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Ein bemerkenswerter Schicksalsbericht einer beeindruckenden Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Zu Beginn ist es die große Liebe – aber plötzlich verändert sich Daniel, wird aggressiv, unberechenbar und gewalttätig. Als sich Vanessa von ihm trennt, dreht er durch. Er lauert ihr auf und schüttet ihr Schwefelsäure ins Gesicht. Vanessa überlebt nur knapp; sie liegt wochenlang im Koma. Ihre linke Gesichtshälfte ist vollkommen entstellt, sie verliert ein Auge und ein Ohr. Über 20 Operationen folgen; dieser Weg ist schwer und noch nicht zu Ende. Und doch sagt sie: «Dieses Unglück ist das Beste, was mir passieren konnte, denn nur so habe ich entdeckt, wie stark ich wirklich bin.»
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2019
Vanessa Münstermann • mit Regina Carstensen
«Meine Geschichte handelt von Mord, Wiedergeburt und meiner Bewusstseinsveränderung. Dass ich gerade durch eine so abscheuliche Tat meinen Platz im Leben finde und lerne, mich selbst zu lieben, hätte ich nie erwartet. Ich, Vanessa Münstermann, bin entstellt. Ich bin einzigartig, ich bin gezeichnet, ich bin ausgezeichnet.»
Zu Beginn ist es die große Liebe – aber plötzlich verändert sich Daniel, wird aggressiv, unberechenbar und gewalttätig. Als sich Vanessa von ihm trennt, dreht er durch. Er lauert ihr auf und schüttet Schwefelsäure in ihr Gesicht. Vanessa überlebt nur knapp und trägt schwere Verletzungen davon – doch sie kämpft, Tag für Tag, trotz aller Schmerzen und Rückschläge. Und sie entdeckt, wie stark sie wirklich ist.
Der bewegende Schicksalsbericht einer beeindruckenden Frau, die sich nicht unterkriegen lässt.
Vanessa Münstermann, geboren 1989, ist gelernte Kosmetikerin und lebt in Hannover. Nach der Säureattacke durch ihren Ex-Freund im Jahr 2016 gründete sie den Verein AusGezeichnet e.V., mit dem sie anderen Gewaltopfern und Entstellten hilft.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2019
Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung zero-media.net, München
Umschlagabbildung Christian Holzknecht
Bildnachweis: Fotos 1–19, 22–25, 27–29 © Vanessa Münstermann, Fotos 20, 21 © Christian Holzknecht, Foto 26 © Uli Schuster
ISBN 978-3-644-40435-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Montag, 15. Februar 2016, 5:30 Uhr
Kylie guckt mich auffordernd an. «Ist ja schon gut, wir gehen sofort raus.» Meine Beagle-Dame verfolgt aufmerksam, wie ich in meine dicke graue Jacke schlüpfe. Ein letzter Blick in den Spiegel. Okay, sage ich zu mir selbst und lächle, du bist fast ein bisschen overdressed. Meine orangefarbene Halskette ist nicht zu übersehen, mit meinen Haaren habe ich mir viel Mühe gegeben, genauso mit meinem Make-up. Die braunen Overknee-Stiefel passen perfekt zu den schwarzen Leggings, unter der Jacke trage ich ein langes schwarzes Top. Styling gecheckt und für gut befunden – es ist an der Zeit, ein neues Leben zu beginnen. Mein neues Leben. Endlich. Mit sechsundzwanzig. Nichts mehr will ich mit Männern zu tun haben, die sich regelrecht tarnen, die sich erst von ihrer guten Seite zeigen und einen dann verletzen, die einfach nur destruktiv sind und mit allen Mitteln versuchen, Einfluss auf die Partnerin zu nehmen.
Brrr. Draußen ist es kalt, immerhin regnet es nicht. Schnell habe ich die Kälte vergessen, ich spüre sie kaum, denn ich bin einfach nur glücklich. Ich bin kein Spielball mehr. Kein Häufchen Elend mehr, das heulend auf dem Sofa liegt. Nicht mehr die, die laufend Fehler macht. Ich habe mich selbst zurückerobert. Endlich habe ich es geschafft, mich von Daniel zu trennen. Er hatte mich in den «siebten Himmel» gehoben, nur um mich letzten Endes zu vernichten. Doch bevor ihm das gelingen konnte, habe ich ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin bei ihm ausgezogen und in meine eigene Wohnung zurückgekehrt. Zum Glück hatte ich den Mietvertrag nicht gekündigt. Aber selbst wenn, dann hätte ich mir eine neue gesucht und wäre zwischenzeitlich bei einer Freundin oder bei meiner Mutter untergekommen.
Es ging einfach nicht mehr. Ich war labil geworden, jede einzelne Minute, in der er gut drauf war, stellte für mich Erholung pur dar. Was war ich in Daniel verliebt gewesen – kein Mann schien mich je so verstanden zu haben wie er, keiner hatte je so viel Interesse an mir gezeigt wie er. Dabei hatte er nur deshalb alles aufgesogen wie ein Schwamm, um zu wissen, wie ich ticke, um die richtigen Strategien anwenden zu können. Und um sich erst einmal anzupassen. Während ich blöd genug war zu denken, ich hätte in ihm einen Seelenverwandten gefunden, wurde ich nur manipuliert. Alles, was er wollte, war, Macht über mich zu haben. Macht über meine Seele und Macht über meinen Körper. Und zwar auf Knopfdruck. Gehirnwäsche könnte man es auch nennen.
Monatelang ließ ich alles mit mir machen, ordnete mich unter, suchte immer nach irgendwelchen Gründen und Entschuldigungen für sein Verhalten. Merkte nicht, dass es seinerseits Berechnung war, wenn er zwischendurch liebenswert war – und ich dadurch glücklich. Er brauchte es, dass ich in der Spur war, in seiner Spur. Doch auf Dauer war das nicht nur für mich enorm belastend und anstrengend, sondern auch für ihn. Der Nutzen, den ich ihm bot, wurde immer geringer. Am Anfang genoss er es, dass ich, die doch eigentlich stark und ganz patent war, ihn bewunderte, doch irgendwann reichte das nicht mehr. Er brauchte neue Opfer. Als ich schließlich merkte, dass er sich mit anderen Frauen traf, sagte ich zu ihm: «Ich brauche erst einmal Abstand von dir. Da du dich anderweitig orientierst, machen wir wohl besser eine Pause.» Er hatte sich mit meinem Entschluss einverstanden erklären müssen, gezwungenermaßen, schließlich waren die Nachrichten von anderen Frauen auf seinem Tablet Beweis genug.
Kurz nach meinem Auszug bei Daniel rief ich seine Eltern an, erzählte ihnen, dass es mit ihrem Sohn und mir nicht geklappt hätte. Sie räumten ein, gewusst zu haben, dass unsere Beziehung in die Brüche gehen würde. Zum Schluss gaben sie mir noch zu verstehen, dass ich auf mich aufpassen solle, nach jeder Trennung poste ihr Sohn gewisse Sachen auf Facebook. Ich hatte nicht nachgefragt, was sie mit «aufpassen» genau meinten. Ich war einfach nur froh, wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein.
Nach dem Telefonat schrieb ich Daniels Eltern noch einen Brief, in dem ich genauer erläuterte, warum ich mich von ihrem Sohn getrennt hatte. Darin beschrieb ich auch, welche Ultimaten Daniel aus meiner Sicht würde erfüllen müssen, damit an eine Wiederaufnahme unserer Beziehung überhaupt nur zu denken wäre: eine mehrjährige Therapie machen, sich einen Job suchen und eigene Möbel anschaffen. Es war ein Versuch, einen Weg aus dem Chaos zu finden. Einen gemeinsamen Weg.
Die Eltern antworteten, sie glaubten nicht, dass Daniel sich darauf einlassen würde. Und selbst wenn er es noch so sehr wollte, würde er es nicht schaffen. Er sei als Kind in der Psychiatrie gewesen, was aber damals nicht viel geholfen hätte. Es habe anschließend weiterhin Probleme gegeben. Psychiatrie? Schon als Kind? Probleme? Ich stutzte, als ich das hörte. Davon hatte mir Daniel nie etwas gesagt. Dennoch war ich gar nicht so verwundert, als mir das schließlich zu Ohren kam. Auf einmal fügte sich nach und nach etwas zusammen, was ich bislang nur im Verborgenen gefühlt, was ich irgendwie geahnt hatte. Dann sagten seine Eltern allerdings noch etwas, was mich weitaus mehr irritierte. Ihnen täte das alles schrecklich leid, ich sei der Traum einer Schwiegertochter, allerdings hätten sie nie verstanden, wieso ich mich auf jemanden wie ihren Sohn eingelassen hätte, was eigentlich mit mir los sei? Das musste ich erst einmal verdauen. Mir wurde klar: Es war notwendig, dass ich mir diese Frage selbst stellte. Wieso hatte ich mich in Daniel verliebt? Hätte ich das alles nicht schon viel früher bemerken müssen? Was hatte mich so blind gemacht?
Ich seufze, denn mit all diesen Fragen werde ich mich noch beschäftigen müssen. Weitaus ausführlicher, als mir lieb ist. Ich werde unsere Beziehung unters Mikroskop legen müssen. Aber erst einmal brauche ich Ruhe, ich muss wieder ich selbst werden, mit meinen eigenen Stärken und Schwächen. Niemand soll mir mehr irgendwelche Eigenschaften zuschreiben.
«Kylie, hierher!» Wieso läuft sie denn immer wieder zu diesem Busch? Sie ist doch sonst nicht so nervös? Hat sie etwa eine Spur aufgenommen? Von einem Rüden? Es gibt ja noch andere Hundebesitzer, die schon so früh unterwegs sind. Ich kann allerdings kaum etwas erkennen, denn es ist noch verdammt dunkel, nur hin und wieder mache ich auf dem Rasen weiße Punkte aus: keine Schneereste, sondern wagemutige Schneeglöckchen, die ihre strahlend weißen Blüten unverdrossen in alle Himmelsrichtungen strecken.
Daniel. Wieder kehren meine Gedanken zu ihm zurück. Zu dem Mann, den ich nicht verstehe. Nicht mehr verstehe. Mit dem ich doch mein Leben teilen wollte. Was steckt bloß hinter seinem merkwürdigen Verhalten? Nach unserer Trennung war er eher freundlich, unerwartet freundlich. Er half mir sogar dabei, meine Sachen, die ich bei ihm hatte, zurück in meine Wohnung zu transportieren. Er war wieder der nette Daniel aus unserer Anfangszeit, nicht der aggressive. An meinem Geburtstag vor drei Tagen war er dann abends vorbeigekommen und hatte mir ein Geschenk gebracht, eine Tasche, die man beim Joggen am Oberarm befestigen und in der man sein Handy verstauen kann. Dazu zwei Gutscheine, um Essen über das Internet zu bestellen. Eigentlich nichts Persönliches, eher Allerweltsgeschenke, die er vielleicht sogar selbst geschenkt bekommen hatte.
Als er gegangen war, stellte ich die Klingel aus und legte die Sicherheitskette an der Wohnungstür vor. Ich spürte eine unbestimmte Angst, davor, dass er zurückkehren könnte. Daniel hatte nämlich wieder seine aggressive Seite hervorgekehrt. Von Tag zu Tag mehr. Es fing mit Telefonterror an, ungefähr vierzigmal in der Stunde rief er mich auf meinem Handy an. Nachdem ich nicht einen seiner Anrufe angenommen hatte, versuchte er es bei meinem Vater. Entnervt von diesem Verhalten, rief mein Vater daraufhin Daniels Vater an: «Kümmer dich mal um deinen Sohn, sag ihm, er soll seinen Telefonterror gefälligst bleiben lassen. Es eskaliert gerade.» Daniels Vater meinte daraufhin nur, er würde ja gern helfen, könne jedoch leider nichts tun, er habe keinen Einfluss auf ihn, er wisse, wie sein Sohn sei, könne aber nicht auf sein Handeln einwirken. Damit war klar, dass von Daniel Gefahr ausgehen konnte. Der Rat seiner Eltern, «auf mich aufzupassen», fiel mir wieder ein.
In der Nacht nach meinem Geburtstag, gegen drei oder vier Uhr morgens, erhielt ich eine SMS von ihm. In der Nachricht hieß es, ich sei die Frau seines Lebens, er wolle Kinder mit mir haben. Ich las sie erst am darauffolgenden Morgen; denn ich hatte schon geschlafen, als sie eingetroffen war. Sollte ich darauf eingehen? Nein, ich wollte ihn nicht noch mehr provozieren. Und doch tat ich offenbar genau das. Denn weil ich nicht das machte, was er wollte, womit er rechnete, wurde er immer wütender. Der Telefonterror ging weiter und weiter. Irgendwann ging ich ran. Daniel schluchzte und meinte, er wolle mich zurück, er könne nicht ohne mich sein. Das hatte ich alles schon häufiger gehört, früher hatte ich mich davon erweichen lassen, doch jetzt nicht mehr. Ich war nur genervt, schon allein deshalb, weil er meine Familie mit in alles hineinzog, das war wirklich das Allerletzte. Ich erklärte ihm, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle, er solle mich in Ruhe lassen, und von den Bedingungen, die ich nicht nur in dem Brief an seine Eltern genannt, sondern auch ihm gegenüber geäußert hatte, wolle ich erst recht nichts mehr wissen. Es sei definitiv aus zwischen uns, ich hätte kein Vertrauen mehr zu ihm.
Seine Rache folgte prompt, indem er meine Handy-Nummer auf Facebook postete, versehen mit dem Hinweis, ich hätte angeblich eine Vorliebe für dicke schwarze Schwänze. Auf wen immer das zuträfe, der solle zur Tankstelle meiner Mutter und meines Stiefvaters kommen, ich würde mit jedem Einzelnen Sex haben wollen. Es war unfassbar! Daniels Eltern hatten mich zwar vorgewarnt, aber ich hatte ihren Hinweis nicht ansatzweise ernst genug genommen.
Ich schüttle mich, als ich jetzt wieder daran denken muss. Wie habe ich diesem Menschen nur glauben und vertrauen können? Ich beobachte die Atemwolken, die vor meinem Gesicht aufsteigen, doch auch sie können meine Wut nicht besänftigen.
Seit zwei Wochen arbeite ich fest angestellt bei der Tankstelle, weil meine Mutter und mein Stiefvater kein Personal finden konnten, also habe ich meinen Job bei der Bank gekündigt und bin eingesprungen. Jeden Morgen um halb sechs fange ich dort an, um halb fünf klingelt mein Wecker. Deswegen bin ich auch so früh unterwegs, jetzt ist es gerade ungefähr fünf.
Kylie und ich gehen um die Ecke des Häuserblocks, meine Hundedame scheint den ominösen Hundeherrn vergessen zu haben, der sie eben noch brennend interessierte, sie läuft wieder wie üblich an meiner Seite. Meine Gedanken kehren zurück zu dem Facebook-Post von Daniel. Diverse Freunde und Bekannte waren darauf aufmerksam geworden und hatten mich informiert – «Es gibt da ein kleines Problem …» –, bevor ich ihn selbst bemerkte.
Gestern, am Sonntag, meinte meine Mutter dann zu mir: «So geht das nicht weiter, wir müssen zur Polizei. Das läuft total aus dem Ruder.» Kunden, die einen Werkstatttermin abmachen wollten, kamen nicht mehr bei uns durch, weil Daniel ständig die Telefonnummer der Tankstelle anrief und damit die Leitung blockierte. Außerdem meldete sich auch wiederholt eine Frau, die herumstöhnte und sagte, sie habe auch eine Schwäche für dicke schwarze Schwänze. Wir vermuteten, dass es sich dabei ebenfalls um Daniel handelte, da er ein gewisses Talent dafür hatte, seine Stimme zu verstellen.
Mein Stiefvater kam also zur Tankstelle und löste mich ab, sodass meine Mutter und ich zur nächsten Polizeidienststelle gehen konnten. Nachdem wir erklärt hatten, worum es ging, wurde mir eine Polizeibeamtin zugewiesen, die mich bat, ihr alles genau zu erzählen. Und das tat ich auch. Sie unterbrach mich nicht, blickte nur hin und wieder vom Bildschirm ihres Computers, an dem sie konzentriert arbeitete, zu mir herüber. Es war nicht notwendig, dass sie irgendetwas kommentierte, ihre Blicke sagten mehr als tausend Worte. Schließlich verkündete sie: «Wir werden jemanden bei ihm vorbeischicken.» Danach kamen keine Anrufe mehr und auch keine SMS. Ich war erleichtert.
Wieder wird Kylie unruhig. Was hat sie heute denn bloß? Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, taucht jemand vor mir im Gebüsch auf. Dass da überhaupt jemand ist, erkenne ich zuerst nur an einer beigefarbenen Mütze. Sie ist so hell, dass sie wie die Schneeglöckchen geradezu aus dem Dunkel hervorstrahlt. Mein Atem stockt. Im ersten Moment habe ich nicht geschaltet, doch nun erkenne ich Mütze und Gesicht. Ich will es nicht wahrhaben, aber es ist Daniel. Dunkel gekleidet, die Hände in den Taschen seiner Jacke. Jetzt stalkt er mich auch noch, schießt es mir durch den Kopf. Ich habe es befürchtet, doch sofort wieder verdrängt. Hat er etwa, überlege ich weiter, die ganze Nacht im Auto vor der Haustür verbracht? Doch warum habe ich dann seinen blauen Mazda gar nicht gesehen? Hat er ihn weiter entfernt abgestellt, damit ich keinen Verdacht schöpfe?
Daniel tritt aus dem Gebüsch hervor, er trägt seine schwarze Jacke und Jeans.
«Vanessa!», ruft er. «Vanessa!»
«Lass mich in Frieden», erwidere ich genervt. «Ich habe eine einstweilige Verfügung gegen dich erwirkt, du darfst dich mir nicht nähern.» Das ist zwar gelogen, doch in der vergangenen Nacht habe ich mich entschieden, den entsprechenden Rat der Polizistin zu befolgen und später am Tag bei Gericht eine solche einstweilige Verfügung zu beantragen.
Ich kehre ihm den Rücken zu, leine Kylie an und zerre sie ums Haus, Richtung Hauseingang, ich will nur noch fort, fort von Daniel, diesem Mann, der mir von Tag zu Tag unheimlicher wird. Ich schaue mich nicht um, sondern gucke nur nach vorne. Ich habe das Gefühl, als hätte ich Blei an den Füßen, der Weg bis zur Tür erscheint unendlich lang und weit. Da höre ich auf einmal von links: «Ich muss ja sowieso ins Gefängnis», und schon im selben Moment schüttet Daniel mir etwas ins Gesicht. Ich spüre, dass es kein Wasser ist, aber was es sonst sein könnte, vermag ich nicht zu sagen. Es fühlt sich merkwürdig an, nass und irgendwie auch heiß. Daniel hält in seiner Hand ein kleines Schraubglas, ich erkenne das Etikett, es gehört zu einer Fertignudelsauce, die wir häufig zu Spaghetti aufgewärmt haben, eine Sorte namens Arrabbiata. Jedenfalls ist das, was da in meinem Gesicht gelandet ist, keine Nudelsauce, in dem Glas muss sich etwas anderes befunden haben. Dann sehe ich auf einmal nicht mehr richtig, stehe unter Schock, gehe vor Schreck in die Hocke und nehme auch gar nicht mehr wahr, wie Daniel wegrennt.
Eine Nachbarin, die ebenfalls mit ihrem Hund unterwegs ist und die ich kurz zuvor noch gegrüßt habe, hat die kurze Szene verfolgt. Sie kommt nun auf mich zu und sagt:
«Er ist schnurstracks geflohen, ohne nach links oder rechts zu gucken.» Als sie merkt, dass ich nicht ganz bei mir bin, fragt sie mich: «Was ist denn passiert? Kann ich Ihnen aufhelfen?»
Ich bin so perplex, dass ich nicht auf ihre Frage antworten kann. Langsam erhebe ich mich und sage: «Ich muss zur Arbeit, ich muss in mein Auto steigen, sonst komme ich zu spät.»
Die Nachbarin schüttelt den Kopf und erklärt: «Sie fahren jetzt nirgendwohin. Ihr Gesicht wird ja ganz grün, irgendwas stimmt da nicht.» Es ist die Säure, die schon reagiert, von der ich aber immer noch keine Ahnung habe, dass es Schwefelsäure ist. Daniel hat den Industriereiniger «Rohrgranate» gegen mich verwendet, hochaggressives Zeug, doch das erfahre ich erst sehr viel später. Mein Haar und das Fell an meiner dunkelgrauen Winterjacke triefen von der Flüssigkeit.
«Und was soll ich dann machen?», frage ich, noch immer völlig orientierungslos.
«Wir rufen jetzt einen Krankenwagen. Allerdings habe ich gerade kein Handy dabei. Sie vielleicht?»
Benommen greife ich in meine Jackentasche, um mein Mobiltelefon herauszuholen. Ich versuche, 112 einzutippen, aber es gelingt mir nicht. Mein Handy reagiert nicht, es ist anscheinend nass geworden.
«Es funktioniert nicht», murmele ich vor mich hin.
«Dann klingeln wir eben bei den Nachbarn», erwidert die Hundebesitzerin bestimmt und führt mich zur Haustür.
Noch bevor wir einen Klingelknopf drücken, höre ich eine Stimme aus der Gegensprechanlage: «Mein Mann hat schon einen Krankenwagen gerufen.»
Eine andere Nachbarin kommt heraus und reicht mir ein Handtuch zum Abtrocknen.
Ich nehme es und sage: «Danke, es ist besser, Sie fassen mich nicht an, ich weiß nicht, was das für eine Substanz ist. Ich möchte nicht, dass sich jemand verletzt. Aber können Sie sich um Kylie kümmern? Sie hat doch nichts abbekommen?»
Die Nachbarin nickt, und ich entferne mich ein wenig von den Menschen, die um mich herumstehen, setze mich vor einem blätterlosen Strauch auf den kalten Boden, trockne mit dem Handtuch mein Gesicht ab. Dann warte ich. Nach ungefähr vier Minuten, die sich anfühlen wie eine ganze Ewigkeit, taucht endlich der Krankenwagen auf. Ein Arzt mit Handschuhen an den Händen hilft mir in den Wagen.
«Bitte, passen Sie auf», sage ich und füge hinzu: «Ich bin Diabetikerin.»
Noch während der Arzt mir einen Zugang legt, taucht die Polizistin auf, der ich tags zuvor alles über Daniels Einschüchterungsversuche erzählt habe und die meine Aussage aufgenommen hat.
«Sie kenne ich doch», spricht sie mich an, während sie vor dem Krankenwagen steht. «Sie sind doch gestern bei uns gewesen! Wer war das?»
«Mein Exfreund», erwidere ich. «Daniel F., der, den ich angezeigt habe.»
«Sind Sie sich sicher?»
«Ja, da bin ich mir absolut sicher.»
Sie fängt noch an, andere Sachen zu fragen, aber der Notarzt mischt sich ein. «Das muss jetzt warten. Dafür haben Sie noch später Zeit. Wir müssen jetzt los. Jede Minute zählt.»
Ich höre noch, wie der Notarzt und der Sanitäter überlegen, wohin sie mich fahren sollen, in welches Krankenhaus. Es muss schlimmer um mich stehen, als ich vermute. Daniel hat ein Attentat auf mich verübt.
Februar 2016
War ich wach oder schlief ich? Manchmal schien ich es zu wissen, dann wieder nicht. So genau konnte ich es nicht einordnen. Ich befand mich in einer Art Zwischenzustand, aber immerhin war mir bewusst, dass ich am Leben war. Genau, tot war ich nicht, doch als ganz normal nahm ich das Geschehen um mich herum auch nicht wahr. Weder ging ich zur Arbeit, noch machte ich Spaziergänge mit meiner Beagle-Dame Kylie, ich lümmelte auch nicht mit einem Freund oder einer Freundin auf dem Sofa oder sah mir irgendwelche Fernsehserien an. Genauso wenig besuchte ich meine Eltern oder meine Schwester, sie schienen sich eher in meiner Nähe aufzuhalten. Irgendetwas stimmte hier nicht, ich wusste nur nicht, was.
In jenem Moment aber war etwas anders, grundsätzlich anders. Es versammelten sich Menschen um mein Bett, und zwar in einer Anzahl, die mir ungewöhnlich vorkam. Ich hatte das Gefühl, sie alle zu kennen, allerdings waren die meisten bislang zu zweit in meiner Nähe gewesen, während das hier geradezu einem Aufmarsch glich. Was wollten sie bloß alle von mir? Was war nur los? Immer deutlicher hörte ich ihre Stimmen, wie sie leise miteinander redeten, und auch ihre Umrisse konnte ich nach einer Weile klarer erkennen. Plötzlich wusste ich, was anders war als sonst. Ich öffnete zum ersten Mal wieder meine Augen. Ja, Augen, Mehrzahl. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich auf einem Auge blind war, besser gesagt nahezu blind. Eigentlich hatte ich also nur mein eines Auge geöffnet, um genau zu sein, das rechte. Und mit diesem Auge nahm ich nun Schläuche und Geräte wahr, die ich nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Minutenlang starrte ich auf fünf aufgezogene Spritzen in einer Schale, zwei oder drei davon gefüllt mit einer weißen Flüssigkeit, die sie scheinbar in einem bestimmten Rhythmus in meinen Körper abgaben. Was war das für eine Apparatur? Was hatte das Ganze zu bedeuten? Und wieso hatte ich zwei Schläuche in der Nase?
Eine Krankenschwester, die ich an ihrer Dienstkleidung erkannte, trat an mein Bett. Sie beuge sich ein wenig zu mir herab, das besorgt dreinblickende Gesicht von mittelblondem, kinnlangem Haar umrahmt. Zarte Grübchen umspielten ihre Mundwinkel, als habe sie noch ein anderes Gesicht, mit dem sie zu lächeln pflegte.
«Ich bin Schwester Clara», sagte sie. «Es ist alles in Ordnung mit Ihnen. Ihre Eltern sind auf dem Weg hierher und werden bald da sein. Schlafen Sie noch ein wenig.»
Ich wollte etwas sagen, war aber nicht dazu in der Lage. An meinem Blick erkannte Schwester Clara jedoch, was ich hatte fragen wollen.
Sie lächelte, dann erklärte sie, während sie mir sanft über das Haar strich: «Sie brauchen keine Angst zu haben. Sicher wollen Sie wissen, was es mit den Schläuchen auf sich hat. Nun, durch den einen bekommen Sie Sauerstoff zum Atmen, und der zweite Schlauch geht tiefer in Ihren Körper hinein, bis in den Magen. Durch ihn werden Sie künstlich ernährt. Über eine Sonde bekommen Sie Ihr Essen. Und das möchte ich Ihnen jetzt zuführen.»
Wie bitte? Was jetzt? Ich hatte überhaupt kein Gefühl dafür, was mit mir passiert war. Sicher, ich war nach dem Attentat in einem Krankenhaus gelandet, und dann hatte man mich gewaschen. Daran konnte ich mich wohl noch erinnern. Und jetzt lag ich in einem Bett, in einem Zimmer, das von Neonlicht erhellt war. Das war noch einigermaßen nachzuvollziehen. Aber ich konnte mich nicht ansatzweise daran erinnern, über eine Sonde Nahrung erhalten zu haben. Hatte ich da etwas verpasst?
Die Schwester runzelte die kräftigen Augenbrauen, als sie mit einer der aufgezogenen Spritzen an mein Bett trat.
«Es wird gleich ganz kalt. Dann müssen Sie schlucken.»
Es war genau, wie sie gesagt hatte. Im Rachen wurde es bitterkalt, als hätte ich Eis im Mund. Ich hatte Angst, nicht schlucken zu können, denn ich fühlte mich viel zu müde, viel zu schlapp für irgendeine Bewegung. Doch der Schluckreflex stellte sich von ganz allein ein, ich schluckte und schluckte, bis die Spritze leer war. Es fühlte sich überhaupt nicht unangenehm an, ganz und gar nicht, und es roch nach Erdbeere.
Wieder sah ich Schwester Clara an, bislang hatte unsere Kommunikation funktioniert. Auch ohne Worte.
«Sie haben sich für einige Zeit in einem künstlichen Koma befunden», erklärte sie prompt. «Und vorhin haben wir Sie wieder aufwachen lassen.»
Ich war also im Koma gewesen. Das erklärte meine diffusen Erinnerungen. Aber warum hatte man mich überhaupt ins Koma versetzt? Das machte man doch nur bei Patienten, denen etwas Gravierendes zugestoßen war. Offensichtlich traf das bei mir zu. Und bekam man während dieses unnatürlich starken Tiefschlafs tatsächlich etwas von seiner Umgebung mit? Bislang hatte ich immer angenommen, dass dies nicht der Fall war. Man konnte ja auch nicht selbständig atmen oder gar essen, deshalb auch die ganzen Schläuche. Vielleicht hatte man ja hin und wieder die Medikamente herunterdosiert. Und wie war das mit Schmerzen? Müsste ich nicht welche haben? So überlegte ich vor mich hin, jetzt, wo ich wieder wach war. Wenn ich in einem Bett lag, umgeben von so vielen Schläuchen, Geräten und Monitoren, dann müsste ich doch eigentlich auch Schmerzen haben. So hatte ich mir das jedenfalls immer vorgestellt. Ich war verwirrt, zu viele Gedanken strömten gleichzeitig auf mich ein.
Eingehend betrachtete ich Schwester Claras Gesicht: schmale Augen, langgezogene Nase, hohe Wangenknochen. Sie war etwa Mitte dreißig, vielleicht aber auch jünger oder älter. Einzuschätzen, wie alt andere waren, hatte noch nie zu meinen Stärken gehört, was daran liegen konnte, dass ich selbst einfach noch zu jung war. Mit sechsundzwanzig interessierte mich das Alter nicht so sehr, es hatte mich eigentlich noch nie besonders interessiert. Es kam mir auf den Menschen an, nicht auf das Alter.
Schwester Clara wies auf mein Schlüsselbein und erklärte: «Sie haben dort einen Zugang, über den wir mit Hilfe kleiner Rädchen die Schmerzmittel dosieren, die wir Ihnen verabreichen.»
Erneut schien sie geahnt zu haben, was mich bewegte. Wahrscheinlich wusste sie dank jahrelanger Erfahrung, was in den Patienten in einer vergleichbaren Situation vorging. Und schon wenig später sollte ich erleben, wie genau man mich in meinen schmerzlosen Zustand versetzte. Ein Rädchen wurde aufgedreht und eine Spritze am Zugang angesetzt, bis die darin enthaltene Flüssigkeit in meinen Körper gelaufen war, dann wurde das Rädchen wieder zugedreht – anschließend machte sich ein Gefühl in mir breit, und zwar das schönste, das ich seit langem erlebt hatte. Überall in meinem Körper wurde es ganz warm. Als wäre ich aus der Badewanne gleich ins Bett gehuscht und meine Mutter hätte eine frisch gewaschene Bettdecke, geradewegs aus dem Trockner, über mich gebreitet. All meine Sorgen, mein ganzer Kummer waren vergessen. Ich fühlte mich nur geliebt. Mit dieser Vorstellung dämmerte ich weg.
Dann erwachte ich erneut, das zweite Mal öffnete ich meine Augen, jedenfalls ging ich davon aus, dass ich mit beiden sehen konnte. Langsam wurde mir bewusst, warum ich hier in diesem Bett lag. Daniel. Ein Traum von einem Mann. Fast jeden Morgen hatte er mir Frühstück ans Bett gebracht oder war mit mir aufgestanden, um mit mir gemeinsam in der Küche zu frühstücken. Er hatte das Haus geputzt und sich liebevoll um die Hunde gekümmert, um Kylie und seinen Mischling Tyra. Fuhr ich zur Arbeit, steckte er mir immer etwas für die Mittagspause in die Tasche, einen kleinen Snack. Kam ich von der Arbeit zurück, stand er am Herd und kochte etwas für mich. Aber es gab nicht nur diese helle Seite an ihm. Wie ein Donnerschlag konnte, von einer Sekunde auf die andere, seine dunkle Seite zum Vorschein kommen. Unberechenbar war er in solchen Momenten.
Und dann gab es da diesen Morgen wenige Tage nach meinem Geburtstag, ab dem mein Leben, das ich gerade zurückerobert zu haben glaubte, nicht mehr so war wie zuvor. Daniel hatte mir aufgelauert, mir etwas ins Gesicht geschüttet, von dem ich inzwischen wusste, dass es Säure gewesen war. Tränen schossen mir in die Augen. Was musste das alles meinen Eltern für Kummer bereitet haben. Irgendwie hatten sie wohl erfahren, dass man mich ins Krankenhaus gebracht hatte, und mich dort besucht, das war mir klar, denn trotz des Komas hatte ich gespürt, dass sie nah bei mir gewesen waren. So betroffen mich das machte, war ich gleichzeitig auch auf merkwürdige Weise erleichtert. Es war, als hätte ich die ganze Zeit auf etwas Schreckliches gewartet, und jetzt, da es offenbar passiert war, hatte der dunkle Schatten sich wieder verzogen. Der Spuk war vorbei, war aus dem Fenster geschlüpft.
Zwei Wochen lang hatte ich im Koma gelegen, so langsam wurde mir das auch bewusst. Bei «Koma» handelt es sich um einen Ausdruck, der in Fällen wie meinem nicht ganz zutreffend ist, denn es ist eigentlich eine Langzeitnarkose. Die Ärzte verwenden, um diesen Zustand herbeizuführen, dieselben starken Schmerz- und Schlafmittel wie bei einer OP-Narkose. Sinn und Zweck ist es, die Hirnzellen dadurch zu entlasten, dass der Stoffwechsel und der Sauerstoffbedarf des Gehirns reduziert werden. Die meisten Organe arbeiten während der Langzeitnarkose selbständig weiter. Das Herz schlägt, die Leber und die Nieren funktionieren. Doch je länger die Narkose, desto größer die Gefahr, dass es zu Komplikationen kommt. Und zwei Wochen sind für ein künstliches Koma eine lange Zeit. Entsprechend groß muss die Sorge um mich gewesen sein.
In diese Gedanken hinein öffnete sich plötzlich die Tür. Sicher war es wieder Schwester Clara, die zur Abwechslung vielleicht mal ihr lächelndes Gesicht aufgesetzt hatte, so meine Vermutung, doch weit gefehlt. Es waren mein Vater und meine Mutter, die an mein Bett traten. Mit dunklen Ringen unter den Augen blickten sie mich an. Sofort verschwamm wieder alles vor mir.
«Alles gut», sagte mein Vater leise und beschwichtigend.
«Es tut mir so unendlich leid.» Ich flüsterte, meine Stimme klang heiser, noch ungeübt, aber immerhin kamen überhaupt Worte aus meinem Mund. Es war für mich unerträglich zu wissen, wie mich meine Eltern hier so liegen sahen, quasi reglos, mit Schläuchen in der Nase und an etliche Geräte angeschlossen. Bestimmt hatten sie, während man mich ins künstliche Koma versetzt hatte, lange bei mir im Zimmer gesessen, hatten ihren eigenen Gedanken nachgehangen, mich beobachtet und sich dabei ganz bestimmt auch gefragt, ob ich je wieder aus diesem Koma erwachen würde. Diese Ungewissheit musste sie maßlos beunruhigt haben.
«Psst. Du sollst noch nicht so viel sprechen», tadelte mein Vater mich liebevoll.
Aber ich konnte nicht schweigen. Seit ich wach war, hatte mich die Tat, Daniels Tat, ununterbrochen in ihren Fängen. Sie war für mich unverständlich, ein Rätsel, ohne jeglichen Sinn und Verstand. Ich hatte hin und her überlegt, ob ich etwas hätte anders machen können, um das alles zu verhindern. Trotz aller Schmerzmittel quälte mich dieser Gedanke unerbittlich. Auch wenn ich das Geschehene nicht mehr rückgängig machen konnte, ich nichts mehr zu ändern vermochte, so musste es doch einen Grund dafür geben, dass Daniel so etwas getan hatte. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass es keinen Grund gab – hinter jeder Angelegenheit verbarg sich doch eine Ursache, selbst wenn man sie anfangs noch nicht erkennen konnte.
«Warum?», fragte ich meinen Vater.
Nun sah ich hinter den Brillengläsern Tränen in seinen blauen Augen aufsteigen, sein mittelbraunes, kurzes Haar schien schlagartig ergraut zu sein, seine sonst leicht gebräunte Haut wirkte fahl. «Mein Schatz, ich weiß es nicht», wisperte er. «Ich weiß es beim besten Willen nicht. Ich verstehe wirklich nicht, wie ein Mensch überhaupt fähig sein kann, einem anderen Menschen ein solches Leid zuzufügen.» Langsam schüttelte er den Kopf. Ich fühlte, wie seine warmen Tränen auf meine Hand tropften.
Daniel. Er hatte alles für mich getan, allerdings nur solange alles so lief, wie er es wollte, andernfalls rastete er aus. Mit ihm Auto zu fahren war die Hölle gewesen, er war unaufmerksam, fühlte sich bei jeder Kleinigkeit von den anderen Autofahrern provoziert, zeigte ihnen den Mittelfinder, beleidigte sie und drangsalierte alles und jeden mit der Lichthupe. Ich konnte mich aber auch noch an eine bestimmte Situation erinnern, da war es nicht nur um andere gegangen, sondern um mich. Wir waren unterwegs, ich weiß gar nicht mehr, wohin eigentlich. Als wir Hunger bekamen, steuerten wir einen Burgerladen an. Auf dem Parkplatz vor dem Schnellrestaurant fanden wir noch eine freie Lücke. Wir stiegen aus, und auf einmal fing Daniel wie aus heiterem Himmel an, ein älteres Ehepaar anzupöbeln. Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass sie ihm etwas getan hätten, aber Daniel herrschte die beiden lauthals an: «Jetzt guckt nicht so blöd.» Der Mann und die Frau, beide sicher über achtzig, zuckten zusammen, die Frau klammerte sich ängstlich an ihren Mann.
«Bist du verrückt?», blaffte ich Daniel an. «Die haben dir doch überhaupt nichts getan. Älteren Menschen zollt man Respekt. Hat man dir das nicht beigebracht?»
Daniel machte eine wegwerfende Handbewegung. «Nun komm schon, lass uns was essen.»
«Mir ist der Appetit vergangen», entgegnete ich. «Ich will nur noch weg von hier.»
Wir stiegen wieder in den Wagen, doch Daniel fuhr nicht weit. Er hielt in einer Seitenstraße, nahm den Autoschlüssel an sich und ging, ohne ein Wort zu sagen, davon. Ich saß auf dem Beifahrersitz und wusste im ersten Moment nicht, was ich tun sollte. Dann stieg ich auch aus, aber anstatt Daniel zu folgen, schlug ich die entgegengesetzte Richtung ein. Ich wollte nur noch weg von ihm. Was er da veranstaltet hatte, war in meinen Augen unentschuldbar, das wollte ich nicht tolerieren, ich fand es einfach unerträglich. Ich drehte mich im Weggehen nicht nach ihm um, und so sah ich auch nicht, dass Daniel seinerseits kehrtgemacht hatte. Das bekam ich erst zu spüren, als er mich an der Kapuze packte und mich nach oben zog, sodass meine Füße nicht mehr den Boden berührten. Samt Haaren ließ er mich in der Luft baumeln. Ein unerträglicher Schmerz durchzuckte meinen Körper. Nie zuvor war er mir gegenüber handgreiflich geworden. Laut schrie ich, dass er von mir ablassen solle. Das tat er schließlich, aber nicht etwa, weil ich es von ihm verlangt hatte, sondern weil eine Frau auf uns aufmerksam geworden war, die mit ihrem Telefon herumfuchtelte und rief, sie würde sofort die 110 wählen, wenn er mich nicht augenblicklich loslasse. Wieso hatte ich dieses Erlebnis später verdrängt? Wieso hatte ich mich damals nicht sofort von ihm getrennt? Er hatte sich entschuldigt, sich meine Kritik angehört, war liebenswürdiger als je zuvor gewesen, hatte Besserung gelobt – und sich wohl darüber gefreut, dass ich ihm alles geglaubt hatte. Wie dumm ich gewesen war.
Mein Vater wischte die Tränen von meiner Hand, in einer hilflosen, fast schon verzweifelten, aber auch Mut machenden Geste.
«Was ist mit Kylie?», wollte ich wissen. Meine Beagle-Dame war ja während der Tat dabei gewesen, ich hatte sie bei der Nachbarin zurücklassen müssen.
«Es geht ihr gut, sie hat nichts von der Säure abbekommen», beruhigte er mich.
«Sie ist bei mir», fügte meine Mutter hinzu, während sie über meinen Arm strich. «Ich werde gut auf sie aufpassen.»
Ich nickte. Ich wusste, dass sie sie verwöhnen, dass es Kylie an nichts fehlen würde.
Eine dritte Sorge bewegte mich, sie hatte mich am stärksten belastet, seit ich wieder wach war. War es möglich, dass Daniel ins Krankenhaus gelangen konnte, in diese Station, in dieses Zimmer, in dem ich lag?
«Ist er weg?», brachte ich hervor. Ich konnte noch gar nicht wieder richtig sprechen, abgesehen von einzelnen kurzen Sätzen. Einerseits, weil in meinem Gesicht alles geschwollen war, andererseits, weil mein Kopf mich glauben machte, es nicht zu können. Also versuchte ich es gar nicht erst, beschränkte mich auf wenige Worte. Ich dachte, man hätte einen Luftröhrenschnitt bei mir gemacht, da sich ein dicker Verband um meinen Hals wand.
«Ja», beruhigte mich mein Vater. «Er kann dir nicht mehr weh tun. Er ist weggesperrt, in U-Haft.» Dann erzählte er noch alles Mögliche. Dass ich fast zwei Wochen im Koma gelegen hätte und dass die ganze Zeit jemand bei mir gewesen wäre – er, meine Mutter oder meine Schwester. Dass ich sicher bald von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt werden könne. Und schließlich versprach er, dass wir gemeinsam eine Reise unternehmen würden, ich solle nur kämpfen und niemals aufgeben. Es gebe immer etwas, für das es sich zu leben lohne.
Seine Worte drangen zwar zu mir durch, aber so ganz gelang es mir nicht zu begreifen, was er mir damit eigentlich genau sagen wollte. Das mit dem Koma hatte ich inzwischen kapiert. Aber was sollte das mit dem Kämpfen, und wieso bat er mich so eindringlich, auf keinen Fall die Flinte ins Korn zu werfen? Erst im Nachhinein wurde mir klar, warum er so vehement darauf bestand. Ich selbst hatte mein Gesicht zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen, mein Vater aber sehr wohl. Genauso wie meine Mutter und meine Schwester. Sie alle drei versuchten stark zu sein – für mich. Sie hatten, wie ich nach und nach verstehen sollte, schreckliche Angst, dass ich aufgeben würde, mich aufgeben würde. Doch das kam für mich gar nicht in Frage. Was war denn das überhaupt für ein Gedanke? Nicht mit mir! Ich war es doch, die ihnen helfen wollte, sie unterstützen und ihnen die Sorgen abnehmen. Allen voran meinen Eltern, ich war doch ihre Tochter.
Das Gespräch hatte mich angestrengt, und irgendwann schlief ich vor Erschöpfung ein, ohne mich noch von meinen Eltern zu verabschieden. Genauso wenig bekam ich mit, dass sie irgendwann mein Zimmer verließen Ich wachte erst wieder auf, als über mir ein Licht anging. An meinem Bett stand erneut Schwester Clara.
«Ich werde mich auch heute um Sie kümmern. Schwester Miriam und ich werden Ihnen dabei helfen, dass es Ihnen bald wieder bessergeht.» Ich hielt sie fest, warum, hätte ich in diesem Moment nicht sagen können, als würde ich etwas von ihr erfahren wollen, was ich zugleich nicht wissen wollte. «Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben», beruhigte sie mich, «wir sind immer bei Ihnen.» Bei diesen Worten fasste sie mich an den Händen.
Hatte ich Angst? Gab es denn einen Grund für mich, Angst zu haben? Ich konnte mit ihrer Aussage nichts anfangen. Daniel war weggesperrt, wie mir mein Vater versichert hatte, er konnte mir nichts mehr anhaben. Also brauchte ich doch keine Angst zu haben. Oder gab es womöglich Konsequenzen von Daniels Tat, vor denen ich mich fürchten musste? Was genau hatte er mir angetan? Ich wusste eigentlich nur, dass er mir in seiner Wut Säure ins Gesicht geschüttet hatte. Nicht ohne Folgen, klar, sonst wäre ich nicht hier gelandet. Aber was genau waren die Folgen?
Eine zweite Krankenschwester betrat das Zimmer. Ihre blauen Augen standen weit auseinander, das lange schwarze Haar fiel ihr glatt über die Schultern, der Pony bedeckte ihre Stirn, ihre Ohren zierten kleine goldene Stecker. Sie war hübsch, sehr schmal, perfekt geschminkt, fast schon zu elegant für ein Krankenhaus. Das musste wohl Schwester Miriam sein. Sie hatte eine Schüssel mit Wasser bei sich und begann, mich zu waschen. Ich zitterte wohl, denn sie sagte: «Entschuldigung. Ich weiß, das Wasser ist schon ein wenig kalt geworden, aber ich bin gleich fertig.» Sie sollte sich noch häufiger entschuldigen, wenn sie merkte, dass es unangenehm für mich wurde.
Kurz darauf, zumindest in meiner Wahrnehmung, war Visite. Ich musste mindestens vierzehn Stunden lang geschlafen haben, denn es war tatsächlich schon der nächste Tag. Der Arzt, Professor Dr. Peter Vogt, Direktor des Schwerbrandverletztenzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover, war ein Mann, bei dem es einem den Atem verschlagen konnte, wenn er ein Zimmer betrat. In diesem Fall mein Zimmer. Zimmer 4. Er wirkte wie ein Gentleman durch und durch, imposante Statur, helles, dichtes Haar. Eine unglaubliche Präsenz ging von ihm aus, ich hatte sofort Respekt vor ihm. Und ich konnte mir gut vorstellen, dass, sobald er einen Hörsaal betrat oder irgendwo einen Vortrag hielt, alle im Raum sofort verstummten und sämtliche Augen nur noch auf ihn gerichtet waren.
«Frau Münstermann, Sie wissen, was geschehen ist?», begann er das Gespräch.
Ich nickte. «Ich kann mich inzwischen an jedes Detail erinnern. An die Tat, an den Krankentransport, auch ans Koma.»
Als der Krankenwagen eintraf, hatte ich seltsamerweise keine Schmerzen gehabt, wahrscheinlich durch das ganze Adrenalin, das seit dem Moment des Anschlags durch meinen Körper pulsierte. Ich hatte der Polizistin, die vor Ort war, sogar noch Fragen beantwortet, bevor der Notarzt sie wegschickte. Der weizenblond gelockte Sanitäter im Rettungswagen sprach dann mit so beruhigender Stimme zu mir, dass ich mich gleich sicher und gut aufgehoben fühlte. Er hatte mir eine Spritze mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, eine rosafarbene Flüssigkeit, und erklärt: «Das ist alles für Sie. ‹Hello Kitty› nenne ich diese hübsche Substanz. Sollten Sie irgendwelche Schmerzen verspüren, dann sagen Sie es mir bitte, Sie erhalten jederzeit Nachschub.» Es war Morphin.
Ich wusste noch, wie er mein Auge ausspülte und fragte: «Tut es weh?» Tat es nicht. Dann ging auch schon der mitfahrende Notarzt unwirsch dazwischen: «Wie kannst du das Auge spülen, wenn du noch nicht weißt, ob es Lauge oder Säure ist?» Aha, dachte ich, wie ich schon vermutet hatte. Es war tatsächlich kein Wasser gewesen, das Daniel in dem Saucenglas dabeihatte. Doch ganz gleich, ob nun Lauge oder Säure, beides verätzt die Haut, und zwar gut sichtbar. Während dieser Fahrt war ich bei vollem Bewusstsein und in der Lage, völlig normal mit dem Arzt und dem Sanitäter zu reden. Was vielleicht daran lag, dass ich das ganze Ausmaß von Daniels Tat noch nicht begriffen hatte. Es mir schlicht nicht vorstellen konnte. Sicherlich auch dank «Hello Kitty».
Man brachte mich zunächst ins Klinikum Nordstadt. Bei meiner Einlieferung, so erzählte man mir später, sei sofort klar gewesen, dass etwas nicht stimmte. Ich hätte ausgesehen, als habe man mir den kompletten Inhalt eines Farbeimers ins Gesicht geschüttet, die gesamte Gesichtshaut habe sich zusehends grün verfärbt, meine Haare seien tropfnass gewesen, das Fell meiner dunkelgrauen Winterjacke habe nur so getrieft. Im Nordstadt-Krankenhaus angekommen, zog man mich als Erstes vorsichtig aus und spritzte mich dann von oben bis unten mit kaltem Wasser ab. Anschließend wurde ich wieder auf eine Liege gebettet, während man mir erklärte, ich würde nun in die MHH gebracht, in die Medizinische Hochschule Hannover. Ich dachte noch, was ich denn an einer Hochschule sollte und warum ich denn nicht in dieser Klinik bleiben könnte, doch kurz nach dem Losfahren glitt ich ab in die Bewusstlosigkeit.
Als ich wieder zu mir kam, befand sich vor mir ein riesiges Waschbecken aus silbrig glänzendem Metall, regelmäßig durchlöchert wie ein übergroßes Nudelsieb. Obendrauf befand sich ein Gitter, auf das ich gelegt wurde. Man würde mich komplett waschen, erklärte man mir, um mich von der Säure zu befreien. Die Bewegungen der Personen um mich herum waren geschäftig, fast hektisch, ganz im Gegensatz zu ihren Stimmen. Sie waren ruhig und bestimmt und gaben mir das Gefühl, dass die Menschen, zu denen die Stimmen gehörten, genau wussten, was zu tun war. Ich dachte, dass man mich hier nur erneut waschen, mich von den letzten Säureresten befreien würde. Danach, so nahm ich an, könnte ich wieder nach Hause. Noch immer hatte ich keine Vorstellung davon, was Daniel angerichtet hatte. Es waren die letzten Minuten einer Vanessa, die es bald nicht mehr geben würde.
«Gibt es eine Möglichkeit, Ihr Nasenpiercing zu entfernen?», fragte mich ein Pfleger unwirsch. «Können Sie den Ring rausnehmen?»
«Nein», erwiderte ich. «Tut mir leid. Das kann nur der Piercer. Es sei denn, Sie haben eine Zange, mit der Sie den Ring aufknipsen können.»
