Ich will Bauer werden. - Carl Ziegner - E-Book

Ich will Bauer werden. E-Book

Carl Ziegner

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Beschreibung

»Einmal kam ich mit einem fanatischen Kommunisten zusammen. Mit ihm war kein Gespräch zu führen. Er stand im Range eines Oberleutnants und wollte mir klarmachen, daß in Russland alles besser wäre. Die Häuser, die öffentlichen Einrichtungen, die Ernährungslage, alles war besser als bei uns. Da wir gerade an ein Radio gelehnt standen, sagte ich : »Bei uns viele Häuser Radio, in Russland auch ?« »Bei uns jeder Radio, nicht nur viele, jeder kann hören«. Erstaunt entgegnete ich, daß dies doch nicht möglich sein könne, davon hätte ich noch gar nichts gehört. Seine Stimme schwoll merklich an, als er mir erklärte, daß in Russland jedes Dorf einen Lautsprecher hätte, der auf dem Dorfplatz stünde. »Da müßt ihr doch alle dasselbe hören, ihr könnt doch da gar nicht hören, was ihr wollt«, antwortete ich ihm. Da schrie er aber los : »Ihr Deutschen immer jeder etwas anderes machen als der andere. Bei uns Bürgermeister Radio anstellen und das für alle gut, was anderes wollen wir gar nicht hören... « Auszug: »Ich will Bauer werden«

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hinweis

Alle Personennamen, bis auf Meyer, Carlstedt und Ziegner, sind rein zufällig!

Titelbild

Christoph Ziegner, 1945 (18 Jahre), Verwalter und Inspektor der Domäne Neufrankenroda, vor dem Pfarrhaus in Warza

»Eine Erzählung meiner Erlebnisse

auf der Domäne Neufrankenroda.

Als Verwalter der Firma Meyer,

als Inspektor bei der roten Armee

und als übriger Zeitgenosse bei

der Bodenreform.

Oder die Geschichte eines Gutes,

wie die so vieler anderer Güter auch.

Aus der Erinnerung 1948 aufgeschrieben.«

Christoph Ziegner

Verwalter, Inspektor, Landwirt, Zeitgenosse

Domäne Neufrankenroda, 1944 – 1946

Inhalt

Vorwort

1. Die Landwirtschaftsausbildung 1942 – 1944

Zottelstedt/Apolda

Thorn/Danzig (Westpreußen)

2. Domäne Neufrankenroda

Vorstellung im Hause Teichmann

Erstes Arbeiten mit Ausländern

Ich bekomme einen neuen »Chef«

Die beiden deutschen Kutscher

Als Volkssturmmann

Das »deutsche« Dreschen

Ein Landarbeiter

Unsere Ponys

Die Plantagen und ihr Gärtner

Der wichtigste Teil des Betriebes – die Frauenkolonne

Herr Rittmeister Meyer

Der letzte Monat im Dritten Reich

Unter amerikanischer Hoheit

Einzug der Russen

»Kleinbessarabien« – meine Schuld?

Nachricht an Herrn Rittmeister und Weggang von Herrn Teichmann

Die russische Verwaltung

Das »russische« Dreschen

Der erste Kommandant

Unsere Milchviehherde

Nina und ihre Freundinnen

Der Jude und sein bester Arbeiter

Die Obsternte

Russische Küche

Die ersten Anfänge der Bodenreform

Der zweite Kommandant

Soldaten

Die Schweinehaltung

Offiziere

Herbstarbeiten

Fremde Deutsche in Neufrankenroda

Der dritte Kommandant

Winterarbeiten

Bodenreform

Ein halbes Jahr später

3. Zeit der Theorie und Praxis

4. Rückführung der ostzonalen Landwirtschaft in das deutsche Wirtschaftssytem

Die gesellschaftlich-kulturpolitische Frage

Planwirtschaft – Freie Wirtschaft

Bodenreform

Die Enteigneten der Bodenreform

Die Erben der Bodenreform

Die Volksgüter

Die VdgB – BHG

Die VVEAB

Die DSG – HZ

Die Handelszentrale Chemie

Kreiskontore für Nutz-und Zuchtvieh

Die MAS

Kreditwesen

Die landwirtschaftliche Verwaltung

Das landwirtschaftliche Schulwesen

5. Der Landwirt

6. Kurzbiografien

Meyer, Eduard Dr. h. c

Meyer, Rudolf

Ziegner, Christoph

7. Literaturverzeichnis

8. Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Eduard Meyer, Domänenpächter in Friedrichswerth, gibt im Sommer 1917 eine Stellenanzeige zur Besetzung einer Sekretärinnenstelle heraus. Gesucht wird für die Saatgut-Versandabteilung ein Fräulein mit guter Handschrift, gewandt in Schreibmaschine und Kurzschrift, die zu selbständiger und gewissenhafter Arbeit befähigt ist. In Klammern ergänzt der Domänenrat: »Anfänger und oberflächlich Arbeitende ausgeschlossen.« Diese Ausschreibung wird in Quedlinburg von Frida Zabel gelesen, die sich auch sofort bewirbt. Meyer ist von der Bewerbung angetan und bittet in einem Schreiben um weitere Unterlagen. Gleichzeitig macht er Fräulein Zabel darauf aufmerksam, dass sie bei Anstellung im Ort Friedrichswerth wohnen muss. Fräulein Zabel tritt, angeblich für nur ein paar Jahre, umgehend die Stelle in Friedrichswerth an. Sie blieb 61 Jahre. Das kam so: Beim Domänenrat arbeitete ebenfalls ein neu eingestellter Privatsekretär: Oskar Carlstedt. Er kam auch auf eine Ausschreibung hin nach Friedrichswerth. Wohl auch deswegen, weil seine familiären Wurzeln in Thüringen liegen. Oskar und Frida lernten sich kennen und heirateten 1921. Acht Jahre später wurde die Tochter Johanna geboren, welche 1951 den Verwalter und Inspektor des Gutes Neufrankenroda heiraten sollte. Familie Carlstedt bekam damals ein Haus vom Domänenrat an der Hauptstraße in Friedrichswerth, das sie bis zu ihrem Lebensende bewohnen konnten.

Pfarrer Oskar Ziegner wird 1934 durch den Landeskirchenrat in Eisenach in die Pfarrstelle Warza bei Gotha zwangsversetzt. Zu seinem Gemeindebereich gehörten während des II. Weltkrieges aus Mangel an Pfarrern auch die Gemeinden Friedrichswerth und das Gut Neufrankenroda. Er lernte den Sohn des verstorbenen Domänenrats, Herrn Rittmeister Rudolf Meyer, und auch dessen Privatsekretär kennen und schätzen. Einer der Söhne von Oskar Ziegner, Christoph, wollte nur zu gern in der Landwirtschaft lernen und arbeiten. Dafür beendete er schon 1943 die Schulausbildung. Die sich anschließende landwirtschaftliche Lehre in Zottelstedt musste er wegen einer schweren rheumathischen Erkrankung nach einem halben Jahr abbrechen. Nach einer relativen Genesungzeit war er gezwungen, sich beim Reichsarbeitsdienst in Ostpreußen zu melden. Dort erlebte er wegen der widrigen Umstände im Lager einen gesundheitlichen Rückfall. Den Sommer 1944 erholte er sich von dieser schweren Erkrankung zu Hause. Sein Vater konnte aufgrund der Kenntnisse der Lage und der Gespräche mit dem Rittmeister Christoph eine Verwalterstelle auf dem Gut Neufrankenroda vermitteln. Diese Stelle trat Christoph im Herbst 1944 mit gerade einmal 18 Jahren an. Im Küchenbereich des Gutes Neufrankenroda wurde zur gleichen Zeit Johanna Carlstedt, 15 Jahre alt, in Hauswirtschaft ausgebildet. Ein einziger Blick soll genügt haben und Christoph wusste, Johanna wird seine Frau werden. Gemeinsam haben beide ein Jahr auf dem Gut Neufrankenroda zugebracht, bevor Johanna zur weiteren Ausbildung nach Gotha ging.

Zum Kriegsende kommt das Gut unter amerikanischen Befehl. Eine gute Zeit. Doch dauert die amerikanische Besetzung nur ein paar Monate. Dann übernehmen die Russen das Gut und wirtschaften es »runter«.

1946 verlässt auch Christoph Ziegner das Gut Neufrankenroda. Die Bodenreform hat es endgültig zerschlagen. 1948 hat der ehemalige Verwalter und Inspektor Christoph Ziegner diese Neufrankenrodaer Zeit Revue passieren lassen. Seine spätere Verlobte wird ihm wohl zugeredet haben, diese Zeit aufzuschreiben. Es war ein Moment ihrer gemeinsamen Lebenszeit. Der Wechsel eines Stücks der Weltgeschichte, dicht gedrängt vom Rittmeister an, über die amerikanischen Besatzer hin zu den russischen Kommandanten, alles in zwei Jahren auf dem kleinen Gut Neufrankenroda bei Friedrichswerth. Immer hoffend, dass sich die alten Zeiten unter dem Rittmeister Meyer wieder einstellen werden. Das war wohl der innere Antrieb meines Großvaters Christoph Ziegner, das Gut für den Rittmeister so gut wie möglich zu erhalten. Aber so kam es nicht. Die Bodenreform hat alle Hoffnungen zunichte gemacht. Doch Neufrankenroda hat meine Großeltern geprägt. Viele kleine Geschichten, die auch in dem Bericht »Neufrankenroda« zu lesen sind, wurden immer wieder zu Hause erzählt.

Am erstaunlichsten sind aber die Wege der einzelnen Personen der Familie Ziegner und die der Carlstedts, die zu einer bestimmten Zeit an dem bestimmen Ort Neufrankenroda zusammengelaufen sind. Als Enkel und Urenkel kann man hier nur staunend zurückblicken. Das Gut Neufrankenroda mit den Wohnhäusern und der alten Schule gibt es noch. Auch in Friedrichswerth, dem Hauptsitz der Domäne, sind die Häuser, das Schloss und manches andere noch sichtbar.

1952 bahnte sich ein vorsichtiger »politischer Frühling« in der DDR an. Das beflügelte wahrscheinlich meinen Großvater, sich erneut mit der Bodenreform und einer damit verbundenen Rückführung in das deutsche Wirtschaftssystem schriftlich auseinanderzusetzen. Veröffentlichen konnte er diese Überlegungen natürlich nicht. Seinen Aufsatz habe ich deshalb mit angefügt, zeigt er doch, wie sehr sich mein Großvater als inzwischen »Staatlich geprüfter Landwirt« mit der Landwirtschaft identifizierte und frühere Fehlentscheidungen der Ostregierung so mit korrigieren wollte. Andererseits hätte ihn dieser Aufsatz bei einer damaligen Veröffentlichung zum Gegner des Sozialismus werden lassen, mit der ganzen Härte dann durch die Genossen geahndet.

Carl Ziegner

1. Die Landwirtschaftsausbildung 1942 – 1944

Zottelstedt/Apolda

Bild 1 Auszug aus einem Brief von Christoph Ziegner, 16.05.1943, nach Hause

Christoph Ziegners Bruder Martin kann sich noch erinnern, wie sich Christoph im Sommer 1942 beim Mittagessen über seine berufliche Zukunft äußerte. Er sagte, dass er die Schule verlassen und Bauer werden will. Seitens der Eltern hat es allem Anschein nach keine großen Umstimmungsversuche gegeben. Vielmehr versuchte Vater Oskar Ziegner, eine entsprechende Lehrstelle für den Sohn zu finden. Aus diesem Grund schreibt er die »Landesbauernschaft in Thüringen« an. Der Verband antwortet am 13.01.1943 schriftlich und benennt 16 »Landwirtschaftslehrherren«. Oskar Ziegner entscheidet sich letztendlich für den im Kreis Weimar tätigen Landwirtschaftslehrherren Ernst Radler in Zottelstedt bei Apolda. Es folgt eine Vorstellung bei Bauer Radler und die Lehrausbidlung beginnt am 01.04.1943. Die Gymnasiumszeit endet Ostern 1943. Die folgende Zeit der Ausbildung, jeden Tag 10 Stunden1 auf den Feldern tätig zu sein, bei Sturm und Kälte, haben Christoph Ziegner für sein Leben geprägt. Der Tagesablauf wird in einem Brief nach Hause wie folgt beschrieben:

»… Um 5 Uhr aufstehen, um ½ 7 Kaffee trinken, um 7 aufs Feld, 9 bis ½ 10 Frühstück, 12 Uhr Mittag, 12 bis 2 Uhr Mittag, dann 2 bis 7 ohne Pause wieder aufs Feld. Um 7 vom Feld, um 8 Abendessen, um 9 bis ½ 10 kann ich dann ins Bett. Nächsten Tag um 5 Uhr aufstehen, s.o. …«2

Die harte Ausbildung hatte zur Folge, dass Christoph Ziegner sich innerhalb kürzester Zeit Gelenkrheumatismus zuzog, was aber nicht behandelt wurde. Nachdem im September 1943 keine Post mehr aus Zottelstedt kam – Christoph schrieb sonst ganz regelmäßig nach Hause –, machten sich der Vater und Bruder Martin auf den Weg nach Zottelstedt, um nach Christoph zu schauen. Sie fanden ihn mit steifen Gelenken in einer Dachkammer liegen. Sofort wurde er in das Apoldaer Krankenhaus eingewiesen und mit dem 29.09.1943 arbeitsunfähig geschrieben. Das war auch gleichzeitg das Ende der Landwirtschaftsausbildung in Zottelstedt. Vater und Bruder haben seine paar Habseligkeiten gepackt und Zottelstedt verlassen. Da der Vater ahnte, dass sich Bauer Radler wegen des Krankheitsbildes beim zuständigen Arzt erkundigen würde, hat er an Dr. Schmidt vorsorglich seine Sicht schriftlich erläutert. »… Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt! In Kürze wird Sie der Bauer Radler aufsuchen, um über die wegen Erkrankung erfolgte Entlassung meines Sohnes Christoph aus der Lehrlingsstelle bei ihm zu sprechen. Seit 1.4. war mein Sohn in Zottelstedt. Er ist nach Feststellung des Arztes so überanstrengt worden, daß er körperlich einen Zusammenbruch erlebte. Ausgebrochen ist dieser zusammen mit einer Erkrankung an Gelenkrheumatismus. Bei der Anmeldung erklärte mir Herr Radler, daß ein Lehrling bei ihm nicht als volle Arbeitskraft eingesetzt und auch zu den schwersten Arbeiten nicht herangezogen werden würde. Darauf habe ich ihn gestern bei einer Rücksprache hingewiesen. Er bestritt, meinem Sohn schwere Arbeiten zugemutet zu haben, die ihn überanstrengt haben könnten. Um deutlich zu machen, was ich unter schwerer Arbeit für einen Jungen im 17. Lebensjahre verstehe, nannte ich Folgendes: Zusammen mit einem 16-jährigen Bulldogführer hat er 71 Zentner Kartoffeln in Apolda bei Händlern abgeladen und zum Teil in eine Torfahrt gestellt und ausgeleert, zum anderen Teil in enge Stellen, zu denen es Treppenstufen herauf und herunter ging, getragen. 12 eineinhalb Zentner schwere Getreidesäcke trug er auf einer Wendeltreppe ein Stockwerk hinauf und 25 gleichschwere Säcke dort herunter. 100 Zentner Rübensamen hat er mit dem erwähnten anderen Jungen allein aufgeladen. Herr Radler bestritt zunächst alles. Dann nannte er alles keine schwere Arbeit, weil ein 16-jähriger Mensch solche Arbeit leisten müßte, wenn er in die Landwirtschaft wolle. Mein Sohn hat das Gymnasium bis in die Klasse 6 besucht und es verlassen aus Liebe zum Landwirtberuf. Er hat bei Herrn Radler selbstverständlich sehr viel gelernt. Er hat große Lust an seinem Beruf mitbekommen und hat die Eigentümlichkeiten des Herrn Radler und seiner Frau hingenommen, wie sich das für einen jungen Menschen gehört. Er hat auch gern gearbeitet und Freude an der Arbeit gehabt bis zuletzt. Wenn jetzt Kinder aus anderen Ständen in den Bauernberuf gehen, dann sollten die Bauern mehr Verständnis dafür haben, daß sie keine Bauernkinder vor sich haben, sondern aus Familien Söhne anvertraut erhalten, die aus Jahren geringerer Ernährung und dadurch geringerer Kraft kommen. Mein Sohn ist groß und stark und seit 5 Jahren nicht krank gewesen und ganz gesund zu Herrn Radler gekommen. Ich habe mir erlaubt, Ihnen diesen Bericht zu geben in dem Vertrauen, daß Sie meine Lage als Vater verstehen werden. Mit deutschem Gruß! Ihr ergebener (Unterschrift Ziegner) …«3 Kein Gymnasium mehr, aber zu Hause von Mutter Helene wieder gesund gepflegt. Rechtzeitig wieder auf den Füßen, um das Winterhalbjahr auf der Landwirtschaftsschule Gotha zu verbringen.

Thorn/Danzig (Westpreußen)

Doch schon am 14.02.1944 wird Christoph Ziegner zum Reichsarbeitsdienst nach Danzig/Westpreußen »eingezogen«. Hier im Arbeitslager hat er durch die schlechten Bedingungen einen heftigen gesundheitlichen Rückfall. Er schreibt an die Eltern: »… Entschuldigt bitte meine schlechte Schrift, aber in den letzten Tagen geht es mir sauschlecht. Durch die fortwährenden Spritzen, die man hier bekommt, hat man Kopfschmerzen. Halsschmerzen haben wir alle. Und auch der Rheumatismus macht sich bemerkbar … Draußen ist ein Sauwetter, kalt und ein ziemlicher Schneesturm …«4

Bild 2 Morgenappell im Lager Thorn / Westpreußen 1944 (Originalaufnahme)

Am 25.04.1944 ist der Reichsarbeitsdienst abgeschlossen und es geht wieder nach Hause, wo sich Christoph erst einmal wieder auskurieren muss. Dr. Pudor, Hausarzt in Warza, schreibt folgendes Gutachten: »Chr.5 Ziegner hat heute seine Einberufung zum Wehrdienst erhalten. Da er z. Zt. bettlägerig ist, kann er dieser Einberufung nicht Folge leisten. Im Jahr 43 hat Z.6 einen schweren Gelenkrheumatismus durchgemacht. Danach trat zunächst ein leichtes Vitium7 in Form einer Insuffizienz8 der Aortenklappe auf. Durch die Ableistung des Arbeitsdienstes hat sich dieser Herzfehler erheblich verschlechtert. Es besteht jetzt ein lautes blasendes Geräusch über der Herzspitze und über der Aorta. Die Herzaktion ist beschleunigt. Die Röntgenaufnahme vom 17.5.1944 ergab: flachliegendes aortenkonfiguriertes Herz mit Erweiterung nach beiden Seiten, besonders nach links, während der rechte Vorhof sich kaum hebt. Auch die Aorta ist für den jungen Menschen auffallend weit. Nach diesem Untersuchungsbefund halte ich Z.9, der z. Zt. mit Fieber im Bett liegt, zunächst überhaupt nicht wehrdienstfähig. Ich bitte deswegen um eine Nachmusterung. Warza, den 20. Mai 1944, gez. Dr. Pudor«.10 Vater Oskar Ziegner versucht jetzt eine anerkannte Dienstbeschädigung zu erreichen. Er schreibt an den Führer des Arbeitsgaues des Reichsarbeitsdienstes in Danzig: »… Mein Sohn Christoph Ziegner (geb. 27.12.1926) erkrankte im September 1943 in seiner landwirtschaftlichen Lehrstelle an Gelenkrheumatismus. Anfang Dezember war er wieder in der Lage, die landwirtschaftliche Winterschule in Gotha zu besuchen. Auf die Lehrstelle konnte er noch nicht zurück. Als er Anfang Januar 44 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen werden sollte, stellte der Arzt eine Bescheinigung aus, daß er noch Schonzeit benötigte. Anfang Februar wurde er ohne ganz genesen zu sein zum Reichsarbeitsdienst nach Schmolln bei Thorn, Lager 2 / 26, eingezogen. Ende März bekam er vereiterte Mandeln, die ihm der Arzt schneiden mußte. Am 25.4. wurde er entlassen. Nach kurzem Aufenthalt zu Haus erkrankte er von neuem. Der Arzt stellte eine Verschlechterung seines Herzfehlers fest. Der Einberufung zum Wehrdienst am 24.5.

Bild 3 Obstgut Neufrankenroda, Fliegeraufnahme 1931 (Festschrift: »50 Jahre Friedrichswerther Tier- und Pflanzenzucht «, 1935, S. 11)

Bild 4 Domäne Neufrankenroda, Gebäude um 1945

konnte mein Sohn nicht Folge leisten. Mein Sohn hat sich die Verschlimmerung seines Herzfehlers im RAD11 zugezogen, zu dem er eingezogen worden ist, ohne daß er sich von seinem Gelenkrheumatismus und dem in seiner Folge entstandenen Herzfehlers hatte erholen können. Ein ärztliches Gutachten mit Röntgenaufnahmeergebnis lege ich anbei. Ich beantrage hiermit die Einleitung eines Verfahrens, das die Dienstbeschädigung meines Sohnes in der Zeit seines Arbeitsdienstes feststellt. Ferner bitte ich darum, daß der Reichsarbeitsdienst meinem Sohn zu rechter Behandlung und Ausheilung verhilft. Heil Hitler! …«12 In den Unterlagen findet sich eine Anerkennung der Dienstbeschädigung sowie einen Anspruch auf Versehrtengeld in Höhe von monatlich 15,00 Reichsmark. Zumindestens wurde dies bis 31.12.1944 ausgezahlt. Nach der Genesung in Warza versuchte Christoph Ziegner eine Höhere Landbauschule zu besuchen, was ihm aber wegen seiner zu geringen praktischen Vorbildung an mehreren Landwirtschaftsschulen nicht ermöglicht wurde. So griff Oskar Ziegner wahrscheinlich auf sein Netzwerk als Pfarrer von Warza und in Vertretung für Metebach/Neufrankenroda zurück und schaffte es, dass Sohn Christoph ab 01. November 1944 als Verwalter auf der Wirtschaft Neufrankenroda tätig werden konnte. Neufrankenroda war mit 1000 Morgen ein Nebenbetrieb der Saatzuchtwirtschaft Eduard Meyer, Friedrichswerth. Die Zeit in Neufrankenroda hat nicht nur Christoph Ziegner für sein ganzes weitere Leben geprägt, sondern auch über Jahrzehnte das Erzählen über diese Zeit in der Familie Ziegner.

1 Auszug Postkarte nach Hause, 07.04.1943

2 Auszug aus einem Brief nach Hause, 09.04.1943

3 Brief Oskar Ziegner an Dr. Schmidt, betr. Landwirtschaftliche Lehrlingsstelle bei Bauer Radler, Zottelstedt; 08.10.1943

4 Auszug Brief vom Reichsarbeitsdienst nach Hause, 15.03.1944

5 Christoph

6 Ziegner

7 organischer Fehler oder Defekt

8 Schwäche

9 Ziegner

10 Gutachten Dr. Pudor, Warza, 20.05.1944

11 Reichsarbeitsdienst

12 Auszug Brief Oskar Ziegner, 24.05.1944

2. Domäne Neufrankenroda

Christoph Ziegner schreibt 1948 rückblickend: »… Die Domäne Neufrankenroda umfaßt ca. 1150 Acker, davon 850 unter dem Pflug und 300 Obstplantagen. Sie war ein sehr alter Staatsbesitz. In früheren Jahren hatte ein Herzog schon einmal den Versuch unternommen, das Land der Domäne an Bauern zu vergeben. Aus herzoglichen Kassen wurden diesen »Neubauern« noch ein Zuschuß gewährt, jedoch bald verließen sie den Besitz wieder. Aus dem Boden war mit den damaligen Ackergeräten nicht genug herauszuholen. Der Boden Neufrankenrodas ist Lehm, lehmiger Ton und Ton, ein sogenannter Fünfminutenboden. Die Domäne liegt auf einer Anhöhe zwischen dem Nessetal und der Landstraße Gotha–Eisenach. Die Höhe dieses Bergrückens beträgt 390 Meter an seiner höchsten Stelle, auf der sogenannten Weingärtnerhöhe. Die Fluren Neufrankenrodas grenzen im Norden und Osten an die Ländereien des Dorfes Weingarten, im Süden an die des Dorfes Sonneborn, im Südwesten an die Metebachs und im Westen an die des Dorfes Teutleben. Seine Fluren stellen also einen zusammenhängenden Besitz dar, in dem Gut und Arbeiterwohnungen ziemlich zentral gelegen sind.

Bild 5 Obstbaumanpflanzungen, Gut Neufrankenroda

Die Domäne wurde Ende vorigen Jahrhunderts von dem späteren Domänenrat Dr. h. c. Eduard Meyer13 als Vorwerk zur Wirtschaft Friedrichswerth betrachtet. Der Domänenrat, der ein fabelhafter Bauer, Kaufmann und Landwirt gewesen war, erkannte sofort, wie Neufrankenroda am besten zu nutzen wäre. Er beobachtete, daß auf dieser Höhe einige sehr gut entwickelte Obstbäume standen. Also mußte auch Obst in größerer Menge günstige Bedingungen haben. Die schlechtesten Böden an den Nordhängen und Osthängen wurden nun mit Obstbäumen bepflanzt. In den Jahren 1900 bis 1904 entstanden so die Hauptplantagen.

Bei dem großen Aufschwung, den die »Firma Meyer« in den nächsten Jahren nahm, durch Züchtung des deutschen Edelschweines, Züchtungen von Wintergerste, Rübensamen und Bergviehbonen, wurden noch mehrere Güter dazugepachtet. Der Wunsch des Domänenrats (Eduard Meyer), Friedrichswerth und Neufrankenroda vom Staat als Privatbesitz zu erwerben, wurde von dem damaligen Landtag abgelehnt. So erwarb er sich das Gut Schwöbber, bei Hameln gelegen, als Familienbesitz. Die Firma Meyer war allerdings so fest mit den beiden Staatsgütern verwachsen, daß der Staat bei einer Kündigung von seiner Seite aus nur mit Verlusten zu rechnen hatte. Die Obstplantagen, die eine Höchstzahl von etwa 20.000 Bäumen erreicht hatten, mußten vom Staat bei einer Kündigung laut Vertrag einzeln bezahlt werden. Durch die Bodenreform vom September 1945 hat sich der Staat dann dieser Verpflichtung vorläufig entzogen, jedoch wird er an einem späteren Zeitpunkt auch diese Angelegenheit rechtlich in Ordnung bringen müssen.

Als der Domänenrat Eduard Meyer im Jahre 1931 starb, wurden die Besitzungen und Pachtungen unter seine beiden Söhne zur Verwaltung verteilt. Herr Alfred Meyer bekam das Familiengut Schwöbber, Herr Rudolf Meyer14, angesprochen als »Herr Rittmeister«, die Wirtschaften in Thüringen. Es gehörten damals noch dazu Döllstedt mit 1550 Viertelhektar, Wangenheim mit 1350 Viertelhektar, Sonneborn mit 900 Viertelhektar, Friedrichswerth mit 850 Viertelhektar und Neufrankenroda mit 1000 Viertelhektar. Friedrichswerth und Neufrankenroda waren Staatsbesitz, Sonneborn und Wangenheim, Besitz der Freiherren von Wangenheim und Döllstädt, herzoglicher Besitz. Auf der Hauptwirtschaft in Friedrichswerth wohnte Herr Rittmeister Meyer. Diese ganze Gütergemeinschaft war nun in erster Linie darauf ausgerichtet, als Saatgutvermehrungsstellen die Züchtungen Friedrichswerths: Friedrichswerther Berg-Wintergerste, Friedrichswerther Zuckerwalze, eine Gehaltsrübe, und die Friedrichswerther Bergviehbohne zu vermehren. Die vormals so berühmt und bekannt gewordene Friedrichswerther Edelschweinzucht war in den letzten Jahrzehnten ziemlich zurückgegangen.

Diesem Hauptzweck: Erzeugung des Elitesaatgutes in bester Form, waren alle Wirtschaften untergeordnet. Die anderen Wirtschaftszweige traten demgegenüber zurück. Die Viehhaltung diente lediglich zum Zwecke der Misterzeugung. Milchviehherden waren in Neufrankenroda, Sonneborn, Wangenheim und Döllstedt. In Friedrichswerth wurde nur das Jungvieh aufgezogen und kam vor dem Kalben auf die Wirtschaften zurück. Schafherden waren in Neufrankenroda, Sonneborn und Wangenheim, Schweinehaltung nur in Friedrichswerth, Wangenheim und Döllstädt. Die gesamte Verwaltung, wie Buchführung, Abrechnung, Ankauf, Verkauf, Lohn usw. wurde zentral von Friedrichswerth gemacht. Hier war ein größerer Stab von Verwaltungsleuten und Beamten, während auf den Gütern nur je ein Inspektor und ein Verwalter waren. Ebenso befand sich in Friedrichswerth die gesamte Saatzucht mit Versuchsfeldern und einem Saatzuchtleiter.

Bild 6 Traktor »Lanz Bulldog« (1931 Feldarbeit, 1945 Neufrankenroda

Bild 7 Baumpflege Gut Neufrankenroda (Festschrift: »50 Jahre Friedrichswerther Tier- und Pflanzenzucht«, 1935, S. 27)

Den schlechtesten Boden von diesen ganzen 5 Betrieben hatte Neufrankenroda, trotzdem brachte es in späteren Jahren bei einer guten Obsternte mehr ein als jedes der anderen Güter, auch als Döllstedt, das den weitaus besten Boden besaß.

Vorstellung im Hause Teichmann

Am 27.10.1944 war es so weit, ich sollte, kaum von meiner Krankheit genesen, als Verwalter zur Vorstellung nach Neufrankenroda. Telefonisch vorher angemeldet, wurde ich von der Inspektorsfrau herzlich empfangen. Ihr Gatte, Herr Teichmann, machte auf den Fremden den Eindruck eines ruhigen, durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Mannes. Und so war es in der Tat auch. Herr Teichmann war mir 2 Jahre vorher schon einmal zufällig im Zug begegnet, und ich stellte damals Vergleiche an mit dem »Inspektor Bräsig« in Fritz Reuter15. Die ganze Gefolgschaft, vom Bulldogfahrer über den Kutscher bis zum Ochsenjungen konnte kopfstehen und die Ruhe verloren haben, Herr Teichmann war der ruhende Pol, der verwundert über so viel Aufgeregtheit über der ganzen Sache stand und sie richtig zum Ziel steuerte. Getreide war einzufahren, Klee drohte naß zu werden, alles war bemüht, die Dinge schnell unter Dach und Fach zu bringen, nur Herr Teichmann, als Norddeutscher mit der dem Norddeutschen eigenen Ruhe, ging gemächlich an die Sache heran und schaffte sie jedesmal genauso gut wie die andern, wenn nicht noch besser. Einmal triumphierten seine Neider doch, als ihm 40 Morgen Futterrüben am Blatt erfroren. Aber da wurde die Rübenmühle aufgestellt, Tag und Nacht die Rüben gemahlen und alle 40 Morgen wurden gut eingemietet und gaben ein herrliches Futter ab. So war Herr Teichmann als Mensch und Vorgesetzter stets ruhig und gerecht zu allen.

Bild 8 Verwalter Herr Teichmann und Ehefrau, Neufrankenroda, auf der Treppe des Inspektorenhauses

Seine Gattin war eine Frau, die die Dinge des Lebens von der richtigen Seite anpackte und sehr viel Sinn für Witz und Humor besaß. Mit der besten Tugend, mit der eine Inspektorsfrau ausgestattet sein kann, der Hausfrauentugend, war sie reichlich bedacht. So gab sie für Herrn Teichmann, der einen guten Braten nicht nur zu den guten, sondern zu den besten Taten rechnete, eine gute Hausmutter ab. Am besten sind mir ihre Apfelkuchen in Erinnerung, die ich nie wieder woanders in so guter Ausführung zu essen bekam.

Bild 9 Hauswirtschaftslehrlinge (v. l.) Hanna, Frau Teichmann, Anni, Neufrankenroda 1944 (Hanna wurde dann meine Großmutter: Johanna Ziegner, geb. Carlstedt aus Friedrichswerth)

Zum Haushalt gehörten ferner noch zwei Hauswirtschaftslehrlinge: Hanna16 und Anni. Da Neufrankenroda so allein lag, hielten die Familien unter sich viel mehr zusammen und pflegten mehr die familiären Geselligkeiten als anderswo. Und da Teichmanns keine Kinder hatten, gehörten die beiden Mädchen einfach mit dazu. Hanna gefiel mir gleich besonders gut. Noch ein fünftes Lebewesen gehörte vor meinem Erscheinen mit zum Haushalt, der Kater Peter. Peter wurde von allen außer mir auf das herzlichste geliebt. Er wog 9 Pfund, ein recht schönes Tier. Von Teichmanns wohl auch nur so umhegt, weil keine Kinder da waren, denen man die Güte hätte antun können.

In dieser kleinen Familiengemeinschaft stieß ich nun als Neuling und Fremder hinzu, als ein Fremder, der in eine andere Ecke verpflanzt erst einmal Wurzeln schlagen mußte.

Erstes Arbeiten mit Ausländern

Am 1. November (1944) fuhr ich abends nach Sonneborn, wo ich am Bahnhof abgeholt werden sollte. Auf mich wartete eine zweifelhafte Kutsche mit einer Frau als Kutscher. Unterwegs setzte Schnee und Regenwetter ein. Ich fühlte mich dazu veranlaßt, der Frau die Zügel aus der Hand zu nehmen, man konnte sich doch nicht von einer Frau kutschieren lassen. Später allerdings wurde ich klüger und hatte bald erkannt, daß diese Amazone einen besseren Gespannführer abgab als ein großer Teil der Männer. Im Inspektorenhaus auf das freundlichste begrüßt, wurde mir oben ein kleines Kämmerchen zugewiesen.

Am nächsten Morgen zeigte mir Herr Teichmann den Betrieb. Neufrankenroda besaß damals an Zugvieh 16 Arbeitspferde, 2 Kutschpferde, 8 Arbeitsochsen, 1 Raupe und 1 Holzvergaser. An Nutzvieh waren 65 Milchkühe und 420 Schafe vorhanden. Schweine besaß die Domäne nicht. An Arbeitskräften waren 8 Deutsche und 36 Polen, 24 deutsche Frauen und 6 Polinnen da. Um 10 Uhr mußte der Inspektor zu einer Besprechung nach Friedrichswerth. Mir gab er den Auftrag, auf dem Felde nach der Polenkolonne zu sehen. Meine erste »Amtshandlung« fand in dickem Nebel statt. Die Leute waren gerade beim Futterrübenroden. Der Polenaufseher Miretzkie stellte sich mir vor und wir gingen von einer Gruppe zur anderen, die Leute tadelnd und aneifernd. Nachmittags beaufsichtigte ich die Gespanne, die gerade ein Rotkleestück umbrachen. Abends sollte ich den Hof in Ordnung bringen, Geräte einschließen usw. Herr Teichmann sagte zu mir, ein Haufen Ackerketten sollten im Teich gesäubert und aufgehängt werden. Mir war es doch etwas komisch zumute, meinen ersten Befehl geben zu sollen. Als 17-Jähriger sollte ich einem Erwachsenen sagen, er solle dies und jenes tun? Aus Angst vor der etwaigen Weigerung des Polen faßte ich die Ketten mit an, und wir trugen sie zusammen zum Wasser. Damit war der tote Punkt, die Beklommenheit, überwunden und an das Befehlegeben hat man sich sehr schnell gewöhnt.

Von den Polen wurde ich überhaupt sehr schnell als Vorgesetzter anerkannt. Später erzählten sie mir einmal, ich hätte am 3. Tage die meisten von ihnen schon mit dem Namen angeredet und das hätte großen Eindruck auf sie gemacht. Die Namen mehrerer oder vieler neuer Menschen als Vorgesetzter schnell kennenzulernen und zu gebrauchen, ist von größtem Vorteil, eine Erfahrung, die ich auch später häufig bestätigt gefunden habe. Überhaupt möchte ich sagen, daß der Pole der landwirtschaftliche Arbeiter schlechthin ist, allerdings bei richtiger Behandlung. Was waren da für feine Kerle dabei! Der beste Kutscher von ihnen war Stanislaw, ein baumlanger Pole. Sein Großvater war am Hofe Katharinas von Russland gewesen, die ja starke und große Männer geliebt hat. Stanislaw war immer die Ruhe selber, er konnte nur Unrecht nicht vertragen, bei sich nicht und auch nicht bei andern. Er blieb am längsten auf dem Hof und ist noch später unter den Russen lange bei uns gewesen.

Der eigentliche Anführer von ihnen war der stärkste von allen, Anton Teresiak. Anton hatte Kräfte wie ein Bär. Von Herrn Teichmann im Jahre 1942 beim Weizenstehlen erwischt worden, war er mehrere Monate im KZ17 gewesen. Hier hatte er so gehungert, daß ihn seine Kameraden bei seiner Rückkehr gar nicht mehr erkannten. Er hatte eine Wut auf den Inspektor, obgleich der ja direkt mit der Haft Antons gar nichts zu tun hatte. Den Chef, Herrn Rittmeister, verehrte er, wie übrigens alle Polen. Er war der festen Überzeugung, Herr Rittmeister hätte ihn aus dem Lager herausgeholt. Anton war im großen und ganzen ziemlich faul. Vormals Aufseher, war er abgesetzt worden, da er einen Kameraden geschlagen hatte. Wenn man aber sagte »Anton ran!«, dann arbeitete er für drei. Beim Schrotabladen trug er auf einer steilen Treppe 3 volle Schrotsäcke mit je 110 Pfund auf einmal. Trotz seiner massigen Gestalt war er flink und pfiffig. Er erzählte mir einmal, wie er sonntags eine weite Reise unternommen hatte. Für Ausländer war es ja verboten, sich vom Wohnort zu entfernen. Er reiste einfach mit einem Polizisten zusammen und kam unbehelligt an. Ich gab ihm öfter, ohne daß die anderen es sahen, von meinem Frühstücksbrot etwas ab. Als der Amerikaner kam und die Polen zu Herren wurden, war Anton der Anführer des ganzen oberen Nessetales. Damals hat er quitt gemacht, was er in Neufrankenroda Gutes hatte. Nur auf Herrn Teichmann hatte er gewartet, an dem wollte er sich rächen. Schließlich kam er aber früher weg als Herr Teichmann zurück, und so verlief die Geschichte im Sande.

Ein anderer war Radiciuk, ein Ukrainer. Er war der Typ des idealistischen und leicht entflammbaren Polen. Dadurch, daß er angeblich aus der polnischen Ukraine stammte, hatte er Vorteile vor den anderen. Er bekam eine Kleiderkarte, eine Raucherkarte und hatte auch sonst mancherlei Vergünstigungen. Als sich das Blättchen wendete, die Polen Herren wurden, da wollte er auch wieder der sein, der am meisten gelitten hatte. Da kam er aber bei seinen Genossen schlecht an.

Bild 10 Erntekolonne, Neufrankenroda vor 1945

Man könnte ja die Reihe der Schilderungen der einzelnen Polen noch weiter fortsetzen, doch ich will nur noch zwei erwähnen.

Der eine war ein 20-jähriger hübscher Mann, Wladimir Woytanowsky. Dem ging es auch immer gut, und er lebte besser als die andern. Er verstand es, Geräte und sonstige Dinge auf dem Hof zu stehlen und sie den Sonneborner Bauern zu guten Preisen anzubieten. Ferner war er bei verschiedenen deutschen Frauen ein gern gesehener Hausfreund, die ihn reichlich mit Kleidungsstücken von ihren Männern, die im Feld waren, ausstatteten. Er hat es auch zuwege gebracht, den Beweis zu erbringen, daß er irgend einen deutschen Urgroßvater hatte, und so wurde er in die Volksgruppe III gerechnet, er hatte ja auch blonde Haare.

Der andere war ein 23-jähriger untersetzter, kräftiger Mann, Staro Gogz. Er arbeitete im Kuhstall. Sein Vater, ein ehemaliger großer polnischer Bauer, von den Deutschen vertrieben, arbeitete mit seinen 3 Söhnen und seiner Frau auf dem Hofe. Staro war ein schlauer Bursche und wollte einen möglichst großen Nutzeffekt aus seiner Kuhstallsarbeit ziehen. Trotzdem er als Melker pro Tag ½ Liter Milch Zulage erhielt, mauste er unentwegt Milch. Da ja damals die vom Staat ausgegebenen Parolen: »Jeder Liter zur Molkerei, sonst bist du ein Saboteur, sonst fällst du der Front in den Rücken«, jedem von uns mehr oder weniger in Fleisch und Blut übergegangen waren, versuchten wir natürlich, den Staro einmal beim Stehlen zu erwischen. Ich probierte es 3 Wochen lang, den Bruder einmal dabei zu ertappen – vergebens. Ich stand morgens früher auf, beobachtete ihn von allen Richtungen – vergebens. Haussuchung – vergebens. Endlich in der 4. Woche gelang es mir, ihn zu erwischen. Er hatte sich eine Flasche in seine Hose gesteckt und füllte diese beim Melken, wo er nicht zu beobachten war, durch die zu anderen Zwecken angebrachte Öffnung der Hose – den Hosenstall. Ich knöpfte ihn mir vor und verabreichte ihm eine tüchtige Tracht Prügel, meldete ihn aber nicht der Polizei, was ja damals in einem solchen Fall unbedingt erforderlich gewesen wäre. Als der Amerikaner da war und Staro sich doch hätte rächen können, wurde er im Gegenteil einer der treuesten Arbeiter. Als die Polen nach dem Westen abtransportiert wurden, sagte er beim Abschied auf dem Bahnhof in Gotha zu mir: »Nochmals Dank, Panje (Herr), daß du mich damals verdrescht hast und nicht bei Polizei gebracht hast.«

Dies waren nur 5 von den oben erwähnten 36. So wie jeder von diesen 5 seine besondere Art hatte, sich schlecht und recht durchzuschlagen, so hatte auch jeder von den anderen seine besondere Art und Weise, mit der er vermeinte, den Nöten der Gefangenschaft besser begegnen zu können.

Ich bekomme einen neuen »Chef«

Nun ging für mich die Arbeit des Verwalters richtig los: Als Vertreter des Inspektors in allen Sachen genau Bescheid wissen, die Arbeiterkolonne beaufsichtigen, auf dem Hof für Ordnung sorgen, die Gespannarbeiten überwachen, Futter für Kuh- und Pferdestall ausgeben, abends Stunden aufschreiben und Tagebuch führen und vieles andere mehr.

In den ersten Tagen bestellten wir einen 70-Morgen-Plan mit Weizen. Ich wurde vom Inspektor beauftragt, dort mit nach dem Rechten zu sehen. Auf so einem großen Plan hatte ich noch nie gearbeitet. Als wir eines Morgens mit der Hälfte des Stückes fertig waren, kam der Rittmeister18 zu seiner allwöchentlichen Inspektionsfahrt. Er fuhr in einer Kutsche mit zwei Oldenburger Rappenhengsten. Herr Teichmann stellte mich vor und wir gingen gemeinsam über einen Teil des bestellten Feldes. Herr Rittmeister stellte einige Fragen an mich, über mein Berufsziel, über die Benennung der Klassen in den höheren Schulen und einiges mehr. Kurze Zeit später fuhr er weiter nach der Sonneborner Wirtschaft. Obgleich der Chef jede Woche kam, war dies doch bis zum Frühjahr (1945) das einzige Mal, wo er mit mir gesprochen hatte.

In den nächsten Tagen wurde, als die Futterrübenernte vorbei war, mit der Zuckerrübenernte angefangen. Es war das schlechteste Novemberwetter, das man sich denken kann. Niederschläge über Niederschläge, nachts kalt und teilweise stürmisch. In diesem Sauwetter standen nun die Polen von morgens bis abends und rodeten Rüben. Die deutschen Arbeitskräfte waren bei diesem Wetter nicht herauszubekommen. Die Rüben wurden auch noch auf die einfachste Art ausgemacht, mit Handrübenheber und Blätter abschneiden. Die Arbeit war im Akkord vergeben worden, und außerdem gab es noch einen Brotzuschuß pro Woche. Der Erfolg natürlich: Die Leute wollten möglichst lange Rüben roden, um in den Genuß des Brotes zu kommen. An Geld lag ja damals niemand etwas. Bei diesem Wetter konnte man ohne Gummistiefel gar nicht existieren, der Dreck lief einem buchstäblich oben rein. Die meisten der Polen waren mit Gummistiefeln von der Firma aus versehen worden. Wenn ich so stundenlang hinter den einzelnen Gruppen stand, Handschuhe an und die Hände noch in den Taschen, wunderte ich mich immer wieder, wie abgehärtet doch die Leute waren. Bei der größten Kälte drehten sie ihre Zigaretten. Der Pole, wie ja auch der Russe, sind keine Pfeifenraucher, was doch bei so einem Wetter viel praktischer gewesen wäre.

Die Zuckerrüben mußten nun geputzt, aufgeladen und an den 5 Kilometer weit entfernten Bahnhof Fröttstädt gebracht werden. Die Fuhren erst einmal vom Stück herunterzubekommen, war der schwerste Teil des ganzen Transportes. Wir konnten nur einen kleinen Haufen auf jeden Wagen laden, diesen vierspännig auf den Weg ziehen, abladen und auf dieselbe Art und Weise noch zweimal holen, bis dann eine Fuhre fertig war. Nicht selten kam es vor, daß der Wagen, bis an die Achsen eingesunken, sechsspännig wieder herausgezogen werden mußte. Trotzdem wir versuchten, die Zuckerrüben möglichst sauber zu bekommen, hatten wir nach späterer Nachricht von der Zuckerfabrik bis 40 % Schmutzgehalt.

In all diese Arbeit hinein schlug wie eine Bombe der Einberufungsbefehl für Herrn Teichmann. Er war schon öfter reklamiert19 worden, doch diesmal ging das nicht mehr. Da er nicht in der Partei war, hatte er verschiedene »Freunde«, die ihn in dieser Beziehung liebevoll bedachten. Am 12. Dezember (1944) mußte er einrücken. Als Ersatz für ihn wurde der Verwalter vom Wangenheimer Gut nach Neufrankenroda geschickt. Man hatte über den neuen »Chef« schon gehört, er wäre Langemarkstudent20 und ich war bei seinem Erscheinen sehr enttäuscht. Herr Reetz war 32 Jahre, von kleiner Gestalt und durch seine Verwundung zurückgestellt worden. Reetz war der Typ des Verwalters, des sturen Verwalters, der auf keinen Fall einmal weiterdenkt. Durch seine lange Berufszeit als Verwalter auf den verschiedensten Gütern war er abgebrüht und mit sämtlichen Raffinessen eines Gutsbeamten ausgestattet. Er hatte seine Grundsätze, von denen er nicht abging. Wenn er einmal etwas gesagt hatte, so mußte es gemacht werden, auch wenn es der größte Blödsinn war und er seinen Irrtum als solchen auch eingesehen hatte, nur nicht nachgeben. Gleich in den ersten Tagen, in denen er da war, schlug er einen Polen dermaßen, daß ein anderer Pole mit dem Ruf: »Hier nicht Wangenheim!«, dazwischentrat und die beiden auseinanderbrachte. Daß in Wangenheim die Behandlung der Polen eine schlimme war, ist allgemein bekannt gewesen.

Daß sich das Verhältnis von Frau Teichmann zu Herrn Reetz, nachdem es zuerst ein recht gutes war, immer mehr verschlechterte, ist die Schuld Reetz’. Ich kam im Großen und Ganzen gut mit ihm aus, ich konnte ja viel von ihm lernen. Wenn Herr Reetz gute Laune hatte, konnte er der beste Unterhalter und Gesellschafter sein. Da wir beide mit Verwalter angeredet wurden, entstanden bei den Polen Mißverständnisse, denn einer mußte doch der Inspektor sein. Herr Rittmeister machte uns auch anläßlich eines Besuches klar, daß Herr Reetz der »Obere« wäre, was ja selbstverständlich war. Wenn der Rittmeister und Herr Reetz im Feld nebeneinander hergingen, war dies ein Bild für die Götter: Der große Herr Rittmeister und der kleine Herr Reetz. Wenn der Chef schlechte Laune hatte, so beschleunigte er seinen Schritt um ein erhebliches. Herr Reetz mußte dann bald Laufschritt anschlagen.

Im Hause Teichmann ging es trotz der Abwesenheit vom Hausherrn recht gemütlich zu. Nach dem Abendessen saßen wir noch bei Radiomusik nett beisammen und sprachen von den verschiedensten Dingen. Die Mädchen hatten meistens irgendwelche Streiche im Kopf, die sie an mir und Herrn Reetz ausließen. Am Weihnachts fest gab es große Aufregung, da Herr Reetz bei den Polen gewesen war und mit ihnen schwarz gebrannten Zuckerrübenfusel getrunken hatte. Frau Teichmann ging dies noch lange nach, und sie konnte sich nicht so schnell darüber wieder beruhigen.

Die beiden deutschen Kutscher

Nachdem ich nun versucht habe, die Polen in ihrem Leben in Neufrankenroda zu schildern, will ich auch zwei deutsche Arbeiter vorstellen. Wie schon erwähnt, hatten wir 8 deutsche Arbeiter, von denen 2 Kutscher waren. Sämtliche Deutsche waren von so verschiedener Art, daß es sich lohnt, nach und nach jeden einzelnen einmal näher zu betrachten.