Svenja Müller
Ikonen des Bösen
Verbrecher als Medienstars
über die Autorin
Svenja Müller wurde 1991 im saarländischen Neunkirchen geboren. Die studierte Medien- und Kulturwissenschaftlerin schrieb in ihrer Bachelorarbeit über das Leben des französischen Star-Verbrechers und Frauenhelds Jacques Mesrine.
Damit war ihre Neugier entfacht: Wie kann ein Bankräuber und Mörder Journalisten so sehr in seinen Bann ziehen, dass diese sogar seine Flucht aus dem Gefängnis verheimlichen? Daher widmete sie sich in ihrem Masterstudium der Medienwissenschaft der Frage, wie sich Medien und Kriminalität gegenseitig beeinflussen.
Wenn sie sich nicht gerade mit Schwerverbrechern befasst, hat die inzwischen in Düsseldorf lebende Autorin eher ungefährliche Hobbies: reisen, lesen und fotografieren.
IMPRESSUM
1. Auflage 2022
© 2022 by hansanord Verlag
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ISBN Print 978-3-947145-62-1
ISBN E-Book 978-3-947145-63-8
Cover | Umschlag: Tobias Prießner
Autorenfoto: Sabine Maisenhälder, LICHTSCHACHT – Studio für Fotografie
Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de
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Inhalt
El Chapo und das Seidenhemd. Ein Vorwort
Verbrechen lohnt sich. Über Medien, Kriminalität und uns
Täter vs. Opfer
Medien ohne Moral
Stars, Helden und Mythen
Auf der guten Seite
Antisoziale Charmeure
Ein hohes Vermarktungspotential
Wer inszeniert hier wen?
Medienrealität vs. Realität
Wir brauchen Horror
Die Killer-Groupies
Mein Freund, der Serienmörder
Ikonen des Bösen
Die Gesetzlosen: Banditen und Gangster
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Held der Südstaaten. Jesse James
Aufgewachsen im Bürgerkrieg
Public Relations im Wilden Westen
Ein Mann des Volkes
Fakt und Fiktion
Die Legende lebt weiter
Über den Tod hinaus. Bonnie und Clyde
Kein Weg zurück
Rebellen oder Kriminelle?
Gangsterbraut par excellence
Im Kugelhagel
Die Legende beginnt
Familiensache
Live fast, die young
In der Hall of Fame
Der Gentleman-Gangster. Al Capone
Der Reiz des Verbotenen
Ein Konzern aus Angst
Auf Capones Gehaltsliste
Marketing at its best
Die Zentrale der Macht
Al Capone, der Wohltäter
Von Wertanlagen gestürzt
Eine kulturelle Erfindung
Ein letzter Gruß
Bestien in Menschengestalt: Serienmörder und Kannibalen
Die Medien und der Mord
Der Mörder als popkulturelles Phänomen
Das kann kein Mensch sein
Liebe und Krieg. Charles Manson
Die Manson-Family
Die Beatles, die Beach Boys und die Bibel
Helter Skelter is coming down fast
Die Bekenntnisse der Susan Atkins
Charles Manson Superstar
Die Dämonisierung beginnt
America’s Favorite Psychopath
Die Marke Manson
Es war einmal in Hollywood
Freigeschrieben. Jack Unterweger
Im Fegefeuer geläutert
Liebling der Wiener Schickeria
Die Story muss stimmen
Eine Mordserie in Österreich
Auf Recherchereise
Aus »Jack the Writer« wird »Jack the Strangler«
Liveschalte auf der Flucht
Schuldig oder unschuldig?
Ein Mörder namens Jack
The Cannibal Superstar. Issei Sagawa
»Ich bin kein Mensch mehr«
Verliebt in Grace Kelly
Ein freier Mann
Der rote Teufel
Überlebensgroß
Die Sagawa-Show
Too Much Blood
Der Traum vom großen Geld: Räuber und Erpresser
Mann der 1.000 Gesichter. Jacques Mesrine
Getrieben in die Kriminalität?
Der Todestrieb
Mesrine und die Medien
Der beliebteste Mann Frankreichs
Der beste Hauptdarsteller
Ein neuer Mesrine?
Gefangen in Rio. Ronnie Biggs
Der( fast) perfekte Coup
Eine lebenslange Flucht
The Big Scoop
Das große Wiedersehen
Die Posträuber-Methode
Das Maß ist voll
»Und plötzlich drehten alle durch«. Arno Funke
Dagobert grüßt seine Neffen
Aus Dagobert wird Daniel Düsentrieb
Die Dagomanie
Die Presse als Fluchthelfer
Das Dagobert-Bedürfnis
Das Phantom wird entzaubert
Sein Leben als Dagobert
Die Sache mit der Reue
Crime Goes Social. Verbrecher und soziale Netzwerke
Ein digitales Denkmal
Neue Rahmenbedingungen
Freier Zugang für Falschinformationen
True Crime zum Mitspielen
Vorverurteilt - und hot
Die Social-Media-Strategien organisierter Kriminalität
Waffen, Geld und schöne Frauen
Digitale Polizeipräsenz
Die Rolle der Journalisten
Danksagung
Literatur- und Quellenverzeichnis
Es gibt unzählige Veröffentlichungen über kriminelle Personen und
ihre Taten. Eine Personengruppe gerät dabei oft in den Hintergrund:
die Opfer. Ich bin mir bewusst, dass auch in meinem Buch die Straftäter
den viel größeren Raum einnehmen. Daher will ich an dieser
Stelle die Möglichkeit nutzen, Sie auf einen Verein und seine wertvolle
Arbeit hinzuweisen. WEISSER RING e. V. ist die größte Hilfsorganisation
für Opfer von Kriminalität in Deutschland und bietet persönliche
Betreuung, Anteilnahme und individuellen Beistand für alle Betroffenen.
Informieren Sie sich doch gerne auf der Homepage des
Vereins – und wenn Sie eine Spende dalassen möchten, geht das ganz
einfach unter spenden.weisser-ring.de.
Noch ein letzter Hinweis, bevor es losgeht: Ich habe im Text in den
meisten Fällen die männliche Form gewählt, die Angaben beziehen
sich aber auf Angehörige aller Geschlechter.
El Chapo und das Seidenhemd. Ein Vorwort
»Ich denke, einige Menschen hätten ihr erstgeborenes Kind geopfert, um diese Story zu bekommen.« Mit diesen Worten verteidigte Jann Wenner, Chefredakteur des Rolling Stone, den ganz großen Coup seines Magazins: ein Interview mit dem zu diesem Zeitpunkt seit drei Monaten auf der Flucht lebenden Drogenboss Joaquín Guzmán, genannt El Chapo. Das Gespräch führte dabei kein geringerer als Hollywood-Star Sean Penn, der sich nach monatelangen Geheimverhandlungen im Oktober 2015 mit Guzmán im mexikanischen Dschungel traf. Doch warum lässt sich einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt auf ein Gespräch ein? Eitelkeit und der Wunsch, das öffentliche Bild mitzubestimmen, scheinen bei der Entscheidung ausschlaggebend gewesen zu sein: Sean Penn besuchte El Chapo auch deshalb, um mit ihm über die Verfilmung seines Lebens als Staatsfeind Nr. 1 zu verhandeln.
In der Hoffnung auf ein schmeichelhaftes Filmporträt begab sich der Flüchtige in höchste Gefahr. Wie eine Nachrichtenagentur meldete, waren die mexikanischen Behörden über das Treffen informiert. Die Kenntnis über seinen Aufenthaltsort ist sicher ein Grund dafür, dass Guzmán am 8. Januar 2016 in der Stadt Los Mochis gefasst werden kann. Nur einen Tag später erscheint Sean Penns Artikel für den Rolling Stone, in dem er ausführlich über seine Begegnung mit El Chapo berichtet. Zu dessen Verhaftung gab Penn lediglich an, das Vertrauen des Kriminellen nicht ausgenutzt zu haben – das Treffen wäre schließlich nicht als Falle geplant gewesen.
Die vermeintliche Vertrautheit zwischen dem Schauspieler und dem Drogenboss zieht sich durch das gesamte Interview. Joaquín Guzmán, einer der reichsten Menschen der Welt, präsentiert sich als Sohn armer Eltern, der das Drogengeschäft brauchte, um seine Familie durchzubringen. Sich selbst sehe er nicht als gewalttätige Person, er schütze sich nur vor seinen Feinden. Was Joaquín Guzmán nicht erwähnt: Als Chef des Drogenkartells Sinaloa ist er für den Tod mehrerer hundert Menschen verantwortlich, die er sicher nicht alle aus Notwehr ermorden ließ. Wenige Tage nach Erscheinen des Artikels am 12. Januar meldete die Washington Times, dass El Chapos Seidenhemd mit Paisleymuster und blauen Streifen, das er auf dem Foto mit Sean Penn trug, mittlerweile restlos ausverkauft sei.
Das Hemd ist nicht das einzige Merchandise-Produkt Guzmáns. El Chapo, dessen Name markengeschützt ist, wird in seinem Heimatland Mexiko wie ein Heiliger verehrt. Dass dort eine regelrechte »Chapomanie « ausgebrochen ist, hängt vor allem mit seiner Außenwirkung zusammen: Guzmán zeigt sich als Wohltäter, saniert Häuser und Straßen, baut Schulen und Kirchen. Er gilt als »Mann des Volkes«, der sich in Krisenzeiten gegen die Regierung stellt.
Mit spektakulären Gefängnisausbrüchen wie 2015, als er durch einen Tunnel im Badezimmer seiner Zelle verschwand, stößt er nicht nur unter seinen Landsleuten auf Sympathien. Es sind genau solche Geschichten, die mir während meiner Recherche für dieses Buch immer wieder begegneten. Geschichten, in denen Verbrecher zu Stars, Journalisten zu Ermittlern und unbeteiligte Beobachter zu Fans wurden.
Dass Kriminelle wie El Chapo ihr Filmporträt beeinflussen möchten, ist offenbar nicht selten. Im Juli 2016 wandte sich der Bruder des 1993 erschossenen Drogenbosses Pablo Escobar, Roberto, an die Betreiber des Streaming-Portals Netflix. Er habe die erste Staffel der Serie Narcos, in der es um den Aufstieg und Fall seines berühmten Bruders geht, gesehen und hätte einige Verbesserungsvorschläge. Um das Portal vor weiteren »Unstimmigkeiten« zu schützen, bot er an, die zweite Staffel vor der Ausstrahlung zu prüfen – für eine Aufwandsentschädigung von einer Milliarde Dollar.
Narcos ist eines der unzähligen Formate des Genres True Crime, das sich mit wahren Verbrechen auseinandersetzt. Den Hype ausgelöst hat 2014 der amerikanische Podcast Serial, der sich in der ersten Staffel mit der Beweisführung im Mordprozess gegen den Schüler Adnan Syed aus dem Jahr 1999 auseinandersetzt. Seitdem ist True Crime auch hierzulande nicht mehr wegzudenken: Podcasts wie Zeit Verbrechen, Verbrechen von Nebenan oder Mordlust, hochwertig produzierte Dokumentationen auf Netflix & Co., Magazine wie stern Crime oder Online-Formate wie Der Fall sind nur einige Beispiele. Und wenn selbst Arabella Kiesbauer, die in den Neunzigern in Deutschland vor allem durch ihre Nachmittagstalkshow Arabella bekannt wurde, eine Sendung mit dem Titel Arabellas Crime Time (TLC) moderiert, zeigt das: True Crime ist alles andere als ein Nischenthema.
Dabei sind Mörder von allen Verbrechern zweifellos die Stars der genannten Formate – mit teils fragwürdigen Auswirkungen, wie die DokumentationTed Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders aus dem Jahr 2019 zeigt. 30 Jahre nach seiner Hinrichtung spricht der Mann, der in den 1970ern mindestens dreißig Frauen getötet hat, direkt zu seinem Publikum. Die Doku basiert auf Tonbandaufnahmen, die Ted Bundy selbst für einen Journalisten aus der Todeszelle aufgenommen hat. Die Miniserie sorgte für einen kurzzeitigen Wirbel um seine Person – und auch für die Steigerung seiner Attraktivität. Das ging so weit, dass Netflix am 28. Januar 2019 sinngemäß twitterte, man habe festgestellt, dass viel über die »Hotness« Ted Bundys diskutiert würde und man müsse – sicher nicht ganz uneigennützig – darauf hinweisen, dass sich noch weitere Männer im Programm befänden, bei denen es sich nicht um Mörder handele.
So groß der Boom um True Crime aktuell auch scheint, das Genre gibt es nicht erst seit 2014. Entstanden ist diese Gattung um 1920 in den USA. Magazine kamen auf den Markt, die in erster Linie männliche Leser mit einer Mischung aus Kriminalgeschichten und Sex ansprechen sollten. 1924 erschien zunächst die Reihe True Detective, kurz darauf folgte Master Detective. Beide Magazine enthielten detailreiche Schilderungen echter Straffälle, Fotos von Opfern, Tätern oder Tatorten und gaben einen Einblick in die Ermittlungsarbeit der Polizei. Außerdem versuchten die Autoren, sich in die Gedanken des Verbrechers hineinzuversetzen und herauszufinden, warum er die Tat begangen haben könnte, um zusätzlich den Detektivcharakter der Leser anzusprechen.
Ein Meilenstein für True Crime folgte dann im Jahr 1965. Nach 6 Jahren Recherche veröffentlichte Truman Capote mit dem BuchIn Cold Blood eine Art literarische Reportage über den Mord einer Familie in Holcomb, Kansas. Zwei Männer töteten einen Farmer, seine Frau und ihre zwei Kinder – aus reiner Lust am Morden, ohne augenscheinliches Motiv. Capote reiste nach Holcomb und besichtigte den Tatort, sprach mit Nachbarn und Verwandten und begleitete den ermittelnden Sheriff bei seiner Aufklärungsarbeit.
Obwohl ursprünglich für Männer konzipiert, ist True Crime heute vor allem bei Frauen beliebt: Beispielsweise sind beim Magazin stern Crimeetwa 80 Prozent der Leser weiblich. Nicholas Büchse, der am Aufbau von stern Crime beteiligt war, sagt im Gespräch dazu, dass das Magazin sich auch klar an dieser Zielgruppe ausrichte und sich mehr auf die Psychologie und die Hintergrundgeschichte der Täter fokussiere als auf Blutrünstigkeit und Horror zu setzen – eine klare Abgrenzung also zu den ersten englischsprachigen Magazinen aus den 1920ern.
Und so spricht das Genre auch jemanden wie mich an. Bevor ich angefangen habe, mich während meines Studiums der Kultur- und Medienwissenschaften mit True Crime zu beschäftigen, war meine einzige Begegnung mit Kriminalität das Hören von alten Folgen der Drei Fragezeichen. Ungelogen: Ich würde niemals freiwillig mit einer Geisterbahn fahren, und Horrorfilme schaue ich mir nur unter Zwang an. Gleichzeitig recherchierte ich für dieses Buch, ohne mit der Wimper zu zucken, wie der japanische Kannibale Issei Sagawa sein Opfer verspeiste und schaute mir eine True-Crime-Doku nach der nächsten an.
Was also macht den Reiz aus, sich mit wahren Verbrechen zu beschäftigen? Nervenkitzel allein, das zeigt mein Beispiel, kann es nicht sein – denn ich bin nun wirklich keine Person, die den Thrill sucht. Was mich dagegen sehr wohl reizt, ist, aus sicherer Entfernung in eine Welt einzutauchen, die nicht weiter von meiner eigenen Lebensrealität entfernt sein könnte.
Diese Neugierde für das Unbekannte macht True Crime so spannend. Kaum ein Genre ermöglicht es besser, als Beobachter in die intimsten Situationen anderer Menschen hervorzudringen. Gleichzeitig lernen wir, so Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin der Zeit und Verantwortliche des Podcasts Zeit Verbrechen in einem Interview in der NDR-Sendung ZAPP im April 2019, bei Kriminalgeschichten immer auch etwas über uns und die Gesellschaft, in der wir leben. Wir rätseln also fleißig mit, werfen einen hobbypsychologischen Blick in den Kopf eines Killers – um uns danach erleichtert zurückzulehnen, in dem wohligen Wissen, uns selbst nicht in Gefahr zu befinden.
Kein True-Crime-Format würde es ohne eine ganz spezielle Personengruppe geben: die Täter. Die Beweggründe und Biografien der Verbrecher werden offenbar als wesentlich interessanter angesehen als die Schicksale der Opfer, die in der öffentlichen Wahrnehmung meist völlig außer Acht gelassen werden. Die Täter, ihre Lebensumstände und Motive scheinen Journalisten, Autoren, Filmemacher und auch uns Konsumenten viel mehr zu faszinieren.
Die zehn Protagonisten dieses Buchs erreichten in ihrer Rolle als Sozialrebellen, Kannibalen, Mörder oder Bankräuber eine auffallend ausgeprägte Medienwirkung, die bis in die heutige Zeit und wahrscheinlich weit darüber hinaus reicht. Je weiter die Taten von Jesse James, Bonnie und Clyde, Al Capone, Charles Manson, Jack Unterweger, Issei Sagawa, Jacques Mesrine, Ronnie Biggs und Arno Funke zurückliegen, desto stärker verklärt sich ihr Bild. Teilweise sprechen wir bei einigen dieser Täter sogar von Legenden. Doch warum werden Straftäter zu Medienstars stilisiert? Wer profitiert eigentlich am meisten von der Inszenierung? Und wie verändern sich solche Inszenierungsprozesse in Zeiten von Social Media?
Bei der Beantwortung dieser Fragen sollen weder das Böse glorifiziert noch die brutalen Details der Kriminalfälle hervorgehoben werden. Im Vordergrund steht die Überlegung, in welcher Epoche unsere Gesellschaft wie auf bestimmte Verbrechertypen und Straftaten reagiert hat, auf welche Art die Medien sich mit den Fällen auseinandergesetzt haben und warum manche Kriminelle ein verhältnismäßig positives Image umgibt. Wir beginnen dazu im Wilden Westen, reisen in das Chicago zu Zeiten der Prohibition, werden Beobachter der Hippie-Bewegung in Kalifornien und machen Stationen in Japan, Österreich, Paris, Rio de Janeiro – und schließlich Berlin.
Bei der Reise durch die Welt berühmter Verbrecher wird klar: Ohne unser eigenes Interesse an Verbrechensgeschichten lässt sich das schier unersättliche Angebot an Formaten über wahre Straftaten und ihre Protagonisten nicht erklären. Worin also liegt dieser Reiz des Bösen?
Es muss einen Grund geben, warum sich das Seidenhemd El Chapos so gut verkaufte, warum sich also viele Menschen zumindest äußerlich dem Drogenboss annähern möchten. Sicher ist nur: Auch wenn das Hemd wahrscheinlich inzwischen nicht mehr im Trend der Zeit ist – der Reiz des Verbrechens kommt so schnell nicht aus der Mode.
Verbrechen lohnt sich. Über Medien, Kriminalität und uns
1,45 Meter lang und 70 Zentimeter breit. So klein ist die Kiste, die für den damals 25-jährigen Richard Oetker zum Gefängnis wird. So klein, dass der 1,94 Meter große Student sich derart verkrümmt, dass er sich zwei Brustwirbel und beide Oberschenkelhalsknochen bricht. Seine Schmerzen rausschreien darf er nicht, denn wenn er Geräusche verursacht, löst er einen Elektroschock aus. Er erleidet mehrere Stromschläge, die ihn bis heute zeichnen. Oetker, der später einmal der Chef des gleichnamigen Konzerns sein wird, wurde am 14. Dezember 1976 gekidnappt. Zwei Tage verbrachte er in seinem Gefängnis, bis der Entführer ihn gegen ein Lösegeld von 21 Millionen DM freiließ.
Richard Oetker ist noch in der Kiste gefangen, da wird der »sensationellste Entführungsfall des Jahres« (Bild) bereits öffentlich besprochen. Im Fokus der ausführlichen Berichterstattung stehen in erster Linie die Prominenz des Opfers, des »Pudding-Prinzen«, wie die Münchner Abendzeitung ihn nennt, und die bis dato höchste Lösegeldforderung der Bundesrepublik. Die Bild schreibt am 18. Dezember 1976 über die Geldübergabe: »Wie der Kidnapper mit den 21 Millionen im Koffer Münchens Polizei entschlüpfte, so ganz lässig durch ein Hintertürchen – es darf geschmunzelt werden.« Was sich hier noch als unterschwellige Anerkennung für den Täter andeutet, setzt sich fort, als mit dem damals 34-jährigen Betriebswirt Dieter Zlof ein Verdächtiger gefasst wird. Obwohl die Beweislast erdrückend ist, scheint es fast, als ob manche Medien während des anschließenden Prozesses 1979 an seiner Schuld zweifeln. Zlof, so die Stuttgarter Zeitung vom 27. November 1979, passe so gar nicht in das Klischee eines Verbrechers, dieser »Mann im gut sitzenden dunkelblauen Anzug, mit kurzem Haar, geschnitten von einem Friseur, den man eher in einem Münchner Nobelhotel als im Gefängnis suchen würde«. Auch die Münchner Abendzeitung scheint beeindruckt, als sie am 21. Februar 1980 resümiert, dass der Angeklagte »durch Geistesgegenwart, Schlagfertigkeit und Konzentration verblüffte«.
Dieter Zlof setzt auf Emotionen – ganz im Gegensatz zu Oetker, der die Geschehnisse eher rational wiedergibt. Viele Jahre später wird Zlof die Entführung gestehen, doch zunächst beteuert er vor Gericht unter Tränen seine Unschuld. Auf viele Journalisten wirkt er glaubwürdig. Im Spiegel vom 2. Juni 1980, kurz bevor der Angeklagte zu 15 Jahren Haft verurteilt wird, kommt die Frage auf, ob er »mit der Entführung Richard Oetkers überhaupt etwas zu tun« gehabt habe. Noch als Zlof 1994 entlassen wird, ist das Urteil öffentlich umstritten. Doch als er 1997 bei dem Versuch, das in einem Waldstück versteckte Lösegeld in London »reinzuwaschen« von Scotland Yard gefasst wird, gibt es keine Zweifel mehr an seiner Täterschaft.
Hoch verschuldet schreibt er zusammen mit der Fernsehjournalistin Nicole Amelung, der Ehefrau seines früheren Anwalts, eine Autobiografie, die der Spiegel in einer Rezension vom 22. September 1997 als »spannend wie ein Krimi« bewertet.
Für den Journalistik-Professor Thomas Hestermann, der die Berichterstattung während und nach der Oetker-Entführung in seinem Buch Von Lichtgestalten und Dunkelmännern. Wie die Medien über Gewalt berichten analysiert hat, zeugen die Reaktionen der Medien von enormer Verantwortungslosigkeit, insbesondere in Bezug auf die Opfer.
Täter vs. Opfer
Der Fall Oetker ist ein Beispiel dafür, dass Medien die Macht haben, Verbrecher als sympathische Antihelden darzustellen. Der bodenständige Familienvater scheint, so der öffentliche Eindruck, viel authentischer zu sein als der eher rational wirkende Oetker-Erbe. Die Vorgeschichte des Täters ist hier, wie in vielen anderen Fällen auch, wesentlich spannender als die des Opfers: Was hat Dieter Zlof dazu bewegt, Oetker zu entführen? Hatte er familiäre Probleme, Geldsorgen oder eine schwierige Kindheit?
Das Phänomen der unterschiedlichen Täter-Opfer-Betrachtung wird in einem Fall der jüngeren Kriminalgeschichte besonders auf die Spitze getrieben; denn hier wurde das Opfer nicht einmal als ein solches anerkannt. Es geht um den Fall Natascha Kampusch.
Die Österreicherin wurde als 10-Jährige 1998 von dem Wiener Wolfgang Přiklopil entführt und 8 Jahre lang gefangen gehalten. Ihr gelang 2006 die Flucht – der Startschuss für eine über Jahre andauernde, weltweite mediale Aufmerksamkeit an ihrer Person. Eine Tatsache, unter der Natascha Kampusch leidet, wie sie in der ZDF-Talkshow Markus Lanz im Oktober 2019 schildert. Sie beschreibt in der Sendung, dass sie nicht mehr nur einen Feind hat, sondern viele Feinde. Denn: Kaum geht Natascha Kampusch den Schritt in die Öffentlichkeit, wird sie selbst, und nicht ihr Täter, der sich kurz nach ihrer Flucht das Leben nahm, scharf verurteilt. Immer wieder wird an ihrer Glaubwürdigkeit gezweifelt, immer wieder werden ihre Aussagen von verschiedensten Medien infrage gestellt. Der Grund, so die Kriminalpsychologin Lydia Benecke, die die Geschichte in dem Online-Format Der Fall (funk) untersucht, liegt auf der Hand. Natascha Kampusch entspricht nicht den Vorstellungen, die wir von einem Opfer haben, wirkt weder schwach noch gebrochen. Sie spricht sehr selbstbewusst und ist bereit, ihre Geschichte in zahlreichen TV-Auftritten, Interviews und in ihren Büchern zu erzählen. Ein Verhalten, das wir übrigens vielen Straftätern, wie dieses Buch zeigen wird, problemlos durchgehen lassen würden.
Medien ohne Moral
Richard Oetker und Natascha Kampusch – in beiden Fällen hat die breite Berichterstattung mindestens dazu beigetragen, dass sich die öffentliche Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung entwickelt hat. Was allerdings passiert, wenn Medien nicht nur verantwortungslos handeln, sondern ihre Gesetze vollends über ethische Grundsätze erheben, zeigt das Gladbecker Geiseldrama. Am 16. August 1988 drangen zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer in eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck ein und nahmen einen Kassierer und eine Kundenberaterin als Geiseln. Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner verlangten ein Lösegeld von 300.000 DM, das sie abends zusammen mit einem Wagen von der Polizei erhielten. Auf der Flucht wandten sich die Entführer bewusst an die Medien und erklärten, über diese kommunizieren zu wollen. Fortan wurden die Verbrecher nicht nur von der Polizei, sondern auch von Journalisten verfolgt, die das Geschehen in einer Art Live-Berichterstattung festhielten. Am Abend des folgenden Tages kidnappten die beiden einen Bus mit etwa dreißig Passagieren in Bremen.
Der Fotograf Peter Mayer nahm die Forderungen der Entführer entgegen und vermittelte sie erst seinen Pressekollegen, dann der Polizei. Auch ein ARD-Team war vor Ort und interviewte Rösner; die Fernsehzuschauer konnten das Geschehen live miterleben. Die Situation eskalierte, als Degowski den 15-jährigen Emanuele de Giorgi, der sich unter den gekidnappten Fahrgästen befand, bei einem Halt an der Autobahnraststätte erschoss.
Am 18. August überquerte der Bus die niederländische Grenze. Dort ließen die Kidnapper alle Geiseln frei – bis auf die Freundinnen Silke Bischoff und Ines Voitle. Als »Gegenleistung« erhielten sie ein neues Fluchtfahrzeug, mit dem sie unter anderem in der Kölner Innenstadt stoppten. Dort wurden sie von Reportern umringt, die abwechselnd die Täter und die Geiseln interviewten. Der Journalist Udo Röbel, damals Chefredakteur des Kölner Express, fuhr sogar zeitweise im Tatfahrzeug mit, um die Kidnapper auf die Autobahn Richtung Frankfurt zu lotsen. Wenig später konnte die Polizei die Irrfahrt der Entführer beenden. Bei einem Schusswechsel kam Silke Bischoff ums Leben, getötet durch eine Kugel aus Rösners Waffe.
Die Medien, so der Autor Mario Gmür (Der öffentliche Mensch. Medienstars und Medienopfer) boten den Tätern einen Schutzwall und fungierten gleichzeitig als ihr Sprachrohr. Diese Ereignisse veranlassten eine Erweiterung des Pressekodex um die Richtlinien: »Bei der Berichterstattung über Gewalttaten (...) lässt [die Presse] sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen« und »Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben«1.
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1 Vgl. Der Pressekodex des Deutschen Presserats, Ziffer 11:
https://www.presserat.de/pressekodex.html (abgerufen am 12.2.2022).
Stars, Helden und Mythen
Halten wir fest: Durch die mediale Aufmerksamkeit, insbesondere nach »spektakulären« Verbrechen wie im Fall Oetker oder im Gladbecker Geiseldrama, werden insbesondere die Täter zu Personen der Öffentlichkeit. Während die Namen der Opfer immer mehr verblassen, werden Verbrecher zu zweifelhaften Berühmtheiten. Aber was heißt das eigentlich genau?
Auch wenn es erst einmal befremdlich klingt, im Zusammenhang mit Straftätern von Ruhm zu sprechen, ist diese Bezeichnung der Definition nach konsequent. Laut Duden ist eine Berühmtheit eine Person, die Bekanntheit erlangt hat. Nicht festgelegt ist, ob diese Geltung unverdient oder verdient ist und ob ihr eine positive Leistung vorausgehen muss.
Und wer berühmt ist, ist auch nicht weit weg davon, ein Star zu sein. Ein Star, so definiert Andreas Hepp in seinem Werk Cultural Studies und Medienanalyse, ist, unabhängig von moralischen Fragestellungen, eine Berühmtheit, die über die Medien bekannt geworden ist. Auch diese Bezeichnung im Zusammenhang mit einem Verbrecher zu benutzen, ist im Grunde nicht abwegig. Denn ein Star – übersetzt ein Stern – zu sein bedeutet, außerordentlich aufzufallen und nahezu überirdisch zu wirken. Für Mörder oder Kannibalen ist diese Beschreibung treffend, denn was sie getan haben, wird in unserer Gesellschaft als so außergewöhnlich angesehen, dass es fast unmenschlich erscheint.
Immer dann, wenn Personen als unmenschlich wahrgenommen werden, fallen häufig Beschreibungen wie »von einem Mythos umgeben« oder »mysteriös«. Und was sind nun Mythen? Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong nennt sie in ihrem Buch Eine kurze Geschichte des Mythos eine Art kollektives Bedürfnis. Mythen handeln von Extremen, die unsere Vorstellungskraft überschreiten, und helfen uns zu erklären, was manchmal nicht erklärt werden kann – daher spielen sie in einer Parallelwelt, die neben unserem Dasein existiert. Aber Mythen verklären auch die Wirklichkeit. Je standhafter sich ein Mythos hält, je mehr Jahrzehnte er überlebt, als desto glaubhafter nehmen wir ihn wahr.
Dass Kriminalgeschichten zuweilen mythenhaft umschrieben werden, wundert nach dieser Erklärung nicht: Kriminalität spielt sich für viele Menschen parallel zu ihrer eigenen Welt ab. Verbrechen können unsere Vorstellung übersteigen, wenn sie besonders brutal sind oder uns sinnlos erscheinen. Wenn eine Straftat weit in der Vergangenheit liegt und kein Bezug mehr zu den Opfern oder der Tat selbst besteht, werden aus berühmten Tätern in manchen Fällen nicht nur Kultfiguren, sondern sogar Helden oder Legenden, die mit den realen Personen nichts mehr zu tun haben.
Nicht vergessen werden darf, dass es natürlich auch in der Fiktion massenhaft böse Heldenfiguren gibt. Darth Vader, Lord Voldemort oder Hannibal Lecter – der Charakter der Bösewichte in Filmen und Romanen ist oft vielschichtiger als der ihrer guten Gegenspieler, deren Handeln meist vorhersehbarer ist, beobachten die Autoren Kurt-Jürgen Heering und Jo Müller (111 Gründe, das Böse zu lieben). Den Schurken umgibt eine – um noch einmal den Begriff zu bemühen – mysteriöse Aura, denn erst nach und nach löst sich auf, durch welches Schicksal er zu einem bösen Charakter mutierte. Und, ganz einfach gesagt: Antihelden dürfen sich eher moralische Fehltritte erlauben als die »Guten«, da ohnehin nichts anderes von ihnen erwartet wird.
Auf der guten Seite
Dass Rechtsbrecher uns oftmals mehr interessieren als Menschen, die gute Taten vollbringen, liegt für den Journalisten Wolf Schneider, Autor des Buchs Die Sieger: Wodurch Genies, Phantasten und Verbrecher berühmt geworden sind, auf der Hand: Es ist der gleiche Grund, warum für uns die Nachricht über ein abgestürztes Flugzeug relevanter ist als sich ständig wiederholende Meldungen über tausend sicher gelandete.
Dazu kommt das menschliche Verlangen, Unbegreifliches erfassen zu können: Wenn wir Geschichten hören wie die des »Horrorhauses von Höxter«, in dem ein Paar jahrelang mindestens vier Frauen misshandelte, taucht vor allem eine Frage in unseren Köpfen auf: Warum? Neben aller Abscheu treibt uns eine unterschwellige Neugier dazu an, mehr über den Fall und die Hintergründe wissen zu wollen. Dies ist ein Grund, warum wir uns mit Geschichten über wahre Verbrechen beschäftigen: Sie helfen uns dabei zu verstehen, was wir uns nicht vorstellen wollen und verleihen willkürlichen Kapitalverbrechen nachträglich einen Sinn.
Die Auseinandersetzung mit realen Verbrechen hat dabei für uns noch einen weiteren Nutzen: Indem wir uns mit Kriminalität befassen, versichern wir uns, selbst auf der »guten Seite« zu stehen und »normal« zu sein. Die Hamburger Kriminologin Bärbel Bongartz erklärt dazu im Gespräch: »Menschen empfinden sich als sehr brav, als ordentlichen Bürger, wenn sie sich an den Taten anderer, Fremder, Böser ›weiden‹ können.«
Diese Normverdeutlichung hilft, eigenes abweichendes Verhalten als weniger gewichtig wahrzunehmen. Mehr noch: Nur durch moralische Fehltritte anderer wissen wir überhaupt, wo die Grenzen zwischen Erlaubtem und Nichterlaubtem liegen. Was »gut« oder »böse« ist, entscheidet also darüber, was als erwünscht angesehen wird und was nicht. Das Böse, so sind sich viele Wissenschaftler wie der Psychiater Robert Simon (Bad Men Do What Good Men Dream) einig, tragen wir ohnehin alle in uns. Moralische Bedenken aber halten den Großteil der Menschen davon ab, ihren Trieben zu folgen.
Diese Hoffnung, dass aus einem Mitbürger nicht grundlos ein Massenmörder wird, ist übrigens eine mögliche Erklärung, warum Tätern oft seelische Krankheiten nachgesagt werden. Nach einem Kapitalverbrechen wird meist nach Ursachen für das abweichende Verhalten gesucht: War der Schuldige ein Außenseiter? Aus welchem Elternhaus stammt er? Fühlte er sich ungeliebt, alleine? Der Versuch, Krankheitsbilder zur Erklärung von Straftaten hinzuzuziehen, ist damit gleichzeitig der Versuch, das Böse zu verdammen und sich selbst davon abzugrenzen. Selbstverständlich gibt es Fälle, bei denen der Verbrecher an einer Persönlichkeitsstörung leidet – doch viele Täter sind genauso »normal« oder »unnormal« wie andere Menschen auch.
Antisoziale Charmeure
Liegt jedoch tatsächlich eine Persönlichkeitsstörung vor, schreibt der Psychiater und Psychologe Borwin Bandelow in Wer hat Angst vorm bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass uns diese Verbrecher mehr interessieren als andere. Mithilfe der Hirnforschung versucht er herauszufinden, warum es manche Täter schaffen, ihre Mitmenschen trotz skrupellosen Verhaltens zu vereinnahmen. Dabei beschreibt er unter anderem die narzisstische und antisoziale Persönlichkeitsstörung. Narzissten richten ihr Handeln