Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dana Schweiger ist 51 und allein erziehende Mutter von vier Kindern. Jahrelang hat sie ihrem Ex-Mann Til Schweiger den Rücken freigehalten und, wie so viele andere Frauen auch, die Familie allein gemanagt. Nun, da auch ihre jüngste Tochter Emma fast aus dem Haus ist, fragt sie sich: »Wer bin ich eigentlich – außer Mutter?« In ihrem Buch erzählt sie, was es für sie bedeutete, als junge Amerikanerin nach Deutschland zu kommen und dort plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Erfrischend, offen und mit viel Humor berichtet sie von den Höhen und Tiefen ihrer Ehe, vom Muttersein und den Herausforderungen des Patchwork-Familienlebens. Heute, mit über 50, kennt Dana sich selbst besser denn je und ist auch zufriedener als je zuvor. Überflüssige Pfunde bringen sie inzwischen genauso wenig aus der Fassung wie neue Freundinnen des Ex-Manns – oder die Erkenntnis, dass sie, auch wenn sie durch und durch Familienmensch ist, nie die perfekte Super-Mom sein wird. Eine Gelassenheit, die sie erst lernen musste, die sie aber jeder Frau nur empfehlen kann.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Mein Food-Baby und ich
Komm klar, Kind!
Ich war eine Einzelgängerin
Und dann feierte ich mit der Yakuza
Das macht man hier aber nicht so
Just for fun oder morgen heiraten?
Heiße Zeiten in Unterhosen
Und plötzlich spielt man Rotze-Kotze-Bingo
Ein Streitfall namens Bellybutton
Zwei Koffer gegen 200 Kartons Heimat
Von wegen Liebespaar des Jahres …
60-Prozent-Chaos-Mama muss reichen!
Ein Puzzle namens Leben
Was packst du in deinen Koffer, wenn es um Leben und Tod geht – wenn du nur 60 Minuten Zeit hast, dich zu entscheiden? Seit dem 9. November 2018 kann ich diese Frage beantworten. Es ist nun schon ein Jahr her … Und doch erinnere ich mich an so ziemlich alles, was an diesem Morgen passierte und was ich gedacht habe. Ganz so, als wäre es gestern gewesen.
Ich lag an diesem Tag gegen sechs Uhr morgens noch in meinem Bett, in dem Haus in Malibu, das Til und ich uns 1998 in glücklichen Zeiten gemeinsam gekauft hatten. Durch die Fenster fielen Sonnenstrahlen – es sah ganz danach aus, als würde es wieder ein richtig schöner kalifornischer Herbsttag werden, als ich per SMS von der Behörde alarmiert wurde, dass alle Bewohner Malibus ihre Häuser zu verlassen haben. Am Vortag waren mehrere Feuer ausgebrochen. Das wusste ich natürlich aus den Nachrichten, aber das war ja nichts Ungewöhnliches zu dieser Jahreszeit. Oktober und November werden hier nicht umsonst »Fire Season«, Feuer-Saison, genannt. Dass es irgendwo oberhalb der Küstenstädte in den Hügeln brennt, gehört in Kalifornien genauso dazu wie der Ozean und die Erdbeben. Ach, nur eine Vorsichtsmaßnahme – so schlimm wird’s schon nicht sein …, tat ich die Nachricht ab. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass die Santa-Ana-Winde aufgekommen waren. Sie werden nicht umsonst auch Teufelswinde genannt, denn sie fegen heiß, trocken und mit bis zu 40 Kilometern pro Stunde über Land und Meer. Und leider hatten sie über Nacht dafür gesorgt, dass sich die Brände in rasendem Tempo und völlig unkontrolliert ausbreiten konnten. Die Feuerwehr war machtlos. Ich dachte zunächst nur daran, endlich nach unten zu gehen, die Espressomaschine anzuschmeißen und mir meinen ersten Kaffee des Tages und meiner Tochter ihren geliebten Avocado-Toast zu machen. So schnell wie möglich unser Haus zu verlassen, fand ich in diesen frühen Morgenminuten undenkbar und regelrecht skurril. Ich war noch im Pyjama und schmiss mich gerade in meine Lieblingsjogginghose und ein T-Shirt, als mir Emma eine SMS schickte. Sie hat ihr Zimmer direkt unter meinem und schickt mir oft aus dem Bett heraus Nachrichten. Diesmal fragte sie mich, ob sie zu Hause bleiben dürfe, weil sie Bauchschmerzen habe. Ich sagte natürlich Ja und dachte: Na, dann kann ich mich ja heute früher mit meiner Freundin Eva treffen und durch die Santa Monica Mountains wandern … Das mache ich morgens wahnsinnig gern, nachdem ich Emma in die Schule gefahren habe. Es gibt wundervolle Wanderwege in den Hügeln, die durch die Natur führen und je nach Wetterlage einen unglaublichen Blick über die Küste bieten. Selbst nach 20 Jahren kann ich mich daran nicht sattsehen. Und da ich sowieso viel zu wenig Sport mache, gibt mir dieser halbstündige Spaziergang bergauf mit Lunas Hunden Banksy und Yoda, auf die ich aufpasste, während sie in Paris studierte, das Gefühl, dass es um mich noch nicht total verloren ist. Evas Antwort fiel allerdings anders aus als erwartet: »Sweetie, ich sitz längst mit meiner Familie im Auto, raus hier. Das solltest du auch tun. Und zwar sofort.«
Okaaaaay, dachte ich da, das erste Mal mit einem wirklich mulmigen Gefühl im Bauch. Vielleicht solltest du das doch mal ernst nehmen. Ich ging auf den Balkon, der direkt an meinem Schlafzimmer im ersten Stock liegt. Von da aus kann ich nicht nur ein Stück des Pazifischen Ozeans sehen, sondern auch in Richtung der Hügel – und auf einmal wurde die SMS durch eine gigantische, schwarz-graue und bedrohlich nahe Rauchwolke zur Wirklichkeit. Ich bin nicht der Typ, der schnell hysterisch wird, im Gegenteil: Je mehr um mich herum los ist, desto ruhiger werde ich. Wer vier Kinder hat, wird wohl in jeglicher Hinsicht stressresistent, würde ich sagen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich selbst da noch dachte: Kaffee. Der wird erst einmal helfen. Und dann kannst du immer noch entscheiden. Als ich jedoch durch das stille Haus nach unten in die Küche ging und vor der Espressomaschine stand, drängte sich ein Gedanke immer weiter nach oben und weil es noch so leise im Haus war, war er auf einmal so laut in meinem Kopf, als hätte ich ihn ausgesprochen: Verlasst das Haus, Dana, verlasst sofort das Haus. Als sei das der Startschuss gewesen, begann mein Handy mit einem pausenlosen Piepen, eingehende Nachrichten anzuzeigen. Es kamen immer mehr – von anderen Freunden, die auf der Flucht waren und fragten, ob es uns gut ginge. Von einem Nachbarn, der auf der Suche nach einem Anhänger für sein Pferd war. Von einer Freundin, die völlig verzweifelt schrieb, dass ihr Haus bereits in den frühen Morgenstunden abgebrannt sei. Ich lief zu meiner Tochter Emma und sagte so ruhig wie möglich: »Emma, du musst aufstehen. Wir werden evakuiert. Malibu brennt.« Sie war sofort völlig durch den Wind, erst recht, als eine Freundin ihr schrieb, dass die gemeinsame Schule bereits dem Feuer zum Opfer gefallen sei. »Mom, Mom«, rief sie. »Was sollen wir denn tun?« Ich versuchte sie zu beruhigen: »Keine Angst, Sweetie, wir kriegen das hin. Pack deine Sachen. Alles wird gut.« Sie nahm als Erstes ihre geliebten Kurt-Cobain-, Nirvana- und David-Bowie-Poster und die gemeinsamen Fotos mit ihrem Vater und ihren Geschwistern von den Wänden, denn die bedeuteten ihr am allermeisten, und verschwand im Kleiderschrank, um ihre Lieblingsklamotten von den Bügeln zu reißen. Sie ist mein jüngster Schatz, war gerade vor ein paar Wochen 16 Jahre alt geworden und lebt als einzige ihrer vier Geschwister noch bei mir. Ich liebe sie über alles, natürlich. Aber wie es zwischen Mama und Teenager so ist, beschränken sich unsere Konversationen derzeit meistens auf Kurzinfos wie »Aufstehen!«, »Hast du was gegessen?« meinerseits und »Man, Moooooom!« »———« und »Wo. Ist. Mein. Schwarzer. Hoodie?« ihrerseits. Auf einmal stand das Haus, in dem sie so glücklich geworden war, der realen Bedrohung gegenüber, bald nicht mehr zu existieren. Ihr verzweifelter Aktionismus zerbrach mir das Herz, ich hätte sie am liebsten sofort auf den Schoß genommen. Aber selbst wenn sie es zugelassen hätte, hätte ich mich ohnehin nicht allzu lange um sie kümmern können, denn ich musste unsere Mitbewohner wecken. Wie immer war das Grundstück randvoll mit den Freunden meiner Kinder aus Deutschland. Wer eine Anlaufstation in Los Angeles braucht, meldet sich bei mir und natürlich sage ich zu allen immer und gern »Ja, klar, stay with us.« Ich mag es, ein volles Haus zu haben. Und auch wenn es manchmal hart ist, nicht loszubrüllen, wenn mal wieder keine Milch, keine Avocado oder kein Kaffee mehr da sind und alle mich mit großen »Ich war das nicht«-Augen anschauen, macht es mich wahnsinnig glücklich, sie bei mir zu haben. Natürlich fühlte ich mich verantwortlich für diese jungen Menschen, alle Anfang 20, alle dabei, im Leben durchzustarten. Der schlagfertige Marvin und sein höflicher kleiner Bruder Alan, die zusammen einen Abi-Crash-Kurs entwickelt haben, die durchtrainierte blitzgescheite Jana, die in Los Angeles studieren und eine Karriere im Fashion-Marketing starten will, die rothaarige Carla, die nach dem Abi für ein paar Wochen aus Hamburg rauswollte und mir ein bisschen im Haushalt hilft und die eloquente Lina, die einen erfolgreichen Travel-und-Lifestyle-Blog hat. Ich klopfte an die Tür meines kleinen Gästehauses, das hinten im Garten steht, und weckte Carla und Lina. Jana war schon wach und kümmerte sich um die Hunde und die Jungs steckten verschlafen ihre Köpfe aus dem vintage Airstream-Wohnwagen, der in unserer Auffahrt steht. Sie konnten gar nicht glauben, was ich sagte und mussten sich erst einmal die Brandwolke von meinem Balkon aus ansehen. »Krass«, »Heftig«, »Guck mal, ganz schön nah« waren ihre Kommentare, als sie ungläubig Fotos machten. Die beiden sind aus Hamburg angereist – »Schietwetter« ist ihnen ein Begriff, aber nicht die Gefahr von Flächenbränden wegen einer weggeworfenen Zigarette, eines nachlässig gelöschten Campingfeuers oder eines kleinen Funkens aus einer defekten Stromleitung. Die wahren Ausmaße der Katastrophe erahnten wir natürlich alle noch nicht am Morgen des 9. November 2018. Dieses Feuer vernichtete in einer Minute eine Fläche von sechs Fußballfeldern, 88 Menschen verloren ihr Leben in den Flammen – an die vielen, vielen Tiere mag ich gar nicht denken – und über 9700 Wohnhäuser brannten nieder. Und es traf, das kann ich nach so vielen Jahren hier weiß Gott beurteilen, nicht, wie viele immer denken, nur Reiche. Malibu ist eine sehr gemischte Gemeinde, in der Wohlhabende neben Althippies und Großfamilien mit durchschnittlichem Einkommen neben alten Menschen leben. Das Feuer hat keinen Unterschied gemacht – es wird sicher Jahre dauern, bis alles wiederaufgebaut ist.
Bei uns im Haus, es war mittlerweile gegen halb sieben am Morgen, schwirrten alle umher. Die Kids, in meinen Augen sind sie das natürlich noch, versuchten, die Ruhe zu bewahren, aber ich merkte: Das war nur Fassade. Verständlich. Die Angst »Was ist, wenn uns doch was passiert?« schlummerte wohl in jedem von uns. Sie schauten mich mit großen Augen an und es stand ihnen ins Gesicht geschrieben, dass sie dachten: Was macht Dana? Und weil es als vierfache Mama seit jeher mein Job ist, habe ich das gemacht, was ich am besten kann: die Kontrolle übernehmen. »Lina, du fährst mit Carla.« »Packt genug Wasser ein.« »Vergesst nicht, Essen für die Hunde mitzunehmen.« »Nein, wir werden nicht sterben.« »Wir fahren alle den Pacific Coast Highway, bleibt möglichst dicht beisammen.« »Habt ihr alles gepackt?« Alles ein bisschen zackig im Ton, um Autorität und Sicherheit auszustrahlen. Das war es schließlich, was in der Situation alle brauchten.
Als alle ihre Anweisungen hatten, holte auch ich meine Koffer und schmiss sie aufs Bett. Da lagen sie geöffnet vor mir – mein Kleiderschrank keine zwei Meter entfernt. Was sollte ich einpacken? Was von meinem Leben musste in diese Koffer? Ich, 50 Jahre, vier Kinder, geschieden, Single, mit so vielen wunderbaren Erinnerungen und auch ein paar richtig traurigen.
Als ich mit meinen Koffern dann nach unten kam, wollte Marvin sie gleich ins Auto tragen, hob sie an und setzte sie überrascht ab. »Die sind leer. Soll ich die überhaupt mitnehmen?« »Ja«, antwortete ich. »Nimm sie mit.« Ich weiß nicht, warum ich nichts reingepackt habe. Meinen Laptop mit den Familienfotos, den Pass, das Portemonnaie hatte ich natürlich dabei. Aber ansonsten landete nur ein völlig unbedeutendes Sommerkleid in der Handtasche – zusammen mit der Jogginghose war das mein Outfit für die nächsten sieben Tage. Ich kann es mir nur so erklären: Kleidung, Handtaschen, Schmuck, die Bilder an den Wänden – davon scheint mir nichts wirklich wichtig zu sein. Ich habe schon so oft alles losgelassen, bin umgezogen mit einer ungewissen Zukunft – und habe immer neu begonnen. Egal, wie schwierig es war. Alles, was mir wichtig ist, trage ich als Erinnerung in meinem Herzen oder kann ich an die Hand nehmen. Wie meine Tochter Emma.
Ob es so eine gute Idee ist, das Kapitel mit der jungen und überaus schlanken Ex-Freundin des Ex-Mannes zu beginnen? Vor allem, wenn man über sich schreiben will und über die Erkenntnis, dass man mit 50 zwar meistens durchaus zufrieden mit sich selbst, aber eindeutig aus der Figurspur geraten ist?
Francesca war im Grunde die erste Freundin von Til, die ich wirklich mochte. Schade, dass die beiden nicht mehr zusammen sind. Ich hatte damals allerdings einen Verdacht: Sie wollte mich dick machen. Noch dicker als ohnehin schon, müsste ich fairerweise sagen. Oder warum sonst bringt man als Gast zum Abendessen gleich zwei Kuchen und eine ganze Armada von super lecker aussehenden Cake Pops mit, die lauthals schreien: »Dana, iss mich«?!
Wenn Til in Amerika ist, und das ist er allein wegen Emma regelmäßig, kommt er natürlich bei uns vorbei – er ist immer ein gern gesehener Gast im Haus, das mittlerweile ganz mir gehört. Wir machen dann ein großes Familienessen, bei dem möglichst viele Freunde und Kinder dabei sind. Und als er mit ihr zusammen war, brachte Til eben Francesca mit. Wenn sie nicht so sympathisch gewesen wäre, hätte ich sie eigentlich doof finden müssen: 20 Jahre jünger als ich, klug, hübsch – und extrem schlank. Immerhin aß sie einen ganzen Teller Pasta, statt eine spaßbefreite Salatpickerin zu sein, sagte dann aber den Satz aller Dünnbäuchigen: »Für Kuchen ist jetzt wirklich kein Platz mehr.« Ja, warum bringt sie ihn dann mit? Meine Töchter Lilli und Emma waren bei dem Abendessen auch dabei, befinden sich aber seit Jahren in einer Ernährungsphase, in der essbare Endorphinzufuhr offensichtlich nicht als gängige Glückswährung gilt – und Til zähle ich mal nicht, der hatte nie mit hängengebliebenen After-Baby-Pfunden zu kämpfen. Blieb also nur ich. Ein Stück Kuchen – das war alles, was ich mir erlaubte. Dem hätten noch ein paar mehr folgen können, aber wie entwürdigend ist es, wenn alle Dünnen der einen Nicht-ganz-so-Dünnen beim Mampfen zuschauen?
Wenn man aber alleine ist, geht das wiederum ganz gut. Und so gestehe ich, dass ich am nächsten Morgen um halb sieben zu meinem Kaffee einen dieser Cake Pops essen musste. Eine Impulsentscheidung mit Konsequenzen in Höhe von 150 Kalorien. Warum standen die im Kühlschrank auch direkt neben der Milch? Ungefähr zehn Sekunden lang war da dieser ungeheure Geschmackskick – saftiger Kuchenteig mit knackiger Schokoglasur trifft auf morgendlich-unberührte Geschmacksnerven. Dann übernahm das schlechte Gewissen und ich verfluchte Francesca dafür, dass sie ihre Kuchenmitbringsel »großzügig« hiergelassen hatte: »Nein, nein, Dana, keep them – behalte sie. Bitte. Die sind aus diesem super angesagten Cake-Store aus Venice.« Interessant, dass überhaupt noch Läden in Los Angeles existieren, die kohlenhydrathaltige und nicht-vegane Kuchen herstellen. Also befanden sie sich im Haus und sendeten ihre »Iss mich«-Signale an die Einzige, die sich auf der gleichen Wellenlänge befand … Und im Gegensatz zu Francesca habe ich gerade keinen Partner. Was macht man dann? Man isst. Ich habe also eine Beziehung mit Pasta, Tacos, Pizza – und seit neuestem mit Cake Pops. Sie ist sehr innig und durch Treue geprägt. Meine Mutter sagt immer zu mir, wenn ich ihr mein Leid klage: »Kind, wenn du dich mal wieder verliebst, nimmst du auch wieder ab.« Ich bezweifle das. Denn um einen Mann kennenzulernen, würde ein knackiger Hintern ja durchaus helfen. Über den ich derzeit nicht verfüge.
Mit 16 bestand ich eigentlich nur aus Haut und Knochen. Ich hätte alles essen können, ohne zuzunehmen. Leider weiß man das in dem Alter nicht zu schätzen. Ich hatte auch einfach keine Zeit, zu essen. Es gab so viel Wichtigeres – Skifahren, Party, Jungs.
Anfang 20 bin ich viel als Model herumgereist. Da schwankt man zwischen »Nicht genug Geld für Essen« und »Wow, wieder eine Party mit Champagner und Kanapees!« Damals habe ich also auch nicht groß zugenommen – nur endlich Brüste bekommen, das war nett für mich und alle Beteiligten. Und irgendwann zwischen damals und jetzt, bin ich morgens aufgewacht, zum Spiegel gegangen und plötzlich war ich so, wie ich jetzt bin. Wahrscheinlich war das der Tag, an dem ich den Ganzkörperspiegel gekauft habe. Und dann denkt man: Oh mein Gott, wann ist das denn passiert? Wahrscheinlich sollte mein Buch heißen: »I woke up 50 and fat« – »Ich bin aufgewacht, war 50 und dick«.
Leider mache ich auch viel zu wenig Sport. Na gut, gar keinen. Seit mittlerweile 18 Jahren. Jetzt, wo die Kinder so gut wie aus dem Haus sind, könnte ich ja wieder loslegen. Aber ich liege abends nicht einmal mit einem schlechten Gewissen im Bett und denke: Morgen, da machst du endlich Sport! Und stelle mir schon die Turnschuhe zurecht. Dabei würde ich mich nicht einmal als unsportlich bezeichnen. Ich walke gerne in den Bergen. Mag es, windzusurfen. Und ich liebe es, Ski fahren zu gehen. Ich bin in Seattle aufgewachsen. Meine Eltern waren nicht sehr wohlhabend, aber wir hatten eine kleine einfache Hütte in den nahe gelegenen Bergen. Meine Schwester und ich waren jedes Wochenende auf der Piste und durften vor Einbruch der Dunkelheit gar nicht nach Hause kommen. Aber hier in Kalifornien liegt irgendwie nie Schnee – was kann ich also dafür, dass ich keinen Sport machen kann?
Ins Fitnessstudio zu gehen, ist wiederum so gar nicht meins, wenn ich ehrlich bin. Ich mag es lieber, mich in der Natur zu bewegen. Fast noch schlimmer als das Indoor-Feeling finde ich allerdings den Dresscode. All die biegsamen Mädchen in ihren Instagram-perfekten Outfits.
Oder beim Yoga – wenn man ein schön weites T-Shirt anzieht, um den Bauch zu kaschieren, und dann geht man in die Position des herabschauenden Hundes und das T-Shirt rutscht einem hoch bis zum Hals. Ist doch absurd, dass man fürs coole Trainingsoutfit erst einmal die richtige Figur haben muss, um sich ins Fitnessstudio zu trauen. Deswegen eben ohne mich.
Ich habe mir jetzt ein neues Fahrrad gekauft, damit fange ich wirklich bald an. Heute geht das allerdings nicht, heute regnet es.
Die Kinder sind schuld, dass ich a) unstolze Besitzerin von Muffin Tops bin und b) zu wenig Sport mache. Bei jedem Kind ist weniger Energie da gewesen, um sich noch zu bewegen. Wäre Spielzeug-, Klamotten- und undefinierbares-Essen-Aufheben eine Sportart, wäre ich wohl die Meisterin darin – ich sage nur »Lego«. Nach Valentin war noch alles easy-peasy, da bin ich allein durch den Erstmama-Stress blitzschnell wieder dünn gewesen. Und auch nach Luna passte ich nach ein paar Monaten wieder in meine alten Klamotten. Bei beiden habe ich es auch noch hinbekommen, zwischendurch joggen zu gehen und Fahrrad zu fahren. Aber als ich mit Lilli schwanger war, ging es bergab mit meiner Figur. In der Zeit habe ich nämlich auch noch Bellybutton gegründet. Ich habe quasi mit einem Schlag aufgehört, Sport zu machen. Weil mein Tag leider auch nur 24 Stunden hat.
Die meisten dieser Stunden waren für die Kids reserviert – alles, was man für sich selbst hatte, war die Zeit, die zwischen dem Abliefern des letzten Kindes und dem Abholen des ersten lag. Und ich sage mal so: Wo ein schwacher Wille ist, darf keine Couch sein. Ich hatte vier, höchstens fünf oft müde Stunden für mich. Wer hat denn da noch Lust, sich Fitnessklamotten überzuschmeißen, zum Yoga zu fahren, zu duschen, sich wieder anzuziehen und schnell wieder nach Hause zu hetzen? Wo dann komischerweise in der Zwischenzeit niemand den Haushalt gemacht hat oder die Bellybutton-E-Mails beantwortet. Außerdem: Zwischendurch etwas essen geht so viel schneller. Für mich hieß das also ab Lilli: »Wir haben heute leider keinen Sport für Sie! Dafür aber ein paar griffige Extrapfunde.« Ich hatte dann noch einmal eine ganz heftige Phase, während der Scheidung, da habe ich fast gar nichts gegessen vor Kummer. Aber als sie durch war, haben die verlorenen Pfunde mich wiedergefunden.
Wer sagt eigentlich, dass füllige Frauen immer Strass auf ihren Jeans haben wollen oder T-Shirts mit abgrundtief hässlichen Prints? Ich muss niemandem auf meinen Brüsten mitteilen, dass ich »beautiful« bin. Am liebsten mag ich hübsche Boho-Kleider, die schön lässig sitzen. Die muss ich morgens nur schnell überwerfen und gut ist. Und das alles motze ich dann mit den passenden Accessoires auf, mit viel Schmuck, Hüten, einem Gürtel. Gepflegte Hände, Füße und Zähne und ein leichtes Make-up sind für mich wie zusätzliche Accessoires. Abends, wenn ich weggehe, tausche ich die Flip-Flops oder Sandalen gegen High Heels aus. Auf figurbetonte Sachen verzichte ich lieber. Enge Hosen kneifen irgendwann im Laufe des Tages. Und außerdem ist es mir zu oft passiert, dass ich gefragt wurde, in welchem Monat ich bin. Ich weiß noch, dass ich laaaange nach der Geburt von Emma mit Til einkaufen war und ein Kleid anhatte, das ein bisschen enger anlag. Ich fühlte mich weiblich und wohl – bis die Verkäuferin an der Kasse mich augenzwinkernd fragte: »Und wie weit bist du?« Til hat beinahe auf dem Boden gelegen vor Lachen und ich habe gesagt: »Fuck you very much.« Das war in Deutschland übrigens meine Standardantwort für alle, die mich geärgert haben. Wenn man das schön schnell sagt, verstehen die meisten: »Thank you very much.«
Zum Glück befinde ich mich hier eine gesunde Autostunde von Los Angeles entfernt, wo Größe 8, das ist in Deutschland Größe 36, schon als Übergröße gilt. Wo hervorstehende Hüftknochen und definierte Schlüsselbeine als beneidenswerte Accessoires gelten. Und wo nicht nur die jungen Schauspielerinnen sehr, sehr dünn und straff sind, sondern auch Verkäuferinnen, Baristi und 40-jährige Mütter, die selbst zum Spielen mit den Kindern in Yogahosen und winzigen Tanktops rumlaufen. In Malibu ist es figur- und klamottentechnisch wesentlich entspannter. Hier gibt es nur einen dieser Läden, in dem kein Kleidungsstück größer als 36 ist. Und ich rede nicht von einem Kindergeschäft. Leider ist die Auswahl wunderschön und entspricht zu 100 Prozent meinem Stil. Ich quäle mich manchmal und gehe rein, auch wenn ich im Grunde eine diskriminierte Person in diesem Laden bin, einfach nur, um zu schauen. Danach denke ich jedes Mal: Dieses Kleid da, das würde so gut an dir aussehen! Nimm halt jetzt mal ab! Das kann doch nicht so schwer sein … Ich nehme mir dann immer vor, ab sofort nur noch Salat zu essen. Und scheitere.
Ich beneide meine dünnen Freundinnen für ihre Disziplin, außer Fisch, Avocados und Salat nichts zu essen und jeden Tag Sport zu machen, damit sie in die coolen Klamotten reinpassen. Dieser Drang geht mir leider völlig ab. Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon überlegt habe, eine bestimmte Diät anzufangen. Da gibt es hier – Hollywood sei Dank – ja einige. Madonna zum Beispiel ernährt sich angeblich hauptsächlich von Seegemüse. Da wundert es mich zwar nicht, dass sie immer noch so gut in Shape ist, aber was muss diese Frau hungrig sein. Mariah Carey sieht derzeit wahnsinnig gut aus, angeblich, weil sie sich hauptsächlich von Lachs und Kapern ernährt – und jeglichen Zucker strikt meidet. Ein bisschen zu verschroben für mich. Alle schwören auf die »Herkules-Diät«, die Beyoncé nach der Geburt ihrer Kinder rasend schnell wieder in Form gebracht hat. Aber einzig Limonade mit Cayennepfeffer zum Abendessen, das schaffe ich leider nicht. Am Ende muss ich, im Gegensatz zu diesen Ladys, auch nicht auf die Bühne, um meine Bauchmuskeln zu präsentieren. Die einzige Diät, die mir einfällt und die zu mir passt, ist die »New Hollywood Flat Diet«. Da isst man nur Sachen, die flach sind. Pfannkuchen, Quesadillas, Toast. Die schafft mal eben »zwei Kilo in drei Tagen«. Plus.
Am Ende lasse ich es dann und muss zugeben, dass es Schlimmeres gibt, als in meinem Alter etwas mehr zu wiegen. Zumindest solange es keine gesundheitlichen Konsequenzen hat. Mein ganz großes Glück verdanke ich ohnehin Dana-internen Fake News, die mein Kopf hartnäckig zu glauben bereit ist: »Sweetie«, flüstert die Dana Trump im meinem Kopf. »Du bist dünn. Warst es über 40 Jahre, bist es auch jetzt noch. Iss ruhig, was du willst.« Mein Körper lügt mich eiskalt an. Er gaukelt meiner Selbstwahrnehmung vor, dass ich immer noch das dünne Model bin, das ich mit Anfang 20 war. Ich, fünf Größen zugelegt? No way! So kommt es, dass ich mich eigentlich die meiste Zeit erstaunlich wohl in meiner Haut fühle, wenn ich erst mal ein Outfit anhabe. Und aufgrund der Tatsache, schon immer den Hang gehabt zu haben, dass es mir am Ende total egal ist, was andere von mir denken und ich im Gegenzug andere auch so zu nehmen versuche wie sie sind. Das ist eine ziemlich ausgeprägte Seite an mir, die ich wohl entwickelt habe, als ich als Teenager in meiner Schule eine Außenseiterin war. Ich war zwar nicht unbeliebt, hatte aber wenig Freunde. Da habe ich mein Ding durchgezogen und gemerkt, dass ich so auch gut durchs Leben komme. Als ich Til kennenlernte und mir erzählt wurde, er sei ein bekannter Schauspieler, hat mich das auch kaum beeindruckt. Warum auch? Ich kannte Deutschland ja nicht besonders gut und konnte seinen Berühmtheitsgrad nicht einordnen. Und so ist es geblieben: Am Ende bin ich immer am glücklichsten mit mir selbst und da ist es mir dann eben egal, wer was denkt, sagt oder schreibt.
Und jetzt mal ganz ehrlich: Warum sollte ich mich meines Körpers schämen? Warum sollte ich nicht den Mut haben, Hotpants anzuziehen (wenn ich mal hübsche finde, die mir passen)? Was passiert denn groß, wenn jemand die paar Dellen sieht, wenn ich Shorts trage? Dann habe ich eben einen kleinen … oder na ja … mittelkleinen Bauch, na und? Ich wollte ja immer fünf Kinder – nun habe ich eben noch ein Food-Baby. Wir sind doch Frauen, die alle unterschiedlich daherkommen, in jeder Größe und in jeder Gewichtsklasse. Wir haben alle unsere Probleme, ob physisch oder ganz gern auch mal psychisch. Dummerweise sind wir alle Opfer einer visuellen Diät, die uns durch unsere Umgebung, die Medien und die Schönheitsindustrie verabreicht wird. Wir finden die Körper am attraktivsten, die wir am häufigsten sehen. Befinden wir uns in einer Gesellschaft, die Wert auf einen dünnen Körper legt, denken wir irgendwann sehnsüchtig: Das möchte ich auch!
Ein Blick durch unsere Social-Media-Feeds kann ausreichen und das Selbstwertgefühl sinkt. Dabei wissen wir doch ganz genau, dass dort jeder nur das zeigt, was er zeigen will. Wir teilen selten unsere schlechten Momente, unsere nicht so guten Bilder, unsere Doppelkinne, Bingo-Arme, unsere Kinder, die einen Wutanfall im Supermarkt haben, oder verschwitzte Körper nach einer Trainingseinheit. Mir tut es leid, wenn ich die Mädels im Alter meiner Töchter sehe – wie sie denselben Schönheitsidealen nachspüren und alle gleich sein wollen. Ich bin davon überzeugt, dass ich meinen Kindern ein gesundes Selbstwertgefühl mitgegeben habe. Ich habe ihnen beigebracht, die Dinge positiv zu sehen. Nicht zu sagen: »Meine Beine sehen aus wie Presswürste.« Sondern sich lieber bewusst zu machen, was man an sich mag. Ich zum Beispiel mag meinen Mund. Er hat einen hübschen Schwung und wenn er etwas sagt, bekomme ich gute Laune. Letztes Jahr hat Emma auf Instagram ein ganz nahes Foto von ihrem Gesicht gepostet und dazu geschrieben: »Ich habe meine Nase gehasst, bis ich gesehen habe, wie meine große Schwester sie zelebriert und jetzt liebe ich sie.« Das konnten, bevor sie all ihre Bilder löschte, immerhin über 426 000 Follower lesen – das und ihr Mut, bei dem ganzen öffentlichen Social-Media-Wahn nicht mehr mitzumachen, macht mich wirklich stolz.
Ich habe mit meinen Kindern auch grundsätzlich nie über Diäten gesprochen oder ihnen gesagt: »Du bist zu dünn« oder »Kind, pass mal auf, du wirst noch zu dick!« Ich weiß, wie sehr die eigene Mutter ihre Kinder mit Kommentaren über die Figur und das Aussehen verletzen kann. Ich habe es sogar gerade gelesen: Negative Kommentare zum Gewicht in jungen Jahren können bei Erwachsenen zu Essstörungen führen. Je mehr ein Elternteil sich über das Gewicht insbesondere seiner Tochter äußert, desto sicherer ist sie mit ihrem Körper als Erwachsene unzufrieden. Das ist doch schrecklich. Mir war und ist es auch heute noch wichtig, dass wir uns alle möglichst gesund ernähren (zwischen all den Sünden gelingt mir das auch) und möglichst häufig gemeinsam als Familie essen. Valentin kocht für sein Leben gern – und das mittlerweile auch richtig gut. Zu meinem Bedauern liebt er es, Comfort Food zuzubereiten, bei ihm gibt es Pancakes und Bacon zum Frühstück und abends häufig mit Käse Überbackenes. Wenn ich ihm sage: »Mach deiner Mama doch mal was Leichtes«, lacht er nur und sagt: »Du siehst doch genau richtig aus!« Luna ist die typische Stressesserin – wenn in ihrem Leben zu viel los ist, greift sie gern zu Schokoriegeln. Lilli hat mit dem Gewicht gar kein Problem, sie ist extrem dünn – ein bisschen so wie ich früher. Und Emma hat eine ganz normale, schöne Figur. Sie achtet extrem auf ihre Ernährung, der Kühlschrank ist voller gesunder Lebensmittel, das finde ich toll von ihr.
Sicher ist aber auch, dass ich meine Kinder ab einem gewissen Alter vor den äußeren Einflüssen kaum mehr bewahren konnte – sie werden viel stärker von den Medien geprägt als wir in ihrem Alter früher. Facebook, Instagram, Tinder, Livestreams von den Modenschauen, das alles gab es ja früher gar nicht. Und darüber bin ich persönlich wahnsinnig froh. Zum Glück gibt es auch tolle Gegenströmungen in den Social-Media-Feeds. Body Positivity zum Beispiel finde ich wichtig. Es wäre für uns alle wunderbar, zu lernen, unseren Körper so zu akzeptieren, wie er ist. Das ist kein Freifahrtschein, sich total gehen zu lassen und alles in sich reinzustopfen, denn auf die Gesundheit zu achten, fällt eindeutig unter Body Respect. Uns Frauen wird aber viel zu oft suggeriert, dass unsere Körper falsch sind und wir uns ihrer schämen sollten. Fett, mittel und selbst dünn – jede weibliche Körperform wird überprüft und zerlegt.
Wir Frauen sind Meisterinnen im Uns-selbst-Niedermachen.
Meine Freundin erzählte mir gerade, dass ihre siebenjährige Nichte ein Selfie von sich und ihr gemacht hatte. Sie zeigte es ihr danach und meine Freundin antwortete ganz reflexartig: »Um Gottes Willen, ich sehe ja schrecklich aus!« Ihre Nichte starrte sie erst an und bearbeitete das Foto dann. Und meine Freundin schämte sich und dachte im Nachhinein: Super, was für eine großartige Lektion hast du dem Mädchen gerade gegeben? Dass es in Ordnung ist, sich selbst als fürchterlich zu bezeichnen. Wenn ich daran denke, wie viele meiner Freundinnen sich im Spiegel betrachten und nur Schlechtes sehen, wird mir übel. Und dann fangen sie an, hier etwas absaugen zu lassen, da ein Pfund wegzuhungern, hier ein bisschen Detox und da etwas Botox und am Ende noch einen Instagram-Filter drüber. Alles, um perfekter auszusehen. Ich möchte sie schütteln und sagen: »Ihr seid schön, so wie ihr seid!«
Und, by the way, was ist bitteschön »schön«? Ist es nicht schön, wenn es uns egal ist, was andere denken, solange wir uns wohlfühlen? Macht es uns nicht schöner, wenn wir authentisch sind? Wenn wir lachen und uns nicht zu ernst nehmen? Ich finde Individualität schön. Darin steckt kein Konkurrenzgedanke, keine Unerreichbarkeit von sogenannten #bodygoals wie der bekloppten Oberschenkellücke, kein Streben nach Selbstoptimierung: »So will ich sein, so muss ich sein – upps, diese To-do-Liste ist 200 Seiten lang.« Und für wen auch? Die Schönheitsindustrie? Männer? Instagram? Den skeptischen Auf-und-ab-Blick anderer Frauen? Kann man da überhaupt gewinnen?
Nein, wir sollten lieber aufhören, andere zu beurteilen. Stattdessen sollten wir laut und stolz sein, uns lieben und pflegen von außen wie von innen. Wer das schafft, strahlt es auch aus. Ich denke, »sexy« ist ein erwachsenes Wort, um eine Person zu beschreiben, die sich kennt und mag, genau so wie sie aussieht, denkt und fühlt. Die nicht versucht, sich zu ändern, um sich anderen anzupassen.
Deswegen habe ich im Großen und Ganzen meinen Frieden damit gemacht, dass ich etwas fülliger bin – dafür weiß ich, wer ich bin. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Einstellung das Positive am Älterwerden ist. Ich werde so viel entspannter. Für mich fingen meine besten Jahre nach der Scheidung an, als es mir langsam wieder besser ging. Das soll sich gar nicht gemein anhören. Aber damals war ich Anfang 40 und irgendwas in mir wurde gelassener. Ich lebe am liebsten im Moment und bin gern spontan. Ich flippe nicht aus, wenn etwas passiert, das ich sowieso nicht ändern kann. Sich selbst anzunehmen in der Veränderung, das ist die Kunst – das Geflüster zu ignorieren und zu erkennen, dass der Weg breiter wird, je mehr man erlebt hat.
Die einzigen beiden Dinge, bei denen man nicht allzu sehr entspannen sollte, sind diese: den Körper pflegen und die Gesundheit aufrechterhalten. Mit 50 stehen die Chancen gut für ein paar weitere Jahrzehnte – da muss man etwas tun, damit der Körper mitmacht. Maniküre, Pediküre und eincremen kann ich ziemlich gut. Mein neues Fahrrad steht bereit. Und Francescas Kuchen habe ich an meine Nachbarinnen weitergereicht. Geteilte Kalorien, halbes Zunehmen, doppeltes Glück.
»Früher war alles besser.« Sagen ja alle jenseits der 50 über ihre Kindheit, ist das irgendjemandem schon mal aufgefallen?
Ich weiß nicht so recht. Ist es so? Ich denke nicht, dass die Welt schlechter wird und auch nicht viel besser, sie weiß sich nur immer wieder zu wandeln und neu zu erfinden. Vielleicht lässt uns auch die Tatsache, dass eine Kindheit ohne größere Schicksalsschläge wohl die sorgenfreiste Zeit unseres Lebens ist, in einen Nostalgie-Loop eintauchen. Ich selbst bin verdammt glücklich darüber, dass es iPhones in meiner Kindheit noch nicht gab – ich wäre selbstverständlich genauso eine Handysüchtige geworden wie die meisten Jugendlichen es sind und sicher nicht halb so viel in der freien Natur gewesen. Meine Mutter hätte allerdings auch einen hysterischen Lachanfall bekommen, wenn ich damals gesagt hätte, so wie es heute meine Kinder tun – und all die Kinder meiner Freunde –, dass ich aber ECHT, WIRKLICH, UNBEDINGT, ÜBERLEBENSDRINGEND das neue iPhone 11 supreme in supernaturalbubbleblue bräuchte.
Wir waren alles andere als wohlhabend. Allein deswegen kann ich nicht uneingeschränkt sagen: Früher war alles besser. Meine Eltern haben den ganzen Tag gearbeitet – und ich war ganz schön einsam. Sie haben mich und meine Schwester natürlich geliebt – trotzdem habe ich mich wie ein Haustier gefühlt, dem man zu essen und zu trinken hinstellt und dann sagt: »Und nun, husch, husch, wieder raus mit dir! Kannst wiederkommen, wenn es dunkel wird.«
Wenn ich dagegen meine Tochter Emma sehe: Nach der Schule kommt sie in dem Wagen nach Hause, den Til ihr zum Geburtstag geschenkt hat, setzt sich an den Tisch, um die Mahlzeit zu essen, die ich ihr zubereitet habe, macht in ihrem Zimmer in Ruhe Hausaufgaben, surft auf ihrem Laptop, schwimmt eine Runde im Pool. Am Nachmittag trifft sie sich mit ihrer Freundin, um bei Sephora die neuesten Kosmetik-Gadgets zu testen und geht abends mit den Hunden am Strand spazieren, der kaum 500 Meter entfernt ist. Dann denke ich: Wow, sie hat es verdammt einfach – verwöhnen wir sie zu sehr? Aber es sind eben andere Zeiten … Und ich kann gar nicht anders, als meine Kinder zu umsorgen. Ich freue mich, wenn es ihnen allen so gut wie nur irgendwie möglich geht.
Meine Kindheit war in Emmas Alter vorbei – als ich 16 war, verkündeten meine Eltern mir: »Dana, du bist jetzt alt genug, deine Krankenversicherung selbst zu bezahlen. Benzin und die Autoversicherung übrigens auch. Ach ja, und wenn du studieren willst: deine Gebühren ebenfalls.« So einfach war das: Deal with it – komm klar damit, Mädchen!
