Im Bann der Engel - Torsten Ideus - E-Book
Beschreibung

Der schwule Stipendiat Mei Jing zieht nach Los Angeles, um an der UCLA Medizin zu studieren. Als er zum ersten Mal auf seinen Wohnheim-Mitbewohner Liam Riley trifft, ist seine Heimat Paraguay schnell vergessen. Sich in einen schwierigen, viel zu gut aussehenden Macho zu verlieben, scheint aber eine ganz dumme Idee zu sein. Mithilfe seiner neu gewonnenen Freundin Chloé begreift er schnell, dass Liam nicht der einzige heiße Engel ist, dem er verfallen könnte. Und so beginnt ein emotionales Chaos zwischen Vorlesungen und Partys. Kann Mei Jing seine Schüchternheit ablegen und sein volles Potential entfalten, um sich für einen Engel zu entscheiden?

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Seitenzahl:191

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„Widme dich deinen Freunden

und deinen Feinden erst recht.“

Kathryn Merteuil

im Film „Eiskalte Engel“

Für Sarah M. und Biggi A.

Danke für euren Halt.

Schwuler Coming-of-Age-Roman

Auch wenn dieser Roman ganz in einer

realen Kulisse angesiedelt ist, sind die Handlung

und die Personen frei erfunden. Ähnlichkeiten

mit lebenden Personen und Organisationen wären

rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Im Bann des Jaguars

Tag 1

L.A. sollte mein Leben verändern. Doch ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie sehr es das tun würde. Alles begann mit dem Einzug ins Studentenwohnheim.

Motiviert und neugierig zog ich meinen Koffer über den Campus und versuchte, die vielen neuen Eindrücke aufzunehmen. Das Wetter war milder als ich es gewöhnt war, dafür waren die Leute viel offener. Jeder grüßte jeden und alle schienen bemüht, so gut wie möglich auszusehen.

Es gab Studenten jeglicher Nationalität und ich sollte nun einer von ihnen werden. Mit der Sonne im Nacken lief ich geradewegs auf das riesige Steingebäude zu, dass für die nächsten drei Jahre mein Zuhause werden sollte. Ich kramte in meiner Hosentasche nach dem Zettel, auf dem ich die Zimmernummer notiert hatte. „304“ stand darauf.

Ob es einen Fahrstuhl gab? Ich hatte keine Lust, meine ganzen Sachen drei Stockwerke hochzutragen. Die zweiflügelige Eingangstür stand nie still. Ein stetiges Kommen und Gehen ließ sie fast lebendig wirken. Sie koordinierte das bunte Treiben auf diesem Gelände.

Ich trat durch sie hindurch und stand in einem breiten Flur, der sich nach links und rechts in ein verschachteltes System aus weiteren Fluren und Zimmern zergliederte. Ich entdeckte mit Freunden den Fahrstuhl, doch als ich vor ihm stand, entdeckte ich ein handgeschriebenes Schild: „Vorübergehend außer Betrieb“. Natürlich.

Direkt daneben befand sich eine zwei Meter breite Treppe, die mich spöttisch einlud, ihre Stufen zu erklimmen. Seufzend ließ ich eine Gruppe von Studentinnen vorbei, die mich interessiert musterten, während ich mühselig den schweren Koffer hoch trug. Ich hätte die Bücher zu Hause lassen sollen. Nun spürte ich die Last und mit jeder erklommenen Stufe schien sie schwerer zu werden.

An der Hälfte des Weges traf ich auf einen Kommilitonen mit dem gleichen Schicksal. Er schwitzte stark und pustete schwer. Dagegen hielt ich mich noch ganz tapfer. Als ich den zweiten Stock hinter mir ließ, steigerte sich meine Nervosität. Gleich würde ich auf meinen Zimmergenossen treffen und ich kannte bisher nur seinen Namen: Liam Riley.

Ich wuchs als Einzelkind auf und war es gewohnt, mein Schlafzimmer für mich allein zu haben. Nun würde sich das ändern, denn mir fehlte einfach das Geld für eine eigene Wohnung. Ich nahm an, dass mein Medizinstudium mir sowieso nicht viel Zeit lassen würde. Zum Schlafen und lernen musste es genügen.

Als ich die richtige Etage erreicht hatte, brannten meine Armmuskeln. Ab jetzt konnten die Rollen wieder ihre Dienste übernehmen. Auch hier oben herrschte reges Treiben und ich hatte das Gefühl, dass diese lockere Atmosphäre nicht ganz echt war.

Die Tür mit der Nummer 304 befand sich auf der rechten Seite des linken Flures. Ich fand es auf Anhieb, doch die laute Musik darin hielt mich davon ab zu klopfen. Er würde es sowieso nicht hören. Ich atmete tief ein und drückte die Klinke hinunter. Ohne ein Quietschen ließ sich die Tür öffnen und mein erster Eindruck verschlug mir prompt die Sprache.

Vor einem der Betten lag ein muskelbepackter Adonis und stemmte Kurzhanteln, die so schwer aussahen wie mein Koffer. Außer weißen Shorts trug er nichts. Zum Takt eines Hiphop Tracks von T.I. drückte er die chromlackierten Metallgewichte nach oben. Die trainierten Muskeln seines braun-gebrannten Sixpacks zuckten dabei hypnotisch im Glanz der hineinscheinenden Sonne.

Ich vergaß zu atmen, bis mein Organismus mich dezent darauf hinwies, dass es lebensnotwendig war. Ich sog scharf die Luft ein und das Geräusch schien zu reichen, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Er blickte kurz zu mir, ohne auch nur ansatzweise aus dem Takt zu kommen und fragte: „Was willst du?“ Ich räusperte mich und ließ den Blick von ihm ab. Das Zimmer war größer als ich vermutet hatte. Die breite Fensterfront brachte viel Licht hinein, die Wände waren hell aber nicht weiß gestrichen. In der Mitte hing ein großer schwarzer Boxsack. Vor einem hohen Bücherregal lag eine Langhantel, ein breiter Schreibtisch hatte Platz für zwei gegenüberliegende Rechner.

Ich entdeckte ein Hochglanzposter an seiner Seite der Wand. Erst auf dem zweiten Blick erkannte ich, dass darauf Liam selbst zu sehen war – in einer durchaus erotischen Pose. Ganz schön selbstbewusst. Oder selbstverliebt? Aber ich verbot mir, vorschnell zu urteilen. Als ich auf seine Frage nicht reagierte, legte er die Hanteln zur Seite. Katzengleich sprang er auf und stand plötzlich vor mir.

Er war nur ein paar Zentimeter größer als ich, doch seine Gestalt war mehr als imposant. Eher einschüchternd. Intuitiv ging ich einen Schritt zurück. Ich spürte den Koffer an meinen Hacken. „Was willst du hier?“, fragte er noch einmal ein-dringlicher. Seine smaragdgrünen Augen funkelten aggressiv und ich beeilte mich nun, meine Sprache zurückzugewinnen.

„Ich bin Mei Jing. Dein neuer Mitbewohner. Nett, dich kennenzulernen.“ Höflich streckte ich die rechte Hand nach vorne. Liam verdrehte die Augen und ging zu seiner Langhantel. Er hob sie hoch als wäre sie aus Schaumstoff. Als sie über ihm schwebte, sagte er ohne ein Anzeichen von Anstrengung:

„Ich bin Liam. Ich studiere Sport und Literatur. Nein, das ist kein Widerspruch. Ich trainiere drei bis vier Stunden täglich, außer sonntags. Ich rauche und trinke nicht. Rauchen ist hier strengstens untersagt. Ab zehn Uhr ist Nachtruhe und ich bitte dich, dich daran zu halten. Wenn du ein Buch aus meinem Regal nimmst, breche ich dir die Handgelenke, es sei denn, du fragst vorher. Dasselbe gilt für meine Smoothies im Kühlschrank. Beim Bad putzen wechseln wir uns wöchentlich ab. Noch Fragen?“ Ich schüttelte energisch den Kopf.

Erst jetzt ließ er die Hantel wieder herunter. Er warf sich wieder auf den Boden und begann mit Liegestützen. Ich schloss die Tür und hievte mit lautem Stöhnen meinen Koffer auf das Bett. Als ich den Reißverschluss öffnete, hörte ich hinter mir eine Frage: „Wieso eigentlich Mei Jing? Ich dachte, du kommst aus Paraguay.“

Erstaunt drehte ich mich zu ihm um. Er hatte mit den Liegestützen nicht aufgehört. „Woher weißt du das?“ Ich hatte es ihm nicht erzählt. Sein strammer Hintern zeichnete sich vorteilhaft unter den hautengen Shorts ab. „Nach dem zweiten Mitbewohner habe ich angefangen, mich vorher zu erkundigen, mit wem ich das Zimmer teilen soll.“ Zu meiner Enttäuschung drehte er sich und begann mit Crossover-Crunches.

Dabei erläuterte er, was er über mich erfahren hatte: „Du kommst aus San Pedro, willst Chirurg werden und heimlich singst du gerne Musicals. Deine Eltern sind geschieden, dein Vater wohnt hier in der Stadt. Deine Lieblingsserie ist 'Grey's Anatomy' und als letztes hast du 'Fifty shades of Grey' gelesen. Was wäre die Welt ohne Facebook?“

Nun hielt er plötzlich inne und lächelte zum ersten Mal. Strahlend weiße Zähne tauchten zwischen seinen sinnlichen Lippen hervor. Die kräftige Nase passte zum markanten Kinn und die hohen Wangenknochen strafften die eh schon glatte Haut. Das Lächeln war so entwaffnend, dass ich wegschauen musste. Bestimmt wurde ich puterrot.

„Mein Vater ist Chinese“, antwortete ich kleinlaut. Ich fand meinen Schrank und beschloss, meine Tasche auszupacken. Ich wendete mich von Liam ab. Mit Eifer räumte ich meine Klamotten, CDs und Bücher ein. Ich stellte meinen Laptop auf den Schreibtisch und als ich mein Smartphone ans Ladekabel anschloss, stand Liam plötzlich hinter mir: „Barbra Streisand? Die hörst du gefälligst nur über Kopfhörer!“ Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. Er hielt das neue Album in der Hand, als wäre es eine tote Ratte. Ich stand nah genug vor ihm, um seinen Geruch wahrzunehmen – eine stimulierende Mischung aus Zimt, Oregano, Weihrauch und Männerschweiß. Mein Knie wurden weich wie Butter, als er sagte: „Musikalisch sind wir eindeutig nicht kompatibel.“

Vorsichtig legte er die CD auf dem Schreibtisch ab. Mich wunderte, dass er sich nicht darüber lustig machte, dass ich überhaupt noch dieses Medium benutzte. Eine Eigenart, die mich immer mit Spott begleitete. Natürlich hatte ich einen Account bei iTunes und auf meiner externen Festplatte befand sich jede Menge Musik. Doch bei Künstlern, die mir am Herzen lagen, machte ich eine Ausnahme. Ich fühlte mich ihnen näher, wenn ich das Booklet besaß.

Vermutlich empfand Liam so etwas als völlig belanglos, denn er wendete sich schnell wieder ab und widmete sich seinem Schrank. Mit dem Rücken zu mir gewandt, sagte er: „Du kannst dich gerne noch weiter häuslich einrichten. Ich muss jetzt zu einem Arbeitskreis. In circa zwei Stunden bin ich wieder da.“ Er nahm Kleidung heraus und legte sie ordentlich auf sein Bett. „Vorher spring ich noch schnell unter die Dusche. Vielleicht kannst du in der Zwischenzeit deine Nummer in mein Handy speichern. Dann rufst du dich darüber kurz an. Falls irgendetwas sein sollte.“ Er drückte mir sein schwarzes Blackberry in die Hand und verschwand im Bad.

Ich blieb perplex zurück. Diese extrovertierte Art war völlig neu für mich. Als das Display anging, erwartete ich ein Bild seiner Freundin, doch es war das Bild einer Raubkatze. Ich vermutete, dass es ein Jaguar war. Die Versuchung, durch seine Ordner zu stöbern war groß. Aber ich beherrschte mich. Vertrauensvoll speicherte ich mich ein und drückte die grüne Taste.

Dann fiel mir ein, dass mein Klingelton von Miley Cyrus war. Ich wollte mir nicht noch so einen Spruch anhören. Panisch griff ich mein Telefon und steckte es unters Kopfkissen. Die Melodie war kaum zu hören und ich atmete erleichtert aus. Keine Minute zu früh, denn schon kam Liam wieder aus dem Bad. Ein blaues Handtuch verhüllte nun, was vorher die Shorts versucht hatten. Es sah so aus, als wenn seine Haut noch dampfte. Seine kurzen dunklen Haare waren noch nass und kräuselten sich leicht. Ich wollte den Blick von ihm abwenden, doch meine Augen gehorchten mir nicht.

Als er bei seinem Bett ankam, glitt das Handtuch zu Boden. Er musste spüren, dass ich ihn ansah, doch er drehte sich nicht um. In aller Seelenruhe zog er sich vor mir an und ihm war es völlig egal, dass ich dabei alle Details zu Gesicht bekam. Er brauchte sich definitiv nicht verstecken.

Als er sich seine Notebook-Tasche umhängte, fragte er trocken: „Hat dir die Show gefallen? Heute Abend darfst du dich revanchieren.“ Mit einem dicken Grinsen im Gesicht lief er zur Tür hinaus.

Noch fünf Minuten lang stand ich an derselben Stelle. Mir war nicht nur die sinnbildliche Kinnlade heruntergefallen, sie lag zerschmettert am Boden. Mein Puls lief Marathon? Er wollte, dass ich mich vor ihm auszog? Oder war das Ironie gewesen? Ich trieb zwar Sport, aber eher gesellige Arten wie Basketball. Auch wenn ich nicht sonderlich gut war. Gerne ging ich mit Freunden zum Schwimmen.

Aber mit Krafttraining hatte ich nichts am Hut. Und dementsprechend sah auch meine Figur aus. Schlank und drahtig. Ich warf einen Blick auf die Kurzhanteln, aber bis heute Abend würde ich keine nennenswerte Erfolge erzielen können. Außerdem taten meine Arme noch vom Koffer schleppen weh.

Im gewissen Sinne hatte er Recht. Auf so engem Raum lebend blieben nicht viele Geheimnisse. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er alles von mir kannte. Erschlagen setzte ich mich an den Schreibtisch.

Ich schaltete den Rechner ein und hoffte, meine beste Freundin bei Skype zu finden, aber leider Fehlanzeige. Dafür aber meine Mutter. Ich klickte auf den Button für Videotelefonie und schon erschien sie am Bildschirm: „Che kunumi! Bist du gut angekommen? Wie ist L.A.?“ Ich konnte es nicht ausstehen, dass sie mich so nannte. 'Ihr Baby' war ihr schon lange nicht mehr.

„Von der Stadt habe ich noch nicht viel gesehen. Der Flughafen ist riesig. Das Uni-Gelände auch. Soll ich dich mal durch mein Zimmer führen?“ Sie nickte in die Kamera. Ich stand auf und nahm den Laptop mit in die Mitte des Raumes. Ich begann an der Fensterfront und drehte mich langsam im Uhrzeigersinn. Währenddessen kommentierte ich die Eindrücke:

„Dort ist das Badezimmer. Dann kommt mein Schrank, mein Bett und der kleine Nachttisch. Unsere Zimmertür, gefolgt von Liams Schrank.“ Hier unterbrach sie mich: „Dein Mitbewohner heißt Liam? Also ein Amerikaner. Ist er denn nett?“ Ich schwenkte die Kamera auf das große Poster und sagte stockend: „Ähm... das ist er.“

Meine Mama fing herzlich zu lachen an. „Das bleibt wohl dein Traum, che ra'a!“ 'Mein Sohn' gefiel mir schon besser. Es war kein Wunder, dass sie mir nicht glaubte. Liam war auch zu schön, um wahr zu sein. Trotzdem wohnte ich nun mit ihm zusammen und ich hatte nicht die geringste Idee, wie ich das aushalten sollte.

„Das ist er wirklich, sy tayhu! Er hat tatsächlich ein Bild von sich selbst über dem Bett hängen.“ Ich zeigte ihr auch den Boxsack und die Hanteln auf dem Fußboden. Meine Führung endete beim Schreibtisch. „Hast du ihm gesagt, dass du schwul bist? Sag es lieber nicht! Von dem möchtest du nicht verprügelt werden!“

Ihre Angst vor Schwulenfeindlichkeit kannte keine Grenzen. Dabei hatte ich noch gar keine negativen Erfahrungen gemacht. Oder überhaupt welche. Ich war es Leid, mit ihr darüber zu diskutieren. Lieber ließ ich sie in dem Glauben, er wüsste es nicht. Dann schlief sie ruhiger. Wir beendeten beide das Gespräch mit „Jajoechapeve.“

'Auf Wiedersehen.' Das würde allerdings noch dauern. Ich war nun abgelenkt genug, um den morgigen Tag ein wenig zu strukturieren. Heute hatte ich noch Ruhe, aber morgen früh würde es direkt mit einer Einführungsveranstaltung losgehen.

Auf dem Lageplan des Geländes hatte ich mir bereits markiert, wo meine Vorlesungen stattfinden würden. Ich stellte meinen Handywecker auf sieben Uhr früh. Um acht sollte es anfangen. Liam schien nicht lange im Bad zu brauchen, daher war das kein Problem. Und schon war mein Kopfkino wieder im Gange. Wie Blitze schossen mir die Bilder in den Schädel.

Die definierte Rückenmuskulatur, die schmale Taille, das Tattoo auf dem Knackpo. Ein kleines Messer auf der rechten Backe, mit einer glatten und einer geriffelten Seite, zeigte mit der Spitze verführerisch auf das Zentrum seines Hinterns. Bei dem Gedanken daran kam Bewegung in meine Lendengegend und ich bekam Lust, etwas gegen den Druck zu tun.

Doch in dem Moment schwang die Tür auf. Liam war zurück. Hastig rückte ich näher an den Schreibtisch, damit er die Ausmaße meiner Fantasie nicht zu sehen bekam. „Du bist ja schon zurück!“, sagte ich plump. Er stellte seine Tasche zur Seite und setzte sich zur mir an den Tisch: „Die anderen hatten keine Lust mehr. Sie wollten noch zum Strand gehen. Mit der Einstellung schaffen sie die Prüfung nie.“

Ich war dankbar, dass er die Klamotten anbehielt. Das weiße T-Shirt ließ zwar wenig Raum für Spekulationen, aber es brachte doch ein wenig Distanz. „Sorry, falls ich dich vorhin erschreckt habe. Ich mag klare Verhältnisse. Dann gibt es keine Probleme.“ Er sah mir direkt in die Augen. Mir schien, als würde er tief in meine Seele blicken und ich war hypnotisiert.

Mein Blick verlor sich im Smaragdgrün seiner Iris. Bis Pharell Williams seinen Song „Happy“ im Raum verteilte. Liams Handy klingelte. Er wartete den ganzen Refrain ab, bevor er den grünen Button nach rechts wischte: „Hi Süße! Alles klar bei dir?“ Er stand auf und ließ mich am Tisch zurück. Während des Telefonats nahm er eine der Kurzhanteln und trainierte. Zwischendurch wechselte er den Arm. Das Gespräch ging ungefähr zehn Minuten. Es endete mit Liams Worten: „Wir sehen uns dann in einer halben Stunde.“

Er schaute auf seine Armbanduhr, nachdem er aufgelegt hatte. „Was hast du denn heute noch so vor? Das war gerade Jade. Sie holt mich hier nachher ab. Sie will mich im Squash schlagen. Dann gehen wir etwas essen. Ich denke aber nicht, dass es spät wird.“ Natürlich hatte er eine Freundin. Hatte ich es doch gewusst! Und sportlich fit war sie auch noch. Ich brauchte Ablenkung.

„Ich denke, ich werde mir mal den Campus genauer anschauen. Ein wenig spazieren.“ Während Liam seine Sporttasche zusammenpackte, sagte er: „Das ist eine gute Idee. Es gibt ein nettes Studenten-Café im 'Centre'. Dort gibt es eine tolle Auswahl an frisch gepressten Säften. Außerdem findest du dort eine große Pinnwand, wo häufig auch Plakate für Partys hängen. Es ist gut, sich eine feste Community aufzubauen.“

Das klang vernünftig. Der Lageplan lag noch vor mir. Das Café war mit eingezeichnet. „Dann mache ich mich mal auf den Weg.“ Ich packte mein Handy in die Hosentasche. Liam ignorierte, dass ich es unter dem Kopfkissen hervor kramte. Ich wollte schon zur Tür hinaus, doch er hielt mich davon ab, in dem er sich direkt vor mich stellte. Sein Geruch war betörend und ich wollte gar nicht mehr weg.

Er griff in seine Hosentasche: „Du brauchst doch noch den Schlüssel.“ Mit hochrotem Kopf nahm ich das silberne Metallstück entgegen. Dann gab er den Weg frei. Ich flüchtete regelrecht aus dem Zimmer. Auf dem Flur atmete ich tief ein und aus. Wie sollte ich mich in seiner Anwesenheit aufs Studieren konzentrieren?

Ich trabte gemütlich die Treppenstufen hinunter. Draußen empfing mich eine angenehme Wärme. Als ich an einer heißen Blondine vorbeiging, fragte ich mich, ob das Jade war. So stellte ich mir jedenfalls den Typ Frau vor, mit dem Liam sich vergnügte.

Das Café war nicht schwer zu finden. Schon drum herum saßen scharenweise Studenten mit dampfenden Kaffeebechern, bunten Smoothies und in der Sonne glänzenden Wasserflaschen. Ich zog an ihnen vorbei. Innen drin war noch mehr Gewusel. Überall saßen Frauen und Männer in kleinen Grüppchen zusammen. Es wurde gelernt, geflirtet und gelästert.

Ich schob mich durch die Menge Richtung Theke. Fünf Leute waren noch vor mir dran. Zuerst wollte ich das Angebot sichten, doch mein Fokus fiel auf den Verkäufer hinter dem Tresen. Er musste selbst ein Student sein, braungebrannt, mit breiten Schultern und sonnengebleichtem Haar. Er trug es kinnlang und strich eine Strähne immer wieder hinter das rechte Ohr.

Fast schwarze große Augen strahlten jedem Kunden mit freundlicher Güte entgegen. Er trug ein fliederfarbenes Hemd, dass er weit genug aufgeknöpft hatte, um seine strammen rasierten Brustmuskeln spielen zu lassen. Ich war mir sicher, dass viele der Mädchen nur wegen ihm hier waren. Und er wusste das auch.

Die Schlange wurde kürzer und ich würde gleich dran sein. Noch immer hatte ich keine Ahnung, was ich bestellen sollte. Viel zu schnell war ich an der Reihe: „Hey, was kann ich dir anbieten?“ 'Jemanden wie dich auf einem silbernen Tablett', dachte ich. Stattdessen fragte ich leise: „Was kannst du mir denn empfehlen?“

Er lachte selbstbewusst: „Du bist neu hier. Das sehe ich sofort. Dein Gesicht hätte ich mir gemerkt.“

Ich wusste nicht, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung sein sollte. Ich lächelte trotzdem und bekam ein hinreißendes Lächeln zurück. „Ich denke, du bist ein Cappuccino-Typ. Ich mache dir auch einen Doppelten.“ Ich nickte tapfer, aber auch diese Einschätzung konnte sowohl als auch sein. Trotzdem war ich irgendwie dankbar, kein 'Smoothie-Typ' zu sein. Ich reichte ihm einen Fünf-Dollar-Schein, dafür bekam ich einen frisch aufgebrühten Cappuccino im Pappbecher.

Hinter mir hatte sich die Schlange wieder verlängert, sodass ich Platz machen musste. Mein Blick fiel auf die Pinnwand und ich drängte mich an den Massen vorbei, bis ich direkt davor stand. Sie hatte ungefähr die Größe einer Tischtennisplatte und war voll gepinnt mit Informationen. Ich konnte mir das unmöglich allein einprägen.

Kurzentschlossen griff ich mein Smartphone und machte von allem, was mich interessierte, Schnappschüsse. Es gab haufenweise Clubs und die verschiedenen Verbindungshäuser machten jede Menge Partys. Ich würde wohl nicht darum herum-kommen, einige davon zu besuchen, wenn ich neue Leute kennenlernen wollte.

„Findest du die Auswahl nicht auch völlig übertrieben? Wir werden kaum Zeit haben, davon etwas wahrzunehmen.“ Ein Mädel in meinem Alter hatte sich neben mich gestellt. Sie war groß, schlank und die wallende dunkle Mähne umrahmte ein zartes Gesicht: „Ich bin Chloé. Heute erst angekommen. Und du?“ Sie lächelte adrett und ich fand sie sofort sympathisch. „Mei Jing. Bin frisch eingeflogen. Und ja, diese Auswahl ist einfach zu viel. Wer soll sich da entscheiden?“

Ich überflog die Flyer für die Erstsemester-Partys, acht an der Zahl. „Gehst du zu einer hin? Ich hatte es vor, aber nicht zu lange, sonst schaffe ich es morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett.“

Ihr Lachen war ein wenig schrill, aber erträglich. „Sinnvoll wäre es ja, um schon mal ein paar Leute kennenzulernen. Ich möchte nicht ausschließlich mit Medizin-Studenten abhängen.“

Ein Grinsen umspielte ihre rot geschminkten Lippen: „Ich will auch Medizin studieren.“ Ich seufzte belustigt: „Und schon ist es passiert. Haben sich zwei gefunden.“ Ich lachte. Es war das erste Mal in L.A.. Wir setzten uns draußen in den Schatten eines Baumes. Sie hatte sich im Café noch schnell einen Moccacino besorgt und mit dieser vollen Dröhnung Koffein unterhielten wir uns. „Zu welcher Party gehen wir denn nun?“, fragte ich hilflos. Chloé schien einen Plan zu haben, denn sie ignorierte die Flyerflut völlig: „Mein älterer Bruder ist Mitglied bei 'Omega Xi Delta'. Einige seiner Freunde kenne ich schon. Das würde sich anbieten.“ Sie lehnte sich gemütlich an die Palme, als wären sie befreundet. Ich saß eher etwas verkrampft daneben.

„Okay, dann nehmen wir die. Wie spät wollen wir dorthin? Ich möchte weder der erste noch der letzte sein.“ Sie kicherte und ich fragte mich, warum sie ausgerechnet mit mir abhing. Bis auf das gleiche Berufsziel hatten wir nichts gemeinsam. Das schien sie aber nicht weiter zu stören:

„Wir treffen uns um acht Uhr vor dem Eingang des Wohnheims. Ich habe allerdings noch keine Ahnung, was ich anziehen soll.“ Ich betrachtete ihr aktuelles Outfit. Sie trug dunkelblaue Skinny Jeans, dazu eine lachsfarbene Bluse und schöne Korksandalen mit Keilabsatz. Ich sah keinen Grund, warum sie was anderes anziehen sollte.

„Müssen wir uns dafür denn aufbrezeln? Ich dachte, wir wollten Leute kennenlernen und nicht auf eine Modenschau gehen.“ Sie kräuselte verstimmt die Lippen. Anscheinend lag ich damit falsch. „Was schlägst du vor?“, fragte ich seufzend. Sie setzte sich gerade hin: „Mann, du hast doch eine gute Figur! Versteck sie doch nicht in solch weiten T-Shirts. Zeig, was du hast! Sonst wird das nie was mit Jackson!“

Ich versuchte, ihr gedanklich zu folgen, aber ich musste doch nachfragen: „Wer ist Jackson? Und was klappt nicht mit ihm?“ Sie verdrehte die Augen und zeigte auf ihren Kaffeebecher: „Mein Bruder! Der hübsche Verkäufer am Tresen vom Café. Er hat ein Auge auf dich geworfen.“ Sie grinste.

Dann waren das wohl keine Beleidigungen gewesen. Jetzt wurde ich nervös. „Auf mich? Ernsthaft? Sicher, dass er nicht den Typen hinter mir gemeint hat?“ Sie verdrehte erneut die Augen: „Du meine Güte! Hast du dein Selbstvertrauen im Flugzeug vergessen? Komm jetzt. Wir holen uns eine Kleinigkeit zu essen und dann plündern wir deinen Kleiderschrank.“ Mit Schwung stand sie auf und ich hatte das Gefühl, dass jeglicher Widerstand zwecklos war. Sie zog mich hinter sich her und ich fügte mich meinem Schicksal.