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Wenn Sie der Titel zu dem Buch neugierig gemacht hat, dann sind Sie hier richtig. Das Buch gibt am Anfang in einem historischen Rückblick Auskunft über die Entwicklung bei der Bekämpfung der Taschendiebstahlkriminalität, deren Vernetzung von einer Dienststelle in Hamburg angestoßen wurde. Danach beschreibt der Autor anhand ausgewählter Erlebnisse den Werdegang einiger Polizeibeamter, versucht in seiner besonderen Art zu unterhalten und mit wenigen Ratschlägen das Thema Taschendiebstahl zu bedienen. Passen Sie beim Lesen auf, dass Sie nicht in diesen Bann hineingezogen werden.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Hinweis
Vorwort
Kapitel 1 Ein historischer Rückblick
Die heimliche Zunft und ihre Fahnder
Kapitel 2 Im Streifendienst
Aller Anfang ist schwer
Die Täuschung
Zugriff auf der Ernst-Merck-Brücke
Geronimo
Aus dem Verkehr gezogen
Raub im Philosophengang
Ungeschoren davongekommen
Der Gepäckdieb aus dem Hotel
Das Andenken
Die Gegenobservation
Silvestereinsatz
So ein Zufall
Fotografisches Gedächtnis
Kapitel 3 In der Fahndung
Erste Kontakte mit Fahndern des LKA
An der Miniatureisenbahn
Der mit der Jacke
Der Lockvogel
Der falsche Freund
Der Blick aus dem Fenster
Ritschi
Kapitel 4 Beim Ermittlungsdienst
Rückblick
Die Visitenkarte
Personalmangel
Der Seriendieb
Der Beschmutzertrick
Die Handtasche aus dem Auto
Der Diplomatenpass
Der Barbier aus Algier
Auf Eis gelegt
Taschendiebe am Bus
Bürodiebstahl
Vorbereitung auf die Fußball-WM
Fußballweltmeisterschaft 2006 - Das Endspiel
Der ehrliche Finder
Auf dem Abstellgleis?
Kapitel 5 Im neuen Team
Der Antänzer
Auf dem Weihnachtsmarkt
Nur die Jacke
Rituale
Das iPhone 5
Sid
Das andere Auge
Der Fußballtrick
Nur eine Beobachtung
Der Geldwechseltrick
Denkmale
Die Verabschiedung
Nachwort
Polizeiinterna und taktische Maßnahmen tauchen in den Texten nicht auf, sofern diese nicht bereits allgemein bekannt sind bzw. aus öffentlich zugänglichen Quellen erhoben werden können.
Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen wurden die Namen der Taschendiebe und einige Namen von Kollegen geändert. Ähnlichkeiten mit existenten Personen wären rein zufällig.
Während meiner früheren Tätigkeit als Starkstromelektriker bekam ich es mit Strom, Magnetismus und Widerständen zu tun, aber irgendetwas fehlte mir in dem Beruf. Bei der Polizei glaubte ich es wiedergefunden zu haben. Es war die Spannung, die dort durch die Gegensätze von Gut und Böse entstand.
Abgespielt hatte sich das Ganze im Hamburger Hauptbahnhof, der wie ein Magnetfeld auf mich wirkte. Bevor ich meine eigentliche Berufung als Zivilfahnder fand, versah ich als Streifenbeamter am Hamburger Hauptbahnhof meinen Dienst. Viele Begebenheiten hatten mich gefesselt. Somit fing ich an Erlebtes niederzuschreiben woraus die Idee entstand, die Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen.
Je öfter ich darüber redete ein Buch schreiben zu wollen, umso mehr stieg die Erwartungshaltung mancher Kollegen, mit denen ich viele Einsätze meistern musste und die mich bei einigen Aktivitäten begleiteten.
Dann kam plötzlich dieser Moment, der Tag meiner Pensionierung, an dem ich auf nette Art und Weise im Rahmen einer Laudatio von Heiner Tebelmann, einem langjährigen Wegbegleiter auf mein angekündigtes Buch hingewiesen wurde.
Hierbei hielt er als Geschenk ein in Ledereinband gefasstes Buch hoch und las daraus ein Vorwort vor. Das Vorlesen des Vorwortes wurde wie eine Buchlesung zelebriert und mir im Anschluss überreicht. Ich blätterte dann im Buch und musste feststellen, dass es bis auf das Vorwort noch unbeschrieben war. Ich will das Vorwort dem Leser nicht vorenthalten, es befindet sich auf der Rückseite meines Buches.
Zu dem erwähnten Spitznamen, der in dem Vorwort erwähnt ist, gibt es Folgendes zu sagen: Bekannt war ich in der kriminellen Taschendiebszene unter dem Spitznamen „Moustache“, was mit meinem Aussehen zusammenhing.
Mir ist bis heute nicht bekannt, wer mir damals den Namen Anfang der Neunzigerjahre verlieh. Dies geschah in einer Zeit, als mein Gesicht ein Schnurrbart zierte. Als später der Bart ab war, behielt ich den Namen inne.
Hinzu kamen Namen wie „Jens Hübner“ und „Hubert Kagel“, die man auch schon mal in den Medien lesen konnte. Zu all den Pseudonymen, Tarnnamen und anderen fingierten Namen, die an die Stelle meines bürgerlichen Namens rückten, habe ich mittlerweile Abstand gefunden.
Da ich mich nun im Ruhestand befinde, kann ich mit einer gewissen Gelassenheit auf das Durchlebte blicken.
Meine berufliche Laufbahn beendete ich mit 61 Jahren und neun Monaten, nachdem ich meine Dienstzeit noch um ein Jahr verlängern durfte. Mittlerweile stellt dies keine Besonderheit mehr dar. Wegen der angespannten Personallage und vieler Anforderungen machen heutzutage immer mehr Polizeibeamte davon Gebrauch, so ihr Gesundheitszustand und ihre persönliche Situation es ihnen erlaubt.
Ich denke, dass ich über die Jahre einen guten Beitrag in der Taschendiebstahlbekämpfung leisten durfte, wodurch ich eine berufliche Erfüllung verspürte.
Aber auch einige Narben, auf die ich gern verzichtet hätte, wurden mir zugefügt. Sie stammen aus falscher Einschätzung einiger Situationen.
Das Schmerzensgeld, das mir in einem Fall zugesprochen wurde, habe ich bis heute nicht erhalten. Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr empfand ich das Niederschreiben meiner Erlebnisse als Balsam für meine Wunden.
Hierbei wurden viele Begebenheiten aus meiner Zeit als Streifenpolizist wieder wach und so stellte ich mit der Zeit fest, dass ich mit dem Stoff mehrere Bücher hätte füllen können.
Möglich, dass das Schreiben bei mir wie eine Therapie wirkte, denn nun musste ich in der Auswahl der Begebenheiten selektieren. Der Beruf ist nun mal sehr vielfältig.
Erschütternde Erlebnisse wird der Leser vergeblich in meinem Buch finden. Sie gehören zwar auch zum Beruf eines Polizeibeamten mit dazu, doch ich wollte den Beruf aus einem anderen Blickwinkel beleuchten und endlich die vor Jahren gemachte Zusage einlösen. Da der Schwerpunkt meiner Arbeit, wie bereits im Vorwort erwähnt, auf die Fahndung nach Taschendieben gelegt wurde, handeln die meisten Begebenheiten davon. Ich hoffe, der Leser findet Gefallen daran.
Nun denke ich, dass Sie etwas eingeweiht sind, bevor ich Sie mitnehme in die Welt eines Polizeibeamten, so wie ich sie in Teilen erlebt habe.
Aber passen sie beim Lesen auf, bleiben sie aufmerksam und achten sie darauf, wer neben oder hinter ihnen sitzt. Es könnte ja ein Taschendieb sein.
Es war mein erstes Buch über Taschendiebe, das ich 1992 im Erscheinungsjahr erwarb und das mich irgendwie in seinen Bann zog. Die Zeitschrift „Der Spiegel“ machte unter der Überschrift „Lady Finger“ auf dieses Buch von Alexander Adrion mit dem Titel „Taschendiebe“ aufmerksam. Zur Aktualisierung bezog man sich auf einen Aufgriff im Hamburger Hauptbahnhof.
„Einer der letzten Altstars des Gewerbes, ein Peruaner, 71, wurde vorige Woche auf Gleis 6 des Hamburger Hauptbahnhofes verhaftet. Eigentlich hatte er sich nach 52 Berufsjahren schon zur Ruhe gesetzt. Doch die Olympischen Spiele in Barcelona hatten ihn noch einmal inspiriert, wie er bei seiner Vernehmung aussagte.“
Die Pressestelle der Polizei Hamburg hatte in einer Art „Vita“, einer kurzen literarischen Lebensbeschreibung den Medien diesen „Altmeister“ als besonderes Ereignis unter der Überschrift “Abschiedstournee endet in Hamburg“ vorgestellt. Seine Tätigkeit konnte man bis 1940 in den Ländern USA und Argentinien zurückverfolgen. Ab 1965 gab es Spuren von ihm in Griechenland und Schweden, sowie in den Städten Rom, Mailand, Madrid, Frankfurt, Brüssel und Zürich.
Zählt man diese Jahre zusammen, dann kommt man auf 52 Berufsjahre. Bei seiner Festnahme in Barcelona mit einem falschen Pass kam man ihm dort nicht auf die Schliche und entließ ihn nach zwei Tagen, aber in Hamburg kam der Dieb nicht so schnell davon. Dort beim Landeskriminalamt lag bereits ein Foto von ihm vor.
Solchen Dieben der alten Schule, die sich als Künstler sahen, begegnete man nur noch selten. Im besagten Buch findet man einen historischen Rückblick über den Taschendiebstahl und deren Zunft.
Der Autor Alexander Adrion ließ H. Kalleicher aus Hamburg vom Dezernat zur Bekämpfung des Taschendiebstahls in einem Artikel seines Buches zu Wort kommen. Hermann Kalleicher, in der damaligen Szene unter dem Spitznamen „Marechallo“ bekannt, wagte hier unter dem Titel „Der Kongress der Taschendiebe in Hamburg“ einen historischen Rückblick.
Gleich nach der Währungsreform besannen sich viele ehemalige „Handwerker“ alter Fähigkeiten. Man rechnete damals mit mehr als 2000 Taschendiebstählen jährlich in Hamburg. Im Wartesaal des Dammtorbahnhofes fand eine Versammlung von Berufsdieben statt. Kalle Schwidder, ein Mann ganz alter Schule, hatte eingeladen. Er wollte Hamburg nach südeuropäischem Muster in bestimmte Schutzzonen aufteilen, die jedem Dieb ein gutes Auskommen sichern konnten.
Bruno, genannt der „Professor“, war dabei. Rosalie O. kam mit Tochter Erika und Schwiegersohn Henrich, um mitzumischen. Aus Kanada kam der „Doktor“, ein Mann, dem man nachsagte, er verstehe es meisterhaft, sich aus jeder Situation herauszulügen. Auch Rudi Drabert, der Mann mit der „goldenen Hand“, bot seine Mitarbeit an.
Dort, wo heute in der Mönckebergstraße der KAUFHOF steht, traf sich im Café „Lili Marleen“ die Konkurrenz aus Italien und Spanien. Ein Bierlokal in der „Kurzen Mühren“ war Anlaufstelle balkanischer Taschendiebe. Hier wurden ihnen bereits Reviere angewiesen, und es gab auch schon Personenbeschreibungen von Fahndungsbeamten.
Mit sehr viel Eifer machten sich die Fahnder an die Arbeit. Brauchbare Unterlagen aus der Vorkriegszeit gab es kaum. Es existierte lediglich eine handschriftliche Namensliste aus den 20er-Jahren und eine Namenssammlung von Taschendieben, die während der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin aufgefallen waren, bekannt unter der Bezeichnung „Olympiakartei“. Sie erwies sich bei späteren Ermittlungen als wahre Fundgrube.
Bald schon bereute der „Professor“ seinen Entschluss, hierher gereist zu sein, einige lange Monate. Sein Jagdgebiet waren die Theater und deren Besucher. Unterdessen hatten sich im Hauptbahnhof venezianische Diebe eingeschlichen, die den Reisenden beim Einsteigen die Hosentaschen aufschnitten.
Durch das „Tor der Welt“ kamen auch Nachwuchskräfte angereist. Aus Barcelona erschien hier eine Familie, in der die Tradition des heimlichen Greifens nun schon in der dritten Generation gepflegt wird. Es darf nur einheiraten, wer zur Zunft gehört. Josè G. und seine Frau Maria Klauert (!) zog es wiederholt hierher. Der letzte Ausflug brachte beiden drei Jahre ein. Seither wurden sie nicht mehr gesehen.
Dimitrie Borstar, ein Profi aus Bukarest, drückte aus, was seine Zunftgenossen ahnten: „Verdammt heißes Pflaster für uns!“, sagte er bei seiner Festnahme. (S.→)
Aber auch Aussagen von anderen damals bekannten Taschendiebfahndern wie Karl-Heinz Aderhold, F.A. Schmidt und A. Buchner fanden in Adrions Buch Zugang.
Will man die Fahndung nach Taschendieben der letzten Jahrzehnte historisch zurückverfolgen, dann stößt man auf ein Buch über Taschendiebe, welches 1962 vom Bundeskriminalamt Wiesbaden in der Polizei-BKA-Schriftenreihe herausgegeben wurde. Das Buch stammte aus der Feder von Gerhard Harnisch unter Mitwirkung der Beamten des Dezernats zur Bekämpfung des Taschendiebstahls Otto Rades, Heinz Torkler, und Hermann Kalleicher. Der Geheimhaltungsgrad des Buches -Nur für den Dienstgebrauch- ist mittlerweile aufgehoben.
Die Verfasser wollten mit der Herausgabe des Buches einen kleinen Beitrag zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Kriminalpolizeidienststellen aller Länder leisten und den verantwortlichen Leitern der Landeskriminalämter die Anregung geben, sich mit den Möglichkeiten einer intensiveren Bekämpfung der Taschendiebstahlkriminalität zu befassen.
Weitere Bemühungen vor dieser Zeit fanden 1958 auf einer Arbeitstagung im Bundeskriminalamt statt, zu der es interessante Beiträge gab. Durch die Zunahme von Taschendiebstahlanzeigen geriet diese Straftat immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit.
Die Behauptung, dass die Kripo gegen versierte Trickdiebe wenig unternehmen kann, sollte nicht mehr zutreffend sein. Der Umgang mit Taschendieben brachte Erfahrung, die an viele Interessierte weitergegeben wurde und zu einer länderübergreifenden Vernetzung führen sollte.
Hieraus entstand die erste aktenkundige internationale Arbeitstagung „Taschendiebstahl“, welche am 13. und 14. September 1978 in Hamburg stattfand. Auf der Teilnehmerliste waren 21 Personen aufgelistet. Diese kamen aus Kopenhagen, Basel, Zürich, Berlin, Hannover, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, München, Stuttgart, Wiesbaden und Hamburg.
Die zweite internationale Arbeitstagung wurde bereits am 18. und 19. Oktober 1979 in Berlin durchgeführt. Begrüßt wurden Polizeibeamte aus den Fachdienststellen der bereits zuvor erwähnten Städte, dem Bundeskriminalamt, den Bahnpolizeiwachen Köln und Frankfurt und Teilnehmer aus der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn. Die ausländischen Gäste kamen aus Den Haag von der Flughafenpolizei Schiphol und vom Polizeikommando Kanton Zürich. Der Empfang erfolgte durch den damaligen Polizeipräsidenten im Gästehaus der Berliner Polizei. Auf der Tagesordnung standen Referate über die Situation auf dem Taschendiebstahlsektor in Berlin und über phänomenologische Veränderungen auf dem Fachgebiet.
Des Weiteren konnten Ergebnisse bei der Arbeit mit einer Orts-Zeit-Kartei einer ausländischen Gruppierung aufgezeigt werden. Ein Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes referierte über die Bekämpfung des internationalen Taschendiebstahls durch Interpol. Zu den weiteren Gesprächsthemen gehörten die Erfahrungen mit gestohlenen bzw. betrügerisch eingesetzten Reiseschecks.
Die rechtliche Betrachtung der Haftgründe bei Festnahmen von Taschendieben erfolgte durch einen in Berlin ansässigen Staatsanwalt. Als letzter Punkt auf der Tagesordnung war das Referat eines Mitarbeiters für Ausländerangelegenheiten aufgeführt. Dieser referierte über Probleme der Ausländerbehörde mit nicht deutschen Tätern.
Die dritte internationale Arbeitstagung fand 1980 in München statt, die vierte dann wieder in Hamburg im November 1982. Zu den bereits erwähnten Städten kamen Interessenten und Fahnder aus Nürnberg, dem LKA Kiel, der Landespolizeischule Schleswig-Holstein, dem Polizeiamt Bremen, dem LKA Koblenz und der Polizeidirektion Wien.
Mit dieser Aufzählung der Begegnungen und Treffen zwischen Spezialisten aus diesem Kriminalitätsbereich erhebe ich nicht den Anspruch der Vollzähligkeit.
Internationale Taschendiebstahlkonferenzen wurden jetzt in Den Haag durchgeführt und die Zahl der Experten auf der Teilnehmerliste nahm zu.
Erwähnenswert ist noch ein Treffen aus dem Jahre 2015, welches vom 07. bis 09. Dezember auf der Initiative des deutschen Polizeipräsidiums München im Europol-Hauptquartier in Den Haag stattfand, an dem 140 Experten und Staatsanwälte der Strafverfolgungsbehörden von Europol, Eurojust und 18 Ländern teilnahmen.
Als Gastredner war der als Entertainer und Kriminologe für Straßenkriminalität bekannte Bob Arno aus den Vereinigten Staaten eingeladen, der Einblicke in die Gegenmaßnahmen und das taktische Verhalten der Straftäter gab.
In mehreren Workshops tauschten die Teilnehmer Wissen zu Themen aus, die sich mit Taschendiebstahl befassen. Die Konferenz sollte eine noch stärkere internationale Zusammenarbeit fördern und in der Zukunft im Turnus von zwei Jahren durchgeführt werden. Es wurde vereinbart Daten über Europol auszutauschen und sich alle zwei Jahre zu treffen.
Zur Aktualisierung meiner Aufzählungen ist bestimmt noch das letzte mir bekannte Treffen auf internationaler Ebene im Jahre 2019 zu erwähnen, an dem über 170 Personen aus 24 Nationen teilnahmen und denen neue Konzepte bei der Fahndung nach Taschendieben vorgestellt wurden.
Weitere Aufzählungen erspare ich dem Leser.
Ich hoffe, dass hierdurch ein kleiner Einblick in die Bemühungen beteiligter Polizeibeamter gegeben werden konnte.
Für mich begann die Fahndung nach Taschendieben auf der Bahnpolizeiwache am Hamburger Hauptbahnhof im Jahr 1989. Zuständig für Taschendiebstahl war das Landeskriminalamt Hamburg (LKA 233).
Viel profitieren konnte ich von der Erfahrung der dortigen Taschendiebfahnder J. Margraf und E. Paetz, die 1976 vom damaligen Dezernatsleiter H.Kalleicher unter vielen interessierten Zivilfahndern für die Fahndung nach Taschendieben ausgesucht wurden.
In beiden Zivilfahndern, die vorher ihren Dienst auf der Davidswache versahen, glaubte Kalleicher dieses „Gen“ entdeckt zu haben, was man für die Fahndung nach Taschendieben wohl brauchte.
Es war zwar nur ein kleines Team, welches aber mit der Zeit nennenswerte Erfolge verbuchen konnte. Je öfter ich mit dieser Dienststelle und den dortigen Kollegen Kontakt bekam, umso mehr nahm mein Interesse an der Bekämpfung der Taschendiebstahlkriminalität zu.
Auf meiner DNA gab es wohl auch die besonderen Grundinformationen, die es für die Entwicklung von Eigenschaften brauchte, um als Taschendiebfahnder tätig zu werden.
Durch viele Erlebnisse entstanden dann Verbindungen zu Gleichgesinnten, die mehr oder weniger in diesen Bann hineingezogen wurden.
Als Polizeibeamter sollte man sein Revier kennen. Für mich, der nicht aus Hamburg stammte und kaum einen Bezug zu dieser Stadt besaß, stellte dies eine besondere Herausforderung dar. Und wenn diese Orientierungslosigkeit zutage trat, wurmte es mich schon etwas, wenn andere es mitbekamen und man darüber sprach. Eigentlich konnte ich diese Begebenheit noch unter „Erfolge“ verbuchen, jedoch liegt darin nichts Besonderes. Es gab in diesem Beruf viele Situationen, in denen man schnell entscheiden und handeln musste.
Die Begebenheit, von der hier die Rede ist, passierte nach einer Verfolgung eines Straftäters und während des gleichzeitigen Heranführens von Unterstützungskräften.
Nachdem mich vor einiger Zeit ein Kollege darauf angesprochen hatte, bestärkte sich bei mir der Gedanke dieses Missgeschick im Buch mitzuverarbeiten.
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Frank und ich bekamen einen Einsatz im S-Bahnhaltepunkt Stadthausbrücke, wo wir von zwei Mitarbeitern der DB-Sicherheit wegen einer Identitätsfeststellung eines Fahrgastes ohne Fahrausweis erwartet wurden.
Der Fall war schnell abgearbeitet. Kurz bevor wir die Person vor Ort entließen, hielt eine S-Bahn am Bahnsteig. Zufällig blickte ich in den S-Bahnwagen und erkannte plötzlich unter den Fahrgästen einen Taschendieb, der zur Festnahme ausgeschrieben war.
Die Abfahrt der S-Bahn verzögerte sich, was beim Taschendieb Missbilligung fand, denn auch er hatte mich erkannt und versuchte, sich durch Abwenden seines Kopfes meiner Aufmerksamkeit zu entziehen.
Ich teilte Frank mein Wissen mit, woraufhin der Fahrgast entlassen wurde und wir zustiegen. Hierbei blockierten die DB-Mitarbeiter kurzzeitig die Türen des S-Bahnwagens und verzögerten so die Abfahrt der S-Bahn, wodurch wir den Taschendieb mit hinter seinem Rücken gefesselten Händen aus der S-Bahn führen konnten. Danach gaben die DB-Mitarbeiter die Türen wieder frei und die S-Bahn fuhr ab.
Der Zugriff dauerte nur wenige Sekunden. Auf dem S-Bahnsteig befanden sich nun ein Taschendieb nordafrikanischer Herkunft in Handfesseln, zwei Mitarbeiter der DB-Sicherheit und zwei Beamte des damaligen BGS.
Anhand der mitgeführten Bescheinigung des Nordafrikaners erfolgte dann die Abfrage seiner Personaldaten, dessen Ergebnis zur Bestätigung meiner Aussage führte.
Hierbei standen wir locker in Viererreihe mit dem Rücken zum Ausgang des Bahnsteiges, wo eigentlich bei einem erkennbaren Fluchtverhalten des Festgenommen hätte gehandelt werden können. So dachten wir und hielten es somit auch nicht für nötig den Nordafrikaner am Arm oder an der Handfessel festzuhalten.
Aber was dachte der Nordafrikaner von uns? Er musste seine Chance in unserem Körperbau gesehen haben. Frank war größer als ich und somit etwas schwerer bei gleicher Statur. Den körperlichen Zustand der beiden DB-Bediensteten möchte ich hier nicht näher kommentieren.
So kam es, wie es kommen musste. Der Nordafrikaner benötigte nur wenige Schritte, um sich unserem Zugriffsbereich zu entziehen, danach wurde er immer schneller. Er rannte trotz gefesselter Hände bis zum Bahnsteigende, drehte sich um und kam uns plötzlich entgegen.
So ein Mist, dachte ich. Einer rennt los und alle rennen wie eine „Hammelherde“ hinterher. Wir hätten auch warten oder nebeneinander auf ihn zugehen können, doch jetzt befanden wir uns nicht mehr zu viert nebeneinander. Der Bahnsteig kam mir plötzlich so breit vor.
Schnell war er an mir vorbei. Ein Haken nach links, ein Haken nach rechts, eine Seite kurz angetäuscht und so befanden wir uns alle hinter ihm, als er mit vorschriftsmäßig gefesselten Händen hinter seinem Rücken dem Ausgang zueilte.
Nachdem er auf den unteren Stufen der festen Treppe angekommen war und zügig nach oben huschte, gaben die DB-Bediensteten auf. Na gut, es war ja auch nicht ihr Fall.
Frank rannte noch die Treppen mit mir hoch und sagte zu mir: „Der ist weg!“ Mir war klar, was er damit ausdrücken wollte: „Lass ihn laufen.“ „Der hat aber meine Handfesseln“, sagte ich und rannte weiter, obwohl der Nordafrikaner mittlerweile unseren Blicken entschwunden war.
Im Ausgangsbereich sah ich ihn dann aber wieder. Er rannte auf der geraden Straße immer weiter und sein Vorsprung war mittlerweile beträchtlich angewachsen. Warum sich nicht durch Unterzuhilfenahme eines Autos näher an die Person heranbringen lassen, dachte ich.
Damals ahnte ich noch nicht, dass ich in meinem späteren Leben als Zivilfahnder davon noch mehrmals Gebrauch machen sollte.
Durch meine Uniform musste ich gut zu erkennen gewesen sein, als ich vor dem VW Golf eine winkende Bewegung machte und in die Richtung des Entflohenen zeigte. Man hatte im Fahrzeug schnell mitbekommen, dass ich mitgenommen werden wollte. Ganz hinten in einer Entfernung von 60 Metern lief ein dunkler Schatten, für den ich mich augenscheinlich interessierte.
Die Tür ging auf und ich stieg zu. Der Golf nahm Fahrt auf und fuhr bis zu der Hausecke, wo der Nordafrikaner zuletzt zu sehen war. Ausstieg! Ich bedankte mich und lief um die Ecke, aber der Mann war wie vom Erdboden verschwunden.
Doch weit weg konnte er nicht sein und bis zur nächsten Ecke dürfte er es nicht mehr geschafft haben.
Befand er sich vielleicht hinter den Büschen? Langsam ging ich zwischen den Büschen suchend umher und dann sah ich ihn fünf Meter vor mir und konnte ihn gerade noch an den Füßen packen, bevor er aufstehen konnte.
Viel Sicht gab es nicht in der Dunkelheit. Der Gesuchte drehte und wandte sich, seine Füße waren ständig in Bewegung, sodass ich ihn trotz der angelegten Handfessel kaum halten konnte.
So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Warum gab er nicht auf und was brachte es ihm? Verschwinden konnte er doch nicht mehr.
Über Funk teilte ich nun freudig mit, dass ich den Nordafrikaner gegriffen hatte. Die Antwort bekam ich aus einem Dienstfahrzeug, dass von Frank über die Wache verständigt wurde und sich in der Zwischenzeit mit Sonderrechten in unsere Richtung bewegte.
„Wo bist du denn?“ „Stadthausbrücke!“ „Ja, das wissen wir.“ Da ich nun eine Hand zum Funken benötigte und den Nordafrikaner nur noch mit einer Hand halten konnte, bekam dieser wieder Oberwasser. Die Rangelei ging weiter.
„Wo bist du denn?“ „Ich liege hier zwischen den Büschen auf einem Nordafrikaner.“ Pause ... Man suchte mich. Auch Frank, mein Streifenpartner, besaß nur eine ungefähre Orientierung meines letzten Aufenthaltsortes. Dass ich nun die Rolle in einem „Hörspiel“ auf dem Funkkanal übernommen hatte, wurde mir erst später bewusst, nachdem mich mehrere Kollegen daraufhin angesprochen hatten.
Straßennamen konnte ich aus meiner Lage nicht erkennen und wegbewegen wollte ich mich auch nicht. Die Bodenlage schien mir zur Verhinderung der Flucht am geeignetsten.
Aber wo befand ich mich? So fing ich dann an, meine Umgebung zu beschreiben. „Hier muss eine Hauptstraße sein. Ich sehe die Leuchtreklame und höre viele Autos; jetzt sehe ich Blaulicht.“
„Ja, das sind wir“, hörte ich noch Werner sagen. Seine Stimmlage war etwas verstellt. Ich glaubte zu wissen, was er damit ausdrücken wollte, aber das war mir in meiner damaligen Lage egal. Ich hatte meine Handfessel wieder.
Der Nordafrikaner wurde im Anschluss mit dem Dienstfahrzeug zur Dienststelle verbracht. Bei seiner Durchsuchung fand ich dann eine verfälschte französische Identitätskarte mit dem Lichtbild einer anderen Person. Ein schwarzer Stift, den ich mit weiteren Lichtbildern einer anderen Person bei ihm fand, ließ den Schluss zu, dass der Ausweis durch ihn verfälscht wurde.
Entsprechende Merkmale hierzu waren im Ausweis ersichtlich. Nun erfolgte eine Strafanzeige wegen Urkundenfälschung und die Sicherstellung des Ausweises mit dem Stift.
Vermutlich versuchte unser Mann durch das ständige Sperren, Drehen und Weglaufen bei der Festnahme in Bodenlage, sich des Ausweises zu entledigen. Anders konnte ich mir sein Verhalten nicht vorstellen.
Die Geschichte machte ihre Runde. Über das, was nun wirklich maßgeblich zur Flucht des mir bekannten Taschendiebes beigetragen hatte, wurde nicht gesprochen.
Es war ein Kollege, der auf eine andere Art ziemlich zu Anfang seiner Schichtzugehörigkeit auf das Übergewicht aufmerksam machte. Er ließ dunkelgrüne T-Shirts mit der Aufschrift „Ü 100“ und „U 100“ drucken, die zum Dienstsport getragen wurden.
Mein Kollege Frank gehörte zu den Beamten unserer Schicht, die ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift „Ü 100“ besaßen. Hierbei ging es um das Körpergewicht und nicht um die Zugehörigkeit zur Marine als U-Bootfahrer, was ein Spaßvogel darin zu erkennen glaubte.
Auf meinem Shirt stand „U 100“. Ich als Träger dieses Shirts gehörte somit zu den Leichtgewichten, obwohl der Zeiger auf der Waage sich damals bei mir erlaubte, auch schon mal über neunzig stehenzubleiben.
Weggelaufen sind mir später noch einige, auch mit Handfesseln. Aber das hatte andere Gründe.
Die Übernahme der Bahnpolizei durch den Bundesgrenzschutz lag schon einige Monate zurück und ich lief als einer der wenigen immer noch in der alten Uniform der Bahnpolizei herum. Irgendwann sollte auch ich die Uniform wechseln. Einige empfanden uns anhand der blaugrauen und grünen Uniform als „bunte Truppe“, aber das störte mich nicht. Mit der Zeit wuchs man zusammen.
Ein jüngerer Kollege, den viele nur Rosch nannten, integrierte sich schnell in unsere Schicht. Wenn es rausging auf Streife war er meistens zur Stelle. So auch damals an einem Sonntagmorgen im August 1992, als wir den Hamburger Hauptbahnhof bestreiften.
Auch er sah in der Bekämpfung der Taschendiebstahlkriminalität eine besondere Herausforderung und bekam ein gutes Gespür für die Fahndung, sodass auch er schon einige Taschendiebe erwischen konnte. Hierdurch ergab es sich von selbst, dass wir nicht ganz unbewusst kurze Zeit später die Richtung zu den Fernzügen einschlugen.
Oftmals trennten wir uns für einen kurzen Moment, so auch an jenem Sonntag, an dem sich die Begebenheit zutrug.
Für unser Vorhaben erreichten wir den Fernzug jedoch etwas zu spät. Der Blick auf das Gedränge beim Einsteigen fehlte, da die Reisenden schon eingestiegen waren.
Wenig später befand sich Rosch auf der halben Treppe zum Fernbahnsteig und beobachtete nun den hinteren Bereich des Zuges, während ich vom Südsteg den vorderen Teil des Zuges beobachtete.
Plötzlich kam eine männliche Person aus dem Zug und blickte in Richtung des Südsteges, auf dem ich mich befand.
Kurz danach schlossen sich die Türen des Zuges und die Person stutzte für einen Moment, wodurch meine Aufmerksamkeit geweckt wurde. Hatte ich die Person nicht schon einmal gesehen? War das nicht Mladic, ein Taschendieb, mit dem ich schon einmal zu tun bekam? Noch war ich mir nicht ganz sicher.
Aber als die Person an der ersten Scheibe des Zugabteils vorbeiging und gegen die Scheibe winkte, was wie eine Verabschiedung aussah, nahm bei mir die Überzeugung zu, dass es sich um Mladic handeln müsste und er mich erkannt hatte. Danach verschwand die Person aus meinem Blickfeld.
Über Funk informierte ich Rosch. Dieser hatte Mladic zwischenzeitlich ebenfalls bemerkt. Ich teilte Rosch nun mit, dass Mladic gegen eine Scheibe gewinkt hätte, als wolle er sich von jemandem verabschieden.
Unter Ausnutzung einer Deckung ging Mladic jetzt zügig über den Bahnsteig, während sein Blick mir seitlich zugewandt war. Dieses Gesamtbild seines Verhaltens passte nicht zu der Geste einer Verabschiedung.
Es dürfte sich hierbei mit Sicherheit nur um eine Täuschung gehandelt haben, mit der er seine Anwesenheit legitimieren wollte, nachdem wir plötzlich auf der Bildfläche erschienen waren. Nun konnten wir davon ausgehen, dass Mladic etwas verbergen wollte. Hatte er im Zug beim Einstieg jemand bestohlen?
Langsam gingen wir in Richtung der Treppe, die zum Bahnsteig führte. Wie lange würde es noch dauern, bis er es merkte, dass wir hinter ihm her waren? Nachdem wir über die Treppe den Bahnsteig betreten hatten und uns nach einigen Metern auf halber Höhe des Bahnsteiges befanden, setzte Mladic plötzlich zum Spurt an.
Endlich war der Zeitpunkt gekommen, an dem mit offenen Karten gespielt wurde.
Jetzt starteten auch wir durch. Während er über die Rolltreppe den Bahnsteig in Richtung des Verbindungsganges vor der Wandelhalle verließ, spurteten wir über die feste Treppe nach oben. Dann rannte er nach links und kam plötzlich ins Straucheln, wodurch er kurzzeitig zu Fall kam. Das brachte uns weiter an ihn heran.
Mittlerweile konnte ich den Abstand zu ihm bis auf vier Meter verkürzen, aber das ganze Gerödel, das wir am Gürtel mit uns führten, hinderte natürlich etwas beim Laufen. Konnte ich noch einen Zahn zulegen? Dass ich ihn sogleich ergreifen würde, musste er gespürt haben. Somit schlug er wie ein gejagter Hase einen Haken nach links in den Zwischengang, der zur Wandelhalle führte.
Als ich das bemerkte, zog auch ich etwas nach links. Der Zusammenprall war unvermeidlich. Irgendwie berührten wir uns nun und er kam wieder ins Straucheln. Unsanft kollidierte sein Oberkörper mit der Schaufensterscheibe vom Body Shop, die zu vibrieren anfing.
Rosch befand sich jetzt nur noch einen Atemzug hinter mir. Entkommen konnte uns Mladic jetzt nicht mehr. Wenig später lagen wir dann auf ihm und legten ihm Handfesseln an, was er ohne Widerspruch über sich ergehen ließ.
Jedoch was sollten wir ihm nun vorwerfen, womit wir eine Festnahme hätten begründen können? Weglaufen vor der Polizei beinhaltet noch keine Straftat. Das waren die Gedanken, die nun in mein Bewusstsein traten. Auffällig waren aber die vielen Geldscheine in seiner hinteren Hosentasche, die im Zusammenhang mit seinem Verhalten den Verdacht eines Taschendiebstahls zuließen.
Der Festgenommene wurde nun unter den Blicken anwesender Schaulustiger unserer Wache zugeführt und dort polizeilich durchsucht.
Bei dem Geldbetrag, der später sichergestellt wurde, sollte es sich um seine Sozialleistungen handeln. Jedoch dies glaubte ihm keiner von uns, denn die Summe übertraf mit Sicherheit eine Monatszuwendung. Dann wendete sich das Blatt.
Plötzlich erschien eine weibliche Reisende auf der Wache und übergab eine Herrengeldbörse. Die weibliche Reisende hatte gesehen, wie ein Mann von zwei uniformierten Polizeibeamten verfolgt wurde und auf der Rolltreppe die Geldbörse auf den Bahnsteig warf. Sie wurde unsere wichtigste Zeugin.
Endlich schloss sich der Kreis. Unser Taschendieb wollte sich nicht weiter zur Sache äußern. Die Geldbörse konnte etwas später einem Reisenden aus dem abgefahrenen Intercity auf Gleis 14 zugeordnet werden. Das war der Zug, aus dem unser Taschendieb ausgestiegen war.
An die Gerichtsverhandlung mit Mladic kann ich mich nicht mehr erinnern.
Mladic kam aus dem ehemaligen Jugoslawien. Wir zählten ihn damals zu den „Top Ten“ der in Hamburg ansässigen Taschendiebe. Bei ihm war es der zunehmende Alkoholkonsum, der ihn weiter an den Rand der Gesellschaft hineingleiten ließ.
Kurze Zeit nach diesem Zusammentreffen verschwand er aus Hamburg.
Um die Mittagszeit wurden wir über Funk zu einem Streit auf der Ernst-Merck-Brücke gerufen, wo sich ein junges Pärchen lautstark stritt.
Das Besondere hierbei war, dass der junge Mann bereits hinter dem Brückengeländer stand und dadurch zum Ausdruck bringen wollte, dass er zu allem bereit war und das wäre der Sprung von der Brücke auf die Gleise gewesen.
Nachdem wir dort eingetroffen waren, wirkte die junge Frau sofort etwas erleichtert, obwohl der junge Mann sie immer noch lautstark anschrie.
Was für Außenstehende wie ein Streit unter jungen Leuten aussah, war mehr. Aus den Sätzen des jungen Mannes konnten wir entnehmen, dass er es nicht hinnehmen wollte, dass das Mädchen mit ihm Schluss gemacht hatte.
Es handelte sich um eine alltägliche Situation in Deutschland. Der Ort, an dem sich die Szene abspielte, führte jedoch unweigerlich dazu, dass andere mit auf die Bühne gerufen wurden.
Seinen Namen habe ich heute nicht mehr in Erinnerung. Daher nenne ich ihn jetzt einfach Thomas, was den Ablauf des weiteren Geschehens für den Leser vereinfacht. Thomas war sichtlich angespannt. Unsere Anwesenheit konnte auf ihn Wirkung gehabt haben, ebenso der Umstand, dass unser Eintreffen noch mehr Schaulustige auf die Bildfläche rief.
Je nach Situation erforderte es somit ein verhältnismäßig zügiges Einschreiten. Irgendjemand musste die Feuerwehr verständigt haben. Ihre Anwesenheit erweckte noch mehr Aufsehen. Der Druck, den Thomas durch das Übersteigen des Brückengeländers bei seiner Freundin aufbauen wollte, wirkte nun auch auf uns.
Durch Handzeichen versuchten einige uniformierte Kräfte, die Schaulustigen fernzuhalten. So hatte Thomas es sich bestimmt nicht vorgestellt, als er über das Geländer stieg. Die Situation war ihm entglitten. Thomas war überfordert, was man ihm deutlich ansehen konnte.
Zwischenzeitlich wurde der Zugverkehr eingestellt, sodass keine Züge mehr zwischen den Bahnhöfen Hamburg Hauptbahnhof und Hamburg Dammtor fuhren.
Unterhalb der Stelle, an der Thomas stand, hielten mehrere Einsatzkräfte der Feuerwehr jetzt ein aufgespanntes Sprungtuch auf, welches ständig neu positioniert werden musste, da Thomas sich hinter dem Geländer bewegte.
Mit einem Feuerwehrmann versuchte ich dann fortwährend die Bewegungsfreiheit von Thomas einzuschränken, indem wir uns ihm von zwei Seiten näherten. Er schrie zwar „Zurückbleiben“, aber Stück für Stück kamen wir ihm näher. Seiner Freundin oder ehemaligen Freundin, war es auch nicht gleichgültig, was Thomas jetzt so abspulte. Mehrmals rief sie: „Thomas, nicht.“ Jetzt war ein Zeitpunkt erreicht, an dem gehandelt werden konnte, so dachte ich.
„Komm zurück auf den Gehweg. Lass das, wir können reden.“ Aber alle Aufforderungen schienen nicht Erfolg versprechend zu sein. Wie viel Zeit besaßen wir noch? Gerade als Thomas seinen Kopf nach rechts in Richtung des Feuerwehrmannes drehte und dieser ihn ansprach, glaubte ich, dass eine Gelegenheit zum Einschreiten gekommen war. Es schien fast wie abgesprochen zwischen dem Feuerwehrmann und mir, so dachte ich später rückschauend. Ich griff zu und meine rechte Hand hielt nun Thomas am Kragen fest. Gelöst wurde dieser Griff nicht mehr, auch nicht, als Thomas sich einen Schritt vom Geländer wegbewegte.
Hierdurch wurde ich über das Geländer gezogen und fiel auf den Vorsprung neben Thomas. Und dann waren sie da, weitere Hände, die mich festhielten, Thomas packten und über das Geländer zogen.
Ich stieg sofort über das Geländer, beobachtete das weitere Geschehen und blickte Thomas hinterher, wie er von weiteren Hilfskräften in Begleitung seiner Freundin zum Rettungswagen geführt wurde. Kollegen gaben Meldungen ab. Ich stand auf dem Gehweg und hielt mich immer noch am Geländer fest, während unten auf den Gleisen gerade das Sprungtuch zusammengefaltet wurde.
Dann kam mein Vorgesetzter auf mich zu und wir gingen gemeinsam zurück zu unserer Dienststelle. Er war erleichtert, dass alles gut gegangen war. In seiner ihm innewohnenden fürsorglichen Art und im Rahmen seiner Verantwortung übte er mir gegenüber Kritik. Ich nahm das damals wortlos zur Kenntnis, obwohl ich mir im Stillen etwas Anerkennung erhoffte. Aber die Sache hätte auch anders ausgehen können. Er hatte ja das Bild noch vor Augen, als ich über das Geländer gezogen wurde und zu Boden stürzte, und das konnte er nicht einfach so ausblenden.
Auf derartige Ereignisse hatte man mich in der Polizeischule nicht vorbereitet. Und das ist in dem Beruf nichts Besonderes. Man wird ständig mit Situationen konfrontiert, die man noch nicht erlebt hatte.
In Zukunft wollte ich derartige Einsätze immer der Feuerwehr überlassen. Jedoch gab es später andere Lagen, bei denen man früher vor qualifizierteren Helfern eintraf und einfach schnell mit zupacken musste, um das Leben anderer zu erhalten oder um größeren Schaden abzuwenden.
Wenn man über bekannte Taschendiebe sprach, dann hatte man immer ein Bild und einen Namen vor Augen. Am besten konnte man sich die deutschen Täter mit geläufigen Namen merken. Bei Tätern arabischer Herkunft war es schon schwieriger. Viele nannten sich Ali, Mohamed, Karim und Mustafa, aber waren oftmals „Fake“.
Wie sollte man jedoch die Täter mit gleichlautendem Namen unterscheiden? Da musste man kreativ sein und Besonderheiten an der Person zur Namensgebung finden. Und so kamen Namen wie „Ratte“, „Marathonläufer“ und der „Lächler“ zum Tragen. Wir wussten dann immer sofort, wer gemeint war.
