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Dieses Tagebuch über das Leben mit einem sogenannten "Kampfhund" erzählt von den schönen aber auch den schweren Momenten. Der Hund weiß nicht, dass man ihn Kampfhund schimpft - aber dennoch bestimmt dieses Stigma sein ganzes Leben und das seiner Besitzer. Die Autorin möchte zeigen, dass man jede Rasse aggressiv machen kann, aber kein Hund aggressiv auf die Welt kommt. Ike war das beste Beispiel dafür: er liebte Mensch und Tier und lebte sein Leben in freundlicher, friedlicher Naivität.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2017
W. Lenzke
Tagebuch über 8 Jahre und 3 Tage
Namen und Orte in diesem Buch sind größtenteils geändert um Privatsphären zu schützen.
© 2017 W. Lenzke
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-5314-7
Hardcover:
978-3-7439-5315-4
e-Book:
978-3-7439-5316-1
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Eigentlich sollte ich nicht 'Tiere suchen ein Zuhause' schauen. Ich weiß das, aber seit Joey und ich zusammenwohnen, sehen wir es uns trotzdem öfters an. Er zieht mich dann immer auf, weil ich nicht etwa die hübschen, umkomplizierten Hunde nehmen würde, sondern die, die keiner mehr haben will: zu alt, behindert, schwierig oder alles zusammen.
Aber vorgestern hat er tatsächlich gefragt, ob wir uns nicht einen Hund holen sollen. Natürlich will ich - aber wie soll das gehen? Wir sind beide gut zehn Stunden am Tag nicht zu Hause, wir unternehmen auch in der Freizeit viel, fahren weg, und am Wochenende liegen wir auch gerne länger mal im Bett. Trotzdem, der Gedanke reizt ungemein. Und da war doch so ein netter Dogo Argentino in der Sendung. Der war sogar noch recht jung und fit. Ich schaue einfach mal auf die Internetseite.
Der Dogo hat so viele Interessenten, dass man in seinem Tierheim meint, der ginge garantiert weg. Noch eine Interessentin mehr brauchen sie nicht. Joey schlägt vor, mal bei unserem Tierheim nachzusehen, und da ist direkt auf der ersten Seite eine neun Jahre alte Hündin mit einem steifen Hinterbein. Ein Notfall, weil sie wegen der Behinderung und des Alters keiner mehr haben will, außerdem ist sie ein American Staffordshire Mischling, also ein sogenannter „Kampfhund". Da ist die Steuer viel teurer und auch sonst ist es wohl mit allerlei Auflagen behaftet. Ein hübscher Hund (ich mag ja auch Bullterrier, obwohl die immer ein bisschen wie kleine Schweinchen aussehen). Die Hündin heißt Tara. Joey meint, wir könnten ja mal hin gehen.
Im Tierheim gab man mir die Nummer von Fanny, der 'Gassigängerin' von Tara. Toll, dass es Menschen gibt, die so etwas für Tierheimhunde tun. Früher gab es das nicht, da sind die Tiere im Zwinger versauert bis sie irgendwann dort starben. Fanny will sich mit uns treffen, damit wir uns Tara mal ansehen. Bin ganz aufgeregt und kaufe Leckerchen um mich einzuschmeicheln!
Dann sind wir dort und Tara sieht viel schlechter aus als auf den Internetfotos. Sie leidet sehr im Tierheim, ist auch schon sechs (!) Jahre dort und hat im letzten Jahr einen Zwingerkoller entwickelt, d.h. sie springt die ganze Zeit an den Wänden hoch. Ansonsten ist sie sehr lieb und ruhig, mag Menschen, allerdings keine anderen Hunde. Wir waren mit ihr und Fanny spazieren, und wenn andere Hunde kommen muss man Tara ablenken oder weiterziehen. Das ist zwar anstrengend aber ich denke, damit könnte man klar kommen. Auch mit dem steifen Bein, was sie natürlich an langen Spaziergängen und erst recht an meinen geliebten Wanderungen hindert. Aber für einen Hund würde ich schon zurückstecken, denke ich.
Ein größeres Problem ist, dass sie nicht alleine bleiben kann. Wie soll das gehen, wenn wir mal weg müssen, zum Arzt oder so? Zur Arbeit müsste ich sie ohnehin mitnehmen, falls meine Chefs das erlauben. Peter ist da sicherlich kein Problem aber Paul ist ja auf Tierhaare allergisch.
Weniger problematisch ist für uns die Tatsache, dass es ein Kampfhund ist.
Obwohl ich bisher gar nicht wusste, was es da alles für Auflagen gibt:
Wir müssen ein Führungszeugnis beantragen und eine Sachkundeprüfung beim Veterinäramt ablegen. Außerdem kommt jemand vom Ordnungsamt zu uns nach Hause und schaut sich an, in welchen Verhältnissen wir leben, ob die Wohnung für den Hund ausbruchsicher ist, er vernünftig untergebracht ist etc. Der Vermieter muss schriftlich zustimmen und erst wenn all das vorliegt, bekommen wir die offizielle Genehmigung. Die Steuer beträgt dann 600 € im Jahr, es sei denn, der Hund besteht den Wesenstest und bekommt Maulkorbbefreiung, dann zahlen wir wie alle anderen Hundebesitzer auch 98 €.
In Urlaub darf man nur mit bestimmten Auflagen und auch nicht in jedes Land einreisen. Frankreich und England zum Beispiel fallen dann künftig weg. Aber auch innerhalb Deutschlands gibt es Dinge zu beachten und zu befolgen. Man darf den Hund nicht mal von der Nachbarin oder sonst jemandem ohne entsprechende Zulassung Gassi führen lassen (z.B. weil man krank ist) oder auch nur in deren Wohnung „parken", wenn man mal etwas erledigen muss und der Hund nicht allein zu Hause bleiben soll (z.B. weil er krank ist).
Man darf ihn nicht vor einem Geschäft anbinden, da man ihn ständig unter Kontrolle haben muss und darf auch nur in nüchternem Zustand mit ihm unter die Leute.
Alles nicht so einfach! Aber ich trinke kaum Alkohol, vor einem Geschäft würde ich den Hund eh nie allein lassen (dafür werden die zu oft geklaut) und Italien ist mindestens so schön wie Frankreich. Wie England sowieso...
Ich habe meine Chefs gefragt und ein bisschen auf die Tränendrüse gedrückt. Mitleid mit dem Hund haben sie dann doch gehabt und Paul meinte, wenn ich ihn mal mitbringe und er nicht allergisch reagiert, könnten wir darüber reden.
Fanny und Tara waren daraufhin heute bei mir im Büro. Mit den behinderten Menschen in unserer Werkstatt hat sie überhaupt keine Probleme und obwohl Paul etwas allergisch reagiert (er hat sie allerdings zum Testen extra gestreichelt und sich danach mit den nicht gewaschenen Händen mehrmals ins Gesicht gefasst) meint er, ich könnte den Hund mitbringen. Er würde dann halt die Finger von ihr lassen.
Die größte Hürde ist geschafft!
Bin in Hamburg zu einer einwöchigen Schulung. Samstag, wenn ich zurück bin, wollen wir Tara endlich aus dem Tierheim holen. Wir haben zwischenzeitlich unsere Führungszeugnisse beantragt, eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen und beim Veterinäramt die Sachkundeprüfung abgelegt. Das ist ein Test von etwa 52 Fragen, die sich auf das Verhalten von Hunden, übertragbare Krankheiten und rechtliche Dinge beziehen und nachweisen sollen, ob man genug Ahnung von Hunden hat, um mit einem ‚Anlage- bzw. Listenhund‘ (so nennt man Kampfhunde inzwischen politisch korrekt) richtig umzugehen.
Dann kam noch ein Mann vom Ordnungsamt nach Hause und hat unsere Wohnung inspiziert: sind wir Messies und/oder drogensüchtige Trinker? Kann der Hund auf den Balkon des Nachbarn springen oder auf andere Art entkommen? In seinem Beisein mussten wir die Türklinken ausbruchsicher nach oben schrauben, dann war er zufrieden. Ob der Hund artgerecht gehalten werden kann und ein schönes Plätzchen zugewiesen bekommt schien ihm dabei eher zweitrangig.
Jedenfalls haben wir alles geschafft, und auch wenn wir Tara wegen meiner Schulung noch nicht holen konnten, bin ich jeden möglichen Tag von der Arbeit aus ins Tierheim gefahren und mit ihr Gassi gegangen. Manchmal war sie so schwach, dass wir uns nur auf die nächste Bank im Wald gesetzt haben, ich habe ihr etwas zu fressen gegeben und sie gestreichelt. Das hat sie so genossen, dass sie sich anschließend nur mit Gewalt wieder ins Heim zurückbringen ließ. Es zerreißt mir das Herz!
Sie wurde von Tag zu Tag dünner, hatte ständig Durchfall und am Mittwoch vor der Schulung durfte ich sie gar nicht herausholen, weil sie blutigen Durchfall und Erbrechen hatte. Wir haben eine Tierarztversicherung abgeschlossen, denn es ist klar, dass dieser Hund alles andere als fit ist.
Und nun bekomme ich heute den Anruf von Fanny, dass Tara eingeschläfert werden musste: sie hatte eine großen Tumor am Magen, der durchgebrochen ist.
Ich bin traurig, weil ich mich so auf den Hund gefreut hatte, aber ich habe auch das Gefühl, dass es vielleicht besser so ist. Mit Tara wäre eine Menge auf uns zu gekommen. Klar, ich hatte mich für sie entschieden, und als ich merkte wie schwierig sie war – insbesondere in Bezug auf das Nicht-alleine-bleiben und die Aggressivität Artgenossen gegenüber – wollte ich nicht ‚kneifen‘. Aber sie wäre eine erhebliche Belastung für mich und vermutlich auch für unsere Beziehung geworden, denn ich habe immer gemerkt, dass Joey mehr oder weniger nur mir zuliebe eingewilligt hatte. Einen echten Draht zu ihr hat er nicht bekommen.
Wir haben dann abends telefoniert, und ich habe ihm die Entscheidung überlassen, ob wir das ‚Projekt Hund‘ nun aufgeben oder uns nach einem anderen umsehen. Sicherheitshalber habe ich schon einmal eine Liste der Dinge gemacht, die ich besorgt habe und ggf. jetzt zurückgeben oder im Internet verkaufen müsste: Näpfe, Halsband, Leine, Maulkorb, Schlafkissen für Hause und für‘s Büro, eine große Tüte Futter etc. Aber Joey möchte auch einen Hund. Er habe schon im Internet nachgesehen und da wären ja noch einige andere nette. Dass wir uns wieder für einen Listenhund entscheiden ist jedenfalls klar, jetzt, wo wir alle Voraussetzungen erfüllen.
Und es gibt wirklich so viele davon im Heim, weil sie ja keiner haben will: zu teuer, zu schwierig, zu sozial belastet.
In der Seminarpause laufe ich an den Hotel-PC und schaue mir die anderen Hunde an. Acht drucke ich aus und rufe im Tierheim an, dass wir Samstag kommen und uns umschauen. Spike, ein kleiner dunkelbrauner Stafford, auch schon ein paar Jahre dort und neun Jahre alt, der aber alleine bleiben kann, möglicherweise auch Auto fahren mag und wenig Probleme mit anderen Hunden hat, erscheint mir ganz geeignet.
Ich kann das Ende des Seminars gar nicht abwarten: ich will nach Hause und (m)einen Hund holen!
Gleich nach dem Frühstück ins Tierheim. Die zuständige Pflegerin führt uns zu einer Box in der zwei Spikes sitzen, aber irgendwie sieht keiner von denen wie der aus dem Internet aus. Der dicke Spike ist ein Chinesischer Faltenhund, der andere immerhin ein Stafford, also wird der es wohl sein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Hunden, die sofort ans Gitter laufen, ignoriert er uns. Erst als die Pflegerin nach ihm ruft, kommt er, dreht uns aber gleich wieder den Rücken zu und setzt erst einmal ein ziemlich dünnflüssiges, unglaublich 'wohlriechendes' Häufchen direkt vor unsere Nase. Dann trollt er sich.
Die Pflegerin schaut bestürzt, schlägt dann aber schlau vor, ihn aus dem Zwinger auf die Auslaufwiese zu holen. Wir wollen sie nicht enttäuschen, aber auf dem Weg dorthin sind wir uns einig: dieser lethargische Hund ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Wir raunen uns zu: Der ist es wohl eher nicht, oder? Nö, glaub' ich auch, aber jetzt hat sie ihn rausgeholt, dann schauen wir ihn mal an.
Es dauert, bis sie ihn dazu gebracht hat den Zwinger zu verlassen (klar, wenn sie gerufen hat kam immer der falsche Spike), und so setzen wir uns schon mal an der Wiese auf eine Bank. Eine Gassigängerin spricht uns an: sie hat Spike am Wochenende bei sich zu Hause gehabt und ist absolut begeistert von dem Hund. So ein fröhlicher, freundlicher Geselle, der sich wunderbar mit ihren eigenen Hunden verstanden habe und ein ganz wunderbarer 'Anfängerhund' sei. Ach ja ?
Dann kommt „unser" Spike endlich um die Ecke und ist plötzlich wie ausgewechselt. Er wedelt uns an, findet sofort die Leckerlis in meiner Jackentasche und steckt schnaubend seine dicke Nase in die Tüte.
Er ist lebhaft und lässt sich mit Begeisterung streicheln, stützt sich dabei auf meine Knie und will seine Schnauze unbedingt in mein Gesicht stupsen.
Ich merke, wie Joey seine Meinung über den Hund revidiert - und ehrlich gesagt, gefällt er mir auch richtig gut. Wir nehmen seine Leine und drehen ein paar Runden auf dem Gelände. Dabei ist er an allem interessiert, aber weder bei den anderen Hunden, noch bei den Hängebauchschweinen oder Schafen und Ziegen in irgendeiner Weise aggressiv.
Bevor wir zu der erwartungsvollen Pflegerin zurückkommen frage ich: Und? Wie findest Du den Hund?
Ja also, meint Joey, was mich angeht, können wir ihn nehmen.
Die Gassigängerin jubelt mit der Pflegerin um die Wette, und als wir fragen, wann wir ihn haben könnten meint sie wir könnten ihn sofort schon mitnehmen. Lediglich ein paar Formalitäten noch und am Montag sollte ich noch mal zur Tierärztin kommen, weil an seinem rechten Hinterlauf eine Schwellung sei für die er eine Spritze bekommen soll.
Als wir für die Formalitäten ins Büro gehen schaue ich mir dort den Katalog an, weil ich noch mal die näheren Angaben zu Spike nachschauen möchte. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was da im Internet stand.
Ich finde den Hund im Katalog nicht, und es stellt sich heraus, dass man ganz vergessen hat „unseren" Spike zu fotografieren und ins Internet zu stellen. Der den ich dort gesehen habe ist also tatsächlich ein anderer, als dieser hier. Schicksal?
'Unser' Spike ist erst sechs Jahre alt und seit Oktober im Heim, weil sein früherer Besitzer die Auflagen nicht erfüllt hat. Ob er kinderlieb ist oder gerne Auto fährt weiß niemand. Sollte das nicht gehen, müssten wir ihn tatsächlich zurückbringen - denn wenn ich ihn nicht mit zur Arbeit nehmen kann geht es einfach nicht.
Aber nun nehmen wir ihn erst mal mit und schauen, wie es so klappt mit ihm.
Auf dem Heimweg sind wir uns jedenfalls schon einmal einig, dass er nicht einer von zig tausend 'Spikes' bleiben soll: wir kürzen ab und nennen ihn kurz „Ike". So wie Ike Eisenhower oder – etwas poppiger – Ike von Ike & Tina Turner.
Im Laufe der Zeit bekommt er sowieso jede Menge Spitznamen. Specki, Grunze, Schnarche... Auf die hört er genauso gut, oder genauso wenig, wenn sein Terrierdickschädel mal wieder auf Durchzug schaltet.
Nassfutter verträgt er offenbar nicht gut; daher auch die dünnflüssige Begrüßung im Tierheim. Um etwas dagegen zu tun versuche ich es mit Banane, aber die frisst er nicht. Harte nicht und weiche auch nicht. Da schafft er es sogar, sein Futter drumherum weg zu lecken bis die Schlüssel glänzt, aber die Bananenscheiben unangetastet darin übrig bleiben. Also gibt es ein paar Kräcker. Die findet er toll und durch das Salz ist der Durchfall schnell gestoppt.
Aber was frisst er sonst wohl?
Tomaten, Zwiebeln, Trauben, dementsprechend auch Rosinen, Avocado und Schokolade sind bekanntlich Gift, auch wenn es meist auf die Menge ankommt. Dicker werden soll er auch nicht, aber satt werden natürlich schon. Also erst mal ausprobieren, was er mag. Das ist schnell geschehen: außer den Bananen ist es nur Rucola den er verschmäht.
Neben Schokolade, Caramel und Keksen liebt Ike leidenschaftlich Milchprodukte aller Art. Wenn ich die Milchtüte aus dem Kühlschrank nehme springt er voller Vorfreude im Kreis. Allerdings bekommt er immer nur ein paar Schlucke, weil Kuhmilch eine etwas unangenehme Nebenwirkung hat: er schlabbert sie weg, schaut glücklich und rülpst dann, wie ein alter Bergbauer. Macht mir zwar nichts aus, aber es könnte ja auch mal Besuch dabei sein...
Ziegenmilch verträgt er besser und Joghurt auch in größeren Mengen. Für sich selbst bekommt er nur Naturjoghurt, aber wenn wir eine unserer Sorten essen hypnotisiert er den Becher und weiß genau: er darf nachher auslecken. Das macht er ganz akribisch, mit gerader Körperhaltung und oft auch angehobener Vorderpfote,bis wirklich auch absolut kein Rest Joghurt mehr im Becher ist. Bei großen Bechern, in die die Nase passt, brauche ich nicht mal festhalten.
Natürlich ist er begeistert von Wurst, Fleisch und Innereien, aber auch Fisch und sogar Gemüse wie Möhren, Zucchini, Fenchel etc. Von mir aus, soll er haben. Morgens gibt es eine Möhre nach dem Aufstehen, dann zum Frühstück einen Naturjoghurt mit Trockenfutter. Für den späteren Nachmittag stelle ich mich alle paar Tage kurz an den Herd, schneide Putenbrust, -leber oder -herz klein, manchmal gibt es auch Hack, dazu kleingeschnittenes Gemüse, alles in einer Pfanne gut durchgegart und in einer Plastikdose im Kühlschrank für die nächsten zwei bis drei Tage aufbewahrt. Manchmal ein rohes Eigelb dazu, auch Nudeln oder Reis lassen sich prima vorkochen und können mit dem Fleisch oder mal einer Dose Thunfisch oder Ölsardinen schnell gemischt werden.
So was schmeckt besonders gut, aber auch über einen Zwieback freut er sich und schleppt seine Beute gleich zum Zerkrümeln auf seine Decke.
Der Renner sind natürlich getrocknete Schweine- bzw. Rinderohren und Pansen. Stinkt wie die Pest, aber alle -wirklich alle - Hunde, sehen das völlig anders und stellen sich an, als sei das der Gipfel aller Genüsse. Damit probiere ich auch gleich aus wie er reagiert wenn ich ihm etwas zu Fressen wegnehmen will: Er liegt begeistert auf dem Rinderohr kauend in seinem Körbchen, ich setze mich daneben, greife nach dem durchgekauten Rest und sage ‚Aus‘. Ich ruckele ein bisschen daran, und er macht tatsächlich das Maul auf und lässt mich ohne Knurren oder Murren sein kulinarisches Highlight wegnehmen. Natürlich schaut er dabei demonstrativ entgeistert und verfolgt meine Hand mit der Nase, aber er widersetzt sich kein bisschen.
Dafür gibt es ein ganz, ganz dickes Lob und dann auch gleich das olle Ohr zurück damit er merkt, dass es ja gar keine schlimmen Konsequenzen hat wenn ich ihm mal etwas wegnehme. Guter Hund, mein Kampfhund!
Irgendwo lese ich, dass man den Hunden keine Knochen geben soll. Wie bitte? Das ist doch eigentlich das, was man so fressmäßig als erstes mit Hunden verbindet. Selbst mein Dackel hat immer den Knochen, aus dem Mutti die Markklößchensuppe gemacht hat, bekommen. Leider steht keine Erklärung bei dem Hinweis und so müssen wir die Erfahrung, dass der Tipp nicht ganz falsch ist, leider selbst machen: nach einem Grillabend gibt Joey Ike zwei Kotelettknochen, die der ratzfatz verputzt. Was wir dabei nicht sehen ist, dass er mit seinem kräftigen Gebiss den Knochen zwar klein beißt, aber nicht richtig zerkaut und daher große Stücke komplett geschluckt hat.
In der Nacht werde ich wach, weil er erbricht. Ein bisschen Schleim, ein paar Stückchen von seinem Betthupferl, mehr nicht. Ich putze es weg und denke, dass trotz Abspülens wohl doch noch zu viel knoblauchhaltige Marinade an den Knochen war und ihm die jetzt nicht so bekommt. Weit gefehlt.
Kurz nach dem Aufstehen am nächsten Morgen, bricht er wieder, und diesmal liegen in dem Schleim zwei unglaublich große, mit spitzen Enden versehene Knochenstücke. Sie sind bestimmt 3 – 4 cm lang und 2 cm breit; wie kann so etwas nur unbeschadet durch die Speiseröhre? Zum Glück ist kein Blut in dem Schleim, und er macht auch einen recht fitten Eindruck. Trotzdem rufe ich den Tierarzt an.
Wir vereinbaren, sofort zu kommen, falls blutiges Erbrechen, Verstopfung oder deutliche Krankheitszeichen auftreten, ansonsten rät er aber erst einmal abzuwarten, zu beobachten und Ikey 24 Stunden lang nichts zu geben außer Wasser.
Also wird Ike an dem Tag geschont (was er natürlich anders sieht, weil er nichts zu Fressen bekommt und einen auf ‚unglücklicher Hund‘ macht, sobald wir etwas essen), und es geht ihm glücklicherweise nach und nach wieder besser, so dass er am nächsten Tag auch wieder mit lauter feinen Sachen verwöhnt wird.
Nein, das mit den Knochen machen wir definitiv nicht mehr!
Das erste Wochenende habe ich mich wie eine junge Mutter mit ihrem ersten Kind gefühlt. Sein Plätzchen im Wohnzimmer hat Ike direkt angenommen, die ganze Wohnung beschnüffelt und sich dann auf seine Decke zurückgezogen. Nachts habe ich wenig geschlafen, weil ich mit einem Ohr immer gelauscht habe, ob wohl alles in Ordnung mit ihm ist. Er hat ein bisschen diese Art Zwingerhusten, unter dem mein Dackel seinerzeit auch litt. Das ist wie Asthma, die Hunde keuchen erbärmlich und versuchen verzweifelt Luft zu bekommen. Bei meinem Dackel dauerte das anfangs bis zu einer Stunde, bei Ike hört es zum Glück rasch wieder auf. Ich streichle ihn, rede beruhigend auf ihn ein, dann geht es wieder.
Wie bei den meisten Hunden ist es psychosomatisch und kommt bei Angst verstärkt vor. Nach einigen Wochen, als er sich sicher ist, dass er wieder ein richtiges Zuhause hat, tritt das Keuchen nicht mehr auf.
Morgens stehen wir ungewohnt früh auf, da wir nicht wissen wie lange Ike aushält und laufen mit ihm durch den Wald. Dann nach dem Frühstück noch mal, am frühen und am späten Nachmittag und kurz vor dem Schlafen gehen. So viel bin ich noch nie draußen herumgelaufen - schon gar nicht bei dem miesen Wetter, was wir zurzeit haben. Trotzdem macht es Spaß.
Wenig Spaß macht es, als ich direkt am ersten Morgen mit ihm Brötchen holen möchte. Ich mache ihn an der Halterung vor dem Laden fest und gehe hinein. Wie üblich stehen schon so einige Leute Schlange. Das Dumme ist, dass die Leine genau so lang ist, dass er jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, halb in den Laden kann, und genau das tut er auch.
Ich gehe also hinaus, schiebe ihn wieder in Richtung Halterung, gehe hinein, stelle ich mich wieder in die Schlange... und mache das insgesamt etwa 15 mal, bis ich endlich an der Reihe bin und mit meinen Brötchen und dem Hund wieder abziehen kann. Das hat nicht nur genervt, es ist auch ein bisschen peinlich wenn man merkt, dass die Leute denken, man habe seinen Hund nicht im Griff. So ein ungezogenes Tier! Schließlich weiß ja keiner, dass wir uns gerade mal seit weniger als 24 Stunden kennen und erst noch zusammenraufen müssen.
Sonntag früh fahren wir mit ihm Auto. Leider hat unser Wagen eine recht hohe Ladekante und jetzt müssen wir Ike beibringen, in den Kofferraum zu springen. Zur Unterstützung stelle ich eine umgedrehte Curverbox vor das Auto, lotse ihn erst dort hinauf und dann von dort in den Kofferraum. Er scheint sehr ungeübt im Springen, aber da er ein Geschirr trägt (weil ich das besser finde, als ein Halsband das die Kehle einschnürt) können wir ihn daran ein bisschen hoch ziehen, und er versteht rasch, was von ihm erwartet wird.
Das Auto ist noch keine drei Wochen alt, aber jetzt hat es Kratzer auf der Stoßstange, wo er sich mit seinen Krallen beim Springen aufstützt. Meine Blödheit! Ich lerne, künftig ein Handtuch oder etwas Ähnliches unterzulegen.
Das Autofahren an sich macht ihm offenbar Spaß. Er schaut interessiert aus dem Fenster und verhält sich ruhig. Was das angeht, müssen wir ihn also wohl doch nicht wieder zurückgeben!
Für den Nachmittag haben wir Freunde zum Kaffee eingeladen. Die Verdauungsstörungen sind allerdings noch immer aktuell. Er hat zwar keinen Durchfall mehr, aber ganz schön Blähungen. Zum Glück ist es warm genug, dass wir die meiste Zeit die Fenster aufmachen können ohne unseren Besuch auszukühlen, und so lüften wir vehement, damit unseren Freunden nicht der Appetit vergeht. Vielleicht ist es aber trotzdem der Grund, dass sie nicht ganz so lange bleiben wie sonst...
Die nächsten Tage habe ich frei, damit wir uns aneinander gewöhnen bevor ich ihn ins Büro mitnehme.
Montagmorgen fahre ich erst zum Ordnungsamt, wo die wirklich sehr freundliche Sachbearbeiterin die Genehmigung zum Halten eines Anlagehundes von Tara auf Ike umschreibt. Danach geht es ins Tierheim, damit er seine Spritze für das geschwollene Gelenk bekommt.
Ich rechne damit, dass er Angst hat, wenn es dorthin geht, aber offenbar hat er in den wenigen Monaten die er dort war doch nicht allzu sehr gelitten. Jedenfalls kommt er ohne Angst mit, begrüßt die Pfleger freundlich - und macht dann auf dem Absatz kehrt, als die Tür zum Behandlungsraum auf geht. Aber „seine" Pflegerin hält ihn fest, ich rede ihm gut zu, und schon hat er seine Spritze. Auf meine Frage, ob er denn insgesamt gesund sei, heißt es 'Soweit wir das sehen können, ja.' Nun denn.
Die Spritze bringt dem Beinchen wenig, sorgt aber wohl für Entwässerung, und so finde ich am nächsten Morgen eine Pfütze vor der Balkontür. Ich schimpfe nicht, sage nur ein wenig entrüstet 'Ja, was ist das denn?' und er schaut so schuldbewusst, dass klar ist, er weiß, dass das eigentlich nicht passieren soll.
Leider macht er sich überhaupt nicht bemerkbar wenn es 'pressiert', mit dem Resultat, dass er sofort laufen lässt, sobald wir aus der Haustür sind. Das wiederum ist für die Nachbarn nicht so toll, denn entweder landet es im Rasen vor deren Fenstern (das gibt gelbe Flecken und der Hausmeister wird toben) oder auf dem Zuweg, was ja auch nicht unbedingt appetitlich ist.
Aber ich kann auch nicht alle zwei Stunden mit ihm 'raus, also müssen wir uns etwas überlegen und üben, bis hinaus auf die Straße zu kommen.
Außerdem muss ich noch herausfinden, ob er alleine bleiben kann, ohne die Wohnung zu verwüsten und/oder Krach zu schlagen. Im Tierheim waren auch Hunde die ihre Besitzer nicht mehr in die Wohnung ließen, nachdem die mal weg waren, also 'bewaffne' ich mich mit einer Tüte Leckerchen und dem Handy und gehe hinaus.
Den Aufzug nehme ich nicht; schließlich könnte er stecken bleiben und aus den geplanten zwei Minuten Abwesenheit werden dann zwanzig oder sechzig. Also einmal zu Fuß runter ins Erdgeschoß, umdrehen, Treppe wieder hoch: zwei Minuten. Vorsichtig aufschließen - und einen Hund vorfinden, der vor Begeisterung, dass ich ihn nicht auf ewig verlassen habe, beinahe ausflippt.
Diesen Test steigere ich in den nächsten Tagen langsam bis zu einer halben Stunde, und er freut sich nicht nur jedes Mal wie Bolle über meine Rückkehr, sondern benimmt sich auch alleine in der Wohnung einwandfrei. Abgesehen davon, dass er sich auf das Sofa legt statt auf seinem Platz zu bleiben. Das tut er auch nachts und obwohl ich es ihm ja prinzipiell gönnen würde ist es auf einem fast weißen Sofa einfach nicht so eine gute Idee.
Also darf er nicht, was er offenbar die ersten sechs Jahre seines Lebens durfte - und das bezieht sich nicht nur auf das Auf-dem-Sofa-liegen. Er macht nämlich auch Anstalten sich im Bett breit zu machen. Außerdem bettelt er wenn man etwas isst und zwar so, dass er sich auf meinen Beinen abstützt um die Nase auf den Tisch zu legen. Nicht bei uns, mein Freund!
Geschirr und Maulkorb mag er allerdings überhaupt nicht. Sobald er auf weichen Untergrund kommt wirft er sich auf den Rücken, strampelt und windet sich wie ein Aal um die Sachen abzustreifen. Bei meiner Freundin auf dem Teppich finde ich das lustig, aber dann muss ich ein schweres Päckchen zur Post bringen.
Mit Hund und Paket an den Schalter. Der Beamte schickt mich erst mal zurück an einen Formularständer, wo ich mir die passenden Vordrucke zum Ausfüllen holen muss. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal ein Päckchen aufgegeben? Habe ich ernsthaft geglaubt, die Adresse auf das Päckchen schreiben und dann alles richtig frankieren würde ausreichen? Mitnichten! Ohne zwei verschiedene Formulare, den ordnungsgemäßen Aufkleber und die richtige Wahl zwischen acht anzukreuzenden Möglichkeiten der Versandart geht heute nichts mehr! Kaum habe ich die Vordrucke auf den Tresen gelegt, mir den an der stets zu kurzen Kette gesicherten, posteigenen Kuli gegriffen und die ersten Buchstaben in die Kästchen geschrieben, wirft sich Ike auf den Rücken und rödelt grunzend über den Teppich. Ich werfe den Kuli hin, versuche Ike umzudrehen, der rödelt unbeirrt vehement und kraftvoll weiter, das Päckchen fällt fast vom Tresen... ich kann es gerade noch auffangen, dafür flattert das Formular davon.
Ike windet sich weiter, alle Leute gucken, der Postbeamte schaut verängstigt, ich bin richtig sauer, schnappe mir schließlich den Hund und drehe ihn mit aller Kraft zurück auf seine Füße. Er schaut verdutzt – jedenfalls, soweit er schauen kann, denn er hat es geschafft, mit einem Bein aus dem Geschirr zu kommen, so dass der Gurt jetzt zu zwei Dritteln unterm Bauch festgezurrt ist. Den Maulkorb hat er halb über'm Auge nur noch an einem Ohr hängen. Mann, bin ich genervt! Päckchen und Formular liegen immer noch unausgefüllt in der Gegend herum, Hund ist mehr oder weniger bewegungslos, außer dass er immer wieder versucht, sich wieder auf den Rücken zu werfen um die lästigen ‚Kleidungsstücke‘ vielleicht doch noch ganz loszuwerden. O.K., tief Luft holen! Dann in dieser Reihenfolge: Hund anschnauzen und so kurz nehmen, dass er sich nicht mehr rühren kann. Soll er doch in dem Gurt hängen, ich muss jetzt erst mal den Rest erledigen. Im Eiltempo meine Formulare ausfüllen, dem langsam (aber gaaanz langsam) aus seiner Starre erwachenden Postbeamten das Geld hinwerfen, runter auf die Knie, alle Klett- und Karabinerverbindungen an Maulkorb und Brustgurt aufwursteln, dabei den lustig aufgekratzten Hund festhalten damit der nicht an plötzliche Freiheit denkt und das Weite sucht. Ihm schnell alles wieder umlegen und dann ganz fix hinaus auf die Straße, bevor er wieder auf dem Rücken liegt.
Die nächste halbe Stunde bin ich nicht übermäßig freundlich zu meinem Hund, und zu Hause suche ich im Internet erst mal nach einer geeigneten Hundeschule.
Nach dem gestrigen Erlebnis in der Post graut es mir davor, ihn heute mit ins Büro zu nehmen, aber oh Wunder, das funktioniert einfach prima.
Zurzeit teile ich mir noch ein Büro mit einem Kollegen, da unsere alten Räume umgebaut werden und erst Anfang April wieder beziehbar sind. Dementsprechend ist nicht viel Platz, aber ich muss Ike ja irgendwo festmachen, damit ich ihn im Auge behalten kann.
Nach einer entspannten Autofahrt lasse ich ihn auf dem Hof kurz Gassi gehen, dann hinein ins Gebäude. Der Eingang führt durch die Papierwerkstatt und schon ist er umringt von den behinderten Menschen, die die Hand nach ihm ausstrecken, rufen, schnalzen und ihm auf den Rücken klopfen. Er wedelt, genießt die Zuwendung und steckt seine Nase in jeden Mülleimer/Blumentopf/Schrank/Beutel an dem wir vorbei kommen. Da ich inzwischen weiß, dass er auf der Treppe etwa das fünffache Tempo von mir vorlegt, fahren wir Aufzug in die erste Etage. Den Flur entlang und ab ins Büro. Dort liegt schon ein gemütliches großes Kissen neben der Heizung, an deren Rohr ich ihn mit ausreichend Spielraum festmache. Nun schnell Wasser- und Fressnapf füllen, damit er das Büro gleich mit etwas Positivem verbindet.
Mein Kollege verabreicht Streicheleinheiten und kurze Zeit später sind auch alle anderen mal vorbeigekommen, um den Hund – der ja nun nicht die avisierte Tara ist -zu sehen. Chef Paul ist nicht da, so dass wir uns um seine Allergie vorerst keine Gedanken zu machen brauchen.
Chef Peter – der selbst Golden Retriever hat – geht erst vorsichtig an Ike heran, verliert aber bald seine Bedenken gegenüber Kampfhunden und knuddelt mit ihm herum. Später, als Ike friedlich schlafend auf seiner Decke liegt, meint er ‚Du bist ja wirklich ein hässlicher Köter, mit deinem großen Kopf und dem dünnen Hintern.‘ Grinst ihn an und schmust wieder mit ihm herum. Weil ständig wegen Ike jemand in mein Büro kommt, wird es an diesem Tag nicht gerade viel mit Arbeiten, aber das war mir auch vorher schon klar.
Um den Hund nicht überzustrapazieren habe ich ohnehin den Nachmittag frei genommen und so fahren wir um zwölf erst mal zu meinem Sportstudio. Ich parke so, dass ich sehen kann was er im Kofferraum tut und verkürze trotzdem sicherheitshalber mein übliches Training auf die halbe Zeit, aber das Warten scheint gar kein Problem für ihn zu sein. Erst schaut er lange aus dem Heckfenster, taucht dann ab und wartet friedlich liegend, bis ich zurückkomme. Zur Belohnung gibt es ein Leckerchen, dann fahren wir nach Hause und halten auf dem Hinweg am Unterbacher See um einen langen Spaziergang zu machen.
Künftig wird das beibehalten: bevor wir nach Hause kommen halte ich am See oder am Ostpark und wir gehen mindestens 40 Minuten flott spazieren.
So bekommt er genug Bewegung, und ich finde es, ehrlich gesagt auch richtig schön, bei Wind und Wetter durch die Natur zu laufen. Gerade jetzt im Frühling, wo alles anfängt zu blühen und die Vögel zwitschern!
Außerdem nutze ich die Spaziergänge zum Üben. Mit Kommando ‚Hopp‘ lasse ich ihn zum Beispiel auf Baumstämme oder Bänke springen damit ihm der Sprung in den Kofferraum irgendwann leichter fällt.
Das funktioniert dann auch bald so gut, dass er gar keine Unterstützung mehr braucht sondern – mit der Aussicht auf das Belohnungsleckerchen – ungeduldig mit einem kraftvollen Satz ins Auto hüpft sobald der Kofferraumdeckel hoch geht.
Nun ist Ike seit zwei Wochen bei uns und Joey fährt am Wochenende mit Freunden zum Ski laufen. Als wir Freitag aus dem Büro kommen ist er schon weg und Ike fällt das erst gar nicht richtig auf. Später schaut er öfter etwas irritiert zur Tür, aber da er durch die viele Zeit, die er bisher hauptsächlich mit mir verbracht hat ohnehin mehr auf mich fixiert ist, scheint es ihm nichts auszumachen, dass Joey das ganze Wochenende nicht auftaucht.
Erst als wir ihn Montagabend am Bahnhof abholen und Ike ihn wiedersieht, ist er ganz aus dem Häuschen.
Da wir nicht wissen, wie lange Ike über Nacht einhalten kann, sind wir in der vergangenen Woche nach ca. sieben Stunden Schlaf morgens mit ihm raus. Während der Arbeitstage ist Joey mit mir zusammen aufgestanden (was er all die Jahre nicht getan hat, da er gleitende Arbeitszeit hat und noch liegen bleiben kann, wenn ich schon unterwegs bin) und hat eine Hunderunde gedreht, abends gehen wir vor dem Schlafengehen zusammen.
An diesem Wochenende ohne Joey bin ich einmal so früh schlafen gegangen, dass ich am nächsten Morgen um 5.30 Uhr denke, jetzt kann ich den armen Hund nicht länger warten lassen. Also ungeduscht und nur notdürftig gekämmt in die Kleidung geschlüpft und im nieselverregneten Dunkel mit einem nicht minder müden Ike auf die Straße. Nach weniger als 50 Metern ist alles erledigt. Er dreht sich um und zieht vehement nach Hause, wo wir dann noch zwei Stunden schlafen.
Später geht es dann (geduscht und frisch!) für eine Stunde ab in den Wald; so früh morgens eine ganz neue, aber herrliche, Erfahrung. Was da alles zwitschert– und in welcher Lautstärke! Rehe stehen sorglos im Gebüsch und lassen uns ohne Angst passieren. Ein Specht hämmert wie ein Presslufthammer auf einen Baum ein. Der leichte Nieselregen lässt die jungen hellgrünen Triebe im frühen Morgenlicht glänzen, und die Luft duftet nach Frühling. Das alles hätte ich ohne Ikey nie gesehen.
Danach zu Hause ein leckeres Frühstück. Die Welt ist schön!
Abends im Dunkeln gehe ich nicht so gerne, aber auch das muss halt sein. Natürlich hätte ich gerne, dass Ike beide ‚Geschäfte‘ vor dem Schlafen gehen erledigt, damit ich nicht befürchten muss, dass über Nacht etwas im Wohnzimmer abgelegt wird. Aber nach einem Abend, an dem ich hundemüde eine Stunde lang durch den nahen Park gekreist bin und er einfach nicht bereit war mehr als eine Pfütze zu machen, lerne ich, dass man darauf nicht warten kann. Trotzdem ist am nächsten Morgen nichts passiert, und ich weiß jetzt, dass ich weder mich noch den Hund damit quälen muss zu nachtschlafender Zeit Ewigkeiten herum zu laufen. Er hat das schon im Griff.
Ich habe das Wochenende genutzt um ihm das Sofa „auszureden". Wenn wir dabei sind geht er ohnehin nicht drauf, da er weiß, er wird sofort wieder herunter gescheucht, aber wenn niemand im Raum ist, zieht es ihn einfach dorthin. Ganz offenbar war das in seinem früheren Zuhause erlaubt. Ich würde ja vielleicht auch weich werden, aber Joey möchte es nicht und außerdem ist das Sofa weiß und die Pfoten meist eher nicht, also müssen wir es ihm abgewöhnen.
Als ich abends schlafen gehe, drapiere ich also alle Kissen, die normalerweise als Rückenlehne dienen, am vorderen Rand der Couch, so dass er nicht nur eine optische Barriere hat sondern auch gar nicht da oben liegen könnte. Und es klappt. Ich höre ihn nachts dort herumschleichen, aber er versucht gar nicht erst hinauf zu springen. Dafür entscheidet er sich alternativ für meinen alten Lesesessel der in „seiner" Ecke steht und auch ziemlich gemütlich ist. Egal, den kann er haben. Ich lege eine Decke darauf und von da an gehört der Sessel ihm.
Wenn er dort liegt, zusammengerollt wie ein Welpe, ein Ohr aufrecht an die Armlehne gequetscht, die Nase auf die Sitzfläche gedrückt, sieht er aus, wie der zufriedenste Hund der Welt, und man fühlt sich glücklich, ihm wieder ein schönes Leben bieten zu können.
Allerdings sind wir sicher, dass er es vorher auch gut hatte, sonst wäre er bestimmt nicht der nette, verschmuste, friedfertige Hund, der er ist. Er mag ganz offenbar alle Menschen und hat nicht nur vor niemandem Angst, sondern auch das Vertrauen, dass ihm niemand etwas Schlimmes tut. Gleiches gilt auch bei anderen Hunden, sogar Katzen machen ihm nichts aus. Er kann sich benehmen (mit Betonung auf KANN – denn WILL ist natürlich noch eine ganz andere Geschichte), zerstört nichts und hat auch während der Zeit im Zwinger seine Erinnerung an das Stubenrein sein nicht verloren.
In ‚seinem‘ Sessel schläft er (schnarchend wie ein ganzes Sägewerk) so gut, dass er am nächsten Morgen gar nicht aufstehen will als Joey mit ihm raus möchte. Er steht kurz auf, schaut sich die einladend geschwenkte Leine an - und legt sich dann erst mal auf seine Decke, wo er demonstrativ die Augen zu kneift, damit man merkt ‚Hey, ich schlafe noch!‘ Joey lockt und säuselt, aber als alles nicht fruchtet legt er Ike einfach das Halsband um und versucht, ihn von der Decke zu ziehen. Ike bleibt aber liegen, nur die Decke rutscht über die Fliesen – und so zieht Joey eine Hundedecke mitsamt stoisch darauf liegendem Hund quer durch die Wohnung bis zur Tür wo sich Ike schließlich mit gequälter Miene dazu bewegen lässt, mit ins Freie zu kommen.
Dabei muss er meistens so nötig, dass wir es nach wie vor nicht schaffen, den Innenhof zu überqueren und auf die Straße zu kommen. Also nehmen wir ein Leckerchen in die Hand, halten es ihm mit aufmunternden Worten vor die Nase sobald wir die Haustür erreichen und laufen dann, so schnell es geht, unter anfeuernden Rufen „Yeah, du schaffst das!" mit ihm bis zur Außentür. Wenn er mitläuft und erst auf der Straße seine Pfütze macht gibt es eine Belohnung. Wenn nicht, gibt es nix.
Es dauert leider, bis er den Unterschied zwischen Innenhof und Straße versteht. Bis es soweit ist, rennen wir wie die Animateure im Ferienclub lockend und rufend mit dem Hund über den Hof und hoffen, dass uns kein Nachbar dabei beobachtet.
Nach nunmehr gut vierzehn Tagen haben wir ihm etwas Schlimmes angetan: er musste duschen. Sowohl Leine als auch Geschirr aus dem Tierheim stanken bestialisch und der ganze Hund roch nicht besonders gut, aber wir wollten mit der Duschaktion warten, bis er ein bisschen Vertrauen zu uns aufgebaut hat.
Nun war es soweit.
Joey hebt ihn in die Badewanne, hält ihn am Halsband fest und ich lasse vorsichtig lauwarmes Wasser über den Hund laufen. Keine große Begeisterung! Das Einschäumen mit extra Hundeshampoo (riecht nicht so gut, wie Menschenshampoo ist aber für Hunde besser und sie wälzen sich nicht anschließend sofort in einem toten Regenwurm um den für sie fiesen Vanille-, Orangen- oder Rosenduft wieder loszuwerden) gefällt ihm schon eher. Es ist ein bisschen wie kraulen und massieren. Ich schäume ihn zwei Mal ein, dann sanft abspülen und gleich mit einem großen Handtuch so trocken rubbeln wie möglich.
Er schaut leidend, versucht zu entkommen, aber Joey ist stärker, und als wir ihn am Ende aus der Wanne hopsen lassen ist er frisch und sauber und juckt sich anschließend endlich nicht mehr ständig den Pelz.
Dass er wasserscheu ist haben wir schon beim ersten Regenspaziergang gemerkt. Vor die Tür, merken, dass es regnet, schnellstens Gassi machen und dann sofort mit entschlossen den Rückweg antreten. Aber wir geben nicht nach – auch bei Regen wird spaziert! Er schaut dann ganz vorwurfsvoll, schüttelt sich alle paar Meter so heftig, dass er fast umfällt, und wenn ich einen Regenschirm halte geht er sogar plötzlich einwandfrei bei Fuß. Nur um mit unter den Schirm zu kommen!
Oder er drängt an den Hauswänden entlang ohne uns auch nur den Hauch einer Chance zu geben selbst dort im etwas trockeneren Bereich entlang zu gehen. Dieser Kampfhund ist bei Regen echt ein Weichei!
Überhaupt hat es den Anschein als sei er der absolute Stadthund der auch lange Spaziergänge nicht kennt. Man merkt, dass ihm Asphalt unter den Pfoten wesentlich vertrauter ist als Wald oder Wiese.
Als ich ihn das erste Mal vom Weg fortlenke und über eine vermooste Stelle zwischen den Bäumen lenke, hebt er ganz erstaunt seine Pfoten. Aber der eigenartige Untergrund gefällt ihm – er wirft sich auf den Rücken und rollt selig hin und her, als sei es Teppichboden.
Eines Tages gehen wir eine Abkürzung durch knöchelhohes Laub. Es ist weich, es raschelt, es ist EINFACH TOLL! Er flippt völlig aus, springt und hüpft und schnappt sich schließlich voller Übermut ein ‚Stöckchen‘ um es mit sich zu schleppen. Natürlich nicht etwa eines von angenehmen 30 cm Länge, sondern einen kompletten, etwa zwei Meter langen Ast. Er zerrt und schleppt mit einem seligen Gesichtsausdruck, und wir freuen uns wie die Schneekönige, dass wir ihm so viel Lebensfreude bereiten können.
Da wir in der Nähe mehrere Gestüte haben läuft uns bald auch bei einem Spaziergang ein Reiter über den Weg. Ike bleibt wie angewurzelt stehen und staunt: Boah, sooo ein großes Tier! Und das riecht so gut! Pferdeäpfel hat er auf den Spaziergängen schon kennen – und lieben – gelernt. Mit viel Mühe versuche ich ihm beizubringen, dass er die zwar lecker findet, es mich aber ganz und gar nicht begeistert, wenn er sich so ein ‚Äpfelchen‘ einverleibt.
Überhaupt gehen in vielen, sehr vielen, Dingen unsere Geschmäcker auseinander. Bei Schokolade, Obst, Joghurt, Käse und Backwaren aller Art sind wir uns noch einig, auch Möhren, Zucchini und anderes Gemüse mögen wir beide, auf Fleisch kann ich im Gegensatz zu Ike locker verzichten und auch süße Liköre ziehen mich längst nicht so an, wie ihn.
Aber bei all den ‚leckeren‘ Dingen, die – zum Teil in undefinierbarem Aggregatzustand – auf der Straße und in Hecken herum liegen, setzt meine Fähigkeit meinen Hund zu verstehen, völlig aus. Habe ich ihm soeben noch zu Hause ein liebevoll selbstbereitetes Hack-mit-Reis-und-Ei-Gericht präsentiert, was er auch – zugegebenermaßen mit höchster Begeisterung – vertilgt hat, passt da kurze Zeit später, quasi als Dessert, ohne weiteres noch ein übelriechendes, zermatschtes Irgendetwas aus dem Straßengraben in seinen Magen. Und so, wie er sich danach entrückt die Schnauze leckt war das mindestens so lecker wie das von mir Bereitete.
Wenn nicht Joey regelmäßig meine Kochkünste loben würde, ich würde den Löffel an den Nagel hängen und zumindest für den Hund nur noch vergammeltes Zeug von der Straße kratzen.
Davon abgesehen futtert er aber nicht ausschließlich Widerliches aus Wald und Feld, sondern mit Begeisterung auch duftende Blumen und anderes Grünzeug. Bekanntlich fressen ja alle Hunde und Katzen von Zeit zu Zeit Gras, das bringt Vitamine und putzt den Magen. Unser Kampfhund bevorzugt jedoch Wohlriechendes.
Als ich mir eines Tages ein paar Veilchen, die ersten Frühlingsboten und seit Kindheitstagen meine Lieblingsblumen, beim Spaziergang ausgrabe, unter höchsten Sorgfaltsmaßnahmen nach Hause transportiere und freudig in den Blumenkasten einsetze, sterben sie schon während ich noch Gießwasser hole einen plötzlichen Tod durch Gefressenwerden. Veilchenmörder ist noch das sanfteste Schimpfwort, das ich über sein Haupt ausschütte.
Da ich ihn künftig nicht mehr aus den Augen lasse wenn er sich der erneut angeschafften Veilchenanpflanzung nähert, geht er stattdessen zu Kamelien über. Im Notfall tun es aber auch Flieder, Rosen, Gänseblümchen...
Als wir Ike aus dem Tierheim holten, fielen uns wunde Stellen auf der Oberseite der Pfoten und seine nackte Schwanzspitze auf. Man sagte uns, das käme daher, dass er aus Langeweile an diesen Stellen nuckeln würde. Inzwischen habe ich aber so einige haarlose und wunde Stellen an dem armen Kerl entdeckt: die Innenseiten der Hinterbeine sind ebenso kahl wie fast sein gesamter Bauch, an dem zusätzlich noch eine handtellergroße aufgescheuerte Stelle ist. Auch unter dem Kinn und an der Brust – alles Stellen, an denen er sich vehement kratzt – ist das Fell teilweise weg und die Haut aufgeschabt. Im Internet finde ich vergleichbare Abbildungen und Schilderungen der Symptome bei Befall mit Demodex-Milben. Diese Milben hat wohl jeder Hund, sie können aber bei schlechtem Immunsystem überhand nehmen und unbehandelt sogar tödlich sein.
