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Als die junge Deutsche Berit Kessler sich in einen Beduinen aus Israel verliebt, ahnt sie nicht, wie sehr das ihr Leben bestimmen wird. Nach fünf Jahren Beziehung zieht Berit mit dem gemeinsamen Baby nach Israel und heiratet Salim. Damit ändert sich vieles: Salim wird plötzlich tief religiös, und schließlich entdeckt Berit, dass er ein Doppelleben führt. Als er gewalttätig wird, flieht Berit mit den mittlerweile drei Söhnen. Doch Salims Einfluss in seiner Heimat ist groß. Er zieht sämtliche Fäden, und Berit muss machtlos zusehen, wie er ihr die Kinder entfremdet - bis sie sogar Angst vor ihr haben ...
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Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2014
Berit Kessler wurde 1977 in Jena geboren. Nach einem Jahr freiwilliger Arbeit im Kibbuz Ein Gedi am Toten Meer studierte sie ab 1997 an der Universität Trier Fremdenverkehrsgeografie. 2001 ging sie nach Israel. Heute leitet sie erfolgreich den Online-Shop »Baby-Roo« für ihre selbst gemachten Baby-Tragen. Im Frühjahr 2014 erreichte sie die Ausreisegenehmigung für ihren jüngsten Sohn und lebt seitdem wieder in Deutschland. Von hier aus führt sie ihren Kampf um ihre Kinder fort.
Beate Rygiert, Co-Autorin dieses Buches, ist bekannt für ihre international erfolgreichen Romane und Biographien. In diesem Verlag sind zum Beispiel erschienen »African Angel« mit Harriet Bruce-Annan und »Nicht ohne meine Mutter« mit Meral al Mer. Ihre Bücher sind mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Würth-Literaturpreis und Corine Internationaler Buchpreis.
Berit Kesslermit Beate Rygiert
Ich werdeimmer um Euchkämpfen
Wie mein Exmannmir meine Kinder wegnahm
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Dieses Buch beruht auf Tatsachen.Zum Schutz der Rechte der Personenwurden Namen, Orte und Details verändert.
Copyright © 2014/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Sylvia Gredig, Köln
Titelbild: © Sabine Frank
Fotos im Innenteil: © Berit Kessler
Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de
Datenkonvertierung E-Book:
hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-8387-5852-7
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für meine Söhne und meine Freunde,die mich immer unterstützt haben
Kai ist endlich eingeschlafen, mein jüngster Sohn. Der Abend hat sich längst über den Vorort von Tel Aviv gesenkt, wo ich mit ihm lebe. Die Arbeit für meine kleine Firma, die ich mir für den heutigen Tag vorgenommen habe, ist erledigt. Es ist schon spät, aber ich bin noch hellwach. Meine Gedanken wandern schon den ganzen Abend an den Meilensteinen meiner Geschichten entlang, kreisen um jene Ereignisse, die am meisten wehtun. Schon lange habe ich mir vorgenommen, sie aufzuzeichnen, mir von der Seele und anderen ins Herz zu schreiben.
Für wen? Für meine beiden älteren Söhne, die nicht bei mir sein können, weil ihr Vater sie entführt hat. Für Kai, damit er später verstehen wird, warum wir, seit er auf der Welt ist, ein Leben auf der Flucht führen müssen. Für Tarek, meinen Ältesten, den ich schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen habe. Für Karim, der beim letzten Treffen, das gemeinsam mit einem Psychologen stattfand, sagte: »Mama, ich will zu dir.« Es war ein Moment der Wahrheit, der möglich wurde, als sein Vater kurz den Raum verließ. Doch meine Geschichte möchte ich auch jenen anderen Frauen erzählen, die in Israel ebenso festsitzen wie ich, weil sie sich vor Jahren verliebt haben und nicht wussten, welche Hölle Israel für die bereithalten kann, die aus der Fremde kommen und hier ihr Herz verlieren. Tausende von Frauen teilen mein Schicksal: Sie haben Kinder von jüdischen, arabischen oder beduinischen Vätern geboren und gleichzeitig das Recht verloren, sie mit sich in ihr Heimatland zu nehmen.
Wer denkt an Trennung, wenn er sich verliebt? Wer kann sich vorstellen, wie rechtlos man werden kann, wenn die Liebe erlischt und der Hass ihren Platz einnimmt? Wer malt sich aus, dass das Wort einer Mutter nichts gilt und die Rechte eines Mannes mehr als das Wohl der Kinder?
Ich habe es mir nicht vorstellen können. Mit dem, was mir in den vergangenen dreizehn Jahren hier zugestoßen ist, habe ich nicht gerechnet, als ich im Alter von achtzehn Jahren nach Israel kam, um als Volontärin in einem Kibbuz zu arbeiten. Ich hatte nicht vor, hier länger zu bleiben als ein Jahr. Die Welt war groß und weit, vor allem für jemanden, der die ersten zwölf Jahre seines Lebens in der DDR verbracht hatte und es nicht erwarten konnte, alles, was jenseits der Mauer lag, kennenzulernen. Israel sollte nur die erste Station eines großen Abenteuers sein, des Abenteuers meines noch so jungen Lebens. Es wurde tatsächlich für viele Jahre die Endstation.
Doch ich gebe nicht auf. Auch wenn man es mir vielleicht nicht auf den ersten Blick ansieht: Ich bin zäh, ich bin stark. Seine wahre Stärke entdeckt man erst, wenn man sie braucht. In den vergangenen Jahren brauchte ich sie Tag und Nacht. Und ich habe gelernt, dass ich eine Kämpferin bin.
Man sagt: Die Jahre, die einer Kindheit gestohlen werden, kann man nie mehr ersetzen. Die Weichen, die in den ersten Jahren gestellt werden, kann man kaum noch korrigieren. Denke ich an meine beiden älteren Söhne, die in einem schmutzigen Beduinenzelt in Lumpen leben, als Kinder einer »Weißen«, die nicht dem muslimischen Glauben folgt, täglicher Gewalt und Schikanen ausgesetzt – wenn nicht noch Schlimmerem –, dann möchte ich manchmal verzweifeln. Ihr Vater hat ihnen gesagt, ich sei ein böser Geist, ein Dschinn. Es gab Zeiten, da schlugen meine Söhne auf mich ein, wenn ich sie, selten genug, treffen durfte. Inzwischen sehen wir uns schon lange nicht mehr. Und doch höre ich nicht auf, um sie zu kämpfen. Eine Mutter gibt ihre Kinder nicht auf, niemals.
Und darum ist es jetzt Zeit, dass ich endlich damit beginne, meine Geschichte zu erzählen. Damit die Welt erfährt, was hier passiert, was hier tausendfach Kindern und Müttern angetan wird. Und damit sich endlich, endlich etwas ändert.
Es war im August 1996, als ich in Jena meinen Rucksack packte. Ich hatte mein Abiturzeugnis frisch in der Tasche und fühlte mich wundervoll frei. Endlich konnte ich das tun, wovon ich immer geträumt hatte: reisen. Und obwohl ich das Flugticket schon im Oktober 1995, also bereits zehn Monate zuvor, gekauft hatte, wusste keine Menschenseele etwas von meinen Plänen.
Dass ich mich dazu entschied, als Volontärin in einem Kibbuz im Süden Israels zu arbeiten, hatte verschiedene Gründe. Es war nicht so, dass Israel auf der Liste meiner Wunschländer ganz oben gestanden hätte. Doch mit meinen achtzehn Jahren war ich für die meisten Auslandsprogramme in fernen Ländern noch zu jung. Und Europa war mir zu eng, zu klein.
Ich war fasziniert von den Bildern, die ich von den Landschaften der Judäischen Wüste und dem Negev gesehen hatte. Ein Gedi hieß die Oase in der Nähe des Toten Meeres, wo es heiße Mineralquellen gab, einen botanischen Garten, bizarre Felsformationen mit unerschlossenen Höhlen und einen spektakulären Wasserfall. Dieser Ort galt damals als Geheimtipp für einen etwas anderen Tourismus in dieser herben und doch reizvollen Landschaft, und ein Kibbuz, der dort eine Hotelanlage betrieb, suchte Volontäre.
Ich wollte unbedingt irgendwo hin, wo es ganz anders aussah als zu Hause in Deutschland. Und das, was ich auf den Prospekten sah, war ungefähr das Gegenteil von Thüringen: dramatische Steinwüsten versus beruhigend grüne Felder. Und so kam es, dass ich mich für Israel entschied. Wie lange ich bleiben wollte, das konnte ich nach den ersten beiden Monaten vor Ort entscheiden. Man würde sehen.
Frei zu sein, das bedeutete mir seit meiner frühesten Kindheit alles. Denn wir waren nicht frei in der Deutschen Demokratischen Republik. Für mich stand schon immer fest, dass ich meinen Ausreiseantrag stellen würde, sobald ich achtzehn wäre. Mir war damals klar, welche Konsequenzen dies für mich haben würde: Dass ich vier Jahre auf die Ausreise würde warten müssen, während derer ich vielen Schikanen ausgesetzt wäre. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, mein Leben in einem Land zu verbringen, das ich nicht verlassen durfte.
Einen Ausreiseantrag musste ich nicht mehr stellen, die Wende kam mir glücklicherweise zuvor. Ich werde nie vergessen, wie mir damals am Morgen des 10. November 1989 meine Mutter sagte: »Wir können jetzt überall hinfahren. Heute Nacht ist die Mauer gefallen.«
Ich weiß noch ganz genau, wie ich neben dem Sofa im Wohnzimmer stand, noch im Schlafanzug, und von einem Moment auf den anderen hellwach war.
»Lass uns gleich in den Westen fahren!«, schlug ich vor.
»Jetzt gehst du erst einmal zur Schule«, erwiderte meine Mutter, »vielleicht fahren wir am Wochenende.«
Als ich an diesem Morgen den Klassenraum betrat, hatte unsere Lehrerin das Bild von Erich Honecker bereits abgehängt. Ich beobachtete fasziniert, wie sie alle über Nacht ihre Einstellung zur DDR änderten: Meine Russischlehrerin ließ sich umschulen und unterrichtete fortan Religion. Sogenannte Staatsbürgerrechtler unterrichteten jetzt Gesellschaftskunde. Gleich am ersten Tag nach dem Mauerfall fehlte die Hälfte der Klasse, alle waren sie in den Westen gefahren. Zwei meiner Schulkameraden sah ich nie wieder – sie blieben gleich drüben.
Ich gehörte zu denen, die nicht gegangen waren. Aber nun hatte ich die Schule abgeschlossen. Nichts hielt mich mehr. Ein Jahr wollte ich mir nehmen, ehe ich zu studieren beginnen würde. Ich hatte mich für Fremdenverkehrsgeografie entschieden und in Trier bereits einen Studienplatz erhalten. Auch die Zusage für ein Zimmer in einem Studentenwohnheim war mir für meine Rückkehr sicher. Zuvor aber wollte ich alles hinter mir lassen: Jena, Thüringen, Deutschland, Europa.
Ich schloss meinen Rucksack und zog die Riemen fest. Prüfte noch mal, ob ich alle Dokumente dabeihatte: Pass, Flugticket, die Kontaktadressen. Und für die Arbeit im Kibbuz das Gesundheitszeugnis, die Papiere einer privaten Krankenversicherung. Dann war es Zeit, zu gehen.
Mein Flug ging zunächst von Leipzig nach Frankfurt, denn damals gab es noch keine Direktflüge aus Ostdeutschland nach Israel. In Frankfurt stellte sich heraus, dass mein Weiterflug nach Tel Aviv einige Stunden Verspätung hatte, und mir fielen drei junge Frauen auf, die mit ähnlich großen Rucksäcken, wie ich einen hatte, an meinem Terminal warteten.
»Fliegst du auch nach Tel Aviv?«, sprach mich eine von ihnen an.
Es stellte sich heraus, dass sie dasselbe vorhatten wie ich. Wir schlossen uns einander an, und als wir spät in der Nacht in Tel Aviv landeten, suchten wir uns gemeinsam eine Jugendherberge.
Am nächsten Morgen machten wir uns alle vier auf den Weg zum Büro der Organisation, mit der wir von Deutschland aus Kontakt geknüpft hatten. Diese Organisation vermittelte junge Menschen aus aller Welt als Volontäre an verschiedene Kibbuzim.
Ein Kibbuz ist eine typisch israelische Siedlungsform, eine Art Dorfgemeinschaft, in der jeder Kibbuznik, wie die Bewohner genannt werden, dieselben Rechte und Pflichten besitzt. Oft sind es landwirtschaftliche Kommunen, die in den ersten Jahren nach der Staatsgründung dazu dienten, unfruchtbare Gebiete zu erschließen und nutzbar zu machen. Aber auch handwerkliche oder industrielle Betriebe werden in dieser Form des Gemeinschaftslebens unterhalten. In Ein Gedi dagegen war es eine Hotelanlage, die in Form eines Kibbuz geführt wurde. Ich war gespannt, ob es dort einen Platz für mich gab.
Obwohl es noch früh am Morgen war, schwitzten wir mächtig unter unseren schweren Rucksäcken, als wir uns auf die Suche nach dem Büro machten, das mitten im Zentrum von Tel Aviv lag. Es war heiß und staubig, der Verkehr um diese frühe Stunde höllisch, wir waren direkt in die Rush Hour geraten. Überall wurde gehupt und gedrängelt, die Israeli, so merkte ich rasch, waren offenbar kein besonders geduldiges Volk. Bald lief uns der Schweiß aus allen Poren. Wir fragten mehrmals nach dem Weg, und zu unserer Erleichterung sprachen viele Passanten Englisch. »Where do you want to go?«, begann es, schnell wurde daraus ein längeres Gespräch. ›Ach‹, dachte ich erfreut, ›die Menschen hier scheinen ja wirklich nett zu sein.‹
Als wir die Volontärs-Zentrale endlich fanden, atmeten wir auf. Jede von uns erhielt eine Adresse und Informationen, wie man dorthin gelangen konnte. Ich hatte Glück, in Ein Gedi wurden tatsächlich Volontäre gebraucht. Meine Begleiterinnen hatten jedoch andere Destinationen erhalten. Doch bevor wir uns in alle Winde zerstreuten, gingen wir in einem der zahlreichen Straßencafés gemeinsam frühstücken. Ich staunte nicht schlecht, als es zum Weißbrot Hüttenkäse, Tomaten- und Gurkensalat mit Oliven gab. Und eine bräunliche Paste, die ich vorsichtig probierte. Angewidert verzog ich das Gesicht: Es war Chumus, die israelische Variante des arabischen Hommus, den man aus Kichererbsen, Knoblauch, Zitronensaft und einigen Gewürzen zubereitet. Bis heute ertrage ich kaum den Geruch.
Nach dem Frühstück fuhren wir alle vier zum Zentralen Busbahnhof, tauschten unsere neuen Adressen aus und verabschiedeten uns. Zwei der anderen Mädchen machten sich auf den Weg zum See Genezareth, die andere in die Stadt Eilat ganz im Süden des Landes. Meine Reise führte mich zunächst nach Jerusalem, wo ich umsteigen musste, um ans Tote Meer zu gelangen.
In Tel Aviv waren wir am Eingang zum Busbahnhof wie alle anderen Reisenden akribisch kontrolliert worden. Als ich in Jerusalem auf meinen Anschluss wartete, kam ein Sicherheitsmann des Busbahnhofs und forderte alle Wartenden auf, sowohl das Gebäude als auch den Bereich davor, wo die Busse abfuhren, zu verlassen. Ich verstand zuerst nicht, was los war, denn ich konnte kein Hebräisch. Die anderen Reisenden hatten es auch überhaupt nicht eilig, den Bahnhof zu verlassen, manche mussten mehrfach dazu aufgefordert werden. Als alle draußen waren, wurde der Bahnhof abgesperrt. Auf dem Vorplatz erklärte mir schließlich eine junge Frau, die Englisch sprach, dass es sich »mal wieder« um einen Bombenalarm handele. »Das kommt fast alle Tage vor«, sagte sie und verzog genervt das Gesicht. »Und meistens ist es falscher Alarm.«
»Aber wenn nicht?«, mischte sich ein älterer Herr ein, »erst neulich gab es einen Anschlag auf ein Einkaufszentrum!«
»Und was passiert jetzt?«, fragte ich.
»Die Tasche wird gesprengt«, erklärte mir die junge Frau.
»Gepäckstücke, die herrenlos herumstehen«, ergänzte der Mann. »Darin verbergen sich oft Bomben. Man ist nirgendwo sicher vor diesen Attentätern.«
Eine weitere halbe Stunde verging. Von dem, was sich im Bahnhof abspielte, bekamen wir auf dem Vorplatz nichts mit. Schließlich wurden die Türen wieder geöffnet, und alles ging weiter seinen Gang, als wäre nichts gewesen.
»Falscher Alarm«, sagte die junge Frau, bevor sie an mir vorbeieilte und ihrem Bus zustrebte, »ich hab’s ja gesagt. Ein Soldat hat einfach einen Moment lang seine Tasche stehen lassen, um sich ein Sandwich zu kaufen. Ausgerechnet ein Soldat! Lass bloß nie etwas herumstehen. Die Tasche siehst du nie wieder. Davon abgesehen stiehlst du deinen Mitmenschen ihre kostbare Zeit.« Und fort war sie.
Während der gut einstündigen Fahrt im Bus nach Ein Gedi kam ich mit einem jungen Kibbuznik ins Gespräch. Und der erklärte mir, wie es kommt, dass die Menschen in Israel angesichts einer Bombendrohung derart die Ruhe bewahren können.
»Weißt du«, sagte er, »bei uns gehört so was zum Alltag. Wir wachsen mit der ständigen Gefahr auf. Und wenn du hier eine Zeit lang leben willst, dann gewöhnst du dich besser daran. Jeder Mann geht drei Jahre zum Militär, eine Frau zwei Jahre, und spätestens danach wundert einen nichts mehr.«
Ich schaute aus dem Fenster. Die Vegetation wurde immer karger, die Landschaft rauer. Hier und dort standen ein paar Zelte beieinander, oft nur aus Stoff zusammengenäht, die aussahen wie leere Mehlsäcke. Schmutzige Kinder sprangen barfuß hinter ein paar Ziegen her. An langen Leinen trocknete fadenscheinige Wäsche, mehr Lumpen als Kleider.
»Was sind das für Leute, die dort leben?«, fragte ich.
»Das?«, meinte der junge Mann und blickte flüchtig aus dem Fenster. »Das sind Beduinen.«
Und es war klar, dass er von diesen Beduinen nicht viel hielt.
Immer wieder kamen wir an Checkpoints vorüber, an denen bewaffnete Soldaten Autos anhielten und ihre Insassen kontrollierten. Unser Bus wurde jedes Mal durchgewinkt.
»Werden alle Pkws kontrolliert?«, fragte ich.
»Die israelischen selten. Die Palästinenser brauchen eine Einreiseerlaubnis.«
»Und die Beduinen?«, wollte ich wissen.
»Die Beduinen? Die werden ganz besonders gründlich kontrolliert.«
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass ich bald selbst zu einer Art Expertin in Beduinen-Fragen werden sollte.
Gegen Mittag kam ich in Ein Gedi an. Die Oase befindet sich vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, und ich war überwältigt von der Schönheit dieses Ortes. Er liegt an den Ufern des Toten Meeres, hinter dem sich ein fantastischer Blick auf die Berge Jordaniens eröffnet. Es ist altes, biblisches Land, und wenn ich auch nicht religiös bin und ganz und gar nicht mit den Geschichten des Alten Testaments aufwuchs, so fühlte ich doch die Erhabenheit, die diese Gegend ausstrahlt. Im fünften Jahrhundert nach Christus wurde die letzte historische Siedlung aufgegeben, und erst 1949 kamen Menschen hierher zurück: Das israelische Militär gründete auf einem Felsplateau einen Militärposten, der vier Jahre später von dem Kibbuz abgelöst wurde.
Es ist eine Landschaft der Kontraste: die trockene, steinige Wüste, steil aufragende Berge, Wadis, ausgetrocknete Flussläufe, und Wasserfälle. Der Name Ein Gedi bedeutet »Quelle des Steinbocks«, und dieser Name wurde dem Ort zu Recht gegeben, denn schon bald nach meiner Ankunft sah ich früh morgens ein paar dieser wunderbaren Tiere, wie sie auf den Rasenflächen der Hotelanlage, die dieser Kibbuz betreibt, friedlich grasten.
»Am besten steigst du bei der nächsten Bushaltestelle aus«, riet mir der Kibbuznik, der die erste Haltestelle unten am Ufer des Toten Meeres beim Restaurant nahm, »dann bist du schon im Bereich, wo die Volontäre wohnen. Frag dich einfach zum Volontärsleiter durch, jeder kann dir den Weg zeigen.«
Ich fühlte mich verschwitzt und staubig, als ich aus dem Bus stieg und mich umsah. Hier war es sogar noch heißer als in Tel Aviv. Außerdem roch es seltsam nach faulen Eiern. Später erfuhr ich, dass dies am Schwefelgehalt in der Luft lag, der vom Toten Meer aufsteigt. Es dauerte aber nicht lange, und ich bemerkte dies überhaupt nicht mehr, die Geruchsnerven gewöhnen sich rasch daran. Allerdings ist der Sauerstoffgehalt in der Luft hier niedriger als anderswo, und das bekam ich in den folgenden Tagen zu spüren. Bis der Körper sich darauf eingestellt hat, dauert es eine Weile, und so lange fühlt man sich müde und schlapp.
Es war Mittagszeit, und ich war froh, nach der langen Reise aus Deutschland an meinem Ziel anzukommen.
Der Leiter der Volontäre begrüßte mich freundlich.
»Willkommen, Berit«, sagte er, »am besten stelle ich dich gleich der Moonqueen vor.«
»Mondkönigin« – so nannte man die junge Frau, die sich um die Volontäre kümmerte und auch danach schaute, dass der Wohnbereich, den man uns zuwies, sauber war. Helen kam aus England und erklärte mir gleich alles Mögliche, während sie mich zu meiner Unterkunft brachte.
Sie wies mir ein Doppelzimmer mit Stockbetten zu, das ich zunächst allein bewohnte, bis eine weitere Volontärin kommen würde. Es war an Einfachheit nicht zu überbieten, außer den Metallbetten mit dünnen Matratzen gab es nur einen Schrank, und als ich den öffnete, um meine Sachen darin unterzubringen, fiel er mir fast entgegen. Die Wände waren grau und fleckig.
»Komm doch erst mal mit zum Mittagessen«, sagte Helen, »dann lernst du gleich die anderen kennen.«
Sie führte mich zum Diningroom.
»Die Leute«, erklärte sie mir auf dem Weg dahin, »die zum Kibbuz gehören, heißen Kibbuznik. Außerdem leben noch Israeli bei uns, die eine Zeit lang hier arbeiten, aber keine Kibbuznik sind, die nennt man Bombachs. Dann gibt es noch die Thailänder. Und wir, na ja, das weißt du ja, wir sind die Volontäre aus dem Ausland.«
Im Diningroom gab es verschiedene Essen zur Auswahl, und man konnte sich selbst bedienen. Ich sah Reis, Nudeln und in viel Öl gebratenes Fleisch, dazu diese typischen israelischen Gurken, die ich schon bei unserem Frühstück kennengelernt hatte. Außerdem Tomatensalat, Chumus und eine neue Paste, die ich noch nicht kannte.
»Das ist Tahina«, erklärte mir Helen, »eine Sesam-Paste.«
Ich nahm mir von allem ein bisschen und sah mich um. Es ging sehr lebhaft zu, rund sechzig Menschen saßen hier an drei langen Tischen. Ich suchte mir einen freien Platz und stellte mein Tablett ab. Neugierige Blicke wandten sich mir zu. Es saßen viele Männer an dem Tisch, und mir entging nicht, dass sie mich mit großem Interesse von Kopf bis Fuß musterten.
»Hallo«, sagte einer und strahlte mich an, »wen haben wir denn da?«
»Bist du neu hier?«, wollte ein anderer wissen, »woher kommst du?«
»Wie heißt du?« – und so ging es weiter. Bald war ich in ein angeregtes Gespräch verwickelt. Alle sprachen ziemlich gut Englisch. Nur einen attraktiven Mann mit dunklem Teint, der mir direkt gegenüber saß, konnte ich kaum verstehen, so stark war sein Akzent.
»Das ist Salim, unser Beduine«, sagte ein anderer, »sein Zelt steht unterhalb des Kibbuz. Er arbeitet mit uns zusammen und zeigt den Touristen, wie die Beduinen in der Wüste leben.«
»Genau«, sagte Salim und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Komm doch mal in das Zelt und sieh es dir an!«
Sein Englisch klang für meine Ohren sehr seltsam, ich verstand ihn wirklich kaum. Doch mir war bewusst, dass auch meine Kenntnisse der Sprache, die ich aus meiner Schulzeit hatte, hier rasch an ihre Grenzen stießen.
»Willkommen in Ein Gedi, Berit«, sagte einer der Wortführer am Tisch und erhob sich feierlich, »ich bin mir sicher, wir werden eine lustige Zeit hier mit dir haben.«
Ein Gelächter erhob sich am Tisch, in dem eine gewaltige Portion Anzüglichkeit mitschwang. Na, das konnte ja heiter werden. Ich hatte es noch nie leiden können, wenn Männer derart deutlich zeigten, dass sie nur das Eine im Sinn haben. Auf der anderen Seite freute ich mich, dass man mich so offen aufnahm. Ich würde diesen Männern schon zeigen, dass Berit Kessler keine leichte Beute war.
In der ersten Nacht machte ich kaum ein Auge zu, denn die Klimaanlage in meinem Zimmer war kaputt, und es war heiß und stickig. Dennoch gewöhnte ich mich rasch ein. Zunächst wurde ich für die Küche eingeteilt. Sechs Tage die Woche, die in Israel am Sonntag beginnt, wusch ich nun täglich sechs bis acht Stunden lang Salat, schnitt Tomaten auf, schälte Gurken. An die sechshundert Menschen galt es satt zu bekommen, und so lernte ich, Chumus zuzubereiten und täglich tausend Fleischbällchen zu formen und anzubraten. Die Küche war einfach ausgestattet, es gab schlichte Metalltische, an denen das Essen in großen Wannen vorbereitet wurde. Hier war alles doppelt vorhanden, denn in der jüdischen Küche müssen Fleisch und Milchprodukte streng voneinander getrennt werden.
»In der Thora steht«, erklärte mir der Koch, »dass das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter gekocht werden darf. Wir nennen das koscher, und es ist wichtig, dass du das verstehst und einhältst!«, ermahnte er mich. Darum, so lernte ich, waren die Schüsseln für Fleischgerichte rot markiert, während die, in denen man mit Milchprodukten arbeitete, ein blaues Zeichen hatten. Da meist Volontäre, also Nicht-Juden, das Essen zubereiteten, war es wichtig, dass am Ende ein Jude das fertige Gericht noch einmal umrührte. Dann galt das Essen als koscher, denn ein Jude darf kein Essen zu sich nehmen, das von einem Nicht-Juden zubereitet wurde. Rührte ein Jude aber die von mir gekochte Suppe noch mal um, dann war es in Ordnung.
Fast täglich kam es vor, dass sich einer der Volontäre in den Finger schnitt. Dann wurde nicht etwa ein Pflaster darauf geklebt, so etwas gab es im gesamten Kibbuz nicht. Sondern man streute Kaffee oder Paprika auf die Wunde. Zu meiner Verwunderung brannte das überhaupt nicht, die Wunde hörte sofort auf zu bluten und heilte schnell.
»Ist denn dieses Messer jetzt noch koscher, mit dem ich mich geschnitten habe?«, witzelte Susan, eine Volontärin aus England.
Wir lachten. Uns erschienen all diese Regeln merkwürdig. Doch gleichzeitig fand ich es auch interessant, die Sitten und Gebräuche eines anderen Volkes kennenzulernen.
Immer zu Wochenbeginn gab es neue Dienstpläne, und wir erfuhren, wo wir die nächsten Tage arbeiten würden. Ich wurde auch in anderen Bereichen eingesetzt, zum Beispiel im Gästehaus, wo ich die Zimmer der Hotelgäste sauber machte oder im Restaurant bediente. Einen schrecklichen Tag lang schickte man mich auch in die gefürchteten Ställe der angegliederten Truthahnfarm. Bei den Truthähnen zu arbeiten war unter den Volontären am wenigsten beliebt, und auch mir grauste davor: Morgens musste man durch die Ställe gehen und die Kadaver der Tiere aufsammeln, die in der Nacht entweder wegen der schlechten Haltung gestorben oder von Wüstenfüchsen gerissen worden waren. Danach wurden die überlebenden Truthähne mit Getreide gefüttert und mit Medikamenten versorgt. Auch das war unangenehm, denn die schweren Tröge hingen an Seilen in der Luft. Um die Futternäpfe herunterzulassen, musste man die Seile betätigen, und man riss sich dabei leicht die Hände auf, Handschuhe gab es keine. An dem Tag, als ich hier eingeteilt war, musste ich glücklicherweise nichts von all dem tun: Es wurden neue Elektroleitungen verlegt, und man brauchte jemanden, der die Löcher durch die Wände bohrte. Dazu war ich gern bereit. Mit der Bohrmaschine bewaffnet, brachte ich diesen Stalltag hinter mich.
Ein anderer äußerst unbeliebter Job war das Säubern der Toiletten in der zwei Kilometer entfernten Spa-Anlage, die ebenfalls zum Kibbuz gehörte. In diesem Heilbad gab es zwei heiße Schwefelquellen, außerdem werden dem Schlamm aus dem Toten Meer heilende Kräfte zugesprochen. Wenn die Gäste nun während einer solchen Schlammpackung mal mussten, dann sahen die Toiletten danach entsprechend aus: völlig verdreckt und verschmiert. Wir Volontäre sollten dann alles wieder sauber machen, was jeder von uns hasste. Es gab viele, die sich schlichtweg weigerten, immer wieder die sanitären Anlagen im Spa von oben bis unten vom Schlamm zu reinigen, und die Kibbuz-Leitung schickte dann die Thailänder vor, die, ohne zu klagen, jede Arbeit erledigten, war sie auch noch so unangenehm. Es gab in Ein Gedi viele Thailänder, die für ein paar Jahre nach Israel kamen, um Geld zu verdienen, das sie Monat für Monat ihren Familien nach Hause schickten. Sie übernahmen die harte Arbeit im Kibbuz, verdienten etwas besser als wir Volontäre, sparten, wo sie konnten, um später nach ihrer Rückkehr in Thailand ein besseres Leben führen zu können. Diese Menschen wurden im Kibbuz ausgenutzt, sie arbeiteten schwer und verdienten doch vergleichsweise wenig. Mir taten vor allem die Frauen leid, wenn sie mir die Fotos ihrer Kinder zeigten, die sie teils seit Jahren nicht mehr gesehen hatten.
Wenn ich frei hatte, erkundete ich die Umgebung. Zunächst die Anlage selbst, die in einem wunderschönen botanischen Garten lag. Hier gab es neben den heimischen Palmen unzählige exotische Blüten und Bäume aus allen möglichen Kontinenten, Urwaldbäume mit Luftwurzeln, Schirmakazien, die ihre Äste weit über die Rasenfläche ausbreiteten, und zahlreiche andere Gehölze, die ich noch nie gesehen hatte. Auch vielerlei Arten von Kakteen wuchsen und blühten in geschmackvoll angelegten Beeten, und vor der Kulisse der kargen, steil aufsteigenden Felswände, die gleich hinter der Oase aufragten und ihr Schutz vor Wind und Wetter boten, wirkte diese Fülle an Vegetation und auch die Plantage mit Dattelpalmen wie ein kleiner Garten Eden.
Beim Baden im Toten Meer genoss ich das Gefühl, fast schwerelos in dem salzhaltigen Wasser zu treiben, den Blick auf die Berge Jordaniens jenseits des östlichen Ufers gerichtet. Und im Herbst, als die fast unerträgliche Hitze ein wenig nachließ, erkundete ich die beiden tief eingeschnittenen Täler der beiden Gebirgsbäche Nahal Arugot und Nahal David, denen die Oase ihre Fruchtbarkeit verdankte. Hier gab es spektakuläre Wasserfälle. Hier, inmitten der umliegenden Wüste, wachsen Palmen und Balsamsträucher, die vor allem am Abend einen betörenden Duft aussenden.
Jenen attraktiven Beduinen traf ich im »Moon«, dem Pub des Kibbuz, immer wieder. Er fiel mir eigentlich nur deswegen auf, weil er im Gegensatz zu all den anderen Männern im Kibbuz keine Anstalten machte, mich anzuflirten. Wenn wir uns trafen, wechselten wir ein paar Worte, und das war es. Dagegen gingen mir die anderen männlichen Wesen mächtig auf die Nerven: Jeden Abend schien es ein anderer darauf abgesehen zu haben, mich in sein Bett zu kriegen. Susan, wie so manch andere Volontärin, fand das offenbar nicht so schlimm.
»Was hast du nur«, wollte sie wissen, »ein bisschen Spaß dürfen wir doch schließlich haben. Ist denn von all denen hier keiner dabei, der dir gefällt?«
Ich zuckte die Schultern, denn mir war klar, dass Deutsche im Kibbuz alle denselben Ruf weghatten: dass man kaum an uns herankam, schon gar nicht für eine kurze Nacht …
»Susan«, scherzte ich, »ich weiß, dass dir Urs gut gefällt. Und ich glaube, er mag dich auch. Um mich brauchst du dich aber nicht zu kümmern. Ich bin ganz zufrieden so.«
Es würde wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, und der Kibbuz hatte ein neues Volontärs-Pärchen. Ich aber war nicht hergekommen, um eine Affäre zu haben. Ich wollte frei sein und es auch bleiben, mich nicht binden, sondern jederzeit leichten Herzens irgendwo anders hingehen, wenn es mir in den Sinn kam. Mein Herz zu verlieren, das stand nicht auf meiner Agenda. Sollten sie ruhig Wetten abschließen. Ich würde mich weder mit einem dieser ewig Bier trinkenden Engländer noch mit einem der Skandinavier, auch nicht mit einem Russen oder gar einem Israeli einlassen. Und mit Urs aus der Schweiz schon gar nicht, da brauchte Susan keine Sorge zu haben.
Eines Tages sah ich auf dem Wochenplan, dass ich in Salims Zelt als Bedienung eingeteilt war. Hier wurden regelmäßig »Beduinen-Abende« abgehalten, und dieser Job war unter den Volontären beliebt, weil es hier fünfzehn Schekel die Stunde zusätzlich gab.
Wir Volontäre verdienten zweihundertzehn Schekel im Monat, das waren umgerechnet rund vierundvierzig Euro, da waren drei, vier Stunden in Salims Zelt ein guter Nebenverdienst. Und so zog ich mir ein paar Mal die Kleider einer Beduinenfrau an, verschleierte mich und servierte Touristen das Essen.
Salim arbeitete mit dem Kibbuz auf freier Basis zusammen. In seinem großen, gemütlich mit Teppichen und Matratzen eingerichteten Beduinenzelt, in dem er Gruppen von bis zu dreihundert Leuten unterbringen konnte, vermittelte er bei typischer Bewirtung und auf äußerst unterhaltsame Weise den Touristen aus dem Ausland, israelischen Reisegruppen und Schulklassen einen Eindruck vom Beduinenleben. Und wenn er auch sonst nur Jeans trug, so kleidete er sich für diese Anlässe in das traditionelle lange Gewand, den Burnus, und band sich die Kafiya um den Kopf, die wir als »Palästinensertuch« kennen.
»Weißt du, Berit«, erklärte er mir später einmal, »ich trag das Zeug nicht gern.«
Er schlüpfte immer erst dann in den Burnus, wenn der Bus mit den Touristen schon hielt, und zog ihn sofort wieder aus, nachdem die Gruppe abgefahren war.
»Die Touristen möchten eben einen authentischen Beduinen in seinen traditionellen Kleidern sehen«, sagte Salim, »und für ihr Fotoalbum wollen alle außerdem ein Bild mit mir.«
Während ich in seinem Zelt arbeitete, konnte ich beobachten, wie gut sich Salim zu verkaufen wusste. Ja, die Leute glaubten ihm jedes Wort. So erzählte er zum Beispiel gern, dass er für dieses Treffen mit seinem Kamel extra aus der Wüste nach Ein Gedi geritten sei. Dabei stand sein Subaru, ein Automodell, das in den Neunzigerjahren die meisten Beduinen fuhren, gut versteckt hinter dem Zelt, und unter seinem Burnus schaute die Jeans hervor. Ich staunte oft darüber, dass die Menschen das so gern glaubten, was sie glauben wollten. Dabei war Salim alles andere als ein einfacher Beduine, zweimal war er bereits in London gewesen, um dort Sprachkurse zu absolvieren, wie er mir erzählte.
Wenn ich in seinem Zelt zur Arbeit eingeteilt war, lauschte ich amüsiert seinen Vorträgen. Ich konnte sehen, dass die Touristen ihn liebten und ihm gebannt lauschten. Salim verstand es, ungemein lebendig zu erzählen, und oft würzte er seine Geschichten mit Anekdoten und Späßen. Seine schwarzen Augen sprühten dann Funken, und ich konnte verstehen, warum so manche Frau aus dem Kibbuz für ihn schwärmte. Aber das schien ihm nichts zu bedeuten. Ohnehin interessierte er sich ganz offenkundig nicht für uns Frauen, weder für uns Volontärinnen noch für die Israelinnen noch für die weiblichen Gäste aus dem Ausland.
Das Leben im Kibbuz bot nicht viel Abwechslung. Für größere Ausflüge war es im Sommer viel zu heiß. Zwar kamen täglich ein paar englischsprachige Zeitungen für uns, doch die waren in der Regel sofort vergriffen. Auch das Essen wiederholte sich Tag für Tag, es gab immer dieselben Salate, Hüttenkäse, Chumus und so weiter. Wasser, Kaffee und schwarzer Tee waren unsere Getränke. Abends traf man sich im Pub. Und hier ging es eigentlich nur darum, wer mit wem etwas anfing aus lauter Langeweile. Auch die Israeli machten sich an uns Europäerinnen ran, und ihre Masche war immer dieselbe: »Komm, lass uns ein bisschen spazieren gehen.« Dann hieß es: »Ach schau mal, da ist mein Zimmer. Und dort ist mein Bett.« Mit mir lief das nicht, doch das schien die Männer nur noch mehr anzustacheln. Ich empfand das als sehr lästig, denn jede Unterhaltung lief früher oder später auf diesen »Spaziergang« hinaus. Darum freute ich mich, als mich Salim eines Tages fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm an einem Abend hinaus in die Wüste zu fahren. Ich hatte davon gehört, dass er hin und wieder mit seinem Subaru Volontäre mitgenommen und manche sogar seiner Familie vorgestellt hatte. Jeder wusste, dass man sich auf ihn verlassen konnte, dass er ein anständiger Kerl war und noch nie eine Frau belästigt hatte. Und so sagte ich gern zu, froh, einmal der Kibbuz-Routine entfliehen zu können.
Zum ersten Mal kam ich also weiter hinein in die Judäische Wüste, eine Fels- und Steinwüste von unglaublicher Schönheit. Während die Sonne unterging, färbten sich die Felsformationen in Rot-Violett-Töne, die Schatten schienen zu wachsen und aufzusteigen, bis schließlich das letzte Licht erlosch und die ersten Sterne aufgingen. Salim und ich sprachen nicht viel, und ich genoss in vollen Zügen dieses Naturschauspiel und die Stille. Wir erreichten einen Ort, der von Felsen auf mehreren Seiten geschützt war. Salim stellte den Motor ab.
Es war sehr still. Eben noch hatte der Motor gedröhnt, und nun stiegen wir aus, die Türen klappten zu, und ich sah mich verzaubert um. Am Horizont waren noch die letzten Spuren des Sonnenuntergangs zu erkennen, tiefviolette Streifen versanken in samtigem Indigoblau. In der Ferne, weit unter uns, glitzerte etwas: Es war ein Ausläufer des Toten Meeres.
Während ich so dastand und staunte, hatte Salim ein paar trockene Büsche samt Wurzeln herausgerissen, die hier vereinzelt wuchsen. Im Nu entzündete er ein flackerndes Feuer. Die Zweige prasselten lichterloh und die dicken Wurzeln hielten das Feuer in Gang. Aus einem Leinensäckchen schüttete Salim Mehl in eine zerbeulte Metallschale und goss Wasser darauf. Geschickt verarbeitete er das Ganze mit einer Prise Salz zu einem geschmeidigen Teig. Dann holte er einen metallenen Gegenstand aus dem Auto, der aussah wie ein Wok. Nur dass er ihn umgekehrt ins Feuer legte, mit der gewölbten Seite nach oben.
»Brot«, sagte er, während er einen großen runden Stein in die Mitte des Feuers platzierte und eine dünne runde Scheibe von diesem Teig darauf legte. Ich hatte davon gelesen, dass die Beduinen so ihr Brot zubereiten, und nun sah ich es selbst. Der Fladen blähte sich zischend in der Mitte auf, ein leckerer Duft stieg mir in die Nase. Mithilfe eines Stöckchens drehte Salim die Pita um. Kurze Zeit später warf er mir den heißen Fladen in den Schoß. Ich pustete, balancierte ihn von einer Hand in die andere, bis er nicht mehr zu heiß war.
»Iss«, empfahl Salim und sah mich von der Seite grinsend an. »Warm schmeckt es am besten!«
Er griff in seine Umhängetasche und zog ein Stoffpäckchen daraus hervor, legte es vorsichtig auf die Erde und wickelte es auf. Oliven kamen zum Vorschein, ein paar Tomaten und Gurken, die er mit seinem Klappmesser aufschnitt. Der Fels strahlte noch die Hitze des Tages ab, und selbst am Abend und in der Nacht würde es hier nicht sehr abkühlen, wie ich wusste.
Trotzdem stand Salim auf, ging zum Wagen und kam mit einer Decke wieder, die er mir über die Schultern legte. Ich entspannte mich und genoss es, dass mit Salim alles so einfach war. Da war keine Doppeldeutigkeit, keine Absicht in dem, was er tat. Seit Langem war er der erste Mensch, der mich einfach so nahm und sein ließ, wie ich war.
Wir sprachen wenig an diesem ersten Abend. Ich lauschte den Geräuschen der Wüste nach, die langsam aus der Stille herausstachen wie die Details aus einem monochromen Bild, das auf den ersten Blick einfach nur blau aussieht, und erst später entdeckt man die feinen Abstufungen. Hin und wieder sagte Salim etwas zu einem Tierruf, zu einem feinen Rascheln im Dornengebüsch. Schließlich, als ich dachte, dass es Zeit würde, zurückzufahren, ging Salim zum Wagen und machte sich am Heck zu schaffen. Als er zurückkam, schleppte er etwas hinter sich her.
»Was ist das denn?«, fragte ich.
»Eine Matratze«, war seine Antwort. »Ich hab mir gedacht, heute Nacht schlafen wir hier.«
In jener Nacht teilten wir uns diese Matratze, ganz unschuldig wie Bruder und Schwester. Wir waren Freunde, mehr nicht, und kein Funken Erotik schwebte über unserem Wüstenfeuer.
Oder doch? Heute fällt es mir unendlich schwer, jene Zeiten wieder auferstehen zu lassen, denn sie wurden überlagert von all den schrecklichen Erfahrungen, die ich in den vergangenen dreizehn Jahren machen musste. Diese ersten Begegnungen mit Salim hatte ich so erfolgreich verdrängt, dass ich sie fast schon vergessen hatte. Etwas in mir sträubt sich, diesen Mann wieder aus den Augen der jungen Frau zu sehen, die ich damals war. Der Salim von einst erscheint mir heute völlig fremd, so als sei er ein anderer als der, der mir heute meine Kinder streitig macht. Er muss ein anderer sein. Wie konnte er sich so verändern? Oder war er doch immer schon so, hatte es nur sorgsam vor mir und vielen anderen verborgen?
Und ich? Wer war diese Achtzehnjährige, die dort unter dem kristallklaren Sternenhimmel der Judäischen Wüste auf derselben Matratze schlief wie dieser junge Beduine, so vollkommen sicher ihrer selbst und der Tatsache, dass ihr nichts Schlimmes widerfahren konnte in seiner Gesellschaft?
Kai spricht im Schlaf, wirft sich herum. Es wird Zeit, für heute Schluss zu machen. Die Erinnerungen wühlen mich auf, und mein Kleiner scheint das zu spüren. Und doch, ich weiß, es muss sein. Will ich anderen erklären, wie alles kam, wie ich in die Situation kommen konnte, in der ich heute bin, muss ich mich meiner Vergangenheit stellen.
Schon früh hatte ich gelernt, dass man sich auf niemanden verlassen kann, außer auf sich selbst. Das machte mich bereits in jungen Jahren auf eine Weise erwachsen, die mir selbst nicht bewusst war.
Meinen Vater sah ich vorläufig zum letzten Mal, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte selbstvergessen mit einem Kaufmannsladen, irgendein Erwachsener war bei mir, an den ich mich nicht erinnere, während meine Mutter und meine sechs Jahre ältere Schwester im Gerichtssaal nebenan dafür sorgten, dass sich das Schicksal unserer Familie auf eine radikale Weise wandelte. Davon hatte ich natürlich keine Ahnung.
Auf einmal öffnete sich die Tür, und mein Vater kam heraus. »Ich darf dich jetzt nicht mehr sehen, Berit«, sagte er zu mir, »deine Schwester hat gegen mich ausgesagt.« Dann ging er fort. Und ich spielte die ganze Zeit einfach weiter, so als hätte ich nichts gehört. Doch ich hatte sehr wohl gehört, und diese beiden Sätze brannten sich damals in mein Gedächtnis ein, nie werde ich sie vergessen.
Ich habe meinen Vater vermisst. Es gab noch ein paar kurze Begegnungen mit ihm, die sich ebenfalls in meine Erinnerung eingebrannt haben: Mein Vater steht am Zaun der Spielwiese meines Kindergartens. Er streckt die Arme nach mir aus, ruft nach mir. Doch die Kindergärtnerin zerrt mich von ihm weg, hinein ins Haus.
Nach der Scheidung schickte mich meine Mutter zu meiner Großmutter an die Ostsee, fünfhundert Kilometer von Jena entfernt. Nach Hause fuhr ich nur noch »auf Urlaub«, und jedes Jahr durfte ich entscheiden, ob ich bleiben oder wieder mit meiner Oma zurück an die Ostsee fahren wollte. Ich entschied mich so lange für meine Oma, bis ich zur Schule kam. Dann ließ mir meine Mutter keine Wahl mehr, viel lieber wäre ich für immer bei meiner Oma geblieben.
Meine Mutter und meine Schwester erlebte ich von klein auf als eingeschworenes Team, zu dem ich nicht gehörte. »Du bist wie dein Vater«, hörte ich meine Mutter oft sagen, und es klang nicht freundlich. Sie klagte darüber, dass mein Vater bei seinem Auszug alle Alben mit den Kinderfotos mitgenommen hatte, auch Kassetten mit Aufnahmen von meiner Schwester, auf denen sie sang.
In meiner Erinnerung war mein Vater, solange er bei uns war, immer freundlicher mit mir umgegangen als meine Mutter. Mein Kinderbett stand im Elternschlafzimmer, und wenn ich weinte, weil ich schlecht geträumt hatte, hätte er es gern erlaubt, dass ich mich zu ihnen legte, während meine Mutter mich sofort wieder zurück in mein Kinderbettchen verfrachtete. Doch wie viele Erinnerungen kann man bewahren von einem Vater, der nach den ersten vier Jahren aus seinem Leben verschwindet?
Meine Mutter erzählte mir nie, wo mein Vater nach der Trennung lebte. Und solange ich Kind war, wagte ich es nie, die Sprache auf meinen Vater zu bringen, ich fühlte, dass dies ein absolutes Tabuthema war. Auch später, als ich älter wurde und sie danach fragte, erhielt ich von ihr nicht das kleinste Detail, weder über seine Herkunft noch über seinen Verbleib. Ich wusste, dass er Doktor der Physik gewesen war, mehr nicht. Als ich für mein Studium einen BAföG-Antrag stellen wollte, brauchte ich seine Unterschrift. Es kostete mich ein Jahr, bis ich herausgefunden hatte, wo er lebte. Dabei wohnte er nur fünf Gehminuten von meiner Mutter entfernt in einer Straße, die ich zuvor Tausende Male entlanggegangen war. Als ich unangemeldet an dem Haus klingelte, war das sicherlich eine Überraschung für ihn. Es waren zwei Männer desselben Alters in der Wohnung, und ich musste sie fragen, wer von beiden mein Vater war, ich erkannte ihn nicht wieder. Sechzehn Jahre waren vergangen seit jenem Tag im Gericht, als er mir sagte, er dürfe mich nicht mehr sehen. Und nun war sein Interesse an mir offenbar ganz und gar erloschen.
Er bot mir keinen Stuhl an, schenkte mir kaum einen Blick. Füllte sofort das Formular aus, das ich mitgebracht hatte.
»Wie heißen Sie?«, fragte er mich emotionslos. »Wann sind Sie geboren?«
Ich war schockiert.
»Aber das musst du doch wissen«, sagte ich, »und warum sagst du Sie zu mir? Ich bin doch deine Tochter.«
Aber das war ich offenbar nicht mehr für ihn. Kann ich es ihm verdenken? Was macht das mit einem Vater, wenn er jahrelang sein Kind nicht sehen darf? Hat er gekämpft um mich, damals, als er zum Kindergarten kam und die Arme nach mir ausstreckte? Hat er den Kampf verloren und aufgegeben?
»Warum brauchen Sie BAföG?«, sagte dieser fremde Mann, der mein Vater war. »Schließlich zahle ich seit Jahren Unterhalt für Sie.«
Das war mir neu. Meine Mutter hatte stets behauptet, dass er keinen Pfennig für mich und meine Schwester bezahlen würde. Jetzt aber stellte sich das genaue Gegenteil heraus. Wo aber war das Geld geblieben? Ich hatte keine Antwort auf seine Frage, fühlte mich wie ein Getreidekorn, das zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben werden soll. Ich war verletzt, enttäuscht, zum einen von meiner Mutter, was nichts Neues war. Aber auch von diesem fremden Mann, der mein Vater war – all die Jahre hatte ich mir versucht vorzustellen, wie er wohl sei. Auf diesen bitteren, kalten Mann war ich nicht gefasst gewesen.
Als das Formular ausgefüllt war, schickte er mich umgehend fort. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss, und ich fühlte vieles gleichzeitig: Schmerz. Enttäuschung. Aber auch Erleichterung. Das war es nun also gewesen. Er hatte kein Interesse an mir. Also brauchte ich mir auch keine Gedanken mehr um ihn zu machen. Ich hatte das Kapitel »Vater« damals für immer abschließen wollen.
Nun, als ich mit Salim das erste Mal in die Wüste fuhr, war mein Vater nicht mehr als ein Phantom meiner Kindheit, ein Verlust, ein Geheimnis. Dass ich ihm noch einmal wiederbegegnen würde, davon konnte ich noch nichts ahnen.
Ja, ich war ahnungslos. Frei. Meine Kindheit lag hinter mir. Vor mir sah ich eine vielversprechende Zukunft. Alles war möglich. Ich hatte es in der Hand, ich allein. Und ich war entschlossen, das Beste aus meinen Chancen zu machen.
Mit dem Herbst kam die Zeit der großen jüdischen Feiertage. Das Laubhüttenfest, eine Art Erntedankfest, das gleichzeitig an die Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil erinnern soll, ist eines der wichtigsten davon: Viele kleine Hütten, Sukkot genannt, wurden in der Gartenanlage aufgestellt. Dafür rammten wir Holzpfähle in den Boden, umkleideten sie mit Stoffbahnen und deckten sie mit Palmwedeln ab. In diesen Hütten wohnten die gläubigen Juden eine Woche lang, und während dieser Zeit gab es besonders leckeres Obst und viele Süßigkeiten, die man nur zu diesem Fest zubereitet. Bald danach war das jüdische Jahr zu Ende, und man feierte den Jahreswechsel. In Israel gibt es eine andere Zeitrechnung, denn natürlich beginnt sie nicht wie bei uns mit der Geburt von Jesus Christus. So kam es, dass man in Israel 1996 schon im Jahre 5756 lebte.
Natürlich nimmt die Religion in Israel einen hohen Stellenwert ein, ganz anders als in Deutschland. Die Juden leben mit ihrer Tradition, und bestimmte Regeln und Vorschriften haben direkte Auswirkungen auf den Alltag und das persönliche Leben jedes Einzelnen. Das schafft mitunter kuriose Situationen, vor allem am Shabbat. Einem Juden ist es nicht erlaubt, an diesem Tag zu arbeiten, ja, nicht einmal die kleinste Verrichtung vorzunehmen. Und eigentlich darf er am Shabbat auch keine Anweisungen erteilen.
Dennoch mussten die Hotelgäste auch am Shabbat versorgt werden – und genau dafür waren wir Volontäre da. Einmal verlangte eine Frau aus dem Kibbuz, dass wir die Klimaanlage voll aufdrehten. Den Gästen und uns Volontären wurde es aber viel zu kalt, und wir schalteten sie kurzerhand wieder aus. Die Frau war überhaupt nicht zufrieden und wollte unbedingt, dass wir sie wieder anschalteten, doch keiner von uns war bereit, das zu tun. Und sie selbst durfte es nicht – also musste sie sich damit abfinden, zu unserem großen Amüsement.
In den folgenden Wochen und Monaten fuhren Salim und ich immer wieder hinaus in die Wüste. Fasziniert lernte ich, wie man sich dort verhält, lernte am Feuer zu kochen und mich mit Sand zu waschen, statt mit Wasser. Salim zeigte mir Pflanzen, die ich zuvor überhaupt nicht wahrgenommen hatte, und Spuren von Tieren, von Vögeln und Reptilien, Insekten und kleinen Säugetieren. Wir beobachteten wilde Steinböcke und besuchten verborgene Wadis. Diese ausgetrockneten Flussläufe führten hier und dort aber doch noch Wasser, gespeist von geheimnisvollen Quellen und den Rinnsalen aus dem Gebirge. Hier erblühte eine ganz eigene Pflanzenwelt, und auch Tiere nutzten die Wadis als Tränken.
Schon seit einiger Zeit warb Salim mit all seinem Charme – und der war beträchtlich – um mich, er war in mich verliebt, das spürte ich. Auch ich fühlte mich zu ihm hingezogen, aber ich wehrte mich noch lange gegen meine Gefühle zu ihm, wollte ich mich doch in diesem einen Auslandsjahr auf keinen Fall binden. Ich sah keinen Sinn darin, für die wenigen Monate, die ich noch in Israel bleiben würde, eine Beziehung zu beginnen. Und auf nichts anderes als eine feste Beziehung hätte ich mich eingelassen, das wusste auch Salim. Aber zu Hause wartete mein Studienplatz auf mich, ich würde zurück nach Deutschland gehen, und das Letzte, was ich gebrauchen konnte, war eine Beziehung, die keine Zukunft hatte.
Dennoch suchte auch ich Salims Nähe und ließ keine Gelegenheit aus, mit ihm hinauszufahren in sein Land, damit er mir seine Geheimnisse zeigte. Und je mehr er mich in die verborgenen Reichtümer dieser herben Wüstenlandschaft einweihte, desto näher fühlte ich mich ihm und desto heftiger verliebte auch ich mich in ihn. Salim bedeutete mir trotz aller Vorbehalte, die ich hatte, inzwischen sehr viel. Mit niemandem sonst fühlte ich mich so wohl, geborgen und dennoch frei.
So kam es, dass wir leise, still und heimlich, vor allen anderen aus dem Kibbuz verborgen, doch ein Liebespaar wurden. Unsere Liebe war für uns etwas so Kostbares, dass wir sie noch einige Monate lang vor aller Welt geheim hielten. In dieser Kibbuz-Welt, wo einer so eng auf dem anderen hockte, wo es so gut wie kein Privatleben geben konnte, schafften Salim und ich es, uns diese Nische zu schaffen und zu bewahren und vor allen neugierigen Blicken zu schützen.
Salim hatte nie zuvor eine Affäre mit einer Volontärin im Kibbuz gehabt, obwohl er bereits seit fünf Jahren dort arbeitete. Und als die anderen endlich von unserer Beziehung erfuhren, konnten sie es kaum fassen. Im Grunde jedoch waren wir uns ziemlich ähnlich: Wir beide liebten die Natur, beide legten wir großen Wert auf unsere Freiheit. Wir liebten es, gemeinsam zu lachen. Außerdem mochte ich es, wie er mit wenigen, ausdrucksstarken Gesten seiner Hände seinen Worten Gewicht verlieh, und wie gebannt ihm die anderen dann lauschten. Seine Meinung war gefragt, und er hatte zu allem etwas Wichtiges zu sagen.
Wie gesagt, ich hatte nicht vorgehabt, eine Beziehung einzugehen. Und noch immer fühlte ich mich frei, denn auch Salim strahlte diese Unabhängigkeit eines Nomaden aus. Mitunter machte ich mir Gedanken, wie es wohl mit uns weitergehen sollte, doch im Grunde versuchte ich im Hier und Jetzt zu leben. Ich war jung, und verliebt. Und glücklich, wie noch niemals zuvor.
Kurz nachdem wir ein Paar geworden waren, fuhr Salim mit mir für drei Tage in den Negev, eine Stein- und Felswüste, die sechzig Prozent des Staates Israel bedeckt und zwölftausend Quadratkilometer groß ist. In diesem riesigen, V-förmigen Gebiet, so erklärte mir Salim, leben nur zehn Prozent der israelischen Bevölkerung.
»Negev bedeutet Süd-Land«, erklärte mir Salim, »in unserer Sprache an-Naqb.«
Wir besuchten seine Mutter und eine seiner Schwestern, außerdem noch einen Bruder. Seinen Geschwistern erzählte er von unserer Beziehung, seiner Mutter dagegen stellte er mich als Volontärin vor, die das Beduinenleben kennenlernen wollte. Mir war das nur recht, denn ich hatte keine Lust, von einer Beduinenfamilie vereinnahmt zu werden. Ich fand es allerdings spannend, mehr über seine Familie und seine Jugend zu erfahren.
Er hat sieben Schwestern und vier Brüder. Sein Vater, der bereits gestorben war, hatte neben Salims Mutter noch eine zweite Frau gehabt und auch mit ihr Kinder gezeugt.
»Haben die Beduinen alle mehrere Frauen?«, war eine der von den Hotelgästen häufig gestellten Fragen im Beduinenzelt des Kibbuz. Mir erklärte Salim stets, dass er nichts von Polygamie hielt, ja, er machte sich stets lustig über seine Stammesgefährten, die mehrere Frauen heirateten. Vor den Touristen allerdings gab er sich als traditionsbewusster Beduine und band ihnen gern einen Bären auf.
»Ich habe vier Frauen, aber ich sage Ihnen: Es ist die Hölle!«, jammerte er dann. »Sie machen sich ja überhaupt kein Bild, was für ein Stress das für uns Männer ist. Stellen Sie mal eine Frau zufrieden – nicht wahr mein Herr, Sie wissen, was ich meine! Ich aber habe vier Frauen! Ständig zanken die sich. Und jede will Geld von mir …«
Die weiblichen Gäste empörten sich dann oft, und Salim und wir anderen, die wir ja wussten, dass er sich nur einen Scherz erlaubte, amüsierten uns köstlich.
Im privaten Kreis kritisierte er Mehrfachehen. Außerdem verstößt dies in Israel ohnehin gegen das Gesetz, das selbstverständlich auch für die hier lebenden Beduinen gilt. Polygamie wird mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft – doch wo kein Kläger ist, gibt es auch keine Strafen, und auch heute noch gibt es in Salims Familie Fälle von Mehrfachehen. Nur wenige Jahre später sollte Salims Schwester selbst in eine solche Situation geraten: Lange war sie die einzige Frau ihres Mannes gewesen. Da sie allerdings keine Kinder bekommen konnte, nahm ihr Mann eine jüngere Frau dazu. Sie wehrte sich dagegen, wollte sich sogar scheiden lassen, doch die Familie akzeptierte ihren Wunsch nicht, und so musste sie bleiben und ihren Mann mit der neuen Frau teilen. Dass derselbe Salim, der zu dem Zeitpunkt, als ich mich in ihn verliebte, so vehement gegen die Polygamie gewesen war, einmal seine eigene Schwester dazu zwingen würde, bei ihrem Mann zu bleiben, hätte ich mir damals allerdings nicht träumen lassen. Wie so vieles andere auch nicht.
Um Salims Bruder zu treffen, mussten wir in Richtung Süden fahren, denn er lebte weit weg vom Stamm draußen in der Wüste. Jamal war ein Einzelgänger, der das traditionelle halbnomadische Leben weiterführen wollte, so wie es früher war. Er besaß eine Herde von fünfzehn Kamelen, und oft war er wochenlang mit ihnen und seinem Hund dort draußen in der Wüste, und keiner wusste, wo er sich genau aufhielt. Sein Zelt, das er immer wieder aufsuchte, hatte er in einem Wadi in der Nähe eines Städtchens namens Mitzpe Ramon aufgestellt, nicht weit von einem Armee-Camp entfernt. Er hatte ständig Ärger mit den Behörden, denn in dieser Gegend durfte man keine Zelte aufbauen – und doch war es altes Beduinenland. Mit der Gründung des Staates Israel, so erfuhr ich, wurden die Beduinen enteignet, ihnen gehört heute kein Land mehr. Jamal aber wollte sich damit nicht abfinden.
War Jamal unterwegs bei seinen Tieren, dann ernährte er sich tagelang nur von Kamelmilch, und auch in seinem Zelt gab es außer Olivenöl, Tee, Kaffee und einem Sack Mehl keine Lebensmittel. Beduinen essen hauptsächlich Fladenbrot, wie jenes, das auf dem gewölbten Metallblech gebacken wird. Außerdem gibt es noch das sogenannte Libbe, ein rund zwei Zentimeter dicker Fladen, der in der heißen Asche gebacken wird. Oft vermischen die Beduinen das Fladenbrot mit Kamel- oder Ziegenmilch und träufeln Olivenöl darüber. Oder man kocht eine Suppe, in die man das Brot hineinrührt. Später lernte ich, dass im Frühjahr, wenn der Regen kommt, die Wüste grün wird und alle möglichen Pflanzen sprießen. Einige davon kann man ernten und daraus wohlschmeckende Gerichte zubereiten. Ja, es gibt sogar an einigen Stellen Trüffel unter dem Wüstenboden, und ein paar Mal rösteten wir diese Köstlichkeiten über dem Feuer.
Ehe wir damals Salims Bruder Jamal besuchten, machten wir in dem Wüstenstädtchen Mitzpe Ramon halt, das direkt am steil abfallenden Rand des Kraters lag und wirkte, als hätte ein Riese beim Vorübergehen eine Handvoll sandfarbener und weißer Quader verstreut.
»Zuerst war das hier nicht mehr als ein Camp für die Bauarbeiter, die die Straße hinunter in den Süden nach Eilat bauten«, erklärte mir Salim, als wir die kleine Stadt durchquerten. »Dann haben sich Leute hier niedergelassen. Solange der einzige Weg in den Süden hier entlangführte, kamen hier viele Menschen durch. Doch inzwischen gibt es die Schnellstraße im Aravatal. Mehr als fünftausend Menschen leben hier nicht.«
Wir kauften in einem Supermarkt ein paar Lebensmittel ein, damit wir nicht mit leeren Händen zu Salims Bruder kamen und gemeinsam etwas kochen konnten.
Jamal freute sich über die Abwechslung und bereitete für uns diesen typischen Tee der Beduinen zu, für den Schwarztee mit Wüstenkräutern und viel Zucker lange gekocht wird.
»Gefällt es dir hier?«, wollte Jamal von mir wissen.
»Sehr«, antwortete ich.
»Der Negev«, begann Jamal zu erzählen, »war einst das Land der Beduinen. Doch die Israeli haben die meisten von uns nach 1948 vertrieben. Sie wollen nicht, dass wir hier so leben wie früher. Darum haben sie Gesetze geschaffen, die unser traditionelles Leben unmöglich machen. Seit jeher leben wir Beduinen von der Viehzucht, wir halten Kamele und Ziegen. Doch die Israeli haben beschlossen, dass im Negev keine Tiere mehr weiden dürfen. Darum muss ich meine Kamelherde vor ihnen verstecken.«
»Keiner kennt den Negev so gut wie mein Bruder«, warf Salim ein.
»Bring sie mal nach Ramat Chovav«, fuhr Jamal zornig fort, »alles, was sie im Norden nicht haben wollen, das schicken sie zu uns. Dort findest du das größte Sondermülllager und riesige Anlagen chemischer Schwerindustrie. Aber nein, wir Beduinen sollen es sein, die die Wüste mit unseren Herden zerstören. Wäre es nicht so traurig, man könnte darüber lachen.«
»Reg dich nicht auf, Bruder«, sagte Salim und erhob sich. »Du weißt, wir sind schlauer als sie. Deine Kamele werden sie nicht finden. Und eines Tages, wer weiß, werde ich vielleicht auch welche haben. Komm«, sagte er zu mir, »ich will dir etwas zeigen.«
Wir stiegen auf einen Berg, der Jamals Zelt gegenüberlag. Als wir oben waren, wurde Salim ganz still, und ich merkte, dass ihn etwas tief bewegte.
»Siehst du da unten die dunklen Flecken im Sand?«, fragte er mich schließlich. Ja, ich konnte sie erkennen, große dunkle Flecken wie Schatten auf dem Wüstensand.
»Da unten hat meine Familie lange gelebt. Die Flecken zeigen noch nach über zwanzig Jahren an, wo einmal unsere Zelte standen.«
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es gewesen sein musste, zählte die Flecken, sah im Geiste die Zelte an diesen Stellen. Also war Jamal an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt. Nun verstand ich, warum er so zornig war und sich nicht vertreiben lassen wollte. Die Beduinen waren zuerst hier gewesen. Dieser Hügel, auf dem ich stand, war für Salim und seine Geschwister einst Spielrevier und Hausberg gewesen, lange bevor die Israeli ein Militär-Camp hierher verlegten.
»Kannst du da unten den Stein sehen?«, unterbrach Salim meine Gedanken. Wieder nickte ich. »Auf diesem Stein hat mich meine Mutter geboren.«
Ich war sprachlos. Auf einem Felsen hatte seine Mutter entbunden? Doch Salim war noch nicht fertig.
»Bei der Geburt schlug mein Kopf gegen den Stein. Die ersten vier Jahre meines Lebens sprach ich kein Wort. Dann gab mir meine Mutter die Milch einer Eselin zu trinken. Kurz darauf fing ich an zu sprechen.«
»Wegen der Eselmilch?«, fragte ich ungläubig.
Salim zuckte die Schultern und lachte.
»Frag meine Mutter«, sagte er, »sie ist noch heute davon überzeugt, dass es an der Eselmilch lag.«
Wir stiegen hinunter zu Jamal, verabschiedeten uns etwas später von ihm und fuhren weiter.
»Jetzt zeige ich dir den schönsten Ort im Negev«, sagte Salim, »so etwas hast du noch nie gesehen.«
Wir fuhren in den Machtesh Ramon, einen gigantischen, an der breitesten Stelle vierzig Kilometer messenden Krater, der über die Jahrmillionen durch Erosion und Ausschwemmungen entstanden ist. Natürlich hatte ich schon von ihm gehört, viele unserer Hotelgäste machten Tagestouren hierher. Die Erosion hatte unzählige Gesteinsschichten freigelegt, die in vielfältigen Farbnuancen schimmerten: Von fast Weiß über Grau und Grün changierten die Gesteine ins Gelbliche, und ich sah, je nach den Lichtverhältnissen, alle Schattierungen, von Orange- bis Rottönen. Der Krater steht unter Naturschutz, Ranger kontrollieren dieses weitläufige Gebiet, denn hier darf man nur auf offiziellen Campingplätzen übernachten. Feuer außerhalb dieser ausgewiesenen Stellen ist streng verboten. Doch die Beduinen interessiert das wenig.
»Ich weiß, wo wir übernachten können, ohne dass die Ranger
