und hält sie ganz fest.
Mum unterschrieb in dem Glauben, dass Eunice durch ihre Unterschrift die legale Aufsichtspflicht für uns Kinder habe, bis es ihr selbst wieder gut genug ginge, um uns zu sich zu holen. Sie unterschrieb in dem Glauben, dass es das Beste wäre, ihre Kinder zusammenzulassen, denn Eunice hatte ihr erzählt, das Jugendamt habe angedroht, uns zu trennen.
Mum tat es, weil sie fest davon überzeugt war, dass für ihre Kinder wundervoll gesorgt würde. Sie tat es im Glauben, dass wir bei Eunice Möglichkeiten hätten, die sie und Dad uns zu dieser Zeit niemals hätten bieten können. Sie war noch sehr jung und in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Sie tat das, was sie für richtig hielt.
Sie unterschrieb. Und Ende 1993 hatte Eunice die legale Aufsichtspflicht für alle fünf Kinder, für Charlotte, Karen, Lulu, Bradley und mich, entweder per Aufenthalts- oder per Adoptionsbeschluss. Deshalb hatte das Jugendamt kein Interesse mehr an uns. Wir gehörten nun zu Eunice. Sie war jetzt unsere »Mutter«.
An dem Abend, an dem Mutter die rote Linie überschritt, senkte sich dichter Nebel herab. Er verwandelte die Northway-Siedlung in eine graue, dampfende Waschküche, ließ die Umrisse der Häuser verschwimmen und verbarg uns vor den Augen unserer Nachbarn. Als ich hinausging, um die Hühner zu füttern, bemerkte ich, wie der Nebel aus meinen Händen zu strömen schien, als ob sie rauchten.
Es war der 7. Oktober 1994. Ich war fünf Jahre alt.
Es war ungefähr sechs oder sieben Uhr abends. Das Haus war in Aufruhr und summte wie ein Bienenstock voller erwartungsfroher Kinder, weil wir wegen des Volksfests, der Tewkesbury Mop Fair, alle so aufgeregt waren. Die Mop Fair sollte an diesem Abend beginnen — und deshalb weiß ich das genaue Datum des Tages, an dem Mutter die rote Linie überschritt. Dieses Volksfest ist eines der größten Ereignisse des Jahres in Tewkesbury. Das ganze Stadtzentrum verwandelt sich in einen kolossalen Rummelplatz. Es gibt großartige Fahrgeschäfte, die besten weltweit, wie es heißt! Ein gigantisches, erleuchtetes Riesenrad, das man meilenweit sehen kann, nostalgische Karussells und alte Dampfzugmaschinen. Und natürlich gibt es dort auch die hochtechnischen neuzeitlichen Fahrgeschäfte — eben alles, was das Kinderherz begehrt. Kein Wunder, dass wir vor Aufregung fast vergingen.
Doch dann kam ein Schrei: »Christopher!« Stille. Dann: »Christopher, Mary-Beth, Karen. Kommt rein. Alle.«
Wenn Mutter uns rief, zögerten wir nicht lange. Wir rasten polternd über die Treppe in unsere große Küche, wo wir uns vor Mutter, die neben dem Küchentisch stand, zusammenscharten.
Auf dem Tisch stand die Pralinenschachtel. Der Deckel war offen, und die Pralinen mit ihren kunterbunten Stanniolpapierchen lachten uns an.
Mit diesen Pralinen hatte es etwas Besonderes auf sich: In der Mitte ist eine Praline in rotem Stanniolpapier. Sie ist die Beste, die Königin der Schachtel. Diese eine hebt man sich für eine ganz besondere Gelegenheit auf. Die nur der bekommt, der wirklich gut ist. Das Lieblingskind.
»Wer hat sie genommen?«
Mit großen Augen standen wir vor Mutter, zuckten mit den Schultern ein kollektives »keine Ahnung« und schauten sie an.
Die Fotos in den Zeitungen, die nach der Verhandlung gemacht wurden, zeigen eine bebrillte Frau Mitte sechzig, deren starrer Blick voller Stolz, Selbstgerechtigkeit und Verachtung ist. Sie wirkt eindrucksvoll, nahezu wie eine Ikone.
Aber das ist nicht die Eunice, an die ich mich erinnere. Nicht Mutter. Nicht die Frau, die am Tag der Tewkesbury Mop Fair in der Küche vor uns stand. Zunächst einmal trug sie an diesem Tag keine Brille. Daran erinnere ich mich ganz genau. Sie hatte Jeans und einen weißen Fleecepulli an, ihr Lieblingsstück. Den trug sie, bis er auseinanderfiel.
»Wer hat die Praline genommen?«
Wie meine Mum hat auch sie einen starken südwestenglischen Akzent, aber ihrer ist nicht so sanft wie der meiner Mum, sondern eher schroff, fordernd.
»Kommt schon, wer hat sie genommen?« Sie starrte uns mit stechendem Blick an.
Wir sagten nichts, weil jeder von uns dachte, dass ein anderer die Praline genommen habe, wir aber dennoch alle dafür bestraft würden. Ich hoffte nur, dass sie nicht wieder den Hausschuh nehmen würde. Der Hausschuh tat so weh.
»Ab nach oben.«
Das war neu. Doch wir taten, was uns befohlen wurde. Wir rasten die Treppe zu Charlottes Zimmer hinauf und stellten uns in einer Reihe vor ihrem Bett auf.
Sowohl im George Dowty Drive als auch später im Bauernhaus hatte Charlotte immer ein eigenes Zimmer. Mutter und Bradley schliefen gemeinsam in einem anderen Zimmer — bis zum Schluss. Im Bauernhaus gab es noch Judiths Zimmer, das meistens leer stand, da Judith ständig mit ihren Leuten aus der Folk-Musik-Szene herumreiste. Das letzte Zimmer teilten Karen, Lulu und ich uns. Es war ein winziges Zimmer mit nur einem Stockbett, weshalb einer von uns auf dem Boden schlafen musste. Und ratet mal, wer das war.
Im George Dowty Drive war Charlottes Zimmer das größte. Sie hatte auch ein Stockbett, schlief aber nur unten. Oben auf dem Bett stapelte sich eine Unmenge an Spielzeug und anderem Kram. In dem Zimmer gab es alles Erdenkliche. All diese Dinge hatte Mutter für Charlotte gekauft. Ich erinnere mich an ein Panasonic-Radio, eines der besten Radios, die es damals gab. Als wir in einer Reihe vor dem Bett standen, starrte ich dieses Radio an und war, wie immer, furchtbar neidisch.
Mutter kam mit einem Stuhlbein in der Hand herein.
Dieses Stuhlbein hat die Polizei in Gewahrsam genommen. Es stammte von einem Küchenstuhl, mit dem Meg, unser Hund, gekämpft hatte — und mit Meg sollte man sich besser nicht anlegen. So hatte dieser Stuhl ein Bein verloren.
Das Stuhlbein war dunkelbraun und gab einen großen, dicken Knüppel ab. Mutters Augen waren eiskalt. Unten in der Küche war sie wütend gewesen, kurz davor zu explodieren, aber nun schien sie jegliches Gefühl verlassen zu haben.
Sie zeigte auf unsere Füße: »Schuhe und Strümpfe ausziehen.«
Folgsam zogen wir unsere Schuhe und Strümpfe aus und standen wie drei kleine Soldaten beim Waffenappell barfuß vor Charlottes Bett. Unten machte sich Charlotte für das Volksfest fertig. Oder vielleicht saß sie auch am Küchentisch und aß Pralinen.
Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Reihenfolge sie uns misshandelte, aber ich weiß noch, dass Karen die Erste war. Mutter schlug mit dem Stuhlbein so stark, wie sie konnte, auf Karens Fußrücken. Es gab ein dumpfes Geräusch. Karen schrie auf. Noch einmal das dumpfe Geräusch, noch einmal ein Schrei. Und wieder und wieder.
Dann war ich an der Reihe. Mir blieb kaum Zeit zu realisieren, was geschah. Ich hörte wieder den dumpfen Schlag, und dann kam der Schmerz. Ein Schmerz, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Eine vollkommen neue Qualität. Wie hatte ich nur vor dem Hausschuh Angst haben können?
Sie nahm sich einen nach dem anderen vor und schlug uns mit dem Stuhlbein auf die Fußrücken. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei.
Sie bevorzugte die Füße, weil man dort besonders schmerzempfindlich ist und man auf den Füßen keine blauen Flecke bekommt — das wusste sie aus ihrer Zeit als Krankenschwester. Auf dieses Wissen war sie unglaublich stolz.
Wir schrien, brüllten, heulten und flehten sie an aufzuhören. Als ich auf dem Boden zusammenbrach, zerrte sie mich an meinen Kleidern wieder hoch und schlug weiter zu. Sie zeigte keinerlei Gefühlsregung. Als ob sie, ganz die tüchtige Hausfrau, Teppich klopfen würde. Regelmäßig und ausdauernd. Eins, zwei, drei.
»Gesteht!«, sagte sie. »Wer von euch war es?«
Natürlich war es irgendeiner von uns, wahrscheinlich Lulu. Aber schließlich sagte ich, dass ich die Praline geklaut hätte. Ich hatte sie wirklich nicht genommen, aber ich wollte einfach, dass der Schmerz aufhörte.
Doch Mutter glaubte mir nicht und auch nicht den anderen – eine Methode, die sie all die Jahre hinweg anwandte. Sie schlug zu, bis man alles gestand. Wenn man es dann gestanden hatte, sagte sie, man lüge. Und dann verprügelte sie einen, weil man gelogen hatte.
Diese Prügelstrafe dauerte ungefähr fünf Minuten für jeden. Am Ende brachen wir einer nach dem anderen zusammen. Erst dann hörte sie auf. Sie befahl uns, die Strümpfe und Schuhe wieder anzuziehen, und verließ das Zimmer.
An diesem Abend gingen wir dennoch auf die Mop Fair. Nachdem wir verprügelt worden waren, machten wir uns zum Gehen bereit. Aber wir verspürten keine Vorfreude, keine Begeisterung mehr. Das Haus, das vorher wie ein Bienenstock gesummt hatte, war jetzt mucksmäuschenstill. Wir versuchten, unser Schluchzen und unsere laufenden Nasen zu verbergen, und senkten die Köpfe. Aber die Schmerzen ließen nur langsam nach. Und der Schock saß noch viel tiefer. Als ich meine Schuhe anzog, zuckte ich vor Schmerzen zusammen, stand ganz vorsichtig auf und folgte meiner Familie hinaus zu unserem Van. Ich sah, dass Karen humpelte. Meine geschwollenen Füße fühlten sich riesengroß an, als ob es die Füße von einem anderen wären. Sie waren so empfindlich wie ein rohes Ei. Aber man sah keine blauen Flecken. Man sah rein gar nichts.
Als wir an den Häusern des George Dowty Drive vorbeifuhren, konnten wir durch Nebelschwaden hindurch die hinter den vorgezogenen Vorhängen gemütlich erleuchteten Wohnzimmer erahnen.
Bevor wir zur Mop Fair fuhren, lieferten wir Bradley bei Eunice’ Eltern ab, da er noch zu klein war. Die Mop Fair war so wie von uns erhofft — oder zumindest so, wie wir es uns noch vor Mutters »Disziplinierung« erhofft hatten. Lärm, Lichter, Musik, Klingeln und Tröten und das wundervolle Riesenrad, auf das wir uns schon so gefreut hatten. Kinder, deren Eltern sich nicht weiter um sie sorgten, rannten ringsumher. Das ganze Fest war eine Mischung aus Lärm, Farben und purer Lebensfreude — außer für Karen, Lulu und mich. Es reichte anscheinend noch nicht, dass wir verprügelt worden waren. Wir mussten auch noch all den fröhlichen Kindern zuschauen und spürten nun erst recht, was uns entging.
Sofort zogen die Feuerschlucker unsere Blicke auf sich. Die Feuerbälle, die aus den Mündern der Männer hervorschossen, schienen den Nebel zu vertreiben, der alle anderen Geräusche und Lichter des Rummels dämpfte.
»Los, weiter«, blaffte Eunice, als sie sah, dass wir an etwas Gefallen fanden. Sie zog so fest an meiner Jacke, dass ich fast gestolpert wäre.
Eunice hatte eine Videokamera mitgebracht, mit der sie ununterbrochen Charlotte filmte. Charlotte entschied sich, als Erstes mit dem Musikexpress zu fahren. Wir ungezogenen Kinder mussten danebenstehen und zuschauen. Als Nächstes bekam Charlotte eine Zuckerwatte, die ich für sie halten durfte, als sie in ein weiteres Karussell einstieg. Sie durfte ins Spiegelkabinett, und wir standen nur da und schauten ihr zu. Von einem zum nächsten Fahrgeschäft trotteten wir hinter ihr und Mutter mit ihrer Videokamera her. Sie unterbrach die Aufnahme nur, um uns mit einem bissigen »Los, weiter!« voranzutreiben. Einer der wenigen Sätze, den sie zu uns an diesem Abend sagte.
Mit unseren brennenden Füßen kamen wir uns wie müde, verwundete Soldaten vor. Zudem mussten wir noch Charlottes Ausbeute — Zuckerwatte, Süßigkeiten und Stofftiere — schleppen, während sie Ringe warf, mit der Hand unzählige Lose aus Eimern fischte — alles in allem einen wunderbaren Abend verbrachte.
Eunice bemerkte natürlich, wie ich sehnsüchtig zum Autoskooter hinüberblickte — schon damals war ich von Autos besessen, wie wohl die meisten kleinen Jungs. Doch sogleich kam wieder ihr üblicher Sermon: »Wenn du nicht gestohlen hättest, dürftest du jetzt damit fahren.«
Als Charlotte genug hatte, verließen wir die Mop Fair und fuhren wieder nach Hause. Während Charlotte ihr belegtes Toastbrot aß, mussten Karen, Lulu und ich ohne Abendessen ins Bett. Hungrig gingen wir nach oben und zogen unsere Schlafanzüge an. Karen und Lulu legten sich in das Stockbett, und ich versuchte, es mir unter meiner Decke auf dem Boden bequem zu machen. Während meiner Kindheit kam ich nur sehr selten in den Genuss einer Matratze. Und sogar heute kommt es noch vor, dass ich nachts aus dem Bett steige, um auf dem Boden zu schlafen.
In unserem Zimmer war es absolut still. Von unten hörten wir nur die Geräusche des Fernsehers, den Charlotte zur Abendunterhaltung angeschaltet hatte. Ich lag im Bett und war absolut erschüttert. Es war, als ob ich aus einem schönen Traum erwacht wäre und nun in einer neuen, widerwärtigen Realität leben musste. Das, was an diesem Tag geschehen war, hatte bis dahin jenseits meiner Vorstellungskraft gelegen. Aber mir war vollkommen klar, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein würde. Es gehörte wohl zum Älterwerden.
Es gab ein bestimmtes Lied aus dem Film Aristocats, das wir oft sangen: »Jeder will eine Katze sein.« Dieses Lied sang Karen auch jetzt, eine brüchige Stimme, die die Stille des dunklen Zimmers durchbrach. Sie sang ein paar Zeilen, ganz leise, um ja nicht gehört zu werden. Die Melodie beruhigte mich ein wenig, und als auch Lulu mit einfiel, musste ich sogar lächeln. Ihre Stimmen hörten sich eher wie ein Wispern als wie Gesang an. Bei der vierten oder fünften Zeile stimmte ich ebenfalls mit ein, und zusammen sangen wir den Refrain, dann die nächste Strophe und noch eine, bis einer von uns mit den Lippen ein Pupsgeräusch machte und wir vor lauter Kichern nicht mehr weitersingen konnten.
Dann war Ruhe.
»Ich hau ab«, sagte Lulu in die Stille hinein.
»Psst«, zischte Karen.
»Ich mach es«, flüsterte Lulu. »Ich werde abhauen und mir andere Eltern suchen.«
»Sei still!«, zischte Karen beharrlich. »Du bringst uns nur in noch größere Schwierigkeiten.«
Vielleicht ahnte Lulu, dass der zurückliegende Tag nur der Anfang gewesen war, dass es noch weitaus schlimmer werden würde. Vielleicht wusste sie, dass es noch viele Nächte geben würde, in denen wir zusammen in der Dunkelheit liegen, unsere Wunden vergleichen und uns gegenseitig immer wieder den gleichen Satz an den Kopf werfen würden: »Reiß dich zusammen, du bringst uns alle in Schwierigkeiten.«
Am nächsten Abend ging Charlotte wieder auf die Mop Fair. Aber dieses Mal mussten wir nicht mit. Es war eine laue Oktobernacht, und von unserem Haus aus konnten wir den verheißenden Geräuschen des Rummelplatzes sehnsuchtsvoll lauschen.
Ein paar Tage später ließ mich Eunice zum ersten Mal einen Tag lang hungern. Mein Magen knurrte ununterbrochen. Das nächste Mal waren es zwei Tage. Und dann wurde es zur Normalität. Ich sollte die nächsten fünf Jahre hungern.
War ich damals wirklich schockiert? Hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass Eunice die rote Linie überschritten hatte? Ich weiß es nicht, denn auch davor hatte es schon Bestrafungen gegeben. Eunice hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie eine strenge Erziehung bevorzugte. Aber vor jenem Abend hatte es, wenn ich ungezogen gewesen war, tatsächlich nur den üblichen Klaps auf den Hintern gegeben. Die schlimmste Waffe, die sie davor jemals verwendet hatte, war wie gesagt der Hausschuh gewesen.
Aber ich gehe nur von mir aus. Nachdem Eunice ins Gefängnis gekommen war, tauchte in den Leitartikeln der Zeitungen immer wieder die Frage auf: »Wie kann so etwas geschehen?« und »Warum dauerte es so lange, bis es entdeckt wurde?« In diesen Artikeln — die ich nahezu gierig verschlang — wurden immer wieder die gleichen Misshandlungen beschrieben: mit Stöcken, Schmirgelpapier und mit Bleiche. Es gab auch Berichte über Misshandlungen seitens Eunice, die ich selbst nicht miterlebt hatte oder die zu einer Zeit geschahen, an die ich keine Erinnerung habe, weil ich noch zu klein war. Zum Beispiel der Zettel, den Mutter bei einer Zusammenkunft der Zeugen Jehovas an Karens Rücken befestigt hatte. Auf dem Zettel stand: »Dieses Kind ist böse. Nicht anschauen! Nicht ansprechen! Sie macht ins Bett und will immer im Mittelpunkt stehen.«
Nach der Verhandlung behauptete ein Zeuge Jehovas in der Lokalpresse, einen solchen Zettel habe es nie gegeben. In der nächsten Ausgabe wurde jedoch eine Frau zitiert, die den Zettel durchaus gesehen habe. Laut ihrer Aussage fand Eunice’ »Zettelaktion« noch vor jenem Abend statt, an dem wir die Mop Fair besuchten.
Es gab auch Berichte darüber, dass jemand Zeuge geworden war, wie Mutter Karens Arm fast zerquetscht hatte — und das war auch in der Zeit vor jenem Abend geschehen. Vielleicht ahnte ich, dass dieser Tag kommen würde; vielleicht hatte sie die Linie ja schon lange vorher überschritten. Aber bislang war ich nicht das Opfer ihrer Überschreitungen gewesen.
Heute fragen mich die Leute, ob an dem Tag, an dem sie die rote Linie überschritt, etwas Besonderes geschehen sei, etwas, was ihren plötzlichen Gewaltausbruch hätte erklären können. War er vielleicht auf Alkohol oder andere Drogen zurückzuführen? Oder auf eine Veränderung der persönlichen Lebensumstände?
Sie hat niemals Drogen genommen — zumindest habe ich nichts davon mitbekommen —, und sie trank auch nur sehr selten Alkohol. Das verbot ihr der Glaube. Zwar hatte sie schon zwei Ehen hinter sich, aber das lag lange zurück. Vielleicht hatte sich an jenem Abend tatsächlich etwas ereignet, was sie auf die Palme brachte, doch mit meinen fünf Jahren bekam ich es nicht mit. Etwas, was sie in die Sadistin verwandelte, die mich noch die nächsten elf Jahre quälen sollte.
Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte sie sich ja auch nur auf jene rote Praline gefreut.
Am Anfang hielten wir drei, Karen, Lulu und ich, noch zusammen — die Art Zusammenhalt, die es wohl auch zwischen Gefangenen gibt. Als die Prügeleien und Hungerstrafen ein Teil unseres Lebens geworden waren, war Mutter dieser Zusammenhalt ein Dorn im Auge, und sie tat ihr Bestes, um ihn zu zerstören.
Wenn man mehrere Tage nichts gegessen hat, versucht man, Essen zu stehlen. Man sieht einen Brotlaib, von dem schon ein paar Scheiben abgeschnitten sind, streckt seine Hand aus, nimmt sich heimlich eine Scheibe und stopft sie sich schnell in den Mund. Was bleibt einem anderes übrig, wenn man unbedingt etwas in den Bauch kriegen muss? Und deshalb stahlen wir alle Essen, wenn uns Mutter hungern ließ. Aber sie zählte die Brotscheiben wie eine Besessene. Für gewöhnlich rief sie mich dann zu sich und konfrontierte mich mit meinem diebischen Verhalten:
»Mary-Beth behauptet, du hättest sie gestohlen. Sie hat dich dabei gesehen. Gibst du es zu?«
