Ich will in den Himmel oder als glückliche Kuh wiedergeboren werden - Jürgen Schmieder - E-Book
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Ich will in den Himmel oder als glückliche Kuh wiedergeboren werden E-Book

Jürgen Schmieder

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Beschreibung

Die Religionen auf dem Prüfstand: Jürgen Schmieder auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Nach seinem Selbstversuch mit der Ehrlichkeit, dessen Ergebnisse er in dem Besteller »Du sollst nicht lügen!« beschrieben hat, bleiben für Jürgen Schmieder weitere existentielle Fragen offen. Sie münden in die alles entscheidende Suche nach dem Sinn des Lebens und die Frage, wie ein Mensch sein Leben gestalten muss, um Erlösung zu erfahren. Auf diese Frage bieten die Religionen dieser Welt ihre Antworten feil. Jürgen Schmieder hat sie durch eigenes Erleben geprüft : ernsthaft, ohne Vorurteile und mit Respekt. Er ist um die Welt gereist und hat sich für eine Weile in das jeweilige religiöse Leben eingefügt. Er wurde auf den Philippinen Zeuge eines Exorzismus’, er suchte in China nach Konfuzius und traf sich in München mit einem Sektenboss. Auf dieser Reise fühlt auch der Leser sich in fremde Glaubensformen ein und versteht, wie überheblich der Anspruch eines alleinseligmachenden Glaubens ist.

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Jürgen Schmieder

Ich will in den Himmel

oder als glückliche Kuhwiedergeboren werden

Vom demütigen Versuch, ein religiöser Mensch zu werden

Mit Illustrationen von Hanni Schmieder

C. Bertelsmann

1. Auflage

© 2011 by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

© Jürgen Schmieder, vertreten durch die Literarische Agentur Michael Gaeb

Umschlaggestaltung: R·M·E Roland Eschlbeck

und Rosemarie Kreuzer

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-05577-6

www.cbertelsmann.de

Prolog

Die junge Frau brüllt, als würde ihr jemand fünf Liter kochendes Öl über den nackten Körper kippen. Sie krümmt sich, sie reißt Arme und Beine nach oben, es braucht vier kräftige Männer, um sie festzuhalten. Ich habe kurzzeitig das Gefühl, der Zähmung eines wild gewordenen Bullen beizuwohnen. Dabei ist der Körper der Frau eher mit dem einer unterernährten Gazelle zu vergleichen. Sie schreit, und ich muss zugeben, noch nie im Leben ein derartiges Geräusch gehört zu haben, das von einem Menschen erzeugt wird. Ich spüre, dass sich auf der Haut meines Unterarms kleine Hügelchen bilden, dass meine Finger zittern und dass mein Unterkiefer bebt.

Dabei wird doch nur Weihwasser auf die Frau geträufelt.

Ich bin in der Kirche von Nawaan, einem kleinen Dorf auf der philippinischen Insel Mindanao. Meine Schwiegermutter ist in diesem Ort aufgewachsen, meine Frau und ich wurden in dieser Kirche getraut, nachdem sie auf einer Wasserbüffel-Blumenkutsche vom Strand zum Eingang gebracht wurde.

Heute findet in dieser Kirche keine Trauung statt. Das Gebäude ist alt und baufällig, aber dermaßen kitschig eingerichtet, dass man zwangsläufig an die Kirche im »Romeo & Julia«-Remake mit Leonardo DiCaprio denken muss. Wenn es still ist, was nur selten der Fall ist, kann man die Wellen des Pazifischen Ozeans hören. Es riecht nach frischem Thunfisch, gegrilltem Schwein und Kokosnussmilch. Die Menschen tragen trotz Temperaturen von mehr als vierzig Grad lange schwarze Hosen und den Barong, das traditionelle philippinische Oberhemd mit feiner Stickerei.

Zu Beginn des Gottesdienstes begrüßt der Priester der Iglesia Filipina Independente die Besucher. Er spricht ein Gebet, dann nimmt er ein Kreuz in die Hand und schaut zum Eingang. Dort knien fünfzehn Männer, ihr Blick ist zur Decke gerichtet, ihre Hände sind es ebenfalls. Sie sehen traurig aus, fast verzweifelt, einige weinen. Dann rutschen sie die fünfundzwanzig Meter lange Strecke auf Knien und reden dabei wild durcheinander. Wegen meiner mangelnden Kenntnisse des philippinischen Dialekts Visayan kann ich nicht verstehen, was sie sagen, aber meine Schwiegermutter versichert mir, dass sie gerade um Vergebung ihrer Sünden bitten.

Aufgrund meiner römisch-katholischen Erziehung bin ich es gewöhnt, dass es, um Absolution zu erlangen, genügt, seine Sünden zu bereuen, sie in einer Holzkabine einem Geistlichen zu beichten, Besserung zu geloben und anschließend zu beten – wobei es mir stets schleierhaft war, warum ausgerechnet ein Ave-Maria oder ein Paternoster als Buße oder gar Strafe empfunden wird, wo doch das Gebet eine positive Erfahrung sein soll. Ich habe deshalb meistens nach der Beichte auf die vom Priester aufgetragenen Gebete verzichtet und lieber versucht, Gott den Grund für meine Taten zu erklären, was mir allerdings nur in den seltensten Fällen gelingen wollte. Auf Knien gerutscht bin ich nie.

In der Iglesia Filipina Independente, der Unabhängigen Philippinischen Kirche, gibt es drastischere Maßnahmen, wenn es um Buße und Vergebung geht. In einigen philippinischen Gemeinden lassen sich Männer ans Kreuz schlagen, in anderen gibt es einen Mann mit angeblich besonderen Kräften, er geißelt sich und schlägt sich mit einem Sack voller Rasierklingen, um seine Heilkraft nicht zu verlieren. »Glaube wird auf den Philippinen intensiver gelebt«, sagt mein Schwiegervater. Der philippinische Bischof Camilo Diel hat ihn vor mehr als zwanzig Jahren von einem schweren Rückenleiden kuriert – ohne dass der Geistliche vorher wusste, dass mein Schwiegervater überhaupt ein Rückenleiden gehabt hatte.

Mein Schwiegervater ist ein intelligenter und rationaler Mensch, er recherchiert vor dem Kauf einer neuen Kamera tagelang im Internet, bevor er eine Entscheidung trifft. Er ist neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen, aber skeptisch genug, um nicht alles zu glauben. Er stand den Methoden des Bischofs lange kritisch gegenüber, weil es keine wissenschaftliche Begründung oder gar einen Beweis dafür gibt, dass sie funktionieren. Als er aber die Heilung am eigenen Leib erfahren hatte, musste er eingestehen, dass da irgendetwas passiert sein musste.

Die Iglesia Filipina Independente war im Jahr 1902 vom Priester und Freiheitskämpfer Gregorio Aglipay y Labayan gegründet worden, um sich von der spanisch dominierten katholischen Amtskirche abzugrenzen. Sie lehnt die Autorität des Papstes ebenso ab wie das Zölibat – und bis 1947 auch den Glauben an die Trinität. Seit 1960 steht sie in enger Verbindung mit der episkopalen Kirche der Vereinigten Staaten und ist mit drei Millionen Mitgliedern nach der römisch-katholischen Kirche die zweitgrößte christliche Vereinigung auf den Philippinen.

Während der Fastenzeit spielen die Bewohner des Dorfes die Geschichte Jesu nach, in den Häusern werden Altäre aufgebaut, es gibt die Bergpredigt ebenso wie das letzte Abendmahl und den Kreuzweg. Mein Schwiegeronkel Toto übernimmt während dieser Zeit seit Jahren die Rolle des Apostels Bartholomäus. Er trägt stets eine Flasche Weihwasser in der Hosentasche und zieht sie immer dann hervor, wenn jemand in seiner Familie ein Problem hat. Als wir ihn einmal holten, um unseren Bungalow von einem überdimensionalen Käfer zu befreien, spritzte Onkel Toto Weihwasser in das Zimmer und sprach ein Gebet, weil er dachte, wir hätten einen bösen Geist ausgemacht und kein harmloses Insekt. Das Weihwasser hilft seiner Meinung nach gegen Geister genauso gut wie gegen Magenschmerzen – und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass mein Sonnenbrand inklusive aller Blasen, die sich gebildet hatten, innerhalb weniger Stunden durch Totos Wasser auf wundersame Weise verschwunden war.

Ich hielt die Geschichte von der Heilung meines Schwiegervaters stets für eine Anekdote, die Opas ihren Enkeln erzählen, um sie zu beeindrucken, und auch das Verschwinden meines Sonnenbrands erklärte ich mir lieber mit der reinen Luft auf den Philippinen als mit dem Weihwasser – bis zu dem Moment, als diese junge Frau in die Kirche gebracht wurde.

»Sie ist krank und von einem bösen Geist befallen«, erklärt mir in diesem Moment meine Schwiegermutter. Ich hätte einen solchen Satz normalerweise als Worte einer Frau abgetan, die einem Touristen einen kleinen Schrecken einjagen möchte, doch sie sagt ihn mit einer Ruhe und Überzeugung, wie ich einem anderen Menschen mitteile, dass ich mir einen Schnupfen eingefangen habe.

Dann höre ich die Schreie der Frau. Ich höre keine Wellen mehr, keinen Gesang und auch nicht die verzweifelten Rufe der Männer, die jetzt vor dem Altar knien und um Vergebung ihrer Sünden bitten.

Im Gegensatz zu mir scheinen die anderen Besucher keine Gänsehaut zu haben, sie sehen den Vorgängen am Altar unaufgeregt zu – so, als würde da vorne ein Arzt einem kranken Menschen ein Grippemittel verabreichen. Dabei findet hier doch etwas Ungewöhnliches, etwas Unerklärliches statt.

Was in dieser Kirche gerade durchgeführt wird, ist ein Exorzismus.

Zum ersten Mal überkommt mich bei meinem Projekt, das mich nun bereits seit vielen Jahren beschäftigt und bei dem ich dachte, schon viele Dinge erlebt zu haben, der Eindruck, einen Schritt zu weit gegangen und damit genau auf dem richtigen Weg zu sein.

Kapitel 1

Ich will, dass Gott mich mag!

»Gott hasst mich!«

Ich weiß das, weil ich mich auch hassen würde, wenn ich Gott wäre. Ich vereine in verschiedenen Abstufungen alle sieben schlechten Charaktereigenschaften der klassischen Theologie in mir, zumindest behaupten das meine Frau und meine Freunde: Arroganz, Habsucht, Wollust, Zorn, Neid, Faulheit und Völlerei. Gott muss mich für einen ziemlich schlechten Menschen halten. Von den besonders schwerwiegenden Sünden Mord, Ehebruch und Glaubensabfall habe ich zwar erst eine begangen, die aber in einer Konsequenz und Häufigkeit, dass es Gott nicht gefallen kann.

Mein Freund Joey trägt am linken Handgelenk ein rotes Armband, auf dem die Buchstaben W.W.J.D. eingestickt sind. Es bedeutet »What would Jesus do?« und soll ihn stets ermutigen, sich bei all seinen Entscheidungen zu überlegen, wie Jesus wohl gehandelt hätte, und seine Taten dementsprechend anzupassen. Komischerweise lassen sich viele meiner Entscheidungen bislang leichter zusammenfassen mit dem Satz: »Was würde Jesus NICHT tun?«

Sollten Sie nun denken, dass es sich bei mir um ein außergewöhnlich schlechtes Exemplar der Spezies Mensch handelt, so möchte ich Ihnen nahelegen, darüber nachzudenken, ob Sie sich selbst bei realistischer und objektiver Einschätzung Ihrer bisherigen Zeit auf Erden eher für den Himmel oder für die Hölle qualifizieren würden. Ich jedenfalls bin – mit Ausnahme meiner Mutter – bislang nur Menschen begegnet, die sich zumindest hin und wieder einigen der sieben Hauptlaster hingeben. Das lässt mich grundsätzlich zu dem Schluss kommen, dass, wenn meine Mutter nicht in den Himmel kommen sollte, die meisten Menschen kaum eine Chance auf Erlösung haben.

Fast alle Menschen haben mindestens eine schlechte Charaktereigenschaft, die meisten sogar mehrere. Folglich dürfte Gott uns alle nicht besonders gut leiden können. Ich könnte verstehen, wenn er vor langer Zeit das Interesse an unserer Welt verloren hätte und sich nun lieber um Planeten kümmern würde, deren Einwohner nicht so verdorben sind wie wir.

Wenn man morgens die Zeitung liest oder abends den Fernseher einschaltet, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass es sich bei den Menschen um einen Haufen wild gewordener Verrückter handelt, die nichts Besseres zu tun haben, als sich selbst, andere Lebewesen und über kurz oder lang die Erde kaputt zu machen. Man liest von Vergewaltigungen, Morden und Amokläufen, im Fernsehen sieht man Bilder von Prügeleien, Schießereien und Kriegen. Man hört Berichte von Menschen, die sich gegenseitig belügen und betrügen. Selbst im eigenen Umfeld muss man mit ansehen, wie sich Menschen nach zwanzig Jahren Ehe scheiden lassen und von nun an hassen. Wie Freunde zu Feinden werden oder sich mit Drogen vollstopfen – und wie Bekannte, die man eigentlich für ausgeglichene und zuvorkommende Menschen gehalten hat, plötzlich anfangen, ihre Frauen zu schlagen.

Am Tag vor meiner Hochzeit auf den Philippinen wurde im Fluss die Leiche eines katholischen Mannes gefunden, dessen einziges Vergehen es war, an den falschen Gott zu glauben. Wie kann dem »richtigen« Gott so etwas gefallen?

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss ich sagen, dass ich gerade von dem Gott spreche, von dem meine Eltern mir eingetrichtert haben, dass ich an ihn glauben müsse, wenn ich eine Chance haben wolle, nach meinem Tod keine Höllenqualen zu erleiden. Mir wurde während meiner Kindheit der römisch-katholische Gott als der einzig wahre vorgestellt und die römisch-katholische Konfession als die einzige, bei der sich eine Mitgliedschaft lohne. Mein Vater trichterte mir zwar auch ein, dass der 1. FC Nürnberg der einzig wahre Fußballverein sei, doch gab er mir die Gelegenheit, im Laufe meiner Sozialisierung andere Vereine ohne Vorurteile kennenzulernen, weshalb ich irgendwann einmal Anhänger von Werder Bremen wurde. Ob sich mein Leben dadurch verbessert hat, lasse ich jetzt einmal dahingestellt.

Bei den Religionen war das nicht so. Wenn mir überhaupt eine andere Glaubensgemeinschaft vorgestellt wurde, dann in derart despektierlicher Art und Weise, dass ich bis ins Teenageralter keine andere Wahl hatte, als den Katholizismus als meine Religion zu akzeptieren. Ich war fest davon überzeugt, es sei der Sinn meines Lebens, dieses so zu gestalten, dass ich nach dem Tod die Ewigkeit an der Seite Gottes verbringen darf.

Wenn ich ehrlich bin, bin ich von einem Platz an der Seite des katholischen Gottes so weit entfernt wie der 1. FC Nürnberg vom Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mein bisheriges Leben ist bislang vielmehr ein Bewerbungsschreiben für einen Job in der Hölle – und ich spreche hier nicht von einer Arbeit, bei der man Schwefel besorgt oder Kohlen für das Höllenfeuer schippt. Derzeit sehe ich mich eher im mittleren Management bei Beelzebub.

Das ist ziemlich traurig, weil ich eigentlich gerne ein netter Mensch wäre mit guten Chancen auf einen Platz im Himmel.

Deshalb habe ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich will, dass Gott mich mag! Ich möchte nicht nur, dass der Gott der römisch-katholischen Kirche mich mag, sondern auch alle Götter, die es da so geben könnte. Hätte ich vor hundert Jahren gelebt, so hätte ich nie einen anderen Glauben kennengelernt und blind dem vertraut, was die katholische Kirche mir eintrichterte. Nun aber leben wir in einer Welt, in der ein Mensch die Möglichkeit hat, verschiedene Glaubensrichtungen kennenzulernen und unterschiedliche Formen von Gottheit.

Ich möchte ein glückliches Leben führen, und ich möchte, dass ich all jenen zu einem glücklicheren Leben verhelfe, bei denen es mir möglich ist.

Der technologische Fortschritt ermöglicht es vielen von uns, mit dieser riesigen Welt in Verbindung zu bleiben und jede Religion kennenzulernen. Ich kann innerhalb von dreißig Stunden an fast jedem bevölkerten Ort dieses Planeten sein, ich kann über das Internet live mit unseren Freunden in New York oder Johannesburg oder Manila kommunizieren. Das führt dazu, dass die Menschen heutzutage vor allem in der westlichen Welt unabhängiger sind als jemals zuvor. Wir brauchen unsere Nachbarn nicht mehr zum Überleben, und deshalb ist es nicht lebensnotwendig, dass sie uns mögen. Jeder hat seine eigene Wohnung, seinen Fernseher, seinen Computer mit Internetanschluss, sein Auto.

Die meisten technologischen Fortschritte sind großartig, sie lassen das Leben weniger mühsam erscheinen und ermöglichen uns, wunderbare Dinge zu tun. Jeden Tag finden Wissenschaftler neue Dinge heraus, erklären uns die Welt und versichern uns dabei, dass das, was wir gestern für wahr gehalten haben, kompletter Unsinn ist – wobei das, was Wissenschaftler uns da jeden Tag präsentieren, nicht unbedingt die Wahrheit ist, sondern nur ein kleines Stück Wirklichkeit.

Für viele von uns wird die Welt jedoch nicht verständlicher oder kleiner, sondern immer unübersichtlicher und umständlicher. Wir schließen tagsüber einen Vertrag mit einem Kollegen in New York, wir chatten nachts mit unserer Freundin in Barcelona – und wissen nicht einmal, wie der Typ in der Wohnung gegenüber mit Vornamen heißt. Wir sind heutzutage weniger von unserem Nachbarn abhängig als vielmehr von unserer Arbeit, die uns Einkommen und damit Unabhängigkeit sichert.

Unabhängigkeit führt zu Freiheit, das ist der allgemeine Konsens. Grenzenlose Freiheit ist für viele Menschen das erstrebenswerteste Ziel im Leben. Nur kann das auch zu grenzenlosem Egoismus führen, wie der Dalai-Lama in seinem schönen Werk Das Buch der Menschlichkeit festhält: »Da andere für mein Glück unmaßgeblich sind, ist auch das Glück anderer für mich unmaßgeblich.«

Der Kampf, den wir deshalb im 21. Jahrhundert zu führen haben, liegt vielleicht weniger in der Entdeckung neuer Kontinente, Planeten oder Teilchen, obwohl das unglaublich interessant ist. Er liegt auch nicht unbedingt in der Bewältigung von großen Krisen, obwohl das leider immer wieder nötig ist. Ich glaube, dass der Kampf des einzelnen modernen Menschen vor allem ein spiritueller ist, der sich in zwei Fragen zusammenfassen lässt:

1. »Wie werde ich in diesem Leben glücklich?«

2. »Sollte das Ende dieses Lebens nicht das Ende bedeuten: Wie schaffe ich es, auch danach noch glücklich zu sein?«

Ich glaube jetzt, am Beginn meines Projekts über Glaube, Spiritualität und Erlösung, dass es auf diese naiven und einfachen Fragen auch naive und einfache Antworten gibt. Auf die erste Frage würde ich antworten: »Wenn ein möglichst hoher Prozentsatz derer, die mich kennen, mich auch mag.« Und auf die zweite: »Wenn der, der darüber bestimmt, was nach dem Ende dieses Lebens mit mir passiert, mich mag.« Im Moment finde ich meine beiden Antworten allerdings ein wenig unbefriedigend.

Ich will aber nicht nur, dass Gott mich mag, denn meine Eltern haben mir beigebracht, dass zumindest der Gott der katholischen Kirche grundsätzlich alle Menschen liebt – also zunächst einmal auch jene, welche später mal Kinder missbrauchen, Gebäude in die Luft sprengen und Kriege beginnen. Der Autor George Carlin hat darüber einmal geschrieben: »Die Religion hat die Menschen überzeugt, dass im Himmel ein unsichtbarer Mann wohnt, der alles sieht, was man tut – jeden Tag, jede Minute. Dieser unsichtbare Mann hat eine Liste von zehn Dingen, die man nicht tun soll. Wenn man aber doch eines dieser zehn Dinge tut, dann hat er einen besonderen Ort mit Feuer und Rauch und Flammen und Folter und Angst. Dorthin schickt er einen, damit man für immer dort lebt und leidet und brennt und erstickt und schreit und weint, bis ans Ende der Zeiten … Aber Er liebt dich!«

Gott liebt alle Menschen, er lässt aber nur die in sein Himmelreich, die er auch mag. Also muss ich versuchen, dass er mich liebt und mag, denn von Feuer und Rauch und Flammen und Folter und Angst halte ich nur sehr wenig.

Wenn ich einmal sterbe – und ich habe kürzlich nicht ohne Erschrecken festgestellt, dass ich mit ziemlicher Sicherheit einmal sterben werde und dass die ersten Anzeichen für den Verfall meines Körpers deutlich zu erkennen sind –, dann soll mich Gott ansehen und sagen: »Mein Freund, du warst ein süßes und liebes Kind, in der Mitte deines Lebens bist du ein ziemlicher Vollidiot geworden – aber du hast irgendwann die Kurve gekriegt und ein Leben geführt, wie ich mir das vorstelle.« Das kann doch nicht so schwer sein.

Der erste Schritt: Ich muss an etwas glauben. Das ist mir in den vergangenen Jahren wahrlich nicht immer leichtgefallen, weshalb meine schwerwiegende Sünde der Glaubensabfall ist. Ich bin kein Atheist, aber ich zähle mich zu den Agnostikern. Die Existenz eines Gottes ist meiner Meinung nach weder beweisbar noch widerlegbar. Ich finde die Wette des französischen Philosophen Blaise Pascal spannend – nicht nur deshalb, weil ich gerne am Pokertisch sitze und die Wahrscheinlichkeiten berechne, ein gutes Blatt zu bekommen.

Pascal behauptete schon im 17. Jahrhundert, es sei besser, an Gott zu glauben, weil der zu erwartende Gewinn höher sei als der Erwartungswert im Falle des Unglaubens. Es ging Pascal bei seiner Behauptung mitnichten darum, einen Beweis für die Existenz Gottes zu liefern. Er zeigte nur plastisch, was den Menschen nach dem Tod erwarten könnte und wie Belohnung oder Bestrafung ausfallen könnten. Der Gläubige, so die Meinung Pascals, werde Erlösung erfahren, wenn Gott tatsächlich existiert. Sollte es keinen Gott geben, dann hat er nichts verloren, weil seine Existenz wie die aller anderen mit dem Tod endet. Der Ungläubige dagegen hat nichts davon, wenn es keinen Gott gibt, weil auch seine Existenz mit dem Tod endet und er nicht einmal vor die Gläubigen treten und feststellen darf, dass er es doch die ganze Zeit gewusst habe. Sollte es Gott jedoch geben, dann hat der Ungläubige laut Pascal ein Problem.

Die Pascal’sche Wette

Was der Mensch glaubt

Realität

Erwartetes Ergebnis

Gott existiert

Gott existiert

+

Gott existiert

Gott existiert nicht

o

Gott existiert nicht

Gott existiert nicht

o

Gott existiert nicht

Gott existiert

Freilich musste Pascal Kritik einstecken für seine Theorie, die heute als die »Pascal’sche Wette« bekannt ist. Seine Wette wurde entlarvt als Versuch, zweifelnde Menschen mit einer logisch anmutenden Formel dazu zu bringen, an den christlichen Gott zu glauben. Ihm wurde vorgeworfen, allzu oberflächlich zu argumentieren und viele Unabwägbarkeiten zu vernachlässigen. Was etwa würde passieren, wenn es zwar einen Gott gibt, er aber gar nicht will, dass die Menschen an ihn glauben? Oder wenn es Gott egal wäre, ob der Mensch an ihn glaubt, solange er sich korrekt verhält?

Blaise Pascal war gläubiger Christ. Es war weniger eine wissenschaftliche Erkenntnis, die er da ablieferte, als vielmehr eine gewiefte Marketingstrategie für seinen Glauben.

Anders als viele Gottesbeweise hat die Pascal’sche Wette den Test der Zeit bestanden, eben weil es sich nicht um einen Beweis handelt, der von einem Gegenbeweis torpediert werden oder als wissenschaftlicher Nonsens abgetan werden könnte. Es ist ein Angebot an den Menschen, eben weil sich Gott nicht beweisen lässt – und es ist ein höchst verlockendes Angebot. Ich habe bei meinen Recherchen herausgefunden, dass nicht wenige Menschen auch im 21. Jahrhundert ihren Glauben mit der Pascal’schen Wette begründen – vor allem dann, wenn sie in Diskussionen mit Atheisten damit konfrontiert werden, dass die Wahrscheinlichkeit für Gottes Existenz doch arg gering sei. Gegen das Wahrscheinlichkeitsargument führen sie die Wette ins Feld und legen dar, dass der zu erwartende Gewinn – also die Erlösung – derart hoch sei, dass sich der Glaube auch dann lohnen würde, wenn die Aussicht auf Erfolg geradezu grotesk gering sei. Der zu erbringende Einsatz sind natürlich nicht nur der Glaube an eine Gottheit und der Verzicht auf Todsünden und ungebührliches Verhalten, sondern je nach Religion auch richtig viel Geld. Aber was sind schon achtzigtausend Euro Kirchensteuer während des irdischen Lebens für ewige Glückseligkeit?

Es ist besser, an Gott zu glauben und herauszufinden, dass es ihn nicht gibt, als nicht an Gott zu glauben und herauszufinden, dass es ihn gibt.

So lautet der Satz der Pascal’schen Wette – und ich habe ihn mittlerweile auf Deutsch gehört, auf Englisch, auf Chinesisch, auf Französisch, auf Tagalog, auf Visayan, auf Spanisch, auf Koreanisch und auf Persisch, unabhängig voneinander ausgesprochen von Menschen unterschiedlicher Religionen.

Der wohl wichtigste Einwurf meinerseits wäre indes: Was passiert mit einem Menschen, der an den christlichen Gott glaubt und bei seinem Tod feststellt, dass er sich geirrt hat, weil der jüdische Gott der richtige ist? Oder einer der vielen Götter, an welche Hindus glauben? Hat der Anhänger des christlichen Glaubens auch dann noch eine Chance auf Erlösung – oder warten Feuer und Rauch und Flammen und Folter und Angst auf ihn? Die Frage lautet nicht mehr nur: »Glaubst du an Gott?« Sie lautet vielmehr: »Glaubst du an Gott, und wenn ja: an welchen?«

Menschen treffen häufig Entscheidungen, ohne alle Fakten zu kennen und zu prüfen – und viele unserer Ansichten sind oberflächlich und nicht besonders durchdacht. Grundsätzlich ist daran erst einmal nichts auszusetzen, es kann uns sogar das Leben retten, wie es etwa der amerikanische Neurologe Andrew Newberg in seinem faszinierenden Buch Why God Won’t Go Away beschreibt. Wenn wir nachts im Wald spazieren gehen, plötzlich die Silhouette eines Bären sehen und Gebrüll hören, dann werden wir wohl zuerst einmal losrennen, ohne nachzudenken. Ist es wirklich ein Bär auf der Suche nach einem leckeren Mitternachtssnack, so haben wir instinktiv das Richtige getan. Ist es kein Bär, dann haben wir uns zwar geirrt, aber es ist nicht weiter schlimm. Die Pascal’sche Wette wurde hier auf eine Situation angewandt, die täglich passieren kann, so wir jede Nacht im Wald spazieren gehen.

Newberg zeigt jedoch, dass unser Gehirn noch weiter geht: Wenn der Mensch etwas für wahr hält, dann verbringt er viel Zeit damit, sich selbst davon zu überzeugen, dass es wahr ist. Er sucht nach Beweisen, er vereinfacht – und nicht selten füllt er die leeren Stellen in der logischen Kette so auf, dass sein vorgegebenes Konzept logisch erscheint. Er umgibt sich lieber mit Menschen, die der gleichen Ansicht sind, als mit jenen, die eine andere Überzeugung vertreten.

Im Falle von Religionen sucht der Mensch weniger nach Beweisen, die seinen Glauben widerlegen, als vielmehr nach jenen, die ihn bestätigen. Er umgibt sich lieber mit Menschen, die an denselben Gott glauben und Mitglied derselben Kirche sind. Andersgläubige werden misstrauisch betrachtet, nicht selten werden sie aus der Gemeinschaft ausgestoßen oder gar gewaltsam bekämpft. Die meisten Menschen wählen den Gott, an den sie glauben möchten, nicht rational und nach jahrelanger Suche aus, sondern bleiben bei dem, an den sie seit ihrer Kindheit glauben.

Wer nun meint, dass dieses Verhalten töricht sei, dem sei gesagt: Nicht nur gläubige Menschen agieren so, sondern auch Wissenschaftler. Der brillante Mathematiker Kurt Gödel hat schon 1931 eine Formel erfunden, die zeigt, dass fast jeder wissenschaftliche Beweis auf Voraussetzungen beruht, die falsch sein könnten. Die komplette Formel möchte ich Ihnen ersparen, sie erstreckt sich über mehrere Zeilen. Hier ist nur eine davon:

[k < x1 ˚ T([n]1 + d(k + 2), k, [n] 1 + d(k + 1), x2…xn)]

Ein berühmtes Rätsel, das die meisten von uns schon irgendwann einmal lösen mussten, veranschaulicht Gödels Formel: Sie gehen auf einem Wanderweg, der sich irgendwann einmal gabelt. An der Kreuzung stehen zwei Männer, über ihnen hängt ein Schild, auf dem steht: »Einer der beiden Wege führt in die Sicherheit, der andere ins Verderben. Beide Männer kennen den richtigen Pfad. Nur: Einer der beiden lügt immer, der andere sagt immer die Wahrheit. Sie dürfen nur eine Frage stellen, dann müssen Sie sich entscheiden.«

Die richtige Antwort auf dieses Rätsel ist so einfach wie vertrackt: Man muss irgendeinen der beiden Männer fragen, welchen Weg der andere vorschlagen würde – und dann genau das Gegenteil wählen. Nur dann kommt man ans gewünschte Ziel.

An dieser Stelle führen wir aber nun ein wenig von Gödels Formel ein: Woher wissen wir, dass auf dem Schild über der Weggabelung die Wahrheit steht? Könnte nicht der Lügner die Worte daraufgepinselt haben? Und schon würden wir ins Verderben laufen, weil wir einfach davon ausgegangen sind, dass, wenn da schon ein Schild am Wegrand hängt, darauf auch die Wahrheit stehen muss.

Ähnlich verhält es sich mit unserem Glauben. In westlichen Religionen beginnt es damit, dass Gott die Person ist, die alles erschaffen hat: die Planeten, die Pflanzen, die Tiere und den Menschen. Es gibt zahlreiche Gottesbeweise intelligenter Gläubiger, und noch intelligentere Philosophen veranschaulichen in endlosen Assoziationsketten, dass es einen ersten Beweger, einen Künstler für das Kunstwerk oder eine höhere Ordnung für die faszinierenden weltlichen Naturgesetze geben müsse. Also lohnt es sich, an Gott zu glauben.

Naturwissenschaftler dagegen drehen den Spieß um und liefern Beweise gegen die Theorie der Existenz eines Gottes oder einer höheren Macht: Es gab den Urknall, das Leben entstand und irgendwann der Mensch, in dessen Gehirn sich im Laufe der Zeit eine Idee von Gott festsetzte. Nicht Gott war der Schöpfer des Universums oder des Menschen, sondern der Mensch war der Schöpfer von Gott.

Aber wer hat nun recht? Und was wäre, wenn beide unrecht hätten?

Die Pascal’sche Wette lässt sich erweitern, wenn man sie als Spiel an einem Roulettetisch betrachtet. Die verschiedenen Religionen werden verteilt auf die unterschiedlichen Zahlen, auf die man beim Roulette setzen kann – wobei ich zugeben muss, dass die 36 eine höchst unglückliche Zahl ist, wo doch der geniale Douglas Adams, ein Atheist übrigens, in seinem Buch Per Anhalter durch die Galaxis festgehalten hat, dass die 42 die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest sei. Aber gut, der Erfinder des Roulettes, der übrigens nicht Blaise Pascal war, wie manchmal behauptet wird, hat das Spiel ja auch entwickelt, bevor Adams seinen Roman geschrieben hat.

Zurück zum Roulettetisch: Ich will nicht nur, dass der Gott, den meine Eltern für sich und für mich ausgesucht haben (wobei »ausgesucht« wohl das falsche Wort ist, »eingetrichtert« trifft es wohl eher), mich mag. Ich will, dass jeder Gott mich mag! Allah soll mich genauso für einen feinen Kerl halten, und sollte es keinen personifizierten Gott geben, dann möchte ich zumindest von der höheren Ordnung akzeptiert werden oder ins ewige Tao eingehen. Ich will mir meinen Platz im Himmel, im Nirwana oder zumindest in einer höheren Kaste im nächsten Leben sichern.

Ich will in den Himmel, als glückliche Kuh wiedergeboren werden, den Gott in mir selbst finden oder Erleuchtung erfahren – je nachdem, was nach meinem Tod an positiven Dingen auf mich warten könnte.

Um das zu erreichen, muss ich so leben, dass ich am Roulettetisch nicht nur auf eine Zahl setze, sondern dass ich meinen Chip auch so platziere, dass möglichst viele Kombinationen abgedeckt werden. Allah etwa soll sagen: »Ich habe gesehen, dass du an den Gott der Christen geglaubt hast – das war ein Fehler! Aber du hast so viele Regeln meiner Religion befolgt, dass ich dich gerne in meine Gemeinschaft aufnehme. Ab sofort wird nur noch an mich geglaubt!« So in der Art.

Ich weiß, dass dieses Vorhaben ziemlich gewagt ist, denn über kaum etwas anderes diskutiert die Menschheit heftiger als über die Existenz eines Gottes und darüber, welcher Gott denn nun der richtige sei.

Der Unterschied zu anderen, weltlicheren Debatten ist die Heftigkeit und die mangelnde Fähigkeit, die Ansichten des anderen zu akzeptieren, wenn es um Religion geht. Ich habe noch nicht gehört, dass es zu Massenunruhen gekommen wäre, weil jemand Megan Fox für attraktiver hält als Angelina Jolie, und nach meinen letzten Informationen ist das World Trade Center nicht von Fans der Boston Red Sox zerstört worden, die den Yankees-Fans eins auswischen wollten.

Beim Glauben ist das anders: Die meisten Menschen werden von ihren Eltern in einem bestimmten Glauben erzogen, sie werden direkt nach der Geburt und ohne ihren Willen äußern zu dürfen, Mitglied einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft oder einer Sekte. Dieser Religion bleiben sie entweder bis an ihr Lebensende treu, oder sie wenden sich irgendwann einmal ab. Mehrere Studien haben ergeben, dass die wenigsten Menschen aus spirituellen Gründen den Glauben wechseln. Freilich treten viele aus der Kirche aus – so viele, dass auf deutschen Ämtern das einzige Zimmer, das vorbildlich ausgeschildert ist, das Büro für Kirchenaustritte ist. Laut aktueller Studien konvertieren nur sehr wenige Menschen von einer Religion zu einer anderen – und falls doch, dann nicht aus spirituellen Gründen. Der häufigste Grund für die Konversion ist laut mehreren Untersuchungen der, dass ein eher weniger gläubiger Mensch den strenggläubigen Anhänger einer anderen Religion heiraten möchte und deshalb den Glauben wechselt.

Wir bekommen also von unseren Eltern und unserem Umfeld eine Glaubensrichtung vorgestellt, ohne direkt etwas dagegen tun zu können. Und weil unsere Eltern in unseren ersten Lebensjahren die Rolle zumindest von Halbgöttern einnehmen, glauben wir ihnen so ziemlich alles, was sie uns sagen.

Es scheint bei vielen Menschen eine Alles-oder-nichts-Entscheidung zu sein: Entweder man steht zum Glauben seiner Eltern – oder man tritt aus. Und so kann es sein, dass wir am Ende unseres Lebens ziemlich blöd dastehen, weil es der falsche Gott war, an den unsere Vorfahren geglaubt haben.

Ich fände es doch arg ungerecht, wenn ich die Regeln der einen Religion befolgen würde und dann in genau dem Moment, in dem meine Asche im Indischen Ozean verstreut wird, feststellen müsste, dass ich mich getäuscht habe – und dass ich mich vor allem deshalb getäuscht habe, weil ich meinen Eltern vertraut habe, die ihren Eltern vertraut haben, die ihren Eltern vertraut haben. Es wäre, als hätte man beim Roulette sein ganzes Geld auf eine Dreierreihe gesetzt, im Vertrauen darauf, dass die Eltern einem die richtige Zahl eingeflüstert haben – und dann hüpft die blöde Kugel auf eine andere Zahl. Ganz ehrlich: Wenn ich daran denke, bekomme ich doch ein arg flaues Gefühl in der Magengegend.

Durch meine Recherchen und Selbstversuche möchte ich erreichen, dass ich die anderen Zahlen, auf die ich an diesem Roulettetisch noch setzen kann, klar und deutlich erkenne, weil ich die verschiedenen Religionen endlich näher kennenlerne. Bisher waren sie nur verschwommen wahrzunehmen, bei manchen sah ich lediglich ein schwarzes Loch, in das mein Chip fallen würde, wenn ich ihn auf das Feld legen würde.

In Bezug auf Religionen und Glaubensgemeinschaften muss ich zugeben, ziemlich ungebildet zu sein – so wie die meisten Menschen ziemlich ungebildet sind, wenn es um andere Religionen geht, wie drei unterschiedliche Studien und Umfragen aus den vergangenen Jahren belegen. Ich wäre zum Beispiel keinesfalls in der Lage, auch nur fünfzehn der vierundzwanzig Propheten des Islam zu nennen. Noch.

Das hat freilich mit meiner Erziehung zu tun.

Ich stamme aus einem Ort in der nördlichen Oberpfalz, in dem es keinen Bahnhof gibt, dafür aber einen Kreisverkehr, über dessen Errichtung jahrelang im Stadtrat debattiert wurde. In meinem Heimatort wurde aber noch nie darüber diskutiert, an welchem Platz im Ort eine Moschee errichtet werden könnte, weil noch niemand auf die Idee kam, eine zu bauen. Es gibt auch keine Statue, die an den Holocaust erinnern soll. Die einzige Buddha-Figur, die ich dort jemals gesehen habe, gab es auf dem Gelände meines Fußballvereins, nachdem Klinsmann Trainer beim FC Bayern geworden war.

Ich wurde in einem katholisch geprägten Ort geboren und erzogen, wo religiöser Chauvinismus noch gepflegt wird. Schon Menschen, die der evangelischen Konfession angehörten, waren damals »die anderen«. Die Ausdrücke, mit denen die Mitglieder anderer Religionen bezeichnet wurden, habe ich Gott sei Dank vergessen.

Ich wurde erzogen von einer Mutter, die heute noch sowohl im Pfarrgemeinderat aktiv ist als auch einen Eine-Welt-Laden betreibt, und von einem Vater, der jahrelang in der Kirchenverwaltung tätig war. Hinzu kamen meine Schwester und mein Bruder, der im Alter von sechs Jahren beschlossen hatte, katholischer Priester zu werden, und dieses Vorhaben schließlich auch umsetzte.

In der Grundschule wurde ich von Katholiken unterrichtet, und lange Zeit glaubte ich tatsächlich, dass Protestanten einer anderen Religion und nicht nur einer anderen Konfession angehörten. Wenn im Gymnasium einmal von anderen Glaubensrichtungen die Rede war, war es meist ein katholischer Religionslehrer, der ein wenig despektierlich erklärte, dass Menschen auf anderen Kontinenten etwas anderes glaubten, und erwähnte scheinbar beiläufig die negativen Aspekte dieser Religionen, wie etwa, dass der Hinduismus lebensfeindlich sei, weil ein Yogi sein Meditationsprogramm nicht unterbrechen würde, wenn er am Ufer eines Flusses säße, in dem gerade ein Mensch zu ertrinken drohte. Ehrlich, diesen Satz habe ich gehört.

Eine solche Art der Erziehung ist nicht auf Religionen beschränkt, wie ein einfaches Experiment verdeutlicht:

Die vier Linien

A––––––––––––––

B––––––––––––

C––––––––––––––

D––––––––––––––––

Würde nun jemand fragen, welche der Linien genauso lang ist wie Linie A, so würden die meisten Menschen antworten: »Linie C!« Was aber würde passieren, wenn nun jemand einwenden würde, dass »C« die falsche Antwort sei? Die meisten Menschen, das ergaben zahlreiche Studien in den vergangenen fünfzig Jahren, stutzen kurz, dann sehen sie sich die Linien nochmals nach, einige benutzen sogar ein Lineal, um sicherzugehen. Am Ende bestehen sie darauf, dass ihre erste Antwort die richtige war.

Der Psychologe Solomon Asch erweiterte den Test. Eine große Gruppe von Menschen, allesamt seine Mitarbeiter, saß mit einer einzigen Testperson in einem Raum. Die Mitarbeiter kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Linie B die richtige Antwort sein müsse. Von fünfzig Testpersonen sagten siebzig Prozent daraufhin als erste Antwort ebenfalls »Linie B«, nur zwanzig Prozent beharrten auch beim zwölften Versuch noch auf ihrer Meinung, dass es Linie C sein müsse.

Als die Testpersonen später gefragt wurden, warum sie sich der Gruppenmeinung angeschlossen hatten, gaben einige an, dass sie dem Versuchsleiter gefallen wollten. Andere sagten, sie wollten zur Gruppe gehören und Streit vermeiden – und einige erklärten, sie seien sich sicher gewesen, dass mit ihrer Sehfähigkeit etwas nicht stimmen könne, wo doch alle anderen klar Linie B als richtige Antwort identifizierten.

Dieser Versuch lässt sich auf viele Dinge übertragen: den Lieblingsfußballverein, das Lieblingsessen, moralische Werte – und auf Religionen, ohne eine Wertung vornehmen zu müssen, ob Religionen nun eine gute oder eine schlechte Sache sind. Wenn viele Menschen im Umfeld eines Menschen felsenfest davon überzeugt sind, dass eine bestimmte Religion die richtige sein muss – in meinem Fall also die Menschen in der nördlichen Oberpfalz und die Religion das katholische Christentum –, dann tendieren die meisten dazu, scheinbar blind darauf zu vertrauen, dass es schon richtig sei. Vor allem dann, wenn einem kaum Alternativen geboten werden, wenn also etwa Linie C als Antwortmöglichkeit fehlen würde.

Erst in der Kollegstufe lernte ich etwas über andere Glaubensgemeinschaften, weil ich einen äußerst aufgeschlossenen Lehrer hatte, der sich der vergleichenden Religionswissenschaft verschrieben hatte. Während des Studiums in den Vereinigten Staaten lebte ich dann fast anderthalb Jahre lang in einer Wohngemeinschaft mit meinem Fußballkollegen Ian Hirschfield, der dem jüdischen Glauben angehörte – wobei der Trainer mich vor meinem Einzug doch tatsächlich fragte, ob es für mich als Deutschen akzeptabel sei, mit einem Juden unter einem Dach zu wohnen. Religiöse Ignoranz ist offensichtlich international.

Weil Ian zu einem meiner besten Freunde wurde und wir als einzige Mitglieder der Fußballmannschaft gelegentlich nachts Lerneinheiten in der Bibliothek absolvierten, tauschten wir uns beinahe täglich über Religion aus – und so keimte in mir der Wunsch auf, auch andere Glaubensgemeinschaften kennenzulernen.

So kam ich auf die Idee, die Pascal’sche Wette zu erweitern. Meine Wette lautet nun:

Wer seine Chance auf Erlösung maximieren möchte, der muss ein nach so vielen Religionen wie möglich erlösungswürdiges Leben führen, anstatt nur auf eine einzige Religion zu vertrauen.

Den entscheidenden Anstoß dafür bekam ich, als ich bei Recherchen im Internet zufällig auf ein Diskussionsforum mit einer interessanten Frage stieß: »Liebe Leute«, stand da, geschrieben von einer Frau, die sich selbst RavenBec nannte, »ich bin ein spiritueller Mensch, aber irgendwie habe ich die richtige Religion für mich noch nicht gefunden. Was meint ihr? Kann man eine Religion einfach ausprobieren und sich dann entscheiden, ob sie einem gefällt und ob sie zu den eigenen Wertvorstellungen passt?«

Um ganz ehrlich zu sein: Das waren einige der klügsten Sätze, die ich jemals im Internet gelesen habe.

Der zweite Ansporn, dieses Experiment durchführen zu wollen, kam mir, als ich ein Interview mit dem Coldplay-Sänger Chris Martin las. Er gab darin an, lieber mal an alles zu glauben, um keinen Fehler zu machen. Wenig später sah ich einen Bericht über das Model Naomi Campbell, die angab, ihren spektakulären Wutausbrüchen abschwören zu wollen. Sie habe sich durch Yoga, Meditation und Gebete nun positiv konditioniert. Außerdem wolle sie wegen ihres russischen Verlobten bald der russisch-orthodoxen Kirche beitreten, wobei sie jedoch darauf bestand, weiterhin ein rotes Bändchen an ihrem linken Handgelenk zu tragen, das Erkennungsmerkmal von Kabbala.

Campbell und Martin sind das, was ich als »Alltheisten« bezeichnen würde. Ich habe den Begriff in einem Onlinewörterbuch mit Slangausdrücken gefunden und finde, er definiert meine Wette ganz hervorragend. Ein Alltheist ist demzufolge »ein Mensch, der versucht, ein nach so vielen Religionen wie möglich erlösungswürdiges Leben zu führen«.

Es hat den Anschein, als würden gerade berühmte Persönlichkeiten Religionen mixen, als wären es verschiedene Musikrichtungen, deren man sich bedient, um einen Popsong zu komponieren. Die Schauspielerin Goldie Hawn bezeichnet sich als »jüdische Buddhistin«, das Starlet Paris Hilton wurde mit Kabbala-Armband, Bibel und buddhistischem Mönch gleichzeitig gesehen. Robert Thurman, Professor für indotibetische Studien an der University of Columbia – und Vater der Schauspielerin Uma Thurman –, gab an, dass Berühmtheiten irgendwann feststellen würden, dass Ruhm, Erfolg und Reichtum allein nicht glücklich machten. Sie würden sich den verschiedenen Glaubensgemeinschaften der Avantgarde zuwenden, um das Vakuum mit Ausgeglichenheit und Glück zu füllen.

Doch nicht nur die Stars und Sternchen von heute versuchen sich in verschiedenen Religionen und damit in einer abgeschwächten Form des Alltheismus – auch Schriftsteller wie Leo Tolstoi beschäftigten sich damit. Am Ende seines Lebens etwa schrieb der große russische Dichter in einem Brief, dass der Begriff »christlich« ihn einengen würde, und in seinem Tagebuch ist nachzulesen: »Konfuzius’ Lehre von der Mitte – wundervoll! Dasselbe bei Lao-tse!« Während einer Vorlesung an der Universität von Genf im Jahr 1921 schließlich sagte er: »Die große Aufgabe Indiens, sie besteht in der Vereinigung von Hinduismus, Mohammedanismus, Buddhismus und Christentum, einer Einigung weder durch Zwang noch infolge apathischer Selbstverleugnung, sondern in der Harmonie tätigen Zusammenarbeitens.«

Diese Zusammenführung scheint heutzutage unmöglicher denn je. Und einen schnellen Test oder das Ausprobieren von Religionen halte ich für töricht, denn Religionen sind keine Sneakers, die man kurz anprobiert, um festzustellen, ob sie passen. Außerdem hört sich das Wort »Test« immer nach Wettbewerb an, bei dem am Ende eine Wertung vorgenommen werden muss. Ich glaube, dass die »Stiftung Warentest« schon längst ein Sonderheft herausgegeben hätte, wenn eine Überprüfung der Religionen so einfach möglich wäre – wobei ich den Gedanken sehr ulkig finde, dass die katholische Kirche einen Fernsehclip schaltet mit dem Slogan »Katholizismus. Die Kirche.« und am Ende noch einblendet: »Befriedigend laut Stiftung Warentest.«

Ein solcher Test müsste am Ende einen Sieger haben und reklamieren, dass der Gewinner nun Weltreligion werde. Ein buddhistisches Sprichwort jedoch sagt, dass an dem Tag, an dem es nur noch eine Religion auf der Welt gebe, auch der Tag sei, an dessen Abend es mindestens zwei Religionen gebe. Und der britische Philosoph Arnold Toynbee meinte: »Niemand unter denen, die heute leben, weiß genug, um mit Gewissheit sagen zu können, ob eine Religion bedeutender gewesen ist als alle anderen.«

Ich halte es bei den Religionen deshalb eher mit Ramakrishna, einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Hinduismus, der einst schrieb: »Gott hat verschiedene Religionen geschaffen, um verschiedenen Strebungen, Zeiten und Ländern gerecht zu werden. Alle Lehren sind nur ebenso viele Wege; aber ein Weg ist keineswegs Gott selbst.«

Es ist also unmöglich, eine einzige Weltreligion auszurufen – oder die Abschaffung aller Religionen zu fordern, wie es der berühmte Naturwissenschaftler und Atheist Richard Dawkins tut. Es ist, als würde man die Abschaffung der Lüge fordern, und ich habe durch mein Experiment, vierzig Tage lang nicht zu lügen, schmerzhaft eingesehen, dass ein derartiger Versuch töricht und unmöglich ist.

Natürlich hält sich Dawkins selbst nicht für einen Fundamentalisten, sondern nur für jemanden, der mit Leidenschaft für eine Sache kämpft, die er für richtig hält. »Möglicherweise hat die eine Seite einfach unrecht«, schreibt er in seinem Buch Der Gotteswahn. Er gibt zwar an, dass er seine Meinung jederzeit ändern würde, wenn alle Belege dafür sprechen würden – doch natürlich ist dieses Zugeständnis derart geschickt formuliert, dass er niemals seine Meinung ändern muss. Denn zum einen wird so etwas wie Gott kaum beweisbar sein, und zum anderen würde Dawkins, sollte es so etwas wie einen Gottesbeweis tatsächlich geben, immer anführen, dass ja nicht alle Belege, sondern nur fast alle vorliegen würden. Er kaschiert also seinen eigenen Fundamentalismus lediglich mit dem Mantel der Wissenschaftlichkeit und Neutralität.

Ich glaube, dass keine Religion über der anderen steht. Religionen kann man vielmehr mit einem Fenster aus vielen farbigen Glasscheiben vergleichen, durch die das Sonnenlicht in verschiedene Farben zerlegt wird. Man erkennt die erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen, ohne ein Urteil über ihren jeweiligen Wert zu fällen. Ich möchte dabei betonen, dass ich mitnichten glaube, dass wir alle durch verschiedene Scheiben die gleiche Sonne sehen und dass die Menschen nur unterschiedliche Pfade wählen, um grundsätzlich das gleiche Ziel zu erreichen.

Timothy Iding, vergleichender Religionswissenschaftler an der University of Chicago, versicherte mir: »Dieser Gedanke bricht zusammen, wenn wir die Bibel, den Koran und die Lehren von Buddhisten und Hindus miteinander vergleichen. Sowohl die Bibel als auch der Koran warnen Ungläubige, dass sie riskieren, die Ewigkeit im Höllenfeuer zu verbringen – Hindus und Buddhisten warnen Nichtgläubige vor konstanter Wiedergeburt in schrecklichem Folgeleben.« Und Scientology sorgt bereits im Diesseits – so ist zumindest in verschiedenen Aussteigerbüchern zu lesen – dafür, dass Abtrünnige ein schreckliches Folgeleben haben.

Ich glaube eher, dass es so sein könnte wie in dem Witz, den ich in dem großartigen Buch Plato and a Platypus Walk into a Bar von Thomas Cathcart und Daniel Klein gelesen habe:

Ein Mann steht nach seinem Tod vor der Himmelspforte. Dort wird er von Petrus empfangen, der ihn fragt: »Wie ist deine Religion, mein Freund?« Der Mann antwortet: »Ich bin Hinduist!« Petrus sagt: »Du bist noch nicht bereit für das Nirwana, aber du wirst in ein besseres Leben wiedergeboren werden! Geh bitte in Zimmer 25 – aber sei leise, wenn du an Zimmer 8 vorübergehst!«

Gleich darauf kommt ein Mann, der angibt, Atheist zu sein. Petrus sagt: »Nun, für dich ist es hier leider vorbei – du wirst einfach sterben. Geh bitte bis ans Ende des Ganges, aber sei leise, wenn du an Zimmer 8 vorbeigehst.«

Der Atheist fragt: »Warum muss ich ausgerechnet an dieser Zimmertür leise sein?«

Petrus sagt: »Da sind die Christen drin – die denken, sie seien alleine hier!«

Also ist nicht nur der Weg unterschiedlich, sondern auch das Ziel. Ich möchte zunächst lernen und wissen, was den Menschen anderer Religionen wichtig ist. Dazu muss ich lesen, viel lesen. Ich muss zuhören. Ich muss versuchen zu verstehen, worauf andere Menschen vertrauen und woran sie glauben.

Rudyard Kipling schrieb in seinem Buch The English Flag: »Was wissen die von England, die England kennen nur?« Wie kann also ein Mensch behaupten, er habe ein offenes Herz und sei so vernünftig, Argumente abzuwägen, bevor er eine Entscheidung treffe, aber in Bezug auf Religion vertraut er blind darauf, was ihm von seinen Eltern und seiner Gesellschaft eingetrichtert wurde?

Ich würde mein Leben gerne so gestalten, dass ich – um bei der Pascal’schen Wette und dem Roulettetisch zu bleiben – auf möglichst viele Zahlen setze. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass ein Mensch, der den Vorstellungen vieler Religionen ziemlich nahe kommt, sich auch den weltlichen Moralvorstellungen nähern kann und seinen Mitmenschen ein angenehmerer Zeitgenosse ist. Ich glaube, dass man auf diese Weise ein Leben führen kann, das den Mitmenschen gefällt und mit dem Gott – egal welcher Religion – auch ziemlich zufrieden sein dürfte. Und wenn es keinen personifizierten Gott gibt, dann hoffe ich, durch meine Lebensweise zumindest der nächsten Stufe der Erlösung näher gekommen zu sein – und damit eine befriedigende Antwort auf die beiden Fragen meines spirituellen Kampfes gefunden zu haben: »Wie werde ich in diesem Leben glücklich?« und »Sollte das Ende dieses Lebens nicht das Ende bedeuten: Wie schaffe ich es, auch danach noch glücklich zu sein?«

Verlieren würde ich nicht einmal dann, wenn die Kugel auf die Null tropft, also wenn es keinen Gott gibt. Ich hätte im Jenseits zwar nichts gewonnen, weil auf mich wie auf jeden anderen Menschen kein Jenseits warten würde. Doch weil ich durch meinen Versuch keinem anderen Menschen schade, kann ich an ihm nichts Schlimmes erkennen.

Ich glaube, dass alle Menschen, die sich als spirituell bezeichnen (das sind in Deutschland laut mehreren Studien etwa 85 Prozent), aber an keiner Religion aktiv teilnehmen (das tun laut ähnlichen Umfragen gerade mal zwischen 25 und 30 Prozent), vor einem ähnlichen Problem stehen wie ich: Der Grundgedanke von Religionen ist durchaus positiv, es gibt Normen und Werte, mit denen wir uns identifizieren können. Doch was Menschen aus diesem Gedanken gemacht haben, ist teilweise schrecklich.

Es gibt eine Studie der Universitäten Salzburg und Fribourg, in der die Attribute von Religiosität und Spiritualität heutzutage verglichen wurden. Religion gilt als dogmenorientiert, institutionell und reglementierend, also als uncool. Spiritualität gilt als individuell, erfahrungsorientiert und befreiend, also als cool. Ja, die Leiter der Studie verwendeten wirklich die Begriffe »cool« und »uncool«.

Kein Wunder, dass mit Seminaren und Produkten zum Thema Esoterik allein in Deutschland fünfzehn Milliarden Euro umgesetzt werden – pro Jahr. Es gilt als schick, seine Wohnung nach dem Feng-Shui-Prinzip einzurichten, in einen Yogakurs zu gehen und Dale-Carnegie-Bücher zu lesen. Es gibt etwa fünftausend Bücher, die mit den Worten »Erfolgreich durch …« beginnen – danach kann man quasi jedes positiv konnotierte Wort der deutschen Sprache einsetzen. Es hat sich ein Marktplatz der Spiritualität gebildet, und wir Menschen laufen ziemlich ziellos darüber und wissen nicht, von welchem Stand wir etwas nehmen sollen.

»Nie zuvor waren so viele Menschen in so vielen Ländern, darunter zahlreiche gebildete und angeblich differenziert denkende Leute, intellektuell so hilflos wie heute«, sagte der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler in einem Interview. »Eine Flut wirrer Ideen droht sie mit sich zu reißen. … Wir erleben immer schärfere Angriffe auf das wissenschaftliche Establishment, wie ein Buschfeuer greifen fundamentalistische Religionen um sich.«

Vor tausend Jahren war das Leben spirituell einfacher, weil die meisten Menschen nur kannten, was sich in ihrem eher begrenzten Mikrokosmos abspielte. Auch vor wenigen Jahrzehnten war es nur einem eher kleinen Teil der Menschen vorbehalten, die Welt wirklich durch eigene Anschauung kennenzulernen und zu erfahren, wie andere Leute leben. Wäre ich mein Leben lang in meiner oberpfälzischen Heimatstadt geblieben, so wäre ich wohl nach wie vor ein glühender Anhänger des Katholizismus und nicht einmal unzufrieden damit. Unwissenheit kann das Leben einfach machen.

Der technologische Fortschritt hat die Welt indes zusammenwachsen lassen – eine gute Sache, die jedoch aufgrund der informativen Überforderung, wie schon erwähnt, schnell zu Verwirrung führen kann. »Verzweifelt wird heutzutage nach etwas gesucht, an das man noch glauben kann«, sagt Toffler.

An welchen Grundsätzen sollen sich Menschen orientieren, wenn sie die Dogmen der Religion ablehnen und wenn auch das, was der Gesetzgeber ihnen so anbietet, ethisch nicht wirklich zufriedenstellt? Welche Regeln gelten noch in einer Welt, die derart grenzenlos erscheint?

Wir beginnen, nach unseren eigenen Regeln zu leben. Wir zitieren jene Philosophen, welche gerade in unser Weltbild passen – die anderen ignorieren wir. Wir verweisen auf religiöse Aspekte, wenn sie unser Argument unterstützen – andere Ansichten lassen wir links liegen. Dieses Verhalten ist nicht verwerflich, sondern oftmals geradezu lebensnotwendig. Nur: Wir tun dabei so, als wären wir respektvoll anderen Menschen und Religionen gegenüber, als würden wir in dieser grenzenlosen Welt alles akzeptieren – dabei ergab eine Studie, dass 75 Prozent der Westeuropäer beim Anblick eines bärtigen Mannes aus dem Mittleren Osten am Flughafen innerhalb von drei Minuten mindestens einmal an das Wort »Terrorist« denken.

Genau daran möchte ich arbeiten. Ich möchte versuchen, für mich selbst einen Leitfaden zu finden, wie man sein Leben nach den durchaus positiven Grundideen von Religion führen könnte – und wie man als aufgeschlossener Mensch einen Zugang finden kann zu fast allen Glaubensgemeinschaften dieser Welt. Ich möchte erfahren, wie man anderen Menschen gegenüber toleranter werden kann und schließlich und endlich ein besserer und glücklicher Mensch wird.

Um das zu erreichen, möchte ich Religion zunächst einmal als Wertegemeinschaft betrachten und erst später als Institution, wobei eine Trennung freilich nicht immer möglich sein wird. Wer an die katholische Kirche denkt, dem werden unweigerlich Begriffe wie »Hexenverbrennung«, »Kreuzzüge« und »Kindesmissbrauch« durch den Kopf schießen. Als ich vor nicht allzu langer Zeit auf dem Oktoberfest eine köstliche halbe Ente verspeiste und erklärte, dass ich mich gerade mit dem Hinduismus beschäftigte, sagte einer meiner Bekannten: »Aber das ist doch eine genussfeindliche Religion, wie kannst du da eine Ente essen! Außerdem haben die dieses menschenunwürdige Kastensystem. Das würde ich nicht aushalten.« Und wie schon erwähnt, wurde ich einmal gefragt, ob ich tatsächlich mit einem Anhänger des jüdischen Glaubens unter einem Dach wohnen könne. Religion ist im Grunde eine schöne Sache, doch trägt sie allzu oft eine hässliche Fratze.

Der Philosoph Lincoln Steffens erzählte einmal die Geschichte eines Mannes, der den höchsten Berg erklomm, sich dann auf Zehenspitzen stellte und so tatsächlich die Wahrheit greifen konnte. Der Teufel, der schon eine böse Vorahnung hatte, dass dieser Mensch ihm Probleme bereiten könnte, hatte dem Wahrheitsuchenden einen seiner Dämonen hinterhergeschickt. Als der zurückkam in die Hölle und seinem Gebieter berichtete, dass der Mensch tatsächlich die Wahrheit zu fassen bekommen hatte, blieb der Teufel gelassen: »Mach dir keine Gedanken, ich sorge einfach dafür, dass er sie institutionalisiert.« Glaube und liebevolles Leben mögen Erfindungen Gottes oder einer höheren Ordnung sein, doch Religionen sind Teufelswerk. Das ist zumindest die Ansicht von Steffens – und ich glaube, dass nicht wenige Menschen ähnlich denken.

Es gibt zahlreiche Studien, die nachweisen, dass den Menschen gerade im neuen Jahrtausend Spiritualität extrem wichtig ist, ungefähr so wichtig wie die besten Freunde. Bezeichnend für diese Studien ist, dass ein Großteil der Menschen quasi nach den Regeln einer oder mehrerer Religionen lebt, es aber konsequent ablehnt, sich als Mitglieder zu bezeichnen. Sie akzeptieren die Ansichten und Werte, wollen aber keinesfalls ihre Unabhängigkeit verlieren und institutionalisiert werden. Selbst der Dalai-Lama schreibt in seinem Buch der Menschlichkeit: »In unserer langen Geschichte ist es immer schon so gewesen, dass die Religionen zu den Hauptauslösern von Konflikten gehörten. Selbst heute werden aufgrund von religiöser Heuchelei und Hass Menschen getötet, Städte zerstört und Gesellschaften aus dem Gleichgewicht gebracht. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass viele Menschen die Bedeutung der Religion in unserer Gesellschaft in Frage stellen.«

Auf Facebook habe ich eine Umfrage unter meinen Freunden gestartet, wen sie für die größten Wohltäter der Menschheitsgeschichte halten. Die meisten nannten Mahatma Gandhi, Mohammad, Mutter Teresa oder Jesus – allesamt Menschen, die auf irgendeine Weise mit Religion zu tun hatten. Daraus folgere ich, dass Religionen eben nicht nur Kinderschänder und Attentäter hervorbringen, sondern vor allem auch beeindruckende und nachahmenswerte Persönlichkeiten.

Sind Religionen dennoch etwas Schlimmes, und gehören sie abgeschafft, wie es Richard Dawkins fordert? Er hatte im Jahr 2006 für das britische Fernsehen die Dokumentation The Root of all Evil? moderiert, die vom Sender in überregionalen Tageszeitungen mit einer Anzeige beworben wurde. Sie zeigte ein Bild mit der Skyline von Manhattan, darunter stand: »Stellen Sie sich eine Welt ohne Religion vor!« Vorstellen mussten sich die Betrachter nicht viel, denn die Türme des World Trade Center waren deutlich zu sehen.

Meine Frau hat dazu einen schönen Satz gesagt: »Wäre es nicht der Religionen wegen, dann würden die Menschen einen anderen Grund finden, um sich die Köpfe einzuschlagen.« Würde man sich eine Welt ohne Religionen vorstellen, so wären auf der Anzeige für Dawkins’ Sendung – wenn überhaupt – vielleicht noch die Türme des World Trade Center zu sehen, aber ansonsten wohl nicht besonders viel. Vielleicht wäre da auch nur ein weißes Blatt.

Der amerikanische Neurologe Andrew Newberg unterstützt die These meiner Frau: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass der religiöse Glaube ungesund ist, für den Einzelnen oder für die ganze Welt. Mehrere Studien zeigen, dass es genauso viele nicht religiöse Selbstmordattentäter gibt wie solche, die sich aus religiösen Gründen in die Luft sprengen. Lediglich 8 Prozent aller terroristischen Akte in den Jahren zwischen 1998 und 2004 waren religiös motiviert. Bei vielen Kriegen wurde Religion nur als Vorwand missbraucht, um endlich mit dem Meucheln beginnen zu dürfen.

Newberg widmet in seinem Buch Born to Believe ein ganzes Kapitel der Tatsache, dass es weder Religiosität noch Atheismus sind, die die Ethik ihrer Anhänger bestimmen, sondern dass es vielmehr die Macht autoritärer Personen und Gruppen ist.

Religionen genießen gerade im säkularisierten 21. Jahrhundert einen nicht gerade blendenden Ruf. Hierzulande halten nicht wenige Menschen nur Dieter Bohlen für gefährlicher als den Islam. Dieser schlechte Ruf ist aber zunächst nicht auf die Religionen selbst zurückzuführen, sondern er liegt vielmehr an jenen Menschen, die Religion für ihre Zwecke missbrauchen und sie pervertieren.

»Religiöser Glaube ist keine Vorbedingung für ethisches Verhalten oder für das Glücklichsein selbst«, schreibt der Dalai-Lama. »Doch zugleich will ich hier ausdrücklich sagen, dass diese Qualitäten sich meiner Überzeugung nach am einfachsten und wirksamsten im Zusammenhang mit einer Religion entwickeln lassen.«

Diese schöne Idee von den positiven Kräften einer Glaubensgemeinschaft möchte ich entdecken, sie weiterführen und für eine Reputation von Religion sorgen – so sie es verdienen sollte.

Ein Text über Religionen muss zwangsläufig unvollständig und oberflächlich bleiben, weil allein das, was Gläubige am heutigen Tag – und damit meine ich sowohl den Tag, an dem ich das hier schreibe, als auch den Tag, an dem Sie das lesen – tun, Bibliotheken füllen könnte. Mein amerikanischer Freund Joey wird mit seiner Familie vielleicht in eine Kirche gehen, falls heute Sonntag ist. Meine chinesische Kollegin Joana sitzt wahrscheinlich seit Stunden im Lotussitz in ihrer Wohnung in Chengdu. Mein muslimischer Bekannter Youssef wirft sich gerade in Richtung Mekka zu Boden. Meine Schwägerin wird sich in Yoga üben. Einige Kinder versuchen, in einem buddhistischen Kloster sowohl Geist als auch Körper zu trainieren. Irgendwo schlachtet sicher gerade einer eine Ziege.

Ich möchte kein Lehrbuch schreiben über Religion, weil ich daran mit Sicherheit scheitern würde. »Dein Experiment kann nicht klappen«, meinte ein Arbeitskollege, als ich ihm meine Idee, ein Alltheist werden und bei so vielen Religionen wie möglich eine Chance auf Erlösung haben zu wollen, präsentiert hatte. »Die Ansichten der einzelnen Religionen unterscheiden sich derart stark voneinander, dass du niemals eine Schnittmenge finden kannst.« Gerade wollte ich ihm recht geben, da warf ein anderer Kollege ein: »Dann wäre es auch unmöglich, einer einzelnen Religion zu folgen, denn die widersprechen sich nicht selten selbst.«

Schon entbrannte ein Streit zwischen den beiden, und ich war mehr denn je entschlossen, das Projekt zu starten.

Ich will keinen Sensationsreisebericht schreiben. Es gibt genügend Bücher, welche die hässlichen Seiten von Religionen beleuchten und ihre Abschaffung fordern. Dort stehen dann die Berichte von Meucheleien, von Unterdrückung, von abgeschnittenen Nasen. Wer lesen möchte, wie die Religion die Menschen vergiftet, dem seien die Werke von Richard Dawkins empfohlen. Zudem behandelt derzeit gefühlt jede dritte Titelgeschichte politischer Wochenmagazine die schrecklichen Seiten von Religionen.

Deshalb ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für mein Projekt: Ich halte Religion für etwas grundsätzlich Gutes. Der Dalai-Lama bringt meine Meinung auf den Punkt, wenn er schreibt: »Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass die großen Weltreligionen … aus einigem Abstand betrachtet allesamt darauf ausgerichtet sind, den Menschen dabei zu helfen, dauerhaftes Glück zu finden.«

Natürlich halte ich, wie Sie wahrscheinlich auch, nichts von Kindesmisshandlung durch Priester, von Kreuzzügen und vom In-die-Luft-Jagen intakter Gebäude. Aber wäre ich wie Dawkins der Ansicht, dass Religionen abgeschafft gehörten, so müsste ich an dieser Stelle abbrechen.

Ich möchte den Glaubensgemeinschaften respektvoll begegnen – und musste schon bei der Vorbereitung feststellen, dass ich diesen Respekt nicht von allen Vertretern der Religionen, mit denen ich mich beschäftigen wollte, zurückbekommen würde.

Auf meine Anfragen habe ich freundliche Mails erhalten, hilfsbereite und liebevolle. Es waren aber auch Briefe dabei, die mir schon vor dem Start zeigten, auf welch schwieriges Unterfangen ich mich da eingelassen hatte. »Ich glaube nicht, dass es Ihnen gelingen wird, unsere Religion auch nur im Ansatz zu verstehen«, schrieb einer und verabschiedete sich mit freundlichen Grüßen. »Wie können Sie behaupten, ein Buch über Religionen zu schreiben – und dann so etwas wie den Buddhismus oder den Taoismus einschließen? Das halte ich für naiv und gefährlich«, war die Antwort eines anderen, der mir immerhin viel Glück wünschte. Eine Frau ließ gar nur ihre Sekretärin antworten: »Sie hat weder Zeit noch Interesse, Sie bei Ihrem Ansinnen zu unterstützen.« In diesem Fall fehlten die freundlichen Grüße.

Andere wiederum heuchelten Respekt und sprachen dann beim ersten Treffen derart arrogant und selbstgefällig, dass mir beinahe schlecht geworden wäre. Sie wollten mein Projekt nicht verstehen und gaben auch zu erkennen, dass sie keinerlei Lust hatten, sich mit anderen Religionen zu beschäftigen. Mit diesen Menschen war kein Dialog möglich, lediglich eine Serie von Monologen, weil sie nicht zuhörten, sondern nur darauf warteten, dass sie wieder dran waren mit Reden.

Auch auf Widerstände solcher Art hatte mich schon der Dalai-Lama vorbereitet: »Das größte Hindernis auf dem Weg zu religionsübergreifender Harmonie besteht vielleicht in der mangelnden Anerkennung des Werts anderer Glaubenstraditionen«, schreibt er im Buch der Menschlichkeit.

Ich werde also versuchen, jene Glaubenstraditionen, die ich bislang noch nicht kenne, zu verstehen und sie in mein Leben einzubringen. Und dann werde ich versuchen, die Erweiterung der Pascal’schen Wette zu gewinnen und ein Alltheist werden.

Es kann losgehen.

Gott kann mich nicht leiden! Noch …

Kapitel 2

Wer ist Gott – und wenn ja, wie viele?

Warum glaube ich? Bin ich verrückt, wenn ich es für möglich halte, dass es zwischen Himmel und Erde noch mehr gibt, als wir Menschen wissen? Dass es einen persönlichen Gott geben könnte, dass ein Mensch durch Meditation Erleuchtung finden kann und dass es so etwas gibt wie das Nirwana? Habe ich einen Defekt in meinem Gehirn?

Dean Hamer etwa, der Autor des Buches Das Gottes-Gen – Warum uns der Glaube im Blut liegt, schreibt, dass Menschen, die sich mit Spiritualität beschäftigen und von transzendenten Erfahrungen berichten, häufiger das Gen VMAT2