Im Alt singt jemand falsch - Karin Spieker - E-Book

Im Alt singt jemand falsch E-Book

Karin Spieker

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Beschreibung

Eine chaotische Laienchorsängerin. Ein perfektionistischer Chorleiter. Ein charismatischer Tenor. Und eine anstrengende Großfamilie. Ein heiterer Roman für Chorsängerinnen und für alle, denen die liebe Familie manchmal zu viel wird. Die 27jährige Maja ist meistens zufrieden mit ihrem Leben: Ihre Arbeit im Jobcenter gefällt ihr, sie genießt die Treffen mit ihrer fröhlichen und unkonventionellen Großfamilie und sie freut sich jede Woche auf die Chorprobe, in der sie ihre besten Freunde trifft und mit dem schnuckeligen Tenor Tristan von Birkhain flirtet. Als der perfektionistische Dr. Wilhelm Heinrich die Leitung des Unichors übernimmt, ändern sich die Regeln im Chor und nach und nach gerät Majas ganzes Leben aus den Fugen. Aber vielleicht sind manche Veränderungen gar nicht mal so schlecht…

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© 2019 Piper Verlag GmbH, MünchenRedaktion: Theresa Schmidt-DendorferCovergestaltung: Alexa Kim »A&K Buchcover«Covermotiv: PNGTree

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Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Sechs Monate später

Kapitel 1

»Wer sich nicht sicher ist, hält sich bitte erst mal zurück!«

Ein strenger Blick aus eisblauen Augen blitzte über den Konzertflügel und traf die ersten beiden Sitzreihen des Alts. Wenn Dr. Wilhelm Heinrich einen Missklang witterte, ging er der Ursache gnadenlos auf den Grund.

Im Alt wurde es mucksmäuschenstill. Nichts raschelte mehr, niemand tuschelte.

Obwohl Maja den Blick fest in ihre Noten heftete, spürte sie, wie alle Frauen um sie herum fünf Zentimeter kleiner wurden. Nur Regina, die neben Maja saß, drückte den Rücken durch. Bestimmt nickte sie Wilhelm zu und hatte ihre Mundwinkel missbilligend nach unten gezogen. Ja, das habe ich auch gehört, sollte dieses Nicken heißen. Ich selbst habe selbstverständlich richtig gesungen, aber leider haben die Idiotinnen um mich herum keinen Funken musikalisches Talent!

Konnte diese blöde Streberin nicht ein einziges Mal solidarisch sein? Maja verdrehte innerlich die Augen.

»Bitte noch einmal! Den gesamten Refrain, tutti. Diesmal sauber, wenn es geht.«

Dieses ständige Bitte könnte er sich auch sparen, dachte Maja. Er meint doch sowieso keine Widerrede.

Wilhelm hob die Arme und der Chor setzte brav ein. Maja sang so leise, dass sie sich selbst nicht mehr hörte, und dem Gesamtklang nach zu urteilen, gab es im Alt etliche, die es genauso machten. Nur Regina jubilierte selbstzufrieden und leider absolut lupenrein: »Thank you for the music«. Ja, sie konnte singen. Aber musste sie das bei jeder Gelegenheit raushängen lassen?

Komischerweise ließ Wilhelm den Alt nach diesem Durchgang erst mal in Ruhe. »Ganz gut«, kommentierte er den Refrain und nickte knapp in Reginas Richtung. »Wir werden das in der nächsten Probe perfektionieren.«

Maja hätte am liebsten gestöhnt. Das Wort »perfektionieren« kam in ihrem Wortschatz nicht vor. Sie ließ fünfe lieber gerade sein, schon allein, weil ihr meist auch gar nichts anderes übrig blieb. Selbst wenn sie sich mörderisch anstrengte: »Perfekt« schien in allen Bereichen ihres Lebens grundsätzlich außerhalb ihrer Reichweite zu liegen.

»Wir machen mit ›Africa‹ weiter«, verkündetet Wilhelm. Er spielte am Flügel die ersten Takte des Songs und wartete darauf, dass der Chor sich bereit machte.

»Jetzt wird der Tenor gequält«, raunte Diana Maja zu, während alle um sie herum hektisch ihre Chormappen durchwühlten. In Dianas und Reginas Mappen fanden sich lauter ordentlich gestapelte, glatte Notenblätter. Aus Majas Mappe fielen ein zusammengeknülltes Kaugummipapier und eine Haarspange. Sämtliche Notenblätter hatten Falten, einige Blätter waren so stark geknickt, dass sie sich kaum noch glatt streichen ließen. Als Maja endlich ihre »Africa«-Noten fand, stellte sie fest, dass Kaffeeflecken das Titelblatt zierten. Wie peinlich!

»Was hast du denn damit angestellt?«, fragte Regina spitz und deutete auf die braunen Ränder.

»Ich wollte mir mit Textmarker meine Stimme markieren, damit ich nicht mehr aus Versehen den Tenor mitlese«, flüsterte Maja. »Deshalb lagen die Noten ein paar Tage in der Küche.«

»Aber du hast nichts markiert«, stellte Regina fest.

»Nein, es kam irgendwie immer was dazwischen.«

»Aha.«

Maja wurde rot. Regina gab ihr grundsätzlich das Gefühl, eine hoffnungslose Chaotin zu sein. Regina konnte alles, wusste alles und sah noch dazu immer aus, wie aus dem Ei gepellt. Sie war unter Edeltraut Buschkempers Leitung die unangefochtene Königin des Alts gewesen und hatte immer alle Soli gesungen. Maja nahm an, dass Reginas Talent auch Dr. Wilhelm Heinrich längst aufgefallen war. Zumindest kassierte Regina auffällig oft ein zufriedenes Nicken von ihm.

Neuerdings setzte sie sich leider ständig neben Diana und Maja, weil ihre langjährige Sitznachbarin Isabell weggezogen war. Maja fühlte sich dadurch irgendwie kontrolliert. Andererseits: Sollte Regina doch sitzen, wo sie wollte. Majas entspannte Chorabende waren sowieso dahin, seit Dr. Wilhelm Heinrich den Chor übernommen hatte. Der Donnerstagabend, der immer der Lichtblick der Woche gewesen war, war neuerdings anstrengender als jeder Arbeitstag.

»Die Männerstimmen bitte. Takt neun«, forderte Wilhelm und gab den Tenören und Bässen die richtigen Töne.

Maja atmete leise auf und lehnte sich zurück. Diana hatte Recht, jetzt würde erst mal der Tenor gequält, die Frauen hatten Pause.

Eigentlich mochte Maja »Africa«, so wie sie fast alle Lieder mochte, die im Moment geprobt wurden. Und als der neue Chorleiter, Dr. Wilhelm Heinrich, in seiner ersten Probe verkündet hatte, sie würden auf ein »Back to the 80s«-Konzert hinarbeiten, hatte das nach Spaß und guter Laune geklungen. Der Jubel war groß gewesen. Aber inzwischen war die Stimmung deutlich erlahmt. Denn Wilhelm hatte dem Chor schnell klargemacht, dass es unter seiner Ägide nicht primär um Spaß ging, sondern darum, dass man in den Proben musikalische Ziele erreichte. Er ließ den Chor wieder und wieder die gleichen Takte singen, winkte ab, sobald etwas gut saß, und forderte ununterbrochen absolute Konzentration von allen. Schon wenn man in einer Arbeitsphase aus Versehen mit den Noten raschelte, brachte einem das grundsätzlich einen dieser strengen, eisblauen Blicke ein.

Sicher, er war ein fantastischer Musiker, spielte unglaublich gut Klavier und es hieß, dass ihm in Sachen Dirigat an dieser Uni niemand das Wasser reichen konnte. Aber auf all diese Eigenschaften legte Maja herzlich wenig Wert. Sie hatte keine musikalische Ausbildung genossen, sondern liebte vor allem das Gemeinschaftsgefühl, dass ihr das Singen im Unichor schon seit über acht Jahren vermittelte.

Edeltraut Buschkemper hatte den Chor mit mütterlicher Milde geleitet, man sollte mit einem breiten Lächeln aus den Proben gehen. Falsche Atmer oder unpräzise S-Absprachen hatten sie nie gestört.

»Maja? Wir warten!«, unterbrach Wilhelms Stimme ihre Erinnerungen an Edeltraut. Alle um Maja herum hatten ihre Notenblätter bereits gezückt. Mist, was hatte Wilhelm gerade gesagt? Hilflos blickte Maja zu Diana.

»Takt neun, tutti«, zischte Regina laut genug, dass Wilhelm es hören musste. Klugscheißerin! Regina war natürlich ganz begeistert von Wilhelm und wurde es nicht müde zu betonen, dass sie sich jetzt endlich mal gefordert fühlte. Maja konnte es nicht mehr hören.

Aber jetzt hob sie ihre Noten, lächelte Wilhelm halb verkrampft und halb entschuldigend an und atmete auf sein Handzeichen hin mit den anderen ein.

Nach vier Takten verzog Wilhelm den Mund und brach den Gesang ab.

»Leute, ihr klingt, als wäre euch das völlig neu – wir haben das beim letzten Mal doch sehr gründlich geprobt, besonders in den Männerstimmen. Wo ist das Problem!« Die Frage klang nicht wie eine Frage, sondern wie ein Vorwurf.

»Können wir den Tenor einfach noch mal machen?«, rief Tristan, der in der Mitte der ersten Reihe saß, fröhlich. »Ich war letzte Woche nicht da. Ich glaube, ich hab gerade im Bass mitgesungen.« Maja atmete tief ein und musste unwillkürlich lächeln. Möglichst unauffällig schielte sie durch die Reihen vor ihr zu Tristan. Und sie wurde nicht enttäuscht: Er sah mal wieder göttlich aus. In Jeans, T-Shirt und Lederjacke thronte er breitbeinig auf seinem Stuhl. Der Osterurlaub in Thailand hatte seinen halblangen, braunen Haaren ein paar sonnenblonde Strähnen hinzugefügt und seine sonst eher helle Haut schimmerte goldbraun, was seine Lachfalten auf eine sehr attraktive Art betonte.

Er sah aus wie ein Filmstar, fand Maja. Wie der Hauptdarsteller in einer romantischen Hollywood-Komödie. Leicht schräg stehende, braune Augen, wunderschöne, geschwungene Lippen, ein markantes Kinn … Gegen ihn konnten all die kleinen Studenten, die um ihn herum saßen, einpacken. Gegen Tristan von Birkhain waren alle Tenöre und Bässe im Unichor unscheinbare Milchbubis.

Alle Jahre wieder, genauer gesagt, immer, wenn Maja gerade Single war, brach ihre Schwärmerei für Tristan aus. Und diesmal hatte es sie besonders schlimm erwischt. Ihr entfuhr sogar ein leiser Seufzer, wenn sie daran dachte, was Tristan wohl alles mit seinen starken Händen …

Diana sah überrascht in die gleiche Richtung wie ihre Freundin und knuffte Maja in die Seite.

»Ungezogenes Mädchen«, wisperte sie in Majas Ohr. »Bist du dafür nicht zu alt?«

»Blödsinn«, wisperte Maja und rieb sich die Flanke, »für so ein Törtchen wird man nie zu alt, oder?«

Maja und Diana kicherten, was Regina veranlasste, wieder einmal ihr berühmtes »Pssssst!« abzusondern.

»Machen wir also alle Stimmen noch einmal einzeln.« Wilhelms Kiefer wirkte so angespannt, dass man jeden Moment erwartete, ihn mit den Zähnen knirschen zu hören. »Ich weise an dieser Stelle noch mal darauf hin, dass mir regelmäßige Teilnahme sehr wichtig ist. Wer öfter als drei Mal fehlt, singt das Konzert nicht mit. Behaltet das bitteim Hinterkopf.«

Wilhelm probte die Stelle nacheinander noch mal im Bass, Tenor, Alt und Sopran und ließ den Chor das Ganze schließlich ein zweites Mal tutti – also mit allen Stimmen – singen.

Diesmal war er zufrieden. »Schön gemacht«, lobte er. »Genau so will ich es haben!«

»Und ich dachte schon, ›ganz gut‹ wäre das höchste Lob, das du zu vergeben hast«, rief Tristan. Der ganze Chor lachte. Und Maja lachte so begeistert, dass es ihr einen weiteren Schubs von Diana eintrug.

Wundersamerweise lachte sogar Wilhelm mit. »Wartet nur ab. Wenn ihr endlich mal genau das umsetzt, was ich vorgebe, hab ich noch ganz andere Lobeshymnen auf Lager.«

»Raffiniert«, rief Lissi aus dem Sopran und plinkerte süß mit den Augen. »Und jetzt erwartest du wohl von uns, diesen fantastischen Lobeshymnen hinterherzuhecheln?«

»Ganz genau«, sagte Wilhelm grinsend.

»Was für ein Pädagoge!«, säuselte Lissi und wieder lachten alle.

Ob Lissi wirklich so dachte? Maja bezweifelte es. Denn Lissi war mit Edeltraut ganz dicke gewesen, sie hatte jahrelang bei der ehemaligen Chorleiterin Gesangsunterricht genommen. Edeltraut hatte Lissi daher bei fast jedem Chorkonzert ein Solo singen lassen. Wilhelm hingegen kannte bislang noch nicht einmal Lissis Namen. In der letzten Probe hatte er sie mit »Lassie« angesprochen. Lissi hatte stocksauer ausgesehen und Diana, die ruhige, gleichmütige Diana, war vor Lachen fast vom Stuhl gefallen.

»Für heute lassen wir es gut sein mit ›Africa‹«, sagte Wilhelm. »Wir beenden die Probe gleich mit ›Time After Time‹, aber bevor ihr jetzt alle anfangt zu quatschen und nach euren Noten zu suchen, möchte ich etwas Organisatorisches ansprechen.«

»Hast du dir endlich überlegt, was wir zum Konzert anziehen sollen?«, platzte Lissi heraus. »Ich bin ja nach wie vor dafür, dass alle Frauen sich die Haare aufdrehen, dann sieht es aus wie Dauerwellen. Dazu blauer Lidschatten und Aerobic-Klamotten. Schweißbänder, Bodys, alles in Neonfarben, und …«

Das klang ja gruselig! Maja fing Dianas befremdeten Blick auf und schüttelte sich demonstrativ.

Zum Glück schritt Wilhelm bereits ein. »Stopp!« Er hielt abwehrend seine Hand in Lissis Richtung. »Darüber sprechen wir frühestens beim Probentag im Juli. Bis zum Konzert haben wir noch drei Monate Zeit, die Diskussion über Klamotten fangen wir nicht jetzt schon an.«

Maja war sich sicher, dass es in Lissi jetzt brodelte. Derart abgewürgt zu werden, noch dazu vor versammelter Mannschaft, war sicher nicht nach ihrem Geschmack.

»Wenn eine Probe vergeht, ohne dass Lissi die Chorkleidung erwähnt, hab ich immer Angst, im falschen Chor oder einem Paralleluniversum gelandet zu sein«, raunte Diana in Majas Ohr.

Maja lachte auf. Diana lästerte nicht oft, aber Lissi hatte sie gefressen. Wahrscheinlich lag das daran, dass die beiden Frauen kaum gegensätzlicher hätten sein können. Lissi war ein winziges, zartes Persönchen mit hoher Stimme und sorgsam bemalten Puppengesicht. Sie war stets nach den neuesten Trends gekleidet und studierte Grundschullehramt.

Diana hingegen unterrichtete Mathe und Physik am städtischen Gymnasium. Sie war scharfsinnig, humorvoll und ganz und gar uneitel. Ihre Haare schnitt sie sich vor dem Spiegel selbst und ihre praktische, bequeme Kleidung trug sie grundsätzlich so lange, bis sie auseinanderfiel. Manchmal sah sie allerdings derart abgerissen aus, dass Maja ihr am liebsten auf eigene Kosten etwas Neues gekauft oder wenigstens ihre Haare gekämmt hätte.

Maja lag irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Wenn sie ehrlich war, hätte sie lieber wie Lissi als wie Diana ausgesehen. Obwohl sie seit ihrer Jugend mit Make-up experimentierte, konnte sie immer noch keinen geraden Lidstrich ziehen, weshalb sie sich meist mit Wimperntusche zufriedengab und nur zu hohen Anlässen ihren Lidschatten hervorkramte. Sie bemühte sich um modische Kleidung und kaufte sich von Zeit zu Zeit auch ausgefallenere Kleidungsstücke, aber vor dem heimischen Spiegel wusste sie nie, wie sie diese Schätze kombinieren sollte, daher lief sie dann doch meist in Jeans, T-Shirt und Sneakers herum.

»Aerobic-Klamotten und Neonfarben ziehe ich nur über meine Leiche an!«, raunte Maja Diana zu. »Wenn’s nach mir geht, bleiben wir einfach bei schwarz.«

»Ruhe bitte!«, forderte Wilhelm und sah schon wieder in Majas Richtung. Musste der Blödmann denn jeden gewisperten Satz mitkriegen? Als Edeltraut noch da gewesen war, hatte man quatschen dürfen, so viel man wollte.

Maja biss sich auf die Lippe. Warum fiel sie nur immer wieder auf, obwohl sie sich doch eigentlich gern im Hintergrund hielt?

»Ich möchte, wie gesagt, etwas mit euch besprechen. Ich habe euch jetzt in vier Proben erlebt und ich habe mir ein erstes Bild von diesem Chor machen können. Die gute Nachricht zuerst: Hier ist viel Potenzial versammelt. Der Chor hat insgesamt ein gutes Niveau, ich bin mir sicher, dass wir bis zum Sommerkonzert noch viel miteinander erreichen können. Allerdings gibt es da einige, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie richtig sitzen. Ich habe deshalb beschlossen, dass ich euch nach und nach vorsingen lasse, damit ich euch besser einschätzen kann.«

Ein Aufstöhnen ging durch den Raum und innerhalb von Sekunden war das Stimmengewirr ohrenbetäubend.

»Vorsingen? Echt jetzt?«, moserte Theresa, die im Sopran immer neben Lissi saß.

»Muss das sein?«, hörte man Christian aus dem Tenor murren.

»Alle einzeln?«, wollte der Peter aus dem Bass wissen.

»Kein Problem«, sagte Regina laut und legte ruhig die Hände ineinander.

»Fuck!«, rutschte es Maja heraus, was im allgemeinen Tumult unterging.

Wilhelm hob die Hände. »Beruhigt euch, Leute! Und vor allem: keine Angst! Ich möchte einfach nur genau wissen, womit ich arbeite. Die meisten von euch sind hier im Chor goldrichtig! Eventuell werden einzelne Sängerinnen und Sänger nach dem Vorsingen die Stimme wechseln, es gibt in allen vier Stimmen ein paar Missklänge, die sich dadurch sicher beseitigen lassen. Ich denke eigentlich, dass wir niemanden nach Hause schicken müssen, aber versprechen kann ich es euch natürlich nicht.«

Wieder erhob sich Stimmengewirr, das von Reginas klarer Stimme durchschnitten wurde. »Müssen wir für das Vorsingen etwas vorbereiten?«, fragte sie. »Ein Lied? Eine Arie? Begleitest du uns am Klavier?«

Wilhelm schüttelte den Kopf. »Nichts dergleichen, keine Sorge.«

Als ob Regina sich deswegen Sorgen machen würde! Liebend gern würde sie Wilhelm ihre ausgebildete Altstimme präsentieren, vermutete Maja.

Wilhelm sprach weiter. »Das Vorsingen wird ganz schnell gehen. Und niemand außer mir hört euch zu. Ihr singt ein paar kleine Einsingübungen, eine Passage aus einem der Lieder, die wir gerade proben, und das war’s dann auch schon.«

Maja spürte, wie ihr Herzschlag beschleunigte. Sie sang gerne im Chor, sie liebte es, in einem Klangteppich zu stehen, die Schwingungen der Sängerinnen rund um sich herum zu spüren und sich als Teil eines Ganzen zu fühlen. Aber sie hatte absolut kein Vertrauen zu ihren persönlichen musikalischen Fähigkeiten!

In den Chorproben, umhüllt von anderen Sängerinnen, fühlte sich Maja sicher. Hier fiel es nicht auf, dass ihre Singstimme dünn und oft brüchig klang. Aber alleine sang Maja nur, wenn sie unbedingt für den Chor üben musste. Freiwillig nie. Nicht unter der Dusche, nicht beim Putzen, nicht in ihrem etwas verschrammten, in die Jahre gekommenen roten VW-Polo und schon mal gar nicht einfach so. Und nie, nie, nie wäre es ihr eingefallen, sich um ein Solo zu bewerben!

Hoffentlich würde Wilhelm ihr nicht ein anderes Hobby empfehlen, wenn er ihr dürftiges Singstimmchen hörte!

»Ich möchte nächste Woche mit den Bässen anfangen, danach kommen Tenor, Alt und zum Schluss der Sopran dran. Das Vorsingen findet jeweils nach der Probe statt, ich rufe euch dann einzeln rein.«

»Eine Audienz unter vier Augen? Ich freue mich schon«, hauchte Birgit mit ihrer Raucherinnenstimme lasziv. Sie war mit vierundvierzig Jahren die Älteste im Chor und gleichzeitig die mit den höchsten Absätzen, den kürzesten Kleidern und dem offensichtlichsten Solariumteint. Seit Jahren arbeitete sie im Sekretariat der Uni. Birgit war in der Uni bekannt wie ein bunter Hund – und ein echtes Herzchen!

Die besorgten Gesichter der Chorsängerinnen und -sänger entspannten sich und einige Lacher wurden laut.

»Och Birgit«, meldete sich Tristan zu Wort, »ich dachte, das, was wir hätten, wäre exklusiv?«

»Tut mir leid, Kleiner, eine Frau wie ich hat immer mehrere Eisen im Feuer.«

»Ich bin dir also nur für die Proben gut genug, ja?« Tristan tat empört. »Du brichst mir das Herz!«

Jetzt lachte der ganze Chor. Sogar Maja musste lachen, auch wenn Wilhelms Ankündigung sie schwer getroffen hatte. Tristan war einfach ungeheuer charmant. Na, wenn sie ehrlich war, fand sie Tristan natürlich in erster Linie ungeheuer heiß, aber dass er auch noch Humor hatte, machte ihn nahezu unwiderstehlich. Zufällig fing er ihren Blick auf und zwinkerte ihr zu. Ertappt wandte Maja sich ab.

Sie wusste, dass ihre Schwärmerei für Tristan einer siebenundzwanzigjährigen Frau unwürdig war. Es war wie damals in der sechsten Klasse, als sie einen Großteil des Unterrichts damit verbracht hatte, den süßesten Jungen der Klasse anzustarren und sich zu fragen, wie sich küssen wohl anfühlte. Inzwischen wusste sie zwar längst, wie sich küssen anfühlte, aber trotzdem war es fast wie früher: Sie verbrachte einen Großteil der Chorproben damit, Tristan von Birkhain heimlich anzustarren und sich zu fragen, wie sich Sex mit ihm wohl anfühlte. Dumme Maja! Daraus würde sowieso nie etwas werden, sie spielte nicht in seiner Liga. Punkt.

Die Probe ging weiter und die allgemeine Heiterkeit ebbte ab. Maja arbeitete so gut wie möglich mit und versuchte, weder an Sex mit Tristan noch an das bevorstehende Vorsingen zu denken, was ihr selten gelang. Allein die Vorstellung, sich vor Wilhelm mit dem Eisgesicht stellen zu müssen und zu singen …

Brrrr! Ob es half, wenn sie sich beim Vorsingen einfach krank stellte?

Kapitel 2

Nach der Probe gingen Diana, Maja, Birgit und Peter ins »Pilsbefall«, eine urgemütliche, wenn auch etwas in die Jahre gekommene Kneipe, die direkt gegenüber der Uni lag. Schlaff ließ Maja sich auf die abgewetzte Holzbank fallen. Endlich stand sie nicht mehr auf dem Prüfstand.

»Mann, hab ich einen Durst«, verkündete Peter, nachdem die Getränke gebracht worden waren. Er setzte seinen Bierkrug an die Lippen und leerte ihn in einem Zug fast um die Hälfte.

Diana sah ihm verwundert zu. »Seit wann säufst du wie ein Pferd?«, erkundigte sie sich.

Peter lächelte entschuldigend. »Ich hatte heute kein Wasser dabei, hab im Büro nur Kaffee getrunken. Ich bin vollkommen ausgetrocknet.«

»Dann hättest du dir besser kein Bier bestellen sollen«, fand Diana.

»Stimmt. Aber nun ist es zu spät für Reue«, sagte Peter und setzte den Krug ein weiteres Mal an die Lippen.

»Recht so.« Birgit nippte an ihrem Rotwein.

»Heute ist keiner von den anderen da, oder?« Maja sah sich suchend um.

»Nö«, antwortete Peter, »Hier sind mal wieder nur wir. Die alten, abgehalfterten Singles.« Er klang ein klein wenig bitter, fand Maja.

»Hör mal, Peter-Schätzelein, Diana und Maja sind noch ein paar Jährchen von uns entfernt«, mahnte Birgit, »wenn du die jetzt alt und abgehalftert nennst, wollen die irgendwann nichts mehr mit uns zu tun haben. Die beiden sind sogar noch jünger als Tristan von Knackarsch. Wenn auch ein paar Jährchen reifer, das muss ich zugeben.«

Alle lachten. Der Altersunterschied in ihrer Gruppe war regelmäßig Anlass für Blödeleien. – Peter war acht Jahre, Birgit sogar gut sechzehn Jahre älter als Maja und Diana.

Bei ihrem ersten gemeinsamen Chorwochenende hatten Diana und Maja Birgit und Peter kennen und schätzen gelernt, denn damals waren sie aufgrund einer totalen Fehlplanung gemeinsam in einem Viererzimmer gelandet. Nach dem ersten Schock hatten sie überraschend viel gelacht und sich erstaunlich viel zu sagen gehabt. Inzwischen, viele Proben und Chorfahrten später, waren sie alle gute Freunde und der gemeinsame Plausch nach den Proben hatte sich fest etabliert.

Manchmal traf ihr kleines Grüppchen im Pilsbefall auch auf andere Chormitglieder, aber das passierte eher selten. Die meisten jüngeren Sängerinnen und Sänger bevorzugten die schicken Bars in der Innenstadt, wenn sie nach der Probe noch etwas trinken gingen.

»Wir hätten eigentlich auch mal Wilhelm fragen können, ob er uns begleitet«, sagte Diana nachdenklich. »Er ist relativ neu in der Stadt, oder? Und er ist noch kein bisschen in der Chorgemeinschaft angekommen.«

»Wenn er sich in den Proben mal ein bisschen lockerer machen würde, könnte er das vielleicht ändern.« Maja guckte böse. »Was soll denn immer dieser strenge Blick? Er behandelt uns, als wären wir seine Angestellten. Oder seine dummen, kleinen Schüler. Mit Edeltraut hatten wir viel mehr Spaß. Aber das ist jetzt sowieso egal, wenn ich erst vorgesungen habe, fliege ich aus dem Chor und muss mich nie mehr mit Dr. Wilhelm Heinrich herumschlagen.« Sie biss sich frustriert auf die Unterlippe.

Diana und Birgit stöhnten laut auf.

»Fängst du wieder damit an?«, fragte Diana. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du fast immer sauber singst? Leise, ja, das schon, aber fast immer sauber. Regina würde dich niemals neben sich dulden, wenn du schief singen würdest. Wisst ihr noch im letzten Semester? Da hat sich die arme, kleine Sabrina immer neben sie gesetzt und Regina hat die ganze Probe beleidigt ausgesehen und sich das eine Ohr zugehalten und sich so seltsam weggedreht. Es war zum Schießen!« Diana lachte, aber Maja war nicht zum Lachen zumute.

»Ich weiß, dass ich einigermaßen richtig singe. Aber meine Stimme klingt furchtbar! Und der blöde Wilhelm hat bestimmt die kritischsten Ohren der Stadt. Hilfe!« Maja bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Diana murmelte entnervt. »Wenn du dich unbedingt niedermachen willst …«

Birgit tätschelte Majas Hand. »Du wirst es überleben, Herzchen«, tröstete sie. »Dauert ja nicht lange. Lust habe ich auch nicht auf dieses Vorsingen, das kann ich euch flüstern. Wahrscheinlich steckt er mich danach zu euch in den Alt, mein Sopran ist längst nicht mehr das, was er mal war.«

»Und ihr?« Maja musterte Dianas und Peters Gesichter. »Euch lässt das Ganze völlig kalt, oder?« Die beiden Angesprochenen zuckten die Schultern.

Peter sagte: »Ehrlich gesagt mache ich mir um andere Dinge mehr Sorgen. Zum Beispiel darum, wie ich die Geburtstagsfeier meiner Mutter am übernächsten Sonntag überstehen soll. Ich kann es kaum noch ertragen, wenn mich meine Tanten wieder fragen, wann ich denn endlich ein paar Enkelkinder liefere.« Peter schnaubte wütend. »Irgendwann antworte ich mal ehrlich auf diese bescheuerten Fragen. Was meint ihr, wie so eine Kaffeerunde reagieren würde, wenn ich einfach mal brüllen würde: ›Ich will ja, aber ich finde ums Verrecken keine Frau?‹«

»Gute Idee, probier das aus und sag mir, wie’s war«, forderte Diana amüsiert.

»Soll ich dich zum Geburtstag deiner Mutter begleiten und deine Freundin spielen?«, bot Maja an.

Warum musste so ein knuddeliger, witziger, kluger Mann wie Peter als ewiger Single durchs Leben gehen? Hatte denn heutzutage niemand mehr einen Blick für innere Werte? Sahen denn alle nur die überflüssigen Pfunde und das etwas zu runde Gesicht, wenn sie sich mit Peter unterhielten? Andererseits, räumte Maja vor sich selbst ein, dachte auch sie selbst lieber über Sex mit Tristan als über Sex mit Peter nach. Die Welt war gemein!

»Nee, lass mal.« Peter winkte ab. »Kein Mensch nimmt mir ab, dass ich eine derart hübsche Freundin habe.«

»Dann nimm halt mich mit«, sagte Diana. »Mich hält garantiert keiner für zu hübsch. Im Gegenteil, ich lasse dich richtig gut aussehen, wenn du mich an deinen Arm hängst.« Peter und Diana lachten in bestem Einvernehmen. Die beiden waren wirklich gut befreundet, gingen regelmäßig zusammen ins Kino oder Theater und suchten dort nach den düstersten, gern gesellschaftskritischen Stoffen, über die sie bis spät in die Nacht zu diskutieren pflegten.

»Ist das dein Ernst, würdest du mitkommen?«, fragte Peter hoffnungsvoll, als sie sich wieder beruhigt hatten.

Diana nickte. »Klar, warum nicht. Aber danach hab ich einen bei dir gut. Vielleicht buche ich dich demnächst mal für einen Gegeneinsatz.«

»Jederzeit.« Peter lehnte sich zufrieden zurück. »Und jetzt, wo wir mein Leben aufgeräumt haben, können wir uns wieder den Problemen anderer Leute widmen. Zum Beispiel deinen, Maja. Geht’s inzwischen besser im Job oder ist immer noch die Hälfte deines Teams krank?«

»Die sind bestimmt nicht krank, die lassen sich vom Hausarzt Sonderurlaub geben«, mischte sich Birgit ein. »Weil das Wetter gerade so herrlich ist. Tolle Erfindung, eigentlich. Wenn’s mal Stress gibt, lässt man sich einfach krankschreiben und wird dafür auch noch bedauert. Sollte ich auch mal nutzen, statt treudoof und pflichtbewusst jeden Tag zur Arbeit zu rennen! Wenn ich’s recht bedenke – in letzter Zeit habe ich ziemlich oft Rückenschmerzen.« Birgit griff sich mit gespielt wehleidiger Miene ins Kreuz. »Und irgendwie bin ich auch so oft müde und wer weiß, ob mit meiner Psyche alles in Ordnung ist …«

»Na, na«, wiegelte Maja ab. »Von den sechs, die in letzter Zeit krankgeschrieben waren, steht bei mir nur eine einzige unter Sonderurlaub-Verdacht. Die anderen haben echte Probleme. Eine Magen-Darm-Grippe, einen Schlaganfall und eine Knie-OP kann man wohl kaum als Faulenzerei bezeichnen. Und ein Bandscheibenvorfall kann brutal wehtun. Die chronische Sehnenscheidenentzündung meiner Kollegin ist auch fies. Sie arbeitet sogar ständig, obwohl sie Schmerzen hat, und wir anderen schicken sie dann nach Hause. Nur über eine Kollegin ärgere ich mich wirklich! Sie leidet angeblich unter Migräneanfällen und wenn sie krankgeschrieben ist, wird sie dauernd beim Shoppen gesichtet.«

»Das geht natürlich gar nicht!«, stimmte Diana zu. »Die mit der Migräne, ist das die, die sich immer so brutal über eure Kunden äußert? Diese Ilona?«

»Genau die. Ilona. Sie schwafelt immer herum, ihre Kunden hätten alle die falsche Einstellung zum Leben und würden bloß den Arsch nicht hochkriegen. Sie verhängt gern mal Sanktionen, wenn jemand nicht genug Bewerbungen geschrieben hat, sie findet, man muss die Drückeberger hart anfassen. Außerdem habe ich schon zwei Mal erlebt, dass sie in größeren Runden vertrauliche Details über ihre Kunden ausgeplaudert hat, weil sie sie so amüsant fand.« Maja hatte sich richtig in Rage geredet.

Diana nickte. »Man kann’s verstehen!«

Peter schüttelte den Kopf. »Ich finde es nach wie vor total zynisch, dass ihr die armen Schweine, die regelmäßig bei euch antanzen müssen, ›Kunden‹ nennt.«

»Ich mag es so«, entgegnete Maja etwas ruhiger. »Es klingt einigermaßen respektvoll. Wie sollten wir sie sonst nennen? ›Unsere Arbeitslosen‹?«

»Oder ›eure Hartzis‹«, schlug Diana vor. »Nein, das ginge gar nicht!«

Eigentlich mochte Maja ihre Arbeit im Jobcenter. Manchmal – viel zu selten zwar, aber immerhin – hatte sie die Chance, das Leben eines Menschen deutlich zum Besseren zu wenden, indem sie ihm einen Job vermittelte, der zu ihm passte. Oder indem sie durchsetzte, dass einer Kundin eine dringend benötigte Weiterbildung finanziert wurde. Die Freude, die sie auf den Gesichtern solcher Kunden las, wenn diese nach jahrelanger Arbeitslosigkeit wieder eine Chance für sich sahen, machte in Majas Augen viel Stress wett.

Seit einigen Wochen war der Arbeitsalltag extrem anstrengend, weil sie immer wieder Fälle ihrer krankgeschriebenen Kollegen übernehmen musste. Deshalb ärgerte sie sich umso mehr über die unterirdische Arbeitshaltung ihrer shoppingverrückten Kollegin, die ihre Kunden längst aufgegeben hatte und es daher absolut legitim fand, sich so wenig wie möglich um deren Belange zu kümmern.

Maja führte beide Hände zu ihrem verspannten Nacken und drückte die Finger auf die Muskelstränge, die am stärksten schmerzten. Normalerweise sorgten die Donnerstagabende für zuverlässige Ablenkung vom Jobstress. Aber dank Dr. Wilhelm Heinrich und seinen überzogenen Anforderungen konnte Maja jetzt nicht mal mehr in den Chorproben abschalten.

»Ich kenne Ilona zwar nicht, aber nach allem, was ich über sie weiß, mag ich sie nicht«, bemerkte Diana. Peter und Birgit nickten zustimmend.

»Naja, im Moment kommt sie wenigstens zur Arbeit. Und Inges Magen-Darm-Grippe hat sich auch erledigt, deren Fälle habe ich also nicht mehr auf dem Schreibtisch«, sagte Maja und knetete weiter. »Dass man sich ab und zu mal über eine Kollegin ärgert, ist wohl normal, oder?«

»Ist es. Besonders, wenn sie wirklich so unverschämt sind. Ich ärgere mich allerdings eher selten über Kollegen. Ich ärgere mich die meiste Zeit über meinen Chef«, brummte Peter, der als Softwareentwickler arbeitete. »Ehrlich, es ist unmöglich, dem irgendetwas Recht zu machen.«

»Armer Peter.« Birgit stricht ihm mütterlich über den Rücken. »Aber wir haben alle unser Päckchen zu tragen. Mich nerven die Studis, die grundsätzlich nicht die richtigen Unterlagen dabeihaben, wenn sie das Sekretariat betreten, Diana nerven die Schüler, die ihre Fächer hassen …«

»Mich nerven vor allem die Mädchen, die extrem clever sind und sich trotzdem meinem Unterricht verweigern, weil es so uncool ist, Physik zu mögen«, warf Diana ein.

»Und unseren Dr. Wilhelm nerven wahrscheinlich die Chorsängerinnen, die ständig dazwischenquatschen. Besonders, wenn diese Chorsängerinnen extrem untalentiert sind, so wie ich«, sagte Maja. Sie brach ihre Massage ab und warf den Oberkörper theatralisch stöhnend auf die Tischplatte. Prompt kippte ihre Kirschschorle um, die sich auf ihre Beine und den Fußboden ergoss. »Huch!«, quiekte sie.

Ein dreistimmiges Stöhnen erklang um sie herum.

»Ich hole einen Lappen.« Peter sprang auf und ging zur Theke.

»Und ich schüttele dich bei Gelegenheit mal kräftig durch!« Diana schnitt Maja eine komisch-verzweifelte Grimasse.

Maja war sich nicht sicher, ob Diana das auf die umgekippte Schorle oder auf ihre Chorkomplexe bezog. Vermutlich auf beides.

Kapitel 3

Am Samstag versammelte sich Majas ganze Familie regelmäßig auf dem nahe der Stadt gelegenen Campingplatz »Zum Waldsee«. Als Maja sich am späten Nachmittag dem Wohnwagen ihrer Eltern näherte, empfing sie lautes Stimmengewirr. Wenn alle Müllers zusammenkamen, bevölkerten acht Erwachsene und zwei Kinder die Parzelle. Maja liebte diese unkomplizierten Versammlungen, bei denen immer lebhaft geplaudert und viel gelacht wurde.

Ihre Eltern hatten schon seit über zwanzig Jahren eine Dauercamping-Parzelle direkt am Wasser gemietet. In ihrer Kindheit hatten Maja und ihre vier Geschwister alle Ferien und fast alle Sommerwochenenden hier verbracht. Mehr war nicht drin gewesen. Majas Eltern hatte nie viel Geld gehabt, obwohl beide Eltern immer gearbeitet hatten. Ihr Vater war oft bis spät in den Abend in seinem Beruf als Gas- und Wasserinstallateur auf Baustellen unterwegs gewesen. Und Majas Mutter hatte neben der Betreuung der Kinder in zahlreichen Minijobs geschuftet.

Für Urlaub, Markenklamotten und teure Hobbys hatte es bei Familie Müller trotzdem nie gereicht. Aber da sie in einer recht bescheidenen Mietwohnung mitten in der Stadt lebten, hatten sich Majas Eltern irgendwann wenigstens die Parzelle am See leisten können.

Jahrelang hatte dort ein riesiger Wohnwagen gestanden, den Rita und Bernd billig gekauft hatten, als das letzte ihrer fünf Kinder, Majas kleine Schwester Heidi, gerade auf die Welt gekommen war.

Dieser Wohnwagen war von Anfang an so baufällig gewesen, dass man ihn nicht mehr durch die Gegend ziehen konnte, aber er hatte mit seinen zwei Etagenbetten und einem Doppelbett Platz für die ganze Familie Müller geboten – natürlich nur, wenn Majas ältester Bruder auf dem Klappbett im Vorzelt schlief. Majas Vater hatte fast jedes Wochenende an dem Wohnwagen herumgeschraubt. Am Ende wurde das Ungetüm von Wohnwagen nur noch von stabilem Klebeband und Holzbrettern zusammengehalten.

Erst vor fünf Jahren hatten sich Rita und Bernd einen lang gehegten Traum erfüllt: Sie hatten einen nagelneuen Wohnwagen gekauft, der sich problemlos vom Fleck bewegen ließ. Seitdem waren die beiden, sooft sie konnten, mit dem Wohnwagen unterwegs.

Sehr zur Begeisterung ihrer Kinder und Enkel kehrten sie aber immer wieder zu ihrer festen Parzelle an den Waldsee zurück und bauten dort das geräumige Vorzelt auf.

Majas Eltern und Geschwister saßen bereits um den großen Tisch im geöffneten Vorzelt herum. Majas ältester Bruder Axel und seine Frau Sabrina standen neben dem Vorzelt am Grill und entzündeten die Kohle. Ihre Brut paddelte in einem orangefarbenen Schlauchboot in Ufernähe auf dem See herum. Larissa und Lennart winkten fröhlich kreischend, als sie Maja sahen.

Maja verteilte zunächst ein paar Umarmungen an die fröhliche Tischrunde – an ihre Eltern, ihre kleinen Brüder Tim und Ole und an Heidi, die trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre das ewige Küken der Familie war.

Dann gesellte sie sich zu Axel und Sabrina an den Grill. »Hallo ihr beiden«, grüßte sie. »Ist das nicht gefährlich, wenn die Kurzen alleine auf dem See herumpaddeln? Lennart kann doch noch nicht schwimmen.«

Sabrina warf Axel einen säuerlichen Blick zu. »Mein Reden«, fauchte sie. »Aber dein Bruder ist der Meinung, dass ich die Kinder in Watte packe. Ich sage dazu lieber nichts mehr.«

»Liebe Güte«, stöhnte Axel, »ich hab den beiden gesagt, dass sie nicht zu weit rauspaddeln dürfen. Sie sind keine Babys mehr, Sabrina. Larissa ist in der Schule! Wir sehen die beiden doch von hier aus. Und glaub mir, wenn einer von ihnen ins Wasser plumpst, bin ich schneller im See, als man ›Helikoptereltern‹ sagen kann!«

»Ja dann …«, sagte Maja schwach. Sie würde den Teufel tun und sich in eine Diskussion zwischen Axel und Sabrina einmischen! Das hatte sie schon öfter mehr oder weniger freiwillig getan und es hatte meistens damit geendet, dass hinterher beide sauer auf sie waren.

Lieber wandte Maja dem Grill den Rücken zu und setzte sich zu den anderen an den Tisch. Der Platz neben Heidi war noch frei, also ließ Maja sich dort nieder.

»Willst du?«, fragte ihr Vater zur Begrüßung und hielt Maja eine Flasche Bier hin, die er aus der Kühlbox hinter sich gefischt hatte. Seine silbergrauen, kurzen Locken standen fröhlich zu Berge, bekleidet war er lediglich mit Shorts und Badeschlappen.

Neben ihm saß Majas Mutter, ebenfalls barfuß und in Shorts und schnitt Tomaten und Mozzarella. Sie hatte den gleichen sonnengebräunten, von tiefen Lachfalten durchzogenen Teint wie ihr Mann, aber ihre silberblonden Haare waren glatt und wurden, seit Maja denken konnte, zu einem praktischen Kurzhaarschnitt gestutzt. Immerhin trug Rita heute ein knallbunt gestreiftes T-Shirt und nicht nur ihr Bikinioberteil. Manchmal, eigentlich sogar ziemlich oft, fand Maja, dass ihre Eltern sich ruhig etwas spießiger geben dürften.

Maja lehnte das angebotene Bier ab und ließ sich neben ihrer Mutter nieder.

»Schön, dass du doch so früh hier bist.« Rita Müller freute sich sichtlich. »Wir dachten schon, wir müssten ohne dich anfangen.«

»Ich hatte noch so viel zu erledigen«, entschuldigte sich Maja. »Einkaufen, saugen, bügeln … Unter der Woche stapelt sich bei mir alles.«

»Du arbeitest zu viel, mein Schatz«, fand Majas Mutter. »Es muss nicht immer alles hundertprozentig sein, weißt du?« Sie sah ihre Älteste liebevoll und durchaus auch ein wenig stolz an. »Das Leben wird nicht schlechter, wenn auch mal was herumliegt. Im Gegenteil, ein bisschen Chaos macht eine Wohnung doch erst gemütlich.«

»Mama, bei mir liegt eigentlich immer jede Menge Zeug herum. Meine Wohnung ist alles andere als makellos!«

»Aber sicher doch.« Rita Müller lächelte verschmitzt. »Ich glaube dir kein Wort. Du bist eben unsere Korrekte.«

Irgendwie war Maja die Rolle der Ordentlichen in der Familie zugefallen, seitdem ihre Eltern sie kurz nach dem Einzug in die erste eigene Wohnung besucht hatten. Nach dem Studium war sie mit sehr wenigen Habseligkeiten aus einem elf Quadratmeter großen WG-Zimmer in eine knapp fünfzig Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung gezogen. Die neue Wohnung war ihr picobello geputzt und frisch renoviert übergeben worden. Alles, was Maja besaß, passte anfangs in den fest eingebauten Wandschrank.

Majas Eltern waren von der leeren, tipptopp aufgeräumten Wohnung sehr beeindruckt gewesen. »Von wem hat sie das bloß?«, fragten sie einander immer wieder und klangen sowohl stolz als auch ein klein wenig befremdet.

Seitdem war es mit dem Zustand von Majas Wohnung stetig bergab gegangen – oft hatte sie morgens sogar Schwierigkeiten, zwei zueinander passende Socken zu finde. Aber Rita und Bernd Müller glaubten immer noch, dass ihre älteste Tochter eine Art Ordnungsgenie war. Und kein Besuch bei Maja konnte sie vom Gegenteil überzeugen.

»Kann ich dir was helfen, Mama?«, fragte Maja.

»Nein, danke, es ist schon fast alles erledigt. Ihr Jungs deckt jetzt mal den Tisch, ja?« Sie warf ihren beiden jüngeren Söhnen einen strengen Blick zu, als rechnete sie mit Widerstand. Die angesprochenen »Jungs« nickten gutmütig.

»Klar, kein Problem«, sagte Tim.

»Die Frauen kochen, die Männer grillen, die Kinder decken den Tisch«, amüsierte sich Majas kleine Schwester Heidi. »Spielen wir heute Fünfzigerjahre?«

»Und das kleinste Kind guckt den anderen beim Arbeiten zu und klopft kluge Sprüche, was Heidi?« Ole strubbelte ihr über die sorgfältig gelegten, langen, dunklen Locken.

»Ey, spinnst du?«, explodierte Heidi und schlug seine Hand weg. »Ich will nachher noch mit Ina in die Stadt. Ich hab ewig für meine Haare gebraucht. Blödmann!«

»Jetzt stell dich doch nicht so an, du Diva. Als ob irgendwem auffallen würde, ob du deine Haare geföhnt hast oder nicht!«

»Männer sehen so was nicht«, pflichtete Tim seinem Bruder bei. »Und wenn du in diesen Klamotten losgehst, bist du sowieso so gut wie unsichtbar.«

Ole und Tim lachten. Die beiden waren schon immer wie Pech und Schwefel gewesen, sie lebten sogar gemeinsam in einer WG, weil sie sich so gut verstanden.

»Natürlich ziehe ich mich noch um, ihr Dödel«, fauchte Heidi, »Aber was will ich denn in Kleidchen und High Heels auf dem Campingplatz?«

»Ich dachte, du wolltest mit diesem T-Shirt-Sack darüber hinwegtäuschen, dass du schon ewig nicht mehr im Fitnessstudio warst.« Majas Bruder Tim arbeitete als Personal Trainer im größten Fitnessstudio der Stadt. Er hatte seiner ganzen Familie verbilligte Jahresmitgliedschaften aufgezwungen und achtete peinlich genau darauf, dass diese auch genutzt wurden.

»Jetzt lasst mal eure Schwester in Ruhe!«, forderte Mutter Müller scharf. Wenn Rita etwas wollte, duldete sie keine Widerrede. Mit dem Tomatenmesser zeigte sie drohend in Richtung ihrer Söhne. »Bewegt eure Hintern in den Wohnwagen und deckt endlich den Tisch! Abmarsch!«

Eine halbe Stunde später war Ruhe im Vorzelt eingekehrt. Die Kinder waren wieder sicher an Land, Heidi und Ole hatten ihren Streit beigelegt und endlich mampften alle einträchtig Würstchen und Salat. Wie immer hatte es über den Salat auf Oles und Tims Teller eine kleine Diskussion gegeben, wie immer hatte Mutter Müller diese Diskussion mit den Worten »Ihr braucht Vitamine!« beendet und einfach je einen Löffel Salat auf die Teller ihrer jüngeren Söhne geklatscht.

Auf den benachbarten Parzellen saßen zufriedene Camper ebenfalls vor ihrem Abendessen. Von Zeit zu Zeit, wenn wieder mal ein Kronkorken auf der abwaschbaren Tischdecke landete und einem zufällig der Blick eines Nachbarn begegnete, prostete man sich freundlich zu. Man kannte sich schließlich schon seit einer halben Ewigkeit. Und auch wenn die meisten Dauercamper hier auf Ruhe und Ordnung pochten, hatten sie schon so oft mit Bernds Hilfsbereitschaft und Ritas Herzlichkeit Bekanntschaft gemacht, dass sie das Ehepaar trotz ihrer überaus lebhaften Großfamilie schätzten.

Maja genoss die laue Sommerabendluft, die Anwesenheit ihrer ganzen Familie und ihr Essen. Es war gut, dass sie heute mal ganz unter sich waren. Da musste man den Tisch nicht hübsch decken, Rita und Bernd konnten ihre bequemen Shorts und Crocs anlassen und alle konnten nach Herzenslust durcheinanderquatschen und laut lachen.

Natürlich gab es viele alte Freunde, deren Anwesenheit beim Familiengrillen kaum auffiel. Und auch neue Leute waren bei Rita und Bernd stets willkommen. Aber nur, wenn sie »passten«. Wenn sie sich am See sofort ihrer Schuhe entledigten und ein Bier entkorkten zum Beispiel. Oder wenn sie ihre eigenen Fische angelten oder über Autos und Fußball Bescheid wussten.

Aber wehe, ein anstrengender oder anspruchsvoller Gast brach in das tiefenentspannte Campingplatzleben der Familie Müller ein! Jemand, der zu makellos gekleidet war und den Stuhl abwischte, bevor er sich setzte. Oder jemand, der nach einer Serviette, einem Klecks Dijon-Senf oder einem Glas Rotwein fragte.

Kurz: Wehe, wenn sich jemand auf der Parzelle blicken ließ, der vom Campen wenig hielt und kaum einen Hehl daraus machte! Über solche Gäste schimpften Rita und Bernd im Nachhinein wie die Rohrspatzen. »Schnösel!«, war dann das vernichtende Urteil, dass die beiden einstimmig fällten.

»Schnösel!«, hatten sie auch Majas Ex Karsten genannt, an den Maja leider mehr als fünf Jahre ihres Lebens verschwendet hatte. Vielleicht stimmte es, vielleicht war Karsten ein Schnösel. Fest stand, dass er vollkommen anders aufgewachsen war als Maja.

Karstens Familie wohnte in einer riesigen Altbauvilla in der Südstadt. Seine Mutter spielte Tennis, war Vorsitzende eines Buchclubs und spielte Geige in einem Streichquartett.

Sein Vater trug gebügelte Polohemden und spielte ebenfalls Tennis. Er entstammte einer Arztfamilie und führte eine radiologische Praxis, die Karstens älterer Bruder übernehmen würde.

Die Familie beschäftigte eine Putzfrau und einen Gärtner. Karsten selbst hatte – unter anderem in Japan und den USA – BWL studiert und führte schon mit zweiunddreißig Jahren eine fünfzehn Mann starke Abteilung.

Als Maja ihn damals auf der Party einer Studienkollegin kennengelernt hatte, war sie unglaublich beeindruckt gewesen, sowohl von ihm als auch von seiner Lebensgeschichte. Dass sich jemand wie Karsten für sie interessierte und den ganzen Abend neben ihr sitzen blieb, war ihr wie ein kleines Wunder vorgekommen. Dass so jemand am Ende des Abends auch noch mit ihr ausgehen wollte, erst recht.

Maja hatte bei diesen ersten Dates staunend zugehört, wenn Karsten von seinem abwechslungsreichen Beruf und seinen Auslandsaufenthalten erzählte.

Weil sie selbst im Vergleich wenig Aufregendes aus ihrem Leben zu erzählen hatte, ließ sie ihn die meiste Zeit reden und gab sich unkompliziert und amüsant. Sooft sie konnte, brachte sie ihn zum Lachen, was ihr erstaunlich gut gelang.

»Du bist das liebste und süßeste Mädchen der Welt«, hauchte Karsten, bevor er sie zum ersten Mal küsste. Diana hatte dieses Kompliment schrecklich gefunden, als Maja ihr damals davon erzählt hatte.

Es dauerte nicht lange und Karsten und sie waren unzertrennlich. Niemand staunte darüber mehr als Maja! Sie trafen gemeinsam seine Freunde und gingen am Wochenende mit dem Katamaran von Karstens Familie segeln. Eine Weile war Maja im siebten Himmel!

Leider konnte man sich kaum jemanden vorstellen, der weniger zu Majas Familie gepasst hätte. Da konnte Karsten noch so oft behaupten, Majas Familie wäre »unnachahmlich charmant« und das Campingplatzleben »so bunt«. Maja wusste, dass er sich bei den Familiengrillabenden insgeheim fühlte, als wäre er in die Fänge von Aliens geraten.

Auch Maja war sich nicht mehr ganz sicher gewesen, ob Karsten zu ihr passte, nachdem der erste Hormonrausch abgeebbt war. Es gab zu viele Dinge, die sie in seiner Gegenwart auf einmal anders machte. Diana bemängelte ein ums andere Mal: »Du benimmst dich bei ihm so kulleräugig!«

Trotzdem schaffte es Maja nicht, einen Schlussstrich zu ziehen. Zu schwer wog die Angst, vielleicht nie wieder einen derart tollen Hecht an Land ziehen zu können.

Wenn Maja ehrlich war, war sie fast froh, als die Beziehung vor einem guten Jahr dann endlich von seiner Seite aus scheiterte, weil Karsten sich in seine Kollegin verliebt hatte. Eine Entscheidung war ihr abgenommen worden.

So fremd, wie Karsten in ihrer Welt gewirkt hatte, so fremd hatte sie sich auch in seiner gefühlt. Wenn seine Eltern sie einluden, hatte sie immer Angst, etwas falsch zu machen, denn in seiner Familie schienen völlig andere Regeln zu gelten als in ihrer. War sie richtig angezogen? Waren die Schuhe sauber? War der Blumenstrauß zu groß oder zu klein oder zu kitschig? Begrüßte sie alle Anwesenden in der korrekten Reihenfolge? Benahm sie sich beim Essen adäquat? Sagte oder tat sie irgendetwas, mit dem sie sich als Tochter von Nicht-Akademikern outete?

Majas Vater rülpste laut und riss sie damit aus ihren Gedanken. »Benimm dich doch wenigstens vor den Kindern, Bernd«, tadelte Majas Mutter.

»Was raus muss, muss eben raus«, antwortete Majas Vater. »Sei nicht so verspannt, Rita.«

»Opa hat gerü-hülpst! Opa hat gerü-hülpst!«, sang die kleine Larissa begeistert und nach kurzer Zeit stieg Lennart in ihren Singsang ein.

Der Opa lächelte nur, aber Sabrina brachte die beiden mit einem lauten »Schluss jetzt!« zum Schweigen.

Maja kicherte in sich hinein. Gut, dass Karsten Vergangenheit war. Und gut, dass Leute seines Schlages sich nur selten hierher verirrten.

Nach dem Essen räumte Majas Vater den Tisch ab und Tim und Ole wurden zum Spülen ins Waschhaus geschickt. Larissa und Lennart wollten die beiden begleiten, sie durften die Spülmittelflasche und das Geschirrhandtuch tragen.

Maja, Heidi und ihre Mutter brachen zu einem kleinen Spaziergang auf. Schon nach wenigen Schritten auf dem schmalen Uferweg verließen sie den Campingplatz und seine Geräuschkulisse durch ein kleines Törchen und gingen kurz darauf in friedlicher Stille am bewaldeten Seeufer entlang.

Rita blieb stehen atmete tief ein. »Ich finde es immer noch herrlich hier«, sagte sie. »Die Waldluft, der See, die Ruhe … Wunderschön!«

»Naja.« Heidi sah sich um. Ihre Miene drückte Desinteresse aus. »Ja. Es ist schon schön hier. Aber ich an eurer Stelle wäre das Ganze allmählich leid. Diese ewige Camperei. Wollt ihr nie irgendwohin fliegen? Mal in einem schicken Hotel absteigen? Die Welt sehen?«

Rita zuckte die Schultern. »Man sieht auch eine Menge, wenn man mit dem Wohnwagen durch die Gegend fährt. Aber natürlich würde ich gern auch mal wegfliegen. Wollte ich schon immer. Einmal in einem Hotel in der Karibik sein! Oder in Florida!« Ritas Gesicht nahm einen sehnsüchtigen Ausdruck an. »Gisela und Hans-Peter waren Ostern in Florida! Die haben so schöne Fotos mitgebracht!«

»Aber wir sind doch alle groß«, sagte Heidi. »Ihr könnt Urlaub machen, wo ihr wollt, oder nicht?«

»Theoretisch schon.« Rita lächelte wehmütig. »Wenn wir zufällig eine Kiste voll Gold finden würden. Unsere Ersparnisse sind nicht besonders üppig und das bisschen, was wir haben, soll bis ins hohe Alter reichen. Deshalb müssen wir uns leider entscheiden: eine Dauercampingparzelle am See, die wir fast jedes Wochenende mit der ganzen Familie benutzen, und dazu immer mal ein Urlaub mit dem Wohnwagen – oder eine teure Flugreise alle paar Jahre. Da fällt die Entscheidung leicht, nicht?«

»Wenn du es sagst …« Heidi wirkte nicht überzeugt.

»Ich bin immer gerne hier«, warf Maja hastig ein. »Schließlich ist das hier so etwas wie unser zweites Zuhause.« Heidi sollte lieber mal den Mund halten, dachte sie. Dass luxuriöse Fernreisen etwas anderes waren als ein Wohnwagenurlaub, wusste ihre Mutter auch, ohne dass Heidi sie mit der Nase darauf stieß!

Aber Rita Müller war nicht im Mindesten verletzt, sie winkte gelassen ab. »Ich weiß schon, dass eure Generation andere Vorstellungen vom perfekten Urlaub hat, ihr müsst mir nichts vormachen. Wir sind damals, als wir nur Axel hatten, mit zwei kaputten Luftmatratzen, einem Zelt und unserem klapprigen Golf ans Mittelmeer gedüst und fanden das unheimlich aufregend und exotisch. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen.« Sie lachte fröhlich.

Maja verzog das Gesicht. »Ich glaube, für einen reinen Zelturlaub wäre ich zu verweichlicht.«

»Na, du kannst dir schließlich auch etwas anderes leisten«, sagte Rita, »du verdienst ja so gut!« Ein wenig Stolz schwang in ihrer Stimme mit.

Das ließ Maja einfach mal so stehen. In ihrem Bekanntenkreis hatte sie keinesfalls das Gefühl, als Jobcenter-Mitarbeiterin zu den Großverdienern zu gehören, aber ihrer Mutter gegenüber wäre es ihr arrogant vorgekommen, das zuzugeben.

Die untergehende Sonne tauchte Wald und See in ein wunderbar weiches, warmes Licht. Maja steuerte die nächstgelegene Bank an und ließ sich dort nieder, Rita und Heidi setzten sich neben sie. Eine Weile schwiegen die drei Frauen und beobachteten eine Entenfamilie, die auf dem ansonsten spiegelglatten See herumpaddelte.

»Und jetzt erzählt mal, ihr Mädchen – was gibt es Neues bei euch?« Rita sah erwartungsvoll zwischen ihren beiden Töchtern hin und her. »Was macht die Männerwelt? Was macht der Chor, Maja?«

Maja verzog das Gesicht. Weder über die Männerwelt noch über den Chor wollte sie jetzt sprechen, beide Themen waren geeignet, ihr gründlich die Laune zu verderben. »Nichts, alles ist wie immer«, behauptete sie schwach.

»Ha! Und warum guckst du dann so düster?« Heidis Blick bohrte sich tief in Majas Augen.

»Du solltest Polizistin werden, nicht Lehrerin«, murrte Maja. »Niemand verhört Menschen so gnadenlos wie du.«

Heidi war geschmeichelt. »Ich denke, dass es auch als Lehrerin ganz nützlich ist, wenn man Lügner durchschaut«, sagte sie. »Also, was ist los, was läuft schief?«

Maja verzog das Gesicht noch ein bisschen mehr. Heidi würde nicht lockerlassen. Besser, sie warf den beiden ein paar Brosamen hin und erzählte von ihren Problemen im Chor. Denn von ihren jüngsten Männerproblemen würde sie ihrer Mutter nie und nimmer erzählen! Weder von ihrer affigen Schwärmerei für Tristan von Birkhain noch von ihrer soeben beendeten Affäre mit dem Arschloch Arne, der ihr erst nachdem sie drei Mal miteinander im Bett gewesen waren gebeichtet hatte, dass er eine Ehefrau und zwei kleine Kinder hatte. Reizend! Natürlich hatte Maja tief empört und schwer verletzt sofort einen Schlussstrich unter die Sache gezogen, aber ihre Mutter würde trotzdem ausflippen, wenn sie die Geschichte je erfuhr.

»Ich fliege demnächst aus dem Chor«, behauptete Maja also.

»Was? Warum denn das?« Rita setzte sich sofort wieder gerade auf. Ihre Augen sprühten vor Empörung. »Ist es wegen diesem unsympathischen neuen Chorleiter? Seid ihr aneinander geraten?«

Maja musste lachen. »Du kennst ihn doch gar nicht.«

»Du hast mir genug von ihm erzählt. Der ist doch persönlichkeitsgestört, dieser Pedant. Den hat man viel zu früh vom Töpfchen geholt!«

»Mama! Was sind denn das für abenteuerliche Ferndiagnosen! Er hat dir doch gar nichts getan.«

»Aber dir?« Heidi blitzte neugierig zu Maja herüber.

»Noch nicht«, sagte Maja düster. »Aber er will alle Chorsänger einzeln vorsingen lassen. Und dann – weiß ich wirklich nicht, ob er mich im Chor behält. Er hat gesagt: ›Die meisten von euch sind hier im Chor goldrichtig.‹ Die meisten! Nicht alle! Und dann hat er noch was von Missklängen in allen Stimmen gesagt. Ich wette, ich bin so ein Missklang. Ich wäre am Boden zerstört, wenn ich nicht mehr dabei sein dürfte, ehrlich!«

»Ich dachte, du kannst singen?« Heidi legte den Kopf schief. »Du bist doch im Chor, seit ich denken kann.«

»Natürlich kann sie singen«, bestimmte Rita. »Wunderschön sogar.«

Maja fragte sich, woher ihre Mutter das wissen wollte. Gehört hatte sie es sicher noch nie, Maja sang nicht vor ihrer Familie. Oder überhaupt vor irgendwem. Sie sang nur, wenn sie sich in einem Meer aus anderen Stimmen verstecken konnte.

»Es ist ja nicht so, dass ich überhaupt nicht singen kann«, gab sie zu. »Im Chor sitze ich immer zwischen Regina und Diana, die singen beide super, da kann ich mich hemmungslos dranhängen und dann klappt es einigermaßen. Aber wenn ich zu Hause irgendwas aus dem Chor übe, kriege ich es meistens nicht hin. Und ein einziges Mal habe ich mich selbst aufgenommen – meine Stimme klingt grausam. Dünn und heiser. Glaubt mir, das will kein Mensch hören. Und Dr. Wilhelm Heinrich schon mal gar nicht.«

»So ein Unsinn, das kann ich nicht glauben.« Rita schüttelte energisch den Kopf. »Jeder kann singen. Und jemand, der eine so schöne Seele hat wie du, kann es erst recht!«

»Mama glaubt grundsätzlich, dass wir alles können.« Maja grinste. Heidi grinste ebenfalls. »Klar. Wenn’s nach Mama geht, sind wir Göttinnen: unglaublich klug, stark und wahnsinnig hübsch. Stimmt’s Mama?«

»Aber ja, das seid ihr. Zarte, wunderschöne Göttinnen. Früher hätte ich für eure großen, dunklen Augen glatt einen Mord begangen.«

»Und für unsere krausen Haare und unsere Adlernasen wohl auch?«, neckte Heidi.

»Ich finde eure Nasen aristokratisch«, behauptete ihre Mutter. »Gerade eure Nasen machen euch bildhübsch!«

»Mhm. Klar«, sagte Maja ironisch.

»Ich glaube immer noch, dass eine unserer Vorfahrinnen eine heimliche Affäre mit einem Griechen hatte«, witzelte Heidi. »Anders kann man sich Majas und mein Äußeres bei zwei so stupsnasigen Eltern nicht erklären.«

»Wer weiß.« Rita wiegte nachdenklich den Kopf. »Meine Mutter war eine ziemlich wilde Hilde, die hatte Feuer unter der Haube. Ob die immer so brav zu Hause gesessen hat, wenn mein Vater unterwegs war …«

Heidi und Maja lachten und Rita stimmte ein.

Danach wandte sich Heidi wieder an Maja. »Falls – ich betone falls – du recht hast und du wirklich nicht singen kannst: Wie willst du dann verhindern, dass dieser neue Chorleiter dich rausschmeißt? Tust du dir dieses Vorsingen überhaupt an?«

Maja schnitt eine Grimasse. »Weiß nicht. Ich denke schon, dass ich es versuchen muss. Ich hänge sehr an meinem Chor, ich kann nicht kampflos aufgeben. Ich werde einfach superleise singen und hoffen, dass Leute, die so wie ich schon seit Jahren dabei sind, nicht mal eben so rausgeschmissen werden.«

»Das ist dein Plan? Es einfach versuchen, mehr fällt dir nicht ein?«, rief Heidi. »Da wäre ich aber einfallsreicher!«

»Ach ja? Und was würdest du bitte tun?« Manchmal ging Heidi Maja gehörig auf den Wecker. Dank ihrem überbordenden Selbstbewusstsein nahm ihre kleine Schwester kaum etwas in ihrem Leben je als Hürde wahr.

»Hm.« Heidi sah konzentriert in die Ferne. »Spontan würde ich sagen: Du solltest erstens beim Vorsingen auf jeden Fall ein mega-heißes Outfit anziehen. Und dann solltest du flirten, was das Zeug hält. Der Gedanke an Sex setzt bekanntlich das männliche Urteilsvermögen schachmatt.«

»Flirten? Mit diesem Eisblock? Was Besseres fällt dir nicht ein? Wenn ich ein mega-heißes Outfit anziehen würde, würde der das nicht mal merken, der interessiert sich nur für Rhythmen und Töne.«

»Außerdem hat sie es überhaupt nicht nötig, zu so billigen Methoden zu greifen«, ergänzte Rita.

Heidi ignorierte sie und streckte zwei Finger in die Luft: »Du könntest zweitens zum Vorsingen Schokolade mitbringen und ihm wie zufällig ein Stück anbieten – bei den meisten Männern, die ich kenne, funktioniert Schokolade ganz hervorragend als Bestechung, wenn man etwas von ihnen will.«

»Das gefällt mir«, ließ Rita vernehmen.

»Heiße Outfits und Schokolade?«, fragte Maja kopfschüttelnd, »liest du eigentlich immer noch die Bravo Girl, Heidi?«

Heidi winkte ab. »Schon lange nicht mehr. Ich sehe auch nicht, was meine Vorschläge mit der Bravo Girl zu tun haben sollen. Sex und Schokolade funktionieren bei Männern aller Altersstufen, da kannst du dir sicher sein.«

»Wenn du es sagst …«, murrte Maja wenig überzeugt.

Heidi hob einen dritten Finger. »Und als Drittes könntest du dir überlegen, was du dem Chor außer deiner Stimme noch zu bieten hast. Ein Chorleiter braucht Leute, die sich engagieren, oder nicht? Also könntest du dich fragen, was du in Zukunft für die Chorgemeinschaft leisten kannst.«

Maja sah ihre Schwester verblüfft an. »Na, das klingt endlich mal sinnvoll«, sagte sie. »Du bist ja doch nicht so dumm, wie ich dachte.«

Heidi flippte beleidigt ihre lange Mähne hinter die Schulter. »Dass große Schwestern einen aber auch immer unterschätzen müssen …«

»Ich entschuldige mich«, sagte Maja. »Deine letzte Idee ist wirklich gut! Diese Sache mit dem Engagement – damit könnte ich vielleicht punkten. Ich habe sogar schon eine Idee: Ich denke, ich schlage in der nächsten Probe einen Stammtisch im Pilsbefall vor. Darüber habe ich schon öfter nachgedacht. Ich könnte die offizielle Stammtisch-Ansprechpartnerin werden, den Chor einladen, den Tisch reservieren, vielleicht in Zukunft auch Essen vorbestellen … Peter, Birgit, Diana und ich gehen nach dem Chor immer was trinken, da nehme ich gern den ganzen Chor mit, wenn mir das hilft.«

»Das klingt doch nach einer schönen Lösung für dein Problem, meine Süße«, freute sich Rita.

Heidi war nicht so begeistert. »Das kommt ganz darauf an«, sagte sie und wiegte zweifelnd den Kopf. »Wenn du Glück hast, reicht es, laut zu plärren: ›Wer kommt noch mit auf ein Bier‹. Aber wenn du Pech hast und du wirklich richtig scheiße singst, musst du meiner Meinung nach viel härtere Geschütze auffahren!«