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Selten ist ein Buch so viel in den Medien besprochen worden wie dieses: Darf jemand das, dem Vergewaltiger vergeben - und warum tut Thordis Elva das öffentlich? Warum räumt sie Tom Stranger seitenlang Raum ein in ihrem authentischen Schicksalsbericht - und welche Erkenntnisse hat ein Täter beizutragen? Ein tief berührendes Buch, in dem sich die beiden, Elva und Stranger, mit wichtigen Fragen auseinandersetzen: mit der Schuld, dem Vertrauen und der Möglichkeit der Vergebung -, aber auch mit ihrem eigenen Erleben und den lebenslangen Folgen einer entsetzlichen Tat.. Die Isländerin Thordis Elva ist 16, als sie von ihrem Freund vergewaltigt wird. Nach einer Party nutzt Tom, der australische Austauschschüler, ihre Wehrlosigkeit aus und missbraucht sie stundenlang. Danach ist für Thordis wie auch für Tom nichts mehr wie zuvor. Beide versuchen auf ihre Weise, das Geschehen zu verarbeiten – vergeblich. Bis Thordis Jahre später mit Tom Kontakt aufnimmt. Sie schlägt ihm ein Treffen vor, in Kapstadt, auf halber Strecke zwischen Reykjavik und Sydney. Ihr Ziel: Sie will Tom die Tat vergeben und so endlich die Opferrolle ablegen. Auch Tom hat seine Sicht der Dinge zu erzählen. Dieser ehrliche und authentische Bericht einer emotional riskanten Begegnung spricht Frauen und Männer an - denn Vergewaltigung in der Partnerschaft ist ein heiß diskutiertes Debattenthema. Auf einzigartige Weise schildern die vielfach ausgezeichneten Autorin und Journalistin Thordis Elva, die sich für Gewaltprävention einsetzt, und Tom Stranger, der jahrelang als Sozialarbeiter tätig war, was damals zwischen ihnen wirklich passiert ist. Und wie es ihnen nach langen Jahren im Austausch gelingt, den Mut zu fassen, sich den Tatsachen zu stellen und das Unfassbare zu verarbeiten. Thordis Elva: "Nur so konnte ich mir beweisen, dass Gewalt keine Macht über mich hat. Nicht damals, nicht heute: nie."
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2017
Thordis Elva / Tom Stranger
Eine Frau trifft den Mann, der sie vergewaltigt hat
Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
»Das ist menschlich so groß.« DeutschlandradioKultur: Eine Frau, ein Mann, eine Vergewaltigung – und der schwierige Weg von Gewalt zu Versöhnung: Erstmals schreiben ein Vergewaltigungs-Opfer und ein Täter gemeinsam ihre Geschichte auf. Ein tief berührendes und in den Medien viel besprochenes Buch über ein authentisches Schicksal ist entstanden, in dem Thordis Elva und Tom Stranger sich auseinandersetzen mit Schuld, Vertrauen und Vergebung.
Selten ist ein Buch so viel in den Medien besprochen worden wie dieses: Darf jemand das, dem Vergewaltiger vergeben – und warum tut Thordis Elva das öffentlich? Warum räumt sie Tom Stranger seitenlang Raum ein in ihrem authentischen Schicksalsbericht - und welche Erkenntnisse hat ein Täter beizutragen? Entstanden ist ein tief berührendes Buch, in dem sich die beiden, Thordis Elva und Tom Stranger, mit wichtigen Fragen auseinandersetzen: mit der Tatsache des Missbrauchs, der Schuld, dem Vertrauen und der Möglichkeit der Vergebung –, aber auch mit ihrem eigenen Erleben, der Opferrolle und den lebenslangen Folgen einer entsetzlichen Tat.
Die Isländerin Thordis Elva ist 16, als sie von ihrem Freund vergewaltigt wird. Nach einer Party nutzt Tom, der australische Austauschschüler, ihre Wehrlosigkeit aus und missbraucht sie stundenlang. Danach ist für Thordis wie auch für Tom nichts mehr wie zuvor. Beide versuchen auf ihre Weise, den Missbrauch zu verarbeiten – vergeblich. Bis Thordis Jahre später mit Tom Kontakt aufnimmt. Sie schlägt ihm ein Treffen vor, in Kapstadt, auf halber Strecke zwischen Reykjavik und Sydney. Ihr Ziel: Sie will Tom die Tat vergeben und so endlich die Opferrolle ablegen. Auch Tom hat seine Sicht der Dinge zu erzählen.
Dieser ehrliche und authentische Bericht einer emotional riskanten Begegnung spricht Frauen und Männer an - denn Vergewaltigung und Missbrauch in der Partnerschaft sind heiß diskutierte Debattenthemen.
Auf einzigartige Weise schildern die vielfach ausgezeichneten Autorin und Journalistin Thordis Elva, die sich für Gewaltprävention einsetzt, und Tom Stranger, der auch als Sozialarbeiter tätig war, was damals zwischen ihnen wirklich passiert ist. Wie man es schafft, eine Vergewaltigung tatsächlich Vergewaltigung zu nennen, wie man als Opfer die Opferrolle ablegt und als Täter lernt, das Unsagbare auszusprechen. Und wie es sich anfühlt, wenn es nach langen Jahren im Austausch gelingt, das Unfassbare zu verarbeiten.
Der Tag, an dem wir unsere Stimme erhoben
Ein durch #MeToo inspiriertes Vorwort von Tom Stranger
Ich will dir in die Augen sehen
Von: Thomas Stranger
Sieben Jahre und fünf Monate später
Tag eins
Tag zwei
Aus Toms Tagebuch
Tag drei
Aus Toms Tagebuch
Tag vier
Aus Toms Tagebuch
Tag fünf
Aus Toms Tagebuch
Tag sechs
Aus Toms Tagebuch
Tag sieben
Aus Toms Tagebuch
Tag acht
Aus Toms Tagebuch
Tag neun
Aus Toms Tagebuch
Epilog
Nachbemerkung
Dank
Hinweis
Ein durch #MeToo inspiriertes Vorwort von Thordis Elva
Manche erinnern sich daran, wo sie an dem Tag waren, als die Berliner Mauer fiel. Andere wissen noch genau, was sie getan haben, als die Twin Towers einstürzten. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem #MeToo sich wie ein Lauffeuer im Internet verbreitete. Ich wusste sofort, dass das eine große Sache war. Das war revolutionär. Das würde unseren Blick auf die Welt verändern.
Einige Monate zuvor, im Februar 2017, verkündete ich der Welt in einem TED-Talk, der sich ebenfalls wie ein Lauffeuer verbreitete, dass ich im Alter von 16 Jahren vergewaltigt worden war. Während ich das tat, stand ich neben dem Mann, der mich vergewaltigt hatte. Tom und ich waren ein Liebespaar gewesen, bis er in einer dunklen Dezembernacht eine Entscheidung traf, die unser beider Leben für immer verändern sollte. Acht Jahre intensiver Analyse und nach sechzehn Jahren noch eine Woche der Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht waren nötig, um die Konsequenzen dieser Entscheidung wirklich zu begreifen. So viel Zeit hat es gebraucht, bis ich mich von der Verantwortung freimachen konnte, die ich fälschlicherweise übernommen hatte, und bis Tom die Verantwortung für die Tat voll und ganz akzeptieren konnte.
Soweit wir wissen, war es bis dahin noch nie vorgekommen, dass Täter und Überlebende einer Vergewaltigung sich zusammengetan und öffentlich über ihre Geschichte gesprochen hatten. Unsere Absicht war ganz einfach: Wir wollten unseren Beitrag zu einer weltweiten Debatte über sexuelle Gewalt innerhalb von Beziehungen leisten, in der es darum geht, nicht länger die Opfer verantwortlich zu machen, sondern den Tätern ihre Verantwortung zurückzugeben, und deutlich zu machen, wie wichtig das beiderseitige Einverständnis bei sexuellen Handlungen ist.
Natürlich stieß unsere Zusammenarbeit auf Kritik. Und natürlich hatte ich damit gerechnet, ebenso wie die Menschen, die Tom und mich auf unserem Weg unterstützten. Fairerweise möchte ich erwähnen, dass die Reaktionen auf unser gemeinsames Bemühen im Allgemeinen positiv und ermutigend waren, aber diejenigen, die unsere Aktion fragwürdig fanden, haben das sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Die besonders Empörten unter unseren Kritikern meinten, ein Täter, der sich der sexuellen Gewalt schuldig gemacht hat, dürfe sich nicht öffentlich zeigen und zu Wort melden. Ich habe mich gefragt, ob diese Menschen auf demselben Planeten leben wie ich. Wo ich lebe, sehen und hören wir solche Täter die ganze Zeit. Einer von ihnen wurde sogar zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt, obwohl er mit seiner Gewalt gegen Frauen prahlt. Solche Täter machen die Filme, die wir uns ansehen, sie nehmen an unseren größten Sportveranstaltungen teil, sie gestalten Tag für Tag unsere Weltsicht – während sie gleichzeitig ihre Taten abstreiten und deren Auswirkungen herunterspielen, indem sie die Gewalt zur Norm machen. Sie fügen ihren Opfern zusätzlichen Schmerz zu, indem sie sich weigern, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, genauso wie Harvey Weinstein es jahrzehntelang getan hat, bis die #MeToo-Bewegung sein frauenverachtendes Verhalten öffentlich gemacht hat. In einer Welt, in der wir tagtäglich erleben, wie solche Täter sich in der Öffentlichkeit zeigen und ihre eigenen Wahrheiten verbreiten, brauchen wir ganz dringend die Stimmen von Tätern, die das Gegenteil tun. Die für ihre Taten die Verantwortung übernehmen. Die sexuelle Gewalt ablehnen und bereit sind, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um zu einem Teil der Lösung zu werden, anstatt Teil des Problems zu bleiben. Wir brauchen sie, nicht zuletzt, weil wir Männer brauchen, die nicht die Augen verschließen gegenüber diesem ernsten Thema, das immerhin nach wie vor die größte Lebensgefahr für Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt darstellt.
Leider werden auch heute noch die Opfer für die Taten ihrer Peiniger verantwortlich gemacht, und das hält viele Opfer davon ab, ihr Schweigen zu brechen. Deswegen habe ich mich sehr allein gefühlt, als ich mich als Opfer einer Vergewaltigung entschieden habe, nicht anonym zu bleiben, sondern meine Geschichte öffentlich zu machen. In Zeiten der Widrigkeiten, wenn einem der Wind ins Gesicht bläst, kann man leicht den Mut verlieren. Aber dann hilft es, sich daran zu erinnern, dass man einen Drachen nicht bei Rückenwind, sondern nur bei Gegenwind in die Luft bekommt.
Viele Menschen haben mich für meinen Mut gelobt, dabei habe ich mich nicht besonders mutig gefühlt, als ich von dem Privileg Gebrauch gemacht habe, als weiße, gebildete Frau in der westlichen Welt meine Erfahrungen öffentlich zu machen, wusste ich doch, dass viele andere Opfer weltweit geächtet, bestraft oder gar getötet werden, wenn sie es wagen, den Mund aufzumachen. Trotzdem war mir klar, warum mir das Lob zuteilwurde, denn dass ein Vergewaltigungsopfer die Scham überwindet und das Schweigen bricht, ist immer noch eine Seltenheit. Oder war es zumindest, bis ein Hashtag aus fünf Buchstaben alles veränderte.
Seit #MeToo haben Millionen Opfer sexueller Belästigung und sexueller Gewalt rund um den Globus ihr Schweigen gebrochen. Genau wie ich glauben sie an ihr Recht, die Verantwortung, die ihnen fälschlicherweise aufgebürdet wurde, abzuwerfen und den Tätern zurückzugeben. Sie lehnen es ab, sich länger zu schämen, denn tief im Innern haben wir alle schon immer gewusst, dass es nicht an uns ist, die Last der Scham zu schultern.
Viele Täter sind seit #MeToo in Toms Fußstapfen getreten und haben sich zu ihren Taten bekannt und gezeigt, dass es durchaus möglich ist, die Verantwortung für sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zu übernehmen. Andererseits haben sie aber auch deutlich gemacht, dass dies nicht dazu dienen darf, die Gefühle des Täters auf Kosten des Opfers zu beruhigen. Wie wir als Gesellschaft mit solchen Geständnissen umgehen, ist von entscheidender Bedeutung. Wenn wir mit Verurteilung reagieren, werden wir nicht dazu beitragen, dass weitere Täter das Unrecht ihres Verhaltens eingestehen, nicht einmal sich selbst gegenüber. Wenn wir dagegen mit Lob reagieren, fügen wir den Opfern zusätzlichen Schmerz zu. Deshalb ist es wichtig, einen Mittelweg zu finden, einen Raum zu schaffen für notwendige Gespräche und der Versuchung zu widerstehen, unsere eigenen Gefühle ins Spiel zu bringen.
Häufig heißt es, der Sport vereint Menschen über die Grenzen von Ethnien, Nationalität, Religion und gesellschaftlicher Schicht hinweg. Der große Nelson Mandela hat einmal gesagt: »Der Sport hat die Macht, die Welt zu verändern. Er hat die Macht zu inspirieren. Er hat wie nichts anderes die Macht, Menschen auf eine Weise zusammenzubringen, wie kaum etwas anderes es vermag. Sport kann Hoffnung stiften, wo vorher nur Verzweiflung war.«
Im Januar 2018 saß ich im Flugzeug. Ich war gerade in Island gewesen, um die Auszeichnung »Person des Jahres« entgegenzunehmen, die man mir im Namen der #MeToo-Bewegung verliehen hatte wegen meines Einsatzes für die Bewegung in meinem Heimatland. Neben mir saß ein Mann, dessen Gesicht ich aus dem Fernsehen kannte. Ich wusste, dass er ein berühmter Sportler war, den ich schon bei verschiedenen internationalen Sportwettbewerben gesehen hatte, doch ich konnte mich weder an seinen Namen erinnern noch an seine Sportart. Und um mir eine peinliche Situation zu ersparen, beschloss ich daher, so zu tun, als hätte ich ihn nicht erkannt. Irgendwann musste ich zur Toilette, und er erhob sich von seinem Platz am Gang, um mich vorbeizulassen. Als ich zurückkam, sagte er: »Übrigens, Glückwunsch zur Revolution!«
Da ist mir bewusst geworden, dass die #MeToo-Bewegung mit einem internationalen Sportereignis vergleichbar ist. Wenn die Menschenrechte über das Feld stürmen und ein Tor erzielen, gewinnt die ganze Menschheit. Um Mandela noch einmal zu zitieren: »Die Bewegung inspiriert, vereint und stiftet Hoffnung, wo vorher Verzweiflung war.«
Wir haben immer noch einen langen Weg vor uns, und der Wind bläst uns kräftig ins Gesicht. Aber unser Drachen wird sich hoch in die Lüfte erheben. Wenn wir es wagen, die Latte hoch zu legen, werden wir irgendwann in einer Welt leben, in der es keine sexuelle Gewalt mehr gibt. Aber um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir alle mithelfen. #YouToo.
Dieses Buch ist eine Einladung, mich auf einer Reise zu begleiten, die mein Leben von Grund auf verändert hat. Ich hoffe, dass es uns gemeinsam gelingt, die Welt zu verändern.
Ich habe mich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen und an diesem Buch mitzuwirken, weil ich glaube, dass der Prozess, den Thordis und ich durchgemacht haben, nicht nur ein wertvoller Beitrag zur öffentlichen Debatte über sexuelle Gewalt sein kann, sondern auch ein gutes Beispiel für die heilende Wirkung des Dialogs darstellt.
Nur durch den Dialog habe ich begriffen, welche Auswirkungen und welchen Schmerz ich Thordis mit meinem Verhalten zugefügt habe. Erst nachdem wir uns acht Jahre lang per E-Mail ausgetauscht und uns schließlich eine Woche lang in Kapstadt damit auseinandergesetzt hatten, konnte ich Thordis’ Scham und Schuld auf mich, auf meine eigenen Schultern nehmen. Und erst dadurch, dass wir uns gegenseitig unsere Lebensgeschichte erzählt und einander zugehört haben, sind uns die Ursachen und Konsequenzen jener Nacht im Jahr 1996 bewusst geworden. Tatsächlich bekam ich erst durch den Dialog die Gelegenheit, Thordis’ Schmerz, ihre Wut und ihre heutige Lebenswirklichkeit zu verstehen. Mit meiner Mitwirkung an diesem Buch will ich mich daher für einen ehrlichen, respektvollen und offenen Dialog einsetzen.
Der Gegensatz des Dialogs ist das Schweigen. Gegenbegriffe sind etwa die Verleugnung, die Unterdrückung von Erinnerungen, das Verstummen, die Vereinsamung.
Seit Harvey Weinstein für seine sexuellen Übergriffe und sein Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen wird, und seit wir erleben, wie die Wellen hochschlagen, und zwar quer durch die Gesellschaft, und sich Frauen und Männer der #MeToo-Bewegung anschließen, ist das Schweigen endgültig gebrochen. Die weitverbreitete klammheimliche sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz durch Männer und ihre damit einhergehende Kumpanei wurde ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und wird in Zukunft nicht mehr so einfach möglich sein. Die bestehenden Machtverhältnisse werden infrage gestellt. Inzwischen glaubt man zum Glück die Enthüllungen und Anschuldigungen, über die in den vergangenen Monaten in den Medien mit einer Mischung aus Entsetzen, Wut, Erleichterung und Solidarität berichtet wurde und weiterhin wird.
Als Mann, der einmal selbst rücksichtslos sexuelle Gewalt ausgeübt hat, verfolge ich die gesellschaftlichen Veränderungen und die des öffentlichen Diskurses aufmerksam. Ich lese, was darüber geschrieben wird, ich sehe mir Interviews im Fernsehen an, ich verbreite Artikel und Blogs, und ich betrachte kritisch die von Männern vorgebrachten Entschuldigungen. Gewiss hätte noch vor wenigen Jahren niemand mit einer solch folgenschweren Veränderung und mit derart offenen Gesprächen gerechnet, und wie viele andere auch nehme ich das alles voller Hoffnung, Bangen und Staunen zur Kenntnis.
Einerseits empfinde ich es in Anbetracht dessen, wer ich bin, fast schon unangemessen, Gedanken oder Ansichten zu diesem wichtigen und nötigen Aufruhr anzubieten. Als Mann scheint es mir eigentlich das Beste zu sein, einfach zuzuhören, zu lernen und mit den Männern um mich herum über das Thema zu diskutieren.
Andererseits wird immer wieder eine Reaktion von der Männerwelt gefordert. Wir sollen die Wahrheit zur Kenntnis nehmen und anerkennen, dass dieses Thema Frauen (und Männer) in allen Institutionen und Berufen gleichermaßen betrifft und dass wir, egal, ob wir uns als »gute« Männer betrachten oder nicht, die Zukunft bewusst mitgestalten müssen.
Doch wir stehen erst am Anfang dieses beispiellosen Prozesses. Über öffentliches Anprangern, ordentliche Verfahren und das Strafrechtssystem muss jetzt neu und offen diskutiert werden. Es gibt weder ein Handbuch noch einen Präzedenzfall für diese leidenschaftliche international geführte Diskussion. Die Meinungen gehen auseinander darüber, wie man es bewerkstelligen soll, dass alle marginalisierten Stimmen tatsächlich gehört und notwendige Veränderungen festgefahrener Strukturen und menschlichen Verhaltens erreicht werden können.
Für mich war es besonders ermutigend, welche Bedeutung dem Täter-Opfer-Ausgleich beigemessen wird, wie viele ihn als notwendigen Schritt in diesem Prozess betrachten. Warum mich das in dieser Weise ermutigt? Weil eine der Voraussetzungen für einen Täter-Opfer-Ausgleich nun einmal der Dialog ist. Der angstfreie, respektvolle, gleichberechtigte Dialog. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie positiv sich ein solcher Aufarbeitungsprozess auswirken kann, der auf einem intensiven Dialog basiert, und ich weiß um seine heilende Wirkung.
Beim Täter-Opfer-Ausgleich geht es vor allem um die Bedürfnisse des Opfers. Die Frage: »Was brauchst du, um dich geheilt zu fühlen?« wird der Person gestellt, der Gewalt angetan wurde, und die Antwort auf die Frage bestimmt das weitere Vorgehen. Thordis und ich haben kein formelles Verfahren durchlaufen, aber ich habe mich bemüht zu verstehen, was Thordis brauchte, um heil zu werden, und dieses Bemühen hat die Richtung beeinflusst, die unsere Korrespondenz nahm, hat mich alarmiert, wenn ich zu ichbezogen wurde, und dazu beigetragen, für uns einen Raum zu schaffen, in dem wir die Dinge laut aussprechen und ich es aushalten konnte, mir auch die schlimmsten Dinge anzuhören.
Ich bin zuversichtlich, dass dieser Dialog sich ausweiten und dabei an Komplexität zunehmen wird. Wenn wir uns von den Stimmen und Bedürfnissen derer leiten lassen, die am stärksten betroffen sind, wenn wir im Gespräch bleiben über Wege der Heilung und Möglichkeiten, wie sich in Zukunft sexuelle Gewalt verhindern lässt, dann sind wir, davon bin ich fest überzeugt, auf dem richtigen Weg.
Eine Frau trifft den Mann, der sie vergewaltigt hat
»Auf Eurer Menschenwelt findet sich kein einziges Herz,
das sich nicht sofort öffnete, wäre es der eigenen Sicherheit gewiss.
Es ist alles nur eine Frage der Angst.«
Pat Rodegast, »Emanuels Buch«
Von: Thomas Stranger
Gesendet: Samstag, 21. Mai 2005, 5:38 Uhr
Betreff: Worte für dich
Thordis, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Als ich deinen Namen in meinem Posteingang gesehen habe, ist es mir eiskalt über den Rücken gelaufen. Meine Erinnerungen sind immer noch sonnenklar. Bitte, glaub mir, wenn ich sage, ich habe nicht vergessen, was ich getan habe und wie sehr ich mir selbst misstrauen muss.
Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll. Ich würde mich am liebsten als krank bezeichnen (aber das bin ich nicht), ich würde dir gern sagen, wie stark du bist, so stark, dass du es schaffst, mir zu schreiben und dir alles, was passiert ist, und alles, was ich getan habe, in Erinnerung zu rufen. Ich würde dir gern dafür danken, dass du mich nicht hasst, obwohl ich froh wäre, wenn du es tätest. Das würde es für mich einfacher machen.
Mir geht’s wirklich nicht um so was wie Mitgefühl, aber ich möchte dir sagen, dass sich alle Ereignisse und Gefühle, in die ich in Island verwickelt war, immer wieder in meinem Kopf abspulen, meistens, wenn ich längere Zeit alleine bin. Sie tauchen vor meinem inneren Auge auf, klar und deutlich, und nachdem ich zuerst mit Nichtwahrhabenwollen und positiver Verstärkung reagiere, kommt unweigerlich die Frage: Wer bin ich? Es ist ein dunkler Teil meiner Erinnerung. Ich habe versucht, ihn zu unterdrücken.
Aber hier geht es nicht um mich. Falls es irgendetwas gibt, das ich tun oder dir anbieten kann – ein Wort von dir genügt. Die Frage ist, wie es jetzt weitergeht. Sag du’s mir.
Tom
21. Oktober 2012
Mein Herz schlägt schnell, im Takt mit dem blinkenden Cursor auf dem Computerbildschirm. Meine Finger zittern leicht, als ich den Namen meiner Heimatstadt in das leere Feld bei Google Maps eingebe. Place radius by location name: Reykjavík, Island.
Radius: 11000 km.
Enter.
Augenblicklich färben sich die USA, Europa, fast ganz Asien sowie Südamerika und Afrika bis auf ihre südliche Spitze grün.
Ich atme tief ein und lösche Reykjavík. Nach kurzem Zögern gebe ich den Namen seiner Heimatstadt ein: Sydney, Australien.
Radius: 11000 km.
Enter.
Jetzt färbt sich der andere Teil der Welt grün: die südlichen Spitzen von Afrika und Südamerika und Südostasien. Die Angst weicht der Neugier. Fasziniert beuge ich mich dichter an den Bildschirm vor. Ich wusste, dass Welten zwischen uns liegen, trotzdem ist es beeindruckend, es so deutlich auf plakative Weise bestätigt zu bekommen.
Zwischen den grünen Bereichen zieht sich ein schmaler Streifen quer über die Weltkarte, genau in der Mitte zwischen ihm und mir. Er berührt den südlichen Zipfel von Südafrika, wölbt sich in einem Bogen über den Atlantik und Südamerika, streift Uruguay, Argentinien und Chile. Ich vergrößere die Ansicht und lese die Namen der infrage kommenden Städte.
Mit klammen Fingern klicke ich das Fenster mit der angefangenen E-Mail an. Ich schlage vor, wir treffen uns entweder in Montevideo, Buenos Aires, Santiago … Einen Moment lang halte ich den Atem an, dann schreibe ich: … oder Kapstadt.
Am nächsten Tag ist die Antwort da. »Ich wollte schon immer mal nach Südafrika«, schreibt er.
Also gut.
Zeit, die Angst bei den Hörnern zu packen.
27. März 2013
Das Taxi holt mich um Viertel vor fünf ab und bringt mich zum Bushof, wo der Flughafenshuttle abfährt. Der grauhaarige Taxifahrer wuchtet mit geübtem Griff meinen Koffer in den Kofferraum und fragt mich, wohin die Reise geht.
»Nach Südafrika.«
»Wirklich? Nach Johannesburg?«
»Nein, nach Kapstadt«, antworte ich, selbst verblüfft über meine Worte, obwohl ich wirklich genug Zeit hatte, mich an die Vorstellung zu gewöhnen. Es wäre stark untertrieben zu behaupten, dass das geplante Treffen mich beschäftigt hat. Es hat bei jedem Schritt mitgeschwungen, wenn ich joggen war; ich habe es mit der kalten Winterluft eingeatmet, die mir in der Lunge brannte; es triefte aus dem feuchten Waschlappen, mit dem ich die klebrigen Finger meines Sohnes abgewischt habe. Und ich habe mir alle Mühe gegeben, es zu verdrängen, wenn ich mit meinem Verlobten geschlafen und das Gefühl seiner Haut auf meiner genossen habe.
Es wäre auch ein extrem unpassender Moment gewesen, daran zu denken.
Mit der Festlegung des Zielorts begann für mich eine neue Zeitrechnung: »vor Kapstadt« oder »nach Kapstadt«. Beim letzten Deo-Kauf dachte ich, dass ich mir erst wieder »nach Kapstadt« eins würde besorgen müssen. Als ich mich gestern mit meinem dreijährigen Sohn gemütlich hingehockt habe, um zu malen, hat die Tatsache, dass ich mir »v.K.« Zeit für ihn nahm, vorübergehend mein schlechtes Gewissen beruhigt, weil ich ihn zehn Tage lang allein lassen werde, um mich am anderen Ende der Welt mit einem Mann aus meiner Vergangenheit zu treffen – ohne zu wissen, was dabei herauskommen wird.
Irgendetwas sagt mir, dass Eltern kleiner Kinder solche tollkühnen Entscheidungen besser nicht treffen sollten. Immerhin habe ich aus diesem Grund meinen Traum vom Fallschirmspringen aufgegeben, als ich mit meinem Sohn schwanger wurde.
Andererseits finde ich es emotional wesentlich weniger gefährlich, mich in zwei Kilometern Höhe aus einem Flugzeug zu stürzen, als mit einem Mann, der mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Denn es war nicht etwa ein unbekannter Irrer, der mir vor all den Jahren den Boden unter den Füßen weggezogen hat, der ärztliche Hilfe abgelehnt hat, obwohl ich halb bewusstlos war und mich in einem Stück übergeben musste. Der mich stattdessen zwei endlose Stunden lang vergewaltigt hat.
Es war meine erste große Liebe.
Am Check-in lief alles reibungslos, aber ich traue meinem Koffer nicht zu, dass er mir bis zu meinem Zielort folgt. Er hat sich in der Vergangenheit oft genug als abenteuerlustiger Reisender erwiesen, der sich beispielsweise einfach nach Bali absetzt, anstatt mich zu seriösen Konferenzen in Finnland zu begleiten. Wag es nicht, murmle ich und werfe ihm einen strengen Blick zu, kurz bevor er hinter dem Schalter durch die Schleuse verschwindet.
Draußen hebt gerade ein Flugzeug ab und donnert in den trüben Morgenhimmel. Mein Sohn ist völlig fasziniert von Flugzeugen, schon als Baby hat er ihnen durch seine langen Wimpern hindurch am Himmel nachgeschaut, und er wird es nicht müde, mit Fingerfarben weiße Kondensstreifen zu malen. Natürlich wollte er auch gestern nichts anderes von mir sehen. Mein Werk ähnelte eher einem entstellten Pinguin als einem Flugzeug, aber mein Sohn war zufrieden. Er hat auf das Bild gezeigt und stolz verkündet: »Onkel ist in einem Flugzeug.«
Es versetzte mir einen Stich. Mein Bruder studiert in Übersee, aber da mein Sohn natürlich noch nicht verstehen kann, was »Übersee« heißt, war es einfacher, ihm zu sagen, sein Onkel sei »in einem Flugzeug«. Die gleiche Erklärung wird er bekommen, wenn ich am anderen Ende der Welt meinen Seelenfrieden suche, anstatt mit meiner Familie Ostereier zu bemalen und meinem Sohn und meinen Stieftöchtern Kakaospuren vom Kinn zu wischen.
Mein Sohn, der nichts von meinen inneren Qualen ahnt und mir erst kürzlich erstmals seine Liebe gestanden hat, packte mein Gesicht mit seinen farbverschmierten Händen und sagte voller Zärtlichkeit: »Allerliebste Mami.«
Mir ging das Herz über. »Ja, mein Schatz?«
Er schaute mich durch seine langen, blonden Wimpern hindurch an, die mich an Schmetterlingsflügel erinnerten, und sagte: »Du musst Halifra immer lieb haben.«
Er ist zwar schon dreieinhalb, aber er spricht immer noch häufig von sich selbst in der dritten Person und benutzt die Abkürzung, die er erfunden hat, als er seinen Namen noch nicht aussprechen konnte: Haflidi Freyr.
Mit einem Kloß im Hals nahm ich ihn in die Arme, schmiegte mein Gesicht in seinen Nacken und versprach ihm, ihn immer, immer lieb zu haben. Es war die ehrlichste Liebeserklärung, die mir je über die Lippen gekommen ist.
Dann lockerte ich widerstrebend meine Umarmung und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. »Mami muss bald in ein Flugzeug steigen, weißt du.«
Seine großen Augen weiteten sich, die Grübchen auf seinen Wangen tanzten. »KANN ICH MITKOMMEN?«
Einen Moment lang fehlten mir die Worte. Ich hatte mit einem Wutanfall gerechnet oder mit Tränen, aber nicht mit der Hoffnung, die das Gesicht meines Sohnes zum Leuchten brachte wie ein Leuchtfeuer in einer Winternacht.
»Nein, mein Schatz, diesmal nicht. Vielleicht ein andermal, okay?« Ich drückte ihn fest an mich. Er schmollte und ließ die Arme hängen.
Er wird drüber wegkommen, sagte ich mir.
Ich hatte mich geirrt. Er war den ganzen restlichen Abend quengelig und unleidlich, und als Vidir, sein Vater, es wagte, ihn liebevoll anzuschauen und »Knirps« zu nennen, war es vorbei.
»ICH BIN KEIN KNIRPS!«, schrie er, während ihm Tränen über die Wangen liefen. »ICH BIN HAFLIDI FREYR!«
Als Vidir mir gestern Abend beim Packen half, hörten wir unseren Sohn so jämmerlich weinen, dass wir ihn in unser Zimmer holten und ihn zwischen uns im Bett schlafen ließen.
Und so bin ich am Abend vor meiner Reise nach Kapstadt eingeschlafen: die Nase im Haar eines kleinen Jungen, der meinen Finger umklammert hielt und immer wieder schluchzend aus seinem unruhigen Schlaf aufwachte. Im Dunkeln konnte ich Vidir, der auf der anderen Seite unseres Kindes lag, kaum ausmachen. Vor dem Einschlafen ging mir als letzter Gedanke durch den Kopf, dass ich da draußen in der großen, weiten Welt werde gut auf mich aufpassen müssen, wenn ich sicher zu meinen beiden Liebsten zurückkehren will.
Sicher.
Während ich in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle stehe, wird mir mit einem Mal die Doppelmoral bewusst, die darin zum Ausdruck kommt. Ein einziger fehlgeschlagener Versuch, eine Bombe in einem Schuh zu verstecken, und schon ziehen wir alle brav die Schuhe aus, um uns unser aller Sicherheit zu vergewissern. Gleichzeitig laufen, wenn man den Statistiken glaubt, so viele potenzielle Vergewaltiger an den Flughäfen der Welt herum, dass sie mehrere Jumbojets füllen könnten. Aber zur Bekämpfung dieser Pandemie gibt es keine Sicherheitsmaßnahmen. Was andererseits auch nicht so einfach wäre wie die Überprüfung von Schuhen, gestehe ich mir ein.
Meine Sitznachbarn auf dem Flug nach Norwegen, dem ersten Teil dieser Mammutreise, sind ein außergewöhnlich wohlerzogenes fünfjähriges Mädchen und seine Mutter. Die Wahrscheinlichkeit, dass Haflidi während eines dreistündigen Flugs still sitzen würde, ist gleich null, und ich schenke dem Mädchen ein aufmunterndes Lächeln. Die Kleine verkriecht sich schüchtern unter dem Arm ihrer Mutter. Ich muss an meine Mutter denken, deren Segen ich unbedingt brauchte, bevor ich mich auf diese Reise gemacht habe.
Ja, ich weiß, dass ich zweiunddreißig Jahre alt bin.
Das ändert jedoch nichts an meinem kindlichen Bedürfnis, mir für gewagte Unterfangen den Segen meiner Eltern zu holen.
Meine Mutter hat vor Schreck die Augen aufgerissen, als ich ihr eröffnete, dass ich allein nach Südafrika fliegen würde, um mich mit dem Mann zu treffen, der mich vergewaltigt hat, als ich sechzehn war. Ihr sind sofort alle möglichen haarsträubenden Horrorszenarien eingefallen, doch dann hat sie einen tiefen Seufzer ausgestoßen, mich mit liebevoller Zurückhaltung angeschaut und gesagt: »Ich weiß, es hat keinen Zweck, dich von etwas abbringen zu wollen, was du dir in den Kopf gesetzt hast, Liebes.« Kurz darauf ist mein Vater auf einen Kaffee hereingeschneit und hat mich beim Packen unterbrochen. Aber obwohl ich mich bemüht habe, ihm die Neuigkeit so schonend wie irgend möglich beizubringen, ist er total ausgerastet. Ich würde wegen einer lächerlichen Idee mein Leben aufs Spiel setzen, hat er mich angebrüllt.
»Ich muss einfach dieses Kapitel meines Lebens abschließen«, habe ich leise geantwortet. Meine Wangen glühten.
»Das Kapitel abschließen?«, wiederholte er angewidert und sprang aus seinem Sessel. »Du brauchst nicht um den halben Globus zu reisen, um irgendwas abzuschließen! Was für eine Schnapsidee, so ein Drama zu veranstalten!«
Seine Worte trafen mich an einem wunden Punkt.
»Eins sage ich dir, du wirst sowieso nie im Leben die Kontrolle über alles haben können. Nur über deine eigenen Gedanken. Sonst nichts!«
»Was meinst du damit?«, fragte ich verwirrt. »Ich kann schließlich selbst bestimmen, was ich tue und wo ich mich aufhalte.«
»Eben nicht«, fauchte er. »Das kann man nicht immer. Und wenn doch, dann wäre das nie passiert.«
Wir wussten beide, was er mit »das« meinte, auch wenn wir nie über das einschneidende Erlebnis gesprochen haben, das alles verändert hat. In den vergangenen Jahren habe ich mich immer wieder öffentlich zu meinem Status als Überlebende einer Vergewaltigung bekannt – nur mit meinem Vater habe ich noch nie über diese verhängnisvolle Nacht gesprochen. Er hat mich nie danach gefragt, und ich bin immer davon ausgegangen, dass er es nicht genauer wissen will.
Ich richtete mich auf, mir war bewusst, dass ich einen roten Kopf hatte. »Wenn du mich nur als Opfer und ihn nur als Täter siehst, dann kannst du das natürlich nicht verstehen. Aber wir sind viel mehr als das, Dad.«
Mit einem verächtlichen Schnauben stürmte er aus der Küche.
Ich lehnte mich zurück und atmete langsam aus. Gottverdammt. Ich hatte gewusst, dass es hart werden würde, aber verdammt noch mal …
Dann kam mein Vater wieder zurück und stampfte in der Küche auf und ab. Er schäumte vor Wut, die, wie ich wusste, Ausdruck seiner Vaterliebe war. »Was macht dich so sicher, dass du mit diesem Unsinn irgendwas zum Abschluss bringen kannst? Das kann genauso gut nach hinten losgehen!« Die Verzweiflung, mit der er das vorbrachte, ließ seine Worte wie eine Drohung klingen.
Nachdem er wieder davongestürmt war, saß ich allein in der Stille und sah den Staubkörnern zu, die in der Luft tanzten.
Ich glaube, irgendwie haben wir beide recht. Diese Reise wird zweifellos ein gewisses Kapitel in meinem Leben zum Abschluss bringen. Aber im Gegensatz zu meinem Vater glaube ich, dass ich im nächsten Kapitel nicht mehr das Opfer sein werde.
Die Anschnallzeichen sind jetzt erloschen, und ich öffne meinen Gurt. Als ich mich strecke, sehe ich mein Spiegelbild im Bildschirm in der Rückenlehne des Sitzes vor mir. Nach außen hin wirke ich immer ziemlich herb. Als Studentin wurde ich meistens als »einschüchternd« beschrieben, was mir meine Kommilitonen auf diversen Partys in mehr oder weniger betrunkenem Zustand immer wieder bestätigt haben. Sie konnten nicht wissen, dass es zu meiner Überlebensstrategie gehörte, mich furchtlos zu geben. Die Sicherheitsnadeln, mit denen ich mich stolz schmückte, unterstrichen meine Unerschrockenheit, meine Bereitschaft, alles auszuprobieren, und mein Lebensmotto, das lautete: »Was Männer können, kann ich schon lange.« Mit einundzwanzig war ich auf einen anderen Kontinent gezogen, hatte mir ein Tattoo stechen lassen und hatte Sex mit Frauen. Aber letztlich war das Übererfüllen von Erwartungen die effektivste Methode, um zu verbergen, dass ich ein gebrochener Mensch war. Ich legte überall Bestleistungen hin, selbst im Studium, das ich in den Staaten auf Englisch absolvierte, was nicht meine Muttersprache ist. Niemand verdächtigte die Jahrgangsbeste eines Doppellebens, erst recht nicht, da sie auch bei allen Freizeitaktivitäten Erfolg hatte, Studentensprecherin war und nebenbei jobbte. Extrem beschäftigt zu sein hatte den zusätzlichen Vorteil, dass mir keine Zeit blieb, über die Vergangenheit nachzudenken.
Ich schalte den Monitor im Sitz vor mir ein und surfe durch das Fernsehprogramm. Der eine Kanal zeigt eine Polizeieinheit, die auf die Aufklärung von Sexualverbrechen spezialisiert ist. Natürlich sind die ausnahmslos von bewaffneten, gefährlichen Irren verübt worden. Gelangweilt klicke ich weiter. Mit dem Mythos bin ich fertig. Mit sechzehn glaubte ich, dass Sexualverbrechen in dunklen Gassen von messerschwingenden Psychopathen verübt wurden. Ich hatte genug Fernsehsendungen gesehen, in denen es genauso dargestellt wurde. Als mir dämmerte, dass ich tatsächlich vergewaltigt worden war, befand mein Angreifer sich längst am anderen Ende der Welt, und mir blieb nichts übrig, als den Schmerz herunterzuschlucken. Aber das hatte seinen Preis. Mit fünfundzwanzig, nach neun langen Jahren, in denen ich den Schein gewahrt und im Stillen gelitten hatte, hat es mich umgehauen. Hinter mir lagen Essstörungen, Alkoholprobleme und Ritzen. Trotz der glänzenden Leistungen traute ich meinem eigenen Urteilsvermögen nicht, nachdem es mich bei meiner ersten Beziehung so komplett im Stich gelassen hatte. Und das führte dazu, dass ich alles anzweifelte: meine beruflichen Entscheidungen, die Wahl meiner Beziehungen, meinen Selbstwert. Ich lag im Krieg mit der Welt, ohne je wirklich zu wissen, wer der Feind war. Da meine Vergangenheit ein Geheimnis war, das ich niemandem anzuvertrauen wagte, wurde das Schreiben immer mehr zum Ventil für meinen Kummer. Aus Tagebüchern destillierte ich Gedichte, die zu Theaterstücken mutierten, und schon bald machte ich mir einen Namen als Dramatikerin. Es war unglaublich befreiend, sich Figuren auszudenken, die Worte laut aussprechen konnten, an denen ich erstickt wäre. Und da alle es als Kunst akzeptierten, nervte mich niemand mit unangenehmen Fragen. Einfach ausgedrückt: Es war perfekt. Oder zumindest so perfekt, wie irgendein Beruf für die gespaltene Persönlichkeit sein konnte, die ich damals war.
Ungeachtet meines inneren Chaos (oder vielmehr aufgrund dessen) wuchs mein Repertoire ziemlich schnell, und ich wurde immer erfolgreicher. Im Mai 2005 lud man mich zu einem Theatertreffen in Australien ein, bei dem die talentiertesten jungen Dramatiker der Welt zusammenkamen. Mir lief es eiskalt über den Rücken. Ausgerechnet in dem Land, in dem er lebte – der Mann, der mich vergewaltigt hatte, als ich sechzehn war. Eine verrückte Hoffnung keimte auf. Könnte das eine Chance sein, mich aus meinem Käfig zu befreien und ihn dazu zu bringen, dass er sich zu seinem Verbrechen bekennt? Mein Herz verkroch sich in die hinterste Ecke meines Brustkorbs, noch traumatisiert von meinem letzten kläglichen Versuch, über meine Vergangenheit zu sprechen. Ich ließ mich in meinen Bürostuhl fallen, starrte tagelang auf meinen Bildschirm und ging die Alternativen durch. Schließlich brachte ich die Willenskraft auf, eine E-Mail abzuschicken: eine kurze, höfliche Erklärung, dass ich im Juli in Australien sein würde, und dazu die Frage, ob er bereit sei, sich mit mir zu treffen. Während ich nervös in meiner Wohnung auf und ab ging, malte ich mir alle möglichen Reaktionen aus, angefangen bei seiner dankbaren Zustimmung bis hin zu wütender Ablehnung, hielt es jedoch für die wahrscheinlichste Möglichkeit, dass er überhaupt nicht reagieren würde. Schließlich war es zehn Jahre her, dass er als Austauschschüler in Island gewesen war, und vermutlich hatte er längst eine andere E-Mail-Adresse. Zu meiner Erleichterung stellte sich heraus, dass sein Account noch aktiv war, aber nachdem ich seine Antwort mit zitternden, nikotingelben Fingern angeklickt hatte, schlug die Erleichterung in Enttäuschung um. Da er am anderen Ende des Kontinents wohne und beruflich sehr eingespannt sei, so seine Erklärung, könne er sich leider nicht mit mir treffen. All mein Mut und all meine Hoffnung waren wie weggeblasen. Das war’s. Ich würde für immer in meinem Käfig bleiben müssen.
Aber ohne dass ich es ahnte, rüttelte mein Unterbewusstsein bereits an den Gitterstäben.
Wenige Wochen später ging ich an einem trüben Nachmittag mit verheulten Augen nach einem Streit mit einem geliebten Menschen in ein Café. Ich bat die Kellnerin um einen Stift und kramte mein kleines Notizheft aus meiner Handtasche in der Hoffnung, meine Nerven durchs Herumkritzeln zu beruhigen. Zu meiner Überraschung wurden aus den Kritzeleien Buchstaben, die sich zu Wörtern und Sätzen und schließlich zum wichtigsten Brief zusammenfügten, den ich je geschrieben hatte, adressiert an meinen Vergewaltiger. Am Ende stand da nicht nur eine Beschreibung der Gewalt, die er mir angetan hatte, sondern auch der Satz: »Ich möchte Vergebung finden.«
Wo kam das her? An Vergebung hatte ich dabei nun wirklich nicht gedacht. Der Vorschlag, mich mit ihm zu treffen, basierte auf meinem Wunsch, ihm ein paar vernichtende Worte um die Ohren zu hauen, die sich in sein Gehirn fressen und bis zum Ende seines Lebens seine ersten Gedanken beim Aufwachen und seine letzten vor dem Einschlafen sein sollten. Schließlich war das die Wirklichkeit, die er mir aufgezwungen hatte. Aber Vergebung? Obwohl mich verblüffte, was da alles aus meinem Kugelschreiber geflossen kam, waren die Worte doch wie ein heilender Balsam und linderten mit ihrer Wahrheit den Schmerz, der in mir brannte. Auf meine Verblüffung folgte die unglaubliche Erkenntnis, dass ich endlich den Schlüssel für das Schloss meines Käfigs gefunden hatte. Gerade in dem Moment, als ich aufgehört hatte, danach zu suchen.
Das war unerforschtes Gebiet. In den vergangenen neun Jahren hatte ich eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Leuten vertreten, die mein Vertrauen missbrauchten, und war nicht einmal vor so heftigen Maßnahmen zurückgeschreckt wie einem Mann, der mich sitzen gelassen hatte, einen Schuhkarton voll Scheiße zu schicken. Derartige Konfrontationen werden allerdings von Experten in Sachen Verarbeitung von Sexualverbrechen oder Betreuung von Vergewaltigungsopfern nicht gerade empfohlen. Viele raten zwar dazu, dem Vergewaltiger einen Brief zu schreiben und ihm das Leid zu schildern, das er einem zugefügt hat, allerdings nur, um den Brief dann zu verbrennen. Dennoch tippte ich den Brief zu Hause am Computer gleich ab. Was nicht bedeutete, dass ich ihn auch abschicken wollte, allein die Idee traf mich bis ins Mark, zumal es doch äußerst unwahrscheinlich erschien, dass der Empfänger am Ende bereit sein würde, die Verantwortung für die darin beschriebene Gewalt zu übernehmen.
Also machte ich mich auf alle möglichen Reaktionen gefasst: dass er mir sagte, es sei ganz anders gewesen; dass er mich der Lüge bezichtigte; dass er alles glattweg leugnete. Nichts davon war verlockend, aber alles war mir lieber, als die Stimme in mir, die sich gerade erst zaghaft zu Wort gemeldet hatte, gleich wieder zum Schweigen zu bringen. Und da es kein Vorbild für so was gibt, beschloss ich, mich von meinem Herzen leiten zu lassen.
Trotz all meiner Bemühungen, auf alles gefasst zu sein, war ich nicht vorbereitet auf das, was ich bekam: ein schriftliches Geständnis voller tief empfundener Reue, das mich mit seiner Offenheit entwaffnete.
Zwar habe ich in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und sogar öffentlich über meine Vergewaltigung gesprochen, aber über diesen Teil meiner Geschichte habe ich nie etwas gesagt, noch nicht einmal denen, die mir am nächsten stehen. So wusste mein Vater, als er mein Vorhaben für lächerlich erklärte und aus meinem Haus stürmte, nicht, dass meine Kritzeleien in dem Café im Jahr 2005 eine acht Jahre dauernde Korrespondenz in Gang gesetzt haben, die sich durch brutale Ehrlichkeit auszeichnet. Er weiß nichts von den bohrenden Fragen und den noch dornigeren Wahrheiten, die sowohl Sender als auch Empfänger würgend zum nächstbesten Eimer stürzen ließen. Er weiß nicht, dass ich die Schuld klar und erbarmungslos meinem Peiniger zugewiesen habe, und auch nicht, dass dieser sie voll und ganz auf sich genommen hat. Er weiß nichts von den Wundern der Heilung und den Tränen, die in unchristlicher Morgenstunde auf unsere Tastaturen tropften, oder dass wir unsere Korrespondenz zweimal abgebrochen haben, nachdem wir einander mit unserer hässlichen Vergangenheit fertiggemacht hatten. Beide Male warf die Lebenserfahrung neues Licht auf den Vorfall und führte dazu, dass wir den Briefwechsel wieder aufnahmen. Und irgendwann im Lauf des Prozesses konnte ich meine Wut loslassen. Sie katapultierte mich durch die turbulente Troposphäre bis in die äußersten Winkel meiner Seele, wo keine Stürme den Frieden stören können. Wo der Himmel so klar ist, dass meine Sicht nicht mehr von Wolken behindert wird.
Aber so heilsam dieser Austausch auch gewesen sein mag, er führte nicht dazu, dass ich damit abschließen konnte. Vielleicht, weil das E-Mail-Format nicht persönlich genug wirkt, vielleicht, weil es ja einfach ist, mutig zu sein, wenn man sich am anderen Ende der Welt hinter einem Computerbildschirm versteckt. Viel zu einfach, um in meinem Herzen Nachhall zu finden. »Und deswegen fliege ich nach Südafrika, um die letzte Rate für die teuerste Nacht meines Lebens zu kassieren«, flüstere ich leise, als das stahlgraue Oslo tief unter mir auftaucht. Schluss mit den quälenden Erinnerungen. Schluss mit den Selbstvorwürfen. Ich will dem Mann gegenübertreten, der mir 1996 die Unschuld geraubt hat, und mich von der Schuld freisprechen, die ich fälschlicherweise viel zu viele qualvolle Jahre lang an seiner Stelle auf mich genommen habe.
Ich will, dass das aufhört.
So klar das Ziel meiner Mission auch sein mag, kann ich doch dasselbe beileibe nicht von meinen Erwartungen an diese Reise behaupten, denn die sind ein einziges Auf und Ab wie bei einer EKG-Kurve. An guten Tagen finde ich den Gedanken daran ermutigend, regelrecht inspirierend. Dann glaube ich, dass ich meine Dämonen befrieden kann, wenn ich meinem Peiniger gegenübertrete, und dann stelle ich mir vor, wie ich mit ihm durch die Straßen von Kapstadt schlendere oder an einem Strand sitze und nachdenklich auf den Atlantik schaue.
An schlechten Tagen versetzt mich allein der Gedanke an diese Reise in Panik. Südafrika ist, darauf deuten Statistiken hin, ein Land, in dem es häufiger zu Vergewaltigungen kommt als in anderen Staaten, in denen Daten erhoben werden. Dasselbe gilt für den Missbrauch von Kindern und sogar Kleinkindern. Auch wenn es unfair anmutet, bezeichnet man im englischen Sprachraum Cape Town als Rape Town, also Kapstadt als Vergewaltigerstadt. Das weiß ich, weil ich eine Expertin in Sachen sexuelle Gewalt geworden bin, obwohl ich eigentlich ganz andere berufliche Pläne hatte. Die Weichen dafür wurden im April 2007 gestellt, als eine neunzehnjährige junge Frau in einem Hotel in Reykjavík einen Fremden nach den Toiletten fragte. Der Fremde folgte ihr, schubste sie in eine Kabine, verriegelte die Tür und vergewaltigte sie. Vor Angst und Schrecken wie gelähmt, konnte sie sich ihrem Angreifer erst widersetzen, als die Schmerzen sie aus ihrem Stupor rissen und sie in den Verteidigungsmodus schaltete.
Das Gericht kam zu dem Schluss, dass der sexuelle Akt zweifelsfrei ohne Zustimmung der jungen Frau stattgefunden hatte. Trotzdem wurde der Angreifer freigesprochen mit dem Argument, die junge Frau sei selbst schuld, weil sie sich nicht beherzt genug zur Wehr gesetzt hatte. Das isländische Gesetz besagt, dass, »wer Gewalt, die Androhung von Gewalt oder andere Formen der Nötigung anwendet, um eine Person zum Geschlechtsverkehr zu zwingen, sich der Vergewaltigung schuldig macht«. Da der Angreifer es nicht nötig gehabt hatte, Gewalt anzuwenden, hatte er in den Augen des Gesetzes folglich keine Vergewaltigung begangen.
Damals arbeitete ich als Kolumnistin für eine Zeitschrift und als Dramatikerin. Die Bezahlung war in beiden Fällen ein Witz, aber ich war motiviert und ehrgeizig und liebte meine Kunst.
Bereits seit zwei Jahren korrespondierte ich heimlich mit meinem Vergewaltiger und hatte mich von einem Teil der Schuld befreit, die ich zu Unrecht mit mir herumtrug, wurde aber immer noch von meiner Vergangenheit heimgesucht. Wie nicht anders zu erwarten, identifizierte ich mich stark mit der jungen Frau, die in dem Hotel vergewaltigt worden war. Empört über den Freispruch, fühlte ich mich gezwungen, einen offenen Brief an die Presse zu schreiben, in dem ich den Richterspruch verurteilte. Es ist ungeheuerlich zu behaupten, im Falle einer Vergewaltigung gäbe es eine »angemessene Reaktion« und dazu würde gehören, dass das Opfer sich »beherzt zur Wehr setzt«. Sich zur Wehr zu setzen kann sich sogar als zu gefährlich, ja tödlich erweisen, wenn es den Täter dazu treibt, noch mehr Gewalt anzuwenden. Manche Vergewaltigungsopfer erstarren, andere schalten mental ab, um den Angriff zu überleben. Es gibt keine »angemessene« Reaktion auf eine Vergewaltigung, argumentierte ich. Und um mich zu vergewissern, dass meine Argumente wasserdicht waren, studierte ich die Rechtsprechung und Hunderte von Vergewaltigungsfällen und interviewte Anwälte, Ärzte und Überlebende.
Ich schrieb zu viel für jede Zeitung. Aus dem ursprünglich geplanten offenen Brief wurden schließlich 270 Seiten, genug für ein Buch. Über Nacht wurde aus mir, einer kettenrauchenden Lebenskünstlerin, eine anerkannte Expertin in Sachen sexuelle Gewalt, was niemanden mehr überraschte als mich selbst. Und die ganze Zeit über stand ich heimlich im Dialog mit dem Mann, der mich auf brutale Weise an das Thema herangeführt hatte.
Während der Arbeit an meinem Buch wurde mir klar, dass Schweigen eins der größten Hindernisse im Kampf gegen sexuelle Gewalt ist. Obwohl ich mir unsicher war und die Idee alles andere als angenehm, entschloss ich mich, die Geschichte meiner eigenen Vergewaltigung im Alter von sechzehn Jahren in das Buch aufzunehmen. Den Namen meines Peinigers ließ ich weg, nicht, um ihn zu schützen, sondern weil es paradoxerweise für mich sicherer war. Ein Vergewaltigungsopfer, das sich über die Identität des Täters ausschweigt, kann zwar kritisiert und diffamiert werden, entgeht aber der öffentlichen Verdammung und Wut derer, die sich auf die Seite des Täters schlagen würden. Frauen werden aus geringfügigeren Gründen angegriffen, sogar umgebracht.
Mein Peiniger war dadurch geschützt, dass er am anderen Ende der Welt lebte. Und ich schützte mich, indem ich seine Anonymität wahrte.
Hin und wieder haben mich Frauen beiseitegenommen und gefragt, wer er ist. Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen, dass in ihrem Bekanntenkreis ein Vergewaltiger sein Unwesen treiben könnte – mein Vergewaltiger. Ihre Angst ist nicht unbegründet, denn laut den Statistiken der UN und anderer Menschenrechtsorganisationen wird jede dritte Frau irgendwann in ihrem Leben von einem Mann aus ihrer direkten Umgebung geschlagen oder vergewaltigt.
Angst abzulegen ist sehr schwer. Sosehr ich mich auch zu Stärke und Mut erzogen hatte, löste doch die Vorstellung, nach Kapstadt zu reisen, erst einmal eine Kurzschlussreaktion aus, und zwar nicht nur in der Gewaltexpertin, zu der ich geworden war, sondern in dem jungen Mädchen, das ich einmal gewesen war. Wie Millionen anderer Frauen hatte man auch mir beigebracht, im Fall eines Überfalls auf die Augen oder den Schritt des Angreifers zu zielen. Man hatte mir beigebracht, meinen Schlüsselbund so in der Faust zu halten, dass die Schlüssel zwischen den Fingern herausschauten, um einen potenziellen Angreifer ernsthafter zu verletzen. Man hatte mir beigebracht, schlecht beleuchtete Orte zu meiden und zu wissen, wo sich die Notruftelefone auf dem Campus befanden. Man hatte mir beigebracht, niemals ein Getränk unbeobachtet zu lassen, niemals zu einem Fremden ins Auto zu steigen, mich nie mit einem Mann zu verabreden, ohne jemandem mitzuteilen, wo wir hingehen würden, und niemals in der Öffentlichkeit einem Fremden in die Augen zu sehen. Betrink dich nicht, kleide dich nicht aufreizend, flirte nicht zu offensichtlich und vor allem: Zeig keine Angst, wenn einer hinter dir herpfeift oder dir folgt.
Kurz gesagt, mir wurde wie Millionen anderer Mädchen von klein auf eingebläut, wie gefährlich es ist, ein Mädchen zu sein.
Am Ende hat mir nichts davon geholfen. Die meisten Vergewaltigungen finden nicht unter den Umständen statt, die zu meiden man uns lehrt. Die meisten spielen sich in der gemütlichen eigenen Wohnung ab und werden von Menschen verübt, denen wir vertrauen – Verwandten, Ehepartnern, Freunden.
Wenn ich die Angst zum Entscheidungsfaktor mache, ob ich nach Kapstadt fahre oder nicht, wäre das eine Niederlage, sagte ich mir. Die »Vergewaltigungshauptstadt der Welt« war doch wirklich das ultimative Testgelände in meinem Kampf, die Angst vor sexueller Gewalt zu besiegen. Und wo konnte man besser Vergebung üben als in einem Land, in dem eigens eine Wahrheits- und Versöhnungskommission geschaffen wurde? Wo der Präsident des Landes, Nelson Mandela, seinen Peinigern nach siebenundzwanzig Jahren Gefangenschaft vergeben und mit ihnen Frieden geschlossen hat, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen?
Wie ich es drehte und wendete, ich konnte mir keinen Ort vorstellen, der besser geeignet wäre, um mir selbst zu beweisen, dass Gewalt weder mein Leben zerstören noch meine Entscheidungen beeinflussen kann. Nicht damals nicht heute, nie.
Der Flughafen in Oslo empfängt mich mit grotesk überteuerten Sandwiches und Kaffee. Wenigstens ist das WLAN kostenlos. Ich werfe einen Blick auf die Uhr und frage mich, was Vidir und Haflidi wohl gerade machen. Wahrscheinlich sind sie gerade dabei, das Mittagessen zuzubereiten, und genießen den Ostersonntag. Vidir hat mir neulich einen Heiratsantrag gemacht, nach fast fünf wunderbaren gemeinsamen Jahren, in denen keiner von uns beiden das Bedürfnis hatte, die Sache amtlich zu machen. Wir hatten gemeinsam eine Stieffamilie gegründet, ein Minenfeld, in dem es mir gelungen war, das Vertrauen und die Freundschaft seiner Töchter zu gewinnen: Hafdis, inzwischen vierzehn, und Julia, jetzt neun. Die beiden leben bei ihrer Mutter, verbringen jedoch die Wochenenden und die Schulferien bei uns. Zu heiraten war eine gemeinsame Entscheidung aufgrund praktischer Erwägungen, die die Kinder und unsere Finanzen betrafen, und trotzdem gelang Vidir ein total romantischer, unvergesslicher Heiratsantrag. Und obwohl ihm aus verständlichen Gründen nicht ganz wohl ist bei dem Gedanken an meine Reise, unterstützt er mich in jeder Hinsicht. Als wir uns kennenlernten, war ich gerade dabei, mein erstes Buch zu schreiben, und er musste sich tagelang meine Tiraden über sexuelle Gewalt anhören. Niemand kann besser ermessen als er, was diese Reise für mich bedeutet.
Wir arbeiten beide viel und hatten allgemein viel Stress, so dass die Zeit kurz vor der Reise besonders knapp war. Also haben wir weniger darüber diskutiert, als uns lieb war. Andererseits habe ich das Gefühl, dass wir auch dann nicht wirklich vorbereitet gewesen wären, wenn wir bis zum Umfallen darüber geredet hätten.
»Ruf deine Mails ab«, sage ich, als er ans Telefon geht. »Ich hab dir grade was geschickt.«
Die sorgenvollen Seufzer noch im Ohr, die er in letzter Zeit immer wieder ausgestoßen hat, hoffe ich, dass es ihn ein bisschen beruhigt, wenn er sich vorstellen kann, wie es da aussieht, wo ich mich gerade in Südafrika aufhalte. Ich höre, wie er seinen Computer hochfährt und die E-Mail öffnet, in der ich ihm die Adresse meines Hotels geschickt habe. Gemeinsam erwandern wir Kapstadt auf Google Earth. Ich zeige ihm, wie gut die Sicherheitsbedingungen in dem Viertel sind, wo ich abgestiegen bin, obwohl ich ihm alles bereits ausführlich gleich nach der Buchung beschrieben hatte. »Kuck mal«, sage ich, »an jeder Ecke Sicherheitskameras und Mauern mit Stacheldraht rund um alle Hotels.«
Stille in der Leitung. Dann sagt er leise: »Stell dir mal vor, was für Schrecken die Leute zu solchen Maßnahmen treiben.«
Ich zucke bei seinen Worten zusammen, aber ich gebe mich tapfer. Zu meiner Erleichterung spielt Vidir mit. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er mir nicht die neuesten Nachrichten über die siebzehnjährige Anene Booysen unter die Nase reibt, die in einem Dorf in der Nähe von Kapstadt von mehreren Männern vergewaltigt und anschließend ausgeweidet wurde. Möge sie in Frieden ruhen.
»Setz dich keinen Gefahren aus, mein Schatz«, sagt er. Die Ironie scheint ihm sofort aufzufallen, denn er fügt hinzu: »Ich meine, setz dich nicht unnötig Gefahren aus. Fahr nur mit registrierten Taxis. Und … komm heil wieder nach Hause.«
Ich schließe die Augen und lege all meine Liebe zu Vidir und Haflidi in ein einziges Wort: »Versprochen.«
Nachdem ich am Osloer Flughafen stundenlang herumgesessen habe, strecke ich mich ausgiebig und entschließe mich, mir einen Drink zu genehmigen. Ohne nachzudenken, kaufe ich mir im Duty-free-Shop ein Sixpack Bier. Zwar habe ich nicht vor, mehr als eins davon zu trinken, aber insgeheim bereitet es mir eine diebische Freude, dass mich das Sixpack weniger gekostet hat als ein einziger Drink in einer Kneipe in Reykjavík. Aber dann wird’s kompliziert: Wo kann ich mich entspannen und mein Bier genießen? Der Wartebereich voller Familien mit Kindern und stillenden Müttern ist jedenfalls nicht der richtige Ort. Ich laufe mehrmals im Kreis herum und bin nach kurzer Zeit restlos frustriert. Warum habe ich nicht einfach eine Flughafenbar aufgesucht wie jeder zivilisierte Mensch?
Zehn Minuten später hocke ich in einer Kabine der Damentoilette, meinen Laptop auf dem Schoß und eine Dose Bier in der Hand. So unfähig bin ich mir schon lange nicht mehr vorgekommen. Um zu tippen, muss ich die Bierdose auf einem Waschbecken abstellen, dessen Sensor durch die Bewegung jedes Mal den Wasserhahn aufdreht, was mich erschreckt. Trotzdem muss ich über mich selbst grinsen. Ich mache eine mentale Aufnahme von der vollkommen lächerlichen Situation und speichere sie ab.
Froh über das kostenlose WLAN lese ich noch einmal in einem Reiseforum für Südafrika die Liste mit den Sicherheitsempfehlungen durch. Tragen Sie Ihre Wertsachen nicht öffentlich zur Schau. Meiden Sie menschenleere Straßen und Plätze nach Einbruch der Dunkelheit. Lassen Sie kein Getränk unbeobachtet stehen. Kein Problem, diese Regeln beherzige ich, seit ich denken kann. Die Ironie meiner Situation ist überwältigend, und ich lehne mich an die Wand, als mir klar wird, dass dieses lebenslange Training mir in einem Land zugutekommen wird, das für die dort herrschende sexuelle Gewalt bekannt ist und in das ich reise, um mich mit dem Mann zu treffen, der mich vergewaltigt hat.
Ich stelle das Bier wieder auf dem Waschbecken ab und bekomme einen Mordsschrecken, als augenblicklich lautstark Wasser aus dem Hahn schießt. Nachdem mein Puls sich wieder beruhigt hat, öffne ich in meinem Laptop den Ordner mit den E-Mails, die wir uns in den letzten acht Jahren geschrieben haben. Was weiß ich überhaupt über sein Leben? Da ich nie vorhatte, seine Brieffreundin zu werden, habe ich den Rahmen für unseren Briefwechsel von vornherein sehr eng gesteckt. Er sollte sich einzig und allein mit jener schicksalhaften Nacht beschäftigen, in der Hoffnung, durch die Analyse unserer Vergangenheit zu einem besseren Verständnis unserer Gegenwart zu gelangen. Ich weiß also nur wenig über sein Leben, und er weiß so gut wie nichts über meins. Einmal hat er erwähnt, dass er Sozialarbeit oder so etwas Ähnliches studiert hat. Ich weiß, dass er ein Naturfreak ist – von der Sorte, die die Herausforderung sucht, beim Bergsteigen zum Beispiel oder auf langen Wanderungen durch die Wildnis. Wie er wohl drauf sein wird? Um meine Nerven zu beruhigen, suche ich Antworten in einer seiner Mails:
Ich mag mich selbst immer noch nicht. Ich mag mein Leben, aber nicht meinen Körper. Mir gefällt, was ich tue, aber ich verabscheue, was ich getan habe. Ich belohne mich für harte Arbeit, und dann bestrafe ich mich mit Alkohol und Zigaretten. Fragt mich jemand: »Wie geht’s dir?«, antworte ich meistens wie aus der Pistole geschossen: »Wenn ich zwei Schwänze hätte, würde ich mit beiden wedeln.« Ich weiß, dass ich der größte Glückspilz bin, den ich kenne. Ich wohne in der reichsten Stadt der Welt, ich habe einen makellos weißen Sandstrand praktisch vor der Haustür, ich bin gesund, nicht hässlich (zumindest nach westlichen Standards), jung, bin Single, verstehe mich gut mit meiner Familie und habe tolle Freunde, die mich in allem unterstützen, was ich tue, und die große Stücke auf mich halten. Letzte Woche bin ich mit Delfinen und Seehunden geschwommen … Ich könnte noch mehr aufzählen. An manchen Tagen höre ich Musik und fahre mit dem Skateboard zur Arbeit und bin einfach nur glücklich. An anderen Tagen sitze ich auf der Veranda, trinke Kaffee und ergehe mich in Selbstvorwürfen.
Ich arbeite als Sozialarbeiter in einer Drogenreha für Jugendliche. Ich habe mir viel und lange den Kopf darüber zerbrochen, warum ich mich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden habe, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass weder unterdrückte Schuldgefühle noch die Hoffnung auf Vergebung mich dazu bringen, jungen Menschen in Not zu helfen. Ich weiß nicht, wie ich mit Worten beschreiben soll, was ich erlebt habe. Manches, was diese Jugendlichen mir anvertraut haben … ist einfach unfassbar. Selbstverstümmelung, psychische Erkrankungen, Selbstmordgedanken, Drogenmissbrauch ohne Ende. Was mich am meisten erschüttert hat, nein, was mich umgehauen hat, war eine junge Frau, die vor meinen Augen ihr T-Shirt verbrannt hat. In dem T-Shirt war sie vergewaltigt worden. Sie bat mich um ein Feuerzeug. Ich habe ihr zugesehen. Anschließend bin ich in mein Büro gegangen – und in Tränen ausgebrochen.
Du hast mich gefragt, wie ich mit dem Wissen um das lebe, was ich dir angetan habe. Ich glaube, ich habe mein Bestes getan, mich davon zu lösen. Es ist mir nicht gelungen. Der Beweis dafür sind meine gelegentlichen Alkoholexzesse und die Tatsache, dass ich es nie lange an einem Ort aushalte. Auch meine Beziehungen sind immer kurzlebig geblieben. Die längste Zeit, die ich mit einer Frau zusammengelebt habe, waren zwei Monate.
Dunkle Geheimnisse sind keine gute Voraussetzung für eine liebevolle, vertrauensvolle Beziehung, denke ich, während ich mir im Spiegel der Toilette in die Augen sehe. Wer wüsste das besser als ich.
Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas wirklich losgelassen habe. Manchmal gelingt es mir zu vergessen, und manchmal bin ich auch stolz auf mich, aber ich weiß, dass ich noch immer dieses Label verdiene, das ich mir selbst auf den Rücken geklebt habe. Ich empfinde mich selbst als »gezeichnet«, ja. Als jemanden, der einer Frau etwas Schreckliches angetan hat, von der er erst später festgestellt hat, dass er sie geliebt hat.
Geliebt.
Ich schließe die Augen, und er ist sofort wieder da, der kalte Wintertag in Reykjavík vor sechzehn Jahren, wenige Tage vor der Nacht, die alles verändern sollte. Meine Hand in seiner Hand. Herzklopfen. Ich ein schüchternes junges Mädchen. Ich lächle. »Warum ich?«, frage ich. »Warum hast du mich ausgesucht?«
Ich wollte nur ein Kompliment hören. So gut, wie er aussah, mit seinem exotischen Akzent und seinem weltmännischen Auftreten hätte er fast jede an unserer Schule haben können.
Er sagte: »Es war mir in dem Moment klar, als ich dich das erste Mal gesehen habe. Du hattest einen roten Pullover an. Einer Blondine in Rot kann ich einfach nicht widerstehen.«
Ich öffne die Augen und betrachte meine knallrote Jacke. Jahrelang habe ich die Farbe Rot gemieden. Ich nehme das Bier und proste mir im Spiegel zu, während schon wieder das Wasser aus dem Hahn schießt. Die Farbe der Leidenschaft, des Bluts und des Feuers: auf die Rückeroberung.
