Blue Boys - Torsten Ideus - E-Book

Blue Boys E-Book

Torsten Ideus

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Beschreibung

Fynn ist schlau und liebt heimlich den coolsten Jungen des Gymnasiums. Alles klar. Cora ist hübsch und liebt auch heimlich diesen Typen. Natürlich. Daniele wäre gerne schlau, ist Fynns bester Freund und entwickelt unbewusst Gefühle für ihn. So weit so gut. Der coolste Junge der Schule heißt Tino, findet Cora doof, wäre auch gerne schlau und macht Fynn ebenfalls schöne Augen. Auch noch irgendwie okay. Doch dann erfährt Tino, dass der Torwart seiner Fußballmannschaft ein Doppelleben führt, Caro erklärt ihm den Krieg und zusätzlich treibt auf dem Schulhof ein Stalker sein Unwesen. Und auf einmal ist nichts mehr okay... Ein Coming-of-Age-Roman, der das klassische Männerbild in Frage stellt und aufzeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich seinen inneren Dämonen und Hormonen zu stellen.

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Seitenzahl: 231

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Für Diana K.

Du hast immer an die Blue Boys geglaubt.

Auch wenn dieser Roman größtenteils in einer realen Kulisse angesiedelt ist, sind die Handlung und die Personen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Organisationen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wednesday

Thursday

Friday

Saturday

Vorwort

Wenn ich an die Entstehungsgeschichte dieses Buches zurückdenke, grenzt es an ein Wunder, dass Du als Leser ein fertiges Exemplar in den Händen hältst.

Lange Zeit lag es als unfertige Kurzgeschichte in der virtuellen Schublade, bis ich es doch mal jemandem gezeigt hatte, der von den Figuren so begeistert war, dass ich unbedingt mehr daraus machen sollte.

Wundere dich aber bitte nicht, dass die weiblichen Charaktere recht farblos daher kommen – das ist pure Absicht, damit meine Blue Bloys um so mehr strahlen können.

Dies ist ein feministisches Buch, auch wenn die Frauen hier keine große Rolle spielen.

Die Angst, sich als „anders als die anderen“ zu outen, ist immer noch allgegenwärtig und es wichtig, dass wir mit Aufklärung den Weg zur Akzeptanz weiter gehen.

Unsere Gesellschaft ist noch lange nicht dort, wie sie sein könnte, vor allem nicht beim Faktor Toleranz.

Ich habe den Kids bewusst nur Whatsapp und Instagram gegeben, denn wenn ich das ganze Ausmaß unser aktuellen Social-media eingebaut hätte, wäre den Schülern die Chance zur echten Kommunikation abhanden gekommen.

Falls Du Dich auch manchmal „blue“ (traurig) fühlst, dann lasse es raus und suche Dir jemanden, mit dem Du darüber sprechen kannst. Es ist völlig okay, sich Hilfe zu suchen, wenn die eigenen Mechanismen nicht mehr funktionieren.

Unter www.irrsinnig-menschlich.de findest Du jede Menge Material zum Thema und Wege aus dieser negativen Stimmung wieder herauszukommen.

Vorerst hoffe ich aber, dass dieses Buch Dir wieder gute Laune macht. Jetzt wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

Torsten Ideus

Es klingelte und der Schulhof leerte sich. Fynn Michaelis schob sich mit seiner besten Freundin Anita Hansen durch die Masse von Schüler. Mit dem Beginn des neuen Schuljahres fühlte es sich an, als hätte sich die Zahl der anwesenden Kinder verdoppelt. „Bist du mit dem lateinischen Text zurecht gekommen? Ich fand den echt schwer“, sagte der groß gewachsene Ostfriese mit den kobaltblauen Augen. Neben ihm meldete sich der hellblonde Daniele Anders zu Wort: „Ich habe genau drei Klicks gebraucht, um die deutsche Übersetzung im Netz zu finden.“

Während der Pulk langsam Richtung Treppe waberte, verdrehte Anita die Augen: „Da wird sich Herr Janssen aber freuen, dass du dir so viel Mühe gegeben hast.“ Daniele lachte ausgiebig: „Ich hatte Wichtigeres zu tun, als meine wertvolle Zeit mit einer toten Sprache zu verschwenden.“

Fynn kicherte leicht verächtlich: „Möchte ich wetten.“ Als sie am Klassenraum ankamen, war der Lehrer bereits eingetroffen und die Tür stand offen. Für die nächsten eineinhalb Stunden lag ihr Fokus auf anderen Dingen.

Als es klingelte und die zweite Pause begann, machte Tino Moglieri drei Kreuze. Obwohl Musik eines seiner Lieblingsfächer war, konnte er sich nur schwer in das aktuelle Repertoire einfinden. Ihm lagen eher die rockigen und souligen Klänge; stattdessen beschäftigten sie sich zur Zeit mit einigen klassischen Chorälen, dessen Kompliziertheit ihn an seine Grenzen trieb.

Unten auf dem Schulhof fand er seine Clique an der üblichen Stelle. Die meisten seiner Kumpel waren schon anwesend; sie saßen verstreut auf einer Bankgruppe und sprachen angeregt über die letzten Ergebnisse der Champions League. Der schwarzhaarige Latino war der Libero der Schulmannschaft, aber er verlor allmählich das Interesse daran.

Er blickte verträumt über den Schulhof, bis sein Blick an einem Schüler der Parallelklasse hängenblieb.

„Steht Fynn eigentlich häufiger alleine in der Pause?“, fragte Tino in die Runde. Abrupt drehten sich einige Köpfe um: „Wie kommst du jetzt darauf?“

Mit einer sportlichen Drehung wendete er sich seiner Gruppe zu: „Seit Christobal umgezogen ist, haben wir doch wieder einen Platz frei. Wir könnten Fynn fragen, ob er Lust hat, bei uns zu sitzen.“

An den entgeisterten Gesichtern konnte er ablesen, dass seine Idee keine positive Zustimmung fand. „Er ist ein lieber Kerl“, meldete sich einer zu Wort, „aber meinst du wirklich, es wäre unserem Image zuträglich, wenn wir jetzt auch Schwule bei uns aufnehmen?“

Tino war empört und fühlte sich gleichzeitig provoziert. „Ich gehe jetzt da hinüber und frage ihn. Wer meint, mich aufhalten zu können, kann sich mir gerne in den Weg stellen.“ Er blickte noch einmal in die Runde; als niemand Anzeichen machte zu widersprechen, verzog er seine sinnlich vollen Lippen zu einem Lächeln und machte sich auf den Weg.

In dieser zweiten Pause musste Fynn auf seine beste Freundin verzichten. Er hatte mit ihrem neuen Freund einen Deal gemacht, sodass er sie nur in der ersten Pause für sich hatte. Anfangs klang diese Aufteilung vollkommen fair, doch er vermisste ihren Humor; die anderen Mädels waren lieb und nett, aber sie konnten Anita nicht das Wasser reichen. Ab und zu schweifte sein Blick zur Gruppe der coolen Typen, während er an seinem heißen Kaffee nippte.

Ihm fehlte manchmal der Kontakt mit männlichen Gleichgesinnten. In dieser Küstenregion hielt sich die Masse der Homosexuellen in Grenzen. Natürlich stand ihm das Internet zur Verfügung, aber nur allzu schnell drehte es sich dort nur um das schnelle Vergnügen. Und das hiesige Gleichart-Café war für Schwule und Lesben ab 18 Jahren ausgerichtet. Bis dahin fehlten ihm noch zehn Monate.

Seine Mitschüler mieden ihn häufig. Nicht weil sie ihn nicht mochten, sondern weil sie ihn nicht einschätzen konnten. Ein weiterer Blick zur coolen Clique ließ ihn innehalten. Tino Moglieri, der Anführer, kam direkt auf ihn zu. Fynn schwärmte schon eine gefühlte Ewigkeit heimlich für ihn, obwohl sie schulisch so gut wie nichts miteinander zu tun hatten. Ein leichtes Zittern ließe seine Knie beben und er vergaß zu atmen, als der schöne Latino vor ihm stand und die fast schwarzen Augen forschend, aber offen seinen Blick suchten.

„Hi, Fynn. Was geht?“ Tino bekam keine Antwort. Er hatte das Gefühl, als stände er vor einem scheuen Reh. Sein Gegenüber schien zu keiner Regung fähig, daher sprach er einfach weiter: „Du, wir haben jetzt wieder einen Platz frei. Hast du vielleicht Lust, bei uns zu sitzen in der Pause?“

Der Schock schien sich plötzlich in bloße Verwunderung umzuschlagen: „Ist das euer Ernst?“ Tino nahm die Skepsis seines Gegenüber auf und hob beschwichtigend die Hände:

„Keine Angst, das ist keine Verarsche! Ich meine das völlig ernst.“ Er ging einen Schritt auf Fynn zu und seine Nase nahm einen Geruch wahr, der ihm so viel Geborgenheit entgegenbrachte, dass er leicht ins Taumeln geriet. Eine Kombination aus Tannennadeln, Orange, Zimt und Rosenduft vermischte sich mit Fynns Eigengeruch zu einer unwiderstehlichen Essenz.

Einen kurzen Moment lang war sich Tino nicht mehr so sicher, ob seine Adhock-Entscheidung eine gute Idee gewesen war. Für einen Rückzieher gab es allerdings keine Zeit mehr, sodass er mit einer Handbewegung in Richtung Bankgruppe sein gemachtes Angebot unterstrich.

Fynn setzte sich in Bewegung, auch wenn ihm noch nicht klar war, was gerade geschah. Mit unsicheren Schritten folgte er Tino und sein Puls schlug höher, als die Clique geschlossen aufstand, um ihm einen Blick auf seinen neuen Pausenplatz zu geben. „Was wird Anita dazu sagen?“, fragte Fynn sich und griff sich schüchtern in sein kurz gewelltes, hellbraunes Haar. Jeder reichte ihm die Hand, sodass seine leicht schmerzend pochte, als er sich endlich setzen konnte. Die Hälfte der Pause war bereits vorüber, als Tino die Gesprächsführung übernahm.

„Hast du Fächer, die dir besonders gut liegen? Wir versuchen, uns in dieser Gruppe gegenseitig zu fördern.“ Fynn legte die langgliedrigen Finger aneinander und dachte kurz nach: „Also am besten bin ich eindeutig in Mathe, weil es so herrlich logisch ist. Kunst ist auch toll.“ Er hielt kurz inne, als er die erstaunten Gesichter sah, dann fügte er hinzu: „Was mir nicht liegt, ist Geschichte. Finde ich unglaublich langweilig und ich kann mir die ganzen Daten nicht merken.“

Als er wieder zu Tino blickte, leuchteten dessen Augen: „Ein Mathe-Crack hat uns schon lange gefehlt! Vor allem mir, weil es so aussieht, als wenn ich durchfalle. Ich könnte dringend Hilfe gebrauchen!“

Fynn lächelte und legte seine Grübchen frei: „Ich nehme an, ihr seid auch gerade bei der Kurvendiskussion. Analysis ist nicht jedermanns Geschmack.“ Ein Lachen ging durch die Runde.

Nach der sechsten Stunde ging Tino nach Hause. Er wohnte in der Nähe der Schule, sodass es sich lohnte, Mamas gute Hausmannskost zu genießen.

Isabella Moglieri war zwar nur Halbitalienerin, doch sie hatte ein unglaublich gutes Händchen für die mediterrane Küche. Sein Vater Alfredo war noch auf Arbeit; er würde ihn erst am späten Nachmittag antreffen, nach der neunten Stunde.

„Wie war es in der Schule bisher?“, fragte die Mutter freundlich, als er sich erleichtert auf einen der Küchenstühle fallen ließ. Sie stellte ihm eine Tasse Kaffee auf den Tisch und setzte sich zu ihm. „Es war okay. Ich habe heute dafür gesorgt, dass wir für Christobal einen würdigen Nachfolger in unsere Clique bekommen. Sein Name ist Fynn.“

Tino hatte mit seiner Mutter eine dieser seltenen intensiven Verbindung, sodass er ihr alles erzählen konnte. Interessiert lehnte sie sich nach vorne: „Und was macht diesen Fynn so qualifiziert, dass er würdig war, in euren elitären Kreis aufgenommen zu werden?“ Isabella machte sich offensichtlich lustig, doch er liebte seine Mama zu sehr, um sie deswegen zu tadeln.

„Er ist ein Mathe-Ass und Künstler. Er kommt heute Abend vorbei, um mir mit der Kurvendiskussion zu helfen. Vielleicht habe ich ja doch noch eine Chance, mit der nächsten Klausur das Ruder noch herumzureißen.“ Seine Augen leuchteten und erstaunt stellte Isabella fest, dass es länger her war, seit sie ihren Sohn mit solchen Ehrgeiz gesehen hatte.

Fynns Mutter, Sandra Michaelis, war erschüttert. Über Nacht hatte sich eine Horde Schnecken über ihren Kopfsalat hergemacht. Ihr sonst so gepflegter Gemüsegarten war übersät mit kleinen gelben Kugeln und die sorgsam gehegten Blätter litten unter den abgefressenen Rändern. Daher bemerkte sie nicht, wie sich ihr Sohn von hinten über die Terrasse annäherte.

„Was ist hier denn passiert?“, fragte er bestürzt, als er auf ihrer Höhe war. Ihr entfuhr ein leichter Schrei und in Sekundenschnelle drehte sie sich herum: „Du meine Güte! Ist es schon nach eins?“

Ein vollmundiges Lachen ertönte; Fynn umarmte seine Mutter herzlich, denn ihre gedankliche Unordnung war ein Wesenszug, der sie sympathisch machte. „Ich hoffe, dieses Ungeziefer hat sich nicht auch über meine Rosenstämme hergemacht!“ Er löste sich von seiner Mutter und rannte hinüber zu seinem Blumenbeet. Dieses nahm den größten Teil des Gartens ein und in diesen Sommermonaten verzauberte seine Blütenpracht jeden Besucher.

Schon als kleines Kind half er seinen Eltern bei der Gartenpflege und wurde dahingehend gefördert. Nach dem Unfalltod seines Vaters bewältigte er seine Trauer mit der Zucht von Rosen. Im Laufe der Zeit gewann er sogar einige Preise.

„Gott sei Dank! Meine Lieblinge sind noch intakt. Wir sollten uns die Zeit nehmen, die Schnecken abzupflücken und spezielle Fallen aufzustellen.“ Sandra kam dazu und konnte sich gar nicht satt sehen an den leuchtenden Farben; der betörende Duft der verschiedenen Arten erfüllte sie mit Freude.

„Soll ich uns zuerst etwas zu Essen machen?“, frage sie neugierig. „Ich habe uns heute morgen Tofu mariniert.“ Fynn lief direkt zur Blockhütte, in dem die Utensilien lagerten: „Nein, das machen wir sofort. Ich kann es nicht gebrauchen, dass sie über meine neue Sorte herfallen.“ Er reichte ihr ein Paar Arbeitshandschuhe und zog selbst ein Paar über. Während sie die geringelten Schädlinge in einem geräumigen Eimer verstauten, unterhielten sie sich über den Vormittag.

„Gibt es etwas Neues in der Schule?“, fragte Sandra mit leichtem Ekel in der Stimme. Auf diese Tätigkeit hätte sie liebend gerne verzichtet.

„Du glaubst nicht, was mir in der zweiten Pause passiert ist! Tino Moglieri hat mich persönlich eingeladen, ab jetzt bei seiner obercoolen Clique zu sitzen.“ Seine Mutter hielt überrascht inne:

„Bist du darauf eingegangen? Ich hätte nicht gedacht, dass dich so etwas interessiert. Was sagt denn Anita dazu?“ Fynn erntete die Pflanzenzerstörer wie ein professioneller Erdbeerpflücker: „Die weiß das noch gar nicht. Ich hoffe, sie wird es verstehen.“

Tino kam recht früh zurück in die Schule. Bis zur achten Stunde waren noch 30 Minuten Zeit, sodass er sich in die Sonne setzte und noch ein wenig Musik hörte, um sich zu fokussieren. Dabei wählte er nicht den offiziellen Ordner, den er auch seinen Kumpels zeigte, sondern eine versteckte File mit Tracks, die ihm halfen, herunterzufahren.

Darin befanden sich hauptsächlich alte französische Chansons, die er besonders liebte. Seine Homies würden wahrscheinlich die Schönheit von Charles Aznavours weicher Stimme nicht verstehen.

„Was hört Fynn wohl für Musik?“, dachte er und war sich gleichzeitig sicher, dass jeder so eine geheime Akte hatte. Er nahm sich vor, ihn spätestens am Abend danach zu fragen.

Es klingelte und auf dem Weg zum Unterricht blieben seine Gedanken auch die nächsten eineinhalb Stunden bei seinem neuesten Mitglied. Erst beim Fußballtraining verlor sich diese Unkonzentriertheit ein wenig. Der Trainer trieb die Mannschaft zur Höchstform an und forderte jeden einzelnen dazu auf, bis an die Grenzen zu gehen. Das Rennen machte Tinos Kopf frei und so gab er seinem Körper und den Muskeln die Oberhand und ließ sich mit dieser Automatisierung treiben.

Während die anderen mit vollem Eifer bei der Sache waren, betrachtete der 17jährige diese Aktivität nur als physischen Ausgleich zum stressigen Schulalltag. Ein Großteil seines Teams bestand aus seiner Clique; Typen, die er schon jeden Tag in der Schule sah und darüber hinaus bei verschiedenen Veranstaltungen.

Beim Schießen aufs Tor fiel ihm auf, dass er darüber hinaus relativ wenig Freunde hatte. Er beschloss, nach dem Abendbrot mit seinem Vater darüber zu reden.

„Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?“, fragte sich Fynn, der sich die Tribüne mit ein paar wenigen Gestalten teilte, die möglicherweise Familienmitglieder oder gelangweilte Fußballfans waren. Nach dem Französisch-Unterricht hatte er sich spontan für einen kleinen Spaziergang entschieden.

Wann seine Füße angefangen hatten, eigenmächtig den Weg zu bestimmen, vermochte er nicht zu sagen. Erst als der Jahn-Platz in Sichtweite kam, spürte der junge Mann, wie sich sein Herz in die Laufrichtung eingemischt hatte.

Er wusste genau, dass jetzt das Fußballtraining stattfand und dass Tino als Libero natürlich anwesend sein würde. Trotzdem war es überhaupt nicht seine Art, jemanden derart lächerlich anzuhimmeln. Er hoffte inständig, dass ihn keiner seiner Mitschüler entdecken würde. Dafür hatte er sich extra in die letzte Reihe verkrochen. Obwohl er unter normalen Umständen niemals eines tragen würde, wünschte er sich ein Basecap, dass er sich tief ins Gesicht ziehen könnte.

Unten auf dem Feld wurde gerade das Ausweichen beim Gegenangriff geübt und Fynn kam nicht umhin, Tinos Geschicklichkeit zu bewundern, mit welcher Eleganz er um die Mitspieler herumtänzelte. „Im Anzug auf einem Ball würde er sich gut machen“, dachte er verträumt und stellte sich die Szene detailliert vor.

Ein kräftiger Pfiff des Trainers riss ihn aus seinen Gedanken. Das Workout schien zu Ende zu gehen. Von Schatten verdeckt blieb er so lange sitzen, bis die Mannschaft zum Duschen und Umziehen in der Halle verschwunden war. Dann nutzte er die Gelegenheit zu gehen.

Er setzte seinen Spaziergang fort, doch er fühlte sich verwirrter als schon zuvor. Sein Magen knurrte bereits und er freute sich auf ein gemütliches Abendessen, denn seine ältere Schwester Rosalie hatte sich angekündigt.

Zwar fühlte sich Tinos Körper geschmeidig und entspannt an, aber in seinem Kopf rumorte es.

Sein Haustürschlüssel klemmte mal wieder, also klingelte er gereizt. Sein jüngerer Bruder Paolo öffnete die Tür, spürte sofort die negativen Schwingungen und verkniff sich jegliche Kommentare. „Das Essen ist gleich fertig“, war alles, was er sagte. Tino folgte ihm schweigend in die geräumige Küche.

Sein Vater saß am Kopf des Tisches und blätterte lustlos in der Tageszeitung. Teller und Besteck waren schon verteilt; Isabella füllte ihre kulinarischen Ergüsse in passende Schälchen. Zusätzlich zum obligatorischen Salat reichte sie verschiedene Köstlichkeiten, die an Tapas erinnerten. Sie war eine geborene Köchin, doch ihren Kindern zuliebe hatte sie auf diesen Beruf verzichtet.

Als sich Tino lautlos an den Tisch setzte, legte Alfredo die Zeitung zur Seite. „Wie war dein Tag heute?“, fragte er mit einem Wissenshunger in der Stimme, die keine einsilbige Antwort zuließ. Sein Ältester seufzte kurz, bevor er nach Worten suchte: „Es war okay. Bin heute irgendwie etwas aufgewühlt. Hormone oder was weiß ich. Auf jeden Fall war ich heute nicht sehr konzentriert.“

Im Blick des Vaters lag pures Mitgefühl: „Ich habe gehört, dass du dir Hilfe für deine Probleme in Mathematik besorgt hast. Es freut mich, dass du nicht aufgibst. Der dafür Auserwählte ist das neueste Mitglied eurer Clique?“

Er griff sich eine der Schüsseln und lud sich ein paar gegrillte Puten-Streifen auf seinen Teller. Sein Sohn dagegen hatte keinen Appetit, daher beschränkte dieser sich auf den gemischten Salat.

„Stimmt. Er heißt Fynn. In einer Stunde kommt er vorbei und weiht mich in die wundervolle Welt der Kurvendiskussion ein.“ Alfredo lachte mit sonorer Stimme: „Hört sich ja spannend an. Kannst du denn überhaupt jemanden in deine 'Höhle' lassen?“

Tino hatte sich gerade eine schwarze Olive in den Mund gesteckt und drohte nun zu ersticken. Er hatte sich verschluckt; mit hochrotem Kopf hustete er lauthals, bis sein Bruder ihm mit voller Wucht auf den Rücken haute. Er presste damit die Luft aus den Lungen und danach entspannte sich Tino wieder: „Mist, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann muss ich ja gleich noch aufräumen.“ Er schob sich hastig die letzten Teile seines Salates in den Mund und stürmte nach oben.

Rosalie saß schon mit seiner Mutter auf der Terrasse und schwenkte ein Glas Weißwein hin und her. „Diese Stachelbeer-Note ist wirklich faszinierend. Hey, da bist du ja endlich!“

Überschwänglich stellte sie ihr Glas ab, sodass es fast überschwappte und umarmte ihren Bruder stürmisch. Obwohl die brünette Schönheit in derselben Stadt wohnte, bekam sie ihren sechs Jahre jüngeren Bruder nur selten zu Gesicht. Sie hatte mit ihrem Ehemann ein Restaurant in der Fußgängerzone übernommen und diese Lokalität zu einer guten Adresse gemacht.

„Das riecht ja schon gut hier. Was gibt es denn zu dem gegrillten Fisch?“ Fynn bereute innerlich schon diese Frage, denn seine Mutter war dafür bekannt, eine übertrieben gesunde und die meiste Zeit vegetarische Kochmentalität zu folgen, dessen Exotik nicht jeden Gaumen erfreuen konnte.

Sandra drehte sich vom elektrischen Grill weg und zeigte auf die verschiedenen Dingen auf dem Tisch: „Zum Dippen hab ich Baba Ganoush, Hummus, Salsa und als Beilage einen Couscous-Salat. Der Focaccia ist noch im Ofen.“

Rosalie verdrehte die Augen und Fynn musste kichern. Von den meisten Sachen hatte er noch nie gehört. Ihm kam der Gedanke, bei Gelegenheit einfach mal die Seite Chefkoch.de zu blockieren, um zu sehen, wie sich das auf ihre Küche auswirken würde. Er holte sich aus dem Kühlschrank eine Ingwer-Bionade und setzte sich mit an den Tisch:

„Habt ihr beiden etwas Schönes geplant für heute Abend?“ Bei Gelegenheit kamen Mutter und Tochter zusammen und unternahmen etwas miteinander.

Dabei gab es unbegrenzten Spielraum; sie hatten bereits einen Töpferkurs besucht, waren Tanzen gewesen und hatten sich mit heißen Steinen massieren lassen. „Wir wollen nachher ins Kino gehen, uns den neuen Film mit Luna Wedler ansehen“, erzählte Rosalie mit einem Zwinkern.

Sandra legte die fertigen Fisch-Filets auf eine große Platte und stellte sie auf den Tisch: „Wann wolltest du denn los zu Tino?“

Wäre sie auf seiner Seite des Tisches gewesen, hätte Fynn sie womöglich getreten, so musste er sich mit einem vernichtenden Blick begnügen. Sofort hatte er die volle Aufmerksamkeit seiner Schwester:

„Gibt es endlich einen Mann in deinem Leben? Das wird auch langsam Zeit. So ein süßer Kerl wie du sollte dabei doch keine Schwierigkeiten haben.“

Sie schaufelte sich eine ansehnliche Portion Salsa auf den Teller und nahm sich ein Stück Pangasius von der Platte.

„Ich gebe ihm nur Nachhilfe in Mathematik. Da ist nichts und wird auch nichts passieren.“

Das Bedauern in seiner Stimme blieb seiner Schwester nicht verborgen. Sie legte ihre linke Hand auf seine rechte: „Nimm das Leben nicht so schwer. Ohne Risiken gibt es keinen Spaß und ohne Fehler keinen Lerneffekt.“

Obwohl er wusste, dass sie Recht hatte, fiel es ihm nicht leicht. Er griff sich das Schälchen mit dem bräunlichen Dip, den seine Mutter als Baba Ganoush bezeichnet hatte.

Der Geruch von gegrillten Auberginen stieg ihm in die Nase und er stellte das Gefäß zurück und griff danach zum Hummus. Das Kichererbsen-Mus war mehr nach seinem Geschmack. Er tunkte ein Stück Seehecht hinein und genoss den nussigen Unterton mit dem zarten Fleisch des Raubfisches.

Tino konnte sich nicht daran erinnern, wann sein Zimmer das letzte Mal so aufgeräumt gewesen war. Selbst für seine Exfreundin hatte er weniger Aufwand betrieben, doch ein innerer Drang sagte ihm, dass Fynn sehr auf Ordentlichkeit und Ästhetik achtete. Seine Bücher standen alle im Regal, ebenso seine Blue-rays.

Die Mathe-Sachen lagen sortiert auf dem Schreibtisch, auf dem nun tatsächlich Platz dafür war. Das Macbook hatte er für mögliche Recherchen und sogar eine Thermoskanne Kaffee mit Tassen bereitgestellt. Nur mit seinen Klamotten hatte er ein Problem: sein Kleiderschrank hatte nicht annähernd die Kapazitäten, um seine ganzen Shirts und Hosen unterzubringen. Als es an der Tür klingelte, rief er nur herunter: „Macht ihr mal bitte auf! Ich bin noch nicht soweit.“

Seine Eltern hatten es sich im Wohnzimmer mit einer Flasche Rotwein gemütlich gemacht. Dezente klassische Musik lief im Hintergrund, aber die Stimme ihres Sohnes hatten sie trotzdem wahrgenommen. Isabella erhob sich und ging an die Tür. Als sie diese öffnete, war sie überrascht. Vor ihr stand ein schüchterner junger Mann, hochgewachsen mit breiten Schultern, vollem hellbraunen Haar und strahlenden blauen Augen. Seine Stupsnase zuckte leicht, als ein zartes Lächeln in seinem ebenmäßigen Gesicht auftauchte.

„Buona sera, Signora Moglieri“, sagte er mit feinster italienischer Aussprache.

„Ich bin Fynn Michaelis. Ihr Sohn erwartet mich. Für Sie habe ich eine Kleinigkeit mitgebracht.“

Er überreichte ihr mit der rechten Hand eine Edelrose an einem festen langen Stiel. Die Schönheit dieser Blume raubte ihr den Atem. Noch nie hatte Isabella eine derart elegante Teehybride gesehen, obwohl sie selbst einige davon im Garten hegte. Die Unterseite dieser handtellergroßen Blüte schimmerte leicht Champagnerfarben, die oberen Blätter gingen in ein zartes Lavendel über und der obere Rand flammte in einem Türkischrot auf. Sie war perfekt.

Fynn spürte, dass Tinos Mutter kein Wort über die Lippen kam, daher versuchte er, das Eis zu brechen: „Die ist aus meinem Garten. Sie stammt aus meiner neuesten Zuchtreihe. Ich hoffe, ich habe Sie damit nicht überrumpelt.“

Er sah, dass sie feuchte Augen bekam und ärgerte sich, dass er mal wieder übertrieben hatte. Trotzdem schien sie sich zu fangen, denn sie machte Platz, um ihn vorbei zu lassen.

„Vielen Dank. Die Rose ist wunderschön. Hat sie einen Namen?“ Er betrat den Flur und wohlbekannte Klänge drangen an sein Ohr. Ein Requiem von Ravel. Sie führte ihn ins Wohnzimmer. Dort saß Alfredo Moglieri gemütlich in seinem Lieblingssessel und las ein Buch. „Schau, was ich bekommen habe!“, rief sie ihm fast euphorisch zu. Fynn fiel auf, dass er ihr noch eine Antwort schuldete: „Ich habe ihr den Namen 'Queen of the World' gegeben.“

Tinos Vater war aufgestanden, um ihm die Hand zu geben. „Das ist eine ungewöhnliche Rose“, sagte er und ging näher an seine Frau heran. „Täusche ich mich, oder riecht sie leicht nach Mandeln?“ Fynn freute sich, dass er das bemerkte:

„Ja, das ist korrekt. Allerdings würde ich das eher als glücklichen Zufall verbuchen.“

Alfredo bot ihm per Handzeichen an, sich zu setzen. Das taubenblaue Sofa mit Veloursleder-Bezug sah äußerst gemütlich aus. „In deinem Alter hab ich mir etwas Geld damit verdient, für ältere Leute den Garten umzugraben und ähnliche Tätigkeiten. Aber wie kommt ein junger Mann dazu, Rosen zu züchten?“, fragte er mit ernsthafter Neugier.

Fynn suchte nach den passenden Worten: „Mein Vater war Gärtner. Ich bin daher mit Pflanzen aufgewachsen und habe seine Leidenschaft übernommen. Vor vier Jahren ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Solange ich seinen Garten in Ehren halte, bleibt ein Teil von ihm immer bei mir.“

Am Fuß der Treppe war Tino stehengeblieben. Er hatte dem letzten Teil der Konversation mit wachsendem Interesse gelauscht. Wie konnte es sein, dass Fynn sein Herz berührte, wenn es sonst keiner vermochte? Die Sensibilität so offen auszuleben, faszinierte ihn. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, dass es eine Stärke sein konnte, sich verletzlich zu zeigen.

Genau in dem Moment drehte sich Fynn in seine Richtung und bemerkte ihn: „Hey, da bist du ja!“ In dessen blauen Augen blitzte pure Freude auf und Tino konnte nicht anders, als zurück zulächeln.

„Hi, da bin ich, endlich. Sorry, dass es etwas länger gedauert hat. Ich hoffe, meine Eltern haben dich gut unterhalten.“

Fynn lachte: „Aber sicher haben sie das. Wo wollen wir denn lernen? Eine weniger gemütliche Atmosphäre wäre sinnvoll.“ Isabella schnupperte erneut an der wunderschönen Rose und für Tino war klar, dass sein neuer Lernpartner ihr Herz bereits erobert hatte.

„Wir können in mein Zimmer gehen. Dort stört uns keiner.“ Während er vorging und die Stufen zur ersten Etage hinter sich ließ, fiel ihm auf, dass er immer noch die bequeme Jogginghose anhatte und sein Wohlfühlshirt, mit dem Totenkopf-Aufdruck.

Obwohl er sich die Mühe gemacht hatte, alle Kleidungsstücke zu verstauen, war er nicht auf die Idee gekommen, sich umzuziehen. Hoffentlich würde Fynn ihm diesen Fauxpas nachsehen.

Er hatte diese Situation unterschätzt. „Wie konnte ich nur glauben, es wäre einfach, Tino beim Lernen zu unterstützen? Ich kann nicht einmal meine Herzfrequenz unter Kontrolle halten, während ich hinter ihm die Treppe hochgehe.“

Der Gedanke, gleich allein mit ihm in einem Raum zu sein, auch noch in dessen Schlafzimmer, ließ seinen Puls rasen. Fynn überprüfte, ob er seine Mathe-Sachen überhaupt mitgenommen hatte, doch er spürte den Gurt seiner Umhängetasche.

Tinos Zimmer war offenbar das erste auf der linken Seite. An der Tür prangte ein großes Poster von Jared Leto, dem Sänger von '30 seconds to Mars'. Fynn mochte den Mann lieber als die Band, aber das war Geschmackssache. Beim Hineingehen überraschte ihn ein frischer Lavendelgeruch. Er hatte Tino für einen eifrigen Sportler gehalten und sich eher auf das beißende Aroma von dahin siechenden Schweißsocken eingestellt. Stattdessen war das Zimmer sehr aufgeräumt und sauber.

„Wollen wir gleich anfangen? Ich weiß ja nicht, wie viel Zeit du mitgebracht hast. Trinkst du Kaffee? Wir haben eine wirklich gute Maschine. Oder doch lieber Tee? Meine Mom hat immer eine umfassende Auswahl zu Hause.“ Fynn war erstaunt, dass Tino so nervös wirkte. Er hatte doch gar keinen Grund dazu.

„Kaffee ist gut. Aber ich hoffe, du hast keine Nachtschicht eingeplant. Morgen ist auch wieder Schule.“

Er setzte sich in den dunkelblauen Dreh-Sessel einer schwedischen Firma und holte aus seiner Tasche das Mathe-Buch, einen Block und Kuli heraus. „Wie viel Zeit bleibt uns denn bis zur nächsten Arbeit? Gibt es da schon einen Termin?“ Tino ließ sich kraftlos in seinem Schreibtisch-Stuhl fallen: „Wir haben zwei Wochen. Und ich muss mehr als fünf Punkte in der Klausur haben!“

Fynn stand wieder auf und fing an, sich im Zimmer umzuschauen. Bordeauxrote Bettwäsche bedeckte einen schwarzen Futon. Schreibtisch, Bücherregal und Wandschrank bestanden aus schwarzem Holz. Die weißen Wände waren hauptsächlich mit Band-Postern bestückt: Journey, REO Speedwagon, Led Zeppelin, Morrissey, The Doors und INXS. Alles Rockbands, die in den 70igern ihren Höhepunkt hatten. Die Blue-ray-Sammlung schien bunt gemischt zu sein, aber sehr mainstream. Gleiches galt leider auch für die Bücherauswahl. In den Ecken der Fensterseite befand sich links eine schöne hellbraune Akustikgitarre und rechts eine dunkelblaue Westerngitarre.

„Wo liegt das Problem bei der Kurvendiskussion?“ Fynn hatte sich halbwegs akklimatisiert und schenkte sich selbst und seinem Gastgeber ein. Er selbst nahm nur einen Schuss Milch. „Wie trinkst du deinen Kaffee?“

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