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Caja glaubt, in Mike den Mann gefunden zu haben, mit dem sie eine Familie gründen kann. Die Odyssee beginnt. Nach 13 Jahren häuslicher Gewalt schafft Caja den Absprung und trennt sich von Mike. Doch das vermeintliche Ende ist erst ein Anfang: Trenn dich ruhig. Ich mache dich fertig, ich nehme dir alles, ich nehme dir die Kinder! Die häusliche Gewalt ist vorbei, doch die Trennungsgewalt an Cajas verwundbarster Stelle, ihren beiden Töchtern Lina und Ella, beginnt. Roman nach einer wahren Geschichte.
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für Lina und Ella Die stärksten Mädchen der Welt
Für Mats Für meine FreundinnenDanke
Heirate mich – Dann lieb ich dich – Nicht
Eltern – Das ewig verbindende Band
Trenn dich!
Trennung oder Kampf ums Überleben
Nicht ohne meine Töchter
Epilog
Danksagungen
Ich liege auf dem Boden, mein Freund Mike hat sich breit und schwer über mich gebeugt. Mit beiden Händen schnürt er mir die Kehle zu. Gleich ist es vorbei, schießt es mir durch den Kopf. Mit der rechten Hand taste ich im Radius meines Armes, um irgendetwas zu finden, das ich greifen kann. Ich halte das schnurlose Telefon in der Hand und werfe es hinter mich, so kräftig ich kann. Das Telefon fliegt gegen die Wand, der Akku fällt scheppernd heraus. Durch das Geräusch erschreckt, hält Mike inne, seine Hände lockern sich. Ich kann Luft holen und schreie um Hilfe.
Im gleichen Moment klingelt es an der Tür und ich höre die Polizei rufen und gegen die Tür klopfen. Offenbar waren die Nachbarn bereits durch Mikes lautes Gebrüll aufmerksam geworden und hatten die Polizei verständigt. Mike lässt von mir ab, steht auf und läuft wutentbrannt zur Tür. Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, stehen im Hausflur. Der männliche Polizist bittet Mike um seinen Ausweis, die weibliche Polizistin gibt mir ein Zeichen, dass ich in den Hausflur zu ihr kommen soll. Ich habe Angst. Mike tobt, er empfindet es anmaßend, dass die Polizisten seinen Ausweis sehen möchten und beginnt eine Diskussion mit dem Polizisten. Die Polizistin fragt mich, ob alles in Ordnung sei, ob Mike mich angegriffen habe. Ich verneine, ich sage, dass alles gut sei, Mike nur etwas zu viel getrunken habe, wir jetzt ins Bett gehen und ich in Mikes Wohnung bleiben möchte.
Anstatt mich zu schützen, schütze ich Mike, weil ich peinlich berührt bin von dieser Situation und mir nur wünsche, dass sie schnell vorbei ist. Die Polizisten nehmen Mikes Daten auf und verabschieden sich.
Zu diesem Zeitpunkt haben Mike und ich gerade unseren ersten gemeinsamen Mietvertrag unterschrieben. Unsere Beziehung ist ein halbes Jahr alt, meine Studentenwohnung 350 Kilometer südlich meiner Heimatstadt gekündigt und unser Umzug steht in wenigen Wochen bevor.
Ich kann nicht damit umgehen, was passiert ist. Ich fühle, dass es nicht richtig ist, mit diesem Mann zusammenzuziehen. Ich bin verzweifelt und traurig und sehe keine Lösung, weil es mir unmöglich erscheint, den unterschriebenen Mietvertrag rückgängig zu machen und meiner Familie und meinen Freunden zu sagen, dass ich mich getrennt habe und ohne Wohnung dastehe. Ich will diesen Vorfall ungeschehen machen, will nicht mehr darüber nachdenken, alles soll wie vorher sein. Ich hatte doch gerade meine Zukunft geplant: Ich stehe in den letzten Zügen meines Studiums. Um möglichst schnell mit Mike in einer Stadt zu wohnen, habe ich mich entschieden, meine Diplomarbeit in meiner und seiner Heimatstadt zu schreiben und für die anstehenden Diplom-Prüfungen noch einmal in meine Studentenstadt zu pendeln. Ich habe eine Arbeitsstelle gefunden auf einem Gebiet, das mich schon lange interessiert. Und nun haben wir eine traumhafte Wohnung mit vier Zimmern in unserem Wunsch-Stadtteil gefunden. Alles ist perfekt. Das darf keine Seifenblase sein! Ich möchte an diesem Traum festhalten und habe das Gefühl, nicht mehr wenden zu können.
Die Tür fällt ins Schloss, Mike tobt weiter: „Alles nur wegen dir!“ Wutentbrannt stapft er ins Schlafzimmer und legt sich ins Bett. Ich gehe hinterher, entschuldige mich bei ihm und schmiege mich an seinen Körper.
Noch wenige Monate zuvor hätte ich niemals geahnt, dass ich mich einmal in einer solchen Situation widerfinde. Mike und ich kannten uns schon lange und das vermittelte mir ein Gefühl von Vertrauen. Kennengelernt haben Mike und ich uns in der Schule. Wir kannten uns vom Sehen, wussten, wie wir heißen, mehr nicht. Wir hatten uns seit dem Abi nicht mehr gesehen, als wir uns an einem Wochenende im September in einer Disco in unserer Heimatstadt zufällig über den Weg liefen. Wir unterhielten uns locker und feierten gemeinsam mit anderen Bekannten die ganze Nacht durch. Am Ende des Abends tauschten wir Telefonnummern aus. So kamen wir wieder in Kontakt. Schrieben uns, telefonierten ab und zu, und wenn ich zu Besuch in unserer Heimatstadt war, trafen wir uns.
Es vergingen drei Monate, in welchen nicht ganz klar war, was aus uns werden würde. Mike war ambivalent, er gab sich nicht besonders viel Mühe, eine Beziehung mit 350 km Distanz zwischen uns am Leben zu erhalten. Ich war diejenige, die den Kontakt aufrecht erhalten musste. Das ablehnende Verhalten von Mike ließ mich scheinbar immer sicherer werden, dass ich eine Beziehung mit Mike führen wollte.
Unbewusst war ich zu dieser Zeit auf der Suche nach einem Zuhause, einer festen Bindung und wollte eine Familie gründen. Mike schien mir da ein geeigneter Partner zu sein, immerhin übernahm er bereits Verantwortung für seinen Hund Billie und konnte sich in Beziehungen so fest binden, dass für ihn gemeinsames Wohnen vorstellbar war. Auch ich habe einen Hund, meine Hündin Lena. Die Hunde waren eine Schnittstelle zwischen uns und ich war froh, jemanden gefunden zu haben, der mich zusammen mit Lena akzeptierte und meine Liebe zu Hunden teilte.
Die Trennung von seiner Ex-Freundin lag erst wenige Wochen zurück, als wir uns kennenlernten. Billie war der gemeinsame Hund von Mike und seiner Ex-Freundin. Sie hatten gegenseitig Schlüssel für ihre Wohnungen, in welche sie jeweils nach der Trennung gezogen waren, übernahmen die Verantwortung für Billie gemeinsam, sprachen sich ab, es wirkte alles ganz verantwortungsvoll.
Allerdings ändert sich das schnell, denn nur wenige Wochen nach unserer ersten Begegnung sagt Mike zu mir, dass er Billie aus der Wohnung seiner Ex-Freundin holen müsse. Seine Ex-Freundin sei offenbar nicht mehr in der Lage, sich um Billie zu kümmern. Billie verwahrlose bei ihr und die Futternäpfe seien sogar verschimmelt. Ich war überrascht über die plötzliche Wendung, nahm es aber so hin, hatte keinen genaueren Einblick und fragte auch nicht, was seine Ex-Freundin dazu sagte. Unsere Beziehung war noch ganz frisch, ich wollte mich nicht einmischen.
Billie wurde ohnehin viel von Mikes Adoptiveltern betreut und an den Wochenenden, die ich nun immer bei Mike in unserer gemeinsamen Heimatstadt verbrachte, kümmerte ich mich um Billie, denn schnell bemerkte ich, dass Mike es mit den regelmäßigen Spaziergängen und einem nicht zu häufigen Alleinlassen nicht so eng sah. Ich hatte meine Hündin Lena ohnehin bei mir und so nahm ich Billie einfach mit. Mike kam morgens häufig nicht aus dem Bett und ich erlebte mit, dass Billie in größter Not in die Wohnung pinkelte. Irgendetwas fühlte sich schon damals komisch an: auf der einen Seite der Vorwurf an seine Ex-Freundin, dass sie sich nicht kümmere, auf der anderen Seite das Gefühl, dass Mike ebenfalls nicht wirklich für Billie da war. Aber wir kannten uns noch nicht lange und ich hatte Hemmungen, das anzusprechen.
An Silvester, knapp drei Monate nach unserem ersten Treffen, bekam Billie plötzlich Durchfall und Erbrechen. Wir fuhren mitten in der Nacht in die Tierklink, da innerhalb kürzester Zeit nur noch Blut aus Billie heraus kam. In der Tierklinik wurde schnell deutlich, dass Billie an einem Virus erkrankt war, gegen welches Hunde normalerweise geimpft sind. Mike schimpfte auf seine Ex-Freundin und berichtete mir von einer Absprache, nachdem seine Ex-Freundin sich um die Impfungen für Billie hätte kümmern sollen. Sie hatte es laut seiner Aussage aber aus Geldmangel nicht getan. Mike hatte ihr extra das Geld gegeben, aber seine Ex-Freundin hat es laut Mike einfach zum Shoppen genutzt anstatt für die Impfung. Billies Zustand verschlechtert sich innerhalb von Stunden und die Tierärzte rieten dazu, Billie zu erlösen. Mike rief seine Ex-Freundin in die Klinik und beide entschieden, dass sie Billie erlösen wollten. Der Anblick war kaum auszuhalten: Billie litt sichtlich und lag wimmernd in einer kleinen Box. Die Tierärzte erklärten, dass das Virus die inneren Organe zersetze. Billie wurde erlöst und Mike und seine Ex-Freundin begleiteten ihn in den Tod. Ich wartete dabei vor der Tür. Mikes Ex-Freundin und ich trafen uns hier zum ersten Mal. Wir waren freundlich distanziert zueinander, ich hatte das Gefühl, wir akzeptierten einander. Ehrlich gesagt war sie mir ein bisschen zu hysterisch. Mike und sie hatten sich bei ihrer gemeinsamen Arbeit im Rettungsdienst kennengelernt und ich hatte schon einige Male mit Erstaunen festgestellt, dass Mike als auch seine Kollegen in Notfallsituationen eher aufgeregt und hektisch anstelle von besonnen und konzentriert, so wie ich es irgendwie erwartet hätte, agierten.
Als Mike mich später fragte, ob ich ihn und seine Ex-Freundin in die 200 km entfernte Heimatstadt seiner Ex-Freundin begleiten wolle, um Billie im Garten ihrer Mutter zu begraben, fühlte ich mich geschmeichelt und hatte das Gefühl, dass Mike endlich voll und ganz zu mir und unserer Beziehung stehen würde. Dass es in irgendeiner Weise unangebracht sein könnte, zu seiner Ex-Freundin nach Hause zu fahren und die zwei mit ihrer Trauer nicht alleine zu lassen, kam mir nicht in den Sinn, zu groß schien mir der Vertrauensbeweis von Mike.
Nach dem Tod von Billie war Mike am Boden zerstört und klammerte sich regelrecht an mich. Er wollte nicht mehr alleine sein und unsere Beziehung bekam eine ganz andere Dynamik. Hatte Mike mich bisher immer eher auf Abstand gehalten, veränderte sich sein Verhalten fast in ein Klammern. Mike hörte gar nicht auf damit, mir zu erzählen, wie froh er sei, mich getroffen zu haben. Durch den Tod von Billie sei ihm bewusst geworden, was für eine schreckliche Beziehung er vor mir geführt habe. Eigentlich hätte er seine Ex-Freundin nie wirklich geliebt, aber er hätte einfach nicht alleine sein wollen. Auch das Zusammenziehen mit seiner Ex-Freundin wäre nie sein eigener Wunsch gewesen. Seine Ex-Freundin hätte ihn dazu gedrängt und er habe sich darauf eingelassen. Glücklich wäre er nie gewesen. Auch der Sex wäre schrecklich gewesen und ihr Wunsch nach Kindern für Mike der reinste Horror. Nun sei ich in seinem Leben und endlich erkenne er, was wahre Liebe sei und wie eine Beziehung wirklich sein könne.
Mike wollte die Beziehung zu seiner Ex-Freundin ganz hinter sich lassen und endlich auch die letzten Dinge aus der gemeinsamen Wohnung aufteilen. Der DVD-Player aus der gemeinsamen Wohnung gehört ihm, aber seine Ex-Freundin behielt ihn einfach ein. Das ärgerte Mike und es verging kaum ein Tag, an dem er nicht voller Wut auf seine Ex-Freundin schimpfte.
Er kündigte an, sich darum jetzt zu kümmern. Ein Wochenende später besuchte ich ihn und da stand der DVD-Player auch tatsächlich in Mikes Wohnung. Ich fragte überrascht, ob seine Ex-Freundin da gewesen war und ihm seine Sachen gebracht habe. Mike wirkte ertappt, sein Gesicht bekam von jetzt auf gleich einen vollkommen anderen Ausdruck, fast sauer wirkte er auf mich. Erschrocken fragte ich mich, was ich getan hatte. Schnell versicherte ich ihm, dass ich mich freute, es schien ja, dass er und seine Ex-Freundin nun alles geklärt hatten, so wie er es sich vorgenommen hatte. Mike schnauzte mich an, dass seine Ex-Freundin nicht in seiner Wohnung gewesen sei und erzählte mir innerhalb von wenigen Minuten drei unterschiedliche Versionen darüber, wie der DVD-Player zu ihm gekommen war. Die letzte Version war die, dass die ehemalige Nachbarin ihm den DVD-Player unten vor der Haustür aus dem Auto gereicht habe. Ich verstand zwar nicht, warum Mike so wütend war, versuchte aber, das Thema so schnell wie möglich zu beenden, ich hatte ein komisches Gefühl.
Obwohl all diese Vorzeichen mein inneres Alarmsystem hätten aktivieren müssen, denke ich offenbar nicht nach, sondern gehe einfach weiter. Mike und ich ziehen zusammen. Mike freut sich bei dem Auszug aus seiner Wohnung wahnsinnig, dass er die Stadtwerke ausgetrickst hat und in dem Jahr, in dem er dort wohnte, nichts gezahlt hat, weil er sich nie angemeldet hat. Zwei Wochen nach der Wohnungsübergabe bekommt Mike Post von den Stadtwerken. Es fällt ihm alles aus dem Gesicht: Da er nie einen Abschlag gezahlt hat, gedacht hatte, die Stadtwerke hätten nichts gemerkt, soll er nun über 1000 Euro nachzahlen. Mike tobt. „Halsabschneider, Betrüger!“ Er möchte die Stadtwerke verklagen, immerhin hat er sich nie angemeldet und daher haben sie in Mikes Augen jetzt kein Recht darauf, Geld von ihm zu fordern. In seiner Wut ruft Mike seinen Onkel an, der Rechtsanwalt ist. Mike möchte sich bestätigen lassen, dass er im Recht ist. Auch als sein Onkel ihm erklärt, dass die Stadtwerke im Recht sind, da er mit dem Einzug und der Übermittlung der Zählerstände einen Vertrag mit ihnen eingegangen ist, besteht Mike weiterhin darauf, dass er im Recht ist und von den Stadtwerken betrogen wurde. Mike kann die Rechnung auch gar nicht bezahlen und bittet seine Adoptivmutter, ihm das Geld zu geben. Seine Adoptivmutter sagt niemals Nein und bezahlt die Rechnung für Mike. Monatelang kommt Mike nicht darüber hinweg, wie er von den Stadtwerken betrogen wurde und erzählt jedem, der es hören oder auch nicht hören will, dass man bei den Stadtwerken aufpassen muss, ihn hätten sie um 1000 Euro betrogen und das so geschickt, dass er nicht einmal rechtlich gegen sie vorgehen könne. Er erkennt seinen eignen Anteil an der Situation nicht. Ich finde es anstrengend und bin jedes Mal peinlich berührt, wenn er diese Geschichte zum Besten gibt.
Aber egal, wir haben eine tolle Wohnung und ich freue mich, endlich nicht mehr zwischen meiner Studentenstadt und Mike pendeln zu müssen.
Wir beziehen die Wohnung, mit dabei Hündin Lena. Mike möchte auch wieder einen Hund haben. Seit Billies Tod ist nun ein halbes Jahr vergangen und wie der Zufall es will, hat die schwarze Labradorhündin einer Bekannten gerade Welpen. Wir fahren einige Male zu ihr und schnell sucht Mike sich einen kleinen Rüden aus. Er nennt ihn Luke. Wenige Wochen später können wir Luke mit nach Hause nehmen. Es ist toll mit so einem kleinen Welpen, aber auch anstrengend. Wir wohnen in der vierten Etage und Luke ist noch nicht stubenrein. Eigentlich müsste Mike alle zwei Stunden mit ihm runter auf die Straße gehen. Mike findet das anstrengend und ist nicht besonders konsequent. So pinkelt Luke andauernd in die Wohnung. Ich gehe, so oft ich kann, mit ihm runter, aber es immer zu übernehmen, ist auch mir zu viel. Es dauert ewig, bis Luke endlich stubenrein ist. Da Mike sich insgesamt wenig um die Erziehung von Luke kümmert, melde ich mich mit ihm in einer Hundeschule an. Eigentlich habe ich keine wirkliche Lust, immerhin war es die Entscheidung von Mike, einen Welpen zu kaufen, aber Luke tut mir leid und ich möchte auch, dass er erzogen wird, damit wir gut mit ihm zusammenleben können. Obwohl ich viel übernehme, ist Luke auf Mike fixiert. Mike ist wichtig, dass Luke ihm das Gefühl gibt, dass nur er sein Herrchen ist. Mike kuschelt viel mit ihm auf dem Sofa oder im Bett. Mich stört das und ich hole Luke immer wieder aus dem Bett oder vom Sofa, was seine Sympathie für Mike nur verstärkt. Die Hunde verbinden uns trotzdem sehr. Mike und ich unternehmen wenig zusammen, aber die gemeinsamen Spaziergänge mit Luke und Lena sind regelmäßiger Bestandteil unserer Wochenenden. Bei einem gemeinsamen Waldspaziergang im Frühling klingelt Mikes Handy. Seine Ex-Freundin ist am Telefon. Sie hat die Nebenkostennachzahlung der gemeinsamen Wohnung aus dem Vorjahr bekommen und möchte nachfragen, wie sie die Nachzahlung regeln, da es sich um mehrere hundert Euro handelt. Mike hat nur ein müdes, abfälliges Lachen übrig. Wiegelt sie ab, freut sich, als sie am Telefon ungehalten wird und legt auf. „Psychoschlampe!“so sein Kommentar. Zu mir sagt er, dass es eine ganz klare Absprache gäbe, dass sie die Nebenkosten zahlt, und wenn sie das nicht getan hat, kann er auch nichts dafür, er würde ihr jedenfalls keinen Cent zahlen, soll sie doch sehen, wie sie die Rechnung bezahlt. Ich empfinde diesen Anruf seiner Ex-Freundin auch als unmöglich und fühle mich gleichzeitig sehr gut, da er sich wieder einmal sehr klar gegen seine Ex-Freundin stellt und mir damit ein exklusives Gefühl vermittelt.
Glücklich bin ich trotzdem nicht. Mike ist nicht besonders aufmerksam und liebevoll, seid wir zusammengezogen sind. Ich bin an vielen Stellen irritiert und versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Die Versuche scheitern, Mike hat keine Lust, zu reden. Ich schreibe ihm Briefe, um deutlich zu machen, was mich unglücklich macht. Die Folgen von meinen Gesprächsversuchen sind Ignoranz und Kälte. Erstmals mache ich deutlich, dass ich die Beziehung so nicht mehr möchte, dass ich über Trennung nachdenke. Und das, nachdem wir kein Jahr zusammen sind und gerade erst zusammen wohnen. Mike erwacht scheinbar. Auf einmal ist er aufmerksam und gesprächsbereit, macht deutlich, dass er mich, dass er unsere Beziehung unbedingt möchte. Möchte sein Leben mit mir verbringen, möchte mich sogar heiraten. Immer noch fehlt mir die Lösung, doch ich glaube an eine Veränderung. Glaube an eine tiefe Liebe, an eine Verbundenheit zwischen uns und hoffe, dass sich mit einer Hochzeit etwas zwischen uns verändert. Irgendwie ist mein Gefühl auch, dass Mike zwar räumlich immer sehr dicht bei mir ist, aber irgendetwas fehlt mir immer. Ich kann nicht genau benennen, was mir fehlt, aber mit Mike neben mir habe ich ein andauerndes Gefühl der Leere.
Ich möchte Mike trotzdem heiraten und sehr schnell bekommen wir einen Termin beim Standesamt. Unsere Familien sind überrascht über diese schnelle Hochzeit, aber natürlich freuen sie sich und stehen hinter unserer Entscheidung. Wir planen ein Fest, sind einige Wochen glücklich.
Häufig entschuldige ich vor mir Mikes teilweise merkwürdige Verhaltensweisen mit seiner bisherigen Lebensgeschichte, die wirklich keine leichte war. Mike wurde direkt nach seiner Geburt von seiner leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben. Doch seine Adoptiveltern trennten sich früh und Mike wuchs zunächst bei seinem Adoptivvater auf. Diese Zeit ist die einzige Zeit seines bisherigen Lebens, welche er immer positiv bewertet. Er und sein Adoptivvater lebten gemeinsam in WGs mit anderen alleinerziehenden Eltern und deren Kindern. Die Erinnerungen an diese Zeit sind positiv besetzt und für Mike verbunden mit einem Gefühl von Freiheit, Liebe und Geborgenheit. Dann verkündete der Adoptivvater, dass er sich selbst finden wolle und für ein Jahr um die Welt reisen würde. Dies muss nach Mikes Erinnerung mit der Einschulung zusammengefallen sein. Er beschreibt es als Verlust und hat in seiner Erinnerung nur seine Oma, die Mutter des Adoptivvaters, bei welcher er Trost fand und bei welcher er die ersten Wochen nach Reiseantritt des Vaters verbrachte. Es folgte der Umzug zur Adoptivmutter und deren neuem Partner. Offenbar verankerte sich in dieser Zeit die Hoffnung, nach der Rückkehr des Vaters wieder zu diesem ziehen zu können. Doch als er zurückkehrte, eröffnete dieser ihm, dass dies nicht gehe. Er habe ebenfalls eine neue Partnerin und beide wollten außerhalb der Stadt ein Haus kaufen. Der Adoptivvater gründete eine neue Familie und Mike bekam zwei Halbschwestern. Es folgte eine schwierige Schullaufbahn mit Empfehlungen zur Sonderschule, Mobbing und Schulwechseln. Dabei blieb er bei seiner Adoptivmutter wohnen, bis diese ihn mit 17 Jahren vor die Tür setzte. In seiner Erinnerung kam dies ohne Vorankündigung. Eines Tages kam er aus der Schule und die Adoptivmutter hatte das Schloss ausgewechselt. Sein Adoptivvater und die neue Frau nahmen ihn auf. Allerdings ging das nur wenige Wochen gut, denn es gab ständig Streit zwischen der neuen Frau, Mike und den neuen Schwestern, welche er während der gesamten Zeit unserer Beziehung nur als „Bastardschwestern“ betitelte. So bekam er schon mit 17 Jahren eine eigene Wohnung. An materiellen Dingen mangelt es nie, Adoptivmutter und neuer Mann sorgten und sorgen immer für genug Geld, Urlaube und die hochwertigste Ausstattung. Mike macht sich immer lustig über seine Adoptivmutter, und wenn es bei uns mal knapp ist, sagt er immer „Ach, dann frage ich meine Mutter, mache ich ein bisschen auf gute Beziehung und dann kauft sie mir schon, was ich will. Geld statt Liebe. Hehe.“
Mein Fazit ist: Der arme Mann! Kein Wunder, dass er so mit seiner Familie umgeht, was die ihm alles angetan haben, da haben sie es jetzt auch nicht anders verdient. Gut, dass er jetzt bei mir ein emotional stabiles, umsorgendes Zuhause hat.“
Die Art und Weise, wie er immer noch über seine Adoptiveltern und besonders die neue Frau des Vaters und die Halbschwestern spricht, erschreckt mich aber auch ab und zu. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dies macht deutlich, wie tief seine Verletzungen sind, es zeigt, wie sehr er gelitten haben muss. Mike malt sich aus, wie er nach dem Tod seines Adoptivvaters auf sein Erbe beharrt und seine Bastardschwestern und die neue Frau dadurch in Schwierigkeiten kommen und er sie so aus dem Haus werfen kann und ihnen das Zuhause nimmt. Wenn seine Adoptivmutter alt ist, möchte er sie in ein Altenheim umsiedeln und ihre Wohnung mit einem Entrümpelungsunternehmen kahl räumen lassen. Diese immer wiederkehrende Fantasie gibt ihm Genugtuung.
Geld ist immer der wundeste Punkt bei Mike. Wenn seine Adoptiveltern ihm Geld verwehren, dann reagiert er mit größter Wut und Aggression. Er hat kein schlechtes Gewissen, dass seine Eltern ihn immer noch finanzieren, obwohl er bereits über 30 Jahre alt ist. Seine Haltung ist immer: „Das steht mir zu, das sind sie mir schuldig“. Auf die Frage, was er macht, wenn sie irgendwann nicht mehr zahlen, antwortet er direkt und sehr bestimmt: „Dann verklage ich sie.“ Er kommentiert jede Ausgabe seines Adoptivvaters damit, dass er ja anscheinend genug Geld habe und ruhig noch einmal etwas für ihn „abdrücken“ kann. Er hat kein Verständnis dafür, dass das Haus des Adoptivvaters neu gedeckt wird oder seine Bastardschwestern Tennisstunden und Reitunterricht bekommen. Das hat er schließlich auch nie von seinem Adoptivvater bekommen. In diesen Momenten wird seine Adoptivmutter in den Himmel gelobt, denn sie zahlt bereitwillig immer alles für ihn. Kontakt läuft über Geld.
Die Adoptivmutter von Mike ist von Beginn unserer Beziehung an sehr distanzlos und möchte immer großen Anteil an unserem Leben nehmen. Einen ersten Höhepunkt erreicht ihre Distanzlosigkeit bei unseren Hochzeitsvorbereitungen. Wir haben kein eigenes Budget, die Hochzeit wird von unseren Eltern gesponsert und die Anzahl der Gäste beschränkt sich auf 50 Personen. Dennoch schreibt Mikes Adoptivmutter ihre eigene Gästeliste. Mike regt sich tierisch auf, schafft es aber nicht, ihr seinen Ärger deutlich zu machen. Zwischen Mike und seiner Adoptivmutter gibt es Uneinigkeiten darüber, wer zur Familie gehört und welche Personen wichtig sind. So betitelt er den Vater des Freundes seiner Adoptivmutter als fremden Mann und möchte nicht, dass dieser auf unserer Hochzeit auftaucht. Seine Adoptivmutter hingegen bezeichnet ihn als Opa und sagt, Mike hätte ihn früher ebenfalls als diesen gesehen und anerkannt. Mike geht einem klärenden Gespräch über die Gästeliste unserer Hochzeitsfeier aus dem Weg, stattdessen versucht er die Situation auszusitzen und verstrickt sich gegenüber seiner Adoptivmutter in Lügen, um nicht offen mit ihr sprechen zu müssen. Irgendwann platzt mir der Kragen, und ich rufe sie an und nehme Mike in Schutz, indem ich ihr deutlich mache, dass es ihm wegen ihrer Übergriffigkeit sehr schlecht geht und sie nun bitte akzeptieren soll, dass er eine andere Vorstellung von Familie hat als sie. Hier treffen zwei vollkommen unterschiedliche Wahrnehmungen und Darstellungen aufeinander. Ich weiß nur, dass ich mich ganz klar für Mike positioniere. Ich versuche immer wieder, ihn zu einem Gespräch mit seiner Adoptivmutter zu ermutigen, doch das blockt er nur ab mit den Worten: „Das bringt eh nichts, das habe ich nun Jahrzehnte lang versucht.“
Auch als die neue Frau seines Adoptivvaters ankündigte, nicht zu unserer Hochzeit zu kommen, weil Mike ihr jahrelang das Leben zur Hölle gemacht habe, versuche ich zu vermitteln und schreibe einen Brief an sie und appelliere, dass inzwischen alle erwachsen sind und so eine Hochzeit doch ein schöner Zeitpunkt für einen Neuanfang sei. Sie bleibt bei ihrer Entscheidung und Mike tut mir abermals leid, offenbar ist er in einem Umfeld von unreifen Erwachsenen aufgewachsen. Ich denke immer nur: Egal was er als Kind gemacht hat, er war ein Kind und sie waren erwachsen, da sollte man doch über den Dingen stehen.
Die Hochzeit wird trotz aller Aufregung im Vorfeld um die Organisation sehr schön, an einigen Stellen scheint Mike sehr überfordert und auch an diesem Tag gibt es viele Situationen, an denen ich mich alleine fühle. Aber ich bin glücklich, auch wenn das vielleicht nur eine Illusion ist.
Nach knapp 1,5 Jahren Beziehung sind wir nun Mann und Frau. Ich trage einen Doppelnamen, denn als ich vor der Hochzeit über Namensführung sprechen wollte, war Mikes knapper Kommentar: „Mach, was du willst, ich behalte meinen Namen.“
Ziemlich genau neun Monate nach unserer Hochzeit bin ich schwanger. So richtig über Kinder gesprochen hatten wir nicht. Für mich ist klar, dass ich Kinder möchte, Mike äußert sich nicht direkt. Dementsprechend ist die Schwangerschaft von uns beiden nicht geplant, ich freue mich dennoch sehr. Mike ist überfordert. Er möchte mich nicht zum Arzt begleiten und weicht jedem Gespräch über die Schwangerschaft aus.
Ich habe gerade meinen Uniabschluss gemacht und möchte ins Berufsleben starten.
Mike hat gerade sein Humanmedizin-Studium abgebrochen und hängt in der Luft. Nachdem er nie wirklich für Prüfungen gelernt hatte und bei einer Prüfung auch den dritten Versuch nicht bestand, wurde er von der Uni exmatrikuliert. Für ihn absolut unverständlich. Er hatte eine Krankmeldung und fühlt sich vollkommen im Recht. Mike will die Uni verklagen und blendet seinen Anteil an der Exmatrikulation vollkommen aus und das, nachdem er nach sechs Semestern kaum eine Prüfung bestanden hat, geschweige denn in absehbarer Zeit das Physikum hätte machen können. Er fühlt sich ungerecht behandelt und als Opfer der Willkür der Uni. Nach diversen Gesprächen mit Rechtsanwälten und der Uni wird klar, dass es keinen Sinn macht, er muss die Exmatrikulation akzeptieren. Nun fährt Mike weiter auf Honorarbasis Rettungswagen und ist mit seiner beruflichen Situation unzufrieden. Er bemüht sich um eine feste Stelle im Rettungsdienst. Ihm wird immer wieder eine feste Stelle in Aussicht gestellt, doch am Ende bekommen immer andere den Job. Es bleibt bei seiner Honorartätigkeit. Ich ermutige ihn, sich für einen Studienplatz zu bewerben und sichere ihm zu, ihn finanziell während des Studiums zu unterstützen. Mike bewirbt sich um einen Studienplatz in Veterinärmedizin.
Meine Schwangerschaft begleitet Mike mit wenig Anteilnahme. Zum ersten Besuch beim Frauenarzt fährt mich meine Freundin. Voller Aufregung sitzen wir beim Arzt, als dieser mit dem Ultraschall den Herzschlag erfasst und meiner Freundin und mir ein paar Tränen der Rührung über die Wange laufen. Mike verpasst diesen Moment. Mike sagt mir, dass ihn das emotional alles überfordert, weil er im Rettungsdienst einfach zu viele Kinder hat sterben sehen und deshalb nicht richtig Anteil nehmen kann.
Ich bin im vierten Monat schwanger und wir fahren mit dem Auto zu einer Geburtstagsfeier seines Freundes. Wir feiern
