Im Herzen Thailands - Lisa Travé - E-Book

Im Herzen Thailands E-Book

Lisa Travé

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Beschreibung

Lisa reist für einige Wochen in den Nordosten Thailands, um an einer Dorfschule im Englischunterricht zu helfen. Sie wohnt während dieser Zeit bei einem Lehrerpaar und versucht so gut es geht, sich in das Leben dort zu integrieren. Wie Lisas Bemühungen, sich der thailändischen Kultur anzupassen von den Einheimischen wahrgenommen werden und wie sie die Herzen der Kinder gewinnt, wird aus wechselnder Perspektive erzählt. Dabei kommt auch die Liebe nicht zu kurz, denn die Schuldirektorin versucht mit allen Mitteln, ihren Traummann zu erobern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Reiselust

Vor den Toren Bangkoks

Berlin adé

One night in Bangkok

Der lange Weg nach Larang

Die Dorfschule

Bierprobe

Der erste Abend im Dorf

Morgenstund hat Gold im Mund

Aller Anfang ist schwer

Siri

Morgenappell

Der erste Unterricht

Lehrer Jom

Teamarbeit

Endlich Mittagspause

Vorbereitung auf den Children‘s Day

Der Dorfvorsteher

Tongs kleine Farm

Das Essen ist fertig

Kim

Siri

Feierabend

Tanz am frühen Morgen

Der Messebesuch

Mittagspause

Amy

Rückfahrt

Children‘s day

Ausflug nach Ko Phrep

Ein ungeplanter Aufenthalt

Chi schaut Fernsehen

Endlich Wochenende

Und noch ein Tempel

Beste Freunde

Sonntagmorgen

Frühstück bei Wat

Im Seerestaurant

Unterricht auf andere Art

Flirt in der Mittagspause

Und noch drei Klassen

Kim

Kluge Kinder

Lehrer shoppen in Larang

Neues über Deutschland

Besuch bei der Chefin

Beziehungen

Familienleben

Die Pfadfinder sind los

Deutsche Männer

Pfadfinder- und andere Spiele

Wasserspiele

Lehrertag

Sport muss sein

Das große Los

Partytime

Zwischen den Stühlen

Familienbesuch in den Bergen

Ein Abstecher in die „Schweizer Berge“

Im Steakhouse

Annäherungen

Straßenfest in Patai

Ein kleines Missgeschick

Good bye, Teacher

Der Biertower

Abschied nehmen ist schwer

Besuch im Krankenhaus

Abschiedsessen in Ko Phrep

Frauenpower

Rückkehr nach Berlin

Rache ist süß

Reiselust

Flugzeuge in Lisas Kopf. Zarte Kondensstreifen weben einen Teppich aus Weltenmuster und lassen ihre Gedanken langsam abschweifen. Der Blick in den grauen Himmel über Berlin fördert ihr Fernweh zusätzlich. „Warum arbeitest du nicht weiter? Vergiss nicht, du musst die Präsentation bis übermorgen fertig haben“, melden sich die kleinen grauen Zellen mahnend zu Wort. „Ach was, nicht so wichtig“, hält das Gefühl schmeichelnd dagegen, „da draußen wartet doch schon das nächste Reiseabenteuer auf dich“.

Es braucht nicht viel, um Lisa zu überzeugen. Die Energie kribbelt nur so in ihren Fingern. Rasch schließt sie die Präsentation und beginnt sich durch das Netz zu klicken. Organisierte Gruppenreisen? Auf gar keinen Fall. In dieser Masche verheddert sie sich sicher nicht. Am besten gefällt ihr die Vorstellung, eine Reise mit etwas Nützlichem zu verbinden. Aber was, bitte schön ist nützlich? Und welches Land würde sie reizen?

Thailand vielleicht? Dort ist sie jedenfalls noch nie gewesen. Goldene Tempeldächer, Palmen, Sonnenschein. Ja, Thailand würde ihr sicher gefallen.

Hoffnungsfroh vertieft sich Lisa in die Seiten der Unternehmen, die wohlorganisierte Auslandsaufenthalte mit Freiwilligendiensten in Hilfsprojekten anbieten. Unglaublich, was es da nicht alles gibt. Unterrichten im tibetischen Kloster, Baumpflege in Ecuador, Schildkrötenschützen auf den Galapagosinseln, gesunde Ernährung auf den Fidschi-Inseln. Ziel dieses Projekts ist die Vermittlung von Wissen rund um das Thema Ernährung, Bewegung und Gesundheit. Die Liste wird immer umfangreicher.

Aber je länger Lisa surft, desto mehr breitet sich Ärger in ihr aus. Sie runzelt erbost die Stirn.

Nein, so hat sie sich das nicht vorgestellt. Vier Wochen lang an einer thailändischen Schule im Unterricht helfen, in einem Mehrbettzimmer wohnen und dafür noch 985 Euro zahlen. Die Kosten für den Flug nicht mitgerechnet.

Das kommt ja überhaupt nicht in Frage. Vor lauter Empörung fegt sie beinahe die Kaffeetasse vom Schreibtisch. Vier Wochen Elefantenwaschen in Indien für 640 Euro sind dagegen ja geradezu ein Schnäppchen.

Da wäre es doch einfacher, das Geld gleich zu spenden.

Oder einen Inder für die Elefantenpflege zu bezahlen.

Die Nachfrage nach solch hilfreichen Erlebnisreisen muss ja groß sein, denn sonst könnten die Agenturen nicht diese Preise verlangen.

Entweder als Touristin die Wirtschaft fördern oder Arbeit gegen freies Wohnen. Es braucht einfach eine klare Rollenverteilung. Geben und nehmen. Vorteile für alle Beteiligten.

Die Klingeltöne des Smartphones lenken Lisa vom Bildschirm ab.

„Hi Sophie, schön, dass du anrufst. Alles klar bei dir?“

„Ja, ich wollte nur fragen, ob du nicht Lust hast, gleich mit mir einen Wein trinken zu gehen.“

„Gute Idee. Ich ärgere mich gerade sowieso nur am Computer herum.“

„Sollen wir uns um 19 Uhr im „Secco“ treffen?“

„Gerne, bis gleich dann. Ich freue mich. Ciao.“

Frustriert klappt Lisa ihr Notebook zu und beschließt, das Thailandprojekt erst einmal auf Eis zu legen.

Doch schon wenige Tage später führt ein Treffen mit ihrer Freundin Ploy dazu, dass Lisa sich unerwartet schnell wieder mit ihrer Reise befasst. Ploy ist Thailänderin und hat vor Jahren ein kleines – sehr erfolgreiches – thailändisches Restaurant am Prenzlauer Berg eröffnet.

Hähnchen-Saté mit Erdnusssauce. Ihr Lieblingsgericht.

Köstlich. Lisa läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn sie nur daran denkt. Leider sind es noch drei Stunden, bis zum Treffen. Viel Zeit für ein Gespräch wird Ploy zwar nicht haben, aber für ein schnelles Essen reicht es immer, und so bleiben die beiden Freundinnen wenigstens in Kontakt.

„Stell dir vor, die nehmen noch jede Menge Geld dafür.

Da kann ich das Geld doch besser direkt spenden“, berichtet Lisa über ihre Suche im Internet und ertränkt dabei ein Häufchen Reis in Erdnusssauce. Ploy nickt zustimmend.

„Ich möchte die thailändische Kultur kennenlernen, ohne als typische Touristin im Land herum zu reisen. Und außerdem möchte ich vor Ort eine Unterstützung anbieten, die auch tatsächlich gebraucht wird. Ich möchte keine Scheinbeschäftigung für gelangweilte Europäer.“

Vor lauter Rechtschaffenheit strafft Lisa den Rücken.

„Weißt du was?“ Ploy fischt mit den Essstäbchen geschickt ein Stück Hühnerfleisch aus ihrer Suppe. „Mein Bruder Tong ist Lehrer an einer Grundschule auf dem Land. Der würde sich bestimmt freuen, wenn du ihm beim Englisch-Unterricht helfen könntest. Er fragt mich schon lange, ob ich nicht jemanden kenne, der das macht.

Er möchte, dass die Kinder mal einen europäischen Akzent hören und motiviert werden, Englisch zu lernen.

Seine Frau ist auch Lehrerin dort. Du könntest bei ihnen wohnen. Sie haben Platz genug.“ Ploy strahlt und beginnt, begeistert von ihrer Familie zu erzählen.

Lisa spürt ein leichtes Ziehen in der Magengegend.

Nervös zwirbelt sie eine Strähne ihres blonden Haars.

Unsicher unterbricht sie Ploys Redefluss.

„Moment mal. Ich kenne deinen Bruder doch gar nicht, und Lehrerin bin ich auch nicht. Außerdem spreche ich kein Thai.“ Vielleicht war es doch ein wenig großspurig, so vorschnell über die organisierten Aufenthalte zu urteilen.

Doch Ploy wischt ihre Bedenken einfach vom Tisch.

„Mein Bruder spricht gut Englisch, und er erwartet sicher keinen perfekten Unterricht von dir. Die Kinder sollen einfach nur mal eine Europäerin kennenlernen.“

Weitere Argumente werden ausgetauscht, und schließlich ist Lisa überzeugt. Ihre Zweifel an der Unternehmung schmelzen wie Schnee in der Sonne. Gut gelaunt verabschiedet sie sich von ihrer Freundin. „Tolle Idee. Ich freue mich.“

Einige Monate später ergibt sich überraschend eine Gelegenheit, den Reiseplan in die Tat umzusetzen. Ein Kunde ist ganz plötzlich abgesprungen, und so bucht Lisa ohne zu zögern einen Flug nach Bangkok.

Allerdings keinen Direktflug. Air China ab Frankfurt mit Umstieg in Peking. Das ist billiger.

Je näher der Reisetermin rückt, desto aufgeregter wird sie. Als selbständige Beraterin ist sie Profi, aber sie hat noch nie Kinder unterrichtet.

„Oh je, wie soll das nur funktionieren?“ wendet sie sich an ihre Freundin Barbara, eine Lehrerin aus Leidenschaft.

Die Zweifel in ihrer Stimme sind kaum zu überhören.

„Das schaffe ich bestimmt nicht.“

Barbara versucht, Lisas Bedenken zu zerstreuen. „Sei nicht so selbstkritisch. Du musst die Kinder einfach begeistern und dazu bringen mitzumachen. Ich bin überzeugt, du schaffst das.“

Tja, leichter gesagt als getan.

Bei der anschließenden Suche im Netz findet sie schließlich eine Seite speziell für den Englischunterricht mit Kindern. Viele spannende Spiele werden ganz genau beschrieben. Begeistert beginnt Lisa ihre Vorbereitung.

Sie druckt bunte Karten mit einzelnen Buchstaben, Tieren, Farben und Vielem mehr aus, lässt sie laminieren, kauft einen kleinen, gelben Softball, eine Weltkarte und etliche Tüten mit Süßigkeiten.

Bleibt das Problem der Geschenke für die Großen. Was soll sie bloß einem thailändischen Lehrerpaar mitbringen, das – nach Aussage von Ploy – schon alles hat?

Vor den Toren Bangkoks

Ein melodiöser Ton lässt Nuh zusammenzucken. Mit spitzen Fingern, um die frisch lackierten Nägel nicht zu ruinieren, greift sie vorsichtig nach ihrem Handy. Auf dem Display erscheint das Foto einer breit lächelnden Thailänderin. Ein Anruf aus Deutschland. Ihre Großtante Ploy.

„Oh, ich grüße dich, Tante? Wie geht‘s dir?“

„Prima, und wie läuft es so bei euch? Was macht dein Söhnchen?“

„Pat ist richtig gut in der Schule, er spricht sogar schon Englisch.“

„Gratuliere, er wird später sicher einmal Chef.“

„Ist es sehr kalt bei dir in Deutschland? Ich habe im Fernsehen gesehen, dass es viel Schnee gibt.“

„Hier in Berlin schneit es gerade nicht, aber kalt ist es, brrr. Ach Nuh, liebe Cousine, kannst du mir einen Gefallen tun?“

„Aber klar doch, Tante, jederzeit. Wie kann ich dir helfen?“

„Sonntagabend in zwei Wochen kommt meine Freundin Lisa in Bangkok an. Kannst du sie vom Flughafen abholen und am nächsten Morgen nach Larang bringen?

Tong wird sie dort abholen.“

Nuh räuspert sich: „Gar keine Frage, das mache ich doch gerne für dich. Schick mir bitte noch die genaue Zeit und schreib mir den Namen auf, damit ich sie am Flughafen auch finde.“

„Gute Idee. Da bin ich aber froh, dass es klappt. Ganz lieben Dank, Nuh, und Gruß an alle.“

„Wie war dein Tag, mein Lieber?“, zwitschert die zierliche Nuh, als ihr Mann das Haus betritt. Kla ist kein sonderlich attraktiver Mann. Nicht sehr groß, mit leichtem Bauchansatz. Gesichtszüge, an die man sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr erinnert. Aber er ist fleißig und arbeitet viel und lange im Büro eines großen Bauunternehmens. Nuh muss deshalb nicht arbeiten und Pat kann auf eine Privatschule gehen.

Er verzieht das Gesicht. „Naja, mein Kollege ist krank und wir haben gut zu tun. Und bei euch? Wie läuft‘s in der Schule, Pat?“

Kla tätschelt seinem Sohn liebevoll den Rücken.

„Hmm.“ Das Klicken der Spielkonsole ist trotz des laufenden Fernsehers deutlich zu hören. Klick, klack.

„Gewonnen!“ brüllt Pat. „Super, 103 Punkte.“

„Hör mal, Kla. Tantchen hat mich heute angerufen. Sie schickt demnächst neuen Besuch aus Deutschland.“

„Ok“, Kla seufzt ergeben. „Das heißt also wieder stundenlang im Stau stehen. Einmal Flughafen und zurück.“ Außerdem würden sie ihr eheliches Schlafzimmer für eine Nacht räumen und dem Besuch anbieten müssen.

Warum sollten eigentlich immer sie sich um den deutschen Besuch kümmern, denkt Kla leicht erbost.

Wahrscheinlich, weil sie als einzige so ein schönes ruhiges Haus am Stadtrand besitzen. Er versucht, sich seine Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. Seine hübsche Nuh würde ihn sowieso wieder um den Finger wickeln.

„Nein, heißt es nicht“, versucht Nuh ihren Mann zu beschwichtigen. „Die Ankunft ist am Sonntagabend, also wenig Verkehr. Anderthalb Stunden, mehr werden wir bis zum Flughafen nicht brauchen. Allerdings wünscht sich Tantchen, dass du den Besuch am nächsten Tag nach Larang fährst. Das machst du doch?“ Sie sieht Kla mit ihren Rehaugen an und senkt den Blick.

„Was? Larang? Das sind 300 Kilometer hin und 300 Kilometer zurück. Und das an einem Montag. Ich muss mir dafür freinehmen! Kann Madam nicht den Bus nehmen?“ Klas Laune sinkt immer mehr in den Keller.

Nuh sieht ihn bittend an. Resigniert fährt er fort: „Ok, dieses eine Mal noch. Aber ich tue es nur für dich.“ Er ringt sich ein Lächeln ab.

„Hey, Besuch aus Germany“, ruft Pat aus dem Hintergrund, „dann kann ich ja mein Englisch ausprobieren, und vielleicht bekomme ich ja auch was Schönes mitgebracht.“

Berlin adé

„Meine Cousine Nuh holt dich dann vom Flughafen ab.

Hier hast du ein Schild mit deinem Namen auf Thailändisch. Nuh spricht nämlich kein Englisch, und so kann sie dich besser finden.“ Ploy reicht Lisa ein Stück Papier. „Hier hast du noch die Telefonnummer und die Adresse von meinem Bruder in Pataimani. Falls etwas nicht so klappen sollte. Ach ja, und diese Tüte ist für meinen Papa. Nimmst du sie bitte mit?“

Du meine Güte. Klein, aber superschwer. Mindestens zehn Kilo. Hoffentlich wiegt der Koffer dann nicht zu viel. Lisa runzelt die Stirn.

„Und was kann ich deiner Cousine als kleines Gastgeschenk mitbringen?“ Sie möchte schließlich nicht als geiziger Gast in Erinnerung bleiben.

„Du brauchst nichts mitzubringen. Wirklich nicht.“

In der Tür dreht sich Lisa kurz um. Die Bemerkung platzt einfach so aus ihr heraus und lässt sich nicht zurücknehmen: „Nuh. Was ist das denn für ein Name.

Klingt ja beinahe wie Muh. Thailändische Namen habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.“

Ploy ist nicht gekränkt. Jedenfalls sieht sie nicht so aus.

„Gar nicht komisch. Das ist ihr Spitzname und bedeutet Maus oder Mäuschen. Natürlich haben wir Thailänder auch „richtige“ Namen, aber die sind viel zu lang, und wir benutzen sie so gut wie nie. Schon als Baby bekommt jeder Thai einen einsilbigen Spitznamen. Möglichst aus der Tierwelt, um die bösen Geister in die Irre zu führen.

Muu bedeutet übrigens „Schwein“ und kommt auch ziemlich häufig als Spitzname vor. Findest du Ploy eigentlich auch komisch?“

Lisa spürt wie ihr die Röte ins Gesicht steigt. Sie schüttelt verlegen den Kopf.

Ploy bedeutet Edelstein. Hübsch, nicht wahr? Also dann, gute Reise, und grüß alle schön von mir.“

In der Nacht vor der Abreise schläft Lisa schlecht.

Immer wieder wacht sie auf und kann die Gedanken, die wie aufgeschreckte Vögel in ihrem Kopf herumflattern, einfach nicht einfangen. Was mache ich nur, wenn mich niemand in Bangkok abholt? Vielleicht verpasse ich auch in Peking den Anschlussflug. Bei der kurzen Umsteigezeit wäre das ja auch kein Wunder. Warum habe ich nicht einen Direktflug gebucht? Na, weil du nicht elf Stunden am Stück mit all den typischen Thailand-Touristen zusammensitzen willst, meldet sich der Verstand, jetzt hellwach. Air China mit Umsteigerisiko bietet bestimmt interessantere Sitznachbarn. Habe ich auch alles Wichtige eingepackt?

In zwei Stunden klingelt der Wecker, und noch immer wälzt sich Lisa mit klopfendem Herzen von einer Seite auf die andere.

Unausgeschlafen und dementsprechend schlecht gelaunt schleppt sie ihre Siebensachen nach unten. Der Taxifahrer wartet bereits auf der anderen Straßenseite.

Der laufende Motor hinterlässt kleine Abgaswölkchen in der kalten Luft. Grußlos hievt der Fahrer das Gepäck in den Kofferraum und schaut Lisa fragend an. „Zum Flughafen.“ Kurz angebunden kann ich auch, denkt sie angespannt.

Das Taxameter, dessen Zahlen sich in leise klickenden, Sprüngen weiterbewegen, während der Mercedes gefühlt gerade in der längsten Rotphase von ganz Berlin steht, macht sie ganz nervös. Unruhig rutscht Lisa auf dem grauen Polster herum.

„Wohin geht‘s denn?“, fragt der wohlbeleibte, in eine braune Lederweste gezwängte Taxifahrer in gleichgültigem Ton.

Auch das noch, bloß keine dieser Nullachtfünfzehn-Konversationen wie beim Friseur. „Wohin schon. Urlaub natürlich“, entgegnet sie fast schon unhöflich und nestelt in ihrer Handtasche. Der Fahrer dreht das Radio demonstrativ lauter.

Welche Strecke fährt der denn? Misstrauisch schaut Lisa auf die Straßenschilder. Sie liebt es, Karten zu lesen und fühlt sich jedem Navi – zumindest innerstädtisch – haushoch überlegen.

Ach so. Hier sind wir. Ihr Puls beruhigt sich wieder.

Endlich erreichen sie den Flughafen, und der Taxifahrer wuchtet den schweren Koffer auf den Bürgersteig. Mit quietschenden Reifen fährt er los.

In der gläsernen Schiebetür der Abflughalle erscheint für eine Sekunde Lisas Spiegelbild, bevor es von der Türautomatik in zwei Teile gerissen wird. Graue Softshell-Hose, hummerrote Fleecejacke, bunter Schal und schwarze Turnschuhe. Nicht besonders stylisch, aber praktisch. Der große Reiserucksack und die schwarze Gürteltasche machen jeden Anschein von Eleganz ohnehin gleich zunichte.

Sobald sie das Flughafengebäude betritt, bessert sich ihre Laune schlagartig. Lisa fühlt sich plötzlich unbeschwert und entspannt. Wie aus der Zeit gefallen. Ein Gefühl, das sie zu ihrem Bedauern auf Bahnhöfen nie befällt. Keine Verpflichtung außer der, rechtzeitig zum Boarding am richtigen Gate zu erscheinen. Kein Zwang, mit anderen in Kontakt zu treten. Unabhängig sein. Herrlich.

Die – teils exotisch klingenden - Flugziele auf den elektronischen Anzeigetafeln versprechen unendlich viele Möglichkeiten. Dringende Durchsagen, hektische letzte Aufrufe, hastende Menschen. Lassen Sie Ihr Gebäck nicht unbeaufsichtigt. Gute Idee! Vergnügt und mit Genuss beißt Lisa in das mit Käse belegte Croissant.

Selbst der an Flughäfen üblicherweise völlig überzogene Preis kann sie nicht aus der Ruhe bringen.

Die aufgeladene, flimmernde Atmosphäre umgibt sie wie eine schützende, transparente Blase.

Frei. Lisa fühlt sich einfach nur frei.

One night in Bangkok

Der Umstieg in Peking verläuft reibungslos.

„Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie die Rückenlehnen senkrecht. Wir werden in Kürze in Bangkok landen“, schnarrt die Stimme der Stewardess aus dem Bordlautsprecher. Während das Flugzeug die letzten Meter auf der Landebahn zurücklegt, werden schon die ersten Gurte mit metallisch klingenden Schnappgeräuschen geöffnet. Die hastig wieder eingeschalteten Smartphones produzieren Plingtöne, die von den Mitreisenden wie langersehnte Regentropfen in der Wüste begrüßt werden. Die Nabelschnur zur Welt ist wieder intakt. Lisa fühlt sich nach den Stunden im engen Sitz wie gerädert. Kein Wunder. Immerhin ist sie schon zwanzig Stunden unterwegs und im Flugzeug schlafen klappt bei ihr leider nicht.

Die Schlange am Zollschalter ist erstaunlich kurz, und auch der Koffer läuft zügig vom Gepäckband. Eine hervorragende Organisation hier in Thailand. Da bin ich aus anderen Ländern aber ganz anderes gewohnt, stellt Lisa zufrieden fest. Der Flughafen Suvarnabhumi ist ein riesiges, glitzerndes Shoppingcenter. Aber die Geschäfte interessieren sie nicht. Vielleicht auf der Rückreise. Jetzt ist dafür keine Zeit. Sie wird schließlich erwartet.

Ihre Selbstsicherheit schwindet angesichts der vielen Ausgänge. Oje. Welche Tür nehme ich bloß?

Krampfhaft umklammert sie die dünne Seite mit ihrem Namen. Es ist ein komisches Gefühl, mit einem erhobenem Blatt Papier durch die Menschenmenge zu gehen, den Blick suchend auf die vielen winkenden Thailänder gerichtet, die ihre Gäste abholen wollen.

Da! Noch ein Stück Papier mit bekannten Buchstaben:

„LISA“. Gott sei Dank! Erleichtert strebt Lisa dem Grüppchen entgegen.

Mit einem strahlenden Lächeln, das im nächtlichen Bangkok die Sonne aufgehen lässt, umarmt Nuh sie wie eine lang verschollene Verwandte. Ein zwölfjähriger Junge mit Harry-Potter Brille verneigt sich leicht: „Hello, my name is Pat.“

„Hello Pat, I‘m Lisa“, grüßt sie zurück. Der unscheinbare Mann an Nuhs Seite lässt dagegen jeden Überschwang vermissen. Er schenkt Lisa ein schmales Lächeln, schnappt sich den schweren roten Koffer und verlässt seine Familie und den Gast im Schlepptau zielstrebig die Ankunftshalle.

Die fehlenden Sprachkenntnisse auf Seiten der Erwachsenen werden erfreulicherweise durch den kleinen Pat kompensiert, der mit dem fremden Gast sehr ernsthaft Konversation betreibt und seinen Eltern stolz als Übersetzer zur Seite steht.

Das Parkhaus im Flughafengebäude ist hoffnungslos überfüllt.

„Hey! Nuh und Pat, helft mir mal den Wagen hier wegzurollen. Wir kommen sonst nicht aus unserer Parklücke“, ruft Kla.

Was machen die da bloß? Lisa ist doch etwas irritiert. Die können doch nicht fremde Autos einfach so hin und her schieben. Andererseits ist es natürlich auch eine Unverschämtheit, uns so zuzuparken. Wir sollten dem Parkhauswächter Bescheid sagen.

Nach einigem Hin und Herschieben ist die Lücke endlich groß genug zum Herausfahren. Beim Verlassen des Parkhauses liest Lisa auf einem Schild, dass das Parken auf dem Mittelstreifen genauso erlaubt, ja erwünscht ist, wie das dadurch regelmäßig erforderlich werdende Wegschieben des störenden Fahrzeugs. Ihr deutscher Ordnungssinn gerät wieder ins Lot.

Sie macht es sich neben Nuh auf dem Rücksitz des noch sehr neu wirkenden, klimatisierten Wagens bequem.

Erleichtert lehnt sie sich zurück und beginnt die Fahrt durch das nächtliche Bangkok zu genießen. Kla benutzt die Schnellstraße, die sich auf hohen Betonstelzen durch das Stadtgebiet schlängelt. Es ist erstaunlich wenig los auf der Straße. Das liegt wahrscheinlich an der hohen Mautgebühr, mutmaßt Lisa. Immer wieder halten sie an einer Kontrollstelle, und Kla muss sein Portemonnaie zücken.

Da! Endlich taucht sie auf, die City, das Herz von Bangkok. Hochhäuser ragen wie dicke Buntstifte in den nächtlichen Himmel. Bizarre Lichtkonstruktionen schicken funkelnde Neonblitze in die Nacht.

Laserstrahlen tasten wie Finger über Glas und Stahl. Und Werbung, überall Werbung, die von den riesigen Hauswänden lockt.

Das ist also Bangkok. Ein Magnet. Traum und Ziel so vieler junger Menschen vom Land, die hier auf eine bessere Zukunft hoffen.

„Kommt! Kommt nur und macht hier euer Glück“, klingt es verlockend und setzt sich in den Köpfen fest.

„One night in Bangkok and the world's your oyster. The bars are temples but the pearls ain't free“. Der bekannte Popsong kommt ihr in den Sinn und leise beginnt Lisa zu singen. „Gefällt dir die Stadt?“ unterbricht Pat den Gesang.

„Ja, es ist einfach fantastisch.“

Kla reicht gerade wieder einen Schein durch das Autofenster. „Ganz schön teuer, so ein kleiner Gefallen“, schießt es ihm durch den Kopf. Aber dieser Gedanke verliert sich schnell wieder in den englischen Satzfetzen, die durch den Wagen fliegen.

„Ach ja das hier soll ich dir noch von Ploy geben.“ Fast hätte sie es vergessen. Der Umschlag verschwindet rasch und diskret in Nuhs riesiger Handtasche. „Oh, vielen Dank.“ Nuh strahlt.

Nach knapp zwei Stunden Fahrt biegt der Wagen ab in eine kleine Siedlung und passiert ein Pförtnerhäuschen mit Schranke. Vereinzelte Kokospalmen stehen in winzigen Gärten vor den einstöckigen Häusern. Die zarten Farben der Fassaden lassen sich im Licht der Straßenlampen nicht eindeutig erkennen.

„So, da sind wir.“ Kla öffnet die Heckklappe und hievt den schweren Koffer heraus. Kein Autoverkehr ist zu hören, nur die Geräusche einer tropischen Nacht.

Grillenzirpen und das Rascheln der Kokospalmen.

Peinlich berührt mustert Lisa ihre Socken, die dringend gewaschen werden müssten. Sie stellt ihre schwarzen Turnschuhe zu den anderen Schuhpaaren auf der Veranda und betritt erst dann das Haus.

„Hier, das ist dein Zimmer“, präsentiert Pat stolz das Elternschlafzimmer mit einem riesigen Bett darin.

„Wir schlafen in meinem Zimmer nebenan.“

Gut, dass ich ein Handtuch mitgenommen habe, denkt Lisa erleichtert und sieht sich in dem kleinen rosa gekachelten Badezimmer um. Das gehört in Thailand scheinbar nicht zur Grundausstattung für Übernachtungsgäste. Die heißen Wasserstrahlen wirken belebend, und jetzt freut sie sich auf ein leckeres Häppchen. Sie liebt die thailändische Küche.

Im Wohnzimmer läuft bereits der Fernseher, und Pat sitzt an der Spielkonsole, als Lisa frischgeduscht aus dem Bad kommt.

Die Familie hat offenbar bereits zu Abend gegessen. Nuh lächelt und führt sie zum Esstisch.

Den ganzen Morgen lang hat sie überlegt, was sie dem Gast aus Deutschland denn zum Essen anbieten könnte.

Zeit genug hat sie ja. Sie braucht nicht zu arbeiten, und muss sich nur um Pat und den kleinen Haushalt kümmern. Natürlich sorgt sie auch dafür, dass Kla trotz des anstrengenden Jobs seine gute Laune behält und weiter klaglos genug Geld für ihr komfortables Leben heranschafft.

In einem der zahlreichen ausländischen Filme, die sie leidenschaftlich gerne anschaut, hat die blonde Schauspielerin für ihr Leben gern Spaghetti mit Tomatensoße gegessen. Daran hat sie sich erinnert, während sie das Bett für den Gast frisch bezog. Die Soße gibt es schon fix und fertig im Supermarkt zu kaufen und Nudeln sind schnell gekocht. Einfach ideal.

„Oh, Spaghetti mit Tomatensoße, wie lecker“, Lisa täuscht Begeisterung vor. Schade, nichts Thailändisches.

Na denn. Der Hunger treibt es rein. Unter Nuhs aufmerksamen Blicken beginnt sie langsam zu essen.

Der lange Weg nach Larang

Am nächsten Morgen wacht sie viel zu spät auf. Kla sitzt bereits fertig angezogen vor dem Fernseher und schaut sich missmutig eine Talkshow an. Er wartet schon seit zwei Stunden darauf, dass der Gast endlich aufsteht und sie die weite Fahrt nach Larang endlich hinter sich bringen können.

Nuh lächelt, dirigiert ihren Besuch mit einer einladenden Geste an den Esstisch und reicht ihr fürsorglich eine Schüssel. Lisa zuckt zusammen. Was ist das denn? Der intensive Stallgeruch vertreibt jegliches Hungergefühl.

Glitschige Graupensuppe mit fettem Schweinefleisch zum Frühstück!

Die thailändische Küche ist eine der delikatesten und aufregendsten in der ganzen Welt, hat sie einmal in einem Reiseblog gelesen. Aber so etwas Ekliges hatte sie dabei nicht vor Augen. Am liebsten hätte sie den Teller weit von sich geschoben. Ihre Gastgeberin scheint nicht gerade eine begnadete Köchin zu sein. Ich bin Gast hier und nicht Kundin - Lisa versucht mühsam, sich wieder in eine positive Stimmung zu bringen. Außerdem muss man offen sein für fremde Gebräuche, also ran an die Suppe.

„Mmmh, das schmeckt gut, aber es ist viel zu viel. Ich kann morgens noch nicht so viel essen.“

Da Pat als Übersetzer fehlt, er ist schon längst in der Schule, versucht sie sich mit Mimik und Gesten verständlich zu machen.

Nachdem Lisa tapfer einige Löffel von dem schrecklichen Essen heruntergewürgt hat, scheint ihr der richtige Zeitpunkt gekommen, die kleinen Gastgeschenke zu überreichen. Ein Berlinkalender, eine ganz spezielle, deutsche Seife und einen Schlüsselanhänger mit dem Bild vom Brandenburger Tor.

„Oh! Danke, vielen Dank.“ Nuhs Freude scheint echt zu sein.

Sie ist doch eigentlich richtig lieb und behandelt mich wie eine Freundin, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Lisas gute Laune steigt.

Als sie endlich aufbrechen, trippelt Nuh auf hochhackigen Schuhen zum Auto, um ihnen zum Abschied lächelnd nach zu winken.

Hübsch ist sie ja, muss Lisa neidlos anerkennen. Schmal, kerzengerade Haltung und so glänzendes, langes schwarzes Haar. Das Schönste aber ist ihr Lächeln. Sie winkt zurück, bis das Haus nur noch als kleiner Würfel zu sehen ist.

Als der Wagen aus ihrem Blickfeld verschwunden ist, seufzt Nuh erleichtert auf. Vergnügt summend schließt sie die Tür und beginnt damit, das Haus wieder in Ordnung zu bringen. Gleich wird ihre Freundin auf ein Schwätzchen vorbeikommen. Eine gute Gelegenheit, gleich brühwarm alles über den Besuch erzählen.

Obwohl die Straßen sehr gut ausgebaut sind und Kla zügig unterwegs ist, kommt Lisa die Fahrt endlos vor.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie nicht dieselbe Sprache sprechen und Mimik und Gestik bei zwei nebeneinander Sitzenden im Sog des Straßenverkehrs untergehen.

Fasziniert blickt sie aus dem Fenster. Bangkok haben sie schon lange hinter sich gelassen. Die vierspurige Schnellstraße führt jetzt schnurgerade durch die von Landwirtschaft geprägte Gegend. Kleine grüne Palmenhaine unterbrechen die teilweise schon abgeernteten Felder. Warum sind die Bäume links und rechts der Straße eigentlich fast kahl und bedecken mit ihren braunen, vertrockneten Blättern den Boden? Liegt es am Herbst? Gibt es hier in Thailand überhaupt so etwas wie Jahreszeiten? Oder haben die Autoabgase die Bäume zerstört?

Dass es seit Monaten nicht mehr geregnet hat und deshalb auch der Reis auf den Feldern durch die wesentlich genügsameren Zuckerrohrpflanzen ersetzt worden ist, wird Lisa erst später von Tong erfahren.

Schade, dass es im Auto keine Straßenkarte gibt, an der sie sich orientieren könnte. Schon als Kind gehörte Kartenlesen zu ihren Lieblingsbeschäftigungen während langer Autofahrten. Deshalb hat sie wohl auch als Erwachsene den Ehrgeiz entwickelt, für jede noch so kleine Tour einen Verbesserungsvorschlag parat zu haben. Nicht immer zur Freude ihrer Mitfahrer.

Gerade passieren sie einen großen See – vielleicht ein Stausee? – und verlassen das flache Land. Die Straße steigt leicht an. Am dunstigen Horizont sind Hügelketten zu erkennen.

Kla scheint ebenso wenig entspannt zu sein wie seine Beifahrerin, er schaut starr geradeaus.

Die Strecke zieht sich und Kla trommelt ungeduldig auf das Lenkrad ein. Die Zeit will einfach nicht vergehen, obwohl er das Gaspedal doch schon bis zum Anschlag durchdrückt. Wenn sie wenigstens plaudern könnten.

Aber so? Wieso kann er auch kein Englisch wie sein Söhnchen? Aber wann soll er das auch noch lernen?

Sein Handy klingelt. Es ist Tong.

„Hallo Kla, wie geht‘s? Wo seid ihr gerade?“

„Kurz vor Larang.“

„Wunderbar. Du, ich komme nicht aus der Schule weg.

Die neue Direktorin... Könntest du Lisa bitte noch bis Pataimani bringen? Ist nicht mehr weit.“

„Hmm. Wenn‘s sein muss“, knurrt Kla missmutig.

Es folgt eine kurze Wegbeschreibung.

„Bis gleich.“ Scheinbar ungerührt legt Kla das Handy wieder auf die Konsole. Er versucht, sich seinen Ärger nicht allzu sehr anmerken zu lassen.

Drei Stunden sind sie bereits unterwegs. Jetzt endet die Schnellstraße, und die Landstraße beginnt.

„Nicht mehr weit, Tong hat gut reden. Bei dem Tempo bin ich heute Abend noch nicht da“, murmelt Kla vor sich hin, während er halsbrecherisch versucht, einen buntbemalten Lastwagen mit meterhoch gestapeltem Zuckerrohr zu überholen.

Nach einer weiteren Stunde ist es endlich geschafft und Kla biegt auf den Parkplatz einer Tankstelle, die an einem neu aussehenden, blumenbepflanzten Kreisverkehr liegt.

Hitze schlägt Lisa entgegen, als sie die Tür öffnet und vorsichtig aus dem kühlen Wagen steigt. Kla telefoniert und überquert dabei wild gestikulierend den Parkplatz.

Dann winkt er. Ein knallroter, ziemlich großer Pickup biegt aus dem Kreisel ab zur Tankstelle und hält an.

„Hello! Welcome!“ Mit einem warmherzigen Lächeln kommt Tong auf sie zu. Es ist genau das gleiche Lächeln wie bei Ploy. Unglaublich diese Ähnlichkeit! Tong kommt Lisa gleich vertraut vor. Er ist ein ganzes Stück kleiner als sie, mit ihren für thailändische Verhältnisse stolzen 1,74 cm. Sein ehemals schwarzes Haar schimmert silberweiß in der Sonne. Für einen Mann Ende fünfzig ist das ja wohl nichts Ungewöhnliches.

Die beiden Männer wechseln kurz ein paar Worte. Dann wird der Gast in Tongs Obhut übergeben.

Kla hebt den Koffer auf die Ladefläche des Pickups. Er kann es kaum erwarten, wieder in seinen Wagen zu steigen. Lisas Dankesbekundungen wehrt er mit einem Handwedeln ab. Er lässt die Tür zufallen und verschwindet, kleine Staubwölkchen hinter sich lassend, im Kreisverkehr.

Die Dorfschule

Endlich kann sie sich wieder verständlich machen. Lisa ist erleichtert, als Tong sie mit seinem wunderbar asiatisch gefärbten Englisch fragt, ob alles okay sei.

„Ja, alles prima. Danke.“

Wie soll man einschätzen, was dem anderen im Kopf herum geht, wenn man keine gemeinsame Sprache spricht. Kla hat zwar gelächelt, aber was genau das hier in Thailand bedeutet, ist ihr nicht ganz klar.

Schon sehr bald wird sich herausstellen, dass Tong als Einziger in ihrer Umgebung fließend Englisch spricht und die nächsten drei Wochen voller Begeisterung in seiner Dolmetscherrolle aufgehen wird.

„Wohin fahren wir?“

„Na, zur Schule. Dort essen wir erst einmal etwas. Du hast doch bestimmt Hunger.“

Direkt zur Schule. Oje, da hätte ich mich aber ein bisschen mehr zurechtmachen können. Wenigstens die Haare, fährt es Lisa durch den Kopf.

Der Weg führt durch kleine Dörfer mit auf Stelzen gebauten Holzhäusern. Vereinzelt sind aber auch einstöckige Ziegelbauten mit großen überdachten Terrassen zu sehen. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Ob an den Verkaufsständen am Straßenrand oder vor den Häusern. Niemand sitzt untätig herum.

Und wenn mal nichts zu tun ist, hält man ein angeregtes Schwätzchen mit dem Nachbarn.

Tong überholt zahlreiche knatternde Mopeds. Eine Frau hält ihr kleines Kind vor sich auf dem schmalen Sitz, während das zweite Kind sie von hinten umklammert und versucht, sich vor dem staubigen Fahrtwind zu schützen. Aber mit dem Nachwuchs ist die Transportkapazität des Zweirads noch lange nicht ausgeschöpft. Große Einkaufstaschen und ein Hühnerkäfig baumeln ebenfalls an der Lenkstange. Lisa zuckt zusammen, als das Moped direkt vor ihnen beim Abbiegen leicht in Schieflage gerät. Der Blinker wird natürlich auch nicht benutzt. Tong beobachtet seinen Gast aus dem Augenwinkel und muss über die aufgeregte Deutsche schmunzeln. Wozu sich ärgern.

Irgendwie klappt es doch immer. Und Haltung bewahren ist in Thailand ein Muss.

„Da vorne ist es“, Tong zeigt nach rechts. Eine hellgrün gestrichene Mauer taucht auf. Ein Torbogen mit bunten thailändischen Schriftzeichen. Kinder kommen über den Schulhof gerannt und bleiben neugierig stehen. Tong parkt den Wagen unter einem Wellblechdach neben dem großen Gemeinschaftsgebäude mit der Schulküche.

„Sawat dii kha!“ Eine etwa vierzigjährige, rundliche Frau mit dickem braunem Pferdeschwanz tritt mit breitem Lächeln aus der Küchentür. Die Handflächen zum typischen Gruß, dem Wai, aneinandergelegt.

„Das ist Nam, die gute Seele unserer Schule, und das ist Lisa aus Deutschland“, stellt Tong den Besuch vor.

„Sawat dii kha!“ Lisa versucht ebenfalls eine formvollendete Begrüßung hinzubekommen. Schließlich hat sie sich auf die Reise vorbereitet. Trotzdem bleibt das Gefühl, irgendwie die falsche Höhe erwischt zu haben.

Der Wai drückt die sozialen hierarchischen Abstufungen aus und je höher der gesellschaftliche Rang der zu grüßenden Person ist, desto höher werden auch die Hände zum Gruß erhoben. Was soll‘s, der gute Wille zählt. Und Ausländern sieht man bestimmt so einiges nach.

Innerhalb weniger Minuten hat Nam ein paar Schälchen mit Gemüse, Reis und Hühnchen auf einem Tisch aufgebaut, der vor dem Gebäude im Schatten steht. Dort weht wenigstens ein kühles Lüftchen, bei der Hitze ganz angenehm. Nach und nach schlendern die Lehrer und Lehrerinnen vorbei und werden von Tong vorgestellt.

Unter ihnen seine Frau Trang, die ebenfalls an der Schule arbeitet. Sie betreut die ganz Kleinen.

„Ausgerechnet heute müssen wir bis 17 Uhr hierbleiben.

Es gibt eine große Besprechung mit der Direktorin wegen des Schülerausflugs und des Children‘s Day nächste Woche. Da ist noch viel vorzubereiten. Aber Nam wird sich solange um dich kümmern“, erklärt Tong entschuldigend und verschwindet mit den anderen in einem der hinteren Schulgebäude.

Bierprobe

Mit einem breiten herzlichen Lächeln reicht Nam einen gefüllten Teller über den Tisch. Lisa findet sie auf Anhieb sympathisch. Leider machen sich auch hier die beiderseits, fehlenden Sprachkenntnisse bemerkbar. Sie lächelt zurück, und langsam kommt die Kommunikation mithilfe von Gesten und Zeichensprache in Schwung. Die Luft flimmert, es wird immer heißer. Lisa fächelt sich mit einer Serviette ein kühles Lüftchen zu. Sofort springt Nam von ihrem Stuhl und schleppt aus der Küche einen Ventilator heran, den sie direkt neben dem Tisch aufbaut.

Wunderbar, so lässt es sich aushalten. Lisa lächelt dankbar.

Nams Gedanken scheinen sich derweil zu überschlagen.

„Kannst du dich bitte um unseren Gast kümmern, bis wir mit der Konferenz fertig sind?“, hat Tong sie vorhin gefragt. Sie freut sich, dass Tong ihr das zutraut. Aber sie ist ja auch sonst für alle hier an der Schule da. Nicht nur als Köchin. Sie liebt ihre Arbeit und zusammen mit den Lehrern und der neuen Direktorin sind sie wirklich eine tolle Truppe.

Ein bisschen aufgeregt ist sie schon. Eine ganz schöne Herausforderung, wenn man keine gemeinsame Sprache hat, um sich zu verständigen. Sie überlegt angestrengt, was sie jetzt als nächstes machen soll, damit ihr Gast sich wohl fühlt.

Plötzlich ist er da, der rettende Einfall. Sie wird ihre Cousine anrufen. Pum hat mit ihrem Mann lange Zeit in London gelebt und spricht ein perfektes Englisch.

Nam reicht Lisa ihr Handy, sie hält es zögernd ans Ohr.

„Hallo?“

„Hallo, hier ist Pum, ich bin die Cousine von Nam.

Geht‘s dir gut? Nam möchte wissen, ob du gerne Bier trinkst?“

„Ja, schon. Wieso?“

„Sie holt euch gleich ein paar Bierchen.“

„Um diese Zeit? Es ist doch noch ziemlich früh. Und was wird Tong dazu sagen, wenn ich mir schon am Nachmittag ein Bier genehmige?“

„Kein Problem, wirklich nicht. Tong trinkt auch gerne mal ein Glas. Viel Spaß noch in Thailand. Sawat dii kha.“

Und schon hat sie aufgelegt. Sehr merkwürdig, dieses Gespräch. Nam schaut Lisa fragend und erwartungsvoll an und führt die Hand mit einer imaginären Bierflasche an den Mund. „Okay?“

„Okay.“

Sie klettert schwungvoll auf ihr kleines rotes Moped, an dem vorne am Lenker ein Metallkorb hängt und fährt unter fröhlichem Geknatter vom Schulhof.

Erleichtert lässt Lisa ihre Mundwinkel wieder auf Normalniveau sinken. Sie ist zwar ein meist frohgelaunter Mensch, aber dieses dauernde Lächeln ist dann doch gewöhnungsbedürftig. Sie muss permanent aufmerksam sein, um nicht als mürrische Deutsche dazustehen. Ganz schön anstrengend.

Keine fünf Minuten später biegt das rote Moped wieder um die Ecke. Im Korb klirrt es leise.

Stolz wie ein General, der seine Truppe inspiziert, schaut Nam auf das eindrucksvolle Bierbuffet, das sie inzwischen auf dem Tisch aufgebaut hat. Sie kennt die Vorlieben dieser Farang noch nicht und möchte unbedingt eine gute Gastgeberin sein. Sie wird Lehrer Tong bestimmt nicht enttäuschen.

Eine Halbliterflasche Chang-Bier, sechs kleinere Flaschen Leo-Bier und drei Dosen mit Singha-Bier sind doch wirklich eine beeindruckende Auswahl.

Lisa mustert das Getränkeangebot. Die Mengenverteilung der Biersorten lässt durchaus Rückschlüsse auf Nams Lieblingsbier zu. Trotzdem versucht sie, bei der Bierprobe vorbehaltlos mitzuwirken.

Zisch! Der erste Kronkorken rollt über die Tischplatte.

Chang-Bier. Die Beiden prosten sich zu.

Mmh. Nicht schlecht, aber ziemlich stark. Herrlich. So ein kühles Bier erfrischt doch ungemein. Lisa langt noch einmal zu und fühlt, wie der Alkohol sie langsam entspannt.

Plopp! Es folgt die Flasche Leo-Bier. Angenehm leicht.

Das schmeckt schon viel besser.

Zu guter Letzt öffnet Nam noch eine Dose Singha-Beer.