Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Jet Piloten! Bilder von "Maverick" aus "Top Gun", oder von Kunstflugstaffeln wie den "Red Arrows", "Thunderbirds" oder "Frecce Tricolore" gehen uns dann durch den Kopf. Dutzende Bücher wurden darüber geschrieben und atemraubende Filme gedreht. Sie beschreiben oder zeigen den Mut, die Abgeklärtheit, die Furchtlosigkeit und den Charme dieser übermütigen "Helden" in ihren Kampfflugzeugen. Es gab auch die andere Seite der Jetpiloten. Nicht jeder Flug war ein filmreifer Luftkampf. Und diesen Alltag eines jungen Piloten beschreibt der Autor. Die Kurzgeschichten begleiten ihn vom Beginn seiner fliegerischen Ausbildung in den USA und seinem Dienst als Pilot in verschiedenen Fliegerstaffeln. Seine Anekdoten werfen ein Licht auf die kleinen täglichen Erlebnisse eines jungen Leutnants oder Hauptmanns, abseits eines glamourösen Scheinwerferlichts, über die nie geschrieben wurde. Mit achtzig persönlichen Farbfotos zeigt er das Fliegerleben der 70er und 80er Jahre hinter den "Filmkulissen".
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kurzgeschichten aus meinem Pilotenalltag in den 70er und 80er Jahren. Namen, Rufzeichen, Situationen, Begebenheiten und Orte des Geschehens wurden verändert oder sind fiktional. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
1987 vor einem Alpha Jet des „Taktischen Ausbildungskommandos in Portugal“.
Wenn du das Fliegen einmal erlebt hast, wirst du für immer auf Erden wandeln, mit deinen Augen himmelwärts gerichtet. Denn dort bist du gewesen, und dort wird es dich immer wieder hinziehen.“
Leonardo da Vinci (1452-1519)
Vorwort zu meinen Erinnerungen
Hamburger Nächte
Bananendampfer
Die Kellerbar der 2. Kompanie
Offiziersschule der Luftwaffe
Fürsty
Leutnant
Eigenschaften eines Jetpiloten
Texas
Kammerflug
Dog-Whistle
„White Beauty“ über Dallas / Texas
„The Wings“
Fighter Pilots
Gina
Soloflug mit einem Einsitzer
Tiefflugnavigation
Begegnung mit einem Starfighter
Cross-Country
Erinnerung eines Fluglehrers
Capo Frasca
Fotoflug
Survivaltraining
Möns Klint
Hypoxia
Nachtflug
Mitflug in der „Spillone“
Abschiedsflug
Der Alpha Jet
Tamila
Und immer wieder Torremolinos
Striptease im Gefechtsstand
Traditionen
Lieder, die unter die Haut gingen
Fliegerei und die Frauen
Bom Dia – Beja
„In hot“ an der Westküste
Konya
The House!, oder „Antalya'nın genelev“
Fighter Pilots Partys
Die Waffenlehrerausbildung
Vogelschlag
Cloudsurfing
Hesselberg
Blitzschlag
EDSF nach EDSF
Lottopech
Ohne Führerschein
Das war sehr knapp
JaboG 44 - gab’s das doch noch?
Kotztüte
Backseat Ride
Flug auf der Heckklappe
Flightline Party
Nachbrenner!
Dies ist ein sehr persönliches Buch. Für mich sind die nachfolgenden Geschichten Erinnerungen und Erlebnisse aus meinem Lebensabschnitt, der durch den Beruf des „Jetpiloten und Offiziers“, oder „Offizier und Jetpilot“, bestimmt war. Im Laufe meines Lebens änderte sich die Reihenfolge der Bedeutung mehrmals, aber beide Berufe waren für mich wichtig.
Höre oder sehe ich heute ein Kampfflugzeug am Himmel, dann werden einige meiner Erinnerungen wach.
“Not all pilots flying Fighters are Fighter Pilots. Some Fighter Pilots are driving Trucks.”
Ein Mensch hat in seinem Leben meistens nur einen Zeugen. Das ist die Person, die dieses Leben lebte. Er selbst.
Ich möchte meine Erinnerungen vergleichen mit einem großen Sack voll wahllos durcheinandergeworfener kürzerer oder längerer Ausschnitte aus den verschiedenen Erlebnissen. Den Lebensabschnitt, über den ich nie Tagebuch führte, und der in mir unzählige Einzelheiten aus den Erinnerungen zurückließ, dokumentierte ich durch meine eigenen Fotos.
Sie sind weder vollständige Erinnerungen, noch sind sie strikt chronologisch geordnet, sondern Momentaufnahmen aus meiner Zeit als Jetpilot der Luftwaffe.
„Frage nie einen Luftwaffenoffizier ob er Jet Pilot sei. Ist er es nicht, wird er sich kompromittiert fühlen. Ist oder war er Jet Pilot, wird er es ganz sicher von alleine erwähnen.“
1975 schrieb der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, Werner Buchstaller, in einem denkwürdigen Beitrag für das SPD-Parteiorgan „Sozialdemokratische Sicherheitspolitk“ Nr. 7/75 den Jetpiloten ins Stammbuch:
„In jüngster Zeit haben sich einige Jetpiloten zu Wort gemeldet. Was sie wollen ist schlicht: höhere Zulagen. Sie machen dabei geltend, dass ihre Zulagen seit Jahren nicht mehr gestiegen seien. Einige dieser Herren geben sich als Sprecher jener von je her verhätschelten und teilweise zu Helden hochstilisierten kleinen Gruppe von Jetpiloten der Bundeswehr aus.“
Jetpilot war und ist kein „Heldenberuf“, vielmehr ist das Fliegen von Kampfflugzeugen, Passagierflugzeugen, Transportflugzeugen, Sportflugzeugen oder Hubschrauber, vor allem Disziplin.
Fliegen ist das Einhalten der formulierten Regeln, deren Grenzen bei Kampfflugzeugen immer wieder neu auszuloten waren. Ein Auftrag wurde gelegentlich als bedeutender betrachtet, als das Papier, auf dem die Regeln gedruckt waren.
Fliegen heißt, den inneren Schweinehund zu kennen und zu bändigen. Fliegen ist Arbeit. Fliegen ist gleichzeitig auch Spaß, Kampfflugzeuge zu fliegen, ist Wettbewerb. Und ein Arbeitsleben, das vom Sekundenrhythmus bestimmt war, brauchte einen Ausgleich jenseits des Korsetts der „üblichen“ Regeln. Genau das haben wir in den 70er und 80er Jahren gesucht und gefunden, ohne jemals die Grenzen der Kameradschaft, der militärischen Sicherheit, der Flugsicherheit und des Unzumutbaren zu überschreiten. Der Dienst am Boden und in der Luft, das Vertrauensverhältnis zwischen Vorgesetzten und den Staffelpiloten, betrachte ich heute rückblickend im Kontext der damaligen Zeit.
Der „Zeitgeist“ hat sich geändert. Die „politische Korrektheit“ ist im Jahre 2021 eine andere als 1980. Das ist richtig und gut so. „Erlebtes“ bleibt uns jedoch im „Zeitgeist“ des Geschehens in Erinnerung.
Deshalb möchte ich die Leser und Leserinnen meiner Erinnerungen ausdrücklich darum bitten, meine Erinnerungen im Kontext der Zeit, in der ich sie erlebte, zu verstehen. Ich hätte einige Situationen aus meiner ersten Lebenshälfte, später, im Alter von 40, 50, 60 Jahren, sicherlich anders gehandhabt, als ich es damals im Kameradenkreis der Leutnante und Hauptleute tat. Wir waren zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahre alt. 1975 - 1990.
In der Zwischenzeit sind mehr als dreißig weitere Jahre vergangen.
Meine persönlichen Erinnerungen in der Sprache des heutigen „Zeitgeistes“ zu schildern, würde sie verfälschen, und sie gar nicht zu erzählen, würde sie nicht ungeschehen machen.
Dieses Plakat von 1972 motivierte mich, Jetpilot zu werden.
Ich hatte es geschafft. Stand ich doch vor dem Kasernentor in Hamburg Wandsbek. Gefragt hatte ich mich bisher nicht, ob das alles gründlich überlegt war, aber nun war es zu spät. Die Devise hieß vorwärts, durch das große Tor. Von dem berühmten Lied Lala Andersons, „Vor dem großem Tore......“ hatte ich noch nie gehört. Ich wuchs in einem Flecken namens Winzenhohl auf, im Vorspessart gelegen, ein bäuerliches Dorf mit weniger als 50 Häuser. Es lag in einem verschlafenen Tal, im Schatten aller Radiowellen und Nachrichten aus der weiten Welt. Jetzt hatte ich das „Tor zur Welt“ vor mir, ich müsste es nur durchschreiten, jedenfalls empfand ich es im Alter von achtzehn Jahren so.
Gehen wir nochmals einen Schritt zurück.
Mein Banknachbar in der Berufsfachschule erzählte mir von seiner neuen Eroberung und wie hübsch sie sei. Dabei kam die Aufmerksamkeit auf den Unterricht wie immer zu kurz.
„Rainer, pass´ halt auf, Du wirst es noch bereuen, Deine Sprachkenntnisse nicht zu verbessern“ ermahnte mich meine Englischlehrerin.
„Glaube ich nicht“, war meine vermeintlich logische Antwort. Denn ich war zu diesem Zeitpunkt immer noch vorgesehen, die elterliche Landwirtschaft zu übernehmen.
Dann sah ich ein Plakat der Luftwaffe, das mich faszinierte und offensichtlich auch motivierte.
Nur drei Monate später legte ich meinen Eltern meine Bewerbungsunterlagen für die Freiwilligenannahmestelle der Bundeswehr zur Unterschrift vor. Die nächsten drei Tage und Nächte sind schnell erzählt. Mein Vater hat sogleich unterschrieben. Ich wunderte mich, war er doch als freiwilliger Soldat voller Kriegserfahrungen. Mama hat drei Tage geheult, und ich habe ihr gedroht „... dann gehe ich eben zur Fremdenlegion“! Unsere Lautstärke wuchs an, gefolgt von Stille und Schweigen. Nach diesen drei Tagen hatte ich die beiden Unterschriften, schließlich war ich ja mit achtzehn Jahren 1972 noch nicht volljährig und benötigte das Einverständnis beider Elternteile.
Die Musterung in München erinnerte mich mehr an einen Jugendherbergsaufenthalt als an eine militärische Einrichtung. Zunächst ohne Ergebnis fuhr ich wieder nach Winzenhohl zurück. Ich hoffte auf eine baldige Nachricht.
Denn innerhalb weniger Wochen war mein Drang, „die Welt zu erobern“, unser Dorf hinter mir zu lassen, ständig gewachsen. Und nur kurze Zeit später hielt ich den Brief in den Händen, vor dem sich meine Klassenkameraden so fürchteten, einen Einberufungsbescheid zur Bundeswehr! Für mich war es die Erlösung, wie eine Erlaubnis zur Flucht aus unserem Tal. Keine Freunde, keine junge Dame, nicht meine Eltern, keine Geschwister, niemand hätte mich noch aufhalten können.
In einem Fiat 850, ohne Stoßstangen, mit roten Rallystreifen, die Motorhaube hinten aufgestellt, wie es bei den Autos mit Heckmotor, mit denen viele Bergrennen gefahren wurden, üblich war, fuhr ich nach Hamburg-Wandsbek.
Überrascht von der recht „zivilen“ Art an der Hauptwache, fragte ich mich zur 9. Kompanie des Ausbildungsregimentes durch. Was dann begann, war eine ganz normale Grundausbildung, ohne den oft geschilderten Stress. Haben meine Kameraden dies auch so empfunden?
Ich denke ja, denn wir waren alle „Freiwillige“. Jeder strebte eine bestimmte Verwendung an, die meisten Kameraden hatten schon eine klare Vorstellung im Kopf. Hier lernte ich die ersten Kameraden kennen, die genauso wie ich, zunächst nur die Fliegerei im Sinn hatten. Den Dienst ließen wir jetzt über uns ergehen, „die drei Monate gehen vorbei“, so dachten die meisten Kameraden.
Ich erinnere mich an unsere gemeinsame Freude, als wir unsere erste Gehaltszahlung erhielten. 685,72 DM! Was lag in Hamburg näher, als zusammen mit einigen Kameraden zur Reeperbahn zu fahren, um endlich etwas zu erleben. Vom Café Keese bis zum Eros - Center bummelten wir die Reeperbahn hinab, wie Tausende andere Besucher Tag für Tag und Nacht für Nacht.
Mein Kochgeschirr war gefüllt, mit irgendeinem Eintopf. Standardessen auf dem Schießstand.
„Ist da noch ein Plätzchen frei“, fragte ich einen Kameraden, der im Gras saß und seinen Eintopf löffelte. Eigentlich war die Frage überflüssig, aber ich wollte höflich sein.
„Setz dich“.
Wortlos aßen wir zunächst das lauwarme Mittagsmahl.
„Wo kommst Du her?“
Es war eine weitere Standardfrage, denn jeder kannte bisher nur ein paar „Neue“. Meistens die Stubenkameraden, oder die Kameraden aus der eigenen Gruppe.
„Aus Nordbayern“!
„Wo genau?“
„Kennst Du ja doch nicht!“
„Sag halt.“
„Nähe Aschaffenburg.“
„Kenn ich, wo genau?“
„Hösbach, kennst Du nicht!“
„Kenn ich doch, ich komme aus Winzenhohl!“
„Dann können wir ja zusammen nach Hause fahren.“
Schon hatten wir uns verabredet, ich solle ihn am Sonntagnachmittag bei seinen Eltern abholen.
Als seine Mutter am Sonntag die Haustür öffnete und mich sah, rief sie spontan: „Du bist ein Otter, das sehe ich sofort, denn ich bin auch eine geborene Otter“.
Ist die Welt wirklich so klein? Ich suchte doch die große weite Welt, ohne den von mir damals so empfunden Spessartmief.
Später wurde mein entfernter Verwandter, den ich gleich zu Beginn meiner Dienstzeit auf einem Schießplatz kennenlernte, Phantompilot und flog RF-4E „Phantom“ im „AG52“ in Leck.
Die drei Monate vergingen wie im Fluge. Tagsüber auf dem Kasernengelände oder auf dem Truppenübungsplatz, abends in der Kantine oder in einer der zahlreichen obskuren Kneipen Hamburgs.
Wir, d.h. alle Kameraden die Flugzeugführer werden wollten, oder für eine integrierte Verwendung, also für internationale NATO - Stäbe vorgesehen waren, erhielten nach der Grundausbildung einen Marschbefehl ins nahe gelegene Uetersen, damals hieß es noch Fluganwärterregiment, obwohl überhaupt keine Flugzeuge mehr an diesem „Grasplatz“ stationiert waren. Der Name war ein Relikt aus der Aufbauzeit der „Neuen Luftwaffe“. An der Sprachenschule der Luftwaffe absolvierten wir einen Sprachtest der englischen Sprache und wurden dann in den passenden Level des Sprachunterrichts eingeplant. Meine Englischlehrerin hatte es mir angekündigt.
Der Tagesablauf war mehr oder weniger wie folgt:
Vormittags Sprachunterricht.
Nachmittags Selbststudium.
Selbststudium bedeutete, ein bisschen lernen, Sport treiben, nach Uetersen fahren und sich gelegentlich mit jungen Damen treffen.
Nur einmal in der Woche war militärischer Dienst an einem Nachmittag angesetzt. Ich empfand den militärischen Dienst eher lustig als ernst.
Kameraden überredeten mich, wie sie, im „Café Rosengarten“ nachmittags zu kellnern. In Uetersen war es weit verbreitet, das eigene Gehalt als junger Soldat mit Nebenbeschäftigungen aufzubessern. Einige Feldwebel betrieben regelrechte Vermittlungsdienste, um Schichten für „Hilfsarbeiter“ in Hamburg zu vermitteln.
Viele Jahre später habe ich einmal von einer richterlichen Verurteilung eines Spiesses gelesen, der Nebenjobs vermittelte. Wir haben uns damals, im Alter von achtzehn Jahren, keine Gedanken darüber gemacht.
Einem Feldwebel haben wir als Gefreite nicht widersprochen, oder die Rechtmäßigkeit seines Handelns in Frage gestellt.
Um 12:30 Uhr war unser Sprachunterricht zu Ende. Jetzt hieß es, so schnell wie möglich in die Truppenküche. Vor 13:00 Uhr durfte man sich als Sprachschüler nicht erwischen lassen, denn da wollte das „Stammpersonal“ in Ruhe zu mittagessen, ohne „diese Sprachschüler“. Unsere Zeit drängte.
Öfters gingen wir, maximal zu zweit, in die Truppenküche, und guckten möglichst selbstbewusst, wie ein Soldat „vom Stammpersonal“, und nicht so scheu wie ein „neuer Sprachschüler“. Wer erwischt wurde, dem drohte als Strafe Wache zu schieben, vorzugsweise am Wochenende.
Meistens kamen wir mit unserer Masche durch.
„Essen reinhauen“, auf die Stube, umziehen, ab ins Auto und raus aus der Kaserne. Normalerweise bestand die Mannschaft aus zwei oder drei Kameraden, häufig die eigenen Stubenkameraden. Von Uetersen fuhren wir über Pinneberg nach Hamburg in den Freihafen. Einen Zettel mit der Liegeplatznummer des Dampfers hatte uns der Spieß der Stabskompanie mitgegeben. Der vermittelte uns zu irgendeinem Reeder, als Arbeitskräfte. Um 14:00 Uhr begann, so meine Erinnerung, die zweite Schicht. Sechs Stunden hievten wir Bananenkisten auf ein Förderband. Unfassbar, wie viele Bananenkisten in den Rumpf eines kleinen Frachters passten. Um 21:00 Uhr begann die dritte Schicht. Gelegentlich arbeiteten wir zwei Schichten hintereinander, bis morgens um 03:00 Uhr. Um 05:00 Uhr waren wir wieder in der Kaserne, rechtzeitig zum Duschen und Frühstücken, um 08:00 Uhr begann der Sprachunterricht. Am Nachmittag wurde dann der fehlende Schlaf nachgeholt. So besserten einige Kameraden ihr Gehalt auf, und ich gehörte ebenso dazu.
Manchmal hatten wir sogar Glück. Dann hatte ein Frachter nur Stückgut geladen, aus Taiwan oder Malaysia. Dann mussten die Hilfsarbeiter wie wir nur ein Seil um die großen Kisten legen und dem Kranführer ein Zeichen geben. Wenn gelegentlich eine Kiste herunterfiel und aufplatzte, dann wurde die Ware verteilt, unter den Schauermänner, und mitunter bekamen die „Bananensöldnern“ etwas in die Hand gedrückt. Eines Tages platzte wieder eine Kiste auf und herausfielen lauter „Hemden“. Einige Kameraden meinten, sie könnten diese Hemden doch gut gebrauchen. In der Kaserne stellten sie erschreckend fest, es waren alles Damenblusen, Größe 38. Der Spieß hätte gesagt: „Alles Anmachgeschenke für ihre Bastelfreundinnen.“ Das war sein liebster Spruch, der mir in Erinnerung blieb.
Bananen mochten die Kameraden irgendwann nicht mehr sehen, denn es lagen immer ganze Bananenstauden in unserer Unterkunft auf dem Fensterbrett, von den Kameraden aus der Nachtschicht mitgebracht.
Drei Möglichkeiten gab es in Fluganwärterregiment in Uetersen, vor dem Verschwinden in der Koje einen „Gute Nacht Trunk“ zu nehmen. Zunächst in der Kantine, an die ich mich nicht mehr zurückerinnern kann, außer wo sie lag, auf dem Weg zur Sanitätsstaffel auf der linken Seite. Eindrucksvoll war sie, wie es schien, nicht, denn es ist mir keine Begebenheit in der Erinnerung geblieben.
Die zweite Möglichkeit war das Unteroffiziersheim. Da hatten wir aber erst Zutritt nach einem erfolgreich absolvierten Unteroffiziers- oder Fahnenjunkerlehrgang. Im „UffzHeim“ war zwar öfters der Teufel los, wurde berichtet, jedoch gab es eine Menge älterer Unteroffiziersdienstgrade, die ebenso die Sprachenschule besuchten, uns „kleine Jungs“ aber nicht als Kameraden um sich haben wollten. Um jedem Ärger aus dem Wege zu gehen, ließen wir uns im Unteroffiziersheim nicht zu oft sehen. Die dritte Option war die Kellerbar der 2. Kompanie. Die 2. Kompanie verfügte über mehrere Unterkunftsgebäude, alle um den Exerzierplatz gelegen. Die Bar befand sich im Keller meines Wohnblocks. Was bot sich idealer an, als vor dem Zubettgehen, mal schnell in die Kellerbar, um einen letzten Drink zu nehmen. Hinzu kam, dass nicht wenige junge Damen in Uetersen die Kellerbar kannten und genau wussten, wie sie in die Kaserne kamen und dies auch geduldet wurde.
Eine Erinnerung ist mir bis heute besonders präsent.
An einem Freitag so gegen 14:00 Uhr.
Stubendurchgang!
Diese Stubendurchgänge erinnerten an die Visiten in einem Krankenhaus. Auch in der Stube von uns jungen Soldaten in Uetersen, wurde am Bett entschieden, ob man am Wochenende nach Hause durfte, oder nicht. „Die Visite“ bestand meistens aus dem Spieß und dem UvD. Das war die einfache Version. Dann gab es gelegentlich zwar wieder „dummes Gebrülle“, aber das konnten wir alle ertragen. Begleitete der Kompaniechef persönlich durch die Stuben, so war dies des Öfteren eine ausgesprochen heikle Situation.
Sobald der Chef dabei war, liefen subalterne Offiziere und Unteroffiziere, wie Zugführer, Spieß oder UvD, zu ihrer Höchstform auf. Dann hatten sie die Gelegenheit, ihrem Kompaniechef direkt zu beweisen, wie „soldatisch“ sie ihre Untergebenen im Griff hatten.
Es war wieder Freitag!
Alle waren am wienern und putzen, aufräumen und verstauen, packen, schließlich fuhren 90 Prozent aller Soldaten am Wochenende nach Hause.
Ich schaute kurz in die Bude gegenüber, um nachzufragen, wer den Stubendurchgang durchführen würde. Vermutlich nur der Spieß, war die Auskunft. Das bedeutete weniger Stress.
Alle Stubenbewohner mussten zu diesem Stubendurchgang auf der Bude anwesend sein, ein Stubenkamerad meldete dem ranghöchsten Dienstgrad die Soldaten bereit für die Inaugenscheinnahme.
Wir hörten, wie eine Stubentür geöffnet wurde , zwei Minuten Ruhe, Türe zu...... Türe auf..... zwei Minute Ruhe..... eine Minute Gebrüll..... Türe zu.....Türe auf ...... Wir vernahmen die „Visite“ näherkommen.
Unsere Türe wurde aufgerissen und die „Visite“ begann. Ohne Ankündigung mit dem Kompaniechef!
„Herr Oberleutnant, Gefreiter Otter meldet die Stube mit drei Mann zum Stubendurchgang angetreten“!
Oh, Oh, Oh, die Mienen sahen finster aus. Der Spieß schaute sich zunächst den Raum oberflächlich an, dann entdeckte er zwei leere Bierflaschen in der Ecke.
„Was soll der Mist“, fing er an zu meckern, „ist ein Saustall hier“.
Der Chef sah trist aus, hatten wir ihn ja letzte Nacht doch noch heiter in der Kellerbar erlebt.
„Spinde auf“, befiehl der Spieß.
Der Stubenkamerad öffnete die Türen seines Spindes, und der Chef blickte auf die Fotos der Freundin meines Kameraden, die an der Innenseite der Spindtüre klebten.
„Die kenne ich doch“, stellte der Kompaniechef fest.
„Jawoll, das ist das Mädchen mit dem Sie letzte Nacht in der Kellerbar auf dem Tisch getanzt haben, Herr Oberleutnant“, antwortete mein Kamerad.
„Die Stube ist in Ordnung“, stellte der Chef fest und verließ unsere Unterkunft. Der Spieß trollte wie eine Stationsschwester hinter ihm her und sagte nur: „Glück gehabt, ihr Schweinepriester“.
Ideal waren die Unterkünfte an den Wochenenden. Für den, der am Standort bleiben musste, weil er zum Wachdienst eingeteilt war, oder kein Geld für die Fahrt nach Hause hatte. Dann war es nicht selten, dass Mädchen nicht nur für ein paar Stunden, im Kofferraum in die Kaserne geschmuggelt wurden, sondern auch um die Nacht zu verbringen. Die Damen wurden im Kofferraum in die Kaserne mitgenommen, damit sie keinen Besucherausweis benötigten. Sonst hätte der Offizier vom Wachdienst spätestens gegen Mitternacht die jungen Frauen wieder aus der Kaserne gejagt. Ohne Besucherausweis wurde das umgangen. So kam es durchaus vor, dass am Samstagmorgen die Dusche gemischt besetzt war. Für genierliche Mädchen stand der „Gentlemen“ dann vor der Duschtür Wache, um die „Bastelfreundin“, wie die jungen Damen von unserem Spieß fortwährend bezeichnet wurden, ungestört duschen zu lassen.
An einem Mittwochnachmittag.
Die gesamte Kompanie war vor dem Kompaniegebäude zur Parole angetreten. Dieses Ereignis gönnte sich der Spieß immer, wenn mittwochs Kompaniedienst angeordnet war.
Noch war ich neu und kannte die Gewohnheiten oder besser gesagt, „sonderbaren Gepflogenheiten“ der 2. Kompanie, nicht.
Schließlich hatte ich gerade erst meine Grundausbildung hinter mich gebracht.
Vor der Kompanie stand der Oberleutnant R.1 mit Jagdhund.
„Kompanie stillgestanden“!
„Richt Euch“!
„Zur Meldung an den Kompaniechef die Augen links“!
Der Oberleutnant R. meldete dem Kompaniechef die Kompanie angetreten.
Es folgte die übliche Ansprache des Chefs.
„Oberleutnant, übernehmen Sie die Kompanie zur Schießausbildung“.
Der Oberleutnant übernahm die Kompanie, ließ sie rechts um machen, und in Kompanieformation zum Schießplatz marschieren.
Wir verließen den Unterkunftsbereich der Kaserne und marschierten über den Flugplatz Uetersen zur Standortschießanlage. Unerfahren wie ich war, den Kopf noch voll der „Schweinereien der Gefechtsausbildung“ in der Grundausbildung, erwartete ich jede Menge sogenannter „Einlagen“.
Wir hatten das offene Flugplatzgelände verlassen und marschierten auf einem staubigen Waldweg. Die Bäume und das Gebüsch standen dicht bis an den Weg heran.
Abrupt sprang mein Vordermann mit einem Satz in die Büsche.
„Musste Tiefliegeralarm sein“, schoss es mir durch den Kopf. Mein Hintermann raunte mir zu: „Schließ´ auf“!
Ich schloss in die entstandene Lücke auf. Da sprang der nächste Soldat ins Gebüsch.
„Mach bloß´ nichts verkehrt“, dachte ich mir!
Beim nächsten „Tieffliegeralarm“ springst du mit. Es dauerte nicht sonderlich lange, höchstens eine Minute. Da sprang wieder ein Soldat zwei Reihen vor mir.
Die Kompanie marschierte weiter, die Lücken wurden automatisch wieder geschlossen.
Als die Kompanie schon bald 100 Meter entfernt war, fragte ich den Kameraden neben mir:
„Was machen wir eigentlich für eine Übung?“
„Bist Du naiv“ schaute er mich fragend an?
„Die Kameraden warten bis die Kompanie außer Sichtweite ist, und gehen dann zurück“.
„Wohin zurück“?
„Zurück in die Kaserne und dann zum Baggersee“.
„Schau dir mal das schöne Wetter an, ist doch kein Wetter zum Schießen“.
„Musst wohl noch viel lernen, Jungspund“ erwiderte er mir.
1 Wir flogen später in den gleichen Geschwadern.
39. Offizierslehrgang
4. Januar 1974. Gegen Mittag kam ich in Neubiberg an. Mein Fiat 850 war bis unters Dach vollgepackt. Das ganzes Hab und Gut in einem Auto. Die militärische Ausrüstung, die den meisten Platz beanspruchte, Zivilkleider, Kofferradio, Bücher, mehr war es nicht. Mit diesem „Hausrat“ zog ich jetzt in meine neue Unterkunft ein.
Ich studierte gerade das „Schwarze Brett“, da rief mir jemand von hinten zu:
„Hey, Rainer was machst denn Du hier“,
es war ein Kamerad aus der Grundausbildung, Ralf.
Riesig habe ich mich gefreut, ihn hier wieder zu treffen. Nachdem wir feststellten, die nächsten neun Monate sogar im gleichen Hörsaal zu verbringen, bemühten wir uns um eine „gemeinsame“ Unterkunft. Das heißt, Ralf zog bei mir ein.
Die ersten Wochen an der Offiziersschule waren eine Mischung aus Hektik, Herausforderung aber auch militärischer Drill.
Drei Monate später, die Einarbeitungszeit war vorüber, herrschte bereits eine gewisse Routine. Bei einigen Kameraden kam der Mut auf, doch mal was anderes als „nur“ Offiziersanwärter zu sein. An der Offiziersschule waren die meisten Nachmittage dem Selbststudium vorbehalten. Da bot sich dann die Gelegenheit, in den Sommermonaten, das „Selbststudium“ in ein Bistro in Schwabing, oder an die Isar zu verlegen.
Beliebter Treff war ebenso der Biergarten der Versuchsbrauerei in Unterhaching.
Die Offiziere der Ausbildungsinspektion, namentlich der Inspektionschef, ein Major, ließ sich des Öfteren Motivationswettbewerbe für uns einfallen. An einen Wettbewerb erinnere ich mich besonders.
Der Major hatte uns in seiner „Parolenansprache“ an einem Freitag den neuen „Wettbewerb“ mitgeteilt, dem wir uns alle zu stellen hatten. Er trug den vortrefflichen Titel: „Die schönste Bude“.
Alle Offiziersschüler der 9. Inspektion waren aufgefordert, ihre Unterkunft „schön“ zu gestalten. Was immer „schön“ auch bedeutete. In den folgenden Tagen wurden dann in den Selbststudiumszeiten Möbel gerückt (Betten, Spinde, Schreibtische, Aktenordner je einmal pro Stubenkamerad), Wände dekoriert, Blumentöpfe aufgestellt. Der Kreativität waren zunächst keine Grenzen gesetzt.
Unsere „Bude“ war recht klein, kleiner als die meisten anderen Stuben. Wir mussten versuchen, durch eine optimale Raumausnutzung ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit und eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Die Schreibtische wurden an die Wand gerückt, die Betten zusammengeschoben, damit Platz gewonnen wurde, die Aktenböcke als Nachttische umfunktioniert, die Bücher in ein mitgebrachtes Bücherregal sortiert. Wir brauchten Dekorationsmaterial für die Wände. Der Wandschmuck sollte ein bisschen originell sein, aber ebenso „schön“ anzuschauen sein. Ralf fuhr an einem Nachmittag nach Schwabing, in ein Postershop. Er kauften uns zwei Poster von attraktiven Mädchen am Strand, unter Palmen, ein Modell in einer Hängematte. Ralf meinte, unsere Bude dürfte weder nach einem Bundeswehrdepot und auch nicht nach einem Schrebergartenhäuschen aussehen. Zwei Wochen später war dann der Stubendurchgang angesetzt, mit gleichzeitiger Prämiierung der „schönsten Bude“.
Selbstverständlich wurde die „Visite“ vom Inspektionschef angeführt, im Gefolge alle vier Hörsaalleiter, und wie immer der „Spieß“.
Ein kurzes Anklopfen, die Türe ging auf, auf ein „Herein“ wartete kein Vorgesetzter, nur Untergebene, und der Inspektionschef mit der ganzen Korona stand in unserer Stube.
„Fahnenjunker Otter meldet die Stube mit zwei Mann belegt, zum Stubendurchgang.
Stube gereinigt, gelüftet und zur Abnahme bereit“.
„Rühren!“, erwiderte der Inspektionschef.
Mit den Händen auf dem Rücken schritt er durch unsere Bude. An der Stubentüre wartete sein Gefolge. Er schaute auf die Schreibtische, dann auf die Betten, er musterte die Wände, die linke Wand zuerst, dann die Wand hinter den Betten, danach drehten sich alle Köpfe nach rechts, die Wand hinter den Schreibtischen, alle Köpfe wieder nach links, dann zu meinem Stubenkameraden, danach zu mir, zurück zu meinem Stubenkameraden. Der Chef drehte sich zu seinen Hörsaalleiter um, musterte den Spieß, schweigend, seinen Blick wieder zurück zu Ralf. Unser Inspektionschef hatte in der Zwischenzeit Farbe bekommen. Es sah nach einem Unheil aus.
Die Adern an seinem Hals und seiner Schläfe schwollen an, die Mundwinkel zuckten, die Augen wurden kleiner, wie Schweinsaugen. Da spürte ich eine „schweinische Kälte“ über uns hereinbrechen.
„Das ist nicht die Stube von Offiziersanwärter!“, brüllte er.
Unglaublich ist das, Sodom und Gomorra.
„Noch nie hat es in einer Kaserne ein Doppelbett gegeben“, plärrte er weiter.
„Diese nackten Frauen kommen von der Wand!“
„Warum“ fragte mein Kamerad?
Diese Frage hatte der Chef überhört, ob bewusst oder unbewusst, ich vermochte es nicht zu erkennen.
„Was fällt Ihnen ein“, fuhr er fort.
Zustimmendes Gemurmel vom Gefolge.
„Fähnrich, Sie melden sich um 14:00 Uhr bei mir“.
„Jawoll, Herr Major“, erwiderte mein Kamerad.
„Herr Major, soll ich mich auch bei Ihnen melden“, fragte ich, vermutlich klang ich fast demütig?
„Nein.“
„Dann nicht.“
Der Chef verließ als Erster unsere „Bude“, in einem Tempo, als sei er auf der Flucht. Das Gefolge der Offiziere hinterher und zum Schluss der Spieß.
„Was will denn das Arschloch“, fragte mich mein Kamerad, nachdem die Türe geschlossen war und wir wieder alleine an unseren Schreibtischen saßen.
„Keine Ahnung was er von Dir will, aber unsere Poster an der Wand, unser Doppelbett, das uns mehr Platz lässt, gefällt ihm offensichtlich nicht“!
„Kulturbanause, Betonkopf.....“.
Erst einige Zeit später wurde mir bewusst, warum der „Alte“ so reagieren musste. Er konnte nicht anders, er war durch und durch Soldat.
Mein Stubengenosse kam am Nachmittag vom Chef zurück.
„Der spinnt total, das lasse ich mir nicht gefallen .....so ein Rindviech“, so ging es eine ganze Weile weiter, bis sich mein Kamerad letztlich wieder gefangen hatte.
„Was wollte er denn“, fragte ich endlich.
„Ein Offiziersanwärter hängt sich keine nackten Frauen übers Bett“.
„Ein Offizier der sich so verhält sei asozial“, sagte er zu mir.
„Das kann der doch mit mir nicht machen!“
„Beruhige Dich, das hat er schon bald wieder vergessen“, versuchte ich Ralf zu besänftigen.
Aber er wäre nicht Ralf gewesen, wenn er die Situation so hingenommen hätte.
Am folgenden Montag kam ich in unsere Stube zurück, da entfernte mein Stubenkamerad die Poster von der Wand.
„Spinnst Du“ sagte ich zu ihm, „die habe ich auch bezahlt, die bleiben an der Wand hängen“.
„Sie kommen ja wieder an die Wand“.
„Mit denen gehe ich zum Kommandeur“.
„Habe mich schon angemeldet.“
Meine Gedanken waren, „mutig der Ralf, hoffentlich wird das kein Bumerang“.
Ralf rollte die Poster zu einer Rolle zusammen und trollte in Richtung Lehrgruppenkommandeur, Oberst H..
Nach 30 Minuten war Ralf zurück.
„So, die Poster mit den Glamourgirls kommen wieder an die Wand“, stellte er fest.
„Dem Oberst habe ich erzählt, daß ich mit der Tochter eines Oberstleutnants verlobt bin“, was fast stimmte, er ging regelmäßig mir ihr in die Disko, meistens ins „Yellow Submarine in Schwabing“.
„Und den Vorwurf des „asozialen Verhaltens“ das müsste dann auch für meine Verlobte, eine Offizierstochter, und ihren Vater, einen Oberstleutnant beim BND, gelten.“
Das nahm kein Oberst der alten Garde so hin.
Vermutlich gab es einen Rüffel für den Inspektionschef, Ralf
Hörsaal „D“ fertig zum Theaterbesuch.
hatte von diesem Tag an einen „Stein im Brett“ des Lehrgruppenkommandeurs, die Poster hingen wieder an der Wand, bis zu unserem erfolgreichen Abschluss der Offiziersschule. Scheinbar war der Oberst von den adretten Damen mehr angetan, als der Major, der ja seinen militärischen Erziehungsauftrag ernst nahm. Unsere Betten schoben wir gleich wieder auseinander.
Warum die Ausschmückung unserer Unterkunft nur meinem Kameraden und nicht auch mir angelastet wurde, habe ich nie verstanden.
Ralf hat mir das jedoch nie übel genommen.
Die legendäre Ausbildungseinrichtung, als „Wiege der deutschen Luftwaffe“ bezeichnet, war für uns das Synonym für „den Beginn der militärischen Fliegerei“. Es war der Anfang unseres Fliegerlebens, von dem alle jungen Offiziere, mit denen ich zusammen die fliegerische Ausbildung begann, träumten. Wir hörten endlich der Jet-Lärm eines Flugplatzes. Es war plötzlich noch mehr Leben im Alltag. Der Fliegerei voraus ging die Theorie mit den sogenannten „Acedamics“. Das hieß, büffeln, büffeln, büffeln.
Heuer Fliegeruhr.
Die neuen Schwerpunkte waren jetzt nicht mehr, Menschenführung, Politische Wissenschaften, Innere Führung, Luftkriegsführung. Die Fächer hießen, um nur einige zu nennen, Flugzeugtechnik , Navigation, Instrumenten- kunde, Luftrecht, Notverfahren. Aber das Beeindruckendst e war nicht der Inhalt der neuen Themen, sondern „die Fliegerkombi“! Schon beim Empfang der Flieger- sonder- bekleidung, der orangefarbenen Fliegerkombis, graue Fliegerlederjacke, Fliegerhandschuhe, Pumamesser, Fliegersonnenbrille, Fliegeruhr, feuerfeste Fliegerunterwäsche, gelben seidenen Fliegerschal und Fliegerstiefel.
Puma Messer
Die Fliegerkombis waren damals orangerot, man signalisierte – „Achtung Fliegendes Personal“. Die Unterscheidung von den „Fußgängern“ war schlussendlich vollzogen. Es waren zwar tagsüber, zum Eindruck schinden, keine jungen Frauen in der Kaserne, aber diese Wandlung, vom „Fußgänger“ zum „Flugzeugführeranwärter“, vollzog sich nicht nur sichtbar durch das »leuchtende Orange« der Fliegerkombi, sondern auch in unserer Selbstwahrnehmung. Und so mancher junge Leutnant war nicht wiederzuerkennen. Welch ein herrliches Gefühl, morgens die Fliegerkombi anzuziehen, das Pumamesser in der rechten Beintasche zu verstauen, mit einem Gummiband, „dem Straps“, an das Bein fixiert, Lederjacke drüber und dann in das Stabsgebäude zum Frühstück. Denn, da traf man morgens die jungen Flugzeugführeranwärter beim Kaffee.
Mehrere Wochen dauerte dieses „Vorspiel“, vormittags Unterricht, nachmittags Selbststudium, und immer wieder den Gang an den Zaun zum Flugfeld, denn dahinter standen Flugzeuge. Piaggios 149D, G.91 „Ginas“, T-33, und 1974 auch noch die „alte Nora“. Hinzu kamen die fremden Flugzeuge, sogenannte Gastmaschinen, die nicht zur Waffenschule 50 gehörten. F-104 Starfighter, F-4 F / RF-4E Phantoms, Mirages und viele weitere Flugzeugtypen.
Bis zum großen Ziel hieß es aber weiterhin Theorie büffeln. Stumpfsinnig empfanden wir den Morseunterricht. Das Morsealphabet auswendig zu lernen war nur die eine Seite, schwieriger war es, den Morsecode mitzuschreiben. Die Eselsbrücken gaben uns unsere Lehrer gleich mit:
Es war ein strahlender, warmer Spätherbsttag. Der 14. November 1974. Zwei Tage waren wir schon auf der sogenannten „Flightline“, dem aktiven Flugfeld. „Procedures, Notverfahren, Anlaßverfahren, Preflightchecks“, damit füllten wir die Tage. Immer wieder fragten wir uns zu den gelernten „Procedures“ und den Notverfahren gegenseitig ab. Nebenbei verliehen wir unserem neuen „Flightraum“ eine persönliche Note. Diesmal, anders als an der Offiziersschule, ohne Wettbewerb. Asterix und Obelix, Hinkelsteine und Miraculix wurden an die Wand gemalt. Die Asterixgeschichten waren in dieser Zeit „en vogue“. Unsere „Künstler“ konnten wir nicht gar nicht mehr bremsen.
Bepackt mit Fallschirm und Kopfhörer schritt ich neben meinem Fluglehrer, Oberleutnant K., zu meinem ersten Flug. Die Aufregung steckte mir in allen Knochen. Mein Fluglehrer ging zielstrebig über die „Flightline“. Alle zum Flugdienst vorgesehenen Piaggios 149D standen in Reihe vor der Ausbildungshalle. Dem „Zulu-Hanger“.
Tief durchatmen, noch zehn Meter bis zur 91+56, „hoffentlich ist sie startklar“. An einer anderen Piaggio übten Kameraden, die auf eine Einteilung zu ihrem ersten Flug warteten, den „Preflight Check“ und nutzten die „Cockpit Time“, um sich mit der Maschine am Boden vertraut zu machen.
Selbstbewusst stieg ich auf die linke Tragfläche und öffnete die Flugzeughaube, so wie wir es vorher geübt hatte. Den Fallschirm legte ich auf den Sitz, den Kopfhörer ebenso. So hatten wir es während der „Familiarization“, der Einweisungsphase, eingebläut bekommen.
Jetzt die ersten Checks:
Prüfen ob die Handbremse gezogen war, und den „Walk around“ durchführen. Prüfen ob alle Wartungsklappen geschlossen waren, die Reifen ausreichend Profil hatten, der Reifen auf der Felge nicht verrutscht wart, dafür gab es eine Markierung am Reifen und der Felge, diese mussten übereinstimmen. Der Propeller musste sich mit der Hand drehen lassen, schauen dass keine äußeren Beschädigungen am Flugzeug erkennbar waren, der Ölstand ausreichend war.
Die „Düsenjägerpiloten“ nannten den „Walk around“salopp „Kick the tire, light the fire“. Aber das kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Mein Oberleutnant und Fluglehrer machte
Piaggio 149-D
einen emotionslosen Eindruck, so, als habe er eigentlich Feierabend und keine Lust auf diesen Flug. Ein Flugzeugwart half mir und meinem Fluglehrer beim Anlegen der Gurte.
„Benzinhahn auf, Zündung einstellen, Parkbremse gesetzt, Klappen auf halb, Gashebel auf Start, Zündknopf drücken und der Propeller drehte“. Der Propellerwind rauschte jetzt um unser Cockpit, unsere Haare flogen im Luftstrom.
Der Oberleutnant schaltete das Funkgerät an, und meldete sich beim Tower.
„Fürsty Tower, Rainbow, Guten Morgen, taxi“.
„Rainbow, taxi Rwy 09 right, 1025 Mb“.
„So“, meinte mein Fluglehrer, der jetzt scheinbar zum Leben erwacht war:
„Pack´n wir’s“.
„Sie fühlen am Gashebel und am Knüppel mit, wie es sich anfühlt“. Die Ruderpedale, mit denen am Boden das Bugrad gesteuert und das Hauptfahrwerk gebremst wird, durfte ich betätigen.
„Nach links und nach rechts schauen“, damit ich nicht die anderen geparkten Flugzeuge rammte. Gas gab mein Fluglehrer, ich fühlte mit.
Wir rollten zum Startpunkt der Startbahn 09.
„Landeklappen überprüfen, Trimmung einstellen, in die Fußbremse treten.“
Mein Fluglehrer schob den Gashebel ganz nach vorne, die Maschine fing an zu vibrieren, diese Vibrationen ging mir durch den ganzen Körper.
„Zylinderkopftemperatur max. 245° C“,
„Öldruck OK“,
„Drehzahl 3400 RPM“
„Bremsen los“.
Der Propeller bohrte sich in die Luft und zog uns nach vorne. Zuerst langsam, dann immer schneller. Das Flugzeug wollte ausbrechen, ins Ruder reintreten, natürlich war die Korrektur zu groß, Gegenruder, wieder zu viel - Gott sei Dank trat mein Fluglehrer mit deutlich mehr Kraft in die Pedale, gegen diese Füße kamen meine zaghaften Fußbewegungen überhaupt nicht an.
Ich spürte, wie mein Fluglehrer den Steuerknüppel nach hinten zog, ich blickte auf die Geschwindigkeitsanzeige, sah 70 Knoten, sicher war ich mir aber nicht, da flogen wir bereits.
Die Vibration war einem Grummeln gewichen, mein Fluglehrer fuhr das Fahrwerk ein. Das Jaulen des Fahrwerkmotors erschreckte mich, mit einem lauten „Beng“ rastete das Fahrwerk ein.
Wir flogen zunächst geradeaus, bis wir eine Höhe von 500 Fuß über Grund erreicht hatten, 2300 Fuß auf dem Höhenmesser.
Unter uns zogen, zuerst die Startbahn, dann die Wiesen und Felder, dahin. Die Luft wurde ruhiger, die Piaggio immer zahmer, je höher wir steigen. Das war mein erster Start auf einem Pilotensitz, der Traum vom Fliegen konnte jetzt Realität zu werden.
„Drehzahl 2750 RPM“,
„120 - 130 Knoten“,
„Level at 3300 Fuß“.
Wir kurvten nach Südwesten, auf die Nordspitze des Ammersees zu.
In den nächsten fünfundvierzig Minuten durfte ich die ersten Flugbewegungen üben.
„You have it, I have it.“
